Kolbermoorer Rätezeit 1918 / 1919

Interview mit Andreas Salomon

Frage: Der Kolbermoorer Volksrat war einer der ersten, die 1918 gegründet wurden und die Errungenschaften wurden dort auch am längsten gegen die Reaktion verteidigt. Woran lag es, dass es gerade im Raum Rosenheim so ein starkes widerständiges Potenzial unter den ArbeiterInnen gab?

In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 wurde durch Kurt Eisner in München die Republik ausgerufen. Diesem Beispiel folgte Kolbermoor bereits wenige Tage später. Am 11.11.1918 wurde der 1. Volksrat unter Vorsitz von Franz Sperber gegründet.

Die Vorgeschichte reicht im Prinzip bis zur Gründung Kolbermoors im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wird sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayrischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Die Arbeitszeit hingegen betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gibt es keinen kommunalen Arzt und das Durchschnittsalter für Spinnereiarbeiter beträgt bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Leonard Tauscher gelang es, im Oktober 1869 99 Mitglieder für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. 1870 wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1990 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr ließ sich der Gastwirt Franz Sperber aus München in Kolbermoor nieder, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte er mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie hatten sich um 20 % verteuert und desto mehr stiegen die Schwarzmarktpreise. Auch an Heizmaterial fehlte es.

Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

Frage: Nach dem Weltkrieg war die Situation der ArbeiterInnenklasse sehr schlecht. Wie ging der Kolbermoorer Arbeiterrat mit diesem Problem um?

Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gegründet. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder.

Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten kann abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzustellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war.

In den folgenden Wochen werden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es geht um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Am 2.1.1919 kam es zur Neuwahl. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten.

In der Sitzung vom 8. Januar wurde der zweiunddreißigjährige Georg Schuhmann zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Als Eisler am 21.2.1919 ermordet wurde, fand fünf Tage später ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie dominant bereits zu diesem Zeitpunkt die Räte waren. Schon einige Tage vorher (22.2.) war im Zuge der Ermordung Eislers der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst worden. Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte zunehmend die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun Bürgermeister von Kolbermoor und wurde zudem zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender.

Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 29.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Dessen Tätigkeit sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Einen Tag später wurde das Kolbermoorer Rätesystem durch Weißgardisten und Regierungstruppen zerstört. Schuhmann und sein Mitstreiter Alois Lahn wurden nach der friedlichen Übergabe der Stadt am 4. Mai von Weißgardisten brutal ermordet.

Frage: Als der Volksrat in Kolbermoor gegründet wurde, existierte parallel dazu die alte bürgerliche Gemeindeverwaltung. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gremien ausgesehen?

Die Beziehungen veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune. Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Dort wurden die Anträge des Volkrates eingebracht. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden.

Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt, der Antrag bezüglich des Kriegsinvaliden aber abgelehnt worden sei, da dieser eine hohe Kaution zu hinterlegen habe. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeindedieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wird erhöht.

Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers auch geschehen war. Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister.

Frage: Der Volksrat hatte ja vor allem das Ziel, die Interessen der ArbeiterInnen zu vertreten. Wie stark war der Kontakt der Vertreter im Rat zur Basis tatsächlich?

Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen.

Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss. Er kam als Soldat aus der Sanierung und zog nach Kolbermoor, weil seine Schwester bereits dort ansässig war. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ob Schuhmann politische Vorkenntnisse hatte, ist unbekannt, aber sehr wahrscheinlich. Er war 32 und dürfte schon vor dem Krieg politische Erfahrungen gesammelt haben. Kaum war er nach Kolbermoor gekommen, wurde er in den zweiten Volksrat gewählt und wurde gleich dessen Vorsitzender. Wahrscheinlich war er in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein. Als er beerdigt wurde, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Seine Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der Anzeiger „Anzeiger für Kolbermoor“: (…)Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo?…Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe in ihrer Studie „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren.

Frage: Nicht zuletzt der Begriff „Freistaat“ und der 8-Stunden-Tag gehen auf die Räterepublik zurück. Warum gibt es heute so wenig Bewusstsein darüber, was vor rund einhundert Jahren in der Region geschah?

Die Ereignisse aus der Zeit von November 1918 bis Mai 1919 wirkten durchaus lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

Die Wahlen in den Jahren danach zeigen insgesamt auf, dass die Linke in Kolbermoor nach wie vor sehr stark war, aber die bürgerlichen Kräfte zunehmend an Einfluss gewannen. Die Gemeindewahlen im Juni 1919 brachten der USP immerhin sieben von 19 Sitzen, aber die Bürgerliche Gemeinschaft erhielt 9 Sitze. Viele Kolbermoorer werden an ihrer Niederlage schwer zu beißen gehabt haben.

Bei der Reichstagswahl 1920 lag die USP mit 927 Stimmen weit vorne, gefolgt von der Bayerischen Volkspartei mit 577 Stimmen und der MSP mit 247. Die Kommunistische Partei kam nur auf 42 Stimmen. Bei der Landtagswahl 1920 sah es nicht anders aus. Wieder führte die USP mit 930 Stimmen. Bei der Landtagswahl tauchte die USP nicht mehr auf. Die Stimmen ihrer Anhänger flossen nun der Kommunistischen Partei zu, die es auf 408 Stimmen brachte. Gewinner waren die BVP, gefolgt von der SPD.

Am 19. Juni 1920 hielt Adolf Hitler in Kolbermoor seine erste Rede. Auch die Kommunistische Partei begann in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen, hatte aber bis 1927 nur etwa 20 Mitglieder, wuchs aber stetig, und auch die Rote-Hilfe-Gruppe wuchs und hatte 1932 schon 81 Mitglieder. Sehr rührig für die KPD war Ewald Thunig, der 1924 wegen Ausbaus der Organisation der KPD in seiner Funktion als illegaler Leiter des Bezirks Südbayern der KPD verhaftet wurde.

In der Zeit des Nationalsozialismus zeigten dich die Kolbermoorer ganz besonders widerständig, wie in der „Chronik des Widerstandes in Kolbermoor 1931 – 1945“ nachzulesen ist, die im Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.1 veröffentlicht wurde Schon aus den Berichten des Bezirksamtes, die monatlich an das Regierungspräsidium nach München geschickt werden mussten geht deutlich hervor, wie viele Kolbermoorer dachten. Mal wurde ein kommunistisches Lied auf offener Straße gesungen, mal wurden Hausdurchsuchungen für erforderlich gehalten. Systemkritische Äußerungen kamen zur Anzeige und immer wieder kam es zu Prozessen und Inhaftierungen. Hermann Adam hatte Spanienflüchtlinge aufgenommen und Alois Gritl von der „Hitlerbande“ gesprochen usw.. Immer wieder kam es auch zur Einlieferung in das KZ Dachau. Edda Kühne liefert in ihrem Bericht über 80 Beispiele, wie die Nazis versuchten die Kommunisten und sonstige kritische Menschen kleinzuhalten.

Zurzeit forsche ich gerade über den Italiener Fortunato Zanobini, der als politischer Häftling nach Dachau eingeliefert wurde und von dort weiter nach Buchenwald kam, wo sich seine Spur verliert.

Nach dem Krieg wurde die KPD in Deutschland verboten (1956) und die Kommunisten und deren Anhänger gnadenlos verfolgt. Während die in Kolbermoor auch weit verbreitete Naziideologie sich in den Köpfen der Menschen weiter halten konnte (wie überall in Deutschland), wurde versucht, den Geist der Fortschrittlichkeit auszulöschen.

Die Geschichtsschreibung ist meist eine aus der Sicht der Sieger und so wurde die Erinnerung an die Räterepublik nicht wach gehalten und in späteren Jahren, vor allem durch Horst Rivier mit seinen „Kolbermoorer Chroniken“ verdreht und drastisch verfälscht. Dass Kolbermoor keine weiterführenden Schulen hat und die Gewerkschaften wenig Aktivitäten zeigten, mag auch eine Ursache sein, dass die Erinnerung an die Zeit der Räte verblasste und schließlich in Vergessenheit geriet.

Erst Ende der 80er Jahre wurden die roten Kolbermoorer Jahre von fortschrittlichen Kräften rund um Klaus Weber wiederentdeckt, und eine erste Gedenktafel wurde errichtet. Die Stadt nahm offiziell davon keine Kenntnis, während ehemalige NSDAP-Mitglieder durch Straßenbenennungen geehrt worden waren.

Seit meinen Forschungen vor 20 Jahren, meinen ständigen Stadtrundgängen auf den Spuren der Räte und schließlich durch mein Buch „Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“ ist das Interesse ständig gewachsen.

Frage: Warum war die Mangfall wichtig für die Baumwollspinnerei?

    Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts entwickelten Augsburger Unternehmer den Plan, die Wasserkraft der Mangfall als „billige Betriebskraft“, also als Energiequelle für die Anlage einer Baumwollspinnerei zu nutzen. In einem technischen Gutachten vom 28.11.1860 wurde festgestellt, dass die Wassermasse ausreichen würde, um 127.518 Spindeln in Bewegung zu setzen. Hinzu kam, dass die Mangfall nur sehr selten Eis führt. Der Augsburger Oberingenieur Theodor Haßler, der schon am Bau verschiedener Spinnereien beteiligt war, sah in Kolbermoor nicht nur wegen der Mangfall einen geeigneten Standort, sondern auch weil verschiedene Industrielle dort bereits genügend Torfgrundstücke besaßen und auch die geographische Lage in Bezug auf Österreich und Süddeutschland als günstig betrachtet wurde. 1857 war bereits die Eisenbahnlinie München-Holzkirchen-Rosenheim gebaut worden, was zur industriellen Erschließung der Region erheblich beitrug.

