Kolbermoorer Rätezeit 1918 / 1919

Interview mit Andreas Salomon

Frage: Der Kolbermoorer Volksrat war einer der ersten, die 1918 gegründet wurden und die Errungenschaften wurden dort auch am längsten gegen die Reaktion verteidigt. Woran lag es, dass es gerade im Raum Rosenheim so ein starkes widerständiges Potenzial unter den ArbeiterInnen gab?

In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 wurde durch Kurt Eisner in München die Republik ausgerufen. Diesem Beispiel folgte Kolbermoor bereits wenige Tage später. Am 11.11.1918 wurde der 1. Volksrat unter Vorsitz von Franz Sperber gegründet.

Die Vorgeschichte reicht im Prinzip bis zur Gründung Kolbermoors im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wird sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayrischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Die Arbeitszeit hingegen betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gibt es keinen kommunalen Arzt und das Durchschnittsalter für Spinnereiarbeiter beträgt bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Leonard Tauscher gelang es, im Oktober 1869 99 Mitglieder für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. 1870 wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1990 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr ließ sich der Gastwirt Franz Sperber aus München in Kolbermoor nieder, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte er mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie hatten sich um 20 % verteuert und desto mehr stiegen die Schwarzmarktpreise. Auch an Heizmaterial fehlte es.

Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

Frage: Nach dem Weltkrieg war die Situation der ArbeiterInnenklasse sehr schlecht. Wie ging der Kolbermoorer Arbeiterrat mit diesem Problem um?

Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gegründet. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder.

Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten kann abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzustellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war.

In den folgenden Wochen werden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es geht um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Am 2.1.1919 kam es zur Neuwahl. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten.

In der Sitzung vom 8. Januar wurde der zweiunddreißigjährige Georg Schuhmann zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Als Eisler am 21.2.1919 ermordet wurde, fand fünf Tage später ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie dominant bereits zu diesem Zeitpunkt die Räte waren. Schon einige Tage vorher (22.2.) war im Zuge der Ermordung Eislers der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst worden. Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte zunehmend die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun Bürgermeister von Kolbermoor und wurde zudem zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender.

Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 29.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Dessen Tätigkeit sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Einen Tag später wurde das Kolbermoorer Rätesystem durch Weißgardisten und Regierungstruppen zerstört. Schuhmann und sein Mitstreiter Alois Lahn wurden nach der friedlichen Übergabe der Stadt am 4. Mai von Weißgardisten brutal ermordet.

Frage: Als der Volksrat in Kolbermoor gegründet wurde, existierte parallel dazu die alte bürgerliche Gemeindeverwaltung. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gremien ausgesehen?

Die Beziehungen veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune. Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Dort wurden die Anträge des Volkrates eingebracht. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden.

Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt, der Antrag bezüglich des Kriegsinvaliden aber abgelehnt worden sei, da dieser eine hohe Kaution zu hinterlegen habe. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeindedieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wird erhöht.

Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers auch geschehen war. Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister.

Frage: Der Volksrat hatte ja vor allem das Ziel, die Interessen der ArbeiterInnen zu vertreten. Wie stark war der Kontakt der Vertreter im Rat zur Basis tatsächlich?

Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen.

Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss. Er kam als Soldat aus der Sanierung und zog nach Kolbermoor, weil seine Schwester bereits dort ansässig war. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ob Schuhmann politische Vorkenntnisse hatte, ist unbekannt, aber sehr wahrscheinlich. Er war 32 und dürfte schon vor dem Krieg politische Erfahrungen gesammelt haben. Kaum war er nach Kolbermoor gekommen, wurde er in den zweiten Volksrat gewählt und wurde gleich dessen Vorsitzender. Wahrscheinlich war er in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein. Als er beerdigt wurde, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Seine Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der Anzeiger „Anzeiger für Kolbermoor“: (…)Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo?…Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe in ihrer Studie „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren.

Frage: Nicht zuletzt der Begriff „Freistaat“ und der 8-Stunden-Tag gehen auf die Räterepublik zurück. Warum gibt es heute so wenig Bewusstsein darüber, was vor rund einhundert Jahren in der Region geschah?

Die Ereignisse aus der Zeit von November 1918 bis Mai 1919 wirkten durchaus lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

Die Wahlen in den Jahren danach zeigen insgesamt auf, dass die Linke in Kolbermoor nach wie vor sehr stark war, aber die bürgerlichen Kräfte zunehmend an Einfluss gewannen. Die Gemeindewahlen im Juni 1919 brachten der USP immerhin sieben von 19 Sitzen, aber die Bürgerliche Gemeinschaft erhielt 9 Sitze. Viele Kolbermoorer werden an ihrer Niederlage schwer zu beißen gehabt haben.

Bei der Reichstagswahl 1920 lag die USP mit 927 Stimmen weit vorne, gefolgt von der Bayerischen Volkspartei mit 577 Stimmen und der MSP mit 247. Die Kommunistische Partei kam nur auf 42 Stimmen. Bei der Landtagswahl 1920 sah es nicht anders aus. Wieder führte die USP mit 930 Stimmen. Bei der Landtagswahl tauchte die USP nicht mehr auf. Die Stimmen ihrer Anhänger flossen nun der Kommunistischen Partei zu, die es auf 408 Stimmen brachte. Gewinner waren die BVP, gefolgt von der SPD.

Am 19. Juni 1920 hielt Adolf Hitler in Kolbermoor seine erste Rede. Auch die Kommunistische Partei begann in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen, hatte aber bis 1927 nur etwa 20 Mitglieder, wuchs aber stetig, und auch die Rote-Hilfe-Gruppe wuchs und hatte 1932 schon 81 Mitglieder. Sehr rührig für die KPD war Ewald Thunig, der 1924 wegen Ausbaus der Organisation der KPD in seiner Funktion als illegaler Leiter des Bezirks Südbayern der KPD verhaftet wurde.

In der Zeit des Nationalsozialismus zeigten dich die Kolbermoorer ganz besonders widerständig, wie in der „Chronik des Widerstandes in Kolbermoor 1931 – 1945“ nachzulesen ist, die im Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.1 veröffentlicht wurde Schon aus den Berichten des Bezirksamtes, die monatlich an das Regierungspräsidium nach München geschickt werden mussten geht deutlich hervor, wie viele Kolbermoorer dachten. Mal wurde ein kommunistisches Lied auf offener Straße gesungen, mal wurden Hausdurchsuchungen für erforderlich gehalten. Systemkritische Äußerungen kamen zur Anzeige und immer wieder kam es zu Prozessen und Inhaftierungen. Hermann Adam hatte Spanienflüchtlinge aufgenommen und Alois Gritl von der „Hitlerbande“ gesprochen usw.. Immer wieder kam es auch zur Einlieferung in das KZ Dachau. Edda Kühne liefert in ihrem Bericht über 80 Beispiele, wie die Nazis versuchten die Kommunisten und sonstige kritische Menschen kleinzuhalten.

Zurzeit forsche ich gerade über den Italiener Fortunato Zanobini, der als politischer Häftling nach Dachau eingeliefert wurde und von dort weiter nach Buchenwald kam, wo sich seine Spur verliert.

Nach dem Krieg wurde die KPD in Deutschland verboten (1956) und die Kommunisten und deren Anhänger gnadenlos verfolgt. Während die in Kolbermoor auch weit verbreitete Naziideologie sich in den Köpfen der Menschen weiter halten konnte (wie überall in Deutschland), wurde versucht, den Geist der Fortschrittlichkeit auszulöschen.

Die Geschichtsschreibung ist meist eine aus der Sicht der Sieger und so wurde die Erinnerung an die Räterepublik nicht wach gehalten und in späteren Jahren, vor allem durch Horst Rivier mit seinen „Kolbermoorer Chroniken“ verdreht und drastisch verfälscht. Dass Kolbermoor keine weiterführenden Schulen hat und die Gewerkschaften wenig Aktivitäten zeigten, mag auch eine Ursache sein, dass die Erinnerung an die Zeit der Räte verblasste und schließlich in Vergessenheit geriet.

Erst Ende der 80er Jahre wurden die roten Kolbermoorer Jahre von fortschrittlichen Kräften rund um Klaus Weber wiederentdeckt, und eine erste Gedenktafel wurde errichtet. Die Stadt nahm offiziell davon keine Kenntnis, während ehemalige NSDAP-Mitglieder durch Straßenbenennungen geehrt worden waren.

Seit meinen Forschungen vor 20 Jahren, meinen ständigen Stadtrundgängen auf den Spuren der Räte und schließlich durch mein Buch „Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“ ist das Interesse ständig gewachsen.

Frage: Warum war die Mangfall wichtig für die Baumwollspinnerei?

    Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts entwickelten Augsburger Unternehmer den Plan, die Wasserkraft der Mangfall als „billige Betriebskraft“, also als Energiequelle für die Anlage einer Baumwollspinnerei zu nutzen. In einem technischen Gutachten vom 28.11.1860 wurde festgestellt, dass die Wassermasse ausreichen würde, um 127.518 Spindeln in Bewegung zu setzen. Hinzu kam, dass die Mangfall nur sehr selten Eis führt. Der Augsburger Oberingenieur Theodor Haßler, der schon am Bau verschiedener Spinnereien beteiligt war, sah in Kolbermoor nicht nur wegen der Mangfall einen geeigneten Standort, sondern auch weil verschiedene Industrielle dort bereits genügend Torfgrundstücke besaßen und auch die geographische Lage in Bezug auf Österreich und Süddeutschland als günstig betrachtet wurde. 1857 war bereits die Eisenbahnlinie München-Holzkirchen-Rosenheim gebaut worden, was zur industriellen Erschließung der Region erheblich beitrug.

    Wieso konnten Fabrikbesitzer das Lohnniveau besser drücken als anderswo?

      Dazu gibt Franz Sperber in einem Artikel in der „Münchner Post“ 1892 Auskunft. Er weist auf die große Abhängigkeit des Industriearbeiters vom Arbeitgeber hin. In isolierten Fabrikorten gibt es nur ganz wenige Arbeitgeber, bei denen Arbeit zu finden ist und „darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth. Denn wohin gehen, wenn gekündigt wird?“ Sperber verweist auch noch auf die Ortgebundenheit durch kleine eigene Anwesen und viele Kinder, die einen Fortzug schwierig gestalten Zudem herrsche ein sehr rigides Element: „Wem es nicht recht ist, der kann gehen.“ Und: „Die freie Meinungsäußerung schrumpft auf ein Atom zusammen.“ Hinzu kam noch, dass die arbeitende Frau als Lohndrückerin eingesetzt wurde und in der Baumwollspinnerei arbeiteten sehr viele Frauen. Viele Arbeiter kamen auch aus der noch schlechter bezahlenden Landwirtschaft.

      Ein erster Streik – soweit bekannt ist – fand 1899 beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei statt. Maurer einer Rosenheimer Baufirma verlangten höhere Löhne, konnten sich aber nicht durchsetzen. Zur großen Erbitterung der Kolbermoorer Arbeiterschaft wurden 80 Streikbrecher aus Augsburg eingesetzt.

      Kannst du kurz erklären, wer Leonhard Tauscher war?

        Der Schriftsetzer Leonhard Tauscher gehörte in Augsburg zur Spitze der dortigen Gruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Tauscher und zwei weiteren Schriftsetzern gelang es, dass der Verein sich auf weitere bayerische Städte wie Ansbach, Würzburg, Schweinfurt, Hof, Kaufbeuren und Kolbermoor sowie andere Städte ausdehnt.

        Und hast du noch mehr Infos über Franz Sperber?

          Der aus München stammende Gastwirt Franz Sperber ließ sich 1890 in Kolbermoor nieder. Die ersten sozialdemokratischen Regungen am Ort in den 90er Jahren sind eng mit seiner Person verbunden. Sperber zog nach Kolbermoor, weil die sozialdemokratische Bewegung die Arbeit auf dem Lande voranbringen wollte, deren Notwendigkeit immer wieder auf Parteitagen geäußert worden war. Seine Kontakte zu Münchner Parteikreisen gehen aus seiner Funktion als Delegierter bei Parteitagen der bayerischen Sozialdemokratischen Partei hervor und sind ersichtlich aus Beiträgen, die aus seiner Feder stammen und gelegentlich in der „Münchner Post“ abgedruckt wurden.

          Die Vertrauensleute der Sozialdemokratischen Partei waren in den allermeisten Fällen in Berufen tätig, die Abhängigkeiten von Arbeitgebern weitestmöglich vermieden.

          Sperber wurde 1892 als Delegierter Kolbermoors zum Parteitag in Regensburg entsandt. In einem Zeitungsbeitrag von ihm heißt es: „… wir werden…wissen, was wir zu thun haben: wir fühlen es als unsere Pflicht, zu agitieren um besseres Brodt, um die Befreiung des Proletariats.“

          Nicht nur die Gründung der Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei in Kolbermoor 1898 geht auf Franz Sperber zurück, sondern bereits die des „Arbeiter-Lesevereins“ 1892. Dies war der überhaupt erste sozialdemokratisch orientierte Verein vor Ort. Der Verein hatte bei seiner Gründung 27 Mitglieder und steigerte seine Zahl im selben Jahr noch auf 78. Im Jahr 1900 gründete die Sozialdemokratische Partei dann eine Arbeiterbibliothek. 1909 folgte ein „Jugendlicher Arbeiterbildungs-Verein“. Sozialdemokratisch geprägt waren auch der 1896 gegründete Arbeiter-Radfahrverein, der 1904 gegründete Arbeitergesangsverein „Arion“ und ein 1912 gegründeter Arbeiter-Turnverein.

          Warum war das Aiblinger Bezirksamt für Kolbermoor zuständig?

            Im Jahre 1862 bildeten die Landgerichte Rosenheim, Prien und Aibling das Bezirksamt Rosenheim als Verwaltungsbehörde unter einem Königlichen Bezirksamtmann. Am 1. Januar 1900 wurde für den Raum Bad Aibling ein eigenes Bezirksamt errichtet. Dafür gab das Bezirksamt Rosenheim 22 Gemeinden ab, darunter Kolbermoor. Am 1. Januar 1939 wurde wie überall im Deutschen Reich die Bezeichnung Landkreis eingeführt. Es entstanden die Landkreise Bad Aibling, Rosenheim und Wasserburg. Bei der Gebietsreform 1972 kam ein Großteil des Landkreises Bad Aibling zum Landkreis Rosenheim.

            Du schreibst von einer sozialdemokratischen Versammlung am 11. November 1918. Der Volksrat, der aus dieser Versammlung hervorging, war der erste in Kolbermoor oder gab es davor schon ähnliche Bestrebungen?

              Ähnliche Bestrebungen gab es vorher nicht und konnte es nicht geben. Denn die Kolbermoorer Rätezeit ist nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbettet, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten.

              Am 19.10.1918 meuterten die Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand bereitete sich wie ein Lauffeuer aus. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz zum besitzenden Adel und dem Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnahmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratisch Bayerische Republik proklamiert. Vier Tage später kam es dann in Kolbermoor zur großen Versammlung, auf der der erste Kolbermoorer Volksrat gegründet wurde.

              In welchen Orten waren denn die russischen Kriegsgefangenen, von denen du schreibst, interniert?

                Ganz offensichtlich gab es in Kolbermoor ein Gefangenenlager. Wo dies war, ist nirgends beschrieben. Im Protokollbuch der Räte heißt es bezüglich der 2. Sitzung vom 13. November 1918 unter Punkt 4: „Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist z.Zt die vordringlichste Aufgabe aller damit befaßten öffentlichen Stellen. Deshalb beleuchtet der 1. Vorsitzende die schlimmen Zustände im hiesigen Gefangenenlager: Die Franzosen bekämen aus ihrer Heimat so ausgiebig Lebensmittel gesandt, daß sie auf die Gefangenenkost größtenteils verzichteten, die der Russen sei ungewöhnlich schlecht und doch verschlinge sie gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln, die unserer Bevölkerung entzogen würden; dabei sei die Arbeitsleistung der Gefangenen aus naheliegenden Gründen gleich Null. Er stellte deshalb den Antrag, der Volks und Soldatenrat Aibling möge die geeigneten Schritte tun, daß der Abtransport der Gefangenen, die sehr leicht eine große Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden könnten, möglichst bald erfolge, Der Antrag wird einstimmig angenommen.“

                Der Volksrat kritisierte ja auch, dass Kinofilme zur Verrohung der Jugend beitrugen. Weißt du warum?

                  Der 2. Kolbermoorer Volksrat nahm sich dieses Themas auf seiner 2. Sitzung vom 10. Januar 1919 an. Der Punkt der Tagesordnung heißt: „5. Vorschläge zu besserer Jugenderziehung“. Die zugenommene Verrohung der Jugend wird in direktem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen diskutiert. Dort heißt es, es sei notwendig „…die Lehrerschaft in der Bekämpfung der während des Krieges arg überhand genommenen Verrohung der schulpflichtigen Jugend zu unterstützen.“ Volksrat Bauer forderte, die Besitzer der Lichtspieltheater sollten nur dann eine Erlaubnis zu Aufführungen erhalten, wenn sie „der gesamten schulpflichtigen Jugend den Eintritt verweigern“. Der Antrag wurde angenommen. Man darf davon ausgehen, dass in den Kinos, der Zeit entsprechend, nur Filme gezeigt wurden, die das Kriegsgeschehen thematisierten. Zudem sei ergänzt, dass die Schulpflicht lediglich acht Jahre betrug, die Kinder also mit ca. 14 in den Beruf gingen.

                  Was können wir heute von der Rätebewegung lernen und wie stehen heute die Chancen für einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte?

                    1. Zunächst lernen wir, dass auch in kleineren Städten große Arbeiterbewegungen möglich sind, was früher bestritten wurde. Christa Landgrebe weist darauf hin, dass sich am Beispiel Kolbermoors zeige, dass die Ausprägung einer Arbeiterbewegung in einem ländlichen Gebiet sogar intensiver und radikaler sein könne als in städtischer Umgebung.

                    Und in der Tat können wir ja deutlich sehen, wie sich der Kolbermoor Volksrat immer mehr radikalisierte. Die bürgerlichen Mitglieder wurden im Volksrat von Wahl zu Wahl immer weniger und zum Schluss bestand der „Revolutionäre Arbeiterrat“ nur noch aus Kommunisten. Im Protokollbuch der Räte heißt es für die Sitzung vom 29.4.1919: „In einer Arbeitergemeinde“ sei ein „von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat unmöglich“ und weiter unten: „Schuhmann erklärt, nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

                    2. Diese Entwicklung wurde dadurch begünstigt, dass in Kolbermoor die Bindung an die Sozialdemokratie ganz offenbar nicht so stark war wie in größeren Städten wie z.B. Nürnberg, sodass laut Landgrebe dort die radikaleren Wendungen des Volksrats nicht mit vollzogen wurden. In Kolbermoor sei es der Arbeiterbewegung hingegen gelungen, sich aus der parteipolitischen Gebundenheit zu lösen und eigene neue Formen der Organisation zu schaffen. Wie gefährlich für die bürgerliche Herrschaft die Räterepublik geworden wäre, sieht man daran, mit welcher brutalen Gewalt – wenn auch nicht in Kolbermoor – die Rätebewegung niedergeschlagen wurde. Hätte Schuhmann seine Mitstreiter nicht davon überzeugen können, dass gewaltsamer Widerstand gegenüber einer gewaltigen Übermacht sinnlos gewesen wäre, hätte es sicher auch hier ein Blutbad gegeben. So blieb es bei der Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn und viele Gefängnisstrafen für Kämpfer der Räterepublik sowie Verprügelungen vor dem Kolbermoorer Bahnhof.

                    3 Zu lernen ist auch, dass die Arbeiterbewegung in Kolbermoor während der Rätezeit viele Erfahrungen sammelte und Bewusstseinsinhalte entwickelt, was sich später in ihrer besonderen Widerständigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus zeigte.

                    4. Lernen kann man zudem, dass für grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, und zwar möglichst in dem gesamten Bereich, in dem die Veränderung stattfinden soll. Große Teile der Bevölkerung müssen am eigenen Leib eine erhebliche Unzufriedenheit erleben. Im Fall der Räterepublik war es das Grauen des 1. Weltkrieges mit all seinen Folgen und damit verbunden der Verlust jeglichen Vertrauens in den Kaiser. Das Bewusstsein muss reifen, man dürfe nicht mehr auf andere vertrauen, sondern müsse seine Sache selber in die Hand nehmen. Ob da in Zukunft noch Parteien eine Rolle spielen werden, sei dahingestellt. Es geht sicher auch ohne. Aber gut vorbereitet muss natürlich jeder Umsturz sein und die Organisation muss auch perfekt sein und man sollte auch klare Vorstellungen haben, wie es danach weiter geht.

                    5. Und wichtig ist natürlich der Zusammenhalt. Wenn die linken Kräfte zersplittert sind oder sich zerkriegen, wird man keinen Erfolg haben. Die Spaltung der Sozialdemokratie an der Frage der Billigung der Kriegskredite führte zweifellos zu einer starken Schwächung und die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), zu der Eisler und Schuhmann gehörten, war noch wenig verankert, genauso wie die erst am 1.1.1919 gegründete KPD (Kommunistische Partei Deutschlands).

                    6. Der Kolbermoorer Räterepublik kam sicher zugute, dass Schuhmann sowohl im Bezirk als auch landesweit besten Kontakte hatte. So orientierte man sich bei allen Schritten an München. Zudem dürfte Schuhmann über erhebliche politische Erfahrungen verfügt haben, was wir aber nicht wissen, sondern nur aus seinem Agieren vermuten dürfen. Also ohne gute politische Kenntnisse, ohne intensive Vernetzung und ohne mutige Streiter, die sich nach vorn wagen, wird man wenig ausrichten.

                    7. Das Scheitern der Novemberrevolution hat vielfältige Ursachen, die an anderer Stelle zu erörtern sind. Viel haben sie mit der Angst der Sozialdemokratie zu tun, es könne in Deutschland ein ähnliches System wie in der Sowjetunion (Oktoberrevolution 1917) errichtet werden. Deshalb ging die SPD-Führung unter Friedrich Ebert auch ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung ein und ließ den Spartakusaufstand mit Hilfe der rechten Freicorps niederschlagen. Zu lernen ist also, dass man die gegenwärtige Lage stets aufs Genaueste analysieren muss und die Kräfte des Gegners nicht unterschätzen darf.

                    8. Der zweite Teil der Frage zielt darauf ab, wie heute die Chancen auf einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte stünden. Das ist schwer einzuschätzen. Sicher ist aber, dass das kapitalistische System seit der gescheiterten Novemberrevolution vor 100 Jahren noch nie so sehr in Frage gestellt worden ist wie momentan. Es steht außer Frage, dass weltweit wirtschaftliche und soziale Unruhen ständig zunehmen und jeder weiß, dass uns eine gigantische Klimakatastrophe droht. Noch vermögen die verantwortlichen Politiker der Bevölkerung gegenüber den Eindruck zu vermitteln, mittels entsprechender Reformen sei alles in den Griff zu kriegen. Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln. Wie dann eine gesellschaftliche Veränderung erfolgen wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Linke in Deutschland ist aber sicher gut beraten, wenn sie sich enger zusammenschließt und demokratische Strukturen wie das Rätesystem lebendig hält.


                    Quellen für das Wissen zur Kolbermoorer Rätezeit:

                    Denkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Baumwollspinnerei Kolbermoor, Kolbermoor 1912

                    Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980 (vergriffen)

                    Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn. Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

                    Jahrbücher zur Geschichte Kolbermoors Bd.1 und Bd.2, Geschichtswerkstatt Kolbermoor, 2002 und 2004

                    Weber, Klaus, Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, Kolbermoor 2007

                    Zum 100. Tag der Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn

                    Rede von Andreas Salomon am 4. Mai 2019 im Kolbermoorer Rathaus

                    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, sehr verehrte Damen und Herren des Stadtrates, meine sehr verehrten Damen und Herren,

                    Frühmorgens am 4. Mai 1919

                    der 4. Mai vor 100 Jahren war ein Sonntag und viele Kolbermoorer schliefen morgens um 9 Uhr noch, wie es auch Georg Schuhmann und Alois Lahn taten.

                    Am Tag zuvor hatte Kolbermoor nach langen, kontroversen Diskussionen im Mareissaal sich der großen Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps unter Führung des Oberst Mieg ergeben müssen. Viele werden in der Nacht darauf einen sehr schlechten Schlaf gehabt haben, viele hatten sicherlich Alpträume und nicht wenige werden vor Schmerzen kaum geschlafen haben, so waren sie vor dem Kolbermoor Bahnhof durchgeprügelt worden.

                    Die Belagerung Kolbermoors

                    Was war geschehen?

                    Bereits am 2. Mai war Kolbermoor völlig von Regierungstruppen und Freikorps eingekreist, aber dennoch wurden Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung getroffen. Dazu bildeten sich drei Züge am Rathausplatz: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr.

                    Dann kam der 3. Mai. Die Einwohner der Stadt versammelten sich und berieten über die weitere Vorgehensweise. Es kam zu erregten Auseinandersetzungen. Der Volksrat tagte in Permanenz im Mareissaal und debattierte die Frage einer möglichen Verteidigung.

                    Volksräte in Kolbermoor

                    Seit sechs Monaten gab es in Kolbermoor einen Volksrat, dem es aufgrund seiner volksnahen, demokratischen Politik gelungen war, die Bewohner davon zu überzeugen, dass man mit dieser basisorientierten Vorgehensweise einen Weg für die breite Masse der Bevölkerung gefunden hatte, wie es nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges und dem Niedergang der Monarchie wieder aufwärts gehen konnte. Die Volksratsvorsitzenden Franz Sperber (1. Volksrat) und Georg Schuhmann (2. und 3. Volksrat) hatten mit ihren Mitstreitern die Ärmel hochgekrempelt und einen Neuanfang gewagt und dabei in kurzer Zeit Bemerkenswertes geleistet.

                    Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich im Kolbermoorer Stadtarchiv das Beschlussbuch der Räte entdeckt. Und das ist eine außerordentliche Rarität. Denn in diesem sind minutiös sämtliche Sitzungen der drei aufeinander folgenden Räte handschriftlich protokolliert, womit sichtbar gemacht werden kann, was die Volksräte tatsächlich ganz konkret gemacht haben. Dieses Beschlussbuch, wie es von anderen bayerischen Städten nicht erhalten geblieben ist, stellt geradezu den Schlüssel zur Kolbermoorer Rätezeit dar

                    Für den 11. November 1918, so lesen wir dort, hatte die Ortsgruppe der Kolbermoorer SPD, die 1898, also bereits 20 Jahre zuvor, gegründet worden war, zu einer großen Volksversammlung in den Mareissaal eingeladen, auf der der erste 25-köpfige Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde.

                    Der 1. Weltkrieg als Auslöser der Revolution

                    Was hatte es nun mit den Räten auf sich, aus welcher Situation heraus sind sie entstanden?

                    Die Folgen des verlorenen 1. Weltkrieges waren verheerend, auch für Kolbermoor. 730 Männer waren eingezogen wurden, 153 ließen ihr Leben und rissen schmerzliche Lücken in ihre Familien. Wie überall war die Situation in Kolbermoor stark von den Auswirkungen des Krieges geprägt. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei war ein Reservelazarett eingerichtet worden. Ein Hilfsverein zur Unterstützung der Verwundeten und für Angehörige für im Feld stehende Personen war gegründet worden, und in einem Schulraum gab es eine Volksküche.

                    Während die Soldaten das Grauen eines bis dahin unvorstellbaren Krieges erleben mussten, kam es daheim zu Versor- gungsschwierigkeiten aller Art.

                    Industrie und Landwirtschaft lagen zunehmend darnieder. Die Lebenshaltungskosten stiegen im Krieg dramatisch. Schon im ersten Kriegsjahr erlebten die Kolbermoorer eine Teuerung von 20 Prozent, bei Lebensmitteln sogar um 31 Prozent. 1915 wurde das Brot knapp. Fleisch und Butter gab es bald nur noch auf Karten. Selbst Kartoffeln, die Haupternährungsgrundlage, mussten rationiert werden. Missernten erschwerten die Lage zusätzlich. Der Schwarzmarkt blühte, die Reichen konnten sich noch genügend Nahrungsmittel besorgen, die Armen begannen zu hungern. Aus dem Jahr 1917 ist uns der Hunger- und Protestmarsch einer Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen bekannt, die nach Aibling zum dortigen Bezirksamt gingen, um höhere Zuweisungen für Mehl zu erbitten. Noch heute, nach 100 Jahren haben die Kolbermoorer nicht vergessen, dass die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes zum Fenster herausgerufen habe, wenn die Kolbermoorer kein Mehl hätten, so sollten sie eben Gras fressen.

                    Aber es mangelte nicht nur an Lebensmitteln, auch Heizmaterial wurde knapp und es fehlten Wohnungen. Und zudem gab es auch nicht ausreichend Arbeitsplätze. In der Spinnerei, in der vor dem Krieg 900 Menschen tätig waren, waren es jetzt aufgrund von Rohstoffmangel nur noch 140 und im Tonwerk waren es statt ursprünglich 450 nur noch 13. Kohlemangel hatte dort in den letzten beiden Kriegsjahren zur Stilllegung geführt.

                    Und außerdem machten Lager russischer und französischer Kriegsgefangener die Lage auch nicht einfacher.

                    Zwischen Rosenheim und Kolbermoor entstand zu der Zeit die „Sanierung“, ein Lager aus rund 100 Baracken. Hier wurden jeden Tag tausende von Soldaten entlaust und neu eingekleidet, um von einer Front an die andere verlegt zu werden. Hier trafen sich viele Soldaten, die die mörderischen Schlachten miterlebt hatten und tauschten ihre Erfahrungen aus. Es liegt auf der Hand, dass es hier bald brodelte und überlegt wurde, wie es weiter gehen sollte. Einer dieser Soldaten, der sich in der „Sanierung“ befand, war Georg Schuhmann.

                    Der Beginn der Revolution

                    Dann kam im Oktober 1918 der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven. Noch einmal sollte des Kaisers liebstes Kind, die Kriegsflotte, auslaufen gegen England, obgleich die Soldaten überall im Land wussten, dass der Krieg längst verloren war. Die Matrosen wollten ihr Leben nicht mehr bei einem sinnlosen Einsatz verlieren, entwaffneten ihre Vorgesetzen und hissten die rote Flagge. Als die verhafteten Matrosen nach Kiel gebracht wurden, wie auch ein Großteil der gesamten Flotte, kam es zum Aufstand, der sich wie ein Lauffeuer zunächst in den Hafenstädten und dann im Landesinneren verbreitete. Die Novemberrevolution in Deutschland hatte begonnen.

                    Schon wenige Tage später, am 7. November, kam es in München auf der Theresienwiese zu einer Kundgebung mit ca. 60.000 Teilnehmern. 12 Redner sprachen gleichzeitig. Kurt Eisner zog anschließend mit seinen Anhängern zu den Kasernen, wo die Soldaten begeistert zu ihm überliefen. Die bayerische Monarchie war gestürzt und der Freistaat Bayern wurde ausgerufen. Kurt Eisner wurde zum 1. Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und die neue Demokratie gefeiert. Zahlreiche Neuerungen wurden in den kommenden Tagen verabschiedet wie die Einführung des Frauenwahlrechtes, der 8-Stunden –Tag, die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen und Unzähliges mehr.

                    Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates

                    Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates vier Tage später ist auf diesem Hintergrund zu sehen.

                    Die 25 Mitglieder kamen aus allen Volksschichten und darunter waren auch der Bürgermeister Edmund Bergmann sowie die Kommerzienräte Jordan und Koppisch von Spinnerei und Tonwerk. Zum 1. Vorsitzender wurde noch am gleichen Tag, dem 11. November 1918, der Gastwirt Franz Sperber gewählt. Franz Sperber war bereits 1890 von der SPD aus München nach Kolbermoor geschickt worden, um als Agitator auf die aufkommende Arbeiterbewegung einzuwirken.

                    Außer der SPD-Ortsgruppe hatte die Partei 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gegründet, 1896 einen „Arbeiter-Radfahrverein“, 1904 den „Arbeiter-Gesangsverein Arion“ und 1912 einen „Arbeiter-Turnverein“.

                    Franz Sperbers Wahl zum 1. Vorsitzenden entsprang also seiner großen Bedeutung für die Kolbermoor SPD und für die Arbeiterschaft.

                    Georg Schuhmann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Kolbermoor, aber schon sehr bald darauf. Bereits vier Tage später, am 15. November 1918, zog er aus der „Sanierung“ zu seiner zehn Jahre älteren Schwester Maria in die Kolbermoorer Karlstraße 2. Georg Schuhmann war am 28. März 1886 in Bamberg geboren worden, war also 33 Jahre alt und als Beruf lesen wir auf der Meldekarte Spengler und Installateur. Sein Vater war Brauereibesitzer in Bamberg.

                    Während also Schuhmann die Entwicklung in Kolbermoor zunächst noch gewissermaßen von außen betrachtete, zögerte der Volksrat nicht lange und nahm bereits zwei Tage später seine Arbeit auf.

                    Die Arbeit des 1. Volksrates

                    Den Vertretern der Ortsbehörden (Lokalschulkommission, Bahnverwaltung, Gendarmerie) wurde das Handgelübde abgenommen, „dem Volksrat unter Wahrung ihrer Gesinnung und Überzeugung freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.“

                    Der Volksrat, so Franz Sperber, habe die Aufgabe, „die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Mißstände abzustellen, wo immer er sie finde.“ Der Volksrat war also zunächst in Kolbermoor kein Exekutivorgan, sondern hatte nur beratende Funktion, indem er die Wünsche und die Kritik der Bevölkerung an die Gemeindeverwaltung weitergab.

                    Bevor von den Aktivitäten Schuhmanns die Rede sein wird, muss kurz die Arbeit des 1. Volksrates unter Franz Sperber beleuchtet werden.

                    Liest man jetzt die Protokolle, dann erlebt man mit, welche Aufbruchstimmung durch die Wahl des Volksrates ausgelöst worden war. Dieser konnte sich schon bald vor den zahlreichen Eingaben der Arbeiterschaft kaum retten. Nur einige Aspekte davon seien hier angesprochen: ein einziger Arzt in Kolbermoor reiche nicht aus, die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniere nicht, den Landwirten mangele es an Futtermitteln, bei Conradty sei ein Arbeiter rausgeschmissen worden, der eine Lohnerhöhung gefordert habe, usw.

                    Da immer wieder die Lebensmittelknappheit genannt wurde, gründete man einen Lebensmittelausschuss und richtete ein zehnköpfiges Wachkommando ein. Als bereits zwei Wochen später der Lebensmittelausschuss dem Volksrat erstmals Bericht erstattete, wurde deutlich, dass nicht nur die Qualität vieler Lebensmittel schlecht war, sondern dass diese auch ungerecht verteilt wurden und oft überteuert waren. Man kann sagen, dass dieser Ausschuss zum wichtigsten überhaupt wurde. Bei jeder Sitzung wird über die gerechte und ausreichende Verteilung von Lebensmitteln diskutiert. So sei die Eierverteilung schlecht organisiert, es bildeten sich lange Schlangen und es gäbe zu wenig Obst, die Gemeinde habe versagt, genügend davon einzukaufen.

