Das rote Kolbermoor

Beitrag von Andreas Salomon im Lokalhistorischen Taschenkalender „Es lebe das freie Bayern“

Am 29.10.1918 löste der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven die Novemberrevolution aus. Deren Ursachen sind in erster Linie in den katastrophalen Folgen des 1. Weltkrieges (1914-1918) zu suchen. Nicht nur dass der Krieg verloren wurde und in Bayern 180.000 Soldaten ihr Leben lassen mussten, auch die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung waren während der Kriegsjahre unerträglich geworden.

Am 7.11.1918 kam es daher in München auf der Theresienwiese zu einer großen Friedenskundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern, auf der ein sofortiges Ende des Krieges, der Rücktritt des Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden sowie umgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Bei einer anschließenden Demonstration zu den Kasernen laufen die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären über. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet und am kommenden Tag Kurt Eisner (USPD) zum Ministerpräsidenten gewählt, der den „Freistaat Bayern“ ausruft. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft.

Diese Entwicklung hatte auch in Kolbermoor erhebliche Konsequenzen. Denn auch hier hatten die Menschen in den Kriegsjahren sehr gelitten. 730 Soldaten zogen in den Krieg, aber 153 kehrten nicht mehr zurück. Außerdem waren die Lebenshaltungskosten in den Kriegsjahren ganz erheblich gestiegen. Schon im ersten Kriegsjahr hatten sie sich um 20 % verteuert und 1915 wurde sogar das Brot knapp. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. 1917 war dann das große Hungerjahr. Zusätzlich wurde das Heizmaterial knapp, die Wohnungsnot stieg und die Arbeitslosigkeit wuchs. Vor dem Krieg hatten in der Spinnerei noch 900 Menschen ihr täglich Brot verdient, jetzt waren nur noch 140 Arbeitsplatze vorhanden und im Tonwerk gab es statt 450 nur noch 13.

Dem Münchner Bespiel folgend wurde für den 11. November 1918 durch die örtliche sozialdemokratische Partei im großen Kolbermoorer Mareissaal eine Volksversammlung einberufen, zu der, wie aus dem Beschlussbuch des Volksrates hervorgeht, ungewöhnlich viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, dem sogar zwei Kommerzienräte angehörten. 1. Vorsitzender wurde der Gastwirt Franz Sperber, sein Vertreter Bürgermeister Eduard Bergmann. Der Sozialdemokrat Franz Sperber war 1890 aus München gekommen und hatte vielfältige Initiativen ergriffen wie die Gründung eines Arbeiter-Lesevereins (1892) sowie einer Arbeiterbibliothek (1900), und schließlich hatte er 1898 eine Ortsgruppe der SPD gegründet.

Bereits auf der 1. Sitzung des Kolbermoorer Volksrates am 13. November wurde ein Lebensmittelausschuss gebildet, der Beschwerden entgegennehmen und die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren sollte, um eventuelle Missstände abstellen zu können. Er hatte die Aufgabe, auch streng darauf zu achten, dass angelieferte Lebensmittel gerecht verteilt wurden.

Die Kompetenzen des Volksrates waren allerdings eingeschränkt. Er war zunächst lediglich ein Kontrollorgan und bestand parallel zur Gemeindevertretung. Aber er brachte viel Bewegung in die Ortsverwaltung, indem er zahlreiche für die Arbeiter und auch Bauern sinnvolle Tätigkeiten anregte. Die Futtermittelknappheit der Landwirte wurde zur Sprache gebracht, ein Wachkommando eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden oder auf den Vorschlag des Volksrates Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

Aber manchen Kolbermoorer Arbeitern ging der Wandel nicht schnell genug und sie drängten nach knapp zwei Monaten auf Neuwahlen mit einer anderen Zusammensetzung des Volksrates. Sie beklagten, dass für eine Arbeiterstadt zu viele Angehörige der Bürgerschicht im Volksrat vertreten seien und dessen Kurs nicht radikal genug sei.

Am 8. Januar 1919 kam es dann zur Neuwahl. Nun wurden in den 2. Volksrat sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. So löste man sich in Kolbermoor von der mehrheitssozialdemokratischen Führung (MSPD) im Volksrat sechs Wochen früher als in München und Rosenheim, wo entsprechende Vorgänge erst nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisners am 21. Februar einsetzten. Besonders die Angehörigen der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) erhofften sich von der Neuwahl auch eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Einer der Arbeitervertreter war der 32-jährige Installateur Georg Schuhmann (USPD), der zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Er trug schon bald erheblich dazu bei, dass sich die Arbeit des Volksrates beschleunigte und intensivierte. Konsequent wird der Schleichhandel kontrolliert und die Zurückhaltung von Lebensmitteln bekämpft. Schuhmanns Autorität ist so groß, dass er auf Beschluss des Volksrates vom 6.2.1919 im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden abhält. In der Gemeinde wird der Achtstundentag durchgesetzt und für die Gemeindebedienstete der Lohn erhöht.