    Wieso konnten Fabrikbesitzer das Lohnniveau besser drücken als anderswo?

      Dazu gibt Franz Sperber in einem Artikel in der „Münchner Post“ 1892 Auskunft. Er weist auf die große Abhängigkeit des Industriearbeiters vom Arbeitgeber hin. In isolierten Fabrikorten gibt es nur ganz wenige Arbeitgeber, bei denen Arbeit zu finden ist und „darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth. Denn wohin gehen, wenn gekündigt wird?“ Sperber verweist auch noch auf die Ortgebundenheit durch kleine eigene Anwesen und viele Kinder, die einen Fortzug schwierig gestalten Zudem herrsche ein sehr rigides Element: „Wem es nicht recht ist, der kann gehen.“ Und: „Die freie Meinungsäußerung schrumpft auf ein Atom zusammen.“ Hinzu kam noch, dass die arbeitende Frau als Lohndrückerin eingesetzt wurde und in der Baumwollspinnerei arbeiteten sehr viele Frauen. Viele Arbeiter kamen auch aus der noch schlechter bezahlenden Landwirtschaft.

      Ein erster Streik – soweit bekannt ist – fand 1899 beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei statt. Maurer einer Rosenheimer Baufirma verlangten höhere Löhne, konnten sich aber nicht durchsetzen. Zur großen Erbitterung der Kolbermoorer Arbeiterschaft wurden 80 Streikbrecher aus Augsburg eingesetzt.

      Kannst du kurz erklären, wer Leonhard Tauscher war?

        Der Schriftsetzer Leonhard Tauscher gehörte in Augsburg zur Spitze der dortigen Gruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Tauscher und zwei weiteren Schriftsetzern gelang es, dass der Verein sich auf weitere bayerische Städte wie Ansbach, Würzburg, Schweinfurt, Hof, Kaufbeuren und Kolbermoor sowie andere Städte ausdehnt.

        Und hast du noch mehr Infos über Franz Sperber?

          Der aus München stammende Gastwirt Franz Sperber ließ sich 1890 in Kolbermoor nieder. Die ersten sozialdemokratischen Regungen am Ort in den 90er Jahren sind eng mit seiner Person verbunden. Sperber zog nach Kolbermoor, weil die sozialdemokratische Bewegung die Arbeit auf dem Lande voranbringen wollte, deren Notwendigkeit immer wieder auf Parteitagen geäußert worden war. Seine Kontakte zu Münchner Parteikreisen gehen aus seiner Funktion als Delegierter bei Parteitagen der bayerischen Sozialdemokratischen Partei hervor und sind ersichtlich aus Beiträgen, die aus seiner Feder stammen und gelegentlich in der „Münchner Post“ abgedruckt wurden.

          Die Vertrauensleute der Sozialdemokratischen Partei waren in den allermeisten Fällen in Berufen tätig, die Abhängigkeiten von Arbeitgebern weitestmöglich vermieden.

          Sperber wurde 1892 als Delegierter Kolbermoors zum Parteitag in Regensburg entsandt. In einem Zeitungsbeitrag von ihm heißt es: „… wir werden…wissen, was wir zu thun haben: wir fühlen es als unsere Pflicht, zu agitieren um besseres Brodt, um die Befreiung des Proletariats.“

          Nicht nur die Gründung der Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei in Kolbermoor 1898 geht auf Franz Sperber zurück, sondern bereits die des „Arbeiter-Lesevereins“ 1892. Dies war der überhaupt erste sozialdemokratisch orientierte Verein vor Ort. Der Verein hatte bei seiner Gründung 27 Mitglieder und steigerte seine Zahl im selben Jahr noch auf 78. Im Jahr 1900 gründete die Sozialdemokratische Partei dann eine Arbeiterbibliothek. 1909 folgte ein „Jugendlicher Arbeiterbildungs-Verein“. Sozialdemokratisch geprägt waren auch der 1896 gegründete Arbeiter-Radfahrverein, der 1904 gegründete Arbeitergesangsverein „Arion“ und ein 1912 gegründeter Arbeiter-Turnverein.

          Warum war das Aiblinger Bezirksamt für Kolbermoor zuständig?

            Im Jahre 1862 bildeten die Landgerichte Rosenheim, Prien und Aibling das Bezirksamt Rosenheim als Verwaltungsbehörde unter einem Königlichen Bezirksamtmann. Am 1. Januar 1900 wurde für den Raum Bad Aibling ein eigenes Bezirksamt errichtet. Dafür gab das Bezirksamt Rosenheim 22 Gemeinden ab, darunter Kolbermoor. Am 1. Januar 1939 wurde wie überall im Deutschen Reich die Bezeichnung Landkreis eingeführt. Es entstanden die Landkreise Bad Aibling, Rosenheim und Wasserburg. Bei der Gebietsreform 1972 kam ein Großteil des Landkreises Bad Aibling zum Landkreis Rosenheim.

            Du schreibst von einer sozialdemokratischen Versammlung am 11. November 1918. Der Volksrat, der aus dieser Versammlung hervorging, war der erste in Kolbermoor oder gab es davor schon ähnliche Bestrebungen?

              Ähnliche Bestrebungen gab es vorher nicht und konnte es nicht geben. Denn die Kolbermoorer Rätezeit ist nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbettet, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten.

              Am 19.10.1918 meuterten die Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand bereitete sich wie ein Lauffeuer aus. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz zum besitzenden Adel und dem Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnahmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratisch Bayerische Republik proklamiert. Vier Tage später kam es dann in Kolbermoor zur großen Versammlung, auf der der erste Kolbermoorer Volksrat gegründet wurde.

              In welchen Orten waren denn die russischen Kriegsgefangenen, von denen du schreibst, interniert?

                Ganz offensichtlich gab es in Kolbermoor ein Gefangenenlager. Wo dies war, ist nirgends beschrieben. Im Protokollbuch der Räte heißt es bezüglich der 2. Sitzung vom 13. November 1918 unter Punkt 4: „Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist z.Zt die vordringlichste Aufgabe aller damit befaßten öffentlichen Stellen. Deshalb beleuchtet der 1. Vorsitzende die schlimmen Zustände im hiesigen Gefangenenlager: Die Franzosen bekämen aus ihrer Heimat so ausgiebig Lebensmittel gesandt, daß sie auf die Gefangenenkost größtenteils verzichteten, die der Russen sei ungewöhnlich schlecht und doch verschlinge sie gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln, die unserer Bevölkerung entzogen würden; dabei sei die Arbeitsleistung der Gefangenen aus naheliegenden Gründen gleich Null. Er stellte deshalb den Antrag, der Volks und Soldatenrat Aibling möge die geeigneten Schritte tun, daß der Abtransport der Gefangenen, die sehr leicht eine große Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden könnten, möglichst bald erfolge, Der Antrag wird einstimmig angenommen.“

                Der Volksrat kritisierte ja auch, dass Kinofilme zur Verrohung der Jugend beitrugen. Weißt du warum?

                  Der 2. Kolbermoorer Volksrat nahm sich dieses Themas auf seiner 2. Sitzung vom 10. Januar 1919 an. Der Punkt der Tagesordnung heißt: „5. Vorschläge zu besserer Jugenderziehung“. Die zugenommene Verrohung der Jugend wird in direktem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen diskutiert. Dort heißt es, es sei notwendig „…die Lehrerschaft in der Bekämpfung der während des Krieges arg überhand genommenen Verrohung der schulpflichtigen Jugend zu unterstützen.“ Volksrat Bauer forderte, die Besitzer der Lichtspieltheater sollten nur dann eine Erlaubnis zu Aufführungen erhalten, wenn sie „der gesamten schulpflichtigen Jugend den Eintritt verweigern“. Der Antrag wurde angenommen. Man darf davon ausgehen, dass in den Kinos, der Zeit entsprechend, nur Filme gezeigt wurden, die das Kriegsgeschehen thematisierten. Zudem sei ergänzt, dass die Schulpflicht lediglich acht Jahre betrug, die Kinder also mit ca. 14 in den Beruf gingen.

                  Was können wir heute von der Rätebewegung lernen und wie stehen heute die Chancen für einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte?

                    1. Zunächst lernen wir, dass auch in kleineren Städten große Arbeiterbewegungen möglich sind, was früher bestritten wurde. Christa Landgrebe weist darauf hin, dass sich am Beispiel Kolbermoors zeige, dass die Ausprägung einer Arbeiterbewegung in einem ländlichen Gebiet sogar intensiver und radikaler sein könne als in städtischer Umgebung.

                    Und in der Tat können wir ja deutlich sehen, wie sich der Kolbermoor Volksrat immer mehr radikalisierte. Die bürgerlichen Mitglieder wurden im Volksrat von Wahl zu Wahl immer weniger und zum Schluss bestand der „Revolutionäre Arbeiterrat“ nur noch aus Kommunisten. Im Protokollbuch der Räte heißt es für die Sitzung vom 29.4.1919: „In einer Arbeitergemeinde“ sei ein „von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat unmöglich“ und weiter unten: „Schuhmann erklärt, nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

                    2. Diese Entwicklung wurde dadurch begünstigt, dass in Kolbermoor die Bindung an die Sozialdemokratie ganz offenbar nicht so stark war wie in größeren Städten wie z.B. Nürnberg, sodass laut Landgrebe dort die radikaleren Wendungen des Volksrats nicht mit vollzogen wurden. In Kolbermoor sei es der Arbeiterbewegung hingegen gelungen, sich aus der parteipolitischen Gebundenheit zu lösen und eigene neue Formen der Organisation zu schaffen. Wie gefährlich für die bürgerliche Herrschaft die Räterepublik geworden wäre, sieht man daran, mit welcher brutalen Gewalt – wenn auch nicht in Kolbermoor – die Rätebewegung niedergeschlagen wurde. Hätte Schuhmann seine Mitstreiter nicht davon überzeugen können, dass gewaltsamer Widerstand gegenüber einer gewaltigen Übermacht sinnlos gewesen wäre, hätte es sicher auch hier ein Blutbad gegeben. So blieb es bei der Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn und viele Gefängnisstrafen für Kämpfer der Räterepublik sowie Verprügelungen vor dem Kolbermoorer Bahnhof.