                    Vom Volksrat gewählte Vertreter für den Gemeindeausschuss meldeten die Mängel weiter und dies mit Erfolg. Auch in anderen Bereichen ging es voran. Notstandsarbeiten wurden angeregt und Sperber engagiert sich für die Beschäftigung aller arbeitslosen Personen. Bei dem Wunsch nach Aufhebung des 8. Schuljahres, damit die Kinder früher mitarbeiten könnten, zeigte sich der Volksrat aber unwillig. Bildung sei sehr wichtig und die Volksschule solle eher weiter ausgebaut werden.

                    Der 2. Kolbermoorer Volksrat

                    Kommen wir jetzt nach dieser gerafften Vorstellung der Arbeit des 1. Volksrates zum 2. Kolbermoorer Volksrat. Am 2. Januar war der 1. Volksrat zurückgetreten, da zu viel Kritik an seiner Arbeit geäußert worden sei. Der VR schlafe, habe seine Beschlüsse nicht öffentlich gemacht, sei unglücklich zusammengesetzt usw. und viel zu groß. Kolbermoor sei eine Arbeiterstadt und das müsse sich auch deutlich in der Zusammensetzung des Volksrates ausdrücken.

                    Am 8. Januar wurde wieder auf einer großen Volksversammlung im Mareis, „die ebenso stark besucht war wie die vom 11. November“, eine neuer Volksrat, der zweite gewählt, in dem nun sechs Arbeiter, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirtschaft saßen sowie sechs Beiräte. Einer der Arbeiter war Georg Schuhmann, der noch am gleichen Tag zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Franz Sperber war nicht mehr zur Wahl angetreten. Es ist davon auszugehen, dass bei der Neuwahl auch parteipolitische Auseinandersetzungen eine Rolle spielten, so sieht es zumindest Christa Landgrebe in ihrer Doktorarbeit, „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ (S.141), denn Franz Sperber gehörte der MSPD an und Georg Schuhmann war Mitglied der USPD. Es fand also in Kolbermoor früher als in anderen Orten Bayerns eine Radikalisierung statt, die woanders erst nach der Ermordung Eisners am 21. Februar einsetzte.

                    Nach den acht Wochen Amtszeit des 1. Volksrates setzte jetzt mit dem jungen Schuhmann eine deutliche Intensivierung der Arbeit ein. Der Volksrat beschloss, die Gemeinde habe das Eintreffen von Lebensmitteln sofort bekannt zu geben, für alle Lebensmittel Kundenlisten einzuführen und die Verteilung besser zu organisieren.

                    Um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegen zu wirken, solle für die schulpflichtige Jugend ein Kinoverbot erlassen werden.

                    Die Verbesserung der Straßen sei dringend erforderlich, ebenso die Inangriffnahme von Uferschutzmaßnahmen an der Mangfall sowie Arbeiten in den Kulturen der Filze. Die Beschlüsse des Volksrates werden jetzt durch Anschlag an Plakatsäulen bekannt gegeben.

                    Auf der nächsten Sitzung wird die Zurücknahme des schlechten Kaffeeersatzes gefordert und die Belieferung mit besserer Ware verlangt. Gegen den Kaufmann Karl Langer wird Anzeige wegen Schleichhandels und Wucher mit Lebensmitteln erstattet und der Antrag gestellt, dem Bäckermeister Steinseiler wegen unerlaubten Wettbewerbs und Nötigung die Erlaubnis zum Verkauf des „Landshuter Brotes“ zu entziehen. Letzterer hatte selbstgebackenes Brot als „Landshuter Brot“ ausgegeben und markenfrei über dem festgesetzten Preis verkauft.

                    Für die Gemeindearbeiter stellt der Volksrat den Antrag, den 8-Stunden-Tag einzuführen und eine Teuerungszulage zu gewähren. Und immer wieder werden die Lebensmittelläden kontrolliert, vor allem, wenn zu hohe Preise gemeldet werden.

                    Und der Volksrat hat Erfolg. Der schlechte und zu teure Kaffeeersatz wird vom Kommunalen Verband zurückgenommen und besserer und billigerer geliefert, genauso wie Mehl, mit dem genießbares Brot herzustellen ist. Und dauert die Behandlung der Anträge im Gemeindeausschuss zu lange, macht der Volksrat mit Erfolg Druck. Ständig greift Schuhmann Kritiken auf, die ihm von den Arbeitern zugetragen werden, rügt dann, dass z.B. der Verkauf von Kleidungsstücken von der Gemeinde nicht rechtzeitig bekannt gegeben worden sei, und gewinnt in Kolbermoor immer mehr an Autorität.

                    Bürostunden im Arbeitszimmer des Bürgermeisters

                    Man bekommt beim Lesen der Protokolle den Eindruck, dass der Volksrat zum wahren Motor der Gemeinde geworden ist und so überrascht es nicht, dass auf der Sitzung vom 6. Februar 1919 der Volksrat beschließt, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann ab jetzt regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abzuhalten habe. Zu Widerstand vonseiten des Bürgermeisters scheint es nicht gekommen zu sein. Ich denke, dieser Vorgang ist außerordentlich bemerkenswert, findet er doch über zwei Wochen vor der Ermordung Kurt Eisners statt, der dann im ganzen Land große Veränderungen auslösen sollte. In Kolbermoor, so kann man sagen, war man immer einen Schritt weiter und erfolgreicher.

                    Auch das geforderte Kinoverbot für Schulkinder wurde vom Gemeindeausschuss beschlossen und öffentlich plakatiert und der Volksrat gebeten, mit dem Schulpersonal entsprechend Verbindung aufzunehmen. Ebenfalls wird dem 8-Stunden-Tag für die Gemeindearbeiter zugestimmt, genauso wie einer Teuerungszulage von 200 DM. Der Lohn des Gemeindedieners Steindl wird erhöht, so wie der der Putzfrau des Gemeindehauses, Frau Reckl. Und für die Eierverteilung wird jetzt eine Kundenliste eingeführt. Auch die rechtzeitige Bekanntgabe des Eintreffens von Kohlen wird zugesichert.

                    Schuhmann arbeitet inzwischen nicht nur auf lokaler Ebene, sondern wird vom Volksrat auch als Vertreter Kolbermoors in den Bezirksrat gewählt und spricht bezüglich seiner Arbeit insgesamt „von starker Inanspruchnahme“.

                    Immer wieder muss der Volksrat bezüglich gerechter Lebensmittelverteilung eingreifen. Die Metzgerei Haag erhält eine Anzeige bei der Ortspolizei wegen Schleichhandel und Wucher, sie habe sieben Pfund Fleisch markenfrei für drei Mark das Pfund verkauft. Außerdem wird einstimmig der Antrag gestellt, die Büsten und Bilder der gestürzten Dynastien seien aus öffentlichen Räumen zu entfernen. Dass Denkmal für den König Ludwig hat man, wie man bis vor kurzem sehen konnte, stehen lassen. Erst ein starker Sturm 100 Jahre später holte den König vom Sockel.

                    Dann erschüttert der Mord an dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 das ganze Land. Der Volksrat beruft seine Mitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung für den kommenden Tag ein und lädt auch dazu den Bürgermeister Bergmann, den Sekretär Loy und den Gendarmeriewachtmeister Ellmann ein.

                    Der Rücktritt des Bürgermeisters Bergmann

                    Die Ermordung Eisners führt in vielen bayerischen Orten zu einer Verschärfung der revolutionären Situation. Bürgermeister wurden zum Rücktritt aufgefordert und auch Edmund Bergmann folgte dem Beispiel seines Rosenheimer Amtskollegen Wüst und gab sein Amt auf, nachdem ihm vorgeworfen worden war, dass eine „starke Missstimmung“ gegen ihn aufgekommen sei. Der Gemeindessekretär Loy trat ebenfalls zurück. Dem Gendarmeriewachtmeister Ellmann wurde mitgeteilt, er habe sich jetzt in Zukunft in allen Angelegenheiten an den Volksrat zu wenden.

                    Der Volksrat war damit zum entscheidenden Gremium in Kolbermoor geworden und Schuhmann als 1. Vorsitzender quasi Kolbermoors. 5. Bürgermeister. Alle Gemeindegeschäfte hatte jetzt der Volksrat durchzuführen, was ihm natürlich größtmöglichen Einfluss sicherte.

                    Wenige Tage später, am 26. Februar, wurde Kurt Eisner in München beerdigt und auch in Kolbermoor fand eine Trauerfeier statt. „Eine große Volksmenge, voraus Soldaten mit Gewehr, bildeten einen Trauerzug; die Kirchenglocken läuteten, die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Vor dem Rathaus hielten die Volksratsmitglieder Bayer und Schuhmann Trauerreden auf Eisner, die mit einem Hoch auf die Republik und Räteregierung endeten“ (Landgrebe, S.143), wie man dem Kolbermoorer Anzeiger vom 28.2.1919 entnehmen kann.

                    Der Kolbermoorer Volksrat setzte seine Tätigkeit mit unverminderter Intensität fort. Schuhmann wurde als Delegierter zur Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte am 15.3.1919 und als Delegierter zur Tagung des Bezirksbauern- und –arbeiterrates Aibling am 26.3.1919 bestimmt und wurde bei dieser Sitzung sogar zum Bezirksvorsitzenden gewählt.

                    Wer war Georg Schuhmann eigentlich?

                    Vielleicht fragen Sie sich spätestens jetzt, wie konnte dieser Georg Schuhmann innerhalb weniger Monate diese große Bedeutung erlangen?

                    Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Es darf als ausgeschlossen gelten, dass Schuhmann ein politisch unerfahrener Soldat war, der jetzt zum ersten Mal mit dieser Materie konfrontiert wurde. Er war zwar noch jung, aber immerhin 33. Er wird also nicht nur bestens informiert gewesen sein, sondern schon vor dem 1. Weltkrieg sich mit politischen Fragestellungen beschäftigt haben. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass er gewerkschaftliche Erfahrungen hatte und ein gewisses theoretisches Grundwissen.

                    Die vierjährigen Kriegserfahrungen mit all dem damit verbundenen Grauen werden in ihm den Gedanken zur Reife gebracht haben, dass die Monarchie keine Zukunft mehr hat. Bei Diskussionen in der Rosenheimer „Sanierung“, wenn nicht schon während des Krieges, wird er auf Gleichgesinnte gestoßen sein und der Beginn der Revolution und die Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates werden ihn veranlasst haben, seine bisherigen Erfahrungen in die Gestaltung eines neuen demokratischen Kolbermoors mit einzubringen.

                    Ich vermute, dass er im 1. Kolbermoorer Volksrat noch nicht saß, lag nur daran, dass er seinen Wohnsitz zur Zeit der Gründung noch nicht in Kolbermoor hatte. Dass er bei der Wahl des 2. Kolbermoorer Volksrates gleich zu dessen Vorsitzenden gewählt wurde, lässt sich nur damit erklären, dass er mit großer Sicherheit die Arbeit des 1. Volksrates mehr oder weniger von Anfang an aktiv und sehr produktiv öffentlich unterstützt hat und sich dadurch bereits einen Namen machen konnte.

                    Sollten alle diese Annahmen stimmen, muss aber dennoch hinzugefügt werden, dass sie nicht ausreichend wären für die Erfolge Schuhmanns und des Volksrates. Georg Schuhmann muss zudem ein ganz außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, der über zahlreiche Begabungen verfügte, die sich nicht antrainieren lassen. Er besaß eine große Redegabe, viel Mut, in dieser ungewissen Situation in die Öffentlichkeit zu treten, hatte ein Gespür für die notwendigen Arbeiten in dieser Zeit und verfügte über eine große Ausstrahlung. Wie sehr Schuhmann in der Bevölkerung verankert war, lässt sich aus einer Feststellung des Kolbermoorer Chronisten Otto Kalhammer erkennen, der schrieb: „Die Arbeiterschaft verhimmelte ihn.“

                    Die wesentlichen Kleinigkeiten der Arbeit des Volksrates

                    Kehren wir wieder zurück zu seiner Arbeit als Volksratsvorsitzender und jetzt quasi als Bürgermeister. Es sind die unzähligen Kleinigkeiten, die die Volksräte beschäftigen, und die doch für die Einzelnen so wichtig sind.

                    Die Putzkräfte im Schulhaus bekommen eine Lohnerhöhung. Die Pension des Gemeindedieners wird erhöht. Der Fabrikschreiner Ziegloser aus Böhmen wird in die Gemeinde offiziell aufgenommen. Kriegsinvaliden sollen sich bei der Gemeinde melden, um ihre materielle Lage prüfen zu lassen. Die 80-jährige Maria Saffert war von Ausweisung nach Böhmen bedroht. Sie wird darf bleiben, und eingebürgert wird auch der italienische Staatsangehörige Biemonte. Eine Pferdemetzgerei für Joseph Stangl wird genehmigt. Der Unterhaltungsverein „Eintracht“ darf einen Tanzkurs durchführen und der „Dramatische Klub Immergrün “ 20 Plattlerproben.

                    Jetzt gibt es für alle Lebensmittel Kundenlisten und, um die Gemeindewege in Ordnung zu bringen, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Auch der Schutz von Lehrlingen vor Ausbeutung gehört zu den Arbeitsfeldern, wozu extra drei Volksräte beauftragt werden

                    Besonders wichtig ist, dass der Volksrat Kolbermoor an das Forstamt Rosenheim herantritt, um dafür zu sorgen, dass die Staatsfilze nicht mehr zur Verpachtung an Personen gegeben wird, die diese nur „ausbeuten“, sondern „in kleinen Parzellen an die arbeitende Bevölkerung“ verpachtet wird.

                    Die 36 Kolbermoorer Kriegsinvaliden bekommen zunächst erst einmal jeder 100 DM, und der Lohn der Gemeindearbeiter wird erhöht. Leerstehende Wohnungen werden jetzt beschlagnahmt, um sie an Wohnungssuchenden zu vermitteln. Inzwischen ist auch die Schuld für die schlechte Qualität des Mehles und Brotes gefunden worden. Der Bezirksamtmann Popp hat gestanden, Getreide „ungeputzt“ zur Vermahlung gegeben zu haben.

                    Die Bevölkerung freut sich, dass Karl Huster über Pfingsten ein Karussell und eine Schießbude aufstellen darf und ein Herr Bickl für mehrere Wochen ein Marionettentheater.

                    Hatte bislang eine Schreibmaschine in der Gemeinde ausgereicht, wird nun aufgrund der vielen Arbeit eine zweite angeschafft.

                    Und um Kurt Eisner zu ehren, soll entweder eine größere Straße nach ihm benannt werden oder ein Platz.

                    Der Revolutionäre Arbeiterrrat (3. Volksrat)

                    Inzwischen hat das Rad der Geschichte in Bayern sich weiter gedreht. In München wurde am 7. April die 1. Räterepublik ausgerufen, deren Zentralratsvorsitzender Ernst Toller wurde. Bereits nach einer Woche kam es in München und auch in Rosenheim zum sogenannten Palmsonntagputsch, bei dem die Konterrevolutionäre die Räterepublik stürzen wollten. Dieser Putschversuch wurde aber erfolgreich niedergeschlagen, wobei in Rosenheim 80 bewaffnete Kolbermoorer Arbeiter halfen. In München kam es jetzt zur Gründung der 2. Räterepublik, der kommunistischen.

                    Diese ganze Entwicklung ist maßgebend für das, was am 29.4.1919 in Kolbermoor geschah. An diesem Tag trat der gesamte Kolbermoorer Volksrat zurück mit der Bemerkung, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. So wurde für den darauffolgenden Tag, den 30. 4., erneut eine Volksversammlung in den großen Mareissaal einberufen.

                    Schuhmann gab einen Rechenschaftsbericht über die bisherige Arbeit ab und erklärte, „die derzeitige Zusammensetzung des Volksrates mache seinen Vorsitz unmöglich. Ferner halte ihn die zeitraubende Kleinarbeit von großzügigerem Arbeiten ab“(Beschlussbuch, S.146). Außerdem erklärte Schuhmann, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

                    Im neu gewählten Volksrat, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte, saßen fünf Volksräte, die bereits im 2. Volksrat dabei waren, nämlich Georg Schuhmann, Franz Wagner, Anton Bayer, Bernhard Auanger, Xaver Kastl und Emil Winkelblech. Neu hinzu kamen Rudolf Link und Emil(?) Schollenbruch sowie die Beiräte Seib und Stempfel. Von den neu gewählten Mitgliedern saßen bereits im 1. Volksrat Franz Wagner, Bernhard Auanger und Xaver Kastl. Erster Vorsitzender wurde wieder Georg Schuhmann.

                    Alle waren offensichtlich der erst zu Jahresbeginn gegründeten Kommunistischen Partei beigetreten. Aber ihr Wirken sollte nur von extrem geringer Dauer sein. Im Beschlussbuch ist nur noch eine einzige Sitzung vom gleichen Tag protokolliert, in der die Aufgaben verteilt wurden. Über die weiteren Ereignisse, also das Ende der Rätezeit in Kolbermoor, gibt es vom neu gewählten Schriftführer Rudolf Link keine weiteren Eintragungen in das Beschlussbuch.

                    Kolbermoor vor der Übergabe – erregte Diskussionen

                    Wir müssen jetzt zum Anfang des Referates zurückkehren, als berichtet wurde, dass Kolbermoor bereits am 2. Mai 1919 von Regierungstruppen eingeschlossen war, der Volksrat in Permanenz im Mareissaal tagte und es zu erhitzten Diskussionen kam, wie weiter vorzugehen sei. Man wusste natürlich, dass es in München bereits zu heftigen Kämpfen der Revolutionäre mit den Einheiten der Reichswehr, den Freikorps und den Einwohnerwehren gekommen war und bereitete sich ebenfalls auf eine Verteidigung der demokratischen Errungenschaften der letzten sechs Monate vor.

                    Wie es in Kolbermoor im Mareissaal zuging, erfahren wir aus einem Schulheft in DIN-A5-Größe, in dem der junge Lehrer und Volksrat Rudolf Link, Schriftführer des „Revolutionären Arbeiterrates“, die Vorgänge versuchte festzuhalten. Dieses Schulheft wurde nach der Verhaftung von Link bei einer Hausdurchsuchung gefunden und befindet sich in Links Akte im Münchner Staatsarchiv.

                    Seinen Notizen merkt man die hohe Anspannung während der Sitzungen an. Die Schrift ist ausgesprochen flüchtig, vieles ist kaum einander zuzuordnen und bleibt nebulös. Vieles ist aber auch sehr erhellend.

                    Für den 1. Mai 1919 notiert der Schriftführer: „Dauersitzung der rev. Arbeiter- und Betriebsräte“. Der Gastwirt Wagner spricht von einer großen „Blamage Rosenheims“. Denn die Nachbarstadt will sich der Übermacht ergeben. Link hält fest: „Auf uns selbst angewiesen“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine heftige Debatte. Was tun? Was machen wir, wenn Rosenheim aufgibt? Ist dann unsere Sache auch besiegelt? Der Ruf nach Waffen wird laut und der nach der Anlage von Schützengräben. Ein Telegramm wird hereingereicht: „die Entwicklung in Rosenheim und Umgebung abwarten“.

                    Es wird um Einigkeit in den eigenen Reihen gerungen. Die Verantwortung für alles Handeln soll allein bei den Führern und Räten bleiben. Links Schrift wird immer zittriger. Randbemerkungen, Streichungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, wildes Gekritzel – die Nervosität nimmt immer mehr zu.

                    Und immer wieder wird auf Rosenheim Bezug genommen oder auf München: Stimmt es, dass die Weiße Garde in München und Mühldorf zerschlagen wurde?

                    Dann kommt wieder ein Telegramm, diesmal vom Freikorps Wasserburg. Darin heißt es: „Sofortige Übergabe von Kolbermoor. Übergabe Waffen. Übergabe der Führer. Oberst Schneider“

                    Spätestens jetzt weiß jeder, wie ernst die Lage ist. Die Ereignisse überschlagen sich.

                    Zum ersten Mal taucht die Forderung auf, dass kein nutzloses Blut vergossen werden darf. Schuhmann unterstreicht dies, fügt aber hinzu, dass die Forderungen des Volksrates gesichert sein müssten.

                    Und es wird weiter diskutiert. Die Räte wissen, dass die Bevölkerung Kolbermoors hinter ihnen steht. „Vertraut den Kolbermoorer Führern!“, ruft der Beirat Stempfel, und Anton Winkelblech nimmt diese Bekundung zum Anlass, um den Maifeiertag mit einem Bekenntnis zum Kommunismus in Erinnerung zu bringen.

                    Immer wieder ist vom bevorstehenden Kampf die Rede, der aber nur Sinn mache, wenn man auch gewinnen könne, gibt der 2. Vorsitzende des Arbeiterrates Wagner zu bedenken. Längst diskutieren nicht nur die Räte, das Forum ist erweitert. Berichte aus Rosenheim treffen ein. Die Stadt sei im Begriff zu übergeben. Wer damit nicht einverstanden sei, setze sich jetzt nach Kolbermoor ab, so auch der dortige Soldatenratsvorsitzende Kopp. Noch gibt Schuhmann sich kampfesmutig. Link notiert einzelne Äußerungen: „Mit Waffen!“, „Standhalten!“ „Sonst gefährden wir München“. „Die anderen lassen Proletarier-Blut fließen. Wir kämpfen für die Proletarier.“

                    Die Debatte zieht sich hin und langsam scheint eine Wende einzutreten, denn die Erkenntnis, dass man vor einer unlösbaren Aufgabe steht, beginnt sich immer mehr durchzusetzen.

                    Ist dies jetzt der Moment, als Schuhmann die einzige von ihm überlieferte Rede hält?

                    Schuhmanns Rede

                    „Revolutionäre Arbeiter!

                    Sämtliche Arbeiter, die anläßlich der Bewaffnung der Arbeiterschaft eine Waffe erhalten haben, müssen sich unbedingt der Arbeiterwehr Kolbermoor zur Verfügung stellen, im anderen Falle sind die Waffen abzuliefern.

                    Es muß ohne Weiteres jedem klar sein, daß es sich heute um mehr handelt als früher, heute geht es um das Dasein, und da muß jeder die kleinen Entbehrungen, die der große Kampf mit sich bringt, willig auf sich nehmen.

                    Die heutige Versammlung stellt sich nach reiflicher Überlegung auf den Standpunkt, daß das Verlangen nach bedingungsloser Übergabe nicht gerechtfertigt erscheint, ebenso die Auslieferung der Führer, die, da dieselben von den Arbeitern selbst gewählt sind, das volle Vertrauen derselben besitzen.“

                    Und er fügt gegen Ende seiner Ansprache hinzu:

                    „Wir wollen keinerlei Gewalt irgend welcher Art nach außen anwenden, verlangen aber dafür auch das Recht für uns in Anspruch zu nehmen, unsere politische Freiheit aufrechterhalten zu können. Wir erklären uns zur Abgabe von Waffen bereit, müssen aber darauf bestehen, daß erst die aufgehetzten bäuerlichen Freikorps entfernt werden“.

                    Aber noch gehen die Ansichten hin und her. Kopp berichtet von der Übergabe Rosenheims. Die Waffen hätten abgegeben werden müssen, die Rote Garde sei aufgelöst worden. Über die genaue Lage in München herrscht Unklarheit.

                    Dann werden die Aufzeichnungen unverständlich und brechen schließlich ab. Man kann noch entziffern: „sämtliche Waffen mit Munition!“ Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.

                    Die Stadt wird kampflos übergeben

                    Schließlich ringt man sich schweren Herzens zur Übergabe der Stadt durch. Es wird überliefert, dass es vor allem Georg Schuhmann gewesen sei, der die Arbeiter überzeugt habe, dass die bevorstehende Schlacht nur verloren werden könne. So gelingt es der Autorität Georg Schuhmanns und seinem großen Einfluss auf die Bewohner des Ortes, ein großes Blutvergießen zu vermeiden.

                    Im Übergabe-Verhandlungs-Protokoll vom 3. Mai heißt es:

                    „ 1. Kolbermoor ergibt sich bedingungslos an die Regierungstruppen u. Freikorps unter der Führung des Oberst Mieg. Die Feindseligkeiten werden ab 4 Uhr nachmittags eingestellt.

                    2. Sämtliche Waffen und Munition sind bis 6 Uhr nachmittags an den Ostausgang von Kolbermoor, Straße nach Rosenheim zu sammeln, wo sie von Rittmeister Hutschenreuther oder dessen Beauftragtem in Empfang genommen werden. (…)“

                    Am Kolbermoorer Bahnhof wurde ein Standgericht errichtet. Vor dem Bahnhof kam es zu wilden Prügelszenen durch die Besatzer, und die stärker belasteten 30 Rotgardisten wurden nach Straubing abtransportiert.

                    In Zusammenhang mit den Übergabeverhandlungen war vereinbart worden, dass Schuhmann sich den Regierungstruppen stellen, in Haft genommen und nach München gebracht werden sollte. Aber dazu, wie bekannt, kam es nicht mehr.

                    Überfall und Ermordung

                    Am 4. Mai 1919, dem Sonntag heute vor 100 Jahren, stürmten morgens um 8 Uhr Grafinger Weißgardisten die Wohnungen von Georg Schuhmann in der Alpenstraße 3 und Alois Lahn in der Ludwigstraße 9, zerrten diese aus ihren Betten und prügelten wild auf sie ein. Dann schleifte man sie unter weiteren Prügeln zur Tonwerksunterführung.

                    Wie es dabei im Wohnhaus von Alois Lahn genau zuging, schilderte dessen Vater im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 17.9.1919. Der 18-jährige Alois Lahn war der Sekretär Schuhmanns. Er war zudem Mitglied der Roten Garde.

                    Der Spinnereimeister Lahn berichtet:

                    „Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von 2 gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten). Ein Teil es Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen 2 Anzüge und 1 Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeseifer sogar noch das 4jähr. Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift, 80-100 Meter, am Bahnhofübergang ohne Urteil erschossen Das ist der Tatbestand (…)“

                    An der Tonwerksunterführung hatten sich inzwischen zahlreiche Soldaten versammelt. Man forderte die Erschießung der beiden. Es kam zur Abstimmung und nur ganz wenige waren dagegen. So wurden die beiden von zwei Angehörigen des Grafinger Freikorps ermordet.

                    Entsetzen breitete sich in Kolbermoor aus, und Wut und Hass entstanden. Selbst die Verhandlungsführer der Gegenseite waren tief betroffen von diesem schreienden Unrecht.

                    Später wurden sie übrigens angeklagt, und man glaubt es nicht, freigesprochen. „Es habe den Tätern das Bewußtsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt oder könne ihnen zumindest nicht nachgewiesen werden.“ (Landgrebe, S. 160) So sieht Siegerjustiz aus!

                    Die Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn.

                    Im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 7. Mai ist zu lesen: „Unter zahlreicher Beteiligung wurden heute früh die Leichen der gemordeten Genossen Schuhmann und Lahn der Erde übergeben. Drei Geistliche zeremonierten dabei und Pfarrer Geoffry sprach erhebende Worte am Grabe. (…) Es legten dann mit kurzen Ansprachen Kränze nieder Herr Lehrer Link namens der Genossen und Genossinnen, Herr Kellermann namens der Arbeiterschaft des Thonwerks und Herr Pesold namens der Arbeiterschaft der Spinnerei. Die Musik spielte und gab man Ehrensalven ab (…).“ Otto Kögl berichtet: „Ganz Kolbermoor beteiligte sich an der Beerdigung Schuhmanns und Lahns. Während der Beerdigung stand in der Nähe des Friedhofs eine Kompanie Regierungssoldaten Gewehr bei Fuß“, um aus der Beerdigung keine Massendemonstration werden zu lassen (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe, 1969, S. 128). Nicht einmal ein Trauerzug durch die Ortschaft dürfte gebildet werden. Wie erregt die Menge war, geht auch aus einem Eintrag im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor hervor, wo es heißt: „Hr. Dr. Solleder ersucht um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern“ (Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, S. 144).

                    Der Lehrer und Schriftführer im „Revolutionären Arbeiterrat“ Rudolf Link veröffentlicht einen Nachruf in der Zeitung. Ein Wort des Freiheitsdichters Freiligrath aus dem Revolutionsjahr 1948 stellt er seinen Ausführungen voran, womit er die Politik der Räte in der Tradition der Freiheitskämpfer von 48 sieht. Bei den ausgewählten Versen handelt es sich um Zeilen aus der letzten Strophe des Gedichtes „Die Todten an die Lebenden“ Link lässt also quasi die Ermordeten selber sprechen. Mit leidenschaftlichen Worten heißt es dort:

                    O, steht gerüstet! Seid bereit!

                    O, schaffet, daß die Erde,

                    darin wir liegen, strack und starr

                    Ganz eine freie werde!“

                    Dann folgen Links Ausführungen:

                    „Uns ist, als ob diese Worte des Freiheitsdichters heute an unser Ohr klängen. Wir mußten unseren Schuhmann begraben. Ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß! Alles für andere, für sich nichts! Wer rieb sich auf in der Arbeit für das schaffende Volk? Wir haben einen Genossen verloren, der gewählt war, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Wer kann ihm ein Verbrechen nachweisen? Der Minister des Inneren Segritz hat seiner Zeit die Handlungsweise unseres toten Kameraden gebilligt und trat auch für seine Weiterarbeit in unserer Gemeinde ein. Seiner Verantwortung war sich Schuhmann stets bewußt. Das beweist sein Verhalten in letzter Stunde. Furchtlos stellte er sich der tödlichen Kugel. Sein Andenken ist uns heilig!“ (Anzeiger für Kolbermoor“, 7. Mai 1919).

                    Mit den Worten Freiligraths, die er Schuhmann in den Mund legt, appelliert Link an die trauernden Kolbermoorer Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

                    Die Kolbermoorer dankten es ihm, indem sie weiterhin treu zu ihren Überzeugungen standen, was sich in den Wahlergebnissen in den Jahren danach deutlich zeigte und was auch sichtbar wurde in einer größeren Widerständigkeit gegen die spätere Diktatur der Nationalsozialisten.

                    Schon zwei Jahre nach der Besiegung der Nazis wurde Georg Schuhmann eine erste Ehre von Seiten der Gemeinde Kolbermoors zuteil. Am 7. Februar 1947 wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt. In der Erklärung des Gemeinderates heißt es: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Erwähnenswert ist dabei auch, dass die 15 Mitglieder des Marktgemeinderates vollzählig erschienen waren und dieser Beschluss einstimmig verabschiedet wurde. Es gehörten sieben Mitglieder der SPD an, sechs der CSU, und zwei der KPD.

                    Worte des Dankes

                    Meine sehr verehrte Damen und Herren,

                    ich möchte meinen Vortrag nicht beenden, ohne meiner Freude Ausdruck zu verleihen, wie intensiv die Stadt Kolbermoor das 100. Jubiläum der Rätezeit begeht. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert, ist es doch in den meisten Städten Bayerns nicht so.

                    Kolbermoor war eine Hochburg während der sechs Monate der Revolution und es war die letzte rote Bastion in Bayern. Und die Stadt verdient es, dass diese Zeit in Erinnerung bleibt.

                    In Kolbermoor stiftete die Stadt im November letzten Jahres ein neues Denkmal für Georg Schuhmann und Alois Lahn, nachdem Nazis immer wieder das alte angegriffen und schließlich vollkommen zerstört hatten. Weiterhin hält die Stadt die Erinnerung an diese Zeit durch eine ausgezeichnete Ausstellung wach. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und einem Rundgang auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn wurde der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, sich näher mit der Rätezeit auseinanderzusetzen. Und auch im Heimatmuseum hängt jetzt zum Thema ein neuer Text an der Wand.

                    In dieser Stadt ist ein historisches Bewusstsein gewachsen. Die Erinnerungskultur einer Stadt ist ein deutliches Zeichen dafür, dass gesehen wird, wo die Wurzeln liegen und wie eine Stadt sich entwickelt und entwickeln kann.

                    Ich möchte an dieser Stelle besonders Herrn Bürgermeister Peter Kloo danken sowie der dritten Bürgermeisterin Dagmar Levin und den Kolbermoorer Stadträten, weiterhin unserem Stadtmarketingmanager Christian Poitsch, dem Künstler Josef Still, dem Vorsitzenden des Heimatmuseums Stefan Reischl, den Damen und Herren des Mangfall-Boten und allen anderen, die dazu beigetragen haben, dass dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte in seiner Bedeutung jetzt einen angemessenen Stellenwert erhalten hat. Und danken möchte ich besonders dem Rosenheimer Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die mich seit Beginn meiner Forschungen bei meiner Arbeit immer tatkräftig unterstützt hat.

                    Vor 20 Jahren wurde ich von der Chefredakteurin des Rosenheimer Fernsehens Frau Sylvia Stock gefragt, nachdem wir gerade mit Begleitung eines Fernsehteams einen Rundgang durch Kolbermoor gemacht hatten, warum ich mir die ganze Arbeit antäte. Ich habe da besonders auf zwei Dinge hingewiesen.

                    Ich wollte Georg Schuhmann und Alois Lahn meinen Respekt zollen, dass sie in einer sehr schwierigen Zeit sich bedingungslos zum Wohle ihrer Gemeinde völlig uneigennützig engagierten und dabei ihr Leben einsetzten und verloren.

                    Und ich wollte weiterhin einen Beitrag dazu leisten, dass das Ansehen von Kolbermoor dadurch gefördert wird, dass man seine Vorurteile gegenüber den Roten der damaligen Zeit zurückstellen sollte und ganz nüchtern betrachten, welche verdienstvolle Arbeit damals geleistet worden ist. Ich denke, man kann stolz auf dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte sein.

                    Jetzt wollen wir zum alten Kolbermoorer Friedhof gehen und das Grab von Georg Schuhmann aufsuchen, auf dem auch eine neue Tafel zur Erinnerung an Alois Lahn angebracht wurde.

                    Ich danke für Ihr langes Zuhören.

                    Andreas Salomon

                    Ernst Toller – sozialistischer Revolutionär und Literat

                    Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2018 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung.

                    Ich fasse das Leid nicht, das der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hinein zu fühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden?“ (Toller, Eine Jugend in Deutschland, S.215)

                    Meine sehr geehrte Damen und Herren,

                    mit der heutigen Veranstaltung möchte ich Ihnen einen herausragenden Revolutionär der Münchner Räterepublik vorstellen, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er am 7. April 1919 zum Zentralratsvorsitzenden der 1. Räterepublik gewählt wurde. Aber Toller war viel mehr als nur ein Revolutionär, er war ein großer Humanist und Pazifist, ein brillanter Rhetoriker und vor allem ein bedeutender Autor des Expressionismus. Nicht nur auf avantgardistischen Theaterbühnen war er zu Hause, sondern auch an Rednerpulten, in Zeitungsblättern oder im noch jungen Hörfunk. Als er seinem Leben 1939, also vor 80 Jahren, zermürbt vom Faschismus mit 46 Jahren ein Ende setzte, schrieb sein Freund Lion Feuchtwanger: „Wenn einer, dann war er eine Kerze, die, an beiden Enden angezündet, verbrannte.“

                    Am 3. August 1924 hielt Ernst Toller als Ehrengast der Arbeiterkulturwoche in Leipzig eine Rede zum Gedenken an die Kriegstoten. Seine rhetorische Brillanz und seine vorbehaltlose Offenheit beschrieb der Dramatiker Günther Weisenborn, der damals noch ein junger Medizinstudent war und das Ereignis vom Fenster einer Erste-Hilfe-Station verfolgte:

                    „Im Rahmen des offenen Fensters sehe ich ihn. Erhöht über der Masse unter den niederen Ziehwolken des regnerischen Abendrothimmels, schlank, schwarz und kalt. Er spricht kalt, noch beherrscht mit einem leisen Beleidigtsein, mit jener nervigen Eleganz, die durch seine Bewegungen sensibel vibriert. Und dann bricht er aus und schleudert eine rasende Anklage gegen alles, was Krieg heißt, in den trüben Septemberhimmel Leipzigs, über die graue unübersehbare Masse von sächsischen Arbeiterköpfen.

