Zum 100. Tag der Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn

Rede von Andreas Salomon am 4. Mai 2019 im Kolbermoorer Rathaus

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, sehr verehrte Damen und Herren des Stadtrates, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Frühmorgens am 4. Mai 1919

der 4. Mai vor 100 Jahren war ein Sonntag und viele Kolbermoorer schliefen morgens um 9 Uhr noch, wie es auch Georg Schuhmann und Alois Lahn taten.

Am Tag zuvor hatte Kolbermoor nach langen, kontroversen Diskussionen im Mareissaal sich der großen Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps unter Führung des Oberst Mieg ergeben müssen. Viele werden in der Nacht darauf einen sehr schlechten Schlaf gehabt haben, viele hatten sicherlich Alpträume und nicht wenige werden vor Schmerzen kaum geschlafen haben, so waren sie vor dem Kolbermoor Bahnhof durchgeprügelt worden.

Die Belagerung Kolbermoors

Was war geschehen?

Bereits am 2. Mai war Kolbermoor völlig von Regierungstruppen und Freikorps eingekreist, aber dennoch wurden Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung getroffen. Dazu bildeten sich drei Züge am Rathausplatz: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr.

Dann kam der 3. Mai. Die Einwohner der Stadt versammelten sich und berieten über die weitere Vorgehensweise. Es kam zu erregten Auseinandersetzungen. Der Volksrat tagte in Permanenz im Mareissaal und debattierte die Frage einer möglichen Verteidigung.

Volksräte in Kolbermoor

Seit sechs Monaten gab es in Kolbermoor einen Volksrat, dem es aufgrund seiner volksnahen, demokratischen Politik gelungen war, die Bewohner davon zu überzeugen, dass man mit dieser basisorientierten Vorgehensweise einen Weg für die breite Masse der Bevölkerung gefunden hatte, wie es nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges und dem Niedergang der Monarchie wieder aufwärts gehen konnte. Die Volksratsvorsitzenden Franz Sperber (1. Volksrat) und Georg Schuhmann (2. und 3. Volksrat) hatten mit ihren Mitstreitern die Ärmel hochgekrempelt und einen Neuanfang gewagt und dabei in kurzer Zeit Bemerkenswertes geleistet.

Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich im Kolbermoorer Stadtarchiv das Beschlussbuch der Räte entdeckt. Und das ist eine außerordentliche Rarität. Denn in diesem sind minutiös sämtliche Sitzungen der drei aufeinander folgenden Räte handschriftlich protokolliert, womit sichtbar gemacht werden kann, was die Volksräte tatsächlich ganz konkret gemacht haben. Dieses Beschlussbuch, wie es von anderen bayerischen Städten nicht erhalten geblieben ist, stellt geradezu den Schlüssel zur Kolbermoorer Rätezeit dar

Für den 11. November 1918, so lesen wir dort, hatte die Ortsgruppe der Kolbermoorer SPD, die 1898, also bereits 20 Jahre zuvor, gegründet worden war, zu einer großen Volksversammlung in den Mareissaal eingeladen, auf der der erste 25-köpfige Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde.

Der 1. Weltkrieg als Auslöser der Revolution

Was hatte es nun mit den Räten auf sich, aus welcher Situation heraus sind sie entstanden?

Die Folgen des verlorenen 1. Weltkrieges waren verheerend, auch für Kolbermoor. 730 Männer waren eingezogen wurden, 153 ließen ihr Leben und rissen schmerzliche Lücken in ihre Familien. Wie überall war die Situation in Kolbermoor stark von den Auswirkungen des Krieges geprägt. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei war ein Reservelazarett eingerichtet worden. Ein Hilfsverein zur Unterstützung der Verwundeten und für Angehörige für im Feld stehende Personen war gegründet worden, und in einem Schulraum gab es eine Volksküche.

Während die Soldaten das Grauen eines bis dahin unvorstellbaren Krieges erleben mussten, kam es daheim zu Versor- gungsschwierigkeiten aller Art.

Industrie und Landwirtschaft lagen zunehmend darnieder. Die Lebenshaltungskosten stiegen im Krieg dramatisch. Schon im ersten Kriegsjahr erlebten die Kolbermoorer eine Teuerung von 20 Prozent, bei Lebensmitteln sogar um 31 Prozent. 1915 wurde das Brot knapp. Fleisch und Butter gab es bald nur noch auf Karten. Selbst Kartoffeln, die Haupternährungsgrundlage, mussten rationiert werden. Missernten erschwerten die Lage zusätzlich. Der Schwarzmarkt blühte, die Reichen konnten sich noch genügend Nahrungsmittel besorgen, die Armen begannen zu hungern. Aus dem Jahr 1917 ist uns der Hunger- und Protestmarsch einer Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen bekannt, die nach Aibling zum dortigen Bezirksamt gingen, um höhere Zuweisungen für Mehl zu erbitten. Noch heute, nach 100 Jahren haben die Kolbermoorer nicht vergessen, dass die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes zum Fenster herausgerufen habe, wenn die Kolbermoorer kein Mehl hätten, so sollten sie eben Gras fressen.

Aber es mangelte nicht nur an Lebensmitteln, auch Heizmaterial wurde knapp und es fehlten Wohnungen. Und zudem gab es auch nicht ausreichend Arbeitsplätze. In der Spinnerei, in der vor dem Krieg 900 Menschen tätig waren, waren es jetzt aufgrund von Rohstoffmangel nur noch 140 und im Tonwerk waren es statt ursprünglich 450 nur noch 13. Kohlemangel hatte dort in den letzten beiden Kriegsjahren zur Stilllegung geführt.

Und außerdem machten Lager russischer und französischer Kriegsgefangener die Lage auch nicht einfacher.

Zwischen Rosenheim und Kolbermoor entstand zu der Zeit die „Sanierung“, ein Lager aus rund 100 Baracken. Hier wurden jeden Tag tausende von Soldaten entlaust und neu eingekleidet, um von einer Front an die andere verlegt zu werden. Hier trafen sich viele Soldaten, die die mörderischen Schlachten miterlebt hatten und tauschten ihre Erfahrungen aus. Es liegt auf der Hand, dass es hier bald brodelte und überlegt wurde, wie es weiter gehen sollte. Einer dieser Soldaten, der sich in der „Sanierung“ befand, war Georg Schuhmann.

Der Beginn der Revolution

Dann kam im Oktober 1918 der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven. Noch einmal sollte des Kaisers liebstes Kind, die Kriegsflotte, auslaufen gegen England, obgleich die Soldaten überall im Land wussten, dass der Krieg längst verloren war. Die Matrosen wollten ihr Leben nicht mehr bei einem sinnlosen Einsatz verlieren, entwaffneten ihre Vorgesetzen und hissten die rote Flagge. Als die verhafteten Matrosen nach Kiel gebracht wurden, wie auch ein Großteil der gesamten Flotte, kam es zum Aufstand, der sich wie ein Lauffeuer zunächst in den Hafenstädten und dann im Landesinneren verbreitete. Die Novemberrevolution in Deutschland hatte begonnen.

Schon wenige Tage später, am 7. November, kam es in München auf der Theresienwiese zu einer Kundgebung mit ca. 60.000 Teilnehmern. 12 Redner sprachen gleichzeitig. Kurt Eisner zog anschließend mit seinen Anhängern zu den Kasernen, wo die Soldaten begeistert zu ihm überliefen. Die bayerische Monarchie war gestürzt und der Freistaat Bayern wurde ausgerufen. Kurt Eisner wurde zum 1. Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und die neue Demokratie gefeiert. Zahlreiche Neuerungen wurden in den kommenden Tagen verabschiedet wie die Einführung des Frauenwahlrechtes, der 8-Stunden –Tag, die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen und Unzähliges mehr.

Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates

Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates vier Tage später ist auf diesem Hintergrund zu sehen.

Die 25 Mitglieder kamen aus allen Volksschichten und darunter waren auch der Bürgermeister Edmund Bergmann sowie die Kommerzienräte Jordan und Koppisch von Spinnerei und Tonwerk. Zum 1. Vorsitzender wurde noch am gleichen Tag, dem 11. November 1918, der Gastwirt Franz Sperber gewählt. Franz Sperber war bereits 1890 von der SPD aus München nach Kolbermoor geschickt worden, um als Agitator auf die aufkommende Arbeiterbewegung einzuwirken.

Außer der SPD-Ortsgruppe hatte die Partei 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gegründet, 1896 einen „Arbeiter-Radfahrverein“, 1904 den „Arbeiter-Gesangsverein Arion“ und 1912 einen „Arbeiter-Turnverein“.

Franz Sperbers Wahl zum 1. Vorsitzenden entsprang also seiner großen Bedeutung für die Kolbermoor SPD und für die Arbeiterschaft.

Georg Schuhmann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Kolbermoor, aber schon sehr bald darauf. Bereits vier Tage später, am 15. November 1918, zog er aus der „Sanierung“ zu seiner zehn Jahre älteren Schwester Maria in die Kolbermoorer Karlstraße 2. Georg Schuhmann war am 28. März 1886 in Bamberg geboren worden, war also 33 Jahre alt und als Beruf lesen wir auf der Meldekarte Spengler und Installateur. Sein Vater war Brauereibesitzer in Bamberg.

Während also Schuhmann die Entwicklung in Kolbermoor zunächst noch gewissermaßen von außen betrachtete, zögerte der Volksrat nicht lange und nahm bereits zwei Tage später seine Arbeit auf.

Die Arbeit des 1. Volksrates

Den Vertretern der Ortsbehörden (Lokalschulkommission, Bahnverwaltung, Gendarmerie) wurde das Handgelübde abgenommen, „dem Volksrat unter Wahrung ihrer Gesinnung und Überzeugung freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.“

Der Volksrat, so Franz Sperber, habe die Aufgabe, „die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Mißstände abzustellen, wo immer er sie finde.“ Der Volksrat war also zunächst in Kolbermoor kein Exekutivorgan, sondern hatte nur beratende Funktion, indem er die Wünsche und die Kritik der Bevölkerung an die Gemeindeverwaltung weitergab.

Bevor von den Aktivitäten Schuhmanns die Rede sein wird, muss kurz die Arbeit des 1. Volksrates unter Franz Sperber beleuchtet werden.

Liest man jetzt die Protokolle, dann erlebt man mit, welche Aufbruchstimmung durch die Wahl des Volksrates ausgelöst worden war. Dieser konnte sich schon bald vor den zahlreichen Eingaben der Arbeiterschaft kaum retten. Nur einige Aspekte davon seien hier angesprochen: ein einziger Arzt in Kolbermoor reiche nicht aus, die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniere nicht, den Landwirten mangele es an Futtermitteln, bei Conradty sei ein Arbeiter rausgeschmissen worden, der eine Lohnerhöhung gefordert habe, usw.

Da immer wieder die Lebensmittelknappheit genannt wurde, gründete man einen Lebensmittelausschuss und richtete ein zehnköpfiges Wachkommando ein. Als bereits zwei Wochen später der Lebensmittelausschuss dem Volksrat erstmals Bericht erstattete, wurde deutlich, dass nicht nur die Qualität vieler Lebensmittel schlecht war, sondern dass diese auch ungerecht verteilt wurden und oft überteuert waren. Man kann sagen, dass dieser Ausschuss zum wichtigsten überhaupt wurde. Bei jeder Sitzung wird über die gerechte und ausreichende Verteilung von Lebensmitteln diskutiert. So sei die Eierverteilung schlecht organisiert, es bildeten sich lange Schlangen und es gäbe zu wenig Obst, die Gemeinde habe versagt, genügend davon einzukaufen.

Vom Volksrat gewählte Vertreter für den Gemeindeausschuss meldeten die Mängel weiter und dies mit Erfolg. Auch in anderen Bereichen ging es voran. Notstandsarbeiten wurden angeregt und Sperber engagiert sich für die Beschäftigung aller arbeitslosen Personen. Bei dem Wunsch nach Aufhebung des 8. Schuljahres, damit die Kinder früher mitarbeiten könnten, zeigte sich der Volksrat aber unwillig. Bildung sei sehr wichtig und die Volksschule solle eher weiter ausgebaut werden.

Der 2. Kolbermoorer Volksrat

Kommen wir jetzt nach dieser gerafften Vorstellung der Arbeit des 1. Volksrates zum 2. Kolbermoorer Volksrat. Am 2. Januar war der 1. Volksrat zurückgetreten, da zu viel Kritik an seiner Arbeit geäußert worden sei. Der VR schlafe, habe seine Beschlüsse nicht öffentlich gemacht, sei unglücklich zusammengesetzt usw. und viel zu groß. Kolbermoor sei eine Arbeiterstadt und das müsse sich auch deutlich in der Zusammensetzung des Volksrates ausdrücken.

Am 8. Januar wurde wieder auf einer großen Volksversammlung im Mareis, „die ebenso stark besucht war wie die vom 11. November“, eine neuer Volksrat, der zweite gewählt, in dem nun sechs Arbeiter, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirtschaft saßen sowie sechs Beiräte. Einer der Arbeiter war Georg Schuhmann, der noch am gleichen Tag zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Franz Sperber war nicht mehr zur Wahl angetreten. Es ist davon auszugehen, dass bei der Neuwahl auch parteipolitische Auseinandersetzungen eine Rolle spielten, so sieht es zumindest Christa Landgrebe in ihrer Doktorarbeit, „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ (S.141), denn Franz Sperber gehörte der MSPD an und Georg Schuhmann war Mitglied der USPD. Es fand also in Kolbermoor früher als in anderen Orten Bayerns eine Radikalisierung statt, die woanders erst nach der Ermordung Eisners am 21. Februar einsetzte.

Nach den acht Wochen Amtszeit des 1. Volksrates setzte jetzt mit dem jungen Schuhmann eine deutliche Intensivierung der Arbeit ein. Der Volksrat beschloss, die Gemeinde habe das Eintreffen von Lebensmitteln sofort bekannt zu geben, für alle Lebensmittel Kundenlisten einzuführen und die Verteilung besser zu organisieren.

Um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegen zu wirken, solle für die schulpflichtige Jugend ein Kinoverbot erlassen werden.

Die Verbesserung der Straßen sei dringend erforderlich, ebenso die Inangriffnahme von Uferschutzmaßnahmen an der Mangfall sowie Arbeiten in den Kulturen der Filze. Die Beschlüsse des Volksrates werden jetzt durch Anschlag an Plakatsäulen bekannt gegeben.

Auf der nächsten Sitzung wird die Zurücknahme des schlechten Kaffeeersatzes gefordert und die Belieferung mit besserer Ware verlangt. Gegen den Kaufmann Karl Langer wird Anzeige wegen Schleichhandels und Wucher mit Lebensmitteln erstattet und der Antrag gestellt, dem Bäckermeister Steinseiler wegen unerlaubten Wettbewerbs und Nötigung die Erlaubnis zum Verkauf des „Landshuter Brotes“ zu entziehen. Letzterer hatte selbstgebackenes Brot als „Landshuter Brot“ ausgegeben und markenfrei über dem festgesetzten Preis verkauft.

Für die Gemeindearbeiter stellt der Volksrat den Antrag, den 8-Stunden-Tag einzuführen und eine Teuerungszulage zu gewähren. Und immer wieder werden die Lebensmittelläden kontrolliert, vor allem, wenn zu hohe Preise gemeldet werden.

Und der Volksrat hat Erfolg. Der schlechte und zu teure Kaffeeersatz wird vom Kommunalen Verband zurückgenommen und besserer und billigerer geliefert, genauso wie Mehl, mit dem genießbares Brot herzustellen ist. Und dauert die Behandlung der Anträge im Gemeindeausschuss zu lange, macht der Volksrat mit Erfolg Druck. Ständig greift Schuhmann Kritiken auf, die ihm von den Arbeitern zugetragen werden, rügt dann, dass z.B. der Verkauf von Kleidungsstücken von der Gemeinde nicht rechtzeitig bekannt gegeben worden sei, und gewinnt in Kolbermoor immer mehr an Autorität.

Bürostunden im Arbeitszimmer des Bürgermeisters

Man bekommt beim Lesen der Protokolle den Eindruck, dass der Volksrat zum wahren Motor der Gemeinde geworden ist und so überrascht es nicht, dass auf der Sitzung vom 6. Februar 1919 der Volksrat beschließt, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann ab jetzt regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abzuhalten habe. Zu Widerstand vonseiten des Bürgermeisters scheint es nicht gekommen zu sein. Ich denke, dieser Vorgang ist außerordentlich bemerkenswert, findet er doch über zwei Wochen vor der Ermordung Kurt Eisners statt, der dann im ganzen Land große Veränderungen auslösen sollte. In Kolbermoor, so kann man sagen, war man immer einen Schritt weiter und erfolgreicher.

Auch das geforderte Kinoverbot für Schulkinder wurde vom Gemeindeausschuss beschlossen und öffentlich plakatiert und der Volksrat gebeten, mit dem Schulpersonal entsprechend Verbindung aufzunehmen. Ebenfalls wird dem 8-Stunden-Tag für die Gemeindearbeiter zugestimmt, genauso wie einer Teuerungszulage von 200 DM. Der Lohn des Gemeindedieners Steindl wird erhöht, so wie der der Putzfrau des Gemeindehauses, Frau Reckl. Und für die Eierverteilung wird jetzt eine Kundenliste eingeführt. Auch die rechtzeitige Bekanntgabe des Eintreffens von Kohlen wird zugesichert.

Schuhmann arbeitet inzwischen nicht nur auf lokaler Ebene, sondern wird vom Volksrat auch als Vertreter Kolbermoors in den Bezirksrat gewählt und spricht bezüglich seiner Arbeit insgesamt „von starker Inanspruchnahme“.