                    3 Zu lernen ist auch, dass die Arbeiterbewegung in Kolbermoor während der Rätezeit viele Erfahrungen sammelte und Bewusstseinsinhalte entwickelt, was sich später in ihrer besonderen Widerständigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus zeigte.

                    4. Lernen kann man zudem, dass für grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, und zwar möglichst in dem gesamten Bereich, in dem die Veränderung stattfinden soll. Große Teile der Bevölkerung müssen am eigenen Leib eine erhebliche Unzufriedenheit erleben. Im Fall der Räterepublik war es das Grauen des 1. Weltkrieges mit all seinen Folgen und damit verbunden der Verlust jeglichen Vertrauens in den Kaiser. Das Bewusstsein muss reifen, man dürfe nicht mehr auf andere vertrauen, sondern müsse seine Sache selber in die Hand nehmen. Ob da in Zukunft noch Parteien eine Rolle spielen werden, sei dahingestellt. Es geht sicher auch ohne. Aber gut vorbereitet muss natürlich jeder Umsturz sein und die Organisation muss auch perfekt sein und man sollte auch klare Vorstellungen haben, wie es danach weiter geht.

                    5. Und wichtig ist natürlich der Zusammenhalt. Wenn die linken Kräfte zersplittert sind oder sich zerkriegen, wird man keinen Erfolg haben. Die Spaltung der Sozialdemokratie an der Frage der Billigung der Kriegskredite führte zweifellos zu einer starken Schwächung und die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), zu der Eisler und Schuhmann gehörten, war noch wenig verankert, genauso wie die erst am 1.1.1919 gegründete KPD (Kommunistische Partei Deutschlands).

                    6. Der Kolbermoorer Räterepublik kam sicher zugute, dass Schuhmann sowohl im Bezirk als auch landesweit besten Kontakte hatte. So orientierte man sich bei allen Schritten an München. Zudem dürfte Schuhmann über erhebliche politische Erfahrungen verfügt haben, was wir aber nicht wissen, sondern nur aus seinem Agieren vermuten dürfen. Also ohne gute politische Kenntnisse, ohne intensive Vernetzung und ohne mutige Streiter, die sich nach vorn wagen, wird man wenig ausrichten.

                    7. Das Scheitern der Novemberrevolution hat vielfältige Ursachen, die an anderer Stelle zu erörtern sind. Viel haben sie mit der Angst der Sozialdemokratie zu tun, es könne in Deutschland ein ähnliches System wie in der Sowjetunion (Oktoberrevolution 1917) errichtet werden. Deshalb ging die SPD-Führung unter Friedrich Ebert auch ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung ein und ließ den Spartakusaufstand mit Hilfe der rechten Freicorps niederschlagen. Zu lernen ist also, dass man die gegenwärtige Lage stets aufs Genaueste analysieren muss und die Kräfte des Gegners nicht unterschätzen darf.

                    8. Der zweite Teil der Frage zielt darauf ab, wie heute die Chancen auf einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte stünden. Das ist schwer einzuschätzen. Sicher ist aber, dass das kapitalistische System seit der gescheiterten Novemberrevolution vor 100 Jahren noch nie so sehr in Frage gestellt worden ist wie momentan. Es steht außer Frage, dass weltweit wirtschaftliche und soziale Unruhen ständig zunehmen und jeder weiß, dass uns eine gigantische Klimakatastrophe droht. Noch vermögen die verantwortlichen Politiker der Bevölkerung gegenüber den Eindruck zu vermitteln, mittels entsprechender Reformen sei alles in den Griff zu kriegen. Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln. Wie dann eine gesellschaftliche Veränderung erfolgen wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Linke in Deutschland ist aber sicher gut beraten, wenn sie sich enger zusammenschließt und demokratische Strukturen wie das Rätesystem lebendig hält.


                    Quellen für das Wissen zur Kolbermoorer Rätezeit:

                    Denkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Baumwollspinnerei Kolbermoor, Kolbermoor 1912

                    Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980 (vergriffen)

                    Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn. Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

                    Jahrbücher zur Geschichte Kolbermoors Bd.1 und Bd.2, Geschichtswerkstatt Kolbermoor, 2002 und 2004

                    Weber, Klaus, Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, Kolbermoor 2007

                    Zum 100. Tag der Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn

                    Rede von Andreas Salomon am 4. Mai 2019 im Kolbermoorer Rathaus

                    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, sehr verehrte Damen und Herren des Stadtrates, meine sehr verehrten Damen und Herren,

                    Frühmorgens am 4. Mai 1919

                    der 4. Mai vor 100 Jahren war ein Sonntag und viele Kolbermoorer schliefen morgens um 9 Uhr noch, wie es auch Georg Schuhmann und Alois Lahn taten.

                    Am Tag zuvor hatte Kolbermoor nach langen, kontroversen Diskussionen im Mareissaal sich der großen Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps unter Führung des Oberst Mieg ergeben müssen. Viele werden in der Nacht darauf einen sehr schlechten Schlaf gehabt haben, viele hatten sicherlich Alpträume und nicht wenige werden vor Schmerzen kaum geschlafen haben, so waren sie vor dem Kolbermoor Bahnhof durchgeprügelt worden.

                    Die Belagerung Kolbermoors

                    Was war geschehen?

                    Bereits am 2. Mai war Kolbermoor völlig von Regierungstruppen und Freikorps eingekreist, aber dennoch wurden Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung getroffen. Dazu bildeten sich drei Züge am Rathausplatz: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr.

                    Dann kam der 3. Mai. Die Einwohner der Stadt versammelten sich und berieten über die weitere Vorgehensweise. Es kam zu erregten Auseinandersetzungen. Der Volksrat tagte in Permanenz im Mareissaal und debattierte die Frage einer möglichen Verteidigung.

                    Volksräte in Kolbermoor

                    Seit sechs Monaten gab es in Kolbermoor einen Volksrat, dem es aufgrund seiner volksnahen, demokratischen Politik gelungen war, die Bewohner davon zu überzeugen, dass man mit dieser basisorientierten Vorgehensweise einen Weg für die breite Masse der Bevölkerung gefunden hatte, wie es nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges und dem Niedergang der Monarchie wieder aufwärts gehen konnte. Die Volksratsvorsitzenden Franz Sperber (1. Volksrat) und Georg Schuhmann (2. und 3. Volksrat) hatten mit ihren Mitstreitern die Ärmel hochgekrempelt und einen Neuanfang gewagt und dabei in kurzer Zeit Bemerkenswertes geleistet.

                    Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich im Kolbermoorer Stadtarchiv das Beschlussbuch der Räte entdeckt. Und das ist eine außerordentliche Rarität. Denn in diesem sind minutiös sämtliche Sitzungen der drei aufeinander folgenden Räte handschriftlich protokolliert, womit sichtbar gemacht werden kann, was die Volksräte tatsächlich ganz konkret gemacht haben. Dieses Beschlussbuch, wie es von anderen bayerischen Städten nicht erhalten geblieben ist, stellt geradezu den Schlüssel zur Kolbermoorer Rätezeit dar

                    Für den 11. November 1918, so lesen wir dort, hatte die Ortsgruppe der Kolbermoorer SPD, die 1898, also bereits 20 Jahre zuvor, gegründet worden war, zu einer großen Volksversammlung in den Mareissaal eingeladen, auf der der erste 25-köpfige Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde.

                    Der 1. Weltkrieg als Auslöser der Revolution

                    Was hatte es nun mit den Räten auf sich, aus welcher Situation heraus sind sie entstanden?

                    Die Folgen des verlorenen 1. Weltkrieges waren verheerend, auch für Kolbermoor. 730 Männer waren eingezogen wurden, 153 ließen ihr Leben und rissen schmerzliche Lücken in ihre Familien. Wie überall war die Situation in Kolbermoor stark von den Auswirkungen des Krieges geprägt. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei war ein Reservelazarett eingerichtet worden. Ein Hilfsverein zur Unterstützung der Verwundeten und für Angehörige für im Feld stehende Personen war gegründet worden, und in einem Schulraum gab es eine Volksküche.

                    Während die Soldaten das Grauen eines bis dahin unvorstellbaren Krieges erleben mussten, kam es daheim zu Versor- gungsschwierigkeiten aller Art.

                    Industrie und Landwirtschaft lagen zunehmend darnieder. Die Lebenshaltungskosten stiegen im Krieg dramatisch. Schon im ersten Kriegsjahr erlebten die Kolbermoorer eine Teuerung von 20 Prozent, bei Lebensmitteln sogar um 31 Prozent. 1915 wurde das Brot knapp. Fleisch und Butter gab es bald nur noch auf Karten. Selbst Kartoffeln, die Haupternährungsgrundlage, mussten rationiert werden. Missernten erschwerten die Lage zusätzlich. Der Schwarzmarkt blühte, die Reichen konnten sich noch genügend Nahrungsmittel besorgen, die Armen begannen zu hungern. Aus dem Jahr 1917 ist uns der Hunger- und Protestmarsch einer Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen bekannt, die nach Aibling zum dortigen Bezirksamt gingen, um höhere Zuweisungen für Mehl zu erbitten. Noch heute, nach 100 Jahren haben die Kolbermoorer nicht vergessen, dass die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes zum Fenster herausgerufen habe, wenn die Kolbermoorer kein Mehl hätten, so sollten sie eben Gras fressen.