                    Dieser ist der Wort gewordene Wille der Massen, dieser ist die Anklage gewordene Klage des Leipziger Industriekulis, dies ist ein Ereignis! Die alte wortlose Arbeitersehnsucht verwandelt Ernst Toller in Ausdruck, in Sätze, in Worte, und in der Glut seines Mundes werden die Worte zur sprungbereiten Wut der Ausgebeuteten. Er steht hier im Park wie Feuer in den Bäumen, ein Mann, jung, schwarzhaarig, elektrisch, fast stammelnd vor Ergriffenheit, das Profil des Expressionisten… Er ist der flammende Haß auf den Krieg und die Kriegsstifter. Er weint, er ist erschüttert, und der erschüttert die Masse. Sie wissen, dieser ist kein glatter Papanini der Rhetorik. Dieser ist Ernst Toller.“(Dove, 168)

                    Ernst Toller wurde am 1. Dezember 1893 in Samotschin, einer kleinen Stadt im heutigen Polen und damaligen Königreich Preußen, geboren. Aber kennt heute überhaupt noch jemand Ernst Toller oder verbindet gar den Titel eines Dramas mit seinem Namen? Man muss einräumen, er ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Vielleicht gibt es am 1.Dezember eine Geburtstagsfeier bei der Ernst-Toller-Gesellschaft in Neuburg an der Donau. Aber Aufführungen seiner Stücke haben auf deutschen Bühnen Seltenheitswert. Ab und zu wird noch „Hoppla, wir leben“ gegeben, das erste Drama, das Toller in Freiheit nach seinem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt schrieb. So 2010 in Augsburg und dieses Jahr in Weinheim und Mannheim. Sonst wird nur noch in zwei Wochen in Hamburg der lyrische Zyklus „Das Schwalbenbuch“ vorgetragen.

                    Dabei gelangte Toller schon zu Lebzeiten zu großem Ruhm und war in den zwanziger Jahren der bekannteste lebende deutsche Dramatiker. Sein Ruf überragte den der Expressionisten Georg Kaiser sowie Carl Sternheim und sogar den von Bertolt Brecht. Ende der zwanziger Jahre war sein Werk in 27 Sprachen übersetzt und alle wichtigsten Bühnen der ganzen Welt hatten seine Stücke aufgeführt. Er galt als „das Wunderkind des deutschen Theaters“. Und natürlich kannte man ihn auch als einen der Führer der „unglücklich gescheiterten bayerischen Räterepublik“ (Dove, 13), wie einer seiner Biographen es formulierte. Und dadurch war er schließlich zu dem bekanntesten politischen Gefangenen der Weimarer Republik geworden. Während der Anarchist und Freund Eisners Gustav Landauer brutal ermordet worden war und Eugen Leviné von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde, kam Toller mit dem Leben davon, musste aber fünf Jahre Haft bis auf den letzten Tag in der bayerischen Festung Niederschönenfeld absitzen. Als man ihn anlässlich der 100. Aufführung seines Theaterstückes „Die Wandlung“ freilassen wollte, lehnte er das mit der Begründung ab, er wolle keine Privilegierung gegenüber den anderen 100 Revolutionären, die ebenfalls in der Festung einsaßen.

                    Diese Gesinnung ist für Toller absolut symptomatisch. Er war ein überaus engagierter Sozialist, dem ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, an Empathie gegeben war und der sich überall für andere Menschen zur Abwendung ihrer Not einsetzte, wo es ihm nur möglich war. Er kämpfte dabei leidenschaftlich sein Leben lang gegen den Kapitalismus und für eine Gesellschaft, die von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit gekennzeichnet ist und in der es keine Angst und keinen Hunger mehr gibt. Nur diese Vorstellung habe ihn die harten Jahre der Festungshaft durchhalten lassen, wie er es am Ende seiner Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ (S.215) schreibt.

                    Kindheit, Jugend und Studentenzeit

                    Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ernst Toller wie erwähnt in der Kleinstadt Samotschin, die damals gerade einmal 3000 Einwohner umfasste. Sie lag in der preußischen Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, aber in ethnischer und historischer Hinsicht polnisch war. Die Tollers waren Juden und gehörten zu den alteingesessenen Kaufmannsfamilien. In den „Briefen aus dem Gefängnis“ schreibt Toller rückblickend: „Ich hatte keine Jugend, die mir Freude gab“(S.28). Das wirft die Frage auf, ob sich diese allgemeine Feststellung konkreter fassen lässt? Lassen sich also irgendwelche genaueren Hinweise finden, sprich Erfahrungen Tollers, die auf sein späteres Leben bereits hindeuten? Konkret gesprochen, wie wird jemand Revolutionär?

                    Zum Beispiel wurde er früh mit dem Antisemitismus seiner Zeit konfrontiert, den die ca. 130 Juden der Kleinstadt zu spüren bekamen. Nicht nur sein Vater nannte sich bereits vorsichtshalber Max mit Vornamen statt Mendel, sondern auch Ernst fühlte sich als Jude zurückgesetzt, erlebte das Gefühl der Fremdheit und wollte sein „wie die anderen“. Außer diesen religiösen Ressentiments erlebte er auch große soziale Gegensätze. Während die Tollers zu den wohlhabenden arrivierten bürgerlichen Kreisen gehörten, kam sein erster Freund aus einer elfköpfigen polnischen Familie, die zahlreiche Diskriminierungen erfuhr. In diesen Zusammenhang gehört auch das Erlebnis mit dem Armenhäusler Julius. Bauern laden ihn zum Schnaps ein, bis er betrunken ist. Dann bekommt er einen epileptischen Anfall. Niemand hilft ihm und Julius stirbt. Toller notiert rückblickend: „Ich kann nicht schlafen, ich bin zum ersten Mal der Grausamkeit der Welt begegnet“(Jugend, S. 30). Er erlebt, „wie der Schwache brutal vom Starken niedergetrampelt wird“ (Rothe, S.29). Toller schreibt als Schüler anonym darüber für die Lokalpresse einen Aufsatz. Der Bürgermeister vermutet, seine Feinde in der Stadt würden dahinter stecken und fühlt sich bedroht und beleidigt. Die Angelegenheit eskaliert. Sein Name kommt auf. Ein Rausschmiss aus der Schule droht. Nur mit Mühe kann Tollers Vater als Stadtverordneter die Sache wieder gerade biegen. Toller lernt, welche Folgen das Engagement für Erniedrigte für einen selbst haben kann und auch, wie Probleme sich klären lassen, wenn man Beziehungen hat.

                    Eine weitere prägende Erfahrung war auch 1905 eine sehr schwere Erkrankung, als Ernst 12 Jahre alt war. Über ein Jahr lang musste er der Schule fernbleiben. Woran er erkrankt war, liegt im Dunkeln. Tollers Konstitution sollte allerdings zeitlebens wenig robust sein, was vor allem für seine schwachen Nerven galt. Depressionen quälten ihn bis zu seinem Tode und Antidepressiva gab es damals noch nicht.

                    1906 kam er auf das Königliche Realgymnasium in Bromberg, wo er bei verschiedenen Familien unterkam. An dieser Schule herrschte der autoritäre Geist des Militarismus, der darauf abzielte, die Zöglinge zu braven Untertanen zu erziehen. Es war eine typische Schule des wilhelminischen Deutschlands, national und erzkonservativ ausgerichtet. Toller erlebte hier eine Welt der Unfreiheit und Unterwerfung, gegenüber der er sich instinktiv aufbäumte. Später im Gefängnis schreibt er an einen Freund: „Ihnen war die Schule gewiß so verhaßt wie mir“(Gefängnis, S. 107). In den folgenden Jahren erfolgten erste literarische Versuche, Theaterbegeisterung entstand und der Wunsch, Schauspieler zu werden wuchs. Man kann hierin sicherlich den Versuch sehen, der Unterdrückung zu entkommen und eigene Wege zu suchen.

                    Früh wandte er sich dabei auch den Idealen der Jugendbewegung zu und fühlte sich zu moderner Literatur hingezogen. Nach dem Abitur 1913 konnte Toller endlich der Schule den Rücken kehren und ging 1914 nach Frankreich, um an der Universität Grenoble Philosophie und Jura zu studieren. Aber das Studium war für ihn eine Enttäuschung. „Die Universität besuche ich selten. Die seichten Vorlesungen langweilen mich“(Jugend, S.40). Dafür geht er lieber in den „Verein deutscher Studenten, wo über Nietzsche und Kant gesprochen wird. Und auch die Freiheit des Studentenlebens gefällt ihm sehr. Zunehmend erweitert er seine literarischen Kenntnisse und besucht entsprechende Vorlesungen. Jetzt liest er die sozialkritischen Romane von Tolstoi und Dostojewski und erkennt immer mehr den gesellschaftlichen Grundwiderspruch des Kapitalismus: „Ich beginne, an der Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen, und die anderen Not leiden“ (Jugend, S. 45). Da bricht der 1. Weltkrieg aus.

                    Vom Patrioten zum Pazifisten

                    Am 28 Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 1. August 1914 wird in Deutschland mobil gemacht. Tollers einziger Gedanke ist: zurück nach Deutschland. Der Zug von Lyon ist voll mit Deutschen, die außer Landes fliehen wollen. In Lindau, auf deutschem Boden angekommen, liest Toller in Zeitungen, dass Deutschland angegriffen wird und glaubt es genauso wie damals fast alle Menschen. Die Regierungspropaganda schürt diese Überzeugung und Toller sieht es wie Millionen anderer Deutscher als seine Pflicht, das Vaterland zu verteidigen und sich freiwillig zum Heer zu melden. In München schüttelt der Arzt aber den Kopf, denn der Kriegsfreiwillige wirkt nicht sonderlich robust. „Ich will in den Krieg“ (Jugend, S. 52), macht Toller dem Mediziner deutlich, so schreibt er in seinen Erinnerungen, und schließlich schreibt der Arzt ihn tauglich.

                    Mitte August 1914 fahren die Soldaten Richtung Frankreich. Überall jubelt ihnen eine begeisterte Menge zu. Die Soldaten sind kriegsbegeistert und vom Hurra-Patriotismus erfüllt. Hier fühlt sich Toller, der sich als Jude so oft ausgegrenzt erlebte, aufgenommen. Es ist sein dringlichster Wunsch, möglichst schnell an die Front zu kommen. Aber noch dauert die Ausbildung. Im März 1915 darf er endlich ins Feld ziehen. 14 Monate wird sein Fronteinsatz dauern. Keine Zeit seines Lebens sollte ihn so nachhaltig prägen und auch seine Überzeugungen um 180 Grad drehen. Jetzt erlebt er das nackte Grauen und sein idealistischer Patriotismus wird grundlegend erschüttert.

                    Mann hinter Mann, Torkelt im Laufgraben, Gepäck drückt müde Knochen. An Kleidern frißt Lehm. In grauen Gesichtern stumpfen Augen. Irgendwer stolpert, fällt hin. Am Waldfriedhof Sammeln. Einer träumt am Massengrab. Solchen Haufen Weihnachtskuchen Wünscht ich mir als Kind, Soviel (…)Vierzehn Kumpel zerbrach eine Mine. Wann war´s doch? Gestern.“

                    Als vorgeschobener Artilleriebeobachter erlebt Toller das Inferno der Materialschlacht und das schreckliche Massensterben. Ein Soldat hängt drei Tage und Nächte unrettbar im Stacheldraht zwischen den Linien, ehe er stirbt.

                    Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unseren Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.“ (Jugend, S.69)

                    Dann die nächste grauenvolle Erfahrung. Toller steht im Graben und will diesen mit einem Pickel vertiefen. Da bleibt die stählernde Spitze an irgendetwas hängen. Er zieht und zerrt. Am Pickel hängen Reste eines getöteten Soldaten. Toller ist tief erschüttert: „Ein – toter – Mensch“ (Jugend, S.70). Später schreibt Toller, in diesem Augenblick sei seine Hinwendung zum Pazifismus wie eine plötzliche Offenbarung über ihn gekommen. Hier erkennt er die Gemeinsamkeit aller Menschen, egal ob Freund oder Feind.

                    Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht ein toter Deutscher, Ein toter Mensch“(Jugend, S.70).

                    Im Bois-le-Pr´ètre, dem sogenannten Priesterwald, kommt es zur unmittelbaren Begegnung mit dem Feind. Toller lernt den Stellungskrieg aus erster Hand kennen. Eines Tages entdeckt er einen Leichenberg. Französische und deutsche Soldaten lagen gemeinsam, wie es in der Literatur heißt, „in einer letzten Umarmung“ (Dove, S. 38). Dieser schreckliche Anblick, der die ganze Unmenschlichkeit des Krieges zum Ausdruck bringt, wird ihn lange verfolgen.

                    Ein Düngerhaufen faulender Menschenleiber: Verglaste Augen, blutgeronnen, Zerspellte Hirne, ausgespiene Eingeweide, Die Luft verpestet vom Kadavergestank, Ein einzig grauenvoller Wahnsinnsschrei“ (Dove, S. 39)!

                    Seine Kriegsbegeisterung ist längst dahin, nur sein Pflichtgefühl und sein Sinn nach Solidarität mit seinen Kameraden halten ihn noch aufrecht. Im Mai 1916 erleidet er einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch und kommt in ein Krankenhaus in der Nähe von Straßburg. Am 4. Januar 1917 wird Toller endgültig als nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“ aus dem Heer entlassen. Als Patriot zog er zwei Jahre zuvor in den Krieg, jetzt kehrt er als überzeugter Kriegsgegner, als Pazifist nach München zurück.

                    Antikriegsbewegung

                    Kurzfristig versucht Toller, die schrecklichen Kriegserlebnisse zu verdrängen und immatrikuliert sich in München für Jura und Nationalökonomie. Er erlebt, dass inzwischen die Antikriegsstimmung weit verbreitet ist. In der Literatur hoffen die Expressionisten, dass die Leiden des Krieges ein neues Menschentum begründen könnten. Eine neue „Ära des Friedens und der Brüderlichkeit“(Dove, S.44) wird verkündet. Dichter wie Hasenclever vertreten die Auffassung, ein Dichter habe nicht nur wider den Krieg zu schreiben, er müsse auch der Menschheit den Weg weisen zu einer Vision einer friedlichen, gerechten und solidarischen Gesellschaft, wobei es um die geistige Erneuerung des Einzelnen geht. Toller beginnt seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten und schreibt sein erstes Drama „Die Wandlung“, dem er seinen eigenen Wandel vom Patrioten zum Pazifisten zugrunde legt.

                    Die öffentliche Meinung wendet sich im Herbst 1917 immer mehr gegen den Krieg. Die neu gegründete USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) versteht sich ausdrücklich als Antikriegspartei. Überall finden Streiks gegen den Krieg und für den Frieden statt.

                    Toller wird zu einer Kulturtagung auf die Burg Lauenstein eingeladen. Später berichtet er, dass dort seine „erste aktive Beschäftigung mit der Politik“(nach Dove, 48) stattgefunden habe. Er lernt die Heidelberger Soziologen Max Weber, Ferdinand Tönnies sowie viele Schriftsteller seiner Zeit kennen. Aber das meiste Gesagte erscheint ihm zu nebulös. Es drängt ihn nach Taten, nach Initiativen gegen den Krieg. Doch er findet keine Resonanz auf seine Beiträge. Aber Max Weber interessiert ihn. So wechselt er von München nach Heidelberg und beginnt jetzt neben Jura Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die Beziehung zu Max Weber wird vertieft. Bei dortigen Treffen, an denen auch andere Studenten teilnehmen, liest er erste Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“ vor, was tiefen Eindruck hervorruft.

                    Bald findet Toller an der Heidelberger Universität Freunde, mit denen er am 24. November 1917 den „Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“ gründet, um in jungen Menschen Verantwortlichkeit zu wecken und sie zu politischer Aktivität zu führen. Wenn auch dieser Organisation nicht der erwartete Erfolg beschieden sein sollte, so sind dennoch die dem Bund zugrunde liegenden Leitsätze äußerst interessant, denn sie zeigen die politische Entwicklung Tollers auf, der zu dessen Sprecher gewählt wurde. Der Bund kämpft für eine „friedliche Lösung der Widersprüche des Völkerlebens“, (Krit. Schriften, S.32). Toller setzt sich für die Abschaffung der Armut ein, will eine Wirtschaftsreform, „die eine sinnvolle Erzeugung und gerechte Verteilung der materiellen Güter bewirkt“, verlangt die Trennung von Kirche und Staat und fordert eine soziale Rechtsprechung und die Aufhebung der Todesstrafe. Ferner geht es um „alle Bestrebungen wie Mutterschutz, Fürsorge für menschliche Wohnungen, Jugendheime, Siedlungen und ähnliche“. (a.a.O., S.33). Der Bund wendet sich gegen die Militarisierung der Jugend und strebt „Harmonie von Körper-, Seelen- und Geisteskultur“an. Er kämpft für die Einheitsschule und für freie Schul- und Universitätsgemeinden.

                    Der sozialistische Charakter der Forderungen wird deutlich sichtbar und vor allem auch der Einfluss des Anarchisten Gustav Landauer, dessen „Aufruf zum Sozialismus“(1911) zu einer bestimmenden Quelle seines Denkens geworden war. Landauer ist ein Kritiker des Marxismus und vertritt nicht die Ansicht, dass der Staat durch eine politische Revolution zerschlagen werden müsse, sondern glaubt, dass sich die „gesellschaftlichen Verhältnisse nur in dem Maße ändern könnten, wie sich die Beziehungen der Menschen untereinander änderten“(Dove, S.55). Aber Tollers Entwicklung soll weitergehen, wie sich schon bald zeigen wird.

                    Inzwischen entstehen auch an anderen Universitäten Ortsgruppen des Bundes, und Toller hofft, dass aus dem Jugendbund einmal ein deutscher Volksbund hervorgeht. Aber die berüchtigte Nachrichtenstelle der Obersten Heeresleitung wird aufmerksam. Man zieht einige Studenten, die dem Bund angehören, zum Militär ein und die Studenten österreichischer Nationalität, die dem Bund angehören, müssen Deutschland verlassen. Schließlich wird der Bund verboten. Toller sollte verhaftet werden. Aber er liegt mit schwerer Grippe und hohem Fieber im Krankenhaus. „Fröstelnd und fiebernd“ (Toller, Jugend, S.84) flieht er von Heidelberg Richtung Berlin. Rückblickend über den Bund schreibt Toller: „Wir hatten begonnen, gegen den Krieg zu rebellieren“(Jugend, S.84). In Berlin warten neue Aufgaben auf ihn.

                    Hier lernt er Gleichgesinnte kennen, mutige, verantwortungsvolle, erfahrene

                    Männer.“ (Viesel, S.332). Einer von ihnen heißt Kurt Eisner.

                    Die Wandlung“ – Tollers erstes politisches Drama

                    Im Sommer und Herbst 1917, also bevor Toller nach Berlin ging, hatte er parallel zu seiner Annäherung an die Antikriegsbewegung sein erstes politisches Drama geschrieben. Seine Erfahrungen dieser Zeit übertrug er in die symbolischen Ausdrucksformen des expressionistischen Theaters.

                    Die Wandlung“ wurde am 30. September 1919 in Berlin uraufgeführt, als Toller bereits wegen seiner führenden Rolle in der Räterepublik in Haft saß, und wurde zu einem überwältigenden Erfolg, sodass es 115 mal wiederholt werden musste. Publikum wie Kritiker waren gleichermaßen begeistert. Toller war über Nacht zu einem führenden Dramatiker der jungen Generation geworden. Zu dem Erfolg trug sicher auch das Schicksal Tollers selbst bei, der als Häftling in Niederschönenfeld der Aufführung nicht beiwohnen konnte, und zudem war das Stück außerordentlich originell inszeniert und für viele Kritiker galt es als die erste wahrhaft expressionistische Theateraufführung.

                    Toller verarbeitet in diesem Theaterstück seine eigenen Kriegserfahrungen und zeigt in einer Reihe von locker verknüpften Einzelszenen, die Entwicklung einer Hauptfigur. Es geht um die innere Wandlung, die Toller selbst durchgemacht hat und die daraus folgende gesellschaftliche Umgestaltung. Der Protagonist Friedrich „durchlebt alle Stationen des Grauens und am Ende dieses Leidensweges steht der Aufruf zum Engagement gegen denKrieg.“ (Distl, S. 97) Der einst Kriegsfreiwillige wird jetzt zum Agitator für die Abschaffung der alten Ungerechtigkeit und für die Revolution. Zu dem Zeitpunkt glaubt Toller noch wie andere Expressionisten seiner Zeit die Intellektuellen hätten in einer Revolution eine Führungsrolle, sie müssten den Weg weisen. Toller will aufrütteln, die Herzen der Menschen berühren.

                    Sein Drama endet mit den Worten aller Schauspieler:

                    Brüder recket zermarterte Hand,

                    Flammender freudiger Ton!

                    Schreite durch unser freies Land

                    Revolution! Revolution!“

                    Ein solches politisches Theater hat es bisher noch nicht gegeben, und die Menschen sind begeistert.

                    Der Januarstreik 1918

                    In dieser Zeit geht Toller erstmals den Ursachen des Weltkrieges nach, liest Dokumente, die der Spartakusbund heimlich druckte und in Umlauf brachte und kommt nach sorgfältigem Studium zu der Erkenntnis der Kriegsschuld Deutschlands. Er fühlt sich betrogen, zudem er auch noch die expansionistischen Ziele des deutschen Kapitals entdeckt. In seiner Autobiographie schreibt er über die Herrschenden: „Sie suchen Macht und Ruhm und Freiheit ihres Volkes in der Ohnmacht, dem Elend, in der Unterdrückung anderer Völker“(Jugend, S. 87).

                    Die Bekanntschaft mit dem Arbeiterführer Kurt Eisner, der für einige Tage nach Berlin gekommen war, riss ihn nun in den Sog der anschwellenden revolutionären Bewegung. Toller folgt ihm nach München und besucht seine Versammlungen. „In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet war, Männer von nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, gehärtetem Willen, Sozialisten, die ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache dienten, an die sie glaubten“ (Toller, Jugend, S. 88). Der erst 25-jährige Toller war von dem 52-jährigen erfahrenen Eisner außerordentlich beeindruckt. Nach Max Weber und Gustav Landauer sollte Eisner gewissermaßen zu Tollers drittem Mentor werden. Eisner war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der bayerischen USPD, und Toller sah ihn als Beispiel, „wie man die Kluft zwischen gedanklichem und realem Tun schließen könnte“(Distl, S. 35).

                    Dann begannen im Januar die großen Friedensstreiks. Streikversammlungen werden abgehalten, Toller mischt sich ein und verteilt Anti-Kriegs-Gedichte und Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“. Er will helfen. „Endlich wird mir eine Aufgabe übertragen. Ich soll zu den Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik sprechen, sie auffordern am Streik teilzunehmen“(Jugend, S. 88). Auch Eisner wird erwartet. Aber er kommt nicht. Auch die anderen Mitglieder des Streikkomitees kommen nicht. Eisner und seine Mitstreiter sind bereits am ersten Tag des Streiks verhaftet worden. Eine Delegation wird gewählt, um die Freilassung der Verhafteten zu fordern. Alle warten auf die Rückkehr der Delegation.

                    Da melde ich mich, der Vorsitzende bittet mich, einige Worte zu sprechen, zum ersten Mal rede ich in einer Massenversammlung. Die ersten Sätze stottere ich, verlegen und unbeholfen, dann spreche ich frei und gelöst und weiß selbst nicht, woher die Kraft meiner Rede rührt“ (Jugend, S.90). Die Menge hört begeistert zu, und Toller entdeckt, dass er die Gabe zu einem mitreißenden Redner hat. Die Menschen sind gebannt und spüren, dass dieser brillante Redner seinen Worten mit seiner ganzen Persönlichkeit und mit großer Leidenschaft Ausdruck verleiht. Toller ruft einen Streik aus, der durchgehalten werden soll, bis die Verhafteten alle wieder auf freiem Fuß sind. Dabei wendet er sich gegen den Krieg und tritt für einen „Verständigungsfrieden“ ein. Die Polizeispitzel empfinden seine Rede als überaus aufreizend“.

                    Die abgesandte Delegation hat wenig erreicht. Toller wird in ein neues Streikkomitee hineingewählt, das für eine Fortsetzung des Streiks werben soll. Am 1. Februar streiken 8000 Arbeiter von Krupp, Maffei und anderen Großbetrieben, die Kriegsmaterial herstellen. Toller wird in den nächsten Tagen zu einem der Hauptredner. Zum ersten Mal sieht er Möglichkeiten, „wie durch Massenaktionen gewaltlos gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen wären“ (Dove, S.64). Er erkennt den Massenstreik als äußerstes Mittel des revolutionären Kampfes und setzt auf die Idee der Einheitsfront über die Parteigrenzen hinweg. Immer wieder wird er in den folgenden Jahren dafür kämpfen, dass die fortschrittlichen Parteien zusammen agieren müssen.

                    Aber die Streiks sollten nicht mehr lange dauern. Die Führer der SPD hatten den Streik von Anfang an bekämpft und ihnen gelang es schließlich, sich an die Spitze der Streiks zu setzen, und sie erreichten durch eine Resolution, dass am 4. Februar die Arbeit wieder aufgenommen wurde.

                    Toller kommt ins Gefängnis

                    Noch am gleichen Tag wurde Toller verhaftet, obwohl der SPD-Vorsitzende Auer Straffreiheit zugesichert hatte. Er kommt ins Gefängnis an der Münchner Leonrodstraße, wo er bis zum Mai 1918 einsitzen wird. Und Toller weiß diese Zeit äußerst sinnvoll zu nutzen. „Ich lese jetzt die Werke von Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring, Luxemburg, Webbs. Eher aus Zufall denn aus Notwendigkeit war ich in die Reihen der streikenden Arbeiter geraten, was mich anzog, war ihr Kampf gegen den Krieg, jetzt erst werde ich Sozialist, der Blick schärft sich für die soziale Struktur der Gesellschaft, für die Bedingtheit des Krieges, für die fürchterliche Lüge des Gesetzes, das allen erlaubt zu verhungern und wenigen gestattet, sich zu bereichern, für die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, für die geschichtsbildende Bedeutung der Arbeiterklasse“(Jugend, S. 95).Toller schrieb später, er sei im Gefängnis von einem„Sozialist aus Gefühl“zu einem„Sozialist aus Erkenntnis“ geworden.

                    Und außerdem macht Toller erste Erfahrungen mit unsäglichen Haftbedingungen. Er sitzt in einem schmutzigen, verwanzten Gefängnis in Isolationshaft. Die Gefangenen essen Kriegsbrot mit Kleie vermischt, Kohlrübensuppe, Kohlrübenmarmelade, Kohlrübengemüse. Toller schreibt: „Immer sind wir hungrig.“ (Jugend, S. 96). Eine schikanöse Hausordnung quält die Häftlinge zusätzlich. Manche Gefangene halten dem Druck nicht stand und begehen Selbstmord. Toller notiert: „Sie schneiden sich mit Scherben die Pulsadern auf, sie zerreißen die Laken und binden aus den Streifen Stricke, sie stürzen sich übers Geländer der Treppe in den Steinkeller“(Jugend, S. 97). Schließlich tritt er in den Hungerstreik, weil er kein anderes Mittel mehr sieht, sich zu wehren. Jeden Tag wird Toller erneut vernommen. Was im Protokoll steht, ist entstellt und verzerrt. Er weigert sich zu unterschreiben. Schließlich wird er krank, bekommt hohes Fieber, niemand kümmert sich um ihn. Doch dann wird Toller ins Militärlazarett überführt. Dort sind die Haftbedingungen aber noch schlimmer. Zu sechst liegen sie in der Krankenstube. Zwei liegen in Betten, vier auf Strohsäcken auf dem Boden, es stinkt wie die Pest. Toller würgt ständig der Ekel. Es geht ihm immer schlechter. Schließlich muss er wegen Haftunfähigkeit entlassen werden.

                    Bis zu seinem Tod wird Toller sich immer wieder gegen unmenschliche Haftbedingungen in aller Welt wenden.

                    Seine nächste Station ist das Irrenhaus. Seine Mutter konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn wegen Landesverrats angeklagt war. Sie konnte es nicht fassen, dass ein Mensch aus bürgerlichem Hause sich der Arbeiterbewegung zugewendet hatte. Er müsse krank sein, sei schon als Kind so nervös gewesen. So kommt es zu einer psychiatrischen Untersuchung durch einen reaktionären Arzt, der ihn mehr beschimpft als behandelt. Aber er muss nach vier Tagen entlassen werden, es gibt einfach keinen Grund, ihn dazubehalten. So begibt er sich nach Berlin und später nach Landsberg zu seiner Mutter.

                    Tollers Beteiligung an der Revolution

                    Dann beginnt im Deutschen Reich die Revolution. Zunehmend war im vierten Kriegsjahr bei den Soldaten die Kriegsmüdigkeit gewachsen und der Wunsch nach baldigem Frieden immer größer geworden. Das Grauen des Krieges, die Verstümmelten und die vielen Toten setzten den Soldaten zu. Die militärische Disziplin verfiel immer mehr, und es kam immer häufiger zu Befehlsverweigerungen. Der Krieg war für jeden sichtbar verloren. Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands katastrophal war. Nicht nur die Industrie lag am Boden, sondern auch die Landwirtschaft. Die Zivilbevölkerung hungerte.

                    Am 28. Oktober 1918 machten die Matrosen in Wilhelmshaven den Anfang und weigerten sich, noch einmal in eine sinnlose Schlacht geschickt zu werden. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Ein Teil der Flotte wurde nach Kiel verlegt, um den Aufstand zu ersticken. Dort ging es aber erst richtig los. Riesige Demonstrationen wurden durchgeführt und ein Soldaten- und Arbeiterrat gebildet. Als eine Militärpatrouille die Demonstranten aufhalten wollte und die Waffen zog, gab es unter den Aufbegehrenden neun Tote. Das war das eigentliche Signal zur Revolution, die sich wie ein Flächenbrand über Deutschland ausbreiten sollte. In Berlin riefen am 9. November Philipp Scheidemann von den Mehrheitssozialdemokraten die Deutsche Republik“ aus und Karl Liebknecht von der USPD die „Freie sozialistische Republik Deutschland“.

                    In Bayern war nach 738 Jahren die Monarchie am Ende. Am 7. November veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. 60.000 Menschen kommen, 12 Redner sprechen gleichzeitig und im Anschluss ziehen einige tausend Demonstranten mit Kurt Eisner an der Spitze zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. In der Nacht wird Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten gewählt, der Freistaat ausgerufen und ein bayerischer Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Eisner war erst wenige Wochen vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, weil seine Partei; die USPD, ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hatte. Jetzt tritt er ins Zentrum des politischen Geschehens.

                    Ernst Toller liegt zu der Zeit mit einer schweren Grippe zu Hause bei seiner Mutter krank im Bett. Trotzdem fährt er am nächsten Tag nach Berlin und von dort nach München. Dort gelangt er sehr schnell in politische Funktionen. Er wird Mitglied des Provisorischen Nationalrats des Freistaates Bayern und außerdem zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Toller resümiert:„In der Kleinarbeit des Tages lerne ich die mannigfachen praktischen Nöte der Bauern und Arbeiter verstehen“ (Jugend, S. 113). Auch in der USPD spielt Toller bald eine größere Rolle und wird Zweiter Vorsitzender des Münchner Parteiverbandes.

                    Zu einer entscheidenden Frage wurde die Problematik, wie Parlament und Räte zusammenarbeiten sollten. Eisner forderte einen Freistaat, in dem die breitesten Massen jeden Tag bei den öffentlichen Angelegenheiten mitarbeiten. Mittels der Räte sollte diese direkte Demokratie organisiert werden. Sie sollten die Massen politisieren und an die politische Macht heranführen. Die Landtagswahlen wollte er hinauszögern, damit das Rätesystem Zeit habe, Wurzeln zu schlagen. Verzichten wollte er auf das Parlament allerdings nicht. Während Eisner und die USPD in erster Linie auf die Räte setzten, war die SPD diesen gegenüber misstrauisch und befürwortete ein Parlament, „von dem sie sich ein Maximum an Präsenz und Einfluss versprach“(Dove, S.83).

                    Toller war von Anfang an ein enthusiastischer Verfechter der revolutionären Räte gewesen. So begrüßte er beim ersten Treffen als Zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates die Räte mit den Worten, sie seien „die Träger der revolutionären Idee, die die Kraft in sich schließt, nicht nur die Wirtschaftsordnung der Welt umzugestalten, sondern auch den Geist der Menschen zu revolutionieren“(Dove, S.83). Toller glaubte, das Rätesystem werde allmählich den Landtag ablösen.

                    Doch schon bald sollten die Vertreter dieser Ansicht eine große Enttäuschung erleben. Auf dem Reichsrätekongress in Berlin vom 16. bis 21. Dezember 1918 hatten die Vertreter der SPD die Mehrheit und die Räte verzichteten freiwillig auf ihre Macht und dankten ab. Toller schreibt: „Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“ (Jugend, S. 113). Der Kongress sprach sich für Wahlen zum Reichstag aus. Für Toller war klar, dass so etwas in Bayern nicht passieren durfte und hoffte hier auf einen anderen Verlauf.

                    Dann kam am 12. Januar die Landtagswahl, und die Partei von Eisner und Toller, die USPD, erlitt mit nur 2,5% der abgegebenen Stimmen eine vernichtende Niederlage. Und Toller, der auch kandidiert hatte, schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Er und die anderen Anhänger des Rätegedankens sahen sich bestätigt, dass der Parlamentarismus nur wieder die alten Klassen an die Macht bringen würde. Aber ganz offensichtlich war es weder gelungen, der breiten Masse der Arbeiterschaft die Fortschrittlichkeit des Rätesystems zu verdeutlichen noch ihnen die revolutionsfeindliche Haltung der SPD vor Augen zu führen.

                    Während Toller anschließend noch einige Tage im Engadin Urlaub machte, wurde am 21. Februar Kurt Eisner auf dem Wege zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, von dem Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft, dem Nationalist Graf Arco auf Valley ermordet.