Immer wieder muss der Volksrat bezüglich gerechter Lebensmittelverteilung eingreifen. Die Metzgerei Haag erhält eine Anzeige bei der Ortspolizei wegen Schleichhandel und Wucher, sie habe sieben Pfund Fleisch markenfrei für drei Mark das Pfund verkauft. Außerdem wird einstimmig der Antrag gestellt, die Büsten und Bilder der gestürzten Dynastien seien aus öffentlichen Räumen zu entfernen. Dass Denkmal für den König Ludwig hat man, wie man bis vor kurzem sehen konnte, stehen lassen. Erst ein starker Sturm 100 Jahre später holte den König vom Sockel.

Dann erschüttert der Mord an dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 das ganze Land. Der Volksrat beruft seine Mitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung für den kommenden Tag ein und lädt auch dazu den Bürgermeister Bergmann, den Sekretär Loy und den Gendarmeriewachtmeister Ellmann ein.

Der Rücktritt des Bürgermeisters Bergmann

Die Ermordung Eisners führt in vielen bayerischen Orten zu einer Verschärfung der revolutionären Situation. Bürgermeister wurden zum Rücktritt aufgefordert und auch Edmund Bergmann folgte dem Beispiel seines Rosenheimer Amtskollegen Wüst und gab sein Amt auf, nachdem ihm vorgeworfen worden war, dass eine „starke Missstimmung“ gegen ihn aufgekommen sei. Der Gemeindessekretär Loy trat ebenfalls zurück. Dem Gendarmeriewachtmeister Ellmann wurde mitgeteilt, er habe sich jetzt in Zukunft in allen Angelegenheiten an den Volksrat zu wenden.

Der Volksrat war damit zum entscheidenden Gremium in Kolbermoor geworden und Schuhmann als 1. Vorsitzender quasi Kolbermoors. 5. Bürgermeister. Alle Gemeindegeschäfte hatte jetzt der Volksrat durchzuführen, was ihm natürlich größtmöglichen Einfluss sicherte.

Wenige Tage später, am 26. Februar, wurde Kurt Eisner in München beerdigt und auch in Kolbermoor fand eine Trauerfeier statt. „Eine große Volksmenge, voraus Soldaten mit Gewehr, bildeten einen Trauerzug; die Kirchenglocken läuteten, die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Vor dem Rathaus hielten die Volksratsmitglieder Bayer und Schuhmann Trauerreden auf Eisner, die mit einem Hoch auf die Republik und Räteregierung endeten“ (Landgrebe, S.143), wie man dem Kolbermoorer Anzeiger vom 28.2.1919 entnehmen kann.

Der Kolbermoorer Volksrat setzte seine Tätigkeit mit unverminderter Intensität fort. Schuhmann wurde als Delegierter zur Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte am 15.3.1919 und als Delegierter zur Tagung des Bezirksbauern- und –arbeiterrates Aibling am 26.3.1919 bestimmt und wurde bei dieser Sitzung sogar zum Bezirksvorsitzenden gewählt.

Wer war Georg Schuhmann eigentlich?

Vielleicht fragen Sie sich spätestens jetzt, wie konnte dieser Georg Schuhmann innerhalb weniger Monate diese große Bedeutung erlangen?

Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Es darf als ausgeschlossen gelten, dass Schuhmann ein politisch unerfahrener Soldat war, der jetzt zum ersten Mal mit dieser Materie konfrontiert wurde. Er war zwar noch jung, aber immerhin 33. Er wird also nicht nur bestens informiert gewesen sein, sondern schon vor dem 1. Weltkrieg sich mit politischen Fragestellungen beschäftigt haben. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass er gewerkschaftliche Erfahrungen hatte und ein gewisses theoretisches Grundwissen.

Die vierjährigen Kriegserfahrungen mit all dem damit verbundenen Grauen werden in ihm den Gedanken zur Reife gebracht haben, dass die Monarchie keine Zukunft mehr hat. Bei Diskussionen in der Rosenheimer „Sanierung“, wenn nicht schon während des Krieges, wird er auf Gleichgesinnte gestoßen sein und der Beginn der Revolution und die Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates werden ihn veranlasst haben, seine bisherigen Erfahrungen in die Gestaltung eines neuen demokratischen Kolbermoors mit einzubringen.

Ich vermute, dass er im 1. Kolbermoorer Volksrat noch nicht saß, lag nur daran, dass er seinen Wohnsitz zur Zeit der Gründung noch nicht in Kolbermoor hatte. Dass er bei der Wahl des 2. Kolbermoorer Volksrates gleich zu dessen Vorsitzenden gewählt wurde, lässt sich nur damit erklären, dass er mit großer Sicherheit die Arbeit des 1. Volksrates mehr oder weniger von Anfang an aktiv und sehr produktiv öffentlich unterstützt hat und sich dadurch bereits einen Namen machen konnte.

Sollten alle diese Annahmen stimmen, muss aber dennoch hinzugefügt werden, dass sie nicht ausreichend wären für die Erfolge Schuhmanns und des Volksrates. Georg Schuhmann muss zudem ein ganz außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, der über zahlreiche Begabungen verfügte, die sich nicht antrainieren lassen. Er besaß eine große Redegabe, viel Mut, in dieser ungewissen Situation in die Öffentlichkeit zu treten, hatte ein Gespür für die notwendigen Arbeiten in dieser Zeit und verfügte über eine große Ausstrahlung. Wie sehr Schuhmann in der Bevölkerung verankert war, lässt sich aus einer Feststellung des Kolbermoorer Chronisten Otto Kalhammer erkennen, der schrieb: „Die Arbeiterschaft verhimmelte ihn.“

Die wesentlichen Kleinigkeiten der Arbeit des Volksrates

Kehren wir wieder zurück zu seiner Arbeit als Volksratsvorsitzender und jetzt quasi als Bürgermeister. Es sind die unzähligen Kleinigkeiten, die die Volksräte beschäftigen, und die doch für die Einzelnen so wichtig sind.

Die Putzkräfte im Schulhaus bekommen eine Lohnerhöhung. Die Pension des Gemeindedieners wird erhöht. Der Fabrikschreiner Ziegloser aus Böhmen wird in die Gemeinde offiziell aufgenommen. Kriegsinvaliden sollen sich bei der Gemeinde melden, um ihre materielle Lage prüfen zu lassen. Die 80-jährige Maria Saffert war von Ausweisung nach Böhmen bedroht. Sie wird darf bleiben, und eingebürgert wird auch der italienische Staatsangehörige Biemonte. Eine Pferdemetzgerei für Joseph Stangl wird genehmigt. Der Unterhaltungsverein „Eintracht“ darf einen Tanzkurs durchführen und der „Dramatische Klub Immergrün “ 20 Plattlerproben.

Jetzt gibt es für alle Lebensmittel Kundenlisten und, um die Gemeindewege in Ordnung zu bringen, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Auch der Schutz von Lehrlingen vor Ausbeutung gehört zu den Arbeitsfeldern, wozu extra drei Volksräte beauftragt werden

Besonders wichtig ist, dass der Volksrat Kolbermoor an das Forstamt Rosenheim herantritt, um dafür zu sorgen, dass die Staatsfilze nicht mehr zur Verpachtung an Personen gegeben wird, die diese nur „ausbeuten“, sondern „in kleinen Parzellen an die arbeitende Bevölkerung“ verpachtet wird.

Die 36 Kolbermoorer Kriegsinvaliden bekommen zunächst erst einmal jeder 100 DM, und der Lohn der Gemeindearbeiter wird erhöht. Leerstehende Wohnungen werden jetzt beschlagnahmt, um sie an Wohnungssuchenden zu vermitteln. Inzwischen ist auch die Schuld für die schlechte Qualität des Mehles und Brotes gefunden worden. Der Bezirksamtmann Popp hat gestanden, Getreide „ungeputzt“ zur Vermahlung gegeben zu haben.

Die Bevölkerung freut sich, dass Karl Huster über Pfingsten ein Karussell und eine Schießbude aufstellen darf und ein Herr Bickl für mehrere Wochen ein Marionettentheater.

Hatte bislang eine Schreibmaschine in der Gemeinde ausgereicht, wird nun aufgrund der vielen Arbeit eine zweite angeschafft.

Und um Kurt Eisner zu ehren, soll entweder eine größere Straße nach ihm benannt werden oder ein Platz.

Der Revolutionäre Arbeiterrrat (3. Volksrat)

Inzwischen hat das Rad der Geschichte in Bayern sich weiter gedreht. In München wurde am 7. April die 1. Räterepublik ausgerufen, deren Zentralratsvorsitzender Ernst Toller wurde. Bereits nach einer Woche kam es in München und auch in Rosenheim zum sogenannten Palmsonntagputsch, bei dem die Konterrevolutionäre die Räterepublik stürzen wollten. Dieser Putschversuch wurde aber erfolgreich niedergeschlagen, wobei in Rosenheim 80 bewaffnete Kolbermoorer Arbeiter halfen. In München kam es jetzt zur Gründung der 2. Räterepublik, der kommunistischen.

Diese ganze Entwicklung ist maßgebend für das, was am 29.4.1919 in Kolbermoor geschah. An diesem Tag trat der gesamte Kolbermoorer Volksrat zurück mit der Bemerkung, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. So wurde für den darauffolgenden Tag, den 30. 4., erneut eine Volksversammlung in den großen Mareissaal einberufen.

Schuhmann gab einen Rechenschaftsbericht über die bisherige Arbeit ab und erklärte, „die derzeitige Zusammensetzung des Volksrates mache seinen Vorsitz unmöglich. Ferner halte ihn die zeitraubende Kleinarbeit von großzügigerem Arbeiten ab“(Beschlussbuch, S.146). Außerdem erklärte Schuhmann, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

Im neu gewählten Volksrat, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte, saßen fünf Volksräte, die bereits im 2. Volksrat dabei waren, nämlich Georg Schuhmann, Franz Wagner, Anton Bayer, Bernhard Auanger, Xaver Kastl und Emil Winkelblech. Neu hinzu kamen Rudolf Link und Emil(?) Schollenbruch sowie die Beiräte Seib und Stempfel. Von den neu gewählten Mitgliedern saßen bereits im 1. Volksrat Franz Wagner, Bernhard Auanger und Xaver Kastl. Erster Vorsitzender wurde wieder Georg Schuhmann.

Alle waren offensichtlich der erst zu Jahresbeginn gegründeten Kommunistischen Partei beigetreten. Aber ihr Wirken sollte nur von extrem geringer Dauer sein. Im Beschlussbuch ist nur noch eine einzige Sitzung vom gleichen Tag protokolliert, in der die Aufgaben verteilt wurden. Über die weiteren Ereignisse, also das Ende der Rätezeit in Kolbermoor, gibt es vom neu gewählten Schriftführer Rudolf Link keine weiteren Eintragungen in das Beschlussbuch.

Kolbermoor vor der Übergabe – erregte Diskussionen

Wir müssen jetzt zum Anfang des Referates zurückkehren, als berichtet wurde, dass Kolbermoor bereits am 2. Mai 1919 von Regierungstruppen eingeschlossen war, der Volksrat in Permanenz im Mareissaal tagte und es zu erhitzten Diskussionen kam, wie weiter vorzugehen sei. Man wusste natürlich, dass es in München bereits zu heftigen Kämpfen der Revolutionäre mit den Einheiten der Reichswehr, den Freikorps und den Einwohnerwehren gekommen war und bereitete sich ebenfalls auf eine Verteidigung der demokratischen Errungenschaften der letzten sechs Monate vor.

Wie es in Kolbermoor im Mareissaal zuging, erfahren wir aus einem Schulheft in DIN-A5-Größe, in dem der junge Lehrer und Volksrat Rudolf Link, Schriftführer des „Revolutionären Arbeiterrates“, die Vorgänge versuchte festzuhalten. Dieses Schulheft wurde nach der Verhaftung von Link bei einer Hausdurchsuchung gefunden und befindet sich in Links Akte im Münchner Staatsarchiv.

Seinen Notizen merkt man die hohe Anspannung während der Sitzungen an. Die Schrift ist ausgesprochen flüchtig, vieles ist kaum einander zuzuordnen und bleibt nebulös. Vieles ist aber auch sehr erhellend.

Für den 1. Mai 1919 notiert der Schriftführer: „Dauersitzung der rev. Arbeiter- und Betriebsräte“. Der Gastwirt Wagner spricht von einer großen „Blamage Rosenheims“. Denn die Nachbarstadt will sich der Übermacht ergeben. Link hält fest: „Auf uns selbst angewiesen“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine heftige Debatte. Was tun? Was machen wir, wenn Rosenheim aufgibt? Ist dann unsere Sache auch besiegelt? Der Ruf nach Waffen wird laut und der nach der Anlage von Schützengräben. Ein Telegramm wird hereingereicht: „die Entwicklung in Rosenheim und Umgebung abwarten“.

Es wird um Einigkeit in den eigenen Reihen gerungen. Die Verantwortung für alles Handeln soll allein bei den Führern und Räten bleiben. Links Schrift wird immer zittriger. Randbemerkungen, Streichungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, wildes Gekritzel – die Nervosität nimmt immer mehr zu.

Und immer wieder wird auf Rosenheim Bezug genommen oder auf München: Stimmt es, dass die Weiße Garde in München und Mühldorf zerschlagen wurde?

Dann kommt wieder ein Telegramm, diesmal vom Freikorps Wasserburg. Darin heißt es: „Sofortige Übergabe von Kolbermoor. Übergabe Waffen. Übergabe der Führer. Oberst Schneider“

Spätestens jetzt weiß jeder, wie ernst die Lage ist. Die Ereignisse überschlagen sich.

Zum ersten Mal taucht die Forderung auf, dass kein nutzloses Blut vergossen werden darf. Schuhmann unterstreicht dies, fügt aber hinzu, dass die Forderungen des Volksrates gesichert sein müssten.

Und es wird weiter diskutiert. Die Räte wissen, dass die Bevölkerung Kolbermoors hinter ihnen steht. „Vertraut den Kolbermoorer Führern!“, ruft der Beirat Stempfel, und Anton Winkelblech nimmt diese Bekundung zum Anlass, um den Maifeiertag mit einem Bekenntnis zum Kommunismus in Erinnerung zu bringen.

Immer wieder ist vom bevorstehenden Kampf die Rede, der aber nur Sinn mache, wenn man auch gewinnen könne, gibt der 2. Vorsitzende des Arbeiterrates Wagner zu bedenken. Längst diskutieren nicht nur die Räte, das Forum ist erweitert. Berichte aus Rosenheim treffen ein. Die Stadt sei im Begriff zu übergeben. Wer damit nicht einverstanden sei, setze sich jetzt nach Kolbermoor ab, so auch der dortige Soldatenratsvorsitzende Kopp. Noch gibt Schuhmann sich kampfesmutig. Link notiert einzelne Äußerungen: „Mit Waffen!“, „Standhalten!“ „Sonst gefährden wir München“. „Die anderen lassen Proletarier-Blut fließen. Wir kämpfen für die Proletarier.“

Die Debatte zieht sich hin und langsam scheint eine Wende einzutreten, denn die Erkenntnis, dass man vor einer unlösbaren Aufgabe steht, beginnt sich immer mehr durchzusetzen.

Ist dies jetzt der Moment, als Schuhmann die einzige von ihm überlieferte Rede hält?

Schuhmanns Rede

„Revolutionäre Arbeiter!

Sämtliche Arbeiter, die anläßlich der Bewaffnung der Arbeiterschaft eine Waffe erhalten haben, müssen sich unbedingt der Arbeiterwehr Kolbermoor zur Verfügung stellen, im anderen Falle sind die Waffen abzuliefern.

Es muß ohne Weiteres jedem klar sein, daß es sich heute um mehr handelt als früher, heute geht es um das Dasein, und da muß jeder die kleinen Entbehrungen, die der große Kampf mit sich bringt, willig auf sich nehmen.

Die heutige Versammlung stellt sich nach reiflicher Überlegung auf den Standpunkt, daß das Verlangen nach bedingungsloser Übergabe nicht gerechtfertigt erscheint, ebenso die Auslieferung der Führer, die, da dieselben von den Arbeitern selbst gewählt sind, das volle Vertrauen derselben besitzen.“

Und er fügt gegen Ende seiner Ansprache hinzu:

„Wir wollen keinerlei Gewalt irgend welcher Art nach außen anwenden, verlangen aber dafür auch das Recht für uns in Anspruch zu nehmen, unsere politische Freiheit aufrechterhalten zu können. Wir erklären uns zur Abgabe von Waffen bereit, müssen aber darauf bestehen, daß erst die aufgehetzten bäuerlichen Freikorps entfernt werden“.

Aber noch gehen die Ansichten hin und her. Kopp berichtet von der Übergabe Rosenheims. Die Waffen hätten abgegeben werden müssen, die Rote Garde sei aufgelöst worden. Über die genaue Lage in München herrscht Unklarheit.

Dann werden die Aufzeichnungen unverständlich und brechen schließlich ab. Man kann noch entziffern: „sämtliche Waffen mit Munition!“ Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.

Die Stadt wird kampflos übergeben

Schließlich ringt man sich schweren Herzens zur Übergabe der Stadt durch. Es wird überliefert, dass es vor allem Georg Schuhmann gewesen sei, der die Arbeiter überzeugt habe, dass die bevorstehende Schlacht nur verloren werden könne. So gelingt es der Autorität Georg Schuhmanns und seinem großen Einfluss auf die Bewohner des Ortes, ein großes Blutvergießen zu vermeiden.

Im Übergabe-Verhandlungs-Protokoll vom 3. Mai heißt es:

„ 1. Kolbermoor ergibt sich bedingungslos an die Regierungstruppen u. Freikorps unter der Führung des Oberst Mieg. Die Feindseligkeiten werden ab 4 Uhr nachmittags eingestellt.