                    Aber es mangelte nicht nur an Lebensmitteln, auch Heizmaterial wurde knapp und es fehlten Wohnungen. Und zudem gab es auch nicht ausreichend Arbeitsplätze. In der Spinnerei, in der vor dem Krieg 900 Menschen tätig waren, waren es jetzt aufgrund von Rohstoffmangel nur noch 140 und im Tonwerk waren es statt ursprünglich 450 nur noch 13. Kohlemangel hatte dort in den letzten beiden Kriegsjahren zur Stilllegung geführt.

                    Und außerdem machten Lager russischer und französischer Kriegsgefangener die Lage auch nicht einfacher.

                    Zwischen Rosenheim und Kolbermoor entstand zu der Zeit die „Sanierung“, ein Lager aus rund 100 Baracken. Hier wurden jeden Tag tausende von Soldaten entlaust und neu eingekleidet, um von einer Front an die andere verlegt zu werden. Hier trafen sich viele Soldaten, die die mörderischen Schlachten miterlebt hatten und tauschten ihre Erfahrungen aus. Es liegt auf der Hand, dass es hier bald brodelte und überlegt wurde, wie es weiter gehen sollte. Einer dieser Soldaten, der sich in der „Sanierung“ befand, war Georg Schuhmann.

                    Der Beginn der Revolution

                    Dann kam im Oktober 1918 der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven. Noch einmal sollte des Kaisers liebstes Kind, die Kriegsflotte, auslaufen gegen England, obgleich die Soldaten überall im Land wussten, dass der Krieg längst verloren war. Die Matrosen wollten ihr Leben nicht mehr bei einem sinnlosen Einsatz verlieren, entwaffneten ihre Vorgesetzen und hissten die rote Flagge. Als die verhafteten Matrosen nach Kiel gebracht wurden, wie auch ein Großteil der gesamten Flotte, kam es zum Aufstand, der sich wie ein Lauffeuer zunächst in den Hafenstädten und dann im Landesinneren verbreitete. Die Novemberrevolution in Deutschland hatte begonnen.

                    Schon wenige Tage später, am 7. November, kam es in München auf der Theresienwiese zu einer Kundgebung mit ca. 60.000 Teilnehmern. 12 Redner sprachen gleichzeitig. Kurt Eisner zog anschließend mit seinen Anhängern zu den Kasernen, wo die Soldaten begeistert zu ihm überliefen. Die bayerische Monarchie war gestürzt und der Freistaat Bayern wurde ausgerufen. Kurt Eisner wurde zum 1. Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und die neue Demokratie gefeiert. Zahlreiche Neuerungen wurden in den kommenden Tagen verabschiedet wie die Einführung des Frauenwahlrechtes, der 8-Stunden –Tag, die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen und Unzähliges mehr.

                    Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates

                    Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates vier Tage später ist auf diesem Hintergrund zu sehen.

                    Die 25 Mitglieder kamen aus allen Volksschichten und darunter waren auch der Bürgermeister Edmund Bergmann sowie die Kommerzienräte Jordan und Koppisch von Spinnerei und Tonwerk. Zum 1. Vorsitzender wurde noch am gleichen Tag, dem 11. November 1918, der Gastwirt Franz Sperber gewählt. Franz Sperber war bereits 1890 von der SPD aus München nach Kolbermoor geschickt worden, um als Agitator auf die aufkommende Arbeiterbewegung einzuwirken.

                    Außer der SPD-Ortsgruppe hatte die Partei 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gegründet, 1896 einen „Arbeiter-Radfahrverein“, 1904 den „Arbeiter-Gesangsverein Arion“ und 1912 einen „Arbeiter-Turnverein“.

                    Franz Sperbers Wahl zum 1. Vorsitzenden entsprang also seiner großen Bedeutung für die Kolbermoor SPD und für die Arbeiterschaft.

                    Georg Schuhmann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Kolbermoor, aber schon sehr bald darauf. Bereits vier Tage später, am 15. November 1918, zog er aus der „Sanierung“ zu seiner zehn Jahre älteren Schwester Maria in die Kolbermoorer Karlstraße 2. Georg Schuhmann war am 28. März 1886 in Bamberg geboren worden, war also 33 Jahre alt und als Beruf lesen wir auf der Meldekarte Spengler und Installateur. Sein Vater war Brauereibesitzer in Bamberg.

                    Während also Schuhmann die Entwicklung in Kolbermoor zunächst noch gewissermaßen von außen betrachtete, zögerte der Volksrat nicht lange und nahm bereits zwei Tage später seine Arbeit auf.

                    Die Arbeit des 1. Volksrates

                    Den Vertretern der Ortsbehörden (Lokalschulkommission, Bahnverwaltung, Gendarmerie) wurde das Handgelübde abgenommen, „dem Volksrat unter Wahrung ihrer Gesinnung und Überzeugung freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.“

                    Der Volksrat, so Franz Sperber, habe die Aufgabe, „die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Mißstände abzustellen, wo immer er sie finde.“ Der Volksrat war also zunächst in Kolbermoor kein Exekutivorgan, sondern hatte nur beratende Funktion, indem er die Wünsche und die Kritik der Bevölkerung an die Gemeindeverwaltung weitergab.

                    Bevor von den Aktivitäten Schuhmanns die Rede sein wird, muss kurz die Arbeit des 1. Volksrates unter Franz Sperber beleuchtet werden.

                    Liest man jetzt die Protokolle, dann erlebt man mit, welche Aufbruchstimmung durch die Wahl des Volksrates ausgelöst worden war. Dieser konnte sich schon bald vor den zahlreichen Eingaben der Arbeiterschaft kaum retten. Nur einige Aspekte davon seien hier angesprochen: ein einziger Arzt in Kolbermoor reiche nicht aus, die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniere nicht, den Landwirten mangele es an Futtermitteln, bei Conradty sei ein Arbeiter rausgeschmissen worden, der eine Lohnerhöhung gefordert habe, usw.

                    Da immer wieder die Lebensmittelknappheit genannt wurde, gründete man einen Lebensmittelausschuss und richtete ein zehnköpfiges Wachkommando ein. Als bereits zwei Wochen später der Lebensmittelausschuss dem Volksrat erstmals Bericht erstattete, wurde deutlich, dass nicht nur die Qualität vieler Lebensmittel schlecht war, sondern dass diese auch ungerecht verteilt wurden und oft überteuert waren. Man kann sagen, dass dieser Ausschuss zum wichtigsten überhaupt wurde. Bei jeder Sitzung wird über die gerechte und ausreichende Verteilung von Lebensmitteln diskutiert. So sei die Eierverteilung schlecht organisiert, es bildeten sich lange Schlangen und es gäbe zu wenig Obst, die Gemeinde habe versagt, genügend davon einzukaufen.

                    Vom Volksrat gewählte Vertreter für den Gemeindeausschuss meldeten die Mängel weiter und dies mit Erfolg. Auch in anderen Bereichen ging es voran. Notstandsarbeiten wurden angeregt und Sperber engagiert sich für die Beschäftigung aller arbeitslosen Personen. Bei dem Wunsch nach Aufhebung des 8. Schuljahres, damit die Kinder früher mitarbeiten könnten, zeigte sich der Volksrat aber unwillig. Bildung sei sehr wichtig und die Volksschule solle eher weiter ausgebaut werden.

                    Der 2. Kolbermoorer Volksrat

                    Kommen wir jetzt nach dieser gerafften Vorstellung der Arbeit des 1. Volksrates zum 2. Kolbermoorer Volksrat. Am 2. Januar war der 1. Volksrat zurückgetreten, da zu viel Kritik an seiner Arbeit geäußert worden sei. Der VR schlafe, habe seine Beschlüsse nicht öffentlich gemacht, sei unglücklich zusammengesetzt usw. und viel zu groß. Kolbermoor sei eine Arbeiterstadt und das müsse sich auch deutlich in der Zusammensetzung des Volksrates ausdrücken.

                    Am 8. Januar wurde wieder auf einer großen Volksversammlung im Mareis, „die ebenso stark besucht war wie die vom 11. November“, eine neuer Volksrat, der zweite gewählt, in dem nun sechs Arbeiter, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirtschaft saßen sowie sechs Beiräte. Einer der Arbeiter war Georg Schuhmann, der noch am gleichen Tag zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Franz Sperber war nicht mehr zur Wahl angetreten. Es ist davon auszugehen, dass bei der Neuwahl auch parteipolitische Auseinandersetzungen eine Rolle spielten, so sieht es zumindest Christa Landgrebe in ihrer Doktorarbeit, „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ (S.141), denn Franz Sperber gehörte der MSPD an und Georg Schuhmann war Mitglied der USPD. Es fand also in Kolbermoor früher als in anderen Orten Bayerns eine Radikalisierung statt, die woanders erst nach der Ermordung Eisners am 21. Februar einsetzte.

                    Nach den acht Wochen Amtszeit des 1. Volksrates setzte jetzt mit dem jungen Schuhmann eine deutliche Intensivierung der Arbeit ein. Der Volksrat beschloss, die Gemeinde habe das Eintreffen von Lebensmitteln sofort bekannt zu geben, für alle Lebensmittel Kundenlisten einzuführen und die Verteilung besser zu organisieren.

                    Um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegen zu wirken, solle für die schulpflichtige Jugend ein Kinoverbot erlassen werden.