                    Die Mitglieder des Landtages liefen auseinander und ein neuer Zentralrat unter Vorsitz von Ernst Niekisch übernahm die Macht. Toller setzte sich jetzt vehement für ein Rätesystem ein. Der bayerische Rätekongress einigte sich aber nach verworrenen Verhandlungen auf eine sozialistische Regierung unter Johannes Hoffmann. Die Funktion der Räte war wieder eingegrenzt. Toller war inzwischen als Nachfolger von Eisner zum Vorsitzenden der USPD gewählt worden. Seine Partei mobilisierte jetzt die Massen für eine revolutionäre Räteregierung. Die Revolutionsbegeisterung stieg auch noch dadurch, dass am 22. März in Ungarn eine Räterepublik ausgerufen worden war. Alles lief jetzt auf die 1. Räterepublik in Bayern zu.

                    Toller hielt die Ausrufung aber noch für verfrüht, doch in der Nacht vom 6. auf den 7. April war es soweit. Allein die Kommunisten unter der Führung von Eugen Leviné machten nicht mit, sie meinten, dafür würden die Voraussetzungen noch fehlen und sprachen von einer Scheinräterepublik“.

                    Die 1. Räterepublik in Bayern wurde dennoch proklamiert und Ernst Toller zum neuen Vorsitzenden des Zentralrats gewählt. Die Räte waren jetzt im alleinigen Besitz der Macht. Geradezu fieberhaft ging die neue Regierung an die Arbeit. Der Landtag wurde für aufgelöst und die Regierung für abgesetzt erklärt. Toller gab eine Flut von Aufrufen und Erlassen heraus. Schon am folgenden Tag hieß es auf einem Plakat: „Brüder am Schraubstock, am Pflug, am Schreibtisch! Die Räterepublik ist proklamiert. Die Arbeiter in Stadt und Land haben die vollepolitische Macht und Verantwortung übernommen. Schwere Arbeit und Not des Alltags hat uns zu Brüdern gemacht. Es kommt nun darauf an, Schulter an Schulter gegen die Kapitalistenklasse vorzugehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. (…) Alle Sozialisten und Kommunisten müssen jeden engherzigen Parteienstandpunkt aufgeben und sich zu einer großen revolutionären Gemeinschaft zusammenschließen“ (Distl, S.59, Viesel, S. 347). Aber es blieb nicht viel Zeit, ja, es sollte nur eine einzige Woche sein. Toller kündigte die Vergesellschaftung der Industrie an, ließ Wohnraum für Bedürftige beschlagnahmen, die Pressezensur verhängen und organisierte die Entwaffnung der Bourgeoisie und den Aufbau der Roten Armee. Gleichzeitig bemühte er sich darum, die Kommunisten zu gewinnen, die bislang jegliche Mitarbeit versagten.

                    Inzwischen hatte aber schon längst die Konterrevolution mobil gemacht. Vor allem die Thule-Gesellschaft unter Rudolf Glauer hetzte gegen die Räterepublik. In einem Flugblatt heißt es: „Bolschewismus bedeutet zunächst Gewaltherrschaft des Verbrechertums unter jüdischer Organisierung und Leitung, Kampf gegen die rechtschaffene Mehrheit“(Schaupp, S.176).

                    Aber auch die Kommunisten machen gegen die Räteregierung Stimmung. In der „RotenFahne“ heißt es: „Nur Kommunisten können eine proletarische Räterepublik gründen. (…) Wir aber werden fieberhaft arbeiten an der Vorbereitung der wirklichen proletarischen Räterepublik“ (Schaupp, S. 180). Am 9. April treffen sich die Kommunisten im Kindlkeller und Leviné fordert, dass die aktuelle Räteregierung gestürzt werden und „anstelle des Zentralrats ein kommunistischer Rat gewählt werden“ müsse (a.a.O., S. 182) Schließlich stellt Leviné unter gewissen Umständen eine Beteiligung der Kommunisten an der Räterepublik in Aussicht.

                    Toller wirbt weiterhin für die Einigkeit des revolutionären Proletariats und sieht keine grundsätzlichen Widersprüche zur KPD.

                    Inzwischen haben sich die Minister der Regierung Hoffmann vollständig in Bamberg eingefunden und arbeiten mit voller Kraft am Sturz der Räterepublik.

                    Am Sonntag, den 13. April kommt es zum konterrevolutionären Palmsonntagsputsch. Die Bamberger Regierung machte gemeinsame Sache mit der Reaktion und auch der Thule-Gesellschaft und versuchte mit eigenen Verbänden die Räterepublik niederzukämpfen. Von der Firma Krupp und anderen Großindustriellen bekamen die Verschwörer insgesamt 100.000 Mark für die Finanzierung ihres Vorhabens. Anführer war der Sozialdemokrat Aschenbrenner. Da zogen aber bewaffnete Arbeiter und Soldaten ins Stadtzentrum und drängten die Putschisten in den Bahnhof zurück, den sie dann nach mehrstündigen Gefechten zurückeroberten. Der Putsch war niedergeschlagen.

                    Jetzt hielten Leviné und die Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, sich an die Spitze der Rätebewegung zu stellen. Toller trat zurück, bot aber seine weitere Hilfe an. Die Kommunisten bildeten die 2. Räterepublik mit einem fünfköpfigen Vollzugsrat mit Leviné und Levien und einem 15-köpfigen Aktionsausschuss. Leviné gab sich keinen Illusionen über die Aussichtslosigkeit der Lage hin, hielt es aber für die Pflicht der KPD, jetzt in die Bresche zu springen, „um die Ehre der Revolution zu retten“(Rosenberg, S. 70). Man hoffte auch, den revolutionären Kräften in anderen Teilen Deutschlands ein Beispiel zu geben. Der Aufbau der Roten Armee wurde vorangetrieben, Sozialisierungsmaßnahmen ergriffen, die Presse zensiert usw.. Aber die Ereignisse überschlugen sich jetzt.

                    Tollers Beteiligung am Kampf um die Räterepublik

                    Freikorps marschierten auf München zu. Bereits zwei Tage nach dem Palmsonntagsputsch war München von Weißgardisten eingekesselt.

                    Toller sieht sich jetzt in einem Gewissenskonflikt. Er hatte geschworen, niemals wieder Gewalt anzuwenden, war zum radikalen Pazifisten geworden. Jetzt fragt er sich, ob er diesen Schwur brechen durfte. „Ich musste es. Die Arbeiter hatten mir Vertrauen geschenkt, hatten mir Führung und Verantwortung übertragen. Täuschte ich nicht ihr Vertrauen, wenn ich mich jetzt weigerte, sie zu verteidigen, oder gar sie aufrief, der Gewalt zu entsagen?“ (Jugend, S.138). Rudolf Egelhofer, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, ernennt Toller zum Militärkommandant in München. Die Weißen sind im Norden im Anmarsch auf Allach. Unverzüglich bricht Toller auf. Es gelingt der Roten Armee, den Vormarsch der Weißen zu stoppen und sie nach Dachau zurückzudrängen. Egelhofer befiehlt Toller, Dachau mit Artillerie zu beschießen. Aber dieser ignorierte den Befehl, da er ihn für unnötig und politisch unklug fand, man bringe nur die Bauern gegen sich auf. Dafür trat er in Verhandlungen mit dem Feind. Er war zunehmend davon überzeugt, dass Verhandlungen mehr bringen würden als die direkte bewaffnete Konfrontation. Die Weißen sollten sich bis hinter die Donaulinie zurückziehen und die Hungerblockade gegen München aufgeben. Es gab eine zweistündige Verhandlungspause. Plötzlich eröffnete die Artillerie der Roten Armee das Feuer auf Dachau. Ein agent provocateur, wie sich später herausstellte, hatte den Befehl gegeben. Der Vormarsch der Roten Armee war nicht mehr zu stoppen, und es gelang tatsächlich, Dachau einzunehmen. Toller war unverhofft zum „Sieger von Dachau geworden. Dennoch wurde er von den Kommunisten heftig kritisiert. In der „Roten Fahne“ vom 28. April 1919 wurde ihm angesichts seines Versuches zu verhandeln „politische Unfähigkeit“ vorgeworfen. Solche Leute seien „Schwarmgeister und keine Politiker“. „Die Arbeiterklasse soll sich vor Toller und Genossen hüten.“

                    Leviné schäumte geradezu. Tollers eigenmächtiger Entschluss eines Waffenstillstandes habe den Gegnern die Atempause gegeben, die sie gebraucht hätten, um ihre Kräfte wieder zu sammeln. Tollers pazifistische Einstellung hätte praktisch zum Verrat geführt. Zudem hatte Leviné Toller den Befehl gegeben gehabt, die in Dachau gefangen genommenen Offiziere der Weißen Garden sofort zu erschießen. Toller hatte sich aber geweigert, diesen Befehl auszuführen und sie wieder freigelassen. Toller legt nach der Kritik an ihm sein Amt als Abschnittskommandeur nieder und kontert: „Die führenden Männer bedeuten für mich eine Gefahr für den Rätegedanken. Unfähig auch nur das Geringste aufzubauen, zerstören sie in sinnloser Weise.“Aber es steht natürlich außer Frage, dass Toller zwar für bestimmte Situationen die Notwendigkeit der Gewaltanwendung eingesehen hatte, in der Wirklichkeit sich dazu aber nicht in der Lage sah. Seine humanitären Vorstellungen über den grundsätzlichen Umgang der Menschen miteinander gewannen dann die Oberhand.

                    Angesichts der aktuellen Lage sollten diese Problematik und die damit zusammenhängenden politischen Divergenzen allerdings schon bald völlig bedeutungslos werden. Denn während in München noch der Sieg in Dachau gefeiert wurde, gab die Reichsregierung dem Ersuchen der Regierung Hoffmann um militärische Hilfe nach und schickte 20.000 Soldaten nach Bayern. Die Unabhängigen versuchten noch, Friedensverhandlungen aufzunehmen, aber Hoffmann ließ sich nicht mehr darauf ein und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation. Schon bald sollte es in München zu einem schrecklichen Blutbad mit an die 1200 Toten kommen. Die Rote Armee verteidigte die Stadt nach Kräften, war aber zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Am 3. Mai war ganz München in den Händen der Regierungstruppen.

                    Hochverratsprozess

                    Während der Anarchist Gustav Landauer, Freund Eisners und Mentor Tollers, brutal ermordet, der Kommandant der Roten Armee Egelhofer bei der Verhaftung sofort erschossen und Leviné zum Tode verurteilt wurde, gelang es Toller unterzutauchen. Ein Haftbefehl wurde erlassen und 10.000 Mark Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt. Ein Steckbrief mit seinem Foto war an jedem Rathaus zu sehen und an jeder Polizeistation in Bayern sowie in allen größeren Städten Deutschlands. In München wurde jede Arbeiterwohnung durchsucht, und Toller musste immer wieder sein Versteck wechseln. Überall wollte man ihn gesehen haben. Die Grenzpolizei wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Eisenbahnzüge wurden angehalten, Dörfer umzingelt. Toller hatte München aber gar nicht verlassen. Seine letzte Zuflucht war das Haus des Malers Johannes Reichel in Schwabing. Dort wurde er dann aufgrund einer Denunziation am 4. Juni 1919 verhaftet.

                    Toller wird wegen Hochverrat angeklagt und ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo er in Einzelhaft genommen wurde. Um seinen Prozess entzündeten sich in der Öffentlichkeit lebhafte Kontroversen. Die Linke und auch die liberale Presse versuchte, ein Todesurteil zu verhindern. Auch maßgebliche Intellektuelle und Politiker setzten sich für ihn ein. Eine Welle der internationalen Solidarität unterstützte die Verteidigung. Die Rechten hingegen forderten harte Bestrafung, und Ministerpräsident Hoffmann hielt nicht weniger als die „schwerste Strafe für die Volksverführer“ (Dove, S. 112) für angemessen.

                    Am 14. Juli 1919 begann unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess, bei dem von Anfang an ein antisemitischer Ton herrschte. Man versuchte zudem Toller und andere Führer der Revolution als „Landfremde“ zu denunzieren und ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Da das Todesurteil gegen Leviné mit dessen ehrloser Gesinnung“ gerechtfertigt worden war, versuchte nun die Verteidigung, Tollers ehrenhafte Gesinnung nachzuweisen. Zeugen bestätigten seinen Idealismus und seine moralische Integrität, bescheinigten seine Kameradschaft im Krieg und seinen Mut. Auch habe er sich als Zentralratsvorsitzender immer wieder bemüht, Blutvergießen zu vermeiden. Max Weber sprach von seiner „absoluten seelischen Lauterkeit“ und Thomas Mann bestätigte sein literarisches Talent. Toller selbst steht vor Gericht offen zu seiner revolutionären Gesinnung. „Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, daß Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, daß sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen“ (Toller, Jugend, S. 189).

                    Und er fügt hinzu: „Ich habe all meine Handlungen aus sachlichen Gründen, mit kühler Überlegung begangen und beanspruche, daß Sie mich für diese Handlungen verantwortlich machen. Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich infrage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern“.

                    Das Gericht befindet Toller des Hochverrats für schuldig, anerkennt aber eine „ehrenhafteGesinnung“ und verhängt eine Strafe von fünf Jahren Festungshaft.

                    Fünf Jahre Festungshaft

                    Toller kommt zunächst in die provisorische Festungshaftanstalt Eichstätt. Dort schreibt er in zweieinhalb Tagen sein zweites Drama „Masse Mensch“, „in dem er seine eigene Zerrissenheit zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und den realen Bedingungen gewaltsamer Revolution und Gegenrevolution verarbeitet“(Schaupp, S. 268). Am 15. November 1919 findet im Nürnberger Stadttheater die Uraufführung des Dramas ausschließlich vor Gewerkschaftsmitgliedern statt. Nach vier Aufführungen wird es verboten. Der Durchbruch kommt erst am 29. September 1921 an der Berliner Volksbühne, wo die Aufführung ein Riesenerfolg wird und die Kritiker total begeistert sind.

                    Das expressionistische Theaterstück „Masse Mensch“ besteht aus sieben Bildern, teils „Traumbildern“,„teils realen Bildern“. Die Personen sind „Figuren, die bestimmte Ideen und Haltungen repräsentieren“ (Dove, S. 132). Die Sprache ist leidenschaftlich und elliptisch, d.h., dass häufig mit Satzfragmenten gearbeitet wird. Mittels eines Chores wird versucht, ein Kollektivbewusstsein herzustellen.

                    Worum geht es? Die Protagonistin, „die Frau“,ruft zur Revolution auf, die sie gewaltfrei mittels eines Massenstreiks erreichen will. Sie steht für den „Menschen“ bezogen auf den Titel des Stückes und für das Prinzip der Menschlichkeit. Ihr Gegenspieler, der „Namenlose“, der für die „Masse“ steht, hält ihr vor, dass eine Revolution nur durch revolutionäre Gewalt möglich sei. Dieser dramatische Konflikt durchzieht das ganze Stück bis zum letzten Bild. Was nun tun? Gewalt anzuwenden bedeutet, die Ideale der Revolution zu betrügen, sie nicht anzuwenden heißt, die Revolution zum Scheitern zu verurteilen. Toller greift zur Lösung dieses Konflikts auf das expressionistische Motiv der Erlösung durch Selbstaufopferung zurück: Die Frau lehnt eine eigene Befreiung mittels Gewalt ab und nimmt ihre Hinrichtung an.

                    Der Schluss des Stückes bleibt damit aber unbefriedigend, denn das gesellschaftliche Problem ist nicht gesellschaftlich, sondern individuell gelöst. Das ist, wie wir vor Gericht gesehen haben, auch nicht Tollers eigene Überzeugung. Aber der Autor will offenbar im Hinblick auf sich selbst zeigen, wie schwer es bei einer pazifistischen Grundeinstellung fällt, sich zur Anwendung von Gewalt durchzuringen.

                    Während seiner Festungshaft schreibt Toller noch weitere Dramen, die sich alle mit der Revolution befassen, so 1920/21 „Die Maschinenstürmer“, 1921/22 „Hinkemann“, und 1923 „Der entfesselteWotan“. In künstlerischer Sicht waren die Jahre im Gefängnis seine produktivsten. Alle Dramen müssen in seiner Abwesenheit aufgeführt werden und haben großen Erfolg.

                    Wie waren nun die Haftbedingungen der Revolutionäre in Niederschönenfeld? Denn 1920 war von der bayerischen Regierung beschlossen worden, alle politischen Gefangenen, d.h. etwa 100 Akteure der Räterepublik, in der Festung Niederschönenfeld zu konzentrieren. Seit dem 16. August 1919 war eine „verschärfte Hausordnung“ erlassen worden, die durch ausgesprochene Willkür gekennzeichnet war so wie durch ein ausgeklügeltes Strafsystem. Alle Briefe und Zeitungen wurden streng zensiert, Lebensmittelpakete wurden geöffnet, Besuche eingeschränkt und nur noch unter Aufsicht gestattet. Bei Verstößen gegen die Gefängnisvorschriften kam es zu drakonischen Strafen wie generellem Besuchsverbot oder dem Entzug von Zeitungen und Schreibmaterial. Wer sich dagegen auflehnte, erhielt Einzelarrest bei Brot und Wasser oder wurde in eine Dunkelzelle gesperrt. Toller litt physisch wie psychisch. Zum Glück gelang es ihm, seine Manuskripte aus dem Gefängnis heraus zu schmuggeln. Die Ungerechtigkeiten, die er miterlebt, setzen ihm schwer zu. Als er sich für einen Mitgefangenen einsetzt, erhält er eine Briefsperre von sechs Wochen und 14 Tage Hofentzug. Am 26.4.1920 schreibt Toller „an den Herrn Festungsvorstand“: „Seit drei Wochen bin ich ohne eine Stunde Hofgang. Das ist eine Strafform, die nicht einmal im altenkaiserlichen Regime einem Zuchthausgefangenen zugemutet wurde. Seit zwei Wochen bin ich in Einzelhaft und darf weder Zeitungen halten noch Besuch empfangen, ohne den Grund dieser Strafen zu wissen (…)“ (Briefe aus dem Gefängnis, S.21). Toller spricht von „einer Kette widriger Entwürdigungen“ (Briefe, S. 71). Besonders trifft es ihn immer, wenn er mit Schreibverbot bestraft wird. Dann schreibt er, unter dem Tisch sitzend, heimlich beim Licht hereingeschmuggelter Kerzen. Immer wieder kommt er zu dem Fazit: „Gefängnis ist Schändung von Menschen“ (Briefe, S.77). Trotz allem schreibt er in einem seiner „Briefe aus dem Gefängnis“an eine Freundin: „Nicht Angst haben, ich lasse mich nicht unterbekommen, ich zerbreche nicht“(Briefe, S. 35). Aber er erlebt, dass „die zerstörerischen Wirkungen der Haft (…) den ganzen Menschen treffen“ (Briefe, S. 111). „Wir alle frieren, frieren, frieren. Die Kälte zermürbt den Körper ebenso wie den Geist, ich leide empfindlich darunter, ich kann kaum lesen, bin gnärrig, mürrisch, frei von jedem guten oder tröstlichen Gedanken, passe so recht zu meinen grauen Haaren“ (Briefe, S. 128). Als Toller 1922 das schreibt, ist er erst 29 Jahre alt. Aber die drei Jahre Haft haben seine schwarzen Haare grau werden lassen. Dennoch hat er eine Begnadigung anlässlich des großen Erfolgs seines ersten Dramas – wie erwähnt – ein Jahr zuvor abgelehnt, weil sie nicht auch für die anderen Mitstreiter der Räterepublik gegolten hätte. Am 15. Juli 1924 wird Toller aus der Haft entlassen und gleich des Landes verwiesen. Von zwei Kriminalbeamten eskortiert, wird er an die sächsische Grenze gebracht.

                    Das Schwalbenbuch

                    Noch im Gefängnis schrieb Ernst Toller im Jahre 1923 einen Gedichtzyklus, der heute als sein Hauptwerk gilt: „Das Schwalbenbuch“. Diese Gedichte sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt und machten Toller weltberühmt.

                    Inspiriert dazu hatten ihn Schwalben, die im Sommer 1922 in seiner Zelle nisteten. Er beschreibt in freien Versen seine Gefühle, die die Betrachtung der Vögel in ihm weckt. Ausgangspunkt ist der Tod eines Freundes, der in seiner Zelle gestorben ist, weil ihm medizinische Hilfe versagt blieb.

                    Ein Freund starb in der Nacht. Allein. Die Gitter hielten Totenwacht. Bald kommt der Herbst. Es brennt, es brennt ein tiefes Weh. Verlassenheit.“ Toller ist an einem seelischen Tiefpunkt angekommen. Er schreibt: „Nirgends blüht das Wunder.“ Und dann hört er die leisen Vogellaute. „Zirizi Zirizi Zirizi Zirizi Urrr“ Ganz langsam beginnt Toller zu begreifen, dass das Leben weitergeht: „Fort fort, Genosse Tod, fort fort, Ein andermal, später, viel später.“ Er sieht das Schwalbenpärchen. Nun ändert sich sein ganzes Leben im Gefängnis. Die schwarzen Berge weichen zurück vor „einem Farbenrausch sich entfaltender Orchideen“. „Mein Schwalbenpaar. Das Wunder ist da! Das Wunder! Das Wunder!“Die Schwalben sind für ihn, den Gefangenen, „die Vögel der Freiheit“. Und er ruft: „O bleibt Gefährten mir, Schwalben!“(Toller, Band 2, S. 327ff).

                    Einen Sommer lang lebten die Schwalben in seiner Zelle. Aber die Festungsverwaltung bekam mit, was er geschrieben hatte, und er musste seine Zelle wechseln. Die Schwalben kamen im nächsten Sommer wieder und fanden einen neuen Insassen vor. Kurz darauf rissen Aufseher das fast fertige Nest von der Wand. Die Schwalben fingen von vorne an. Wieder zerstörten die Wärter das Nest. Der Häftling, Rupert Enzinger aus Kolbermoor, schrieb an den Festungsvorstand, die Schwalben bitte ihr Nest bauen zu lassen. Ohne Erfolg. Auch dieser Gefangene wurde verlegt.

                    Toller ist von den Schwalben und ihrem Leben tief beeindruckt. Sie geben ihm Kraft, sie beleben ihn. Er bewundert ihren Nestbau, „ihr edel gewölbtes Nest“. Dann legen sie Eier. Toller schreibt: „Fünf festliche Tempel keimenden Lebens“. Er beobachtet die Aufzucht der Jungen, bewundert den Flug der Schwalben und schreibt: „Ich bin nicht allein.“

                    „Das Schwalbenbuch“ ist ein überaus ergreifendes Zeugnis davon, wie ein Mensch, der im Gefängnis droht zugrunde zu gehen, das Leben in Gestalt von einem Vogelpärchen wieder entdeckt. Und es wird auch die ganze Niedrigkeit der Gefängnisleitung sichtbar, die roh und gefühllos handelt, um die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen.

                    Kurz zu dem erwähnte Kolbermoorer Maurerpolier Rupert Enzinger, dessen Biographie der Kolbermoorer Joseph Legath erforscht hat (Legath, Gedanken). Enzinger war am 10.7.1919 vom Standgericht München wegen Hochverrat zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden. Enzinger war aktiver Kolbermoorer Kommunist. In einem Bericht des Bezirksamts Aibling heißt es, er sei einer derjenigen, „die als Führer, Agitatoren und Hetzer gegen die Staatsordnung in Betracht kommen bzw. die sich ganz besonders im spartakistischen und bolschewistischen Sinne betätigen“ (StAM –LRA 47146). Außer Rupert Enzinger saßen in Niederschönenfeld noch drei weitere wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilte Kolbermoorer ein.

                    Das Schwalbenbuch“ wurde von der Gefängnisleitung als „Hetze“ bezeichnet, es wurde beschlagnahmt und konnte erst 1924 veröffentlicht werden, nachdem es durch einen entlassenen Häftling hinausgeschmuggelt worden war.

                    Die Jahre bis zum Exil 1933

                    Toller war inzwischen zum berühmtesten deutschen Dramatiker seiner Generation avanciert, dessen Stücke bereits in allen Theatermetropolen der Welt aufgeführt wurden. Und weitere neue Stücke sollten folgen wie „Hoppla, wir leben“,„Feuer aus den Kesseln“,„Nie wieder Friede“ und „Pastor Hall“. Die kommenden Jahre bildeten den Zenit seines Ruhms. Fast ständig erhielt er aus dem In- und Ausland Anfragen nach Vorträgen und Lesungen und unternahm deswegen z.T. ausgedehnte Reisen wie in die USA und die Sowjetunion, aber auch nach Ägypten, Palästina, Frankreich und England, nach Österreich, Dänemark und Norwegen, nach Italien, die Schweiz usw.. Er hielt Reden, gab Interviews, schrieb Aufsätze, nahm an Kongressen teil, mal auf Deutsch, mal auf Englisch oder Französisch. Er engagierte sich in den unterschiedlichsten politischen Angelegenheiten mit den Schwerpunkten politische Justiz, Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, Kulturpolitik sowie der Unabhängigkeit der Kolonien. Er zählte zu den führenden Mitgliedern der „Liga für Menschenrechte“ und trat der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ bei, deren Mitglied auch Kurt Tucholsky war. Die Gruppe vertrat den Standpunkt, Krieg sei das Ergebnis kapitalistischer Gesellschaft, Pazifismus sei daher nur innerhalb einer sozialistischen Weltordnung möglich.

                    Toller war trotz der langen Haft politisch absolut auf der Höhe seiner Zeit und schrieb ständig für die führenden politischen und literarischen Zeitschriften Artikel, vor allem für die berühmte „Weltbühne“, das Forum der demokratischen Linken schlechthin. Das Spektrum seiner Themen ist ausgesprochen breit, seine Kenntnisse fundamental. Ob er sich mit Heimarbeit im Erzgebirge oder dem sozialistischen Wien befasst, mit der Bewaffnung der Flotte oder der Kampagne zur Befreiung von Franz Hölz – immer ist Toller bestens informiert und überaus engagiert. Max Hölz war Führer einer Roten Armeeeinheit im Vogtland und wurde für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, den er nicht begangen hatte. Toller setzte sich in Artikeln für ihn ein, sprach auf Kundgebungen und sammelte Geld. 1928 kam Hölz frei. Hölz ist nur ein Beispiel von vielen, für die Toller kämpfe.

                    Sein politischer Scharfblick wird am deutlichsten in seinen Reden und Artikeln über den Nationalsozialismus. Hellhöriger als die meisten seiner Zeitgenossen schrieb er schon 1927: „Der Faschismus ist eine solche Gefahr für die europäische Arbeiterschaft, daß ich glaube, man sollte jede Offensive gegen ihn begrüßen“(Dove, S.179). In seiner Rede zum 10. Todestag von Kurt Eisner sagte er 1929: „Wir stehen vor einer Herrschaftsperiode der Reaktion. Glaube keiner, die Periode eines noch so gemäßigten, noch so schlauen Faschismus werde eine sehr kurze Übergangsperiode sein. Was jenes System an revolutionärer, sozialistischer, republikanischer Energie zerstört, ist kaum in Jahren wieder aufzubauen“(In Memoriam Kurt Eisner, in: Toller Bd.1, S. 168). Und schon eineinhalb Jahre später sagte er mit hoher Präzision voraus, welche Konsequenzen aus einer Machtergreifung der Nationalsozialisten resultieren würden, wie die Abschaffung sozialer Reformen, die Entfernung von SPD-Anhängern aus allen Machtpositionen, die Zerschlagung der Gewerkschaften und die Anwendung „nackten, brutalen Terrors gegen Sozialisten; Kommunisten, Pazifisten und die paar überlebenden Demokraten“ (Reichskanzler Hitler, in: Weltbühne, 7. Oktober 1930, nachgedruckt in: Toller, Bd.1, S.71). Er beschließt diesen Artikel mit den Worten: „Geschieht heute nichts, stehen wir vor einer Periode des europäischen Faschismus, einer Periode des vorläufigen Untergangs sozialer, politischer und geistiger Freiheit, deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwartenist.“ 1932 schreibt Toller: „Es gäbe nur noch ein Mittel, den Sieg des Faschismus zu vereiteln: Die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten Arbeiterklasse mit klar umrissenen Kampfzielen“ (Zur deutschen Situation, in: Toller, Bd.1, S.75).

                    Toller im Exil

                    Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, gehörte Toller zu den ersten, die sie loswerden wollten. Zu den 33 Namen auf der Liste von Personen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, gehörte auch der seine. Zwei Stunden nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar drangen bereits SA-Leute in Tollers Wohnung ein, um ihn festzunehmen. Aber Toller war in der Schweiz, wo er in einer Reihe von Rundfunksendungen mitwirken sollte. In den darauffolgenden Monaten wurden Tollers Stücke verboten, seine Bücher verbrannt und sein Eigentum konfisziert. Am 1. April wurde er von Joseph Goebbels in einer seiner Hauptreden zum öffentlichen Feind des Dritten Reiches erklärt. Besonders hatte dieser sich darüber erregt, dass Toller einst geäußert hatte: „Es gibt kein dümmeres Ideal als das Ideal des Helden.“

                    Nach der Schweiz sind weitere Stationen seines Exils London und New York. Aus dem Ausland bekämpft er weiter mit über 200 Ansprachen, Vorträgen und Rundfunkreden das Naziregime und ist damit eine der wichtigsten und meist gehörten Stimmen der Aufklärung über das deutsche Terrorsystem. Er hält aber auch literarische Vorträge und arbeitet an Drehbüchern, Aufsätzen, Reportagen und Gedichten. Er setzt sich ein für die Freilassung von Ernst Thälmann und Carl von Ossietzky und kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die ins Exil fliehen mussten. Und immer wieder unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen wie vier Monate durch die USA und Kanada. Allein in Los Angeles hören ihm 6500 Menschen zu. Aber zwischendurch hat er immer wieder Anfälle von Mutlosigkeit und Verzweiflung, und Depressionen suchen ihn heim.

                    Auch die Liebe vermag ihn nur kurzfristig psychisch zu stabilisieren. 1935 heiratete er die 23 Jahre jüngere Schauspielerin Christiane Grautoff, die er seit 1932 kannte und die ihm ins Exil nach London gefolgt war. Drei Jahre lang stand sie ihm eng zur Seite und packte immer seinen Koffer, ohne einen Strick zu vergessen, den er immer dabei haben wollte. Auf die Dauer ertrug sie aber Tollers psychische Instabilität nicht mehr. Im Juli 1938 kam es zur Trennung.

                    Tollers letztes großes Projekt war ein gigantischer Hilfsplan für das von Bürgerkriegswirren zerrissene Spanien und seine hungernde Bevölkerung. Toller war überzeugt, dass nur eine vereinte Aktion aller demokratischer Regierungen erfolgreich den Kampf mit dem Hunger aufnehmen konnte. Aus dem umkämpften Madrid richtete er u.a. einen eindringlichen Appell an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Aber sein erhoffter Erfolg blieb aus und am 28. März 1939 marschierten Francos Truppen in Madrid ein. Tollers Stimmungslage schlug um.

                    Nach Wochen der Schlaflosigkeit und inzwischen chronischer Depression nahm er sich im Mayflower Hotel in New York am 22. Mai 1939 das Leben. Zur Gedenkfeier kamen über 500 Menschen. Eine der Grabreden hielt Oskar Maria Graf. Einer der Redner nannte Toller zurecht „ein Symbol der Revolution“.

                    Literaturverzeichnis

                    Distl, Dieter, Ernst Toller, Eine politische Biographie, Schrobenhausen 1993

                    Dorst, Tankred, Toller, Frankfurt a.M. 1968

                    Dove, Richard, Ernst Toller, Ein Leben in Deutschland, Göttingen 1993

                    Fuld, Werner und Ostermaier, Albert (Hrsg,), Die Göttin und der Sozialist, Christiane Grautoff – ihr Leben mit Ernst Toller, Bonn 1996

                    Grau, Bernhard, Kurt Eisner 1867-1919, München 2001

                    Höller, Ralf, Der Anfang, der ein Ende war, Die Revolution in Bayern, Berlin 1999

                    Höller, Ralf, Das Wintermärchen, Berlin 2o17

                    Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008

                    Legath, Josef, Ernst Toller, Gedanken zu einem friedfertigen Revolutionär, in: Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.2, Kolbermoor 2004, S. 153 – 161

                    Rothe, Wolfgang, Toller, Reinbek 1997, rowohlts monographien, Bd.50312

                    Schaupp, Simon, Der kurze Frühling der Räterepublik, Ein Tagebuch der bayerischen Revolution, Münster 2017

                    Stenographische Berichte des Provisorischen Nationalrates des Freistaates Bayern von der Sitzung vom 2. Januar 1919

                    Toller, Ernst, 6-bändige Werke, hrsg. von Wolfgang Frühwald und John M. Spalek,

                    München 1979

                    Band 1: Kritische Schriften, Reden und Reportagen

                    Band 2: Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis 1918

                    – 1921

                    Band 3: Politisches Theater und Dramen im Exil 1927 –

                    1939

                    Band 4: Eine Jugend in Deutschland

                    Band 5: Briefe aus dem Gefängnis

                    Band 6: Der Fall Toller, Kommentar und Materialien

                    Ulrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

                    Viesel, Hansjörg, Literaten an der Wand, Frankfurt a.M. 1980, Ernst Toller, S. 329 – 410

                    Weidemann, Volker, Träumer, Als die Dichter die Macht übernahmen, Köln 2017

                    Internet

                    Falke, Eberhard, Ein Denkmal für Ernst Toller, 28.4.2015, http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-ein-denkmal-fuer-ernst-toller.700.de.html?dram:article_id=318154

                    Kultur, Der Dramatiker als Revolutionär, 13.1.2018 https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/bayerische-schriftsteller-toller100.htmal

                    Andreas Salomon, März 2018

                    Kolbermoorer Rätezeit jetzt offizieller Teil der Stadtgeschichte

                    Seit gut 20 Jahren kämpft der Rosenheimer Kreisverband der GEW darum, die Geschichte des Roten Kolbermoors für die Bevölkerung wieder sichtbar zu machen. Kolbermoor war während der Novemberrevolution eine Hochburg der Räte. Früher als in anderen Orten Bayerns radikalisierte sich hier die Arbeiterschaft, geschlossener standen die Arbeiter hinter ihren Räten, waren zur Verteidigung ihrer Errungenschaften bereit und bildeten schließlich die letzte rote Bastion, die in Bayern am 3. Mai 1919 fiel. Umzingelt von einer Übermacht an Regierungssoldaten und Freikorps mussten die Roten schließlich kapitulieren. Besondere Tragik: Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann, der zur Übergabe geraten hatte, und sein Sekretär wurden einen Tag später von Grafinger Weißgardisten ermordet.

                    Den Gewerkschaftskollegen war es dabei nicht nur ein großes Anliegen, dass für Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn ein Denkmal gesetzt wurde, sondern dass die Stadt Kolbermoor die Rätezeit als Teil ihrer Stadtgeschichte annahm.

                    Vor 20 Jahren gab es für ein Denkmal im Stadtrat keine Mehrheit, sodass der Kreisverband der GEW selber ein Denkmal errichtete und mit Hilfe großzügiger Spender wie z.B. Dr. Klaus Weber finanzierte. Immer wieder wurde dieses Denkmal von Nazis angegriffen. Mal wurde es mit blauer Farbe zugesprüht, mal mit Säure verätzt oder mit großen Hakenkreuzen und der Aufschrift „Noske, do it again!“ beschmiert. (Der Reichswehrminister Gustav Noske hatte seinerzeit die Revolution mit Gewalt niedergeschlagen.) Schließlich wurde die große Marmortafel mit schwerem Gerät endgültig zerstört.