2. Sämtliche Waffen und Munition sind bis 6 Uhr nachmittags an den Ostausgang von Kolbermoor, Straße nach Rosenheim zu sammeln, wo sie von Rittmeister Hutschenreuther oder dessen Beauftragtem in Empfang genommen werden. (…)“

Am Kolbermoorer Bahnhof wurde ein Standgericht errichtet. Vor dem Bahnhof kam es zu wilden Prügelszenen durch die Besatzer, und die stärker belasteten 30 Rotgardisten wurden nach Straubing abtransportiert.

In Zusammenhang mit den Übergabeverhandlungen war vereinbart worden, dass Schuhmann sich den Regierungstruppen stellen, in Haft genommen und nach München gebracht werden sollte. Aber dazu, wie bekannt, kam es nicht mehr.

Überfall und Ermordung

Am 4. Mai 1919, dem Sonntag heute vor 100 Jahren, stürmten morgens um 8 Uhr Grafinger Weißgardisten die Wohnungen von Georg Schuhmann in der Alpenstraße 3 und Alois Lahn in der Ludwigstraße 9, zerrten diese aus ihren Betten und prügelten wild auf sie ein. Dann schleifte man sie unter weiteren Prügeln zur Tonwerksunterführung.

Wie es dabei im Wohnhaus von Alois Lahn genau zuging, schilderte dessen Vater im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 17.9.1919. Der 18-jährige Alois Lahn war der Sekretär Schuhmanns. Er war zudem Mitglied der Roten Garde.

Der Spinnereimeister Lahn berichtet:

„Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von 2 gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten). Ein Teil es Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen 2 Anzüge und 1 Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeseifer sogar noch das 4jähr. Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift, 80-100 Meter, am Bahnhofübergang ohne Urteil erschossen Das ist der Tatbestand (…)“

An der Tonwerksunterführung hatten sich inzwischen zahlreiche Soldaten versammelt. Man forderte die Erschießung der beiden. Es kam zur Abstimmung und nur ganz wenige waren dagegen. So wurden die beiden von zwei Angehörigen des Grafinger Freikorps ermordet.

Entsetzen breitete sich in Kolbermoor aus, und Wut und Hass entstanden. Selbst die Verhandlungsführer der Gegenseite waren tief betroffen von diesem schreienden Unrecht.

Später wurden sie übrigens angeklagt, und man glaubt es nicht, freigesprochen. „Es habe den Tätern das Bewußtsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt oder könne ihnen zumindest nicht nachgewiesen werden.“ (Landgrebe, S. 160) So sieht Siegerjustiz aus!

Die Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn.

Im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 7. Mai ist zu lesen: „Unter zahlreicher Beteiligung wurden heute früh die Leichen der gemordeten Genossen Schuhmann und Lahn der Erde übergeben. Drei Geistliche zeremonierten dabei und Pfarrer Geoffry sprach erhebende Worte am Grabe. (…) Es legten dann mit kurzen Ansprachen Kränze nieder Herr Lehrer Link namens der Genossen und Genossinnen, Herr Kellermann namens der Arbeiterschaft des Thonwerks und Herr Pesold namens der Arbeiterschaft der Spinnerei. Die Musik spielte und gab man Ehrensalven ab (…).“ Otto Kögl berichtet: „Ganz Kolbermoor beteiligte sich an der Beerdigung Schuhmanns und Lahns. Während der Beerdigung stand in der Nähe des Friedhofs eine Kompanie Regierungssoldaten Gewehr bei Fuß“, um aus der Beerdigung keine Massendemonstration werden zu lassen (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe, 1969, S. 128). Nicht einmal ein Trauerzug durch die Ortschaft dürfte gebildet werden. Wie erregt die Menge war, geht auch aus einem Eintrag im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor hervor, wo es heißt: „Hr. Dr. Solleder ersucht um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern“ (Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, S. 144).

Der Lehrer und Schriftführer im „Revolutionären Arbeiterrat“ Rudolf Link veröffentlicht einen Nachruf in der Zeitung. Ein Wort des Freiheitsdichters Freiligrath aus dem Revolutionsjahr 1948 stellt er seinen Ausführungen voran, womit er die Politik der Räte in der Tradition der Freiheitskämpfer von 48 sieht. Bei den ausgewählten Versen handelt es sich um Zeilen aus der letzten Strophe des Gedichtes „Die Todten an die Lebenden“ Link lässt also quasi die Ermordeten selber sprechen. Mit leidenschaftlichen Worten heißt es dort:

O, steht gerüstet! Seid bereit!

O, schaffet, daß die Erde,

darin wir liegen, strack und starr

Ganz eine freie werde!“

Dann folgen Links Ausführungen:

„Uns ist, als ob diese Worte des Freiheitsdichters heute an unser Ohr klängen. Wir mußten unseren Schuhmann begraben. Ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß! Alles für andere, für sich nichts! Wer rieb sich auf in der Arbeit für das schaffende Volk? Wir haben einen Genossen verloren, der gewählt war, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Wer kann ihm ein Verbrechen nachweisen? Der Minister des Inneren Segritz hat seiner Zeit die Handlungsweise unseres toten Kameraden gebilligt und trat auch für seine Weiterarbeit in unserer Gemeinde ein. Seiner Verantwortung war sich Schuhmann stets bewußt. Das beweist sein Verhalten in letzter Stunde. Furchtlos stellte er sich der tödlichen Kugel. Sein Andenken ist uns heilig!“ (Anzeiger für Kolbermoor“, 7. Mai 1919).

Mit den Worten Freiligraths, die er Schuhmann in den Mund legt, appelliert Link an die trauernden Kolbermoorer Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

Die Kolbermoorer dankten es ihm, indem sie weiterhin treu zu ihren Überzeugungen standen, was sich in den Wahlergebnissen in den Jahren danach deutlich zeigte und was auch sichtbar wurde in einer größeren Widerständigkeit gegen die spätere Diktatur der Nationalsozialisten.

Schon zwei Jahre nach der Besiegung der Nazis wurde Georg Schuhmann eine erste Ehre von Seiten der Gemeinde Kolbermoors zuteil. Am 7. Februar 1947 wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt. In der Erklärung des Gemeinderates heißt es: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Erwähnenswert ist dabei auch, dass die 15 Mitglieder des Marktgemeinderates vollzählig erschienen waren und dieser Beschluss einstimmig verabschiedet wurde. Es gehörten sieben Mitglieder der SPD an, sechs der CSU, und zwei der KPD.

Worte des Dankes

Meine sehr verehrte Damen und Herren,

ich möchte meinen Vortrag nicht beenden, ohne meiner Freude Ausdruck zu verleihen, wie intensiv die Stadt Kolbermoor das 100. Jubiläum der Rätezeit begeht. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert, ist es doch in den meisten Städten Bayerns nicht so.

Kolbermoor war eine Hochburg während der sechs Monate der Revolution und es war die letzte rote Bastion in Bayern. Und die Stadt verdient es, dass diese Zeit in Erinnerung bleibt.

In Kolbermoor stiftete die Stadt im November letzten Jahres ein neues Denkmal für Georg Schuhmann und Alois Lahn, nachdem Nazis immer wieder das alte angegriffen und schließlich vollkommen zerstört hatten. Weiterhin hält die Stadt die Erinnerung an diese Zeit durch eine ausgezeichnete Ausstellung wach. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und einem Rundgang auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn wurde der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, sich näher mit der Rätezeit auseinanderzusetzen. Und auch im Heimatmuseum hängt jetzt zum Thema ein neuer Text an der Wand.

In dieser Stadt ist ein historisches Bewusstsein gewachsen. Die Erinnerungskultur einer Stadt ist ein deutliches Zeichen dafür, dass gesehen wird, wo die Wurzeln liegen und wie eine Stadt sich entwickelt und entwickeln kann.

Ich möchte an dieser Stelle besonders Herrn Bürgermeister Peter Kloo danken sowie der dritten Bürgermeisterin Dagmar Levin und den Kolbermoorer Stadträten, weiterhin unserem Stadtmarketingmanager Christian Poitsch, dem Künstler Josef Still, dem Vorsitzenden des Heimatmuseums Stefan Reischl, den Damen und Herren des Mangfall-Boten und allen anderen, die dazu beigetragen haben, dass dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte in seiner Bedeutung jetzt einen angemessenen Stellenwert erhalten hat. Und danken möchte ich besonders dem Rosenheimer Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die mich seit Beginn meiner Forschungen bei meiner Arbeit immer tatkräftig unterstützt hat.

Vor 20 Jahren wurde ich von der Chefredakteurin des Rosenheimer Fernsehens Frau Sylvia Stock gefragt, nachdem wir gerade mit Begleitung eines Fernsehteams einen Rundgang durch Kolbermoor gemacht hatten, warum ich mir die ganze Arbeit antäte. Ich habe da besonders auf zwei Dinge hingewiesen.

Ich wollte Georg Schuhmann und Alois Lahn meinen Respekt zollen, dass sie in einer sehr schwierigen Zeit sich bedingungslos zum Wohle ihrer Gemeinde völlig uneigennützig engagierten und dabei ihr Leben einsetzten und verloren.

Und ich wollte weiterhin einen Beitrag dazu leisten, dass das Ansehen von Kolbermoor dadurch gefördert wird, dass man seine Vorurteile gegenüber den Roten der damaligen Zeit zurückstellen sollte und ganz nüchtern betrachten, welche verdienstvolle Arbeit damals geleistet worden ist. Ich denke, man kann stolz auf dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte sein.

Jetzt wollen wir zum alten Kolbermoorer Friedhof gehen und das Grab von Georg Schuhmann aufsuchen, auf dem auch eine neue Tafel zur Erinnerung an Alois Lahn angebracht wurde.

Ich danke für Ihr langes Zuhören.

Andreas Salomon

Ernst Toller – sozialistischer Revolutionär und Literat

Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2018 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung.

Ich fasse das Leid nicht, das der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hinein zu fühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden?“ (Toller, Eine Jugend in Deutschland, S.215)

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

mit der heutigen Veranstaltung möchte ich Ihnen einen herausragenden Revolutionär der Münchner Räterepublik vorstellen, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er am 7. April 1919 zum Zentralratsvorsitzenden der 1. Räterepublik gewählt wurde. Aber Toller war viel mehr als nur ein Revolutionär, er war ein großer Humanist und Pazifist, ein brillanter Rhetoriker und vor allem ein bedeutender Autor des Expressionismus. Nicht nur auf avantgardistischen Theaterbühnen war er zu Hause, sondern auch an Rednerpulten, in Zeitungsblättern oder im noch jungen Hörfunk. Als er seinem Leben 1939, also vor 80 Jahren, zermürbt vom Faschismus mit 46 Jahren ein Ende setzte, schrieb sein Freund Lion Feuchtwanger: „Wenn einer, dann war er eine Kerze, die, an beiden Enden angezündet, verbrannte.“

Am 3. August 1924 hielt Ernst Toller als Ehrengast der Arbeiterkulturwoche in Leipzig eine Rede zum Gedenken an die Kriegstoten. Seine rhetorische Brillanz und seine vorbehaltlose Offenheit beschrieb der Dramatiker Günther Weisenborn, der damals noch ein junger Medizinstudent war und das Ereignis vom Fenster einer Erste-Hilfe-Station verfolgte:

„Im Rahmen des offenen Fensters sehe ich ihn. Erhöht über der Masse unter den niederen Ziehwolken des regnerischen Abendrothimmels, schlank, schwarz und kalt. Er spricht kalt, noch beherrscht mit einem leisen Beleidigtsein, mit jener nervigen Eleganz, die durch seine Bewegungen sensibel vibriert. Und dann bricht er aus und schleudert eine rasende Anklage gegen alles, was Krieg heißt, in den trüben Septemberhimmel Leipzigs, über die graue unübersehbare Masse von sächsischen Arbeiterköpfen.

Dieser ist der Wort gewordene Wille der Massen, dieser ist die Anklage gewordene Klage des Leipziger Industriekulis, dies ist ein Ereignis! Die alte wortlose Arbeitersehnsucht verwandelt Ernst Toller in Ausdruck, in Sätze, in Worte, und in der Glut seines Mundes werden die Worte zur sprungbereiten Wut der Ausgebeuteten. Er steht hier im Park wie Feuer in den Bäumen, ein Mann, jung, schwarzhaarig, elektrisch, fast stammelnd vor Ergriffenheit, das Profil des Expressionisten… Er ist der flammende Haß auf den Krieg und die Kriegsstifter. Er weint, er ist erschüttert, und der erschüttert die Masse. Sie wissen, dieser ist kein glatter Papanini der Rhetorik. Dieser ist Ernst Toller.“(Dove, 168)

Ernst Toller wurde am 1. Dezember 1893 in Samotschin, einer kleinen Stadt im heutigen Polen und damaligen Königreich Preußen, geboren. Aber kennt heute überhaupt noch jemand Ernst Toller oder verbindet gar den Titel eines Dramas mit seinem Namen? Man muss einräumen, er ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Vielleicht gibt es am 1.Dezember eine Geburtstagsfeier bei der Ernst-Toller-Gesellschaft in Neuburg an der Donau. Aber Aufführungen seiner Stücke haben auf deutschen Bühnen Seltenheitswert. Ab und zu wird noch „Hoppla, wir leben“ gegeben, das erste Drama, das Toller in Freiheit nach seinem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt schrieb. So 2010 in Augsburg und dieses Jahr in Weinheim und Mannheim. Sonst wird nur noch in zwei Wochen in Hamburg der lyrische Zyklus „Das Schwalbenbuch“ vorgetragen.

Dabei gelangte Toller schon zu Lebzeiten zu großem Ruhm und war in den zwanziger Jahren der bekannteste lebende deutsche Dramatiker. Sein Ruf überragte den der Expressionisten Georg Kaiser sowie Carl Sternheim und sogar den von Bertolt Brecht. Ende der zwanziger Jahre war sein Werk in 27 Sprachen übersetzt und alle wichtigsten Bühnen der ganzen Welt hatten seine Stücke aufgeführt. Er galt als „das Wunderkind des deutschen Theaters“. Und natürlich kannte man ihn auch als einen der Führer der „unglücklich gescheiterten bayerischen Räterepublik“ (Dove, 13), wie einer seiner Biographen es formulierte. Und dadurch war er schließlich zu dem bekanntesten politischen Gefangenen der Weimarer Republik geworden. Während der Anarchist und Freund Eisners Gustav Landauer brutal ermordet worden war und Eugen Leviné von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde, kam Toller mit dem Leben davon, musste aber fünf Jahre Haft bis auf den letzten Tag in der bayerischen Festung Niederschönenfeld absitzen. Als man ihn anlässlich der 100. Aufführung seines Theaterstückes „Die Wandlung“ freilassen wollte, lehnte er das mit der Begründung ab, er wolle keine Privilegierung gegenüber den anderen 100 Revolutionären, die ebenfalls in der Festung einsaßen.

Diese Gesinnung ist für Toller absolut symptomatisch. Er war ein überaus engagierter Sozialist, dem ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, an Empathie gegeben war und der sich überall für andere Menschen zur Abwendung ihrer Not einsetzte, wo es ihm nur möglich war. Er kämpfte dabei leidenschaftlich sein Leben lang gegen den Kapitalismus und für eine Gesellschaft, die von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit gekennzeichnet ist und in der es keine Angst und keinen Hunger mehr gibt. Nur diese Vorstellung habe ihn die harten Jahre der Festungshaft durchhalten lassen, wie er es am Ende seiner Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ (S.215) schreibt.

Kindheit, Jugend und Studentenzeit

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ernst Toller wie erwähnt in der Kleinstadt Samotschin, die damals gerade einmal 3000 Einwohner umfasste. Sie lag in der preußischen Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, aber in ethnischer und historischer Hinsicht polnisch war. Die Tollers waren Juden und gehörten zu den alteingesessenen Kaufmannsfamilien. In den „Briefen aus dem Gefängnis“ schreibt Toller rückblickend: „Ich hatte keine Jugend, die mir Freude gab“(S.28). Das wirft die Frage auf, ob sich diese allgemeine Feststellung konkreter fassen lässt? Lassen sich also irgendwelche genaueren Hinweise finden, sprich Erfahrungen Tollers, die auf sein späteres Leben bereits hindeuten? Konkret gesprochen, wie wird jemand Revolutionär?

Zum Beispiel wurde er früh mit dem Antisemitismus seiner Zeit konfrontiert, den die ca. 130 Juden der Kleinstadt zu spüren bekamen. Nicht nur sein Vater nannte sich bereits vorsichtshalber Max mit Vornamen statt Mendel, sondern auch Ernst fühlte sich als Jude zurückgesetzt, erlebte das Gefühl der Fremdheit und wollte sein „wie die anderen“. Außer diesen religiösen Ressentiments erlebte er auch große soziale Gegensätze. Während die Tollers zu den wohlhabenden arrivierten bürgerlichen Kreisen gehörten, kam sein erster Freund aus einer elfköpfigen polnischen Familie, die zahlreiche Diskriminierungen erfuhr. In diesen Zusammenhang gehört auch das Erlebnis mit dem Armenhäusler Julius. Bauern laden ihn zum Schnaps ein, bis er betrunken ist. Dann bekommt er einen epileptischen Anfall. Niemand hilft ihm und Julius stirbt. Toller notiert rückblickend: „Ich kann nicht schlafen, ich bin zum ersten Mal der Grausamkeit der Welt begegnet“(Jugend, S. 30). Er erlebt, „wie der Schwache brutal vom Starken niedergetrampelt wird“ (Rothe, S.29). Toller schreibt als Schüler anonym darüber für die Lokalpresse einen Aufsatz. Der Bürgermeister vermutet, seine Feinde in der Stadt würden dahinter stecken und fühlt sich bedroht und beleidigt. Die Angelegenheit eskaliert. Sein Name kommt auf. Ein Rausschmiss aus der Schule droht. Nur mit Mühe kann Tollers Vater als Stadtverordneter die Sache wieder gerade biegen. Toller lernt, welche Folgen das Engagement für Erniedrigte für einen selbst haben kann und auch, wie Probleme sich klären lassen, wenn man Beziehungen hat.