                    Die Verbesserung der Straßen sei dringend erforderlich, ebenso die Inangriffnahme von Uferschutzmaßnahmen an der Mangfall sowie Arbeiten in den Kulturen der Filze. Die Beschlüsse des Volksrates werden jetzt durch Anschlag an Plakatsäulen bekannt gegeben.

                    Auf der nächsten Sitzung wird die Zurücknahme des schlechten Kaffeeersatzes gefordert und die Belieferung mit besserer Ware verlangt. Gegen den Kaufmann Karl Langer wird Anzeige wegen Schleichhandels und Wucher mit Lebensmitteln erstattet und der Antrag gestellt, dem Bäckermeister Steinseiler wegen unerlaubten Wettbewerbs und Nötigung die Erlaubnis zum Verkauf des „Landshuter Brotes“ zu entziehen. Letzterer hatte selbstgebackenes Brot als „Landshuter Brot“ ausgegeben und markenfrei über dem festgesetzten Preis verkauft.

                    Für die Gemeindearbeiter stellt der Volksrat den Antrag, den 8-Stunden-Tag einzuführen und eine Teuerungszulage zu gewähren. Und immer wieder werden die Lebensmittelläden kontrolliert, vor allem, wenn zu hohe Preise gemeldet werden.

                    Und der Volksrat hat Erfolg. Der schlechte und zu teure Kaffeeersatz wird vom Kommunalen Verband zurückgenommen und besserer und billigerer geliefert, genauso wie Mehl, mit dem genießbares Brot herzustellen ist. Und dauert die Behandlung der Anträge im Gemeindeausschuss zu lange, macht der Volksrat mit Erfolg Druck. Ständig greift Schuhmann Kritiken auf, die ihm von den Arbeitern zugetragen werden, rügt dann, dass z.B. der Verkauf von Kleidungsstücken von der Gemeinde nicht rechtzeitig bekannt gegeben worden sei, und gewinnt in Kolbermoor immer mehr an Autorität.

                    Bürostunden im Arbeitszimmer des Bürgermeisters

                    Man bekommt beim Lesen der Protokolle den Eindruck, dass der Volksrat zum wahren Motor der Gemeinde geworden ist und so überrascht es nicht, dass auf der Sitzung vom 6. Februar 1919 der Volksrat beschließt, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann ab jetzt regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abzuhalten habe. Zu Widerstand vonseiten des Bürgermeisters scheint es nicht gekommen zu sein. Ich denke, dieser Vorgang ist außerordentlich bemerkenswert, findet er doch über zwei Wochen vor der Ermordung Kurt Eisners statt, der dann im ganzen Land große Veränderungen auslösen sollte. In Kolbermoor, so kann man sagen, war man immer einen Schritt weiter und erfolgreicher.

                    Auch das geforderte Kinoverbot für Schulkinder wurde vom Gemeindeausschuss beschlossen und öffentlich plakatiert und der Volksrat gebeten, mit dem Schulpersonal entsprechend Verbindung aufzunehmen. Ebenfalls wird dem 8-Stunden-Tag für die Gemeindearbeiter zugestimmt, genauso wie einer Teuerungszulage von 200 DM. Der Lohn des Gemeindedieners Steindl wird erhöht, so wie der der Putzfrau des Gemeindehauses, Frau Reckl. Und für die Eierverteilung wird jetzt eine Kundenliste eingeführt. Auch die rechtzeitige Bekanntgabe des Eintreffens von Kohlen wird zugesichert.

                    Schuhmann arbeitet inzwischen nicht nur auf lokaler Ebene, sondern wird vom Volksrat auch als Vertreter Kolbermoors in den Bezirksrat gewählt und spricht bezüglich seiner Arbeit insgesamt „von starker Inanspruchnahme“.

                    Immer wieder muss der Volksrat bezüglich gerechter Lebensmittelverteilung eingreifen. Die Metzgerei Haag erhält eine Anzeige bei der Ortspolizei wegen Schleichhandel und Wucher, sie habe sieben Pfund Fleisch markenfrei für drei Mark das Pfund verkauft. Außerdem wird einstimmig der Antrag gestellt, die Büsten und Bilder der gestürzten Dynastien seien aus öffentlichen Räumen zu entfernen. Dass Denkmal für den König Ludwig hat man, wie man bis vor kurzem sehen konnte, stehen lassen. Erst ein starker Sturm 100 Jahre später holte den König vom Sockel.

                    Dann erschüttert der Mord an dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 das ganze Land. Der Volksrat beruft seine Mitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung für den kommenden Tag ein und lädt auch dazu den Bürgermeister Bergmann, den Sekretär Loy und den Gendarmeriewachtmeister Ellmann ein.

                    Der Rücktritt des Bürgermeisters Bergmann

                    Die Ermordung Eisners führt in vielen bayerischen Orten zu einer Verschärfung der revolutionären Situation. Bürgermeister wurden zum Rücktritt aufgefordert und auch Edmund Bergmann folgte dem Beispiel seines Rosenheimer Amtskollegen Wüst und gab sein Amt auf, nachdem ihm vorgeworfen worden war, dass eine „starke Missstimmung“ gegen ihn aufgekommen sei. Der Gemeindessekretär Loy trat ebenfalls zurück. Dem Gendarmeriewachtmeister Ellmann wurde mitgeteilt, er habe sich jetzt in Zukunft in allen Angelegenheiten an den Volksrat zu wenden.

                    Der Volksrat war damit zum entscheidenden Gremium in Kolbermoor geworden und Schuhmann als 1. Vorsitzender quasi Kolbermoors. 5. Bürgermeister. Alle Gemeindegeschäfte hatte jetzt der Volksrat durchzuführen, was ihm natürlich größtmöglichen Einfluss sicherte.

                    Wenige Tage später, am 26. Februar, wurde Kurt Eisner in München beerdigt und auch in Kolbermoor fand eine Trauerfeier statt. „Eine große Volksmenge, voraus Soldaten mit Gewehr, bildeten einen Trauerzug; die Kirchenglocken läuteten, die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Vor dem Rathaus hielten die Volksratsmitglieder Bayer und Schuhmann Trauerreden auf Eisner, die mit einem Hoch auf die Republik und Räteregierung endeten“ (Landgrebe, S.143), wie man dem Kolbermoorer Anzeiger vom 28.2.1919 entnehmen kann.

                    Der Kolbermoorer Volksrat setzte seine Tätigkeit mit unverminderter Intensität fort. Schuhmann wurde als Delegierter zur Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte am 15.3.1919 und als Delegierter zur Tagung des Bezirksbauern- und –arbeiterrates Aibling am 26.3.1919 bestimmt und wurde bei dieser Sitzung sogar zum Bezirksvorsitzenden gewählt.

                    Wer war Georg Schuhmann eigentlich?

                    Vielleicht fragen Sie sich spätestens jetzt, wie konnte dieser Georg Schuhmann innerhalb weniger Monate diese große Bedeutung erlangen?

                    Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Es darf als ausgeschlossen gelten, dass Schuhmann ein politisch unerfahrener Soldat war, der jetzt zum ersten Mal mit dieser Materie konfrontiert wurde. Er war zwar noch jung, aber immerhin 33. Er wird also nicht nur bestens informiert gewesen sein, sondern schon vor dem 1. Weltkrieg sich mit politischen Fragestellungen beschäftigt haben. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass er gewerkschaftliche Erfahrungen hatte und ein gewisses theoretisches Grundwissen.

                    Die vierjährigen Kriegserfahrungen mit all dem damit verbundenen Grauen werden in ihm den Gedanken zur Reife gebracht haben, dass die Monarchie keine Zukunft mehr hat. Bei Diskussionen in der Rosenheimer „Sanierung“, wenn nicht schon während des Krieges, wird er auf Gleichgesinnte gestoßen sein und der Beginn der Revolution und die Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates werden ihn veranlasst haben, seine bisherigen Erfahrungen in die Gestaltung eines neuen demokratischen Kolbermoors mit einzubringen.

                    Ich vermute, dass er im 1. Kolbermoorer Volksrat noch nicht saß, lag nur daran, dass er seinen Wohnsitz zur Zeit der Gründung noch nicht in Kolbermoor hatte. Dass er bei der Wahl des 2. Kolbermoorer Volksrates gleich zu dessen Vorsitzenden gewählt wurde, lässt sich nur damit erklären, dass er mit großer Sicherheit die Arbeit des 1. Volksrates mehr oder weniger von Anfang an aktiv und sehr produktiv öffentlich unterstützt hat und sich dadurch bereits einen Namen machen konnte.

                    Sollten alle diese Annahmen stimmen, muss aber dennoch hinzugefügt werden, dass sie nicht ausreichend wären für die Erfolge Schuhmanns und des Volksrates. Georg Schuhmann muss zudem ein ganz außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, der über zahlreiche Begabungen verfügte, die sich nicht antrainieren lassen. Er besaß eine große Redegabe, viel Mut, in dieser ungewissen Situation in die Öffentlichkeit zu treten, hatte ein Gespür für die notwendigen Arbeiten in dieser Zeit und verfügte über eine große Ausstrahlung. Wie sehr Schuhmann in der Bevölkerung verankert war, lässt sich aus einer Feststellung des Kolbermoorer Chronisten Otto Kalhammer erkennen, der schrieb: „Die Arbeiterschaft verhimmelte ihn.“

                    Die wesentlichen Kleinigkeiten der Arbeit des Volksrates

                    Kehren wir wieder zurück zu seiner Arbeit als Volksratsvorsitzender und jetzt quasi als Bürgermeister. Es sind die unzähligen Kleinigkeiten, die die Volksräte beschäftigen, und die doch für die Einzelnen so wichtig sind.