                    Die GEW hatte durch Veranstaltungen und Leserbriefe nie nachgelassen, die Geschichte des Roten Kolbermoor lebendig zu halten und weiter im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

                    In diesem November war es dann so weit. Die Stadt Kolbermoor eröffnete im Rathaus eine Ausstellung zum Thema, die Stadträte genehmigten einstimmig, dass die Stadt ein neues Denkmal finanziert und am 14. November wurde dieses offiziell eingeweiht. Blumenschalen der Stadt waren vor dem neuen sehr stabilen Denkmal zu sehen, der Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo (SPD) konnte an die 70 Anwesende begrüßen und der GEW-Kollege Andreas Salomon hielt die Hauptrede. Der Bürgermeister verwies darauf, dass Männer wie Georg Schuhmann es gewesen seien, die damals „sich dafür einsetzten, die Not der Arbeiterschaft zu mindern und eine sozialere, gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.“ Das Denkmal, so Andreas Salomon, erinnere nicht nur an die feige Mordtat, sondern stehe symbolisch für die gesamten sechs Monate der Kolbermoorer Rätezeit, die jetzt offiziell zu einem wesentlichen Teil der Stadtgeschichte geworden sei. Wenn jetzt die Nazis erneut die Tafel angreifen würden, dann würde die ganze Stadt attackiert.

                    Am kommenden Tag berichtete die Lokalzeitung in einem halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Ein massiver Teil der Stadtgeschichte“. In den nächsten Monaten wird der Kreisverband der Gewerkschaft durch Vorträge und Rundgänge auf den Spuren von Schuhmann und Lahn weiter aufklären, aber auch die Stadt bietet eine Reihe von Veranstaltungen an. Manche Dinge brauchen eben einen langen Atem.

                    Andreas Salomon, KV Rosenheim

                    Rede zur Denkmalseinweihung für Georg Schuhmann und Alois Lahn in Kolbermoor am 11.11.2018

                    von Andreas Salomon

                    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, verehrte Damen und Herren des Stadtrates, verehrte Anwesende,

                    das heutige Datum für die Denkmalseinweihung habe ich mit Bedacht ausgewählt, weil auf den Tag genau vor 100 Jahren die SPD in den hiesigen Mareissaal eine Volksversammlung einberief, auf der der 1. Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde. Damit war der Beginn einer sechsmonatigen Phase demokratischer Mit- und schließlich Selbstbestimmung gesetzt, die am 3. Mai 1919 mit der Übergabe der Stadt offiziell endete. Und die Tafel, die wir heute einweihen wollen, erinnert daran, dass einen Tag später, am 4.Mai 1919, Grafinger Weißgardisten die Wohnungen des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn stürmten, beide schwer misshandelten, zur Tonwerksunterführung schleiften und dort ermordeten.

                    Besonderer Dank gebührt heute der Stadträtin Frau Dagmar Levin, die im Stadtrat den Antrag stellte, die Stadt möge Geld für die Errichtung eines neuen Denkmales zur Verfügung stellen, nachdem das bisherige mit brachialer Gewalt endgültig zerstört worden war. Und der Dank der Bevölkerung gilt Herrn Bürgermeister Kloo und dem gesamten Stadtrat, die einstimmig 5000 Euro für dieses neue Denkmal bewilligt haben. Und natürlich wollen wir unseren Künstler nicht vergessen, Herrn Joseph Still, der dieses neue Kunstwerk geschaffen hat und ihm herzlich für seine gelungene Arbeit danken. Herr Still wird selbst noch zu seinem Werk sprechen.

                    Sie wissen, dass die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an den Mord an Schuhmann und Lahn bereits eine dreißigjährige Geschichte hat. Zum allerersten Mal wurde 1989 von Klaus Weber und einigen Freunden eine Tafel errichtet, die allerdings nicht lange Bestand hatte, weil sie wenig wetterfest war. Damals gelang es auch nicht, die Geschichte, die sich hinter dem Denkmal verbarg, sichtbar zu machen und der Bevölkerung zu vermitteln.

                    Rechtzeitig zum 80sten Todesstag von Schuhmann und Lahn hatte ich dann meine Forschungen zur Kolbermoorer Räterepublik soweit vorangetrieben, dass an ihrem Todestag, dem 4. Mai 1999, also vor knapp 20 Jahren, die Ergebnisse in einem historischen Rundgang durch Kolbermoor präsentiert werden konnten. Mit Unterstützung durch den Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatten wir eine relativ schlichte Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung errichtet und ein Gedenkschild am Wohnhaus von Georg Schuhmann anbringen lassen.

                    Schon damals hatte ich mich darum bemüht, dass die Stadt Kolbermoor die Gedenktafel errichten möge. Dazu gab es zwei Anträge. Einen brachte die Grüne Liste ein, der in der Stadtratssitzung vom 27.1.1999 mit 10 zu 11 Stimmen abgelehnt wurde. Die Stadträtinnen und Stadträte der Grünen, der SPD und der Freien Wähler unterlagen mit einer Stimme der CSU und den Republikanern. Einen zweiten Versuch unternahmen Hans Lorenz als DGB-Ortskartellvorsitzender und ich im Namen des Kreisverbandes der GEW. Der Antrag vom 5. März 1999 kam aber in einer Stadtratssitzung gar nicht erst zur Entscheidung. Der 2. Bürgermeister Herr Schrank (CSU) erklärte in Vertretung des 1. Bürgermeisters Herrn Reimeier (CSU), dass das Gelände für die Aufstellung der Tafel gar nicht im Besitz der Stadt sei, sondern der Bahn gehöre. So beschloss der Kreisvorstand der GEW, die Erinnerungstafel in Eigenregie aufzustellen, wie es dann auch geschah.

                    Die Gedenkfeier für Georg Schuhmann und Alois Lahn anlässlich deren 80stem Todestages geriet zu einem größeren Kolbermoorer Ereignis im Beisein von Bürgermeister Ludwig Reimeier, des DGB-Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Kreis Südost-Oberbayern Herrn Lorenz Ganterer sowie zahlreichen Stadträten und anderen namhaften Persönlichkeiten aus Kolbermoor und Umgebung. Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung und die Vertreter verschiedener Parteien hielten an den unterschiedlichsten Stationen des Rundgangs Ansprachen.

                    Die errichtete Gedenktafel sollte aber nicht lange bestehen. Bereits am 11.1.2000 berichtete der Mangfall-Bote, dass die Kunststofftafel mit blauer Farbe komplett zugesprüht worden war und nicht mehr repariert werden konnte.

                    So musste an gleicher Stelle eine neue Gedenktafel errichtet werden, die Sie sicherlich alle kennen. Sie war wesentlich massiver, um möglichen weiteren Attacken widerstehen zu können und eine Zerstörung erschien undenkbar. Aber auch diese Tafel wurde immer wieder angegriffen. Mal wurde sie mit Säure attackiert, mal mit Farbe. Als große Hakenkreuze aufgesprüht wurden und der Satz: „Noske, do it again!“, war auch klar, aus welcher Ecke die Angriffe kamen. Gustav Noske war als Reichswehrminister 1918/1919 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Noch einmal konnte die Bronze-Platte gereinigt werden. Als aber dann die Täter mit schwerem Gerät anrückten und die große, äußerst stabile Marmortafel zerschlugen, war die Gedenktafel endgültig zerstört. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich die Gedenkstätte gepflegt und immer wieder Blumen angepflanzt – jetzt bot sich dem Betrachter ein jämmerlicher Anblick.

                    Wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar. Dann kam der Antrag von Dagmar Levin und die Zustimmung des Stadtrates. Ich denke, dass diese Entscheidung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und freue mich darüber außerordentlich, denn nun ist die Gedenktafel und die Stelle, wo sie errichtet ist, ein offizieller Standort der Stadt und die Stadt Kolbermoor erinnert an die feige Bluttat an dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinem Sekretär Alois Lahn.

                    Das ist nicht nur eine deutliche Aufwertung der Tafel, sondern zeigt letztendlich, dass die damalige Geschichte der Kolbermoorer Räterepublik nicht mehr verdrängt wird, sondern offiziell als ein Teil der Kolbermoorer Stadtgeschichte angenommen wird. Inzwischen ist ein historisches Bewusstsein gewachsen und in einem Gespräch mit Herrn Bürgermeister Kloo hat mir dieser vor Augen geführt, wie sehr die Wurzeln des heutigen Kolbermoors auch in der damaligen Zeit gesehen werden.

                    Ganz besonderer Ausdruck davon ist auch die aktuelle Ausstellung im Kolbermoorer Rathaus sowie die vielen Veranstaltungen zum Thema in unserer Stadt. Kolbermoor darf stolz darauf sein, dass heute in dieser Stadt in größeren Dimensionen gedacht wird und nicht mehr vergessen wird, dass demokratisches Denken bereits vor 100 Jahren praktiziert wurde.

                    Als 1947 die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wurde, hieß es bereits im Protokoll: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung sein Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Der Beschluss war einstimmig, wie mir der damalige und inzwischen verstorbene Bürgermeister Karl Staudter versicherte. Im Gemeinderat saßen sieben Angehörige der SPD, sechs der CSU und zwei von der KPD.

                    Georg Schuhmann hat in den wenigen Monaten seiner Wirkungszeit die Geschicke Kolbermoors nachhaltig beeinflusst. Der in Bamberg am 6. März 1886 geborene gelernte Installateur war als Kriegsteilnehmer wie hunderte anderer Soldaten in die Sanierung gekommen, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor, wo die Soldaten zusammengefasst wurden, um entlaust und wieder neue eingekleidet zu werden.

                    Dass hier unter den Soldaten intensive Diskussionen über den verlorenen Krieg und die aktuelle wirtschaftliche und soziale Lage geführt wurden, lässt sich denken. Über die Vorgeschichte des zweiunddreißigjährigen, unverheirateten Schuhmann wissen wir fast nichts. Nachforschungen brachten bisher kaum Ergebnisse. Es darf aber aufgrund seiner intensiven und geradezu professionellen Aktivitäten in Kolbermoor angenommen werden, dass er über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügte und bestens informiert war, was nicht nur das Deutsche Reich anbelangte, sondern auch die Verhältnisse in Europa und darüber hinaus wie z.B. in Russland.

                    Dass er nach Kolbermoor kam, dürfte allein darauf zurückzuführen sein, dass hier bereits seit zwei Jahren seine zehn Jahre ältere unverheiratete Schwester wohnte, zu der er am 15.11. 1918 in die Kolbermoorer Karlstraße 2 zog. Am 1.2.1919 nahm er sich dann eine eigene Wohnung in der Alpenstraße 3, der heutigen Schuhmannstraße.

                    Sein Name taucht im Beschlussbuch des Volksrates, das ich im Kolbermoorer Archiv entdeckte, zum ersten Mal im Protokoll der Sitzung vom 8. Januar 1919 auf, bei der der 2. Kolbermoor Volksrat gewählt wurde. Auf der Vollversammlung im Mareissaal schlug die Sozialdemokratische Partei neun Mitglieder vor, über die einzeln abgestimmt wurde. Im Protokoll heißt es: „Die Vorschläge wurden von der Versammlung teils einstimmig, teils mit erdrückender Mehrheit angenommen.“ Einer von ihnen war Georg Schuhmann, der zu dem Zeitpunkt noch keine drei Monate in Kolbermoor ansässig war. Es ist schon außerordentlich erstaunlich, dass er da schon eine derartige Popularität genoss.

                    Wir wissen nicht, wie lange er schon in der Sanierung war und Kontakte nach Kolbermoor hatte, aber als sicher darf angenommen werden, dass er seit dem 15. November, als der 1. Volksrat gerade einmal vier Tage im Amt war, sich bereits intensiv mit den Gegebenheiten vor Ort beschäftigte und die Arbeit des Volksrates unterstütze. Anders lässt sich seine Wahl als gewissermaßen Ortsfremder nicht erklären.

                    Schon bald entwickelten Schuhmann und seine Mitstreiter eine rege kommunalpolitische Arbeit und kümmerten sich um all die Erfordernisse, die der Bevölkerung auf den Nägeln brannten. Der Volksrat hatte zu diesem Zeitpunkt nur beratende Funktion, konnte also nicht selber entscheiden. Er hatte vor allem die Aufgabe „amtliche Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ Er war also der Katalysator, der für Gerechtigkeit und demokratisches Verhalten bei der Arbeit der Gemeinde zu achten hatte und deswegen eigene Vertreter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses schickte. Besondere Bedeutung kam dabei der Ernährung der Bevölkerung zu, wobei es um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel ging. Der Volksrat bildete dazu extra einen vierköpfigen Lebensmittelausschuss.

                    Die Protokolle des 2. Volksrates zeugen von einer deutlich intensivierten Arbeit. Neben der Versorgung mit Lebensmitteln ging es um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um Straßenbau, den Uferschutz der Mangfall, Maßnahmen gegen die Verrohung der Jugend durch den Krieg und vieles mehr. Immer wieder werden Schleichhandel und Wucherpreise gerügt, genauso wie unlauterer Wettbewerb. Aber auch gewerkschaftliche Ziele wie die Einführung des 8-Stunden-Tages bei der Gemeinde und gerechte Entlohnung sind Themen. Bereicherungsversuche einzelner auf Kosten der Bevölkerung werden aufgedeckt und immer wieder schlechte Lebensmittel gerügt. Das Wirken von Schuhmann und seinen Mitstreitern war frei von eigenen Interessen und hatte einzig und allein das Wohl von Kolbermoor im Sinn.

                    Der Einfluss des Volksrates war so bedeutsam, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann seit dem 5. Februar 1919, also bereits nach vier Wochen seiner Amtszeit, regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters Bergmann abhielt. Aus den Protokollen geht hervor, dass daraus keinerlei Spannungen entstanden. Vielmehr wurden die Anträge des Volksrates von der Gemeinde zunehmend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor gestaltete und die Gemeinde zunehmend zur Exekutive wurde.

                    So überraschen dann die Vorgänge vom 22. Februar 1919 nicht, als einen Tag nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wird.

                    Jetzt hatte der Volksrat in Kolbermoor die Zügel in der Hand und Schuhmann wurde quasi der 5. Kolbermoorer Bürgermeister. Mit unverminderter Intensität setzte der Volksrat seine Arbeit fort, was jetzt nicht im Einzelnen dargelegt werden soll.

                    Schuhmann genoss in Kolbermoor ungeheures Ansehen. Die Chroniken besagen, die Arbeiterschaft „verhimmelte“ ihn. Inzwischen war er auch über Kolbermoor hinaus bekannt und in den Bezirksrat gewählt worden. Offenbar hielt er enge Verbindungen nach München und war mit der dortigen Entwicklung bestens vertraut. So erklärt es sich auch, dass am 29.4.1919 noch einmal ein Volksrat gewählt wurde, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte.

                    Georg Schuhmann war inzwischen von der USPD zur KPD übergetreten und sämtliche Mitglieder des neuen Volksrates gehörten dieser Partei an. Diese Entwicklung entspricht der 4. Phase der Räterepublik in München, bei der die Kommunisten unter Leviné die 2. Räterepublik gründeten. Aber die Tage waren gezählt. Überall mussten sich die Roten der Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps beugen. Kolbermoor war die letzte rote Bastion in Bayern. Ich denke, nirgendwo stand die Bevölkerung derartig intensiv hinter ihrem Volksrat wie hier.

                    Kolbermoor wurde umzingelt, die Bevölkerung war zur Gegenwehr bereit. Bewaffnete Züge wurden von den Arbeitern der Gemeinde gebildet. Die Übermacht war gewaltig und im Mareissaal wurde heftig diskutiert, was man machen sollte. Besonders die Frauen waren für Verteidigung. Aber letztendlich setzte sich die Vernunft durch und Georg Schuhmann plädierte für die Übergabe der Stadt, um ein Blutvergießen zu vermeiden. So geschah es dann auch am 3. Mai 1919.

                    Eine besondere Tragik war es dann, dass einen Tag später ausgerechnet derjenige, der für Gewaltfreiheit plädiert hatte, zusammen mit seinem Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten brutal misshandelt und schließlich ermordet wurde.

                    Wenn wir heute Georg Schuhmann und Alois Lahn mit einer neuen Gedenktafel ehren wollen, so ist damit der Wunsch verbunden, dass ihr Wirken für die Stadt Kolbermoor nicht vergessen werden soll. Uneigennützig haben sie ihr junges Leben zum Wohl ihrer Heimatgemeinde eingesetzt und grausam verloren. Mögen sie unvergessen bleiben.

                    Das rote Kolbermoor

                    Beitrag von Andreas Salomon im Lokalhistorischen Taschenkalender „Es lebe das freie Bayern“

                    Am 29.10.1918 löste der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven die Novemberrevolution aus. Deren Ursachen sind in erster Linie in den katastrophalen Folgen des 1. Weltkrieges (1914-1918) zu suchen. Nicht nur dass der Krieg verloren wurde und in Bayern 180.000 Soldaten ihr Leben lassen mussten, auch die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung waren während der Kriegsjahre unerträglich geworden.

                    Am 7.11.1918 kam es daher in München auf der Theresienwiese zu einer großen Friedenskundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern, auf der ein sofortiges Ende des Krieges, der Rücktritt des Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden sowie umgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Bei einer anschließenden Demonstration zu den Kasernen laufen die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären über. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet und am kommenden Tag Kurt Eisner (USPD) zum Ministerpräsidenten gewählt, der den „Freistaat Bayern“ ausruft. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft.

                    Diese Entwicklung hatte auch in Kolbermoor erhebliche Konsequenzen. Denn auch hier hatten die Menschen in den Kriegsjahren sehr gelitten. 730 Soldaten zogen in den Krieg, aber 153 kehrten nicht mehr zurück. Außerdem waren die Lebenshaltungskosten in den Kriegsjahren ganz erheblich gestiegen. Schon im ersten Kriegsjahr hatten sie sich um 20 % verteuert und 1915 wurde sogar das Brot knapp. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. 1917 war dann das große Hungerjahr. Zusätzlich wurde das Heizmaterial knapp, die Wohnungsnot stieg und die Arbeitslosigkeit wuchs. Vor dem Krieg hatten in der Spinnerei noch 900 Menschen ihr täglich Brot verdient, jetzt waren nur noch 140 Arbeitsplatze vorhanden und im Tonwerk gab es statt 450 nur noch 13.

                    Dem Münchner Bespiel folgend wurde für den 11. November 1918 durch die örtliche sozialdemokratische Partei im großen Kolbermoorer Mareissaal eine Volksversammlung einberufen, zu der, wie aus dem Beschlussbuch des Volksrates hervorgeht, ungewöhnlich viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, dem sogar zwei Kommerzienräte angehörten. 1. Vorsitzender wurde der Gastwirt Franz Sperber, sein Vertreter Bürgermeister Eduard Bergmann. Der Sozialdemokrat Franz Sperber war 1890 aus München gekommen und hatte vielfältige Initiativen ergriffen wie die Gründung eines Arbeiter-Lesevereins (1892) sowie einer Arbeiterbibliothek (1900), und schließlich hatte er 1898 eine Ortsgruppe der SPD gegründet.

                    Bereits auf der 1. Sitzung des Kolbermoorer Volksrates am 13. November wurde ein Lebensmittelausschuss gebildet, der Beschwerden entgegennehmen und die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren sollte, um eventuelle Missstände abstellen zu können. Er hatte die Aufgabe, auch streng darauf zu achten, dass angelieferte Lebensmittel gerecht verteilt wurden.

                    Die Kompetenzen des Volksrates waren allerdings eingeschränkt. Er war zunächst lediglich ein Kontrollorgan und bestand parallel zur Gemeindevertretung. Aber er brachte viel Bewegung in die Ortsverwaltung, indem er zahlreiche für die Arbeiter und auch Bauern sinnvolle Tätigkeiten anregte. Die Futtermittelknappheit der Landwirte wurde zur Sprache gebracht, ein Wachkommando eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden oder auf den Vorschlag des Volksrates Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

                    Aber manchen Kolbermoorer Arbeitern ging der Wandel nicht schnell genug und sie drängten nach knapp zwei Monaten auf Neuwahlen mit einer anderen Zusammensetzung des Volksrates. Sie beklagten, dass für eine Arbeiterstadt zu viele Angehörige der Bürgerschicht im Volksrat vertreten seien und dessen Kurs nicht radikal genug sei.

                    Am 8. Januar 1919 kam es dann zur Neuwahl. Nun wurden in den 2. Volksrat sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. So löste man sich in Kolbermoor von der mehrheitssozialdemokratischen Führung (MSPD) im Volksrat sechs Wochen früher als in München und Rosenheim, wo entsprechende Vorgänge erst nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisners am 21. Februar einsetzten. Besonders die Angehörigen der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) erhofften sich von der Neuwahl auch eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

                    Einer der Arbeitervertreter war der 32-jährige Installateur Georg Schuhmann (USPD), der zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Er trug schon bald erheblich dazu bei, dass sich die Arbeit des Volksrates beschleunigte und intensivierte. Konsequent wird der Schleichhandel kontrolliert und die Zurückhaltung von Lebensmitteln bekämpft. Schuhmanns Autorität ist so groß, dass er auf Beschluss des Volksrates vom 6.2.1919 im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden abhält. In der Gemeinde wird der Achtstundentag durchgesetzt und für die Gemeindebedienstete der Lohn erhöht.

                    Nachdem am 21.2.1919 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wird, werden einen Tag später der Kolbermoorer Bürgermeister Bergmann und der Gemeindesekretär Loy zum Rücktritt gedrängt, wie dies auch in vielen anderen Städten, z.B. Rosenheim, geschah. Georg Schuhmann ist jetzt als Volksratsvorsitzender quasi Bürgermeister und der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung.

                    Vieles wird jetzt demokratisch geregelt. So wird beim Rosenheimer Forstamt angeregt, die Staatsfilze nicht mehr an Großpächter, sondern in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung zu verpachten. Auch werden leerstehende Wohnungen beschlagnahmt, um die Wohnungsnot zu bekämpfen. Einer von Ausweisung nach Böhmen bedrohten Frau wird geholfen, sie darf bleiben. Die Kriegsinvaliden werden finanziell unterstützt und Maßnahmen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen ergriffen.

                    Währenddessen hat überall im Deutschen Reich die Gegenrevolution mobilisiert. Der Palmsonntagsputsch vom 13.4.1919 konnte in München und Rosenheim von der Roten Armee bzw. Roten Garde noch zurückgeschlagen worden. In München kommt es daraufhin zur Ausrufung der Kommunistischen Räterepublik. Aber jetzt erbittet der bayerische Ministerpräsident Hoffmann (SPD) die Hilfe der Reichsregierung, die den Reichswehrminister Gustav Noske beauftragt, die Räterepublik München niederzuschlagen. 35.000 Reichswehrsoldaten setzen sich gemeinsam mit diversen Freikorps (den „Weißen“) in Bewegung. Ihnen stehen in München 10.000 – 12.000 Mitglieder der Roten Armee gegenüber. Nach anfänglichen Erfolgen der Roten Armee wird München am 1./2. Mai eingenommen, und eine Woche lang wird ein ungeheures Gemetzel angerichtet mit vielen hundert Toten. Angesichts dieser Situation kapituliert Rosenheim.

                    Wenige Tage vorher, am 30.4.1919, hatte es in Kolbermoor noch einmal eine Wahl eines 3. Volksrates gegeben. Ein „Revolutionärer Arbeiterrat“ war gewählt worden. In ihm sind wie seit dem 13.4.1919 in München nur noch Kommunisten vertreten. 1. Vorsitzender wird wieder Georg Schuhmann.

                    Die letzte rote Bastion in ganz Bayern ist jetzt Kolbermoor. Die Stadt wird zur Festung ausgebaut. Drei Verteidigungsgruppen bilden sich, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Man will all das Aufgebaute nicht kampflos preisgeben. Aber gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon (je nach Zusammensetzung 300 – 1200 Soldaten) regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Nach langen heftigen Diskussionen folgt man den Argumenten des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann, ein großes Blutbad zu vermeiden und kapituliert.

                    Vor dem Kolbermoorer Bahnhof wurden die Unterstützer der Roten verprügelt und im Bahnhofswartesaal richteten die Sieger ein Standgericht ein. Die roten Verteidiger der Stadt Kolbermoor wurden verhaftet und ins Zuchthaus Straubing abtransportiert.

                    Am kommenden Tag, Sonntag, den 4. Mai 1919, ziehen Grafinger Weißgardisten morgens um neun Uhr Georg Schuhmann und seinen erst 18-jährigen Sekretär Alois Lahn aus ihren Häusern, misshandeln sie schwer, schleifen sie zur Tonwerksunterführung und ermorden sie. „Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung“, wie es im Sterberegister heißt. Bei der Beerdigung befürchtete man Ausschreitungen und positionierte Maschinengewehre auf dem Friedhof.

                    Wenn die Revolution auch fehlgeschlagen war, so sammelte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor doch Erfahrungen, entwickelte Bewusstseinsinhalte, und große Teile der Arbeiterschaft wurden resistent gemacht gegenüber dem Nationalsozialismus.

                    1947 wurde eine Straße nach Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung“ benannt. Seit 1999 erinnert ein Denkmal bei der Tonwerksunterführung an die hinterhältige Mordtat.

                    1918 – 2018: 100 Jahre Novemberrevolution | 100 Jahre Räterepublik

                    Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2017 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung

                    Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben“ (Ernst Toller 1893-1939)

                    Vorwort

                    Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu der heutigen Veranstaltung und danke attac sowie allen anderen Mitveranstaltern, dass ich heute zur Räterepublik sprechen darf. Ich denke, das „Z“ ist genau der richtige Ort in Rosenheim, um revolutionäre Geschichte aufzuarbeiten und deren Bedeutung für uns heute sichtbar zu machen. Im kommenden Jahr ist die Novemberrevolution, die vom November 1918 bis zum Mai 1919 dauerte, 100 Jahre her und das ist, historisch betrachtet, eine kurze Zeitspanne, aber dennoch Ich fällt es uns schwer, sich vorzustellen, dass rote Fahnen von den Türmen der Münchner Frauenkirche herunterhingen, als mit dem Ende der bayerischen Monarchie nach 738 Jahren Herrschaft der Wittelsbacher eine neue Zeit angebrochen war. Bei Nacht und Nebel war der bayerische König Ludwig III nach Schloss Wildenwart geflüchtet, wobei sich die Flucht noch verzögerte, weil sein Chauffeur keinerlei Veranlassung mehr sah, für seinen König jetzt noch einen einzigen Finger krumm zu machen.

                    Angriffe der Nazis auf die Gedenktafel in Kolbermoor

                    Wie lebendig die Räterepublik in unserer Region auch heute noch ist, konnte man in den letzten Jahren weniger daran sehen, wie sehr sie innerhalb der Linken diskutiert wurde, sondern eher daran, dass sie innerhalb der Rechten immer noch Hass und blindwütige aggressive Attacken auslöst. Ich spreche von den vier Angriffen auf das Denkmal in Kolbermoor, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Rosenheim, 1999 für den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn aufgestellt hat. Erschreckend ist dabei auch, dass sich die Zerstörungswut der Nazis immer mehr steigerte und auch die Mittel wurden aufwendiger, die dabei eingesetzt wurden.

                    Die erste Tafel, die aus Kunststoff bestand, wurde nach kaum einem Jahr mit blauer Farbe völlig zugesprüht und damit unbrauchbar gemacht.

                    Drei Jahre später erfolgte dann eine weitere Attacke. Diesmal ein Säureanschlag auf die neue Gedenktafel.

                    Zwischen dem zweiten und dritten Angriff ereignete sich 2009 eine üble Provokation während eines Rundganges, den ich in Kolbermoor auf den Spuren der Räterepublik durchführte. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns damals auf die Provokation nicht ein. So mussten sie sich eine Stunde lang über die Kolbermoorer Rätezeit informieren lassen. In dem Auto, in das sie anschließend einstiegen, lagen Naziflugblätter.

                    Und dann kam der nächste, der dritte Anschlag 2015. „Noske, do it again!“ und zwei Hakenkreuze waren mit Riesenbuchstaben auf die Tafel gesprüht. Die Botschaft war eindeutig. Als es um die Niederschlagung der Revolution 1918/19 ging, war es allen voran der Reichswehrminister Gustav Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund sein, ich scheue die Verantwortung nicht“, hatte der SPD-Minister damals gesagt. Wenn also die Nazis auf die Gedenktafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun, so ist das eine unmissverständliche Aufforderung, dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und uns für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

                    Und dann kam 2015 der vierte, der letzte Anschlag auf diese Tafel, der deutlich eine neue Qualität aufwies. Jetzt ging es nicht nur darum, die verhasste Schrift unlesbar zu machen, sondern darum, die gesamte massive Tafel zu zerstören. Mit einem schweren Vorschlaghammer wurde die äußerst stabile Marmortafel zertrümmert, um das Denkmal endgültig zu beseitigen. Wir haben es aber bis jetzt so stehen lassen, denn die Schrift ist noch lesbar und so kann jeder sehen, was passiert ist. Zum 100. Jubiläum werden wir allerdings am 11.11.2018, dem Tag der Gründung des 1. Volksrates in Kolbermoor, eine neue Tafel aufstellen. Auf einem Zementfundament wird ein großer Nagelfluhquader liegen und auf diesem die Tafel errichtet werden, deren Schrift gelasert wird. Die Erinnerung an die Revolution lassen wir uns nicht nehmen und das ist auch der Sinn der heutigen Veranstaltung.

                    Kriegsmüdigkeit und „Dolchstoßlegende“

                    Um aber die Kolbermoorer Rätezeit und auch die in Rosenheim sowie die Münchner Räterepublik besser verstehen zu können, muss der historische Rahmen, in den alles eingebettet ist, nämlich die Novemberrevolution, betrachtet werden. Dazu ist ein Blick auf die politische Situation im Deutschen Reich des Jahres 1918 zu werfen. Vier Jahre schon dauert der äußerst brutale 1. Weltkrieg. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung auch in Bayern ist spätestens nach den verlustreichen Schlachten um Verdun nichts mehr übrig geblieben. Das deutsche Heer ist kriegsmüde, die Soldaten und auch die Bevölkerung sehnen den Frieden herbei. Zudem hat man mit großer Aufmerksamkeit die revolutionären Ereignisse im Oktober 1917 in Russland verfolgt und gesehen, dass ein gesellschaftlicher Umsturz machbar ist.

                    Am 28. Januar 1918 beginnt dann in Berlin ein großer Streik von 400.000 Arbeitern, der eine Woche dauert und an dem über eine halbe Million Menschen teilnehmen. Schon hier wählten die Delegierten der Berliner Betriebe einen „Arbeiterrat“. Demonstrationen in vielen anderen Städten wie in Nürnberg folgen. Die Streikenden fordern, dass sofort Friedensverhandlungen aufgenommen werden sowie die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Reaktion der Regierung war: Die streikenden Betriebe wurden unter militärische Leitung gestellt, Versammlungen und Demonstrationen verboten, Gewerkschaftshäuser geschlossen, Zeitungen am Erscheinen gehindert und der verschärfte Belagerungszustand verhängt. Die Streikwelle erfasste auch München, wo ein gewisser Kurt Eisner als Streikführer ins Gefängnis kam.

                    Unter dem Einfluss der wachsenden Unzufriedenheit in der Industriearbeiterschaft wurden von Seiten der Regierung Reformen in Aussicht gestellt. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten und im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin. Im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen zum Gegner über. In den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Sie wollten nicht mehr an der Westfront für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 versammelte sich die gesamte Führungsspitze des wilhelminischen Deutschlands im Hauptquartier im belgischen Spa, um aus dem Munde Hindenburgs (Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes, Oberste Heeresleitung) und Ludendorffs (Generalmajor, OHL) zu vernehmen, was längst alle wussten, dass der Krieg verloren war. Offiziell hielt man diese Erkenntnis aber fortan geheim.

                    Um ihre Haut noch zu retten, strebten die Führungseliten des Kaiserreiches jetzt eine Parlamentarisierung an. Jetzt sollten sogar die Mehrheitssozialdemokraten beteiligt werden. Im Grunde war es aber ein Versuch, die Verantwortung für die bestehende Niederlage auf die Sozialdemokraten und andere demokratische Politiker abzuwälzen. Es entstand die „Dolchstoßlegende“, eine Verschwörungstheorie, die besagte, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle ´vaterlandslose´ Zivilisten aus der Heimat einen ´Dolchstoß von hinten´ erhalten. Nicht die grenzenlose Machtpolitik und die Überschätzung der eigenen Kräfte sowie die sture Blockadepolitik gegen jedwede Reformen habe in den Abgrund geführt, sondern die Front sei geschwächt worden durch die Politik der Sozialdemokraten. Der Versuch des Übergangs zur parlamentarischen Demokratie kam aber zu spät. Die Bemühungen, der Revolution „von unten“ durch eine Reform „von oben“ zuvor zu kommen, scheiterten. Der amerikanische Präsident Wilson drängte auf die Abdankung Wilhelm II, doch dieser hoffte noch darauf, dass der Einsatz der Marine eine Kriegswende herbeiführen könnte. Aber gerade bei der Marine hatten soziale Ungleichheit und militaristische Willkür besonders empörende Auswüchse angenommen. So verweigerten die Matrosen auf den vor Wilhelmshaven ankernden Schlachtschiffen den Befehl zum Auslaufen und lösten dadurch die Novemberrevolution aus.

                    Wirtschaftliche Lage Deutschlands

                    Während die Matrosen sich weigerten, sich in einem aussichtslosen Krieg noch verheizen zu lassen und damit die Revolution auslösten, sind deren Ursachen darin zu sehen, dass Deutschland sich in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise befand. Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft waren zerrüttet. Die industrielle Gesamtproduktion war gegenüber 1913 auf 57 Prozent zurückgegangen, obwohl die Rüstungsindustrie gewaltig gewachsen war. Große Bereiche der Konsumgüterindustrie und andere für die Versorgung der Bevölkerung wichtige Industriezweige waren weitgehend eingeschränkt oder sogar stillgelegt worden. Die Textilindustrie arbeitete fast nur noch für die Ausrüstung der Armee und war auf 17 Prozent des Vorkriegszustandes gesunken. Überall war die Industrie auf den Krieg ausgerichtet.