Eine weitere prägende Erfahrung war auch 1905 eine sehr schwere Erkrankung, als Ernst 12 Jahre alt war. Über ein Jahr lang musste er der Schule fernbleiben. Woran er erkrankt war, liegt im Dunkeln. Tollers Konstitution sollte allerdings zeitlebens wenig robust sein, was vor allem für seine schwachen Nerven galt. Depressionen quälten ihn bis zu seinem Tode und Antidepressiva gab es damals noch nicht.

1906 kam er auf das Königliche Realgymnasium in Bromberg, wo er bei verschiedenen Familien unterkam. An dieser Schule herrschte der autoritäre Geist des Militarismus, der darauf abzielte, die Zöglinge zu braven Untertanen zu erziehen. Es war eine typische Schule des wilhelminischen Deutschlands, national und erzkonservativ ausgerichtet. Toller erlebte hier eine Welt der Unfreiheit und Unterwerfung, gegenüber der er sich instinktiv aufbäumte. Später im Gefängnis schreibt er an einen Freund: „Ihnen war die Schule gewiß so verhaßt wie mir“(Gefängnis, S. 107). In den folgenden Jahren erfolgten erste literarische Versuche, Theaterbegeisterung entstand und der Wunsch, Schauspieler zu werden wuchs. Man kann hierin sicherlich den Versuch sehen, der Unterdrückung zu entkommen und eigene Wege zu suchen.

Früh wandte er sich dabei auch den Idealen der Jugendbewegung zu und fühlte sich zu moderner Literatur hingezogen. Nach dem Abitur 1913 konnte Toller endlich der Schule den Rücken kehren und ging 1914 nach Frankreich, um an der Universität Grenoble Philosophie und Jura zu studieren. Aber das Studium war für ihn eine Enttäuschung. „Die Universität besuche ich selten. Die seichten Vorlesungen langweilen mich“(Jugend, S.40). Dafür geht er lieber in den „Verein deutscher Studenten, wo über Nietzsche und Kant gesprochen wird. Und auch die Freiheit des Studentenlebens gefällt ihm sehr. Zunehmend erweitert er seine literarischen Kenntnisse und besucht entsprechende Vorlesungen. Jetzt liest er die sozialkritischen Romane von Tolstoi und Dostojewski und erkennt immer mehr den gesellschaftlichen Grundwiderspruch des Kapitalismus: „Ich beginne, an der Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen, und die anderen Not leiden“ (Jugend, S. 45). Da bricht der 1. Weltkrieg aus.

Vom Patrioten zum Pazifisten

Am 28 Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 1. August 1914 wird in Deutschland mobil gemacht. Tollers einziger Gedanke ist: zurück nach Deutschland. Der Zug von Lyon ist voll mit Deutschen, die außer Landes fliehen wollen. In Lindau, auf deutschem Boden angekommen, liest Toller in Zeitungen, dass Deutschland angegriffen wird und glaubt es genauso wie damals fast alle Menschen. Die Regierungspropaganda schürt diese Überzeugung und Toller sieht es wie Millionen anderer Deutscher als seine Pflicht, das Vaterland zu verteidigen und sich freiwillig zum Heer zu melden. In München schüttelt der Arzt aber den Kopf, denn der Kriegsfreiwillige wirkt nicht sonderlich robust. „Ich will in den Krieg“ (Jugend, S. 52), macht Toller dem Mediziner deutlich, so schreibt er in seinen Erinnerungen, und schließlich schreibt der Arzt ihn tauglich.

Mitte August 1914 fahren die Soldaten Richtung Frankreich. Überall jubelt ihnen eine begeisterte Menge zu. Die Soldaten sind kriegsbegeistert und vom Hurra-Patriotismus erfüllt. Hier fühlt sich Toller, der sich als Jude so oft ausgegrenzt erlebte, aufgenommen. Es ist sein dringlichster Wunsch, möglichst schnell an die Front zu kommen. Aber noch dauert die Ausbildung. Im März 1915 darf er endlich ins Feld ziehen. 14 Monate wird sein Fronteinsatz dauern. Keine Zeit seines Lebens sollte ihn so nachhaltig prägen und auch seine Überzeugungen um 180 Grad drehen. Jetzt erlebt er das nackte Grauen und sein idealistischer Patriotismus wird grundlegend erschüttert.

Mann hinter Mann, Torkelt im Laufgraben, Gepäck drückt müde Knochen. An Kleidern frißt Lehm. In grauen Gesichtern stumpfen Augen. Irgendwer stolpert, fällt hin. Am Waldfriedhof Sammeln. Einer träumt am Massengrab. Solchen Haufen Weihnachtskuchen Wünscht ich mir als Kind, Soviel (…)Vierzehn Kumpel zerbrach eine Mine. Wann war´s doch? Gestern.“

Als vorgeschobener Artilleriebeobachter erlebt Toller das Inferno der Materialschlacht und das schreckliche Massensterben. Ein Soldat hängt drei Tage und Nächte unrettbar im Stacheldraht zwischen den Linien, ehe er stirbt.

Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unseren Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.“ (Jugend, S.69)

Dann die nächste grauenvolle Erfahrung. Toller steht im Graben und will diesen mit einem Pickel vertiefen. Da bleibt die stählernde Spitze an irgendetwas hängen. Er zieht und zerrt. Am Pickel hängen Reste eines getöteten Soldaten. Toller ist tief erschüttert: „Ein – toter – Mensch“ (Jugend, S.70). Später schreibt Toller, in diesem Augenblick sei seine Hinwendung zum Pazifismus wie eine plötzliche Offenbarung über ihn gekommen. Hier erkennt er die Gemeinsamkeit aller Menschen, egal ob Freund oder Feind.

Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht ein toter Deutscher, Ein toter Mensch“(Jugend, S.70).

Im Bois-le-Pr´ètre, dem sogenannten Priesterwald, kommt es zur unmittelbaren Begegnung mit dem Feind. Toller lernt den Stellungskrieg aus erster Hand kennen. Eines Tages entdeckt er einen Leichenberg. Französische und deutsche Soldaten lagen gemeinsam, wie es in der Literatur heißt, „in einer letzten Umarmung“ (Dove, S. 38). Dieser schreckliche Anblick, der die ganze Unmenschlichkeit des Krieges zum Ausdruck bringt, wird ihn lange verfolgen.

Ein Düngerhaufen faulender Menschenleiber: Verglaste Augen, blutgeronnen, Zerspellte Hirne, ausgespiene Eingeweide, Die Luft verpestet vom Kadavergestank, Ein einzig grauenvoller Wahnsinnsschrei“ (Dove, S. 39)!

Seine Kriegsbegeisterung ist längst dahin, nur sein Pflichtgefühl und sein Sinn nach Solidarität mit seinen Kameraden halten ihn noch aufrecht. Im Mai 1916 erleidet er einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch und kommt in ein Krankenhaus in der Nähe von Straßburg. Am 4. Januar 1917 wird Toller endgültig als nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“ aus dem Heer entlassen. Als Patriot zog er zwei Jahre zuvor in den Krieg, jetzt kehrt er als überzeugter Kriegsgegner, als Pazifist nach München zurück.

Antikriegsbewegung

Kurzfristig versucht Toller, die schrecklichen Kriegserlebnisse zu verdrängen und immatrikuliert sich in München für Jura und Nationalökonomie. Er erlebt, dass inzwischen die Antikriegsstimmung weit verbreitet ist. In der Literatur hoffen die Expressionisten, dass die Leiden des Krieges ein neues Menschentum begründen könnten. Eine neue „Ära des Friedens und der Brüderlichkeit“(Dove, S.44) wird verkündet. Dichter wie Hasenclever vertreten die Auffassung, ein Dichter habe nicht nur wider den Krieg zu schreiben, er müsse auch der Menschheit den Weg weisen zu einer Vision einer friedlichen, gerechten und solidarischen Gesellschaft, wobei es um die geistige Erneuerung des Einzelnen geht. Toller beginnt seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten und schreibt sein erstes Drama „Die Wandlung“, dem er seinen eigenen Wandel vom Patrioten zum Pazifisten zugrunde legt.

Die öffentliche Meinung wendet sich im Herbst 1917 immer mehr gegen den Krieg. Die neu gegründete USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) versteht sich ausdrücklich als Antikriegspartei. Überall finden Streiks gegen den Krieg und für den Frieden statt.

Toller wird zu einer Kulturtagung auf die Burg Lauenstein eingeladen. Später berichtet er, dass dort seine „erste aktive Beschäftigung mit der Politik“(nach Dove, 48) stattgefunden habe. Er lernt die Heidelberger Soziologen Max Weber, Ferdinand Tönnies sowie viele Schriftsteller seiner Zeit kennen. Aber das meiste Gesagte erscheint ihm zu nebulös. Es drängt ihn nach Taten, nach Initiativen gegen den Krieg. Doch er findet keine Resonanz auf seine Beiträge. Aber Max Weber interessiert ihn. So wechselt er von München nach Heidelberg und beginnt jetzt neben Jura Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die Beziehung zu Max Weber wird vertieft. Bei dortigen Treffen, an denen auch andere Studenten teilnehmen, liest er erste Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“ vor, was tiefen Eindruck hervorruft.

Bald findet Toller an der Heidelberger Universität Freunde, mit denen er am 24. November 1917 den „Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“ gründet, um in jungen Menschen Verantwortlichkeit zu wecken und sie zu politischer Aktivität zu führen. Wenn auch dieser Organisation nicht der erwartete Erfolg beschieden sein sollte, so sind dennoch die dem Bund zugrunde liegenden Leitsätze äußerst interessant, denn sie zeigen die politische Entwicklung Tollers auf, der zu dessen Sprecher gewählt wurde. Der Bund kämpft für eine „friedliche Lösung der Widersprüche des Völkerlebens“, (Krit. Schriften, S.32). Toller setzt sich für die Abschaffung der Armut ein, will eine Wirtschaftsreform, „die eine sinnvolle Erzeugung und gerechte Verteilung der materiellen Güter bewirkt“, verlangt die Trennung von Kirche und Staat und fordert eine soziale Rechtsprechung und die Aufhebung der Todesstrafe. Ferner geht es um „alle Bestrebungen wie Mutterschutz, Fürsorge für menschliche Wohnungen, Jugendheime, Siedlungen und ähnliche“. (a.a.O., S.33). Der Bund wendet sich gegen die Militarisierung der Jugend und strebt „Harmonie von Körper-, Seelen- und Geisteskultur“an. Er kämpft für die Einheitsschule und für freie Schul- und Universitätsgemeinden.

Der sozialistische Charakter der Forderungen wird deutlich sichtbar und vor allem auch der Einfluss des Anarchisten Gustav Landauer, dessen „Aufruf zum Sozialismus“(1911) zu einer bestimmenden Quelle seines Denkens geworden war. Landauer ist ein Kritiker des Marxismus und vertritt nicht die Ansicht, dass der Staat durch eine politische Revolution zerschlagen werden müsse, sondern glaubt, dass sich die „gesellschaftlichen Verhältnisse nur in dem Maße ändern könnten, wie sich die Beziehungen der Menschen untereinander änderten“(Dove, S.55). Aber Tollers Entwicklung soll weitergehen, wie sich schon bald zeigen wird.

Inzwischen entstehen auch an anderen Universitäten Ortsgruppen des Bundes, und Toller hofft, dass aus dem Jugendbund einmal ein deutscher Volksbund hervorgeht. Aber die berüchtigte Nachrichtenstelle der Obersten Heeresleitung wird aufmerksam. Man zieht einige Studenten, die dem Bund angehören, zum Militär ein und die Studenten österreichischer Nationalität, die dem Bund angehören, müssen Deutschland verlassen. Schließlich wird der Bund verboten. Toller sollte verhaftet werden. Aber er liegt mit schwerer Grippe und hohem Fieber im Krankenhaus. „Fröstelnd und fiebernd“ (Toller, Jugend, S.84) flieht er von Heidelberg Richtung Berlin. Rückblickend über den Bund schreibt Toller: „Wir hatten begonnen, gegen den Krieg zu rebellieren“(Jugend, S.84). In Berlin warten neue Aufgaben auf ihn.

Hier lernt er Gleichgesinnte kennen, mutige, verantwortungsvolle, erfahrene

Männer.“ (Viesel, S.332). Einer von ihnen heißt Kurt Eisner.

Die Wandlung“ – Tollers erstes politisches Drama

Im Sommer und Herbst 1917, also bevor Toller nach Berlin ging, hatte er parallel zu seiner Annäherung an die Antikriegsbewegung sein erstes politisches Drama geschrieben. Seine Erfahrungen dieser Zeit übertrug er in die symbolischen Ausdrucksformen des expressionistischen Theaters.

Die Wandlung“ wurde am 30. September 1919 in Berlin uraufgeführt, als Toller bereits wegen seiner führenden Rolle in der Räterepublik in Haft saß, und wurde zu einem überwältigenden Erfolg, sodass es 115 mal wiederholt werden musste. Publikum wie Kritiker waren gleichermaßen begeistert. Toller war über Nacht zu einem führenden Dramatiker der jungen Generation geworden. Zu dem Erfolg trug sicher auch das Schicksal Tollers selbst bei, der als Häftling in Niederschönenfeld der Aufführung nicht beiwohnen konnte, und zudem war das Stück außerordentlich originell inszeniert und für viele Kritiker galt es als die erste wahrhaft expressionistische Theateraufführung.

Toller verarbeitet in diesem Theaterstück seine eigenen Kriegserfahrungen und zeigt in einer Reihe von locker verknüpften Einzelszenen, die Entwicklung einer Hauptfigur. Es geht um die innere Wandlung, die Toller selbst durchgemacht hat und die daraus folgende gesellschaftliche Umgestaltung. Der Protagonist Friedrich „durchlebt alle Stationen des Grauens und am Ende dieses Leidensweges steht der Aufruf zum Engagement gegen denKrieg.“ (Distl, S. 97) Der einst Kriegsfreiwillige wird jetzt zum Agitator für die Abschaffung der alten Ungerechtigkeit und für die Revolution. Zu dem Zeitpunkt glaubt Toller noch wie andere Expressionisten seiner Zeit die Intellektuellen hätten in einer Revolution eine Führungsrolle, sie müssten den Weg weisen. Toller will aufrütteln, die Herzen der Menschen berühren.

Sein Drama endet mit den Worten aller Schauspieler:

Brüder recket zermarterte Hand,

Flammender freudiger Ton!

Schreite durch unser freies Land

Revolution! Revolution!“

Ein solches politisches Theater hat es bisher noch nicht gegeben, und die Menschen sind begeistert.

Der Januarstreik 1918

In dieser Zeit geht Toller erstmals den Ursachen des Weltkrieges nach, liest Dokumente, die der Spartakusbund heimlich druckte und in Umlauf brachte und kommt nach sorgfältigem Studium zu der Erkenntnis der Kriegsschuld Deutschlands. Er fühlt sich betrogen, zudem er auch noch die expansionistischen Ziele des deutschen Kapitals entdeckt. In seiner Autobiographie schreibt er über die Herrschenden: „Sie suchen Macht und Ruhm und Freiheit ihres Volkes in der Ohnmacht, dem Elend, in der Unterdrückung anderer Völker“(Jugend, S. 87).

Die Bekanntschaft mit dem Arbeiterführer Kurt Eisner, der für einige Tage nach Berlin gekommen war, riss ihn nun in den Sog der anschwellenden revolutionären Bewegung. Toller folgt ihm nach München und besucht seine Versammlungen. „In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet war, Männer von nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, gehärtetem Willen, Sozialisten, die ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache dienten, an die sie glaubten“ (Toller, Jugend, S. 88). Der erst 25-jährige Toller war von dem 52-jährigen erfahrenen Eisner außerordentlich beeindruckt. Nach Max Weber und Gustav Landauer sollte Eisner gewissermaßen zu Tollers drittem Mentor werden. Eisner war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der bayerischen USPD, und Toller sah ihn als Beispiel, „wie man die Kluft zwischen gedanklichem und realem Tun schließen könnte“(Distl, S. 35).

Dann begannen im Januar die großen Friedensstreiks. Streikversammlungen werden abgehalten, Toller mischt sich ein und verteilt Anti-Kriegs-Gedichte und Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“. Er will helfen. „Endlich wird mir eine Aufgabe übertragen. Ich soll zu den Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik sprechen, sie auffordern am Streik teilzunehmen“(Jugend, S. 88). Auch Eisner wird erwartet. Aber er kommt nicht. Auch die anderen Mitglieder des Streikkomitees kommen nicht. Eisner und seine Mitstreiter sind bereits am ersten Tag des Streiks verhaftet worden. Eine Delegation wird gewählt, um die Freilassung der Verhafteten zu fordern. Alle warten auf die Rückkehr der Delegation.

Da melde ich mich, der Vorsitzende bittet mich, einige Worte zu sprechen, zum ersten Mal rede ich in einer Massenversammlung. Die ersten Sätze stottere ich, verlegen und unbeholfen, dann spreche ich frei und gelöst und weiß selbst nicht, woher die Kraft meiner Rede rührt“ (Jugend, S.90). Die Menge hört begeistert zu, und Toller entdeckt, dass er die Gabe zu einem mitreißenden Redner hat. Die Menschen sind gebannt und spüren, dass dieser brillante Redner seinen Worten mit seiner ganzen Persönlichkeit und mit großer Leidenschaft Ausdruck verleiht. Toller ruft einen Streik aus, der durchgehalten werden soll, bis die Verhafteten alle wieder auf freiem Fuß sind. Dabei wendet er sich gegen den Krieg und tritt für einen „Verständigungsfrieden“ ein. Die Polizeispitzel empfinden seine Rede als überaus aufreizend“.