                    Die Putzkräfte im Schulhaus bekommen eine Lohnerhöhung. Die Pension des Gemeindedieners wird erhöht. Der Fabrikschreiner Ziegloser aus Böhmen wird in die Gemeinde offiziell aufgenommen. Kriegsinvaliden sollen sich bei der Gemeinde melden, um ihre materielle Lage prüfen zu lassen. Die 80-jährige Maria Saffert war von Ausweisung nach Böhmen bedroht. Sie wird darf bleiben, und eingebürgert wird auch der italienische Staatsangehörige Biemonte. Eine Pferdemetzgerei für Joseph Stangl wird genehmigt. Der Unterhaltungsverein „Eintracht“ darf einen Tanzkurs durchführen und der „Dramatische Klub Immergrün “ 20 Plattlerproben.

                    Jetzt gibt es für alle Lebensmittel Kundenlisten und, um die Gemeindewege in Ordnung zu bringen, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Auch der Schutz von Lehrlingen vor Ausbeutung gehört zu den Arbeitsfeldern, wozu extra drei Volksräte beauftragt werden

                    Besonders wichtig ist, dass der Volksrat Kolbermoor an das Forstamt Rosenheim herantritt, um dafür zu sorgen, dass die Staatsfilze nicht mehr zur Verpachtung an Personen gegeben wird, die diese nur „ausbeuten“, sondern „in kleinen Parzellen an die arbeitende Bevölkerung“ verpachtet wird.

                    Die 36 Kolbermoorer Kriegsinvaliden bekommen zunächst erst einmal jeder 100 DM, und der Lohn der Gemeindearbeiter wird erhöht. Leerstehende Wohnungen werden jetzt beschlagnahmt, um sie an Wohnungssuchenden zu vermitteln. Inzwischen ist auch die Schuld für die schlechte Qualität des Mehles und Brotes gefunden worden. Der Bezirksamtmann Popp hat gestanden, Getreide „ungeputzt“ zur Vermahlung gegeben zu haben.

                    Die Bevölkerung freut sich, dass Karl Huster über Pfingsten ein Karussell und eine Schießbude aufstellen darf und ein Herr Bickl für mehrere Wochen ein Marionettentheater.

                    Hatte bislang eine Schreibmaschine in der Gemeinde ausgereicht, wird nun aufgrund der vielen Arbeit eine zweite angeschafft.

                    Und um Kurt Eisner zu ehren, soll entweder eine größere Straße nach ihm benannt werden oder ein Platz.

                    Der Revolutionäre Arbeiterrrat (3. Volksrat)

                    Inzwischen hat das Rad der Geschichte in Bayern sich weiter gedreht. In München wurde am 7. April die 1. Räterepublik ausgerufen, deren Zentralratsvorsitzender Ernst Toller wurde. Bereits nach einer Woche kam es in München und auch in Rosenheim zum sogenannten Palmsonntagputsch, bei dem die Konterrevolutionäre die Räterepublik stürzen wollten. Dieser Putschversuch wurde aber erfolgreich niedergeschlagen, wobei in Rosenheim 80 bewaffnete Kolbermoorer Arbeiter halfen. In München kam es jetzt zur Gründung der 2. Räterepublik, der kommunistischen.

                    Diese ganze Entwicklung ist maßgebend für das, was am 29.4.1919 in Kolbermoor geschah. An diesem Tag trat der gesamte Kolbermoorer Volksrat zurück mit der Bemerkung, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. So wurde für den darauffolgenden Tag, den 30. 4., erneut eine Volksversammlung in den großen Mareissaal einberufen.

                    Schuhmann gab einen Rechenschaftsbericht über die bisherige Arbeit ab und erklärte, „die derzeitige Zusammensetzung des Volksrates mache seinen Vorsitz unmöglich. Ferner halte ihn die zeitraubende Kleinarbeit von großzügigerem Arbeiten ab“(Beschlussbuch, S.146). Außerdem erklärte Schuhmann, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

                    Im neu gewählten Volksrat, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte, saßen fünf Volksräte, die bereits im 2. Volksrat dabei waren, nämlich Georg Schuhmann, Franz Wagner, Anton Bayer, Bernhard Auanger, Xaver Kastl und Emil Winkelblech. Neu hinzu kamen Rudolf Link und Emil(?) Schollenbruch sowie die Beiräte Seib und Stempfel. Von den neu gewählten Mitgliedern saßen bereits im 1. Volksrat Franz Wagner, Bernhard Auanger und Xaver Kastl. Erster Vorsitzender wurde wieder Georg Schuhmann.

                    Alle waren offensichtlich der erst zu Jahresbeginn gegründeten Kommunistischen Partei beigetreten. Aber ihr Wirken sollte nur von extrem geringer Dauer sein. Im Beschlussbuch ist nur noch eine einzige Sitzung vom gleichen Tag protokolliert, in der die Aufgaben verteilt wurden. Über die weiteren Ereignisse, also das Ende der Rätezeit in Kolbermoor, gibt es vom neu gewählten Schriftführer Rudolf Link keine weiteren Eintragungen in das Beschlussbuch.

                    Kolbermoor vor der Übergabe – erregte Diskussionen

                    Wir müssen jetzt zum Anfang des Referates zurückkehren, als berichtet wurde, dass Kolbermoor bereits am 2. Mai 1919 von Regierungstruppen eingeschlossen war, der Volksrat in Permanenz im Mareissaal tagte und es zu erhitzten Diskussionen kam, wie weiter vorzugehen sei. Man wusste natürlich, dass es in München bereits zu heftigen Kämpfen der Revolutionäre mit den Einheiten der Reichswehr, den Freikorps und den Einwohnerwehren gekommen war und bereitete sich ebenfalls auf eine Verteidigung der demokratischen Errungenschaften der letzten sechs Monate vor.

                    Wie es in Kolbermoor im Mareissaal zuging, erfahren wir aus einem Schulheft in DIN-A5-Größe, in dem der junge Lehrer und Volksrat Rudolf Link, Schriftführer des „Revolutionären Arbeiterrates“, die Vorgänge versuchte festzuhalten. Dieses Schulheft wurde nach der Verhaftung von Link bei einer Hausdurchsuchung gefunden und befindet sich in Links Akte im Münchner Staatsarchiv.

                    Seinen Notizen merkt man die hohe Anspannung während der Sitzungen an. Die Schrift ist ausgesprochen flüchtig, vieles ist kaum einander zuzuordnen und bleibt nebulös. Vieles ist aber auch sehr erhellend.

                    Für den 1. Mai 1919 notiert der Schriftführer: „Dauersitzung der rev. Arbeiter- und Betriebsräte“. Der Gastwirt Wagner spricht von einer großen „Blamage Rosenheims“. Denn die Nachbarstadt will sich der Übermacht ergeben. Link hält fest: „Auf uns selbst angewiesen“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine heftige Debatte. Was tun? Was machen wir, wenn Rosenheim aufgibt? Ist dann unsere Sache auch besiegelt? Der Ruf nach Waffen wird laut und der nach der Anlage von Schützengräben. Ein Telegramm wird hereingereicht: „die Entwicklung in Rosenheim und Umgebung abwarten“.

                    Es wird um Einigkeit in den eigenen Reihen gerungen. Die Verantwortung für alles Handeln soll allein bei den Führern und Räten bleiben. Links Schrift wird immer zittriger. Randbemerkungen, Streichungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, wildes Gekritzel – die Nervosität nimmt immer mehr zu.

                    Und immer wieder wird auf Rosenheim Bezug genommen oder auf München: Stimmt es, dass die Weiße Garde in München und Mühldorf zerschlagen wurde?

                    Dann kommt wieder ein Telegramm, diesmal vom Freikorps Wasserburg. Darin heißt es: „Sofortige Übergabe von Kolbermoor. Übergabe Waffen. Übergabe der Führer. Oberst Schneider“

                    Spätestens jetzt weiß jeder, wie ernst die Lage ist. Die Ereignisse überschlagen sich.

                    Zum ersten Mal taucht die Forderung auf, dass kein nutzloses Blut vergossen werden darf. Schuhmann unterstreicht dies, fügt aber hinzu, dass die Forderungen des Volksrates gesichert sein müssten.

                    Und es wird weiter diskutiert. Die Räte wissen, dass die Bevölkerung Kolbermoors hinter ihnen steht. „Vertraut den Kolbermoorer Führern!“, ruft der Beirat Stempfel, und Anton Winkelblech nimmt diese Bekundung zum Anlass, um den Maifeiertag mit einem Bekenntnis zum Kommunismus in Erinnerung zu bringen.

                    Immer wieder ist vom bevorstehenden Kampf die Rede, der aber nur Sinn mache, wenn man auch gewinnen könne, gibt der 2. Vorsitzende des Arbeiterrates Wagner zu bedenken. Längst diskutieren nicht nur die Räte, das Forum ist erweitert. Berichte aus Rosenheim treffen ein. Die Stadt sei im Begriff zu übergeben. Wer damit nicht einverstanden sei, setze sich jetzt nach Kolbermoor ab, so auch der dortige Soldatenratsvorsitzende Kopp. Noch gibt Schuhmann sich kampfesmutig. Link notiert einzelne Äußerungen: „Mit Waffen!“, „Standhalten!“ „Sonst gefährden wir München“. „Die anderen lassen Proletarier-Blut fließen. Wir kämpfen für die Proletarier.“

                    Die Debatte zieht sich hin und langsam scheint eine Wende einzutreten, denn die Erkenntnis, dass man vor einer unlösbaren Aufgabe steht, beginnt sich immer mehr durchzusetzen.

                    Ist dies jetzt der Moment, als Schuhmann die einzige von ihm überlieferte Rede hält?