                    Aber auch die Landwirtschaft lag 1918 um 40 -60 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Sowohl die Anbauflächen und die Hektarerträge der landwirtschaftlichen Kulturen als auch die Viehbestände waren stark zurückgegangen. Die Regierung war unfähig, eine auch nur einigermaßen geregelte Versorgung und Ernährung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 1918 im Verhältnis zum Friedensverbrauch durchschnittlich etwa bei Fleisch nur noch 20 Prozent. So nahm die Lebensmittelkrise katastrophale Ausmaße an. Zudem waren die Preise für Lebensmittel um das Zwei- bis Fünffache, die Preise für Bekleidung und Schuhwerk rund um das Drei- bis Siebenfache gegenüber 1913 gestiegen. Die Reallöhne der Arbeiter lagen aber etwa 25 Prozent unter dem Vorkriegsstand. Die Arbeitszeit war schon seit Anfang 1915 erheblich verlängert worden. Mehr als 60 Prozent der Groß- und Mittelbetriebe der Berliner Rüstungsindustrie hatten die tägliche Arbeitszeit von etwa neun Stunden vor dem Krieg auf zehn bis zwölf Stunden erhöht. Auch sonntags musste regelmäßig bis zu sechs Stunden gearbeitet werden. Hinzu kam auch noch, dass viele Arbeiterfrauen, deren Männer zum Militärdienst eingezogen waren, in die Kriegsindustrie gehen mussten, um für sich und die Familie den Lebensunterhalt zu verdienen. Unter den werktätigen Massen herrschte bittere Not. Hunger und Unterernährung untergruben die Gesundheit der Bevölkerung und Krankheiten und Epidemien forderten viele Opfer. In einer Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung heißt es: „Getrieben von Profitgier und Eroberungssucht hatten die deutschen Imperialisten und Militaristen das deutsche Volk ins Verderben geführt.“

                    Entwicklung der Revolution in Deutschland

                    In den letzten Tagen des Oktober hatte die revolutionäre Stimmung in Deutschland einen solchen Grad erreicht, dass der Abgeordnete Otto Rühle, der zur SPD und später KPD in Dresden gehörte, in der Reichstagssitzung am 25. Oktober offen zur Absetzung und Bestrafung des Kaisers, zur Revolution und zum Kampf für den Sozialismus aufrufen konnte. Die Führung der Spartakus-Gruppe plante, die Revolution durch einen Generalstreik in Berlin, der in den bewaffneten Aufstand übergehen sollte, einzuleiten. Doch es kam, wie erwähnt, anders. Die deutsche Seekriegsleitung machte den verbrecherischen Versuch, die gesamte deutsche Hochseeflotte, die am 28. Oktober in Wilhelmshaven zusammengezogen worden war, zu einem letzten verzweifelten Kampf gegen die überlegenen britischen Seestreitkräfte einzusetzen. Da meuterten die 80.000 Matrosen. Bereits am kommenden Tag hatte der Aufstand einen großen Teil der Flotte erfasst. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge.

                    Um die Situation zu entspannen, entschloss sich die Marineführung, die vor Wilhelmshaven ankernde Flotte auseinanderzuziehen. Das III. Geschwader, das unruhigste von allen, nahm am 31. Oktober Kurs auf Kiel. So konnte sich der Funke der Revolte zum Flächenbrand ausweiten. Denn in keinem anderen Ort waren die Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären Bewegung so günstig wie gerade in der Ostseestadt. Hier waren 50.000 Militärangehörige stationiert. Und hier gab es auf den Großwerften und in den Zulieferbetrieben der Metallindustrie eine vieltausendköpfige radikalisierte Arbeiterschaft.

                    Am 1. November 1918 lief das Geschwader im Kieler Hafen ein. Am Nachmittag des 3. November wurde eine Versammlung auf dem großen Exerzierplatz abgehalten, an der 5000 bis 6000 Menschen teilnahmen. Am Ende wurde beschlossen, die Marinearrestanstalt aufzusuchen, um die dort Inhaftierten, die in Wilhelmshaven den Befehl verweigert hatten, zu befreien. Auf dem Marsch dorthin stellte sich den Demonstranten eine Militärpatrouille entgegen, die das Feuer eröffnete. Neun Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Das war die Initialzündung für den Aufstand. Die Offiziere auf den Schiffen wurden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Die Matrosen stürmten eine Kaserne nach der anderen und bemächtigten sich der Waffen und befreiten die gefangenen Matrosen. Am 5. November traten die Kieler Arbeiter in einen Generalstreik. Ein Soldatenrat wurde gebildet, der erste in Deutschland, und kurz darauf auch ein Arbeiterrat. In Kiel waren die Aufständischen vollständig im Besitz der Macht.

                    Der Kieler Gouverneur Admiral Wilhelm Souchon hatte sich bereits am 3. November mit der dringlichen Bitte an die Berliner Regierung gewandt, „wenn möglich (einen) hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen.“ Die Mehrheitssozialdemokraten sandten keinen anderen als den wehrpolitischen Experten der Fraktion Gustav Noske. Dieser, weil Sozialdemokrat, wurde von den Matrosen am Kieler Hauptbahnhof begeistert empfangen. Er ließ sich zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählen und dann auch noch zum Gouverneur, um die Entwicklung in Kiel unter seine Kontrolle zu bringen und in geordnete Bahnen zurückzulenken. Doch das Ziel, den „Unruheherd“ an der Ostsee zu isolieren, misslang.

                    Von Kiel aus breitete sich die Aufstandsbewegung in wenigen Tagen über ganz Norddeutschland aus. Die Kieler Matrosen waren es, die die Flamme des Aufruhrs nach Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Bremerhaven, Bremen und Hamburg trugen. In Hamburg versammelten sich über 10.000 Menschen und der bewaffnete Aufstand begann. Ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet und am 6. November versammelten sich über 40.000 Arbeiter, Matrosen und Soldaten und bildeten einen riesigen Demonstrationszug. Auch in Hamburg lag die Macht faktisch beim Arbeiter- und Soldatenrat. In vielen anderen Städten geschah ähnliches. Bis zum 8. November waren auch Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Magdeburg, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt a. Main und viele andere mittel- und süddeutsche Städte in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. In München war es, wie noch darzustellen sein wird, inzwischen auch zur Ausrufung der Republik gekommen.

                    Berlin war in Alarmstimmung. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert verlangt die sofortige Abdankung des Kaisers. Nur so könne die Revolution noch verhindert werden. Am 9. November kommt es in Berlin zum Generalstreik. Der letzte Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches Prinz Max von Baden verkündet die Abdankung des Kaisers, ohne dass dieser zugestimmt hat. Am 10. November begab sich der Kaiser dann aber doch ins Exil nach Holland. Tags zuvor hatte Philipp Scheidemann (MSPD) vom Balkon des Reichstages die Deutsche Republik ausgerufen und Karl Liebknecht (USPD) vom Balkon des Berliner Schlosses „die freie sozialistische Republik Deutschland“. Hier zeichnete sich bereits die Frontlinie der kommenden Auseinandersetzungen ab. Während Ebert, Scheidemann und ihre Anhänger ein Höchstmaß an Kontinuität des alten Staatsapparates sichern und die Arbeiter – und Soldatenräte so rasch wie möglich ihrer Machtpositionen entkleiden wollten, sahen die Linken um Liebknecht in den Räten die geeigneten Organe für die angestrebte Weiterführung der Revolution im sozialistischen Sinne.

                    Eben erwähnte ich die Begriffe MSPD und USPD. Diese müssen hier kurz erläutert werden. Am 4. August 1914 hatte die SPD im Reichstag der Bewilligung der Kriegskredite zugestimmt. Das hatten aber einige nur mit großen Bauchschmerzen getan. Zunehmend entwickelte sich innerhalb der SPD eine Opposition. Seit Frühjahr 1915 gab es praktisch zwei Gruppierungen: Die radikale Linke sammelte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und nannte sich „Gruppe Internationale“ und seit 1916 „Spartakusgruppe“. Der gemäßigte Flügel unter dem Parteivorsitzenden Hugo Haase wollte weiterhin die parlamentarische Bühne nutzen und wurde jetzt MSPD (Mehrheitssozialdemokraten) genannt. Schließlich kam es zur Spaltung. Anfang April 1917 konstituierte sich in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), zu der auch die Spartakusleute gingen. In der USPD sammelten sich jene Kräfte, die gegen eine Weiterführung des Krieges waren und eine Zusammenarbeit mit der Regierung strikt ablehnten. Die KPD gab es noch nicht. Sie wurde erst am 1.1.1919 gegründet, um der sozialistischen Republik Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

                    Aber zurück zur Entwicklung der Revolution! Bereits am 10.(!) November, also nur einen Tag später nach der Ausrufung der beiden Republiken, hatte Wilhelm Groener, nach Hindenburg der wichtigste Mann in der Obersten Heeresleitung, über Telefon Kontakt zu Ebert (MSPD) aufgenommen und ihm mitgeteilt, dass das Offizierkorps von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus fordere und dafür zum Einsatz bereit sei. Anstatt dieses Ansinnen entrüstet von sich zu weisen, ging Ebert darauf ein und es kam von da an zu täglichen Besprechungen mit Groener.

                    Ohne die Entwicklung jetzt im Einzelnen zu verfolgen, soll noch auf das Ende der Novemberrevolution in Deutschland eingegangen werden, bevor ich zur Münchner Räterepublik komme. In den ersten Monaten des Jahres 1919 gab es in mehreren Gegenden Deutschlands Aufstände, Generalstreiks und Versuche, eine Räterepublik zu gründen. In dieser Phase kam es auch zum Spartakusaufstand, der von Gustav Noske als Volksbeauftragtem für Heer und Marine niedergeschlagen wurde. Anlass war die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) am 4.1.1919 durch den Rat der Volksbeauftragten unter Führung Friedrich Eberts. Am 15. Januar wurden (mit offizieller Billigung, wie man heute weiß) Rosa Luxemburg (KPD) und Karl Liebknecht (KPD) ermordet, die die „Rote Fahne“ herausgaben, und von ihren politischen Gegnern als Hauptfeinde angesehen wurden und schon länger einer ständigen Verfolgung ausgesetzt waren.

                    Ende Januar entschied die Reichsregierung, gegen die Bremer Räterepublik gewaltsam vorzugehen. Trotz eines Verhandlungsangebotes der Gegenseite befahl Noske den Freikorpsverbänden, in die Stadt einzumarschieren. Bei den folgenden Kämpfen kamen etwa 400 Menschen ums Leben. Als Reaktion darauf kam es in Berlin, Sachsen, Oberschlesien, im Rheinland und im Ruhrgebiet zu Massenstreiks. Einige davon zielten darauf ab, die Revolution weiterzutreiben, etwa die Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet. In Berlin begann am 4. März ein Generalstreik, zu dem die Arbeiterräte aufgerufen hatten, um die Anerkennung und dauerhafte Etablierung der Räte, eine demokratische Militärreform und Sozialisierungen durchzusetzen. Rund eine Million Beschäftigte beteiligten sich daran und brachten das Wirtschaftsleben und den Verkehr völlig zum Erliegen. Als Militär intervenierte, wurde die Ausdehnung der Streiks auf die Versorgungsbetriebe beschlossen. Reichswehrminister Noske setzte seine Truppen gegen die Streikenden ein. Sie töteten bis zum 16. März mindestens 1200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete sowie völlig Unbeteiligte. Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Am längsten aber hielt sich die Münchner Räterepublik und am allerlängsten bestand die Räterepublik in Kolbermoor, wie zu zeigen sein wird.

                    Allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage 1918 in Bayern

                    Bezüglich der Revolution in Bayern soll zunächst ein Blick auf die wirtschaftliche und soziale Lage Bayerns im Jahres 1918 geworfen werden.

                    Auch in Bayern waren die Lebensbedingungen der Masse der Menschen zunehmend unerträglich geworden. Der Krieg und seine Folgen hatten die gesellschaftlichen Grundlagen der Monarchie untergraben und sozialen Sprengstoff freigesetzt. Die Tage der Monarchie waren gezählt.

                    Aus Bayern zogen 910.000 Soldaten 1914 in den Krieg, die meisten von ihnen voller Begeisterung, die aber nicht lange anhalten sollte. Über 400.000 bayerische Frontsoldaten wurden verwundet, 180.000 kehrten nicht mehr zurück. Verbittert sprachen die Bayern von „Kanonenfutter“ für Berlin. Die Einflusslosigkeit des bayerischen Königs Ludwig III auf den deutschen Kaiser und seine preußischen Minister war deutlich zu spüren. Zudem zermürbte die Menschen die Erfahrung des massenhaften Sterbens an den Fronten.

                    Aber auch die Zivilbevölkerung litt erheblich. Aufgrund der englischen Seeblockade und mehrerer Missernten kam es zu ernsten Versorgungsengpässen. Nicht nur Arbeiter, sondern auch Angestellte und Beamte mussten eine erhebliche Verschlechterung ihres Lebensstandards hinnehmen. Alle lebensnotwenigen Güter wurden auch in Bayern teurer. Die Reallöhne sanken ebenfalls, gleichzeitig wurden die Arbeitszeiten verlängert – besonders in den Rüstungsbetrieben. Es gab immer mehr „wilde Streiks“, denn die Gewerkschaftsleitungen hatten seit Kriegsbeginn auf alle Arbeitsniederlegungen verzichtet.

                    Die Behörden zeigten sich zunehmend auch unfähig, die wenigen Lebensmittel gerecht zu verteilen. Schlangen vor Lebensmittelgeschäften gehörten zum Alltag. Die Stimmung unter den Arbeitern wurde immer gereizter. Es kam zu Hungerrevolten und zu Demonstrationen für „Brot und Frieden“. Rathäuser wurden gestürmt und die Polizei reagierte meist auch noch mit ausgesprochener Härte. Über den ersten großen Hungerkrawall im Juni 1916 auf dem Münchner Marienplatz berichtet als Augenzeuge der Anarchist Erich Mühsam, wie die Polizisten einfach in die Menge ritten und mit Säbeln nach rechts und links auf die Menschen einschlugen. Insgesamt verhungerten während des Krieges eine dreiviertel Million Menschen.

                    Mit zunehmender Dauer des Krieges verbanden sich Missstimmung über die materiellen Not und Kriegsmüdigkeit mit sozialer Kritik und politischem Protest. Während der Schleichhandel blühte, landete der größte Teil der auf dem Schwarzmarkt gehandelten Waren in den Vorratskellern der Vermögenden. Die Lebensmittel mussten rationiert werden. Aber auch die Versorgung mit Holz und Kohle gelang nicht mehr. So wuchsen die Zweifel an der bayerischen Obrigkeit. Der Wunsch nach Frieden wurde immer größer.

                    Beginn der Revolution in Bayern | 7.11.1918 – 21.2.1919 | 1. Phase der Revolution

                    Anfang November wurde dann die Situation als ausgesprochen explosiv empfunden. Am 7. November 1918 veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Um 15 Uhr beginnt die Kundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern Es sprechen an verschiedenen Stellen 12 Redner, unter anderem Erhard Auer, Vorsitzender der bayerischen SPD, der Bauernvertreter Ludwig Gandorfer (USPD) sowie Kurt Eisner. Einige Redner wollen die Leute beruhigen und weisen auf kommende Reformen hin, andere fordern ein sozialistisches Rätesystem. Eisner, der Vorsitzende der USPD, hatte sich mit seinen Anhängern bereits zu Beginn der Kundgebung im Norden der Theresienwiese aufgestellt, um anschließend schnell und möglichst, ohne aufgehalten zu werden, zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden. Dann setzte sich ein Zug der Demonstration Richtung Friedensengel in Bewegung, wo er sich nach einer weiteren Rede auflöste.

                    2000 weitere Demonstranten unter Führung von Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer ziehen von einer Kaserne zur anderen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. Bis zum Abend sind alle Kasernen, Ministerien, das Polizeipräsidium, Bahnhof, Post, Telegrafenamt und alle wichtigen Zeitungsreaktionen in der Hand der Revolutionäre. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft. Kurt Eisner wird zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Baiern gewählt und ruft einen Tag später den „Freistaat Baiern“ aus.

                    Es soll an dieser Stelle der Frage nachgegangen werden, wer Kurt Eisner, der die erste Phase der Münchner Räterepublik prägte, eigentlich war. Kurt Eisner wird in Berlin am 14. Mai 1867 geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, besaß in Berlin ein Militärbekleidungsgeschäft. Eisner studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete als Journalist. 1897 muss er wegen Majestätsbeleidigung für neun Monate ins Gefängnis. Sieben Jahre war er beim SPD-Organ „Vorwärts“ tätig, später bei anderen Zeitungen. Zunächst stimmte er noch mit seiner Partei für die Bewilligung der Kriegskredite und die Politik des Burgfriedens. Als er sich aber näher mit den Kriegsursachen vertraut machte und die führende Rolle Deutschlands erkannte, wandelte sich seine Position und er wurde zum entschiedenen Kriegsgegner und engagierte sich gegen die Fortführung des Krieges und für einen sofortigen Friedensschluss. Er kommt zu der Überzeugung, dass nur die Revolution den Krieg beenden und einen wirklichen demokratischen Neuanfang gewährleisten kann. Beeinflusst war er in vielem von seinem Freund Gustav Landauer. Eisner verbüßte ab Januar 1918 bis zum Oktober eine Haftstrafe wegen seiner führenden Beteiligung beim großen Munitionsarbeiterstreik der Münchner Arbeiter. Der SPD gelang es, den Streik unter ihre Kontrolle zu bringen und zu beenden. Am 14. Oktober muss Eisner entlassen werden, weil seine Partei (inzwischen die USDP) ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hat. So war es ihm möglich, der gerade drei Wochen in Freiheit ist, bei der großen Demonstration am 7. November diese eben beschriebene bedeutende Rolle zu spielen

                    Wenn er den Begriff „Freistaat Bayern“ wählte, dann meinte er damit ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Von beiden Türmen der Frauenkirche hängen wie erwähnt jetzt weithin sichtbar riesige rote Fahnen.

                    Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD. Neben Kurt Eisner als Ministerpräsident wird Erhard Auer (SPD) Innenminister, der zum großen Gegenspieler Eisner werden soll. Kultusminister ist Johannes Hofmann, der später bei der Niederschlagung der Räterepublik eine verhängnisvolle Rolle einnehmen wird. Bis zu den ersten freien Wahlen tritt ein provisorischer Nationalrat an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie. Dieser besteht aus Vertretern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes. Erstmalig in Deutschland sitzen jetzt auch Frauen in der Regierung. War zwar die Politik während der Räterepublik im Wesentlichen noch von Männern bestimmt, so gab es auch sehr fortschrittliche Frauen.

                    Da über die politische Arbeit der Frauen meistens hinweggesehen wird, sollen jetzt stellvertretend für alle an dieser Stelle Anita Augsburg und Gustava Heymann kurz vorgestellt werden. Anita Augspurg wird am 22.9.1857 in Verden an der Aller geboren. Zu der Zeit leiden die Frauen unter ihrer gesellschaftlich erzwungenen Unmündigkeit. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie höheren Schulen und Universitäten war ihnen genauso verwehrt wie die meisten Berufe. Sie müssen meist unqualifizierte Arbeit leisten und werden schlecht bezahlt. Anita Augspurg kam aus sogenanntem gutem Hause, befreite sich von ihren gesellschaftlichen Zwängen, ging auf ein Lehrerinnenseminar nach Berlin, nimmt Schauspielunterricht und übersiedelt in das liberale München. Dort kommt sie bald in Kontakt mit der dortigen Frauenbewegung. Anita Augspurg hält erste Reden, organisiert Diskussionsabende und verfasst politische Schriften zur Frauenbildung und zum Frauenstimmrecht. Seit 1893 studiert sie in Zürich Jura und promoviert als erste deutsche Juristin. Auf dem ersten „Internationalen Frauenkongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ lernt sie Gustava Heymann kennen, mit der sie fortan politisch eng zusammenarbeitet. Anita Augsburg gehört bald in München dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Frauenbildung, die zivilrechtliche Stellung der Frau und das Frauenwahlrecht werden zu ihren entscheidenden politischen Anliegen. Während des 1. Weltkrieges sind Augspurg und Heymann radikale Pazifistinnen. Ihr Einsatz gilt nun internationalen Frauen-Friedensbewegungen. Am 19. November 1918 findet in München die erste große Frauenversammlung statt. Gustava Heymann fordert die Gründung eines eigenen Frauenrates, der Frauen Zugang zu allen Berufen schaffen soll, denn 40.000 Arbeiterinnen sind aus den Rüstungsbetrieben nach Hause geschickt worden. In den Arbeiter- und Bauernräten sind kaum Frauen vertreten. Frauen leisten aber in allen Phasen der Revolution ihren Beitrag. So kämpfen sie sogar später am Münchner Hauptbahnhof furchtlos an vorderster Front.

                    Eisner, der sich zum Sozialismus bekennt, setzt in der kommenden Zeit auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren und letztere kontrollieren. Außerdem haben sie die politische Aufgabe, die Menschen von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die Räte, von denen es in Bayern bald über 7000 gibt, nach den Landtagswahlen auflösen. Eisner nutzt inzwischen die Zeit für bahnbrechende Erneuerungen. So wird das Frauenwahlrecht eingeführt und der Adel abgeschafft. Der Achtstundentag wird eingeführt und die Kündigungsfrist auf vier Wochen ausgeweitet. Am radikalsten sind die Reformen in der Schulpolitik. Unter Eisner büßt die Kirche ihre Herrschaft über die Klassenzimmer ein. Ob die Schüler an, wie Kultusminister Johannes Hoffmann es nennt, „religiösen Übungen“ teilnehmen, bleibt ihnen künftig selbst überlassen. Religion ist Wahlfach geworden und der Schulgottesdienst nicht länger Pflicht. Aber Eisner (USPD) hat in der SPD viele, die ihm nicht folgen wollen. Allen voran ist es der Innenminister Erhard Auer, der eine „Bolschewisierung Bayerns“ unter allen Umständen verhindern will. Er möchte die Räte nach der kommenden Landtagswahl komplett verschwinden lassen. Denn inzwischen (16.-20.12.) gab es in Berlin eine richtungsweisende zentrale Zusammenkunft der Räte (Reichsrätekongress), bei der Mitglieder, die der MSPD angehörten, freiwillig auf ihre Macht verzichtet und für die Auflösung der Räte gestimmt hatten. Eisner wird sich dieser Entscheidung widersetzen. Er will einen „menschlichen Sozialismus“ einführen, in dem Parteiräson und Dogmatismus keinen Platz mehr haben und dazu braucht er die Räte. Auer wird in nächster Zeit sein großer Gegenspieler werden.Deshalb schiebe ich an dieser Stelle einige Informationen über ihn ein.

                    Erhard Auer stammt aus sehr ärmlichen Verhältnisse und muss bereits mit 12 die Schule verlassen und in der Landwirtschaft arbeiten. Er leistet seinen Militärdienst ab und findet in der SPD ab 1892 seine politische Heimat. 1907 wird Auer Mitglied des bayerischen Landtages und 1908 Erster Landessekretär der bayerischen SPD, was er bis 1921 bleiben sollte. Auer setzt darauf, die Demokratie auf dem Wege der Reform erreichen zu können. Darum verweigert sich die Münchner SPD den Generalstreikplänen der USPD im Januar 1918. Obwohl die SPD vielen noch immer als die revolutionäre Arbeiterpartei gilt, hat sie längst einen anderen Weg eingeschlagen. So schafft es Auer, die Streiks zu entschärfen und zu beenden. Bei der großen Demonstration am 7.11. sieht sich die SPD gezwungen mitzumachen, denn Auer will die Kontrolle über die Arbeiterschaft nicht verlieren. Am Abend des 7. November macht er dem Innenminister von Brettreich gegenüber sogar deutlich, dass er mit einer gewaltsamen Aktion zur Niederschlagung der Revolution durchaus einverstanden wäre. Als der Innenminister sich dazu nicht imstande sieht, erklärt Auer, sich mit der SPD an der Revolutionsregierung zu beteiligen, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Am kommenden Tag wird er zum Innenminister unter Eisner ernannt und wird in der Folgezeit zu dessen großen Gegenspieler. Auer ist nicht nur ein Gegner der Revolution, sondern auch der Räte. Während sie für die USPD Grundlage des neuen Regierungssystems sind, haben sie für Auer und die SPD allerhöchstens beratende Funktion. Auer will den Einfluss der Räte immer mehr zurückdrängen.

                    Während Eisner die demokratische Republik vorantreibt, mobilisiert auch die Rechte. Die Thule-Gesellschaft wurde 1912 gegründet, um im Falle einer jüdischen Machtübernahme die Gegenrevolution zu organisieren. Deren Vorsitzender ist Rudolf von Sebottendorf. Mitglieder sind u.a. Rudolf Heß, Hans Frank, der spätere Generalgouverneur von Polen, und der Chefideologe der späteren Nazis Alfred Rosenberg. Aus ihrem Kampfblatt „Münchner Beobachter“ wird später unter den Nazis der „Völkische Beobachter“ werden. Die Thule-Gesellschaft sorgte dafür, dass aus dem revolutionären Bayern bald die „Ordnungszelle“ Bayern hervorgehen sollte.

                    Als es am 12. Januar zur Landtagswahl kommt, gewinnt Eisners USPD nur 2,5 Prozent der Stimmen. Die USPD-Anhänger, von denen fast alle das parlamentarische System ablehnten, waren alle wie die Kommunisten und Anarchisten zu Hause geblieben. Für den 21. Februar wurde der neue Landtag zu seiner konstitutionellen Sitzung einberufen. Kurt Eisner wollte dort seinen Rücktritt erklären. Auf dem Gang dorthin traf ihn die Kugel von Anton Graf Arco auf Valley. Kurz danach stürzt Alois Lindner in den Landtag und schießt auf Erhard Auer, wobei dieser schwer verletzt wird. Lindner ist Mitglied der USPD und hält wie viele Gleichgesinnte Auer für mitschuldig an der Ermordung von Eisners. Überall herrscht großes Entsetzen über den Mord an Eisner. Seine Beerdigung am 26. Februar wurde zu einer Massendemonstration. 100.000 Menschen folgen seinem Sarg zum Ostfriedhof. Eine halbe Stunde lang (von zehn bis halb elf) läuten in ganz Bayern die Kirchenglocken. Gustav Landauer, der Anarchist und enge Freund von Kurt Eisner hält die Trauerrede.

                    2. Phase der Revolution: 22. Februar 1918 – 6. April 1919

                    Kurz nach der Ermordung Eisners konstituiert sich ein provisorisch regierender Zentralrat der bayerischen Republik. Vorsitzender dieses zentralen Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Augsburger Lehrer Ernst Niekisch (MSPD). Dieser Zentralrat besteht aus Mitgliedern der MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte. Niekisch gehört zum linken Flügel der Partei und ist Anhänger des Rätesystems. Der Generalstreik wird ausgerufen und über München der Belagerungszustand verhängt.

                    Auch ein neuer Ministerpräsident wird gewählt. Der Nachfolger von Kurt Eisner wird am 17.3.19 der bisherige Kulturminister Johannes Hoffmann (MSPD), der zwar für gesellschaftliche Veränderungen ist, sich aber als ein Gegner der Revolution erweisen wird.Dieser wurde als Sohn eines armen Bauern geboren. 1903 nimmt er ein Studium der Sozial- und Handelswissenschaften auf. Durch vielerlei Erfahrungen nähert er sich der Sozialdemokratie an. 1908 zieht Hoffmann in den bayerischen Landtag ein und avanciert zum Bildungsexperten der SPD. Er kämpft für Kinderhorte und Kindergärten, für eine Reform der Volksschule und für das Ende der geistlichen Schulaufsicht. Die Bildungshoheit soll auf den Staat übergehen. Der Kampf gegen die Kirche ist Hoffmann ein großes Anliegen. Bereits im Oktober 1918 forderte die Bayern-SPD die Einführung des parlamentarischen Regierungssystems auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie und Hoffmann trug diesen Beschluss mit. Nur weitreichende Reformen seien in der Lange, das Chaos der Revolution zu verhindern. Inzwischen wird die Not auf dem Lande immer größer.

                    Im Augsburger Arbeiterrat unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch reifte inzwischen die Erkenntnis, dass die Zeit reif sei für die Ausrufung einer Räterepublik. Am 2. April sprachen sich dessen Mitglieder im Beisein von Niekisch offiziell dafür aus. Die Wiedereröffnung des Landtages wird abgesagt und dieser vom Zentralrat aufgelöst. Der Rücktritt des Ministeriums Hoffmann wird bekanntgegeben. Die Regierung Hoffmann sieht keine andere Möglichkeit als nach Bamberg auszuweichen.

                    3. Phase der Revolution: 7. April 1919 – 13. April 1919 | 1. Räterepublik Baiern („Scheinräterepublik“)

                    Die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden wird mit Wirkung zum 7. April 1919 ausgerufen neben weiterem Bestehen des Rates der Volksbeauftragten. Bis zum 8. April schlossen sich mit Ausnahme Nürnbergs alle großen Städte Bayerns südlich der Donau, neben Augsburg und Rosenheim auch viele kleinere Städte und Gemeinden, der Räterepublik an. Neuer Vorsitzender des Zentralrats wird Ernst Toller, der im ersten Weltkrieg zum Pazifisten geworden ist und zum linken Flügel der USPD gehört. Ihm zur Seite stehen Gustav Landauer und Erich Mühsam. Es werden zwölf Volksbeauftragte gewählt. Einer davon ist besagter Gustav Landauer, der das Ministerium für Volksaufklärung (Erziehung) übernimmt. Vorausgegangen war ein Streit mit der KPD. Denn diesemit Leviné an der Spitzesprach sich gegen die Proklamation der Räterepublik aus und erinnerte an das Scheitern des Berliner Januaraufstandes. Die Kommunisten hegten zudem größtes Misstrauen gegen eine Räterepublik, deren Träger u.a. die sozialdemokratischen Minister Schneppenhorst und Dürr sein würden, die die ganze Zeit den Rätegedanken bekämpft hätten. Sie befürchteten einen durch die SPD erfolgenden Verrat und schließlich ein großes Blutbad. Die Abordnung der KPD verließ schließlich „unter den wüstesten Beschimpfungen der Mehrheits-Sozialdemokraten“ den Saal.

                    Toller beginnt sofort mit der Arbeit. Er lässt freistehender Wohnungen beschlagnahmen und diese an Bedürftige zuweisen. Außerdem wird das Bürgertums entwaffnet und gleichzeitig das Proletariat bewaffnet. Zudem wird die Zensur über die bürgerliche Presse verhängt. Toller lässt alle Bankkonten sperren. Schleichhandel und Preiswucher werden bekämpft. Preise werden streng kontrolliert, überzählige Lebensmittel werden beschlagnahmt. Besonders wichtig: Eine Rote Armee wird ins Leben gerufen. Aber die Zeit drängt und vieles geschah nicht wirkungsvoll genug. Zudem blieben Banken und Fabriken in privater Hand, die alten Zivilbeamten arbeiteten weiter und die Bewaffnung der Arbeiter geschah nicht konsequent genug.

                    Und es gab unglaublich viel zu tun. Toller schreibt in seinen Lebenserinnerungen, dass sich die Menschen in den Vorzimmern nur so drängten, um ihre Anliegen vorzubringen.

                    Um die Münchner Räterepublik zu verstehen, muss man sich mit deren Gedankenträgern beschäftigen. Wer war also dieser Ernst Toller? Toller stammt aus einer Kaufmannsfamilie im von Preußen annektierten Teil Polens. Als Kriegsfreiwilliger ist er 13 Monate in vorderster Front vor Verdun. 1916 erleidet er einen Nervenzusammenbruch mit anschließendem monatelangem Sanatorienaufenthalt. Toller ist kriegsuntauglich und zum überzeugten Pazifisten geworden. Anfang 1917 lernt er Eisner kennen, begeistert sich für den Sozialismus, schließt sich der USPD an und vertritt auf Versammlungen einen radikalen Pazifismus. Zudem ist er literarisch aktiv.

                    Der 26-jährige Ernst Toller arbeitet jetzt eng mit Gustav Landauer zusammen. Wer war Landauer? Dieser vertritt einen anarchistischen Sozialismus. Er gründete 1908 den „Sozialistischen Bund“ zur Verwirklichung einer libertären, von unten nach oben organisierten Gesellschaft. Landauer lehnt Autorität und Hierarchie ab und will durch Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung und Föderation eine neue Ordnung begründen. Anarchie bedeutet für ihn „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“. In der Praxis sollen dezentrale basisdemokratisch organisierte Gruppen den Staat ersetzen. Diese sollen untereinander Tauschhandel mit den von ihnen selbst erwirtschafteten Produkten betreiben.

                    Am 7. November bittet Eisner ihn, nach München zu kommen, um im bayerischen Freistaat mitzuarbeiten („Was ich von Ihnen möchte ist, dass Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.“) Er wird Mitglied im „Revolutionären Arbeiterrat“ sowie im „Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat“ und im „Provisorischen Nationalrat“. In der ersten bayerischen Räterepublik war er Volksbeauftragter für Kultur und Erziehung. Er fordert die Einführung der Einheitsschule für Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr und danach eine zweijährige praktische Ausbildung oder die Weiterbildung an einer Mittelschule. Aus der autoritären Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht. Nach dem Fall Münchens wird Landauer am 2. Mai 1919 grausam ermordet.

                    Schon zwei Tage nach der Gründung der Räterepublik setzte eine Gegenbewegung ein. Auf Betreiben der SPD-Vertreter lösten viele Räte ihre Verbindung zu München, und in Würzburg und Ingolstadt wurden die örtlichen Räte von rechtsgerichteten Militärs und Studenten gänzlich beseitigt. Auch der rechte Flügel des Bauernbundes um Georg Eisenberger konnte den Zentralen Bauernrat in München isolieren. Zum entscheidenden Einflussbereich der Räterepublik wird jetzt zunehmend die Achse Augsburg – München – Rosenheim.

                    Inzwischen macht auch die Reichsregierung Hoffmann gegenüber Druck, so rasch wie möglich gegen die Räterepublik vorzugehen.

                    Dann kommt der Palmsonntag, der 13. April 1919. Hoffmann unternimmt den Versuch, ohne Hilfe der Reichsregierung, mit eigenen Kräften der Situation Herr zu werden und macht mit der regierungstreuen Republikanischen Schutztruppe, unterstützt von Freiwilligen aus Nordbayern in München und Rosenheim, einen Putsch. Es kommt in München zu heftigen Gefechten, die 20 Tote und über 100 Verletzte fordern. Von der sich noch im Aufbau befindlichen Roten Armee unter Soldatenrat Rudolf Egelshofer (KPD), der als Matrose Ende Oktober schon am Kieler Aufstand beteiligt war, wird der Putsch niedergeschlagen. Am Ende muss Hoffmanns Schutztruppe das Feld räumen. Jetzt sehen die Münchner Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, in das politische Geschehen einzugreifen.

                    Am 13. April erklärte eine Versammlung der Münchner Betriebs- und Kasernenräte (wie die Arbeiter- und Soldatenräte nun hießen) den Zentralrat für aufgelöst.

                    4. Phase: 13. April 1919 – 2. Mai 1919 | 2. Räterepublik

                    Ein fünfzehnköpfiger Aktionsausschuss wird als neue Regierung gebildet mit einem Vollzugsrat als Exekutive. Den Vorsitz übernimmt der Kommunist Eugen Leviné. Ihm verbleiben aber nur noch drei Wochen.

                    Eugen Leviné wurde am 10.5.1883 in St. Petersburg geboren. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und seine Mutter zog mit ihm in die Schweiz. 1905 ging er zurück nach St. Petersburg und schloss sich der russischen Revolution an. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten kehrte er 1908 nach Deutschland zurück und studierte wieder in Heidelberg, diesmal Nationalökonomie. Während seines ganzen Studiums war er in der Arbeiterbewegung aktiv. In Berlin schloss sich Leviné der USPD an und dann dem Spartakusbund, aus dem die KPD später hervorging. Er nimmt an führender Stelle am Spartakusaufstand in Berlin teil.