Die abgesandte Delegation hat wenig erreicht. Toller wird in ein neues Streikkomitee hineingewählt, das für eine Fortsetzung des Streiks werben soll. Am 1. Februar streiken 8000 Arbeiter von Krupp, Maffei und anderen Großbetrieben, die Kriegsmaterial herstellen. Toller wird in den nächsten Tagen zu einem der Hauptredner. Zum ersten Mal sieht er Möglichkeiten, „wie durch Massenaktionen gewaltlos gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen wären“ (Dove, S.64). Er erkennt den Massenstreik als äußerstes Mittel des revolutionären Kampfes und setzt auf die Idee der Einheitsfront über die Parteigrenzen hinweg. Immer wieder wird er in den folgenden Jahren dafür kämpfen, dass die fortschrittlichen Parteien zusammen agieren müssen.

Aber die Streiks sollten nicht mehr lange dauern. Die Führer der SPD hatten den Streik von Anfang an bekämpft und ihnen gelang es schließlich, sich an die Spitze der Streiks zu setzen, und sie erreichten durch eine Resolution, dass am 4. Februar die Arbeit wieder aufgenommen wurde.

Toller kommt ins Gefängnis

Noch am gleichen Tag wurde Toller verhaftet, obwohl der SPD-Vorsitzende Auer Straffreiheit zugesichert hatte. Er kommt ins Gefängnis an der Münchner Leonrodstraße, wo er bis zum Mai 1918 einsitzen wird. Und Toller weiß diese Zeit äußerst sinnvoll zu nutzen. „Ich lese jetzt die Werke von Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring, Luxemburg, Webbs. Eher aus Zufall denn aus Notwendigkeit war ich in die Reihen der streikenden Arbeiter geraten, was mich anzog, war ihr Kampf gegen den Krieg, jetzt erst werde ich Sozialist, der Blick schärft sich für die soziale Struktur der Gesellschaft, für die Bedingtheit des Krieges, für die fürchterliche Lüge des Gesetzes, das allen erlaubt zu verhungern und wenigen gestattet, sich zu bereichern, für die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, für die geschichtsbildende Bedeutung der Arbeiterklasse“(Jugend, S. 95).Toller schrieb später, er sei im Gefängnis von einem„Sozialist aus Gefühl“zu einem„Sozialist aus Erkenntnis“ geworden.

Und außerdem macht Toller erste Erfahrungen mit unsäglichen Haftbedingungen. Er sitzt in einem schmutzigen, verwanzten Gefängnis in Isolationshaft. Die Gefangenen essen Kriegsbrot mit Kleie vermischt, Kohlrübensuppe, Kohlrübenmarmelade, Kohlrübengemüse. Toller schreibt: „Immer sind wir hungrig.“ (Jugend, S. 96). Eine schikanöse Hausordnung quält die Häftlinge zusätzlich. Manche Gefangene halten dem Druck nicht stand und begehen Selbstmord. Toller notiert: „Sie schneiden sich mit Scherben die Pulsadern auf, sie zerreißen die Laken und binden aus den Streifen Stricke, sie stürzen sich übers Geländer der Treppe in den Steinkeller“(Jugend, S. 97). Schließlich tritt er in den Hungerstreik, weil er kein anderes Mittel mehr sieht, sich zu wehren. Jeden Tag wird Toller erneut vernommen. Was im Protokoll steht, ist entstellt und verzerrt. Er weigert sich zu unterschreiben. Schließlich wird er krank, bekommt hohes Fieber, niemand kümmert sich um ihn. Doch dann wird Toller ins Militärlazarett überführt. Dort sind die Haftbedingungen aber noch schlimmer. Zu sechst liegen sie in der Krankenstube. Zwei liegen in Betten, vier auf Strohsäcken auf dem Boden, es stinkt wie die Pest. Toller würgt ständig der Ekel. Es geht ihm immer schlechter. Schließlich muss er wegen Haftunfähigkeit entlassen werden.

Bis zu seinem Tod wird Toller sich immer wieder gegen unmenschliche Haftbedingungen in aller Welt wenden.

Seine nächste Station ist das Irrenhaus. Seine Mutter konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn wegen Landesverrats angeklagt war. Sie konnte es nicht fassen, dass ein Mensch aus bürgerlichem Hause sich der Arbeiterbewegung zugewendet hatte. Er müsse krank sein, sei schon als Kind so nervös gewesen. So kommt es zu einer psychiatrischen Untersuchung durch einen reaktionären Arzt, der ihn mehr beschimpft als behandelt. Aber er muss nach vier Tagen entlassen werden, es gibt einfach keinen Grund, ihn dazubehalten. So begibt er sich nach Berlin und später nach Landsberg zu seiner Mutter.

Tollers Beteiligung an der Revolution

Dann beginnt im Deutschen Reich die Revolution. Zunehmend war im vierten Kriegsjahr bei den Soldaten die Kriegsmüdigkeit gewachsen und der Wunsch nach baldigem Frieden immer größer geworden. Das Grauen des Krieges, die Verstümmelten und die vielen Toten setzten den Soldaten zu. Die militärische Disziplin verfiel immer mehr, und es kam immer häufiger zu Befehlsverweigerungen. Der Krieg war für jeden sichtbar verloren. Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands katastrophal war. Nicht nur die Industrie lag am Boden, sondern auch die Landwirtschaft. Die Zivilbevölkerung hungerte.

Am 28. Oktober 1918 machten die Matrosen in Wilhelmshaven den Anfang und weigerten sich, noch einmal in eine sinnlose Schlacht geschickt zu werden. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Ein Teil der Flotte wurde nach Kiel verlegt, um den Aufstand zu ersticken. Dort ging es aber erst richtig los. Riesige Demonstrationen wurden durchgeführt und ein Soldaten- und Arbeiterrat gebildet. Als eine Militärpatrouille die Demonstranten aufhalten wollte und die Waffen zog, gab es unter den Aufbegehrenden neun Tote. Das war das eigentliche Signal zur Revolution, die sich wie ein Flächenbrand über Deutschland ausbreiten sollte. In Berlin riefen am 9. November Philipp Scheidemann von den Mehrheitssozialdemokraten die Deutsche Republik“ aus und Karl Liebknecht von der USPD die „Freie sozialistische Republik Deutschland“.

In Bayern war nach 738 Jahren die Monarchie am Ende. Am 7. November veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. 60.000 Menschen kommen, 12 Redner sprechen gleichzeitig und im Anschluss ziehen einige tausend Demonstranten mit Kurt Eisner an der Spitze zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. In der Nacht wird Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten gewählt, der Freistaat ausgerufen und ein bayerischer Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Eisner war erst wenige Wochen vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, weil seine Partei; die USPD, ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hatte. Jetzt tritt er ins Zentrum des politischen Geschehens.

Ernst Toller liegt zu der Zeit mit einer schweren Grippe zu Hause bei seiner Mutter krank im Bett. Trotzdem fährt er am nächsten Tag nach Berlin und von dort nach München. Dort gelangt er sehr schnell in politische Funktionen. Er wird Mitglied des Provisorischen Nationalrats des Freistaates Bayern und außerdem zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Toller resümiert:„In der Kleinarbeit des Tages lerne ich die mannigfachen praktischen Nöte der Bauern und Arbeiter verstehen“ (Jugend, S. 113). Auch in der USPD spielt Toller bald eine größere Rolle und wird Zweiter Vorsitzender des Münchner Parteiverbandes.

Zu einer entscheidenden Frage wurde die Problematik, wie Parlament und Räte zusammenarbeiten sollten. Eisner forderte einen Freistaat, in dem die breitesten Massen jeden Tag bei den öffentlichen Angelegenheiten mitarbeiten. Mittels der Räte sollte diese direkte Demokratie organisiert werden. Sie sollten die Massen politisieren und an die politische Macht heranführen. Die Landtagswahlen wollte er hinauszögern, damit das Rätesystem Zeit habe, Wurzeln zu schlagen. Verzichten wollte er auf das Parlament allerdings nicht. Während Eisner und die USPD in erster Linie auf die Räte setzten, war die SPD diesen gegenüber misstrauisch und befürwortete ein Parlament, „von dem sie sich ein Maximum an Präsenz und Einfluss versprach“(Dove, S.83).

Toller war von Anfang an ein enthusiastischer Verfechter der revolutionären Räte gewesen. So begrüßte er beim ersten Treffen als Zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates die Räte mit den Worten, sie seien „die Träger der revolutionären Idee, die die Kraft in sich schließt, nicht nur die Wirtschaftsordnung der Welt umzugestalten, sondern auch den Geist der Menschen zu revolutionieren“(Dove, S.83). Toller glaubte, das Rätesystem werde allmählich den Landtag ablösen.

Doch schon bald sollten die Vertreter dieser Ansicht eine große Enttäuschung erleben. Auf dem Reichsrätekongress in Berlin vom 16. bis 21. Dezember 1918 hatten die Vertreter der SPD die Mehrheit und die Räte verzichteten freiwillig auf ihre Macht und dankten ab. Toller schreibt: „Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“ (Jugend, S. 113). Der Kongress sprach sich für Wahlen zum Reichstag aus. Für Toller war klar, dass so etwas in Bayern nicht passieren durfte und hoffte hier auf einen anderen Verlauf.

Dann kam am 12. Januar die Landtagswahl, und die Partei von Eisner und Toller, die USPD, erlitt mit nur 2,5% der abgegebenen Stimmen eine vernichtende Niederlage. Und Toller, der auch kandidiert hatte, schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Er und die anderen Anhänger des Rätegedankens sahen sich bestätigt, dass der Parlamentarismus nur wieder die alten Klassen an die Macht bringen würde. Aber ganz offensichtlich war es weder gelungen, der breiten Masse der Arbeiterschaft die Fortschrittlichkeit des Rätesystems zu verdeutlichen noch ihnen die revolutionsfeindliche Haltung der SPD vor Augen zu führen.

Während Toller anschließend noch einige Tage im Engadin Urlaub machte, wurde am 21. Februar Kurt Eisner auf dem Wege zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, von dem Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft, dem Nationalist Graf Arco auf Valley ermordet.

Die Mitglieder des Landtages liefen auseinander und ein neuer Zentralrat unter Vorsitz von Ernst Niekisch übernahm die Macht. Toller setzte sich jetzt vehement für ein Rätesystem ein. Der bayerische Rätekongress einigte sich aber nach verworrenen Verhandlungen auf eine sozialistische Regierung unter Johannes Hoffmann. Die Funktion der Räte war wieder eingegrenzt. Toller war inzwischen als Nachfolger von Eisner zum Vorsitzenden der USPD gewählt worden. Seine Partei mobilisierte jetzt die Massen für eine revolutionäre Räteregierung. Die Revolutionsbegeisterung stieg auch noch dadurch, dass am 22. März in Ungarn eine Räterepublik ausgerufen worden war. Alles lief jetzt auf die 1. Räterepublik in Bayern zu.

Toller hielt die Ausrufung aber noch für verfrüht, doch in der Nacht vom 6. auf den 7. April war es soweit. Allein die Kommunisten unter der Führung von Eugen Leviné machten nicht mit, sie meinten, dafür würden die Voraussetzungen noch fehlen und sprachen von einer Scheinräterepublik“.

Die 1. Räterepublik in Bayern wurde dennoch proklamiert und Ernst Toller zum neuen Vorsitzenden des Zentralrats gewählt. Die Räte waren jetzt im alleinigen Besitz der Macht. Geradezu fieberhaft ging die neue Regierung an die Arbeit. Der Landtag wurde für aufgelöst und die Regierung für abgesetzt erklärt. Toller gab eine Flut von Aufrufen und Erlassen heraus. Schon am folgenden Tag hieß es auf einem Plakat: „Brüder am Schraubstock, am Pflug, am Schreibtisch! Die Räterepublik ist proklamiert. Die Arbeiter in Stadt und Land haben die vollepolitische Macht und Verantwortung übernommen. Schwere Arbeit und Not des Alltags hat uns zu Brüdern gemacht. Es kommt nun darauf an, Schulter an Schulter gegen die Kapitalistenklasse vorzugehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. (…) Alle Sozialisten und Kommunisten müssen jeden engherzigen Parteienstandpunkt aufgeben und sich zu einer großen revolutionären Gemeinschaft zusammenschließen“ (Distl, S.59, Viesel, S. 347). Aber es blieb nicht viel Zeit, ja, es sollte nur eine einzige Woche sein. Toller kündigte die Vergesellschaftung der Industrie an, ließ Wohnraum für Bedürftige beschlagnahmen, die Pressezensur verhängen und organisierte die Entwaffnung der Bourgeoisie und den Aufbau der Roten Armee. Gleichzeitig bemühte er sich darum, die Kommunisten zu gewinnen, die bislang jegliche Mitarbeit versagten.

Inzwischen hatte aber schon längst die Konterrevolution mobil gemacht. Vor allem die Thule-Gesellschaft unter Rudolf Glauer hetzte gegen die Räterepublik. In einem Flugblatt heißt es: „Bolschewismus bedeutet zunächst Gewaltherrschaft des Verbrechertums unter jüdischer Organisierung und Leitung, Kampf gegen die rechtschaffene Mehrheit“(Schaupp, S.176).

Aber auch die Kommunisten machen gegen die Räteregierung Stimmung. In der „RotenFahne“ heißt es: „Nur Kommunisten können eine proletarische Räterepublik gründen. (…) Wir aber werden fieberhaft arbeiten an der Vorbereitung der wirklichen proletarischen Räterepublik“ (Schaupp, S. 180). Am 9. April treffen sich die Kommunisten im Kindlkeller und Leviné fordert, dass die aktuelle Räteregierung gestürzt werden und „anstelle des Zentralrats ein kommunistischer Rat gewählt werden“ müsse (a.a.O., S. 182) Schließlich stellt Leviné unter gewissen Umständen eine Beteiligung der Kommunisten an der Räterepublik in Aussicht.

Toller wirbt weiterhin für die Einigkeit des revolutionären Proletariats und sieht keine grundsätzlichen Widersprüche zur KPD.

Inzwischen haben sich die Minister der Regierung Hoffmann vollständig in Bamberg eingefunden und arbeiten mit voller Kraft am Sturz der Räterepublik.

Am Sonntag, den 13. April kommt es zum konterrevolutionären Palmsonntagsputsch. Die Bamberger Regierung machte gemeinsame Sache mit der Reaktion und auch der Thule-Gesellschaft und versuchte mit eigenen Verbänden die Räterepublik niederzukämpfen. Von der Firma Krupp und anderen Großindustriellen bekamen die Verschwörer insgesamt 100.000 Mark für die Finanzierung ihres Vorhabens. Anführer war der Sozialdemokrat Aschenbrenner. Da zogen aber bewaffnete Arbeiter und Soldaten ins Stadtzentrum und drängten die Putschisten in den Bahnhof zurück, den sie dann nach mehrstündigen Gefechten zurückeroberten. Der Putsch war niedergeschlagen.

Jetzt hielten Leviné und die Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, sich an die Spitze der Rätebewegung zu stellen. Toller trat zurück, bot aber seine weitere Hilfe an. Die Kommunisten bildeten die 2. Räterepublik mit einem fünfköpfigen Vollzugsrat mit Leviné und Levien und einem 15-köpfigen Aktionsausschuss. Leviné gab sich keinen Illusionen über die Aussichtslosigkeit der Lage hin, hielt es aber für die Pflicht der KPD, jetzt in die Bresche zu springen, „um die Ehre der Revolution zu retten“(Rosenberg, S. 70). Man hoffte auch, den revolutionären Kräften in anderen Teilen Deutschlands ein Beispiel zu geben. Der Aufbau der Roten Armee wurde vorangetrieben, Sozialisierungsmaßnahmen ergriffen, die Presse zensiert usw.. Aber die Ereignisse überschlugen sich jetzt.

Tollers Beteiligung am Kampf um die Räterepublik

Freikorps marschierten auf München zu. Bereits zwei Tage nach dem Palmsonntagsputsch war München von Weißgardisten eingekesselt.

Toller sieht sich jetzt in einem Gewissenskonflikt. Er hatte geschworen, niemals wieder Gewalt anzuwenden, war zum radikalen Pazifisten geworden. Jetzt fragt er sich, ob er diesen Schwur brechen durfte. „Ich musste es. Die Arbeiter hatten mir Vertrauen geschenkt, hatten mir Führung und Verantwortung übertragen. Täuschte ich nicht ihr Vertrauen, wenn ich mich jetzt weigerte, sie zu verteidigen, oder gar sie aufrief, der Gewalt zu entsagen?“ (Jugend, S.138). Rudolf Egelhofer, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, ernennt Toller zum Militärkommandant in München. Die Weißen sind im Norden im Anmarsch auf Allach. Unverzüglich bricht Toller auf. Es gelingt der Roten Armee, den Vormarsch der Weißen zu stoppen und sie nach Dachau zurückzudrängen. Egelhofer befiehlt Toller, Dachau mit Artillerie zu beschießen. Aber dieser ignorierte den Befehl, da er ihn für unnötig und politisch unklug fand, man bringe nur die Bauern gegen sich auf. Dafür trat er in Verhandlungen mit dem Feind. Er war zunehmend davon überzeugt, dass Verhandlungen mehr bringen würden als die direkte bewaffnete Konfrontation. Die Weißen sollten sich bis hinter die Donaulinie zurückziehen und die Hungerblockade gegen München aufgeben. Es gab eine zweistündige Verhandlungspause. Plötzlich eröffnete die Artillerie der Roten Armee das Feuer auf Dachau. Ein agent provocateur, wie sich später herausstellte, hatte den Befehl gegeben. Der Vormarsch der Roten Armee war nicht mehr zu stoppen, und es gelang tatsächlich, Dachau einzunehmen. Toller war unverhofft zum „Sieger von Dachau geworden. Dennoch wurde er von den Kommunisten heftig kritisiert. In der „Roten Fahne“ vom 28. April 1919 wurde ihm angesichts seines Versuches zu verhandeln „politische Unfähigkeit“ vorgeworfen. Solche Leute seien „Schwarmgeister und keine Politiker“. „Die Arbeiterklasse soll sich vor Toller und Genossen hüten.“

Leviné schäumte geradezu. Tollers eigenmächtiger Entschluss eines Waffenstillstandes habe den Gegnern die Atempause gegeben, die sie gebraucht hätten, um ihre Kräfte wieder zu sammeln. Tollers pazifistische Einstellung hätte praktisch zum Verrat geführt. Zudem hatte Leviné Toller den Befehl gegeben gehabt, die in Dachau gefangen genommenen Offiziere der Weißen Garden sofort zu erschießen. Toller hatte sich aber geweigert, diesen Befehl auszuführen und sie wieder freigelassen. Toller legt nach der Kritik an ihm sein Amt als Abschnittskommandeur nieder und kontert: „Die führenden Männer bedeuten für mich eine Gefahr für den Rätegedanken. Unfähig auch nur das Geringste aufzubauen, zerstören sie in sinnloser Weise.“Aber es steht natürlich außer Frage, dass Toller zwar für bestimmte Situationen die Notwendigkeit der Gewaltanwendung eingesehen hatte, in der Wirklichkeit sich dazu aber nicht in der Lage sah. Seine humanitären Vorstellungen über den grundsätzlichen Umgang der Menschen miteinander gewannen dann die Oberhand.