Nachdem am 21.2.1919 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wird, werden einen Tag später der Kolbermoorer Bürgermeister Bergmann und der Gemeindesekretär Loy zum Rücktritt gedrängt, wie dies auch in vielen anderen Städten, z.B. Rosenheim, geschah. Georg Schuhmann ist jetzt als Volksratsvorsitzender quasi Bürgermeister und der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung.

Vieles wird jetzt demokratisch geregelt. So wird beim Rosenheimer Forstamt angeregt, die Staatsfilze nicht mehr an Großpächter, sondern in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung zu verpachten. Auch werden leerstehende Wohnungen beschlagnahmt, um die Wohnungsnot zu bekämpfen. Einer von Ausweisung nach Böhmen bedrohten Frau wird geholfen, sie darf bleiben. Die Kriegsinvaliden werden finanziell unterstützt und Maßnahmen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen ergriffen.

Währenddessen hat überall im Deutschen Reich die Gegenrevolution mobilisiert. Der Palmsonntagsputsch vom 13.4.1919 konnte in München und Rosenheim von der Roten Armee bzw. Roten Garde noch zurückgeschlagen worden. In München kommt es daraufhin zur Ausrufung der Kommunistischen Räterepublik. Aber jetzt erbittet der bayerische Ministerpräsident Hoffmann (SPD) die Hilfe der Reichsregierung, die den Reichswehrminister Gustav Noske beauftragt, die Räterepublik München niederzuschlagen. 35.000 Reichswehrsoldaten setzen sich gemeinsam mit diversen Freikorps (den „Weißen“) in Bewegung. Ihnen stehen in München 10.000 – 12.000 Mitglieder der Roten Armee gegenüber. Nach anfänglichen Erfolgen der Roten Armee wird München am 1./2. Mai eingenommen, und eine Woche lang wird ein ungeheures Gemetzel angerichtet mit vielen hundert Toten. Angesichts dieser Situation kapituliert Rosenheim.

Wenige Tage vorher, am 30.4.1919, hatte es in Kolbermoor noch einmal eine Wahl eines 3. Volksrates gegeben. Ein „Revolutionärer Arbeiterrat“ war gewählt worden. In ihm sind wie seit dem 13.4.1919 in München nur noch Kommunisten vertreten. 1. Vorsitzender wird wieder Georg Schuhmann.

Die letzte rote Bastion in ganz Bayern ist jetzt Kolbermoor. Die Stadt wird zur Festung ausgebaut. Drei Verteidigungsgruppen bilden sich, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Man will all das Aufgebaute nicht kampflos preisgeben. Aber gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon (je nach Zusammensetzung 300 – 1200 Soldaten) regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Nach langen heftigen Diskussionen folgt man den Argumenten des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann, ein großes Blutbad zu vermeiden und kapituliert.

Vor dem Kolbermoorer Bahnhof wurden die Unterstützer der Roten verprügelt und im Bahnhofswartesaal richteten die Sieger ein Standgericht ein. Die roten Verteidiger der Stadt Kolbermoor wurden verhaftet und ins Zuchthaus Straubing abtransportiert.

Am kommenden Tag, Sonntag, den 4. Mai 1919, ziehen Grafinger Weißgardisten morgens um neun Uhr Georg Schuhmann und seinen erst 18-jährigen Sekretär Alois Lahn aus ihren Häusern, misshandeln sie schwer, schleifen sie zur Tonwerksunterführung und ermorden sie. „Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung“, wie es im Sterberegister heißt. Bei der Beerdigung befürchtete man Ausschreitungen und positionierte Maschinengewehre auf dem Friedhof.

Wenn die Revolution auch fehlgeschlagen war, so sammelte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor doch Erfahrungen, entwickelte Bewusstseinsinhalte, und große Teile der Arbeiterschaft wurden resistent gemacht gegenüber dem Nationalsozialismus.

1947 wurde eine Straße nach Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung“ benannt. Seit 1999 erinnert ein Denkmal bei der Tonwerksunterführung an die hinterhältige Mordtat.