                    Am 5. März 1919 schickte ihn die Partei nach München. Leviné hatte die 1. Räterepublik noch abgelehnt und von einer „Scheinräterepublik“ gesprochen, die nicht überlebensfähig sei. Viele Arbeiter sind über die Zurückhaltung der KPD enttäuscht. Daraufhin erklärt Leviné trotz aller Skepsis, sich dem revolutionären Willen der Menschen nicht länger zu verschließen. Beim Palmsonntagsputsch unterstützt die KPD die bestehende Räteregierung. Es gelingt wie aufgezeigt den Arbeitern, die Gegenrevolution niederzuschlagen.

                    Nun gibt es für die KPD kein Zaudern mehr, will sie nicht ihren Status als revolutionäre Partei verlieren. Die zweite, die kommunistische Räterepublik wird ausgerufen. Die Arbeiter seien jetzt bereit, für ihre Überzeugung zu kämpfen, und in dieser Situation sieht Levinées als die revolutionäre Pflicht der KPD an,die Führung zu übernehmen. Verschiedene Kommissionen werden eingesetzt. Die KPD in Berlin allerdings hält die Übernahme der Macht in München für einen taktischen Fehler. Das sei ein desaströses Abenteuer. Zunächst ruft die KPD in München einen zehntägigen Generalstreik aus. Alle sollen bereitstehen bei einem eventuellen weiteren Putsch. Und die KPD forciert die Bildung der Roten Armee. Die Bewaffnung und militärische Organisation der Arbeiter genießen oberste Priorität. Dann wird die Sozialisierung in Angriff genommen und alle politischen Gefangenen werden entlassen.

                    Die Rote Armee unter Rudolf Egelshofer ist inzwischen zu einer Stärke von 9.000-10.000 Mann ausgebaut. Ernst Toller wird Egelshofer als stellvertretender Inhaber des militärischen Oberkommandos zur Seite gestellt. Aber den bereits anrückenden Freikorpsverbänden und Reichswehreinheiten ist die Rote Armee nicht zuletzt mangels jeglicher Erfahrung stark unterlegen. Dennoch gelingt es am 16. April einigen Einheiten des Rotgardisten unter dem Kommando Tollers, bis Dachau vorgedrungene Freikorpsverbände zu besiegen und zunächst zurückzuschlagen, wobei Toller sich weigert, die gefangen genommenen Offiziere vor ein Standgericht zu stellen und zu erschießen.

                    Am 22. April kommt es zu einer Massendemonstration für die junge Räterepublik. Aber Spannungen bezüglich der Verteidigungsstrategie sprengen den Aktionsausschuss. Beide Fraktionen erkannten, dass eine Fortführung des Kampfes und eine erfolgreiche Verteidigung der Räterepublik nahezu aussichtslos ist. Während Toller auf Verhandlungen gesetzt hatte, bestand die kommunistische Führung auf der Fortführung des Kampfes als historischem Signal für spätere revolutionäre Möglichkeiten. Eine Einigung ist nicht möglich. Leviné tritt von seinem Posten als Leiter des Vollzugsrates zurück.

                    Schließlich ersucht Hoffmann Berlin um die Entsendung von Reichstruppen. 35.000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Die Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Er war zu keinen Kompromissen bereit und bestand auf der bedingungslosen Kapitulation der Räterepublik.

                    Am 30.4.19 dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich Unbeteiligte nach München. So wird bei Starnberg eine Arbeiter-Sanitäter-Kolonne einfach niedergeschossen. Daraufhin werden zehn der im Luitpoldgymnasium festgesetzten Gefangenen, die größtenteils Mitglieder der reaktionären Thulegesellschaft waren, ebenfalls erschossen. Die Thule-Gesellschaft will, wie dargelegt, den demokratischen Staat beseitigen und durch eine völkische Diktatur ersetzen. Von zwei der Getöteten wurde auch angenommen, sie seien unmittelbar an der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt gewesen.

                    Diese fälschlicherweise als „Geiselmord“ von der Gegenseite behauptete Reaktion auf Gewalttaten der Freikorps, von der nie deutlich wurde, wer den Auftrag dazu gegeben hatte, steigerte den grausamen Terror der Weißen ins Unermessliche. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben.

                    Am 2. Mai erreichen Regierungstruppen und Freikorps und ein württembergisches Gruppenkammando München.

                    Eines der Freikorps ist das Freikorps Oberland, gegründet von Thule-Führer Rudolf von Sebottendorff. Der aus ihm hervorgehende Bund Oberland wird ab 1921 den Kern der SA in Bayern bilden. Dazu kommt das Freikorps Epp, dessen Führer Franz Xaver Ritter von Epp während des Dritten Reiches nationalsozialistischer Reichsstatthalter in Bayern sein wird. Es beginnen die brutalen Straßenkämpfe. Besonders stark ist der Widerstand in den Arbeitervierteln Giesing, Haidhausen, Sendling und rund um den Schlachthof. Auch um den Hauptbahnhof wird heftig gekämpft. Freikorpssoldaten gehen mit rücksichtsloser Brutalität gegen das Proletariat vor. Sie treffen insgesamt auf viel größeren Widerstand, als sie erwartet hatten. Bis zum Nachmittag des 2. Mai dauern die Kämpfe an. Die meisten Toten der Maitage sind Zivilisten. Auch 52 ehemalige kriegsgefangene Russen aus dem Lager Puchheim, die in der Roten Armee gekämpft hatten, werden ermordet.

                    Es kommt zu einem grausamen Terror. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben. Genaue Zahlen kennt niemand. Die Münchner Räterepublik wird in einem ungeheuren Blutbad ertränkt.

                    Am 9. Mai schickt Johannes Hoffmann (SPD) ein Dankesschreiben an General von Owen, der die Regierungstruppen befehligte.

                    Wenden wir jetzt unseren Blick nach Rosenheim und dann nach Kolbermoor!

                    Wirtschaftliche und soziale Lage in Rosenheim während des 1. Weltkrieges

                    Auch in Rosenheim herrschen während es 1. Weltkrieges Not und Verzweiflung. Hunger und Mangel am Nötigsten hatten Einzug gehalten. Schon zu Beginn des Krieges war es zu einem krisentypischen Sturm auf die Lebensmittelläden gekommen, der die Preise enorm in die Höhe schnellen ließ. Da eine rasche Entscheidung im Krieg nicht eintrat, schritt die Teuerung voran und bald war der Großteil der Lebensmittel nur noch mit Ausweiskarten und Marken erhältlich. Anordnungen des Generalkommandos und des Rosenheimer Magistrats riefen zu Sammlungen kriegswichtiger Materialien auf. Parallel zu den Glockenabnahmen kam es so zur Ablieferung von Zinndeckeln oder Nähgarn; Geld- und Schmuckspenden sollten die „Finanzielle Wehrkraft des deutschen Vaterlandes“ stärken. Gravierend wirkte sich auch der Mangel an männlichen Arbeitskräften aus, da ein Großteil der wehrfähigen Männer im Feld stand. So erging bereits im August 1914 ein Aufruf an Rosenheims Hausfrauen, ihre Mägde, soweit sie etwas von Landarbeit verstehen, aufs Land zu lassen, wo sie auf den Höfen mithelfen sollten Im Laufe des Krieges dehnte sich der Aufgabenbereich der Frauen schließlich auf fast alle Männerberufe aus., Außerdem wurden vom Roten Kreuz Pflegerinnen- und Krankenschwesternkurse durchgeführt. Während sich die Gerüchte von einer angeblichen Bedrohung durch feindliche Flieger verbreiteten, tauchten in den Zeitungen immer mehr Todesanzeigen von an der Front gefallenen Rosenheimer Bürgern auf. Insgesamt sollten es 458 hiesige Soldaten werden, die ihr Leben lassen mussten.

                    Im Frühsommer 1918 grassierte in Rosenheim und anderen Städten die „Spanische Krankheit“, also die Grippe, die sogar Todesopfer fordert. Hinsichtlich der Rohstoffknappheit wird jetzt sogar zum Sammeln von Obstkernen und Frauenhaaren aufgerufen. Die Obstkerne sind Ersatzstoff für die Ölproduktion und das Frauenhaar dient zur Treibriemen- und Dichtungsringproduktion.

                    Die Revolution in Rosenheim

                    Wie verliefen nun die Ereignisse der Revolution in Rosenheim? Am gleichen Tag, dem 7. November 1918, als in München die große Demonstration auf der Theresienwiese stattfindet, lädt der Rosenheimer Gewerkschaftsverein für den Abend zu einer Versammlungin den Sternbräugarten in der Hausstätterstraße ein und beschließt eine Kundgebung für den kommenden Tag auf der Loretowiese, an der tausende von Menschen teilnehmen werden. Es sprechen der Gefreite Guido Kopp, der Soldat Heinrich Geistaller, der Schneidermeister und Gemeindebevollmächtigte Hans Langenegger sowie der Arbeitersekretär und Gemeindebevollmächtigte Karl Göpfert (MSPD). Es wird ein Volks- und Soldatenrat gewählt. Kopp wurde zum Vorsitzenden des Soldatenrates, der 13 Mitglieder hat, Göpfert zum Vorsitzenden des Volksrates gewählt. Zweiter Vorsitzender wird dort der Architekt Karl Baumann. Es gibt zehn Beisitzer. Anschließend bildet sich ein großer Demonstrationszug durch Rosenheim zu mehreren Amtsstellen und Dienstgebäuden, wo überall die vorgetragenen Forderungen übernommen werden. Beim Garnisonsbataillon wird die Freilassung der Militärgefangenen erreicht, beim Magistrat die Unterstellung der Polizei unter den Volks- und Soldatenrat und beim Amtsgericht die Freilassung sämtlicher im Amtsgerichtsgefängnis Inhaftierten. Die Räte richten sich im Rathaus eine Geschäftsstelle ein. Der Rosenheimer Stadtmagistrat amtiert weiter.

                    Der neugebildete Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ (VSR) erlässt am kommenden Tag einen Aufruf und gibt seine Zusammensetzung bekannt. Er tagt im kleinen Rathaussaal. Die Behörden werden gebeten unter Aufsicht des VSR weiterzuarbeiten. Der VSR tritt fast täglich zu Sitzungen zusammen. Er kümmert sich um die dringenden Probleme der Lebensmittelversorgung, der Wohnungsnot, des Wuchers und Schleichhandels. Der Volksrat greift in seiner weiteren Tätigkeit immer mehr in das Verwaltungsgeschehen ein.

                    Der Rosenheimer Bürgermeister Wüst ist sehr verunsichert und erstattet der Regierung von Oberbayern Bericht. Wüst schreibt u.a.: „Der Rosenheimer Volks- und Soldatenrat hat auch in der vergangenen Woche fleißig getagt, er fasst Beschlüsse über alle möglichen Angelegenheiten, für die ihm jegliche Zuständigkeit fehlt, gibt nach wie vor Aufträge an die Behörden und an einzelne Beamte und verwirrt mit seinen öffentlichen Ausschreibungen und Bekanntmachungen das Rechtsbewußtsein des Volkes.“ Wüst fordert „eine genaue Präzisierung der Rechte und der Zuständigkeit“ des Volks- und Soldatenrates. Er schließt mit dem Satz: „Der weiteren Entwicklung der Dinge kann man nur mit banger Sorge entgegensehen.“

                    Eine Woche später kommt Antwort aus München. Am 2.12.19 ordnet der bayerischen Innenministers Auer an: „Betreffs Tätigkeit der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte. Die weitere Tätigkeit der ABS-Räte ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Es ist aber zu beachten, dass ihnen keinerlei Vollzugsgewalt zukommt. Sie haben lediglich im Einvernehmen mit den gesetzlich berufenen Stellen und Behörden (…) für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen.“

                    Wie sehr die gesellschaftlichen Veränderungen die Massen ergreifen, zeigt sich auch daran, dass der Saal im Hotel Gillitzer völlig überfüllt ist, als Minister Auer (MSPD) am 1. Januar zum Thema „Der Kampf um die Republik“ spricht.

                    Innerhalbdes Volks- und Soldatenrates kommt es zunehmend zu Differenzen mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen MSPD-Mitgliedern und denen der USPD. Es geht um die Frage der Einrichtung eines „Volksheimatschutzes“, den der Innenminister Auer (MSPD) gefordert hatte, um die „Gefahr des drohenden Krieges im Land, den der Bolschewismus entfesseln kann“, zu bannen. Es festigt sich der Eindruck bei vielen Arbeitern, die Mehrheitssozialisten wollten die Ergebnisse der Novemberrevolution zunehmend zurücknehmen.

                    Am10.01.1919 versuchen Teile des Soldatenrates Kopp aus seiner Funktion abzuberufen. Der Teil, der hinter Kopp steht, widersetzt sich der Abberufung und nimmt den „Bräu am Anger“ als Quartier. Kopp bleibt im Amt. Am gleichen Tag wird in Rosenheim eine Ortsgruppe der KPD gegründet. Am 15. März hat sie bereits 600 Mitglieder.

                    Am 12. Januar findet die Landtagswahl statt. In Rosenheim wählen 42 % die christlich-konservative Bayernpartei, die Mehrheits-SPD erhält 41.4 % (landesweit:33%). Die USPD, die Partei von Ministerpräsident Eisner, erhält nur 2,7% (landesweit 2,5%). Das Besondere dieser Wahl: Zum ersten Mal durften Frauen zur Urne gehen. In Rosenheim gibt es den Volks- und Soldatenrat und daneben immer noch den alten Verwaltungsapparat mit dem Bürgermeister. Einen Monat später bildet sich der „Rat der geistigen Arbeiter“, der sich in einem Gegensatz zu dem Arbeiter- und Soldatenrat sah.

                    Als in München der Ministerpräsident Kurt Eisner erschossen und ein Zentralrat gebildet wird, findet einen Tag später, am 22.02.1919 in Rosenheim auf Einladung der MSPD im Zuge der „zweiten Revolution“ eine weitere große Versammlung auf der Rosenheimer Loretowiese statt. Der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates Guido Kopp verliest die Forderungen des VSR. Durch eine sich anschließende Demonstration werden diese durchgesetzt. Zentraler Punkt ist die Absetzung des Bürgermeisters Hofrat Wüst sowie des Regierungsrates und Bezirksamtschefs Baur. Die Amtsgeschäfte übernimmt der Arbeitersekretar Karl Göpfert. Heinrich Geistaller wird Stadtkommandant, assistiert von Sergeant Rheintaler, der beginnt, eine „Republikanische Schutztruppe“ aufzubauen. Der Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ ruft per Anzeige „alle arbeitslosen Gewerkschaftskollegen und Parteimitglieder bis zum 35. Jahre“ zu den Waffen. Über die beiden Rosenheimer Zeitungen „Wendelstein“ und „Rosenheimer Anzeiger“ wird eine Zensur verhängt.

                    Am 8. März kommt es zurGründung des „Bezirksbauern- und Arbeiterrates“ Rosenheim. Die Aufgabe des Bauernrates ist es, für die Ablieferung der Lebensmittel zu sorgen. Zwischen dem Volksrat, dominiert von MSPD-Mitgliedern und Gewerkschaftsfunktionären, und den revolutionären Anhängern des Soldatenrates unter der Führung von Guido Kopp kommt es zu Differenzen und dem vergeblichen Versuch Göpferts, den Soldatenrat aufzulösen. Aber die revolutionäre Entwicklung nimmt rasant an Fahrt auf.

                    Bereits am 5.4.19 treten Münchner Kommunisten und die Führer des Rosenheimer „Arbeiter- und Soldatenrates“ auf einer Versammlung auf der Loretowiese für die Ausrufung der Räterepublik ein.

                    Einen Tag später beschließt der Arbeiter- und Soldatenrat zur Sicherung der Räterepublik 30 Geiseln aus der Bürgerschaft (vorwiegend Geschäftsleute) als Schutzpfand nehmen und ins Gefängnis bringen. Für jeden angegriffenen Revolutionär werde man 10 Geiseln erschießen. Unterzeichnet haben Göpfert, Kopp und Langenegger. Der Revolutionsausschuss in Rosenheim ruft am darauffolgenden Tag zum Generalstreik auf. Der radikalere Kopp wird von einer Volksversammlung anstelle des gemäßigten Göpfert (MSPD) zum Bürgermeister ausgerufen. Die Forderung lässt sich aber nicht durchsetzen. Die Zahl der Geiseln wird auf zehn herabgesetzt.

                    Am 8.04.1919, einen Tag später als in München kommt es mit der Ausrufung der Räterepublik in Rosenheim, Rhedenfelden, Endorf und Bad Aibling zur dritten Revolution.

                    Jetzt wartet die Reaktion nicht länger. InMünchen hat Ministerpräsident Hoffmann wie dargestellt am 13.4. den Palmsonntagsputsch veranlasst, um ohne Hilfe der Reichstruppen der Lage Herr zu werden. Als Reaktion auf diesen Putsch in München verhängt Kopp in Rosenheim den Belagerungszustand und das Standrecht. Da es heißt, gegenrevolutionäre Weiße Garden seien aus München im Anmarsch, verschanzt sich Kopp mit den Roten Garden im Quartier des Soldatenrates im „Bräu am Anger“. Die Rosenheimer Bürger versuchen mit Unterstützung von Karl Göpfert ebenfalls einen Putsch, um die Räteherrschaft zu stürzen. Eine Menschenmenge unter Führung von Rudolf Kanzler (Zentrumspartei) stürmt das Haus und schleppt Kopp und weitere Geiseln ins Gefängnis. Bürgermeister Göpfert stellt sich sofort auf die Seite der Sieger und wirbt mit Plakaten für die Regierung Hoffmann.

                    Jetzt werden von München 120-150 Mitglieder der „Roten Garde“ nach Rosenheim geschickt, um dort die Herrschaft der Räteregierung wieder herzustellen. In Kolbermoor stoßen 80 bewaffnete Arbeiter dazu. In Rosenheim wird eine „Volkswehr Rosenheim“ aufgestellt. Es gelingt aber den Roten wie zuvor schon in München, den Putsch niederzuschlagen und nach erbitterten Feuergefechten Rosenheim wieder einzunehmen. Die Kämpfe forderten insgesamt fünf Tote und mehrere Verwundete. Die Räte werden aus dem Gefängnis befreit, die Räteherrschaft wird erneut ausgerufen.

                    Am 15. April, also einen Tag später verlangt der „revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat“ in Rosenheim für die „Hinterbliebenen der meuchlings erschossenen Familienväter sowie für Verpflegung der revolutionären Truppen und für die von bürgerlicher Seite verübten gemeinen Plünderungen eine Kontribution von 85.000 Mark.“ Diese wird auch erbracht. Rätetruppen führen zahlreiche Requirierungen durch.

                    Am 18.04. gestattet das Ministerium in München die Bildung von Freikorps. Der Rosenheimer Obergeometer Rudolf Kanzler bildet das Freicorps Chiemgau, mit dem er später nach eigenen Aussagen „Säuberungsaktionen“ in Rhedenfelden, Endorf, Heufeld, Aibling, Bruckmühl, Miesbach und anderen Orten durchführte.

                    Ende April rückten die Freikorps unter dem Befehl des Oberst von Mieg von allen Seiten auf Rosenheim vor. Der Arbeiterrat bildete eine Kommission unter der Leitung des Schlachthofdirektors Seiderer, eines Mitgliedes des „Rates der geistigen Arbeiter“. Er sollte bei Eintreffen der weißen Truppen Verhandlungen führen. Es kam zu einem Waffenstillstand unter der Bedingung, dass die Rosenheimer Revolutionäre ihre Waffen abgeben und Kopp und andere „Spartakisten“ sich der Regierung Hoffmann stellen sollten. Göpfert aber stehe unter dem Schutz der Regierung Hoffmann. Am 1. Mai wurde die Stadt widerstandslos eingenommen. Kopp hatte sich entgegen den vereinbarten Übergabebedingungen nach Kolbermoor zurückgezogen.

                    Guido Kopp, der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates und Bürgermeister von Rosenheim, wird zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Straubing verbüßt. Er darf danach nicht mehr nach Rosenheim zurück, wird ausgewiesen und lebt in Wien, Prag und Barcelona und kämpft mit im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 kehrt er nach Österreich zurück, wird an die Münchner Gestapo ausgeliefert und ins KZ Dachau und später Buchenwald eingeliefert, wo er 1945 von der Amerikanern befreit wird. Später lebt er in Salzburg, wo er 1971 stirbt.

                    Am 18.04.1920 wird In Rosenheim die erste Ortsgruppe der NSDAP außerhalb von München gegründet.

                    Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor!

                    Die Revolution in Kolbermoor: Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor

                    In Kolbermoor tauchen erstmals 1869 Mitglieder des ein Jahr zuvor in Berlin gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins auf. Bis zum Oktober gelang es dem aus Augsburg kommenden Schriftsetzer Leonard Tauscher für diese Vereinigung 99 Mitglieder zu werben. Der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, konnte in Kolbermoor Fuß fassen, zumal die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken unter mächtigem Druck standen. Wer aufmuckte, wurde fristlos entlassen. Der Lohn der Männer war so gering, dass die Mitarbeit der Frauen unumgänglich war. Lang waren die Arbeitszeiten: 1863 – 1872 wurden dreizehn Stunden gearbeitet, 1873 -1889 waren es zwölf und 1890 – 1905 elf Stunden, danach zehn Stunden. Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 lebte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor wieder auf. 1898 gründet der aus München zugezogene Franz Sperber die Ortsgruppe der SPD. Am 20.09.1896 führte eine Gewerkschaftsgruppe auch erstmalig eine öffentliche Versammlung durch. 1904 wurde in Kolbermoor ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet. Die Arbeiterbewegung begann sich zunehmend zu entfalten. 1899 erlebte Kolbermoor den ersten Streik beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei. Höhere Löhne wurden verlangt.

                    Wirtschaftliche und soziale Lage in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges

                    Jetzt möchte ich den Blick auf die Kleinstadt Kolbermoor lenken. Anhand dieser Stadt lässt sich die Situation vor der Revolution beispielhaft vor Augen führen. Nicht weniger als 730 Soldaten wurden im Laufe der Kriegsjahre eingezogen, 29 sogar noch 1918. Von ihnen sollten 153 nicht mehr zurückkehren. Schon im ersten Kriegsjahr gab es die ersten Toten, vor allem an der Westfront. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei wurde ein Reservelazarett eingerichtet.

                    Von August 1914 bis Mai 1915 verteuerte sich die Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie um rund 20 Prozent, die Ausgaben für Lebensmittel um 31 Prozent, im Dezember 1915 sogar um 40 Prozent. Vergleichbare Lohnerhöhungen blieben aus. Bereits im März 1915 begann in Kolbermoor das Brot knapp zu werden. Fleisch gab es ab 1916 nur noch über Reichsfleischkarten – ca. 200 g pro Woche. Auch Butterkarten mussten eingeführt werden. Missernten erschwerten die Versorgung weiter. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. Während Reiche noch Möglichkeiten hatten sich zu versorgen, gingen ärmere Bevölkerungsteile oft leer aus. Im Hungerjahr 1917 unternahm eine größere Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen einen Protestmarsch nach Aibling, um von dem dortigen Bezirksamt, das die Lebensmittelzuteilungen an die Gemeinden des Amtsbezirks regelte, höhere Zuweisungen an Mehl zu fordern. Dem Verlangen der Frauen antwortete die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes vom Fenster aus, wenn die Kolbermoorer kein Gemüse hätten, so sollten sie eben Gras fressen. Welche Verbitterung sich daraus entwickelte, lässt sich vorstellen.

                    Aber außer der mangelhaften Versorgung in Kolbermoor mit Lebensmitteln kamen während des Krieges weitere Probleme hinzu wie die schlechte Bestückung mit Heizmaterial, die Wohnungsnot und die schlechte Beschäftigungslage, vor allem für die, die aus dem Krieg heimkehrten. Im Tonwerk waren vor dem Krieg 450 Arbeiter beschäftigt. Wegen Kohlemangels waren es 1918 nur noch 13. In der Baumwollspinnerei arbeiteten in der Vorkriegszeit 900, 1918 nur noch 140. In einer Kolbermoorer Chronik heißt es; „Die Leute schimpfen überall über die Schikanen, die ihnen die Lebensmittelrationierungen verursachten und verlangen strengstes Einschreiten gegen die Wucherer und Hamsterer“.

                    Hinzu kommt in Kolbermoor, dass der Krankenstand infolge der schlechten Ernährung recht hoch war. Insgesamt kann man also die Lebens- und Arbeitsverhältnisse gegen Ende des Krieges als ausgesprochen desolat bezeichnen.

                    Vergleicht man die Situation von Kolbermoor mit der von Rosenheim, so scheint in der Arbeiterstadt Kolbermoor die Not um einiges größer gewesen zu sein als in der Bürgerstadt Rosenheim.

                    Die Revolution in Kolbermoor

                    Für den 11.11.1918 hatte die Kolbermoorer SPD zu einer Volksversammlung in den großen Mareissaal eingeladen. Dort kommt es im überfüllten Saal zur Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates. Vorsitzender wird Franz Sperber, MSPD. 25 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft werden gewählt. Selbst zwei Kommerzienräte und der Bürgermeister sind dabei. Zwei Tage später unterrichtet der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende die Mitglieder über die Befugnisse des Volksrates: „Jener sei ein Kontrollorgan der Distriktsverwaltung, sowie aller Behörden im Bezirke, dieser habe die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen u. Mißstände abzustellen, wo immer er sie fände.“ Der Volksrat gibt sich ein Programm mit dem Schwerpunkt Sicherung der Lebensmittelverteilung, Auflösung der Gefangenenlager und Errichtung eines ständigen Wachkommandos durch den Soldatenrat. Als erstes wird ein Ausschuss zur Überwachung der Lebensmittelverteilung gebildet, der Beschwerden entgegennehmen soll, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und dafür sorgen soll, dass Missstände abgestellt werden. In die Ortsverwaltung bringt der Volksrat viel Bewegung, indem er sinnvolle Tätigkeiten für die arbeitslosen Arbeiter anregt. Ein Wachkommando wird eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden und auf Vorschlag des Volksrates werden Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

                    Doch es gibt Kritik am Volksrat, vor allem an dessen Zusammensetzung. Für eine Arbeiterstadt seien zu viele Bürgerliche im Volksrat vertreten. So kommt es schon sechs Wochen später, am 8. Januar 1919 zu einer erneuten Wahl, bei der sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt werden. Zum 1. Vorsitzenden wird Georg Schuhmann gewählt. Diese politische Entwicklung ist insofern von besonderer Bedeutung, als man sich somit in Kolbermoor bereits sechs Wochen früher als in München oder Rosenheim von der mehrheitssozialdemokratischen Führung löste und eine radikalere Richtung einschlug. Ähnliche Prozesse begannen anderen Ortes erst nach der Ermordung von Eisner am 21. Februar.

                    Die Arbeit des Volksrates intensiviert sich unter Schuhmann. Der Schwerpunkt der Arbeit verlegt sich nun auf eine konsequente Kontrolle beim Schleichhandel und die Bekämpfung des Zurückhaltens von Lebensmitteln. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden in Angriff genommen, der Uferschutz der Mangfall und die Verrohung der Jugend durch den Krieg werden durch ein Kinoverbot bekämpft. Eine höhere Entlohnung für den Gemeindediener wird gefordert sowie die Einführung des Achtstundentages bei der Gemeinde. Die Autorität von Schuhmann und sein Einfluss wachsen zunehmend. Bereits zweieinhalb Wochen vor dem Rücktritt des Bürgermeisters hält er auf Beschluss des Volksrates im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden ab. Und die Arbeit des VR trägt Früchte: So heißt es von der Gemeinde: „Dem Antrag des Volksrates des gesetzl. 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter u. Gewährung einer Teuerungszulage wird nach längerer Debatte zugestimmt u. eine Teuerungszulage von 200 DM gewährt.“ Weitere Lohnerhöhungen für Gemeindebedienstete folgen.

                    Dann kommt es am 21.2. zur Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Daraufhin fordert einen Tag später der Volksrat den Rücktritt des Kolbermoorer Bürgermeisters Bergmann und des Gemeindesekretärs Loy. Es kommt zum Machtwechsel. Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist jetzt als neuer Bürgermeister offiziell für die Stadt zuständig. Der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung. Am Tage der Beerdigung von Eisner findet eine große Trauerfeier statt. Die Geschäfte, Schulen und Betriebe bleiben im ganzen Land geschlossen. In allen Kirchen läuten die Glocken eine halbe Stunde lang. Trauerbeflaggung ist angeordnet.

                    Der Volksrat verfolgt konsequent seine demokratische Politik. Er verhindert die Ausweisung von Frau Maria Saffert nach Böhmen. Ein Tanzkurs wird zugelassen. Der Volksrat wendet sich gegen die Ausbeutung von Lehrlingen. Kundenkarten für Lebensmittel werden eingeführt. Georg Schuhmann, der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende, nimmt auf Grund seines hohen Ansehens als gewählter Delegierter an der Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in Bad Aibling statt. Außerdem beschließt der Kolbermoorer Volksrat: „Beim Forstamt Rosenheim ist anzuregen, daß die Staatsfilze nicht mehr wie bisher an Filzeneigentümer, Torfhändler u. solche Personen verpachtet wird, welche die Filze nur ausbeuten, sondern daß dieselbe in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung verpachtet werde.“ Um die Wohnungsnot zu mindern, fordert der Volksrat, leerstehende Wohnungen zu beschlagnahmen. Außerdem wird die italienische Staatsangehörige Biemonte eingebürgert, ohne ihr wie früher dabei Probleme zu machen.

                    Am 26. März nimmt Georg Schuhmann als Delegierter an der Tagung des Bezirksbauern- und -arbeiterrates Aibling teil und wird zu dessen Vorsitzendem gewählt.

                    Die konsequente Politik des Volksrates entwickelt sich immer weiter und am 29.04.1919 kommt er zu der Feststellung: „ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich“ und tritt zurück.

                    So kommt es am 30.04.1919 zur Wahl des 3. Kolbermoorer Volksrates, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nennt. Vorsitzender ist erneut Georg Schuhmann. Alle sechs Mitglieder gehören der KPD an. Diese Entwicklung entspricht den Vorgängen in München anlässlich der Ausrufung der 2. Räterepublik unter dem Kommunisten Leviné.

                    Jetzt drängt die Zeit, denn die Regierungstruppen und die Freikorps sind bereits im Anmarsch auf Kolbermoor, das am 2. Mai vollständig eingekreist ist. Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung werden getroffen.

                    In Kolbermoor wird das weitere Vorgehen diskutiert. Es bilden sich am 3. Mai am Rathausplatz drei Verteidigungsgruppen, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Die Stimmung, vor allem seitens der Arbeiterinnen, ist der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt. Aber die militärische Überlegenheit der Weißen ist erdrückend. Gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Allein für die Freikorps werden aus den Beständen des Heeres 9000 Gewehre, 350 leichte Minen, 4500 Handgranaten und 76 Maschinengewehre samt Munition zur Verfügung gestellt. In den Quellen heißt es: „Es bedurfte dringenden Ersuchens der Vorsitzenden des revolutionären Arbeiterrates, bis man sich der Einsicht in die Ausweglosigkeit der Lage und die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes beugte“. Schuhmann tritt schließlich in Verhandlungen mit Oberst Mieg als dem Vertreter der Freikorps. Die Übergabebedingungen werden festgelegt und Kolbermoor wird militärisch besetzt.

                    Zwei Panzerzüge kommen aus Rosenheim nach Kolbermoor mit Angehörigen der Volkswehr Straubing. Die Feindseligkeit der Bevölkerung ist so groß, dass diese sich nicht trauen in den Bahnhof einzufahren. Die Truppe muss im Zug übernachten. Auch die Angehörigen des Freikorps Grafing halten eine Einquartierung im Ort für zu gefährlich und bleiben in einem Bauernhof, 100 Meter entfernt vom Ort. In Kolbermoor kann in Ermangelung „zuverlässiger Personen“ keine Ortswehr gegründet werden.

                    Nach Rosenheim ist Kolbermoor die letzte rote Bastion in ganz Bayern, die erst am 3. Mai zerschlagen wird. Im Wartesaal des Bahnhofs wird ein Standgericht eingerichtet. Die Gefangenen werden nach Straubing verfrachtet, die Minderbelasteten verprügelt. Sämtliche männliche Einwohner über 16 Jahren haben sich zur Verhaftung zu stellen. Zwar ist die Revolution niedergeschlagen, sie spielt aber für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor eine ganz wichtige Rolle. Hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent gegen die nationalsozialistische Ideologie machen sollte.

                    Das Ende der Räterepublik ist gekommen. Die einzige, winzige Chance der Räterepublikaner hätte in einem Aufstand der Arbeiter in ganz Deutschland bestanden, die dem Beispiel der Münchner Revolutionäre folgend, die Reichstruppen in so schwere Kämpfe verwickelt hätten, dass es diesen unmöglich geworden wäre, Hoffmann zu Hilfe zu kommen.

                    Am 4. Mai werden Georg Schuhmann und sein Schreiber Alois Lahn morgens um neun Uhr von einer Gruppe des Freikorps Grafing aus ihren Wohnungen gezerrt. Sie werden beide schwer misshandelt und von den Grafinger Weißgardisten Georg Schneider und Johann Rusch bei der Unterführung zum Tonwerk ermordet. Der Kolbermoorer Arbeiterführer war in der Bevölkerung auf Grund seines enormen Einsatzes für die Menschen sehr verankert. Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung, als sie von seiner Ermordung erfuhr. Der Friedhof war schwarz von Menschen. Ein Trauerzug war verboten worden. Maschinengewehre waren beim Friedhof in Stellung gebracht, weil man Ausschreitungen befürchtete. Georg Schuhmann wurde gemeinsam mit seinem Sekretär, dem erst 18-jährigen Alois Lahn beerdigt.

                    Am 5. Mai wird über Kolbermoor das Standrecht verhängt. Ortskommandant von Kolbermoor wird Hauptm .d .R. Dr. Benno Kreuter, Kommandant der derzeit in Kolbermoor liegenden Truppe Komp. Führer Seidel.

                    Der „Anzeiger von Kolbermoor“ schreibt über die Verbitterung und den Hass der Kolbermoorer Bevölkerung: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreiung? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen.“

                    Im Wochenbericht des Bezirksamtes wird die Stärke der Kommunisten in Kolbermoor noch immer auf etwa 900 geschätzt. Man vermutet, dass mehrere tausend Gewehre und einige Maschinengewehre für einen eventuellen Putsch verborgen gehalten würden.

                    Der Vater von Alois Lahn (Kolbermoor) wendet sich am 26.5. an das Kriegsministerium mit dem Ersuchen, die Umstände der Ermordung seines Sohnes aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen, da nichts in dieser Hinsicht geschah.

                    Am 19.07.1919 gibt der Kolbermoorer Bürgermeister Unsin (MSPD) einen Bericht an die Nachrichten-Abteilung des Wehrregimentes mit einer Liste derjenigen Personen, die während der Rätezeit auf spartakistischer Seite gestanden waren – selbstverständlich „streng vertraulich“.