                    Schuhmanns Rede

                    „Revolutionäre Arbeiter!

                    Sämtliche Arbeiter, die anläßlich der Bewaffnung der Arbeiterschaft eine Waffe erhalten haben, müssen sich unbedingt der Arbeiterwehr Kolbermoor zur Verfügung stellen, im anderen Falle sind die Waffen abzuliefern.

                    Es muß ohne Weiteres jedem klar sein, daß es sich heute um mehr handelt als früher, heute geht es um das Dasein, und da muß jeder die kleinen Entbehrungen, die der große Kampf mit sich bringt, willig auf sich nehmen.

                    Die heutige Versammlung stellt sich nach reiflicher Überlegung auf den Standpunkt, daß das Verlangen nach bedingungsloser Übergabe nicht gerechtfertigt erscheint, ebenso die Auslieferung der Führer, die, da dieselben von den Arbeitern selbst gewählt sind, das volle Vertrauen derselben besitzen.“

                    Und er fügt gegen Ende seiner Ansprache hinzu:

                    „Wir wollen keinerlei Gewalt irgend welcher Art nach außen anwenden, verlangen aber dafür auch das Recht für uns in Anspruch zu nehmen, unsere politische Freiheit aufrechterhalten zu können. Wir erklären uns zur Abgabe von Waffen bereit, müssen aber darauf bestehen, daß erst die aufgehetzten bäuerlichen Freikorps entfernt werden“.

                    Aber noch gehen die Ansichten hin und her. Kopp berichtet von der Übergabe Rosenheims. Die Waffen hätten abgegeben werden müssen, die Rote Garde sei aufgelöst worden. Über die genaue Lage in München herrscht Unklarheit.

                    Dann werden die Aufzeichnungen unverständlich und brechen schließlich ab. Man kann noch entziffern: „sämtliche Waffen mit Munition!“ Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.

                    Die Stadt wird kampflos übergeben

                    Schließlich ringt man sich schweren Herzens zur Übergabe der Stadt durch. Es wird überliefert, dass es vor allem Georg Schuhmann gewesen sei, der die Arbeiter überzeugt habe, dass die bevorstehende Schlacht nur verloren werden könne. So gelingt es der Autorität Georg Schuhmanns und seinem großen Einfluss auf die Bewohner des Ortes, ein großes Blutvergießen zu vermeiden.

                    Im Übergabe-Verhandlungs-Protokoll vom 3. Mai heißt es:

                    „ 1. Kolbermoor ergibt sich bedingungslos an die Regierungstruppen u. Freikorps unter der Führung des Oberst Mieg. Die Feindseligkeiten werden ab 4 Uhr nachmittags eingestellt.

                    2. Sämtliche Waffen und Munition sind bis 6 Uhr nachmittags an den Ostausgang von Kolbermoor, Straße nach Rosenheim zu sammeln, wo sie von Rittmeister Hutschenreuther oder dessen Beauftragtem in Empfang genommen werden. (…)“

                    Am Kolbermoorer Bahnhof wurde ein Standgericht errichtet. Vor dem Bahnhof kam es zu wilden Prügelszenen durch die Besatzer, und die stärker belasteten 30 Rotgardisten wurden nach Straubing abtransportiert.

                    In Zusammenhang mit den Übergabeverhandlungen war vereinbart worden, dass Schuhmann sich den Regierungstruppen stellen, in Haft genommen und nach München gebracht werden sollte. Aber dazu, wie bekannt, kam es nicht mehr.

                    Überfall und Ermordung

                    Am 4. Mai 1919, dem Sonntag heute vor 100 Jahren, stürmten morgens um 8 Uhr Grafinger Weißgardisten die Wohnungen von Georg Schuhmann in der Alpenstraße 3 und Alois Lahn in der Ludwigstraße 9, zerrten diese aus ihren Betten und prügelten wild auf sie ein. Dann schleifte man sie unter weiteren Prügeln zur Tonwerksunterführung.

                    Wie es dabei im Wohnhaus von Alois Lahn genau zuging, schilderte dessen Vater im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 17.9.1919. Der 18-jährige Alois Lahn war der Sekretär Schuhmanns. Er war zudem Mitglied der Roten Garde.

                    Der Spinnereimeister Lahn berichtet:

                    „Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von 2 gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten). Ein Teil es Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen 2 Anzüge und 1 Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeseifer sogar noch das 4jähr. Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift, 80-100 Meter, am Bahnhofübergang ohne Urteil erschossen Das ist der Tatbestand (…)“

                    An der Tonwerksunterführung hatten sich inzwischen zahlreiche Soldaten versammelt. Man forderte die Erschießung der beiden. Es kam zur Abstimmung und nur ganz wenige waren dagegen. So wurden die beiden von zwei Angehörigen des Grafinger Freikorps ermordet.

                    Entsetzen breitete sich in Kolbermoor aus, und Wut und Hass entstanden. Selbst die Verhandlungsführer der Gegenseite waren tief betroffen von diesem schreienden Unrecht.

                    Später wurden sie übrigens angeklagt, und man glaubt es nicht, freigesprochen. „Es habe den Tätern das Bewußtsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt oder könne ihnen zumindest nicht nachgewiesen werden.“ (Landgrebe, S. 160) So sieht Siegerjustiz aus!

                    Die Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn.

                    Im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 7. Mai ist zu lesen: „Unter zahlreicher Beteiligung wurden heute früh die Leichen der gemordeten Genossen Schuhmann und Lahn der Erde übergeben. Drei Geistliche zeremonierten dabei und Pfarrer Geoffry sprach erhebende Worte am Grabe. (…) Es legten dann mit kurzen Ansprachen Kränze nieder Herr Lehrer Link namens der Genossen und Genossinnen, Herr Kellermann namens der Arbeiterschaft des Thonwerks und Herr Pesold namens der Arbeiterschaft der Spinnerei. Die Musik spielte und gab man Ehrensalven ab (…).“ Otto Kögl berichtet: „Ganz Kolbermoor beteiligte sich an der Beerdigung Schuhmanns und Lahns. Während der Beerdigung stand in der Nähe des Friedhofs eine Kompanie Regierungssoldaten Gewehr bei Fuß“, um aus der Beerdigung keine Massendemonstration werden zu lassen (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe, 1969, S. 128). Nicht einmal ein Trauerzug durch die Ortschaft dürfte gebildet werden. Wie erregt die Menge war, geht auch aus einem Eintrag im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor hervor, wo es heißt: „Hr. Dr. Solleder ersucht um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern“ (Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, S. 144).

                    Der Lehrer und Schriftführer im „Revolutionären Arbeiterrat“ Rudolf Link veröffentlicht einen Nachruf in der Zeitung. Ein Wort des Freiheitsdichters Freiligrath aus dem Revolutionsjahr 1948 stellt er seinen Ausführungen voran, womit er die Politik der Räte in der Tradition der Freiheitskämpfer von 48 sieht. Bei den ausgewählten Versen handelt es sich um Zeilen aus der letzten Strophe des Gedichtes „Die Todten an die Lebenden“ Link lässt also quasi die Ermordeten selber sprechen. Mit leidenschaftlichen Worten heißt es dort:

                    O, steht gerüstet! Seid bereit!

                    O, schaffet, daß die Erde,

                    darin wir liegen, strack und starr

                    Ganz eine freie werde!“

                    Dann folgen Links Ausführungen:

                    „Uns ist, als ob diese Worte des Freiheitsdichters heute an unser Ohr klängen. Wir mußten unseren Schuhmann begraben. Ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß! Alles für andere, für sich nichts! Wer rieb sich auf in der Arbeit für das schaffende Volk? Wir haben einen Genossen verloren, der gewählt war, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Wer kann ihm ein Verbrechen nachweisen? Der Minister des Inneren Segritz hat seiner Zeit die Handlungsweise unseres toten Kameraden gebilligt und trat auch für seine Weiterarbeit in unserer Gemeinde ein. Seiner Verantwortung war sich Schuhmann stets bewußt. Das beweist sein Verhalten in letzter Stunde. Furchtlos stellte er sich der tödlichen Kugel. Sein Andenken ist uns heilig!“ (Anzeiger für Kolbermoor“, 7. Mai 1919).

                    Mit den Worten Freiligraths, die er Schuhmann in den Mund legt, appelliert Link an die trauernden Kolbermoorer Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

                    Die Kolbermoorer dankten es ihm, indem sie weiterhin treu zu ihren Überzeugungen standen, was sich in den Wahlergebnissen in den Jahren danach deutlich zeigte und was auch sichtbar wurde in einer größeren Widerständigkeit gegen die spätere Diktatur der Nationalsozialisten.

                    Schon zwei Jahre nach der Besiegung der Nazis wurde Georg Schuhmann eine erste Ehre von Seiten der Gemeinde Kolbermoors zuteil. Am 7. Februar 1947 wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt. In der Erklärung des Gemeinderates heißt es: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Erwähnenswert ist dabei auch, dass die 15 Mitglieder des Marktgemeinderates vollzählig erschienen waren und dieser Beschluss einstimmig verabschiedet wurde. Es gehörten sieben Mitglieder der SPD an, sechs der CSU, und zwei der KPD.

                    Worte des Dankes

                    Meine sehr verehrte Damen und Herren,

                    ich möchte meinen Vortrag nicht beenden, ohne meiner Freude Ausdruck zu verleihen, wie intensiv die Stadt Kolbermoor das 100. Jubiläum der Rätezeit begeht. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert, ist es doch in den meisten Städten Bayerns nicht so.

                    Kolbermoor war eine Hochburg während der sechs Monate der Revolution und es war die letzte rote Bastion in Bayern. Und die Stadt verdient es, dass diese Zeit in Erinnerung bleibt.