Angesichts der aktuellen Lage sollten diese Problematik und die damit zusammenhängenden politischen Divergenzen allerdings schon bald völlig bedeutungslos werden. Denn während in München noch der Sieg in Dachau gefeiert wurde, gab die Reichsregierung dem Ersuchen der Regierung Hoffmann um militärische Hilfe nach und schickte 20.000 Soldaten nach Bayern. Die Unabhängigen versuchten noch, Friedensverhandlungen aufzunehmen, aber Hoffmann ließ sich nicht mehr darauf ein und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation. Schon bald sollte es in München zu einem schrecklichen Blutbad mit an die 1200 Toten kommen. Die Rote Armee verteidigte die Stadt nach Kräften, war aber zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Am 3. Mai war ganz München in den Händen der Regierungstruppen.

Hochverratsprozess

Während der Anarchist Gustav Landauer, Freund Eisners und Mentor Tollers, brutal ermordet, der Kommandant der Roten Armee Egelhofer bei der Verhaftung sofort erschossen und Leviné zum Tode verurteilt wurde, gelang es Toller unterzutauchen. Ein Haftbefehl wurde erlassen und 10.000 Mark Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt. Ein Steckbrief mit seinem Foto war an jedem Rathaus zu sehen und an jeder Polizeistation in Bayern sowie in allen größeren Städten Deutschlands. In München wurde jede Arbeiterwohnung durchsucht, und Toller musste immer wieder sein Versteck wechseln. Überall wollte man ihn gesehen haben. Die Grenzpolizei wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Eisenbahnzüge wurden angehalten, Dörfer umzingelt. Toller hatte München aber gar nicht verlassen. Seine letzte Zuflucht war das Haus des Malers Johannes Reichel in Schwabing. Dort wurde er dann aufgrund einer Denunziation am 4. Juni 1919 verhaftet.

Toller wird wegen Hochverrat angeklagt und ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo er in Einzelhaft genommen wurde. Um seinen Prozess entzündeten sich in der Öffentlichkeit lebhafte Kontroversen. Die Linke und auch die liberale Presse versuchte, ein Todesurteil zu verhindern. Auch maßgebliche Intellektuelle und Politiker setzten sich für ihn ein. Eine Welle der internationalen Solidarität unterstützte die Verteidigung. Die Rechten hingegen forderten harte Bestrafung, und Ministerpräsident Hoffmann hielt nicht weniger als die „schwerste Strafe für die Volksverführer“ (Dove, S. 112) für angemessen.

Am 14. Juli 1919 begann unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess, bei dem von Anfang an ein antisemitischer Ton herrschte. Man versuchte zudem Toller und andere Führer der Revolution als „Landfremde“ zu denunzieren und ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Da das Todesurteil gegen Leviné mit dessen ehrloser Gesinnung“ gerechtfertigt worden war, versuchte nun die Verteidigung, Tollers ehrenhafte Gesinnung nachzuweisen. Zeugen bestätigten seinen Idealismus und seine moralische Integrität, bescheinigten seine Kameradschaft im Krieg und seinen Mut. Auch habe er sich als Zentralratsvorsitzender immer wieder bemüht, Blutvergießen zu vermeiden. Max Weber sprach von seiner „absoluten seelischen Lauterkeit“ und Thomas Mann bestätigte sein literarisches Talent. Toller selbst steht vor Gericht offen zu seiner revolutionären Gesinnung. „Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, daß Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, daß sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen“ (Toller, Jugend, S. 189).

Und er fügt hinzu: „Ich habe all meine Handlungen aus sachlichen Gründen, mit kühler Überlegung begangen und beanspruche, daß Sie mich für diese Handlungen verantwortlich machen. Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich infrage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern“.

Das Gericht befindet Toller des Hochverrats für schuldig, anerkennt aber eine „ehrenhafteGesinnung“ und verhängt eine Strafe von fünf Jahren Festungshaft.

Fünf Jahre Festungshaft

Toller kommt zunächst in die provisorische Festungshaftanstalt Eichstätt. Dort schreibt er in zweieinhalb Tagen sein zweites Drama „Masse Mensch“, „in dem er seine eigene Zerrissenheit zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und den realen Bedingungen gewaltsamer Revolution und Gegenrevolution verarbeitet“(Schaupp, S. 268). Am 15. November 1919 findet im Nürnberger Stadttheater die Uraufführung des Dramas ausschließlich vor Gewerkschaftsmitgliedern statt. Nach vier Aufführungen wird es verboten. Der Durchbruch kommt erst am 29. September 1921 an der Berliner Volksbühne, wo die Aufführung ein Riesenerfolg wird und die Kritiker total begeistert sind.

Das expressionistische Theaterstück „Masse Mensch“ besteht aus sieben Bildern, teils „Traumbildern“,„teils realen Bildern“. Die Personen sind „Figuren, die bestimmte Ideen und Haltungen repräsentieren“ (Dove, S. 132). Die Sprache ist leidenschaftlich und elliptisch, d.h., dass häufig mit Satzfragmenten gearbeitet wird. Mittels eines Chores wird versucht, ein Kollektivbewusstsein herzustellen.

Worum geht es? Die Protagonistin, „die Frau“,ruft zur Revolution auf, die sie gewaltfrei mittels eines Massenstreiks erreichen will. Sie steht für den „Menschen“ bezogen auf den Titel des Stückes und für das Prinzip der Menschlichkeit. Ihr Gegenspieler, der „Namenlose“, der für die „Masse“ steht, hält ihr vor, dass eine Revolution nur durch revolutionäre Gewalt möglich sei. Dieser dramatische Konflikt durchzieht das ganze Stück bis zum letzten Bild. Was nun tun? Gewalt anzuwenden bedeutet, die Ideale der Revolution zu betrügen, sie nicht anzuwenden heißt, die Revolution zum Scheitern zu verurteilen. Toller greift zur Lösung dieses Konflikts auf das expressionistische Motiv der Erlösung durch Selbstaufopferung zurück: Die Frau lehnt eine eigene Befreiung mittels Gewalt ab und nimmt ihre Hinrichtung an.

Der Schluss des Stückes bleibt damit aber unbefriedigend, denn das gesellschaftliche Problem ist nicht gesellschaftlich, sondern individuell gelöst. Das ist, wie wir vor Gericht gesehen haben, auch nicht Tollers eigene Überzeugung. Aber der Autor will offenbar im Hinblick auf sich selbst zeigen, wie schwer es bei einer pazifistischen Grundeinstellung fällt, sich zur Anwendung von Gewalt durchzuringen.

Während seiner Festungshaft schreibt Toller noch weitere Dramen, die sich alle mit der Revolution befassen, so 1920/21 „Die Maschinenstürmer“, 1921/22 „Hinkemann“, und 1923 „Der entfesselteWotan“. In künstlerischer Sicht waren die Jahre im Gefängnis seine produktivsten. Alle Dramen müssen in seiner Abwesenheit aufgeführt werden und haben großen Erfolg.

Wie waren nun die Haftbedingungen der Revolutionäre in Niederschönenfeld? Denn 1920 war von der bayerischen Regierung beschlossen worden, alle politischen Gefangenen, d.h. etwa 100 Akteure der Räterepublik, in der Festung Niederschönenfeld zu konzentrieren. Seit dem 16. August 1919 war eine „verschärfte Hausordnung“ erlassen worden, die durch ausgesprochene Willkür gekennzeichnet war so wie durch ein ausgeklügeltes Strafsystem. Alle Briefe und Zeitungen wurden streng zensiert, Lebensmittelpakete wurden geöffnet, Besuche eingeschränkt und nur noch unter Aufsicht gestattet. Bei Verstößen gegen die Gefängnisvorschriften kam es zu drakonischen Strafen wie generellem Besuchsverbot oder dem Entzug von Zeitungen und Schreibmaterial. Wer sich dagegen auflehnte, erhielt Einzelarrest bei Brot und Wasser oder wurde in eine Dunkelzelle gesperrt. Toller litt physisch wie psychisch. Zum Glück gelang es ihm, seine Manuskripte aus dem Gefängnis heraus zu schmuggeln. Die Ungerechtigkeiten, die er miterlebt, setzen ihm schwer zu. Als er sich für einen Mitgefangenen einsetzt, erhält er eine Briefsperre von sechs Wochen und 14 Tage Hofentzug. Am 26.4.1920 schreibt Toller „an den Herrn Festungsvorstand“: „Seit drei Wochen bin ich ohne eine Stunde Hofgang. Das ist eine Strafform, die nicht einmal im altenkaiserlichen Regime einem Zuchthausgefangenen zugemutet wurde. Seit zwei Wochen bin ich in Einzelhaft und darf weder Zeitungen halten noch Besuch empfangen, ohne den Grund dieser Strafen zu wissen (…)“ (Briefe aus dem Gefängnis, S.21). Toller spricht von „einer Kette widriger Entwürdigungen“ (Briefe, S. 71). Besonders trifft es ihn immer, wenn er mit Schreibverbot bestraft wird. Dann schreibt er, unter dem Tisch sitzend, heimlich beim Licht hereingeschmuggelter Kerzen. Immer wieder kommt er zu dem Fazit: „Gefängnis ist Schändung von Menschen“ (Briefe, S.77). Trotz allem schreibt er in einem seiner „Briefe aus dem Gefängnis“an eine Freundin: „Nicht Angst haben, ich lasse mich nicht unterbekommen, ich zerbreche nicht“(Briefe, S. 35). Aber er erlebt, dass „die zerstörerischen Wirkungen der Haft (…) den ganzen Menschen treffen“ (Briefe, S. 111). „Wir alle frieren, frieren, frieren. Die Kälte zermürbt den Körper ebenso wie den Geist, ich leide empfindlich darunter, ich kann kaum lesen, bin gnärrig, mürrisch, frei von jedem guten oder tröstlichen Gedanken, passe so recht zu meinen grauen Haaren“ (Briefe, S. 128). Als Toller 1922 das schreibt, ist er erst 29 Jahre alt. Aber die drei Jahre Haft haben seine schwarzen Haare grau werden lassen. Dennoch hat er eine Begnadigung anlässlich des großen Erfolgs seines ersten Dramas – wie erwähnt – ein Jahr zuvor abgelehnt, weil sie nicht auch für die anderen Mitstreiter der Räterepublik gegolten hätte. Am 15. Juli 1924 wird Toller aus der Haft entlassen und gleich des Landes verwiesen. Von zwei Kriminalbeamten eskortiert, wird er an die sächsische Grenze gebracht.

Das Schwalbenbuch

Noch im Gefängnis schrieb Ernst Toller im Jahre 1923 einen Gedichtzyklus, der heute als sein Hauptwerk gilt: „Das Schwalbenbuch“. Diese Gedichte sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt und machten Toller weltberühmt.

Inspiriert dazu hatten ihn Schwalben, die im Sommer 1922 in seiner Zelle nisteten. Er beschreibt in freien Versen seine Gefühle, die die Betrachtung der Vögel in ihm weckt. Ausgangspunkt ist der Tod eines Freundes, der in seiner Zelle gestorben ist, weil ihm medizinische Hilfe versagt blieb.

Ein Freund starb in der Nacht. Allein. Die Gitter hielten Totenwacht. Bald kommt der Herbst. Es brennt, es brennt ein tiefes Weh. Verlassenheit.“ Toller ist an einem seelischen Tiefpunkt angekommen. Er schreibt: „Nirgends blüht das Wunder.“ Und dann hört er die leisen Vogellaute. „Zirizi Zirizi Zirizi Zirizi Urrr“ Ganz langsam beginnt Toller zu begreifen, dass das Leben weitergeht: „Fort fort, Genosse Tod, fort fort, Ein andermal, später, viel später.“ Er sieht das Schwalbenpärchen. Nun ändert sich sein ganzes Leben im Gefängnis. Die schwarzen Berge weichen zurück vor „einem Farbenrausch sich entfaltender Orchideen“. „Mein Schwalbenpaar. Das Wunder ist da! Das Wunder! Das Wunder!“Die Schwalben sind für ihn, den Gefangenen, „die Vögel der Freiheit“. Und er ruft: „O bleibt Gefährten mir, Schwalben!“(Toller, Band 2, S. 327ff).

Einen Sommer lang lebten die Schwalben in seiner Zelle. Aber die Festungsverwaltung bekam mit, was er geschrieben hatte, und er musste seine Zelle wechseln. Die Schwalben kamen im nächsten Sommer wieder und fanden einen neuen Insassen vor. Kurz darauf rissen Aufseher das fast fertige Nest von der Wand. Die Schwalben fingen von vorne an. Wieder zerstörten die Wärter das Nest. Der Häftling, Rupert Enzinger aus Kolbermoor, schrieb an den Festungsvorstand, die Schwalben bitte ihr Nest bauen zu lassen. Ohne Erfolg. Auch dieser Gefangene wurde verlegt.

Toller ist von den Schwalben und ihrem Leben tief beeindruckt. Sie geben ihm Kraft, sie beleben ihn. Er bewundert ihren Nestbau, „ihr edel gewölbtes Nest“. Dann legen sie Eier. Toller schreibt: „Fünf festliche Tempel keimenden Lebens“. Er beobachtet die Aufzucht der Jungen, bewundert den Flug der Schwalben und schreibt: „Ich bin nicht allein.“

„Das Schwalbenbuch“ ist ein überaus ergreifendes Zeugnis davon, wie ein Mensch, der im Gefängnis droht zugrunde zu gehen, das Leben in Gestalt von einem Vogelpärchen wieder entdeckt. Und es wird auch die ganze Niedrigkeit der Gefängnisleitung sichtbar, die roh und gefühllos handelt, um die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Kurz zu dem erwähnte Kolbermoorer Maurerpolier Rupert Enzinger, dessen Biographie der Kolbermoorer Joseph Legath erforscht hat (Legath, Gedanken). Enzinger war am 10.7.1919 vom Standgericht München wegen Hochverrat zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden. Enzinger war aktiver Kolbermoorer Kommunist. In einem Bericht des Bezirksamts Aibling heißt es, er sei einer derjenigen, „die als Führer, Agitatoren und Hetzer gegen die Staatsordnung in Betracht kommen bzw. die sich ganz besonders im spartakistischen und bolschewistischen Sinne betätigen“ (StAM –LRA 47146). Außer Rupert Enzinger saßen in Niederschönenfeld noch drei weitere wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilte Kolbermoorer ein.

Das Schwalbenbuch“ wurde von der Gefängnisleitung als „Hetze“ bezeichnet, es wurde beschlagnahmt und konnte erst 1924 veröffentlicht werden, nachdem es durch einen entlassenen Häftling hinausgeschmuggelt worden war.

Die Jahre bis zum Exil 1933

Toller war inzwischen zum berühmtesten deutschen Dramatiker seiner Generation avanciert, dessen Stücke bereits in allen Theatermetropolen der Welt aufgeführt wurden. Und weitere neue Stücke sollten folgen wie „Hoppla, wir leben“,„Feuer aus den Kesseln“,„Nie wieder Friede“ und „Pastor Hall“. Die kommenden Jahre bildeten den Zenit seines Ruhms. Fast ständig erhielt er aus dem In- und Ausland Anfragen nach Vorträgen und Lesungen und unternahm deswegen z.T. ausgedehnte Reisen wie in die USA und die Sowjetunion, aber auch nach Ägypten, Palästina, Frankreich und England, nach Österreich, Dänemark und Norwegen, nach Italien, die Schweiz usw.. Er hielt Reden, gab Interviews, schrieb Aufsätze, nahm an Kongressen teil, mal auf Deutsch, mal auf Englisch oder Französisch. Er engagierte sich in den unterschiedlichsten politischen Angelegenheiten mit den Schwerpunkten politische Justiz, Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, Kulturpolitik sowie der Unabhängigkeit der Kolonien. Er zählte zu den führenden Mitgliedern der „Liga für Menschenrechte“ und trat der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ bei, deren Mitglied auch Kurt Tucholsky war. Die Gruppe vertrat den Standpunkt, Krieg sei das Ergebnis kapitalistischer Gesellschaft, Pazifismus sei daher nur innerhalb einer sozialistischen Weltordnung möglich.

Toller war trotz der langen Haft politisch absolut auf der Höhe seiner Zeit und schrieb ständig für die führenden politischen und literarischen Zeitschriften Artikel, vor allem für die berühmte „Weltbühne“, das Forum der demokratischen Linken schlechthin. Das Spektrum seiner Themen ist ausgesprochen breit, seine Kenntnisse fundamental. Ob er sich mit Heimarbeit im Erzgebirge oder dem sozialistischen Wien befasst, mit der Bewaffnung der Flotte oder der Kampagne zur Befreiung von Franz Hölz – immer ist Toller bestens informiert und überaus engagiert. Max Hölz war Führer einer Roten Armeeeinheit im Vogtland und wurde für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, den er nicht begangen hatte. Toller setzte sich in Artikeln für ihn ein, sprach auf Kundgebungen und sammelte Geld. 1928 kam Hölz frei. Hölz ist nur ein Beispiel von vielen, für die Toller kämpfe.