                    Am 17.09.1919 schildert der Vater von Alois Lahn im „Kolbermoorer Anzeiger“ ausführlich, wie der Überfall auf seinen Sohn vonstatten ging und fordert auf, die Mörder zu finden und vor Gericht zu stellen. Diese, Georg Schneider und Johann Rusch, werden ausfindig gemacht, aber Anfang Januar 1920 freigesprochen. Ihnen habe „das Bewusstsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt.“

                    Am 07.02.1947 wird die Alpenstraße in Kolbermoor in Schuhmannstraße umbenannt. Dazu heißt es im einstimmigen Beschluss (SPD 7, CSU 6, KPD 2) des Gemeinderates: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“

                    Am 04.05.1999 kommt es durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, KV Rosenheim, zur Aufstellung einer Gedenktafel in Kolbermoor für Georg Schuhmann und Alois Lahn sowie zu einem Historischer Rundgang auf den Spuren von Schuhmann und Lahn anlässlich des 80sten Jahrestages von deren Ermordung.

                    Errungenschaften der Novemberrevolution und der Räterepublik

                    Die Revolution sowie die Räterepublik wurden zwar blutig niedergeschlagen, aber vieles wurde damals erreicht, was bis in unsere heutige Zeit hinein nachwirkt.

                    • Beseitigung der Monarchie
                    • Wahlrecht für Frauen
                    • Einführung des Achtstundentages
                    • Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht
                    • weitgehende Befreiung des Kulturlebens und der Medien von staatlicher Aufsicht und Zensur
                    • Prügelstrafe an Schulen wird verboten
                    • Zölibat für Lehrerinnen wird aufgehoben
                    • erstmalig Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe
                    • Ministerium für soziale Fürsorge, Sozialstaatsgedanke erstmals im Verwaltungsbau verankert
                    • Ansätze der Koedukation
                    • Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels
                    • Anerkennung des Koalitions- und Streikrechts der Staatsarbeiter
                    • Ende des landesherrlichen Kirchenregiments für den Protestantismus
                    • Ende der staatlichen Kirchenhoheit (Diese sah die staatliche Zulassung von Kirchen- und Religionsgemeinschaften ebenso vor wie die staatliche Aufsicht über die Kirchen)

                    In manchem Denken und Handeln waren die Räte auch unserer Zeit voraus

                    • völlige Umgestaltung der Schule
                    • aus autoritärer Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht (da fehlt es bei uns noch erheblich)
                    • Sport und Kunst sollen eine größere Bedeutung bekommen
                    • Einführung der Einheitsschule für alle Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr
                    • danach zweijährige praktische Ausbildung an einer Fortbildungsschule oder Weiterbildung auf einer Mittelschule

                    Literatur

                    Barck, Otto, Räterepublik im bayerischen Oberland. Deutsche Kommunistische Partei – Kreis München, München 2002

                    Baumgärtner, Raimund, Die Revolutions- und Inflationszeit in Rosenheim, in: Rosenheim in den 20er Jahren, Ausstellungskatalog, S.11-16, Rosenheim 1986

                    Günther, Egon, Bayerische Enziane, Hamburg 2005

                    Haffner, Sebastian, Der Verrat. 1918/1919 – als Deutschland wurde, wie es ist, München 1994

                    Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kap.6., Berlin 1967

                    Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträt einer Revolution, Düsseldorf 2008

                    Kögl, Otto, Revolutionskämpfe im südbayerischen Raum, Rosenheim 1969

                    Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

                    Münchner Räterepublik, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_R%C3%A4Terepublik

                    Rittenauer, Daniel, Haus der Bayerischen Geschichte – Revolution in Bayern 1918/19, https://www.hdbg.eu/revolution/web/revolution.php/gemeinde/detail/ags/9163000

                    Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

                    Stäbler, Wolfgang, Rosenheim von 1918 bis 1933, in: Rosenheim. Geschichte und Kultur, S. 351 – 356, Rosenheim 2010

                    Stadtarchiv Rosenheim, Revolution – Sturm auf das Rosenheimer Rathaus

                    Andreas Salomon, 2017

                    Das rote Kolbermoor – Veranstaltung in Kolbermoor anlässlich der Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

                    Text von Andreas Salomon vom 02.12.2015

                    Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

                    ich begrüße Sie alle sehr herzlich heute zu dieser Veranstaltung, die notwendig geworden ist, weil wir nach der neuerlichen Gewalttat der Nazis hier in Kolbermoor nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können und wollen.

                    Ich freue mich deshalb sehr, dass ich Prof. Dr. Klaus Weber aus München in unserer Mitte begrüßen darf. Wir beide sind mit den Gegebenheiten hier in Kolbermoor bestens vertraut. Er ist hier geboren und aufgewachsen, ich habe 30 Jahre hier gewohnt. Wir beide haben uns intensiv um die Geschichte dieser Stadt gekümmert und dabei besonders um die Rätezeit. Uns beiden ist klar, dass die Nazis offensichtlich alles daran setzen, die Erinnerung an die Rätezeit auszulöschen. Das werden wir zu verhindern wissen. Für heute Abend haben wir uns die Aufgaben so verteilt, dass ich die Rätezeit in Kolbermoor vor Ihren Augen lebendig werden lasse, also das, was wir vergessen sollen. Und Klaus hat sich das Thema gestellt „Vergessen machen – Kolbermoor, die Rätezeit und die Neonazis“.

                    Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

                    Überall im Landkreis gab es große Betroffenheit und Empörung, als die Zerstörung des Denkmals in Kolbermoor bekannt wurde, das an die Ermordung des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert.

                    Es ist bereits der vierte Anschlag und von Mal zu Mal hat sich die Empörung darüber deutlich, ja sprunghaft gesteigert.

                    Die erste Gedenktafel, die am 4. Mai 1999 von uns aufgestellt wurde, hielt nur bis zum Jahresende, dann wurde sie mit blauer Farbe so zugesprüht, dass sie nicht mehr zu reinigen war. In einem Leserbrief im Mangfall-Boten unter der Überschrift „Miteinander reden“ (Mangfall-Bote,11.1.2000) rief ich die Täter zu einem „offenen Gespräch“ auf. Wörtlich schrieb ich: „Meinungsverschiedenheiten sollten mit Worten ausgetragen werden und nicht mit dem Versuch, den anderen mundtot zu machen.“ Eine Reaktion der Täter blieb aus.

                    Drei Jahre später war es wieder so weit. Mit Säure war versucht worden, die Schrift auf der neuen Gedenktafel unlesbar zu machen. Zum Glück konnte die teure Tafel restauriert werden.

                    Der nächste Anschlag auf die Kolbermoorer Rätezeit im Jahr 2009 war nicht ein Anschlag auf die Gedenkstätte, sondern eine üble Provokation während eines Rundgangs auf den Spuren von Schuhmann und Lahn, den ich jedes Jahr ein- bis zweimal Jahr durchführe. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns auf die Provokation nicht ein. Sie verhielten sich ruhig und stiegen anschließend in ein Auto, in dem Naziflugblätter lagen.

                    Dann der Anschlag vom letzten Jahr! „Noske, do it again!“ in Riesenbuchstaben und zwei Hakenkreuze. Hakenkreuze auch in der Tonwerksunterführung. Als es um die Niederschlagung der Revolution von 1918/19 ging, war es allen voran der Polizeiminister Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ. Wenn die Nazis in Kolbermoor auf die Schuhmann-Tafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun („do it again“), so ist das eine unmissverständliche Aufforderung , dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und für Freiheit und Demokratie uns einzusetzen.“

                    Und jetzt der neuerliche Anschlag, der deutlich eine neue Qualität aufweist. Jetzt geht es ums Ganze: absolute Zerstörung der Tafel mit einem schweren Vorschlaghammer. Mit brachialer Gewalt wurde die schwere Marmortafel zertrümmert, um damit das Denkmal endgültig zu beseitigen.

                    Fast hundert Jahre liegt die Kolbermoorer Rätezeit zurück und ist doch noch so lebendig, dass sie immer wieder den Zerstörungswillen der Nazis hervorruft.

                    So wollen wir uns mit diesen so bedeutsamen sechs Monaten für Kolbermoor näher beschäftigen, mit der Zeit vom November 1918 bis zum Mai 1919, wobei aber gleich gesagt werden darf, dass mit dem Mai 1919 keineswegs alles vorbei war, denn die Kolbermoorer haben damals zwar eine Niederlage einstecken müssen, aber ihre Gesinnung dabei nicht verloren.

                    Die Folgen des roten Kolbermoors

                    Es ist überhaupt keine Frage, dass die Monate der Räterepublik in Kolbermoor, das wichtigste Kapitel der Stadtgeschichte sind. Es ist auch keineswegs so gewesen, dass mit dem 3. Mai 1919 alles vorbeigewesen ist. Am 22. Mai 1919 stand im Kolbermoorer Anzeiger über die angeblichen Befreier zu lesen: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen“ (Landgrebe, S. 155). Und Christa Landgrebe zeigt in ihrer Doktorarbeit „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südost-bayerischen Raum“ weiter auf, welche Nachwirkungen sich in Kolbermoor in den nachfolgenden Jahrzehnten beobachten ließen. So lesen wir dort: „Für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewußtseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie“(S. 166).

                    Widerstand in Kolbermoor gegen die Nazis

                    Zwar versuchte die NSDAP schon frühzeitig in Kolbermoor Fuß zu fassen und Adolf Hitler hielt bereits am 19. Juni 1920 seine erste Rede außerhalb von München in Kolbermoor, was aber die Kommunistische Partei nicht hinderte in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen. Landgrebe schreibt, dass es der KPD gelang „durch Versammlungen und Gründung von Organisationen einen größeren Teil der Arbeiter- bevölkerung anzusprechen“ (S. 163). Schon in den früher 20er Jahren entstanden Ortsgruppen der „Roten Hilfe“ und des „Rotfrontkämpferbundes“. Vor allem Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot waren die Themen, über die referiert wurde. Die Konferenzen leitete meist Ewald Thunig. „Zu Beginn der 20er Jahre“ – so Landgrebe – „läßt sich von einem wachsenden Klassenbewußtsein bei Teilen der Kolbermoorer Arbeiterschaft sprechen“ (S. 160). Noch in den 30er Jahren heißt es im Tagesbericht des Bezirksamts Aibling an die Bayerische Politische Polizei vom 10.9.1936, dass „…die Verhältnisse in Kolbermoor…offenbar immer noch nicht als endgültig ruhig betrachtet werden (können)….“ So wurden im November 1936 acht Kolbermoorer Arbeiter „wegen Singens der Internationale bzw. antinationalsozialistischen Verhaltens“ vorüber-gehend festgenommen. (Landgrebe, S. 164) In ihrem Aufsatz „Chronik des Widerstands in Kolbermoor 1931-1945“ zeigt Edda Kühne eine große Zahl ähnlicher Aktionen auf. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd. 1, S. 126-138)

                    Die letzten 30 Jahre in Kolbermoor

                    Erst nach dem 2. Weltkrieg gerät das rote Kolbermoor zunehmend in Vergessenheit und die Stadt macht vielmehr Schlagzeilen mit dem Erstarken braunen Gedankenguts in Gestalt der Republikaner und anderer Rassisten. Nikolaus Ziegler weist in seinem Aufsatz „Neonazis und Rechtsextremisten in Kolbermoor“ nach, was sich in der Zeit von 1986 bis 2004 an entsprechenden Aktionen bis hin zum rassistischen Mord an Carlos Fernando ereignete. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd.2, S. 199 – 205).

                    Wiederentdeckung der Kolbermoorer Rätezeit

                    Wie kam es jetzt dazu, dass die Ereignisse der Räterepublik in Kolbermoor wieder bekannt wurden. Ein erster Versuch wurde 1989 zum 70sten Tag der Ermordung von Schuhmann und Lahn durch eine Gruppe um Klaus Weber versucht, wo auch eine erste provisorische Gedenktafel aufgestellt wurde. Die durchschlagende Wirkung blieb aber noch aus.

                    Was es gab, war der Film Auf den Spuren des roten Kolbermoors„,der schon 1986 im Fernsehen ausgestrahlt wurde und dann die schmachvolle Chronik von Horst Rivier.

                    Im Sommer 1998 sprach mich der Kolbermoorer Ortskartellvorsitzende Hans Lorenz an, ob wir von der GEW nicht einmal diesen besagten Film zeigen wollten. Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung, die ich daraufhin organisierte, stieß ich auf Riviers Chronik und war zutiefst erschrocken, was ich dort las. Einige Kostproben:

                    Geschichtsverfälschung durch Horst Rivier

                    „Um eine ruhige Entwicklung zu verhindern, bemühte sich eine zunächst kleine Gruppe Linksstehender, die nun unzufriedene große Masse zu gewinnen, um mit dieser die Revolution zu machen.“ („Heimat Kolbermoor“, 1997, Bd.2, S. 44)

                    „Aber gerade sie waren es, die in unserem bis dahin wirklich friedlichen Ort nach dem Muster eines Kurt Eisner die Revolution heraufbeschworen. Es wurden hier nun Soldatenräte, Bauernräte und Gruppen von aufgeputschten revolutionären Arbeitern zu den Massenversammlungen organisiert“ (S. 44).

                    „Aus der alten Sozialdemokratischen Partei gründeten die radikalen Elemente die ´Unabhängige Sozialdemokratische Partei`(USPD); diese Richtung war aber vielen von diesen noch zu gemäßigt und die schärfsten und größten linken Fanatiker sammelten sich als `die Spartakisten`. Daß solch links extreme Hetze keine guten Früchte tragen konnte, lag auf der Hand.“ (S. 45)

                    Rivier schrieb weiter von „roten Auswüchsen“ (S. 46), „hysterischen Frauen„(S.46) usw.. Abschließend behauptete er, seine Informationen beruhten auf Gesprächen mit Zeitzeugen, die er dann auch nennt. Es dauerte etwas, bis ich herausfand, dass alles erstunken und erlogen war. Rivier hatte einfach bei einem anderen Chronisten abgeschrieben, nämlich bei Albert Loher, der seinerzeit Prokurist bei der Spinnerei war und natürlich aus vorurteilsbeladener Sicht der herrschenden Klasse schrieb.

                    Neuanfang der Geschichtsschreibung nötig

                    Damit war für mich klar, dass die Geschichte neu geschrieben werden musste. Als kurz darauf auch der DGB eine Veranstaltung in Kolbermoor zum gleichen Thema durchführte und der DGB-Kreisvorsitzende Lorenz Ganterer direkt aufforderte, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen, war der Startschuss gefallen. Das war im September 1998. Durch Zufall kam ich darauf , dass der kommende 4. Mai 1999 der 80. Todestag von Schuhmann und Lahn war. Damit war ein Zeitpunkt gegeben, um entsprechende Ergebnisse zu präsentieren.

                    Ich griff zum Telefonbuch. Gibt es noch Nachfahren von Schuhmann oder Lahn? Und stieß auf eine Frau Lahn-Obermüller, die mit einem Bruder von Alois verheiratet war. Ich ging zur Stadt und ließ mir die Melderegister von Schuhmann heraussuchen. Ich suchte die Gräber auf dem Friedhof, die Wohnungen, fand die Schuhmannstraße und bekam mit Mühe heraus, wann diese Straßenbenennung stattfand. Das war am 7.2.1947 gewesen. In der Begründung finde ich den bemerkenswerten Satz: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält“.(Andreas Salomon, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“, Kolbermoor, 2000, S.15). Der Stadtratsbeschluss war einstimmig! Ich ging zum Pfarrer, der mir die Sterberegister heraussuchte. Und eine sensationelle Entdeckung: Am Rand steht eine viele Sätze lange handschriftliche Bemerkung, die zwar schwer zu entziffern ist, aber viele wichtige Informationen enthält. (a.a.O., S.100)

                    Erste Recherchen

                    „Georg Schuhmann, Beruf Installateur, 1. Vorsitzender des revolutionären Arbeiterrates, Kopfschuß, Beerdigung mit 3 Geistlichen auf Forderung der Arbeiterschaft. Geboren 6. März zu Bamberg, wurde bald Führer der radikalen Arbeiterbewegung, nach dem Tode Eisners 1. Vorsitzender des neuen Volksrates, seit 29. April des revolutionären Arbeiterrates.“ Und später heißt es: „Herr Dr. Solleder ersuchte um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teiles der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

                    Über Alois Lahn stand am Rand, wo er wohnte, Ludwigstraße 9, dass er ledig war. Geboren am 27. März 1901, Sohn der Fabrikarbeitereheleute Lahn, zugleich mit Schuhmann erschossen.

                    Erste Mosaiksteine waren zusammengetragen. Nun ging ich ins Kolbermoorer Stadtarchiv. Hatten die Räte irgendetwas hinterlassen? Nach den Darstellungen bei Rivier schien dies ja nicht der Fall zu sein. Doch welche Überraschung: Ich entdeckte das Beschlussbuch der Räte, das Protokollbuch all ihrer Sitzungen und obendrein noch weitere wichtige Dokumente.

                    Nun war erstmalig die Möglichkeit gegeben, nachzuprüfen, was die Räte wirklich gemacht hatten. Nun konnte man dem vorurteilbeladenen Geschwätz von Rivier und seinen Anhängern etwas entgegensetzen. Langsam schälte sich heraus, was damals wirklich passiert war und ich beschloss, es der Öffentlichkeit bei einem historischen Rundgang durch Kolbermoor am 4. Mai 1999 bekannt zu machen, den ich sorgfältig mit entsprechender Pressearbeit vorbereitete. Denn mir war klar, hier ging es nicht nur darum ein historisches Kapitel der Stadtgeschichte wieder sichtbar zu machen, sondern es ging gleichzeitig um den Kampf, das bewusst Verdrängte, das Unangenehme zu beleuchten und damit um ganz konkrete Tagespolitik.

                    Der Kampf um die Gedenktafel

                    Ständig schrieb ich Leserbriefe und kleine Artikel im Mangfall-Boten, um für das Thema den Weg zu bereiten. Dann stellte ich über die Grüne Liste im Stadtrat den Antrag, eine Gedenktafel zu errichten, so dass sich der Stadtrat mit diesem Thema beschäftigen musste. Als er abgelehnt wurde, wenn auch knapp, wiederholte ich den Antrag zusammen mit dem DGB-Ortskartellvorsitzenden, wobei ich auch stets sichtbar machte, dass hinter mir die GEW stand, deren Mitglieder mich auch in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten. Nun kam es aber nicht mehr zur Abstimmung, weil der 2. Bürgermeister Schrank herausgefunden hatte, dass der Grund, auf dem die Tafel stehen sollte, gar nicht der Stadt gehöre. Man war froh, aus dem Schneider zu sein. Im April starteten wir eine ganze Leserbrief Serie, die dann die eigenmächtige Aufstellung der Tafel vorbereitete. Einen langwierigen Schriftverkehr mit der Bahn AG wollten wir uns ersparen – es fehlte auch die Zeit, denn der 4. Mai rückte immer näher.

                    Der historische Rundgang am 4.Mai 1999

                    Um dem Rundgang die nötige Breitenwirkung zu verleihen bat ich den CDU-Bürgermeister Reimeier um die Eröffnungsansprache. Sämtliche Fraktionen wurden angeschrieben mit der Bitte, einen Sprecher zu stellen. Die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf wurde um Stellungnahme gebeten usw.. Wichtig war für mich auch Prof. Dr. Klaus Weber mit einzubeziehen. Zum einen hatte er sich schon lange vor mir mit der Räterepublik beschäftigt, zum anderen war er Kolbermoorer und zum Dritten wusste ich aus alter Freundschaft, dass bei ihm das Thema in guten Händen war und ist.

                    Der Rundgang wurde ein außergewöhnlicher Erfolg mit gut 80 Teilnehmern. In der Folge führte er zur Entstehung meines Buches, einem Film und schließlich zur Gründung der Kolbermoorer Geschichtswerkstatt. Er löste auch heftigste Auseinandersetzungen mit Horst Rivier und seinen Mitstreitern vom Förderverein des Heimatmuseums aus und führte zu einer tiefgründigen Kritik von Riviers Chroniken, die wir auf Grund der unseriösen Geschichtsschreibung, der Lügen und Verdrehungen, der einseitigen, vorurteilsbeladenen Sicht der Dinge als ausgesprochen wertlos einstufen mussten, ja als gefährlich für die Leser, die das dort Geschriebene womöglich als bare Münze nehmen. Dieser Streit hält bis heute an, auch wenn sich nach Riviers Tod die Fronten etwas zu lockern scheinen.

                    Unser Rundgang begann damals vor dem Schuhmann-Haus, an dem ich seinerzeit eine Gedenktafel anbringen ließ. Dort war Schuhmann am 1.2. 1919 eingezogen und drei Monate später von seinen Mördern überfallen und herausgezerrt worden. Vorher hatte er seit 15.11.1918 in der Karlsstraße gewohnt. In das Schuhmann-Haus war er zu seiner Schwester gezogen. Inzwischen ist das Haus nach einem Brand abgerissen worden. Es fehlte das historische Bewusstsein, dieses Gebäude zu erhalten und vielleicht zu einer Gedenkstätte an die Räterepublik in Kolbermoor und insgesamt im Landkreis Rosenheim umzugestalten.

                    Historische Grundlagen der Kolbermoorer Rätezeit

                    Natürlich ist die Kolbermoorer Rätezeit nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbaut, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem verlorenen 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Und was Schuhmann und seine Weggefährten durchführten, war nur möglich auf dem Hintergrund einer vergleichsweise weit entwickelten Arbeiterbewegung vor Ort.

                    Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten. Am 19.10.1918 meuterten in Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand breitete sich wie ein Lauffeuer über das Land. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz um besitzenden Adel und Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnehmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratische bayerische Republik proklamiert.

                    Die Ereignisse in Kolbermoor

                    Auf diesem Hintergrund rief vier Tage später, am 11.11.1918,  die SPD in Kolbermoor zu einer Massenversammlung in den Mareissaal, die von allen Schichten der Bevölkerung besucht wurde. Der Saal war dicht besetzt. Hier wurde der 1. Volksrat gegründet, der 25 Mitglieder hatte, die aus allen Schichten kamen. 1. Vorsitzender war der Gastwirt Franz Sperber, 2. Vorsitzender der Bürgermeister Edmund Bergmann. Der Volksrat wurde als ein Kontrollorgan aufgefasst, „um die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ (Beschlussbuch, S. 5). Die Ärztefrage wird behandelt sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Missstände bei der örtlichen Lebensmittelzuteilung werden beklagt. Ein gewählter Lebensmittelausschuss soll die Geschäfte überwachen. Und zur Sicherheit wird ein Wachkommando vorgeschlagen.

                    Immer wieder geht es um die gerechte Verteilung der Lebensmittel. Gerügt werden zu hohe Preise für bestimmte Genussmittel und Kleidungsstücke. Und Vorschläge werden gemacht, wie durch Beschaffung von Notstandsarbeiten der Arbeitslosigkeit zu begegnen sei. Aber auch zahlreiche andere lokale Probleme werden diskutiert. Kritik wird am Gemeinderat laut, der sich um manches zu wenig kümmere und es wird beschlossen, drei Beobachter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses zu schicken..

                    6 Wochen später, am 2.1.1919, tritt der Volksrat zurück, weil aus eigenen Reihen an seiner Arbeit Kritik geübt worden war und weil zu viele „bürgerliche Elemente, sogar zwei Kommerzienräte und Kriegsgewinnler“ (S. 27) in ihm säßen. Hier bahnte sich bereits 6 Wochen früher als in Rosenheim und in München der Weg zu einer radikaleren Richtung an.

                    Am 8. Januar wird ein neuer Volksrat gewählt. Wieder ist der Mareissaal prall gefüllt. Jetzt werden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Bürgerlicher, ein Lehrer und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Gewählt wurde auch Georg Schuhmann, der in der ersten sich anschließenden Sitzung 1.Vorsitzender wird. Schuhmann ist 32 Jahre alt und gerade aus dem Krieg in die so genannte Sanierung zwischen Rosenheim und Kolbermoor gekommen, ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, die hier entlaust und neu eingekleidet wurden. Welche politische Ausbildung Schuhmann hatte und welche politischen Erfahrungen, konnte bisher nicht erforscht werden. Außer dem Beschlussbuch hat er keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen. Nicht eine seiner Reden ist bekannt. Eine einzige kann ihm wahrscheinlich zugeschrieben werden.

                    Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er einiges an Erfahrung mitbrachte. Denn nur so ist es verständlich, dass er sich verhältnismäßig schnell innerhalb der Kolbermoorer Arbeiterbewegung profilieren konnte. Der Boden in Kolbermoor für eine Politik im Interesse der breiten Bevölkerung war zweifellos gegeben. Große Fabriken wie die Spinnerei und das Tonwerk hatten schon früh einen gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluss der Arbeiter zur Folge gehabt. Wie aber Schuhmanns Entwicklung in Kolbermoor sich im Einzelnen darstellte, weiß man nicht. Sicher ist nur, dass er bald ein unglaublich großes Maß an Anerkennung fand, ja dass er geradezu eine charismatische Figur gewesen sein muss.

                    Kaum war der neue Volksrat gewählt intensivierte er seine Arbeit erheblich. Immer mehr Themen stehen auf der Tagesordnung wie der Straßenbau, der Uferschutz an der Mangfall, die Verrohung der Jugend durch den Krieg. Schleichhandel oder Wucherpreise werden noch sorgfältiger verfolgt. Der 8 – Stunden –Tag und entsprechende Entlohnung werden diskutiert. Entschieden bemüht sich der Volksrat um soziale Gerechtigkeit. Der Einsatz des Volksrates bezüglich seiner Kritik an schlechten Lebensmitteln hat Erfolg. Klagen und Beschwerden, die beim Volksrat eingehen, werden an die Gemeinde weitergeleitet. Der Einfluss Schuhmanns wächst immer mehr. Am 5.2.1919 beschließt der Volksrat, dass Schuhmann regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abhält. Die Anträge des Volksrates werden von der Gemeinde weitgehend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck, dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor bestimmt und der Gemeinderat zur Exekutive wird. Inwieweit das tatsächlich stimmt, müsste noch durch einen Abgleich der Gemeinderatsprotokolle aus jener Zeit mit den Protokollen der Räte geschehen.

                    Die Vorgänge vom 22.2.19 überraschen deshalb nicht sonderlich. Am Tage nach der Ermordung Eisners wird der Bürgermeister zur Volksratssitzung eingeladen. Schuhmann schildert ihm die Vorgänge in München und Rosenheim, die zu den Rücktritten der Bürgermeister geführt hätten und führt aus, dass nun auch „in Kolbermoor nichts zu tun übrig bliebe, als diesem Beispiel zu folgen“ (S.49) Wörtlich heißt es weiter: „Er teilte mit, daß in der Arbeiterschaft Kolbermoors eine starke Missstimmung gegen Herrn Bürgermeister Bergmann sowie gegen Herrn Sekretär Loy sich bemerkbar gemacht hätte und daß voraussichtlich auch für diese beiden Herren der Gedanke des Rücktritts in Frage käme.“ Daraufhin trat Bergmann zurück. Bei Rivier liest sich das übrigens so: „Mit einer bewaffneten Menge zog er vor das Rathaus, wo der langjährige Bürgermeister Edmund Bergmann dem Revolutionär, dem Rotgardisten Georg Schuhmann, weichen mußte.“(S. 45)

                    Der Volksrat setzte nun seine Aktivitäten mit ungeminderter Intensität fort, ja die Fülle der Aktivitäten nahm eher noch zu. Die Löhne von Gemeindeangestellten werden erhöht, neue Kräfte eingestellt, die Pension des Gemeindedieners erhöht, den Kriegsinvaliden zunächst je 100 DM zugewiesen, ein Tanzkurs genehmigt, beschlossen, bestimmte Gemeindewege zu reparieren, Kundenkarten für sämtliche Lebensmittel eingeführt und beschlossen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen vorzugehen.

                    Und wieder dreht das Rad der Geschichte sich weiter. Ein dritter Volksrat wird am 29.4.gewählt. Einstimmig wird Schuhmann wieder gewählt, der erklärt, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können“ (S. 63). Der neu gewählte Volksrat, der wieder im voll besetzten Mareissaal gewählt wird, heißt nun: Revolutionärer Arbeiterrat.

                    Aber dieser Volksrat traf sich nur zu einer einzigen Sitzung, dann zog sich schon der Ring der Weißgardisten rund um Kolbermoor zusammen. Wie eine Festung war Kolbermoor ausgebaut und zur Verteidigung bereit, aber die Lage war aussichtslos. Kolbermoor, die letzte rote Bastion in Bayern, musste sich ergeben. Schuhmann selber hatte erkannt, dass nur ein großes Blutvergießen die Folge eines Kampfes gewesen wäre und plädierte dafür, sich zu ergeben. Heftige Auseinandersetzungen im Mareissaal gingen der Entscheidung voran. Dann wurden die Waffen gestreckt.

                    Die Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

                    Georg Schuhmann und Alois Lahn wurden am nächsten Morgen, Sonntag den 4. Mai 1919 aus ihren Betten gezerrt, misshandelt, zur Tonwerksunterführung und geschleppt und dort ermordet. Alois Lahns Vater schrieb über die Ermordung seines Vaters am 17.9.1919 im „Anzeiger für Kolbermoor“: „(…) Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von zwei gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten).

                    Ein Teil des Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen zwei Anzüge und ein Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeifer sogar noch das 4-jährige Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift. (…) und ohne Urteil erschossen“.

                    Bei der Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn war der Friedhof schwarz von Menschen. Auf einem Foto des Grabes kann man auf Kranzschleifen lesen: „Ein letzter Gruß dem (ein Wort nicht lesbar) Kämpfer – die Arbeiterschaft der Spinnerei“ oder „Letzter Gruß unserem unvergesslichen Schuhmann“.

                    Die Bedeutung der Räterepublik

                    In den Novembertagen des Jahres 1918 bildeten sich in Deutschland spontan Arbeiter- und Soldatenräte. Unmittelbar aus sich selbst heraus und zunächst ohne ausgereiftes theoretisches Konzept forderten Arbeiter eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft. Kapitalismus, bürgerliche Demokratie und Staatsbürokratie sollten von unten, von den Betrieben her, überwunden werden, alle politischen und wirtschaftlichen Leitungsaufgaben sollten künftig in den Händen demokratisch gewählter, streng kontrollierter und jederzeit abrufbarer Räte liegen. Es war die Idee einer gleichermaßen in Staat und Wirtschaft zu erkämpfenden, von breitesten Volksschichten getragenen direkten Demokratie. Dass ein derartig revolutionäres Ziel die Anhänger des kaiserlichen Obrigkeitsstaates und aller Parteien und Organisationen auf den Plan rief, die sich für eine bürgerliche Republik mit kapitalistischem Wirtschaftssystem entschieden hatten, versteht sich. Den Räten stand bis auf die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) und die kommunistische Partei (KPD) eine breite Parteienphalanx gegenüber. Was mit der Forderung „Alle Macht den Räten!“ begonnen hatte, wurde schließlich mit Waffengewalt beendet. Vom Reichswehrminister ausgesandte Strafexpeditionen zerschlugen die Hochburgen der radikalen Arbeiterschaft. Was am 3. November 1918 in Kiel begonnen hatte, endete am 3. Mai 1919 in Kolbermoor.

                    Zeitweise hatte die politische Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte gelegen. Erstmals in der deutschen Geschichte suchten die Menschen unmittelbare Demokratie zu praktizieren. Der Arbeitsrechtler und Sozialdemokrat Hugo Sinzheimer schrieb 1919 in seinem Buch „Das Rätesystem“: Der Mensch „will sein Leben selbst gestalten und eine neue Lebensordnung schaffen, in der der Mensch sich selbst gehört und nicht für fremde Zwecke verbraucht wird. Die Kräfte, die das Lebensschicksal bestimmen, selbsttätig auf allen Gebieten in der Hand zu haben und zu lenken, ist der innerste Drang, der einen großen Teil der Masse beseelt, die dem Rätegedanken folgt.“ (Hugo Sinzheimer, Das Rätessystem, 1919, S.7). Dieter Schneider und Rudolf Kuda schreiben in ihrem Buch „Arbeiterräte in der Novemberrevolution, Ideen, Wirkungen, Dokumente“ (Suhrkamp 1969): „Räte bildeten sich, wo Unterdrückte und Unterprivilegierte gegen ihr Schicksal aufbegehrten, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen wünschten mit dem Ziel, in einer revolutionären Situation die gesellschaftliche Entwicklung zu ihren Gunsten zu beeinflussen“ (S.35). Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auch auf Hannah Arendt, die den Geist des Rätesystems als „echt demokratisch“ (S.35) bezeichnete. Und auch in Kolbermoor wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt mit der Begründung, dass Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste.“

                    In München wird zurzeit gefordert, den Marienhof in Kurt-Eisner-Platz umzubenennen. Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates Kurt Eisner rief den Freistaat Bayern aus. Bayern erhielt die erste demokratische Verfassung. Das allgemeine Wahlrecht, der 8-Stunden-Tag, die Trennung von Kirche und Staat und basisdemokratische Gesellschaftsstrukturen wurden eingeführt.

                    Unsere Aufgabe muss es sein, die Erinnerung an die Rätezeit wachzuhalten und allen Versuchen der Nazis, diese auszulöschen, entschieden entgegenzutreten.

                    Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

                    Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

                    In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet.

                    1999 wurde zum 80. Gedenktag von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft am Ort der Ermordung im Rahmen eines feierlichen historischen Rundgangs im Beisein des seinerzeitigen Bürgermeisters und vieler anderer Vertreter aus dem politischen Leben eine Gedenktafel errichtet.

                    Der jetzige Anschlag auf die Erinnerungstafel ist bereits der vierte. Schon nach einem Jahr (2000) war die Tafel derart mit blauer Farbe zugesprüht, dass sie durch eine neue ersetzt werden musste. Einige Jahre später folgte ein Säureanschlag und in der Nacht zum 1. Juni 2014 wurde die Tafel mit schwarzer Farbe beschmiert. Die Täter schrieben: „Noske, do it again“ und hinterließen dazu zwei große Hakenkreuze. Noske war für die Niederschlagung der Revolution 1918/19 als Polizeiminister mitverantwortlich. Er ging dabei mit äußerster Brutalität vor und hunderte von Menschen wurden ermordet. Bekannt ist sein Ausdruck: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ.

                    Erst am 24. Oktober habe ich für den Historischen Verein Rosenheim einen Rundgang auf den Spuren der Kolbermoorer Rätezeit durchgeführt, an dem an die 50 Interessierte teilnahmen.

                    Der aktuelle Anschlag ist derjenige, der mit der bisher größten Gewalt durchgeführt wurde. Allein das erforderliche Werkzeug zeigt den geplanten Wunsch, die Tafel zu zerstören und damit die Erinnerung an die Rätezeit in Kolbermoor auszulöschen.

                    Wir verurteilen die Gewalttat aufs Schärfste und haben Anzeige bei der Polizei in Bad Aibling gestellt. Wir lassen uns nicht einschüchtern und werden die Erinnerungsarbeit fortsetzen.

                    Andreas Salomon, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreis Rosenheim