Sein politischer Scharfblick wird am deutlichsten in seinen Reden und Artikeln über den Nationalsozialismus. Hellhöriger als die meisten seiner Zeitgenossen schrieb er schon 1927: „Der Faschismus ist eine solche Gefahr für die europäische Arbeiterschaft, daß ich glaube, man sollte jede Offensive gegen ihn begrüßen“(Dove, S.179). In seiner Rede zum 10. Todestag von Kurt Eisner sagte er 1929: „Wir stehen vor einer Herrschaftsperiode der Reaktion. Glaube keiner, die Periode eines noch so gemäßigten, noch so schlauen Faschismus werde eine sehr kurze Übergangsperiode sein. Was jenes System an revolutionärer, sozialistischer, republikanischer Energie zerstört, ist kaum in Jahren wieder aufzubauen“(In Memoriam Kurt Eisner, in: Toller Bd.1, S. 168). Und schon eineinhalb Jahre später sagte er mit hoher Präzision voraus, welche Konsequenzen aus einer Machtergreifung der Nationalsozialisten resultieren würden, wie die Abschaffung sozialer Reformen, die Entfernung von SPD-Anhängern aus allen Machtpositionen, die Zerschlagung der Gewerkschaften und die Anwendung „nackten, brutalen Terrors gegen Sozialisten; Kommunisten, Pazifisten und die paar überlebenden Demokraten“ (Reichskanzler Hitler, in: Weltbühne, 7. Oktober 1930, nachgedruckt in: Toller, Bd.1, S.71). Er beschließt diesen Artikel mit den Worten: „Geschieht heute nichts, stehen wir vor einer Periode des europäischen Faschismus, einer Periode des vorläufigen Untergangs sozialer, politischer und geistiger Freiheit, deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwartenist.“ 1932 schreibt Toller: „Es gäbe nur noch ein Mittel, den Sieg des Faschismus zu vereiteln: Die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten Arbeiterklasse mit klar umrissenen Kampfzielen“ (Zur deutschen Situation, in: Toller, Bd.1, S.75).

Toller im Exil

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, gehörte Toller zu den ersten, die sie loswerden wollten. Zu den 33 Namen auf der Liste von Personen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, gehörte auch der seine. Zwei Stunden nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar drangen bereits SA-Leute in Tollers Wohnung ein, um ihn festzunehmen. Aber Toller war in der Schweiz, wo er in einer Reihe von Rundfunksendungen mitwirken sollte. In den darauffolgenden Monaten wurden Tollers Stücke verboten, seine Bücher verbrannt und sein Eigentum konfisziert. Am 1. April wurde er von Joseph Goebbels in einer seiner Hauptreden zum öffentlichen Feind des Dritten Reiches erklärt. Besonders hatte dieser sich darüber erregt, dass Toller einst geäußert hatte: „Es gibt kein dümmeres Ideal als das Ideal des Helden.“

Nach der Schweiz sind weitere Stationen seines Exils London und New York. Aus dem Ausland bekämpft er weiter mit über 200 Ansprachen, Vorträgen und Rundfunkreden das Naziregime und ist damit eine der wichtigsten und meist gehörten Stimmen der Aufklärung über das deutsche Terrorsystem. Er hält aber auch literarische Vorträge und arbeitet an Drehbüchern, Aufsätzen, Reportagen und Gedichten. Er setzt sich ein für die Freilassung von Ernst Thälmann und Carl von Ossietzky und kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die ins Exil fliehen mussten. Und immer wieder unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen wie vier Monate durch die USA und Kanada. Allein in Los Angeles hören ihm 6500 Menschen zu. Aber zwischendurch hat er immer wieder Anfälle von Mutlosigkeit und Verzweiflung, und Depressionen suchen ihn heim.

Auch die Liebe vermag ihn nur kurzfristig psychisch zu stabilisieren. 1935 heiratete er die 23 Jahre jüngere Schauspielerin Christiane Grautoff, die er seit 1932 kannte und die ihm ins Exil nach London gefolgt war. Drei Jahre lang stand sie ihm eng zur Seite und packte immer seinen Koffer, ohne einen Strick zu vergessen, den er immer dabei haben wollte. Auf die Dauer ertrug sie aber Tollers psychische Instabilität nicht mehr. Im Juli 1938 kam es zur Trennung.

Tollers letztes großes Projekt war ein gigantischer Hilfsplan für das von Bürgerkriegswirren zerrissene Spanien und seine hungernde Bevölkerung. Toller war überzeugt, dass nur eine vereinte Aktion aller demokratischer Regierungen erfolgreich den Kampf mit dem Hunger aufnehmen konnte. Aus dem umkämpften Madrid richtete er u.a. einen eindringlichen Appell an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Aber sein erhoffter Erfolg blieb aus und am 28. März 1939 marschierten Francos Truppen in Madrid ein. Tollers Stimmungslage schlug um.

Nach Wochen der Schlaflosigkeit und inzwischen chronischer Depression nahm er sich im Mayflower Hotel in New York am 22. Mai 1939 das Leben. Zur Gedenkfeier kamen über 500 Menschen. Eine der Grabreden hielt Oskar Maria Graf. Einer der Redner nannte Toller zurecht „ein Symbol der Revolution“.

Literaturverzeichnis

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Höller, Ralf, Das Wintermärchen, Berlin 2o17

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Toller, Ernst, 6-bändige Werke, hrsg. von Wolfgang Frühwald und John M. Spalek,

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Band 1: Kritische Schriften, Reden und Reportagen

Band 2: Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis 1918

– 1921

Band 3: Politisches Theater und Dramen im Exil 1927 –

1939

Band 4: Eine Jugend in Deutschland

Band 5: Briefe aus dem Gefängnis

Band 6: Der Fall Toller, Kommentar und Materialien

Ulrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

Viesel, Hansjörg, Literaten an der Wand, Frankfurt a.M. 1980, Ernst Toller, S. 329 – 410

Weidemann, Volker, Träumer, Als die Dichter die Macht übernahmen, Köln 2017

Internet

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Kultur, Der Dramatiker als Revolutionär, 13.1.2018 https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/bayerische-schriftsteller-toller100.htmal

Andreas Salomon, März 2018

Das rote Kolbermoor – Veranstaltung in Kolbermoor anlässlich der Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

Text von Andreas Salomon vom 02.12.2015

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich heute zu dieser Veranstaltung, die notwendig geworden ist, weil wir nach der neuerlichen Gewalttat der Nazis hier in Kolbermoor nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können und wollen.

Ich freue mich deshalb sehr, dass ich Prof. Dr. Klaus Weber aus München in unserer Mitte begrüßen darf. Wir beide sind mit den Gegebenheiten hier in Kolbermoor bestens vertraut. Er ist hier geboren und aufgewachsen, ich habe 30 Jahre hier gewohnt. Wir beide haben uns intensiv um die Geschichte dieser Stadt gekümmert und dabei besonders um die Rätezeit. Uns beiden ist klar, dass die Nazis offensichtlich alles daran setzen, die Erinnerung an die Rätezeit auszulöschen. Das werden wir zu verhindern wissen. Für heute Abend haben wir uns die Aufgaben so verteilt, dass ich die Rätezeit in Kolbermoor vor Ihren Augen lebendig werden lasse, also das, was wir vergessen sollen. Und Klaus hat sich das Thema gestellt „Vergessen machen – Kolbermoor, die Rätezeit und die Neonazis“.

Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

Überall im Landkreis gab es große Betroffenheit und Empörung, als die Zerstörung des Denkmals in Kolbermoor bekannt wurde, das an die Ermordung des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert.

Es ist bereits der vierte Anschlag und von Mal zu Mal hat sich die Empörung darüber deutlich, ja sprunghaft gesteigert.

Die erste Gedenktafel, die am 4. Mai 1999 von uns aufgestellt wurde, hielt nur bis zum Jahresende, dann wurde sie mit blauer Farbe so zugesprüht, dass sie nicht mehr zu reinigen war. In einem Leserbrief im Mangfall-Boten unter der Überschrift „Miteinander reden“ (Mangfall-Bote,11.1.2000) rief ich die Täter zu einem „offenen Gespräch“ auf. Wörtlich schrieb ich: „Meinungsverschiedenheiten sollten mit Worten ausgetragen werden und nicht mit dem Versuch, den anderen mundtot zu machen.“ Eine Reaktion der Täter blieb aus.

Drei Jahre später war es wieder so weit. Mit Säure war versucht worden, die Schrift auf der neuen Gedenktafel unlesbar zu machen. Zum Glück konnte die teure Tafel restauriert werden.

Der nächste Anschlag auf die Kolbermoorer Rätezeit im Jahr 2009 war nicht ein Anschlag auf die Gedenkstätte, sondern eine üble Provokation während eines Rundgangs auf den Spuren von Schuhmann und Lahn, den ich jedes Jahr ein- bis zweimal Jahr durchführe. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns auf die Provokation nicht ein. Sie verhielten sich ruhig und stiegen anschließend in ein Auto, in dem Naziflugblätter lagen.

Dann der Anschlag vom letzten Jahr! „Noske, do it again!“ in Riesenbuchstaben und zwei Hakenkreuze. Hakenkreuze auch in der Tonwerksunterführung. Als es um die Niederschlagung der Revolution von 1918/19 ging, war es allen voran der Polizeiminister Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ. Wenn die Nazis in Kolbermoor auf die Schuhmann-Tafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun („do it again“), so ist das eine unmissverständliche Aufforderung , dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und für Freiheit und Demokratie uns einzusetzen.“

Und jetzt der neuerliche Anschlag, der deutlich eine neue Qualität aufweist. Jetzt geht es ums Ganze: absolute Zerstörung der Tafel mit einem schweren Vorschlaghammer. Mit brachialer Gewalt wurde die schwere Marmortafel zertrümmert, um damit das Denkmal endgültig zu beseitigen.

Fast hundert Jahre liegt die Kolbermoorer Rätezeit zurück und ist doch noch so lebendig, dass sie immer wieder den Zerstörungswillen der Nazis hervorruft.

So wollen wir uns mit diesen so bedeutsamen sechs Monaten für Kolbermoor näher beschäftigen, mit der Zeit vom November 1918 bis zum Mai 1919, wobei aber gleich gesagt werden darf, dass mit dem Mai 1919 keineswegs alles vorbei war, denn die Kolbermoorer haben damals zwar eine Niederlage einstecken müssen, aber ihre Gesinnung dabei nicht verloren.

Die Folgen des roten Kolbermoors

Es ist überhaupt keine Frage, dass die Monate der Räterepublik in Kolbermoor, das wichtigste Kapitel der Stadtgeschichte sind. Es ist auch keineswegs so gewesen, dass mit dem 3. Mai 1919 alles vorbeigewesen ist. Am 22. Mai 1919 stand im Kolbermoorer Anzeiger über die angeblichen Befreier zu lesen: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen“ (Landgrebe, S. 155). Und Christa Landgrebe zeigt in ihrer Doktorarbeit „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südost-bayerischen Raum“ weiter auf, welche Nachwirkungen sich in Kolbermoor in den nachfolgenden Jahrzehnten beobachten ließen. So lesen wir dort: „Für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewußtseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie“(S. 166).

Widerstand in Kolbermoor gegen die Nazis

Zwar versuchte die NSDAP schon frühzeitig in Kolbermoor Fuß zu fassen und Adolf Hitler hielt bereits am 19. Juni 1920 seine erste Rede außerhalb von München in Kolbermoor, was aber die Kommunistische Partei nicht hinderte in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen. Landgrebe schreibt, dass es der KPD gelang „durch Versammlungen und Gründung von Organisationen einen größeren Teil der Arbeiter- bevölkerung anzusprechen“ (S. 163). Schon in den früher 20er Jahren entstanden Ortsgruppen der „Roten Hilfe“ und des „Rotfrontkämpferbundes“. Vor allem Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot waren die Themen, über die referiert wurde. Die Konferenzen leitete meist Ewald Thunig. „Zu Beginn der 20er Jahre“ – so Landgrebe – „läßt sich von einem wachsenden Klassenbewußtsein bei Teilen der Kolbermoorer Arbeiterschaft sprechen“ (S. 160). Noch in den 30er Jahren heißt es im Tagesbericht des Bezirksamts Aibling an die Bayerische Politische Polizei vom 10.9.1936, dass „…die Verhältnisse in Kolbermoor…offenbar immer noch nicht als endgültig ruhig betrachtet werden (können)….“ So wurden im November 1936 acht Kolbermoorer Arbeiter „wegen Singens der Internationale bzw. antinationalsozialistischen Verhaltens“ vorüber-gehend festgenommen. (Landgrebe, S. 164) In ihrem Aufsatz „Chronik des Widerstands in Kolbermoor 1931-1945“ zeigt Edda Kühne eine große Zahl ähnlicher Aktionen auf. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd. 1, S. 126-138)

Die letzten 30 Jahre in Kolbermoor

Erst nach dem 2. Weltkrieg gerät das rote Kolbermoor zunehmend in Vergessenheit und die Stadt macht vielmehr Schlagzeilen mit dem Erstarken braunen Gedankenguts in Gestalt der Republikaner und anderer Rassisten. Nikolaus Ziegler weist in seinem Aufsatz „Neonazis und Rechtsextremisten in Kolbermoor“ nach, was sich in der Zeit von 1986 bis 2004 an entsprechenden Aktionen bis hin zum rassistischen Mord an Carlos Fernando ereignete. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd.2, S. 199 – 205).

Wiederentdeckung der Kolbermoorer Rätezeit

Wie kam es jetzt dazu, dass die Ereignisse der Räterepublik in Kolbermoor wieder bekannt wurden. Ein erster Versuch wurde 1989 zum 70sten Tag der Ermordung von Schuhmann und Lahn durch eine Gruppe um Klaus Weber versucht, wo auch eine erste provisorische Gedenktafel aufgestellt wurde. Die durchschlagende Wirkung blieb aber noch aus.

Was es gab, war der Film Auf den Spuren des roten Kolbermoors„,der schon 1986 im Fernsehen ausgestrahlt wurde und dann die schmachvolle Chronik von Horst Rivier.

Im Sommer 1998 sprach mich der Kolbermoorer Ortskartellvorsitzende Hans Lorenz an, ob wir von der GEW nicht einmal diesen besagten Film zeigen wollten. Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung, die ich daraufhin organisierte, stieß ich auf Riviers Chronik und war zutiefst erschrocken, was ich dort las. Einige Kostproben:

Geschichtsverfälschung durch Horst Rivier

„Um eine ruhige Entwicklung zu verhindern, bemühte sich eine zunächst kleine Gruppe Linksstehender, die nun unzufriedene große Masse zu gewinnen, um mit dieser die Revolution zu machen.“ („Heimat Kolbermoor“, 1997, Bd.2, S. 44)

„Aber gerade sie waren es, die in unserem bis dahin wirklich friedlichen Ort nach dem Muster eines Kurt Eisner die Revolution heraufbeschworen. Es wurden hier nun Soldatenräte, Bauernräte und Gruppen von aufgeputschten revolutionären Arbeitern zu den Massenversammlungen organisiert“ (S. 44).

„Aus der alten Sozialdemokratischen Partei gründeten die radikalen Elemente die ´Unabhängige Sozialdemokratische Partei`(USPD); diese Richtung war aber vielen von diesen noch zu gemäßigt und die schärfsten und größten linken Fanatiker sammelten sich als `die Spartakisten`. Daß solch links extreme Hetze keine guten Früchte tragen konnte, lag auf der Hand.“ (S. 45)

Rivier schrieb weiter von „roten Auswüchsen“ (S. 46), „hysterischen Frauen„(S.46) usw.. Abschließend behauptete er, seine Informationen beruhten auf Gesprächen mit Zeitzeugen, die er dann auch nennt. Es dauerte etwas, bis ich herausfand, dass alles erstunken und erlogen war. Rivier hatte einfach bei einem anderen Chronisten abgeschrieben, nämlich bei Albert Loher, der seinerzeit Prokurist bei der Spinnerei war und natürlich aus vorurteilsbeladener Sicht der herrschenden Klasse schrieb.

Neuanfang der Geschichtsschreibung nötig

Damit war für mich klar, dass die Geschichte neu geschrieben werden musste. Als kurz darauf auch der DGB eine Veranstaltung in Kolbermoor zum gleichen Thema durchführte und der DGB-Kreisvorsitzende Lorenz Ganterer direkt aufforderte, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen, war der Startschuss gefallen. Das war im September 1998. Durch Zufall kam ich darauf , dass der kommende 4. Mai 1999 der 80. Todestag von Schuhmann und Lahn war. Damit war ein Zeitpunkt gegeben, um entsprechende Ergebnisse zu präsentieren.

Ich griff zum Telefonbuch. Gibt es noch Nachfahren von Schuhmann oder Lahn? Und stieß auf eine Frau Lahn-Obermüller, die mit einem Bruder von Alois verheiratet war. Ich ging zur Stadt und ließ mir die Melderegister von Schuhmann heraussuchen. Ich suchte die Gräber auf dem Friedhof, die Wohnungen, fand die Schuhmannstraße und bekam mit Mühe heraus, wann diese Straßenbenennung stattfand. Das war am 7.2.1947 gewesen. In der Begründung finde ich den bemerkenswerten Satz: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält“.(Andreas Salomon, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“, Kolbermoor, 2000, S.15). Der Stadtratsbeschluss war einstimmig! Ich ging zum Pfarrer, der mir die Sterberegister heraussuchte. Und eine sensationelle Entdeckung: Am Rand steht eine viele Sätze lange handschriftliche Bemerkung, die zwar schwer zu entziffern ist, aber viele wichtige Informationen enthält. (a.a.O., S.100)

Erste Recherchen

„Georg Schuhmann, Beruf Installateur, 1. Vorsitzender des revolutionären Arbeiterrates, Kopfschuß, Beerdigung mit 3 Geistlichen auf Forderung der Arbeiterschaft. Geboren 6. März zu Bamberg, wurde bald Führer der radikalen Arbeiterbewegung, nach dem Tode Eisners 1. Vorsitzender des neuen Volksrates, seit 29. April des revolutionären Arbeiterrates.“ Und später heißt es: „Herr Dr. Solleder ersuchte um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teiles der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

Über Alois Lahn stand am Rand, wo er wohnte, Ludwigstraße 9, dass er ledig war. Geboren am 27. März 1901, Sohn der Fabrikarbeitereheleute Lahn, zugleich mit Schuhmann erschossen.

Erste Mosaiksteine waren zusammengetragen. Nun ging ich ins Kolbermoorer Stadtarchiv. Hatten die Räte irgendetwas hinterlassen? Nach den Darstellungen bei Rivier schien dies ja nicht der Fall zu sein. Doch welche Überraschung: Ich entdeckte das Beschlussbuch der Räte, das Protokollbuch all ihrer Sitzungen und obendrein noch weitere wichtige Dokumente.

Nun war erstmalig die Möglichkeit gegeben, nachzuprüfen, was die Räte wirklich gemacht hatten. Nun konnte man dem vorurteilbeladenen Geschwätz von Rivier und seinen Anhängern etwas entgegensetzen. Langsam schälte sich heraus, was damals wirklich passiert war und ich beschloss, es der Öffentlichkeit bei einem historischen Rundgang durch Kolbermoor am 4. Mai 1999 bekannt zu machen, den ich sorgfältig mit entsprechender Pressearbeit vorbereitete. Denn mir war klar, hier ging es nicht nur darum ein historisches Kapitel der Stadtgeschichte wieder sichtbar zu machen, sondern es ging gleichzeitig um den Kampf, das bewusst Verdrängte, das Unangenehme zu beleuchten und damit um ganz konkrete Tagespolitik.

Der Kampf um die Gedenktafel

Ständig schrieb ich Leserbriefe und kleine Artikel im Mangfall-Boten, um für das Thema den Weg zu bereiten. Dann stellte ich über die Grüne Liste im Stadtrat den Antrag, eine Gedenktafel zu errichten, so dass sich der Stadtrat mit diesem Thema beschäftigen musste. Als er abgelehnt wurde, wenn auch knapp, wiederholte ich den Antrag zusammen mit dem DGB-Ortskartellvorsitzenden, wobei ich auch stets sichtbar machte, dass hinter mir die GEW stand, deren Mitglieder mich auch in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten. Nun kam es aber nicht mehr zur Abstimmung, weil der 2. Bürgermeister Schrank herausgefunden hatte, dass der Grund, auf dem die Tafel stehen sollte, gar nicht der Stadt gehöre. Man war froh, aus dem Schneider zu sein. Im April starteten wir eine ganze Leserbrief Serie, die dann die eigenmächtige Aufstellung der Tafel vorbereitete. Einen langwierigen Schriftverkehr mit der Bahn AG wollten wir uns ersparen – es fehlte auch die Zeit, denn der 4. Mai rückte immer näher.

Der historische Rundgang am 4.Mai 1999

Um dem Rundgang die nötige Breitenwirkung zu verleihen bat ich den CDU-Bürgermeister Reimeier um die Eröffnungsansprache. Sämtliche Fraktionen wurden angeschrieben mit der Bitte, einen Sprecher zu stellen. Die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf wurde um Stellungnahme gebeten usw.. Wichtig war für mich auch Prof. Dr. Klaus Weber mit einzubeziehen. Zum einen hatte er sich schon lange vor mir mit der Räterepublik beschäftigt, zum anderen war er Kolbermoorer und zum Dritten wusste ich aus alter Freundschaft, dass bei ihm das Thema in guten Händen war und ist.

Der Rundgang wurde ein außergewöhnlicher Erfolg mit gut 80 Teilnehmern. In der Folge führte er zur Entstehung meines Buches, einem Film und schließlich zur Gründung der Kolbermoorer Geschichtswerkstatt. Er löste auch heftigste Auseinandersetzungen mit Horst Rivier und seinen Mitstreitern vom Förderverein des Heimatmuseums aus und führte zu einer tiefgründigen Kritik von Riviers Chroniken, die wir auf Grund der unseriösen Geschichtsschreibung, der Lügen und Verdrehungen, der einseitigen, vorurteilsbeladenen Sicht der Dinge als ausgesprochen wertlos einstufen mussten, ja als gefährlich für die Leser, die das dort Geschriebene womöglich als bare Münze nehmen. Dieser Streit hält bis heute an, auch wenn sich nach Riviers Tod die Fronten etwas zu lockern scheinen.

Unser Rundgang begann damals vor dem Schuhmann-Haus, an dem ich seinerzeit eine Gedenktafel anbringen ließ. Dort war Schuhmann am 1.2. 1919 eingezogen und drei Monate später von seinen Mördern überfallen und herausgezerrt worden. Vorher hatte er seit 15.11.1918 in der Karlsstraße gewohnt. In das Schuhmann-Haus war er zu seiner Schwester gezogen. Inzwischen ist das Haus nach einem Brand abgerissen worden. Es fehlte das historische Bewusstsein, dieses Gebäude zu erhalten und vielleicht zu einer Gedenkstätte an die Räterepublik in Kolbermoor und insgesamt im Landkreis Rosenheim umzugestalten.

Historische Grundlagen der Kolbermoorer Rätezeit

Natürlich ist die Kolbermoorer Rätezeit nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbaut, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem verlorenen 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Und was Schuhmann und seine Weggefährten durchführten, war nur möglich auf dem Hintergrund einer vergleichsweise weit entwickelten Arbeiterbewegung vor Ort.

Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten. Am 19.10.1918 meuterten in Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand breitete sich wie ein Lauffeuer über das Land. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz um besitzenden Adel und Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnehmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratische bayerische Republik proklamiert.

Die Ereignisse in Kolbermoor

Auf diesem Hintergrund rief vier Tage später, am 11.11.1918,  die SPD in Kolbermoor zu einer Massenversammlung in den Mareissaal, die von allen Schichten der Bevölkerung besucht wurde. Der Saal war dicht besetzt. Hier wurde der 1. Volksrat gegründet, der 25 Mitglieder hatte, die aus allen Schichten kamen. 1. Vorsitzender war der Gastwirt Franz Sperber, 2. Vorsitzender der Bürgermeister Edmund Bergmann. Der Volksrat wurde als ein Kontrollorgan aufgefasst, „um die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ (Beschlussbuch, S. 5). Die Ärztefrage wird behandelt sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Missstände bei der örtlichen Lebensmittelzuteilung werden beklagt. Ein gewählter Lebensmittelausschuss soll die Geschäfte überwachen. Und zur Sicherheit wird ein Wachkommando vorgeschlagen.

Immer wieder geht es um die gerechte Verteilung der Lebensmittel. Gerügt werden zu hohe Preise für bestimmte Genussmittel und Kleidungsstücke. Und Vorschläge werden gemacht, wie durch Beschaffung von Notstandsarbeiten der Arbeitslosigkeit zu begegnen sei. Aber auch zahlreiche andere lokale Probleme werden diskutiert. Kritik wird am Gemeinderat laut, der sich um manches zu wenig kümmere und es wird beschlossen, drei Beobachter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses zu schicken..

6 Wochen später, am 2.1.1919, tritt der Volksrat zurück, weil aus eigenen Reihen an seiner Arbeit Kritik geübt worden war und weil zu viele „bürgerliche Elemente, sogar zwei Kommerzienräte und Kriegsgewinnler“ (S. 27) in ihm säßen. Hier bahnte sich bereits 6 Wochen früher als in Rosenheim und in München der Weg zu einer radikaleren Richtung an.

Am 8. Januar wird ein neuer Volksrat gewählt. Wieder ist der Mareissaal prall gefüllt. Jetzt werden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Bürgerlicher, ein Lehrer und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Gewählt wurde auch Georg Schuhmann, der in der ersten sich anschließenden Sitzung 1.Vorsitzender wird. Schuhmann ist 32 Jahre alt und gerade aus dem Krieg in die so genannte Sanierung zwischen Rosenheim und Kolbermoor gekommen, ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, die hier entlaust und neu eingekleidet wurden. Welche politische Ausbildung Schuhmann hatte und welche politischen Erfahrungen, konnte bisher nicht erforscht werden. Außer dem Beschlussbuch hat er keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen. Nicht eine seiner Reden ist bekannt. Eine einzige kann ihm wahrscheinlich zugeschrieben werden.

Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er einiges an Erfahrung mitbrachte. Denn nur so ist es verständlich, dass er sich verhältnismäßig schnell innerhalb der Kolbermoorer Arbeiterbewegung profilieren konnte. Der Boden in Kolbermoor für eine Politik im Interesse der breiten Bevölkerung war zweifellos gegeben. Große Fabriken wie die Spinnerei und das Tonwerk hatten schon früh einen gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluss der Arbeiter zur Folge gehabt. Wie aber Schuhmanns Entwicklung in Kolbermoor sich im Einzelnen darstellte, weiß man nicht. Sicher ist nur, dass er bald ein unglaublich großes Maß an Anerkennung fand, ja dass er geradezu eine charismatische Figur gewesen sein muss.

Kaum war der neue Volksrat gewählt intensivierte er seine Arbeit erheblich. Immer mehr Themen stehen auf der Tagesordnung wie der Straßenbau, der Uferschutz an der Mangfall, die Verrohung der Jugend durch den Krieg. Schleichhandel oder Wucherpreise werden noch sorgfältiger verfolgt. Der 8 – Stunden –Tag und entsprechende Entlohnung werden diskutiert. Entschieden bemüht sich der Volksrat um soziale Gerechtigkeit. Der Einsatz des Volksrates bezüglich seiner Kritik an schlechten Lebensmitteln hat Erfolg. Klagen und Beschwerden, die beim Volksrat eingehen, werden an die Gemeinde weitergeleitet. Der Einfluss Schuhmanns wächst immer mehr. Am 5.2.1919 beschließt der Volksrat, dass Schuhmann regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abhält. Die Anträge des Volksrates werden von der Gemeinde weitgehend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck, dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor bestimmt und der Gemeinderat zur Exekutive wird. Inwieweit das tatsächlich stimmt, müsste noch durch einen Abgleich der Gemeinderatsprotokolle aus jener Zeit mit den Protokollen der Räte geschehen.

Die Vorgänge vom 22.2.19 überraschen deshalb nicht sonderlich. Am Tage nach der Ermordung Eisners wird der Bürgermeister zur Volksratssitzung eingeladen. Schuhmann schildert ihm die Vorgänge in München und Rosenheim, die zu den Rücktritten der Bürgermeister geführt hätten und führt aus, dass nun auch „in Kolbermoor nichts zu tun übrig bliebe, als diesem Beispiel zu folgen“ (S.49) Wörtlich heißt es weiter: „Er teilte mit, daß in der Arbeiterschaft Kolbermoors eine starke Missstimmung gegen Herrn Bürgermeister Bergmann sowie gegen Herrn Sekretär Loy sich bemerkbar gemacht hätte und daß voraussichtlich auch für diese beiden Herren der Gedanke des Rücktritts in Frage käme.“ Daraufhin trat Bergmann zurück. Bei Rivier liest sich das übrigens so: „Mit einer bewaffneten Menge zog er vor das Rathaus, wo der langjährige Bürgermeister Edmund Bergmann dem Revolutionär, dem Rotgardisten Georg Schuhmann, weichen mußte.“(S. 45)

Der Volksrat setzte nun seine Aktivitäten mit ungeminderter Intensität fort, ja die Fülle der Aktivitäten nahm eher noch zu. Die Löhne von Gemeindeangestellten werden erhöht, neue Kräfte eingestellt, die Pension des Gemeindedieners erhöht, den Kriegsinvaliden zunächst je 100 DM zugewiesen, ein Tanzkurs genehmigt, beschlossen, bestimmte Gemeindewege zu reparieren, Kundenkarten für sämtliche Lebensmittel eingeführt und beschlossen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen vorzugehen.

Und wieder dreht das Rad der Geschichte sich weiter. Ein dritter Volksrat wird am 29.4.gewählt. Einstimmig wird Schuhmann wieder gewählt, der erklärt, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können“ (S. 63). Der neu gewählte Volksrat, der wieder im voll besetzten Mareissaal gewählt wird, heißt nun: Revolutionärer Arbeiterrat.

Aber dieser Volksrat traf sich nur zu einer einzigen Sitzung, dann zog sich schon der Ring der Weißgardisten rund um Kolbermoor zusammen. Wie eine Festung war Kolbermoor ausgebaut und zur Verteidigung bereit, aber die Lage war aussichtslos. Kolbermoor, die letzte rote Bastion in Bayern, musste sich ergeben. Schuhmann selber hatte erkannt, dass nur ein großes Blutvergießen die Folge eines Kampfes gewesen wäre und plädierte dafür, sich zu ergeben. Heftige Auseinandersetzungen im Mareissaal gingen der Entscheidung voran. Dann wurden die Waffen gestreckt.

Die Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

Georg Schuhmann und Alois Lahn wurden am nächsten Morgen, Sonntag den 4. Mai 1919 aus ihren Betten gezerrt, misshandelt, zur Tonwerksunterführung und geschleppt und dort ermordet. Alois Lahns Vater schrieb über die Ermordung seines Vaters am 17.9.1919 im „Anzeiger für Kolbermoor“: „(…) Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von zwei gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten).

Ein Teil des Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen zwei Anzüge und ein Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeifer sogar noch das 4-jährige Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift. (…) und ohne Urteil erschossen“.

Bei der Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn war der Friedhof schwarz von Menschen. Auf einem Foto des Grabes kann man auf Kranzschleifen lesen: „Ein letzter Gruß dem (ein Wort nicht lesbar) Kämpfer – die Arbeiterschaft der Spinnerei“ oder „Letzter Gruß unserem unvergesslichen Schuhmann“.

Die Bedeutung der Räterepublik

In den Novembertagen des Jahres 1918 bildeten sich in Deutschland spontan Arbeiter- und Soldatenräte. Unmittelbar aus sich selbst heraus und zunächst ohne ausgereiftes theoretisches Konzept forderten Arbeiter eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft. Kapitalismus, bürgerliche Demokratie und Staatsbürokratie sollten von unten, von den Betrieben her, überwunden werden, alle politischen und wirtschaftlichen Leitungsaufgaben sollten künftig in den Händen demokratisch gewählter, streng kontrollierter und jederzeit abrufbarer Räte liegen. Es war die Idee einer gleichermaßen in Staat und Wirtschaft zu erkämpfenden, von breitesten Volksschichten getragenen direkten Demokratie. Dass ein derartig revolutionäres Ziel die Anhänger des kaiserlichen Obrigkeitsstaates und aller Parteien und Organisationen auf den Plan rief, die sich für eine bürgerliche Republik mit kapitalistischem Wirtschaftssystem entschieden hatten, versteht sich. Den Räten stand bis auf die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) und die kommunistische Partei (KPD) eine breite Parteienphalanx gegenüber. Was mit der Forderung „Alle Macht den Räten!“ begonnen hatte, wurde schließlich mit Waffengewalt beendet. Vom Reichswehrminister ausgesandte Strafexpeditionen zerschlugen die Hochburgen der radikalen Arbeiterschaft. Was am 3. November 1918 in Kiel begonnen hatte, endete am 3. Mai 1919 in Kolbermoor.

Zeitweise hatte die politische Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte gelegen. Erstmals in der deutschen Geschichte suchten die Menschen unmittelbare Demokratie zu praktizieren. Der Arbeitsrechtler und Sozialdemokrat Hugo Sinzheimer schrieb 1919 in seinem Buch „Das Rätesystem“: Der Mensch „will sein Leben selbst gestalten und eine neue Lebensordnung schaffen, in der der Mensch sich selbst gehört und nicht für fremde Zwecke verbraucht wird. Die Kräfte, die das Lebensschicksal bestimmen, selbsttätig auf allen Gebieten in der Hand zu haben und zu lenken, ist der innerste Drang, der einen großen Teil der Masse beseelt, die dem Rätegedanken folgt.“ (Hugo Sinzheimer, Das Rätessystem, 1919, S.7). Dieter Schneider und Rudolf Kuda schreiben in ihrem Buch „Arbeiterräte in der Novemberrevolution, Ideen, Wirkungen, Dokumente“ (Suhrkamp 1969): „Räte bildeten sich, wo Unterdrückte und Unterprivilegierte gegen ihr Schicksal aufbegehrten, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen wünschten mit dem Ziel, in einer revolutionären Situation die gesellschaftliche Entwicklung zu ihren Gunsten zu beeinflussen“ (S.35). Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auch auf Hannah Arendt, die den Geist des Rätesystems als „echt demokratisch“ (S.35) bezeichnete. Und auch in Kolbermoor wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt mit der Begründung, dass Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste.“

In München wird zurzeit gefordert, den Marienhof in Kurt-Eisner-Platz umzubenennen. Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates Kurt Eisner rief den Freistaat Bayern aus. Bayern erhielt die erste demokratische Verfassung. Das allgemeine Wahlrecht, der 8-Stunden-Tag, die Trennung von Kirche und Staat und basisdemokratische Gesellschaftsstrukturen wurden eingeführt.

Unsere Aufgabe muss es sein, die Erinnerung an die Rätezeit wachzuhalten und allen Versuchen der Nazis, diese auszulöschen, entschieden entgegenzutreten.