                    In Kolbermoor stiftete die Stadt im November letzten Jahres ein neues Denkmal für Georg Schuhmann und Alois Lahn, nachdem Nazis immer wieder das alte angegriffen und schließlich vollkommen zerstört hatten. Weiterhin hält die Stadt die Erinnerung an diese Zeit durch eine ausgezeichnete Ausstellung wach. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und einem Rundgang auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn wurde der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, sich näher mit der Rätezeit auseinanderzusetzen. Und auch im Heimatmuseum hängt jetzt zum Thema ein neuer Text an der Wand.

                    In dieser Stadt ist ein historisches Bewusstsein gewachsen. Die Erinnerungskultur einer Stadt ist ein deutliches Zeichen dafür, dass gesehen wird, wo die Wurzeln liegen und wie eine Stadt sich entwickelt und entwickeln kann.

                    Ich möchte an dieser Stelle besonders Herrn Bürgermeister Peter Kloo danken sowie der dritten Bürgermeisterin Dagmar Levin und den Kolbermoorer Stadträten, weiterhin unserem Stadtmarketingmanager Christian Poitsch, dem Künstler Josef Still, dem Vorsitzenden des Heimatmuseums Stefan Reischl, den Damen und Herren des Mangfall-Boten und allen anderen, die dazu beigetragen haben, dass dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte in seiner Bedeutung jetzt einen angemessenen Stellenwert erhalten hat. Und danken möchte ich besonders dem Rosenheimer Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die mich seit Beginn meiner Forschungen bei meiner Arbeit immer tatkräftig unterstützt hat.

                    Vor 20 Jahren wurde ich von der Chefredakteurin des Rosenheimer Fernsehens Frau Sylvia Stock gefragt, nachdem wir gerade mit Begleitung eines Fernsehteams einen Rundgang durch Kolbermoor gemacht hatten, warum ich mir die ganze Arbeit antäte. Ich habe da besonders auf zwei Dinge hingewiesen.

                    Ich wollte Georg Schuhmann und Alois Lahn meinen Respekt zollen, dass sie in einer sehr schwierigen Zeit sich bedingungslos zum Wohle ihrer Gemeinde völlig uneigennützig engagierten und dabei ihr Leben einsetzten und verloren.

                    Und ich wollte weiterhin einen Beitrag dazu leisten, dass das Ansehen von Kolbermoor dadurch gefördert wird, dass man seine Vorurteile gegenüber den Roten der damaligen Zeit zurückstellen sollte und ganz nüchtern betrachten, welche verdienstvolle Arbeit damals geleistet worden ist. Ich denke, man kann stolz auf dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte sein.

                    Jetzt wollen wir zum alten Kolbermoorer Friedhof gehen und das Grab von Georg Schuhmann aufsuchen, auf dem auch eine neue Tafel zur Erinnerung an Alois Lahn angebracht wurde.

                    Ich danke für Ihr langes Zuhören.

                    Andreas Salomon

                    Kolbermoorer Rätezeit jetzt offizieller Teil der Stadtgeschichte

                    Seit gut 20 Jahren kämpft der Rosenheimer Kreisverband der GEW darum, die Geschichte des Roten Kolbermoors für die Bevölkerung wieder sichtbar zu machen. Kolbermoor war während der Novemberrevolution eine Hochburg der Räte. Früher als in anderen Orten Bayerns radikalisierte sich hier die Arbeiterschaft, geschlossener standen die Arbeiter hinter ihren Räten, waren zur Verteidigung ihrer Errungenschaften bereit und bildeten schließlich die letzte rote Bastion, die in Bayern am 3. Mai 1919 fiel. Umzingelt von einer Übermacht an Regierungssoldaten und Freikorps mussten die Roten schließlich kapitulieren. Besondere Tragik: Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann, der zur Übergabe geraten hatte, und sein Sekretär wurden einen Tag später von Grafinger Weißgardisten ermordet.

                    Den Gewerkschaftskollegen war es dabei nicht nur ein großes Anliegen, dass für Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn ein Denkmal gesetzt wurde, sondern dass die Stadt Kolbermoor die Rätezeit als Teil ihrer Stadtgeschichte annahm.

                    Vor 20 Jahren gab es für ein Denkmal im Stadtrat keine Mehrheit, sodass der Kreisverband der GEW selber ein Denkmal errichtete und mit Hilfe großzügiger Spender wie z.B. Dr. Klaus Weber finanzierte. Immer wieder wurde dieses Denkmal von Nazis angegriffen. Mal wurde es mit blauer Farbe zugesprüht, mal mit Säure verätzt oder mit großen Hakenkreuzen und der Aufschrift „Noske, do it again!“ beschmiert. (Der Reichswehrminister Gustav Noske hatte seinerzeit die Revolution mit Gewalt niedergeschlagen.) Schließlich wurde die große Marmortafel mit schwerem Gerät endgültig zerstört.

                    Die GEW hatte durch Veranstaltungen und Leserbriefe nie nachgelassen, die Geschichte des Roten Kolbermoor lebendig zu halten und weiter im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

                    In diesem November war es dann so weit. Die Stadt Kolbermoor eröffnete im Rathaus eine Ausstellung zum Thema, die Stadträte genehmigten einstimmig, dass die Stadt ein neues Denkmal finanziert und am 14. November wurde dieses offiziell eingeweiht. Blumenschalen der Stadt waren vor dem neuen sehr stabilen Denkmal zu sehen, der Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo (SPD) konnte an die 70 Anwesende begrüßen und der GEW-Kollege Andreas Salomon hielt die Hauptrede. Der Bürgermeister verwies darauf, dass Männer wie Georg Schuhmann es gewesen seien, die damals „sich dafür einsetzten, die Not der Arbeiterschaft zu mindern und eine sozialere, gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.“ Das Denkmal, so Andreas Salomon, erinnere nicht nur an die feige Mordtat, sondern stehe symbolisch für die gesamten sechs Monate der Kolbermoorer Rätezeit, die jetzt offiziell zu einem wesentlichen Teil der Stadtgeschichte geworden sei. Wenn jetzt die Nazis erneut die Tafel angreifen würden, dann würde die ganze Stadt attackiert.

                    Am kommenden Tag berichtete die Lokalzeitung in einem halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Ein massiver Teil der Stadtgeschichte“. In den nächsten Monaten wird der Kreisverband der Gewerkschaft durch Vorträge und Rundgänge auf den Spuren von Schuhmann und Lahn weiter aufklären, aber auch die Stadt bietet eine Reihe von Veranstaltungen an. Manche Dinge brauchen eben einen langen Atem.

                    Andreas Salomon, KV Rosenheim

                    Rede zur Denkmalseinweihung für Georg Schuhmann und Alois Lahn in Kolbermoor am 11.11.2018

                    von Andreas Salomon

                    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, verehrte Damen und Herren des Stadtrates, verehrte Anwesende,

                    das heutige Datum für die Denkmalseinweihung habe ich mit Bedacht ausgewählt, weil auf den Tag genau vor 100 Jahren die SPD in den hiesigen Mareissaal eine Volksversammlung einberief, auf der der 1. Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde. Damit war der Beginn einer sechsmonatigen Phase demokratischer Mit- und schließlich Selbstbestimmung gesetzt, die am 3. Mai 1919 mit der Übergabe der Stadt offiziell endete. Und die Tafel, die wir heute einweihen wollen, erinnert daran, dass einen Tag später, am 4.Mai 1919, Grafinger Weißgardisten die Wohnungen des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn stürmten, beide schwer misshandelten, zur Tonwerksunterführung schleiften und dort ermordeten.

                    Besonderer Dank gebührt heute der Stadträtin Frau Dagmar Levin, die im Stadtrat den Antrag stellte, die Stadt möge Geld für die Errichtung eines neuen Denkmales zur Verfügung stellen, nachdem das bisherige mit brachialer Gewalt endgültig zerstört worden war. Und der Dank der Bevölkerung gilt Herrn Bürgermeister Kloo und dem gesamten Stadtrat, die einstimmig 5000 Euro für dieses neue Denkmal bewilligt haben. Und natürlich wollen wir unseren Künstler nicht vergessen, Herrn Joseph Still, der dieses neue Kunstwerk geschaffen hat und ihm herzlich für seine gelungene Arbeit danken. Herr Still wird selbst noch zu seinem Werk sprechen.

                    Sie wissen, dass die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an den Mord an Schuhmann und Lahn bereits eine dreißigjährige Geschichte hat. Zum allerersten Mal wurde 1989 von Klaus Weber und einigen Freunden eine Tafel errichtet, die allerdings nicht lange Bestand hatte, weil sie wenig wetterfest war. Damals gelang es auch nicht, die Geschichte, die sich hinter dem Denkmal verbarg, sichtbar zu machen und der Bevölkerung zu vermitteln.

                    Rechtzeitig zum 80sten Todesstag von Schuhmann und Lahn hatte ich dann meine Forschungen zur Kolbermoorer Räterepublik soweit vorangetrieben, dass an ihrem Todestag, dem 4. Mai 1999, also vor knapp 20 Jahren, die Ergebnisse in einem historischen Rundgang durch Kolbermoor präsentiert werden konnten. Mit Unterstützung durch den Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatten wir eine relativ schlichte Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung errichtet und ein Gedenkschild am Wohnhaus von Georg Schuhmann anbringen lassen.

                    Schon damals hatte ich mich darum bemüht, dass die Stadt Kolbermoor die Gedenktafel errichten möge. Dazu gab es zwei Anträge. Einen brachte die Grüne Liste ein, der in der Stadtratssitzung vom 27.1.1999 mit 10 zu 11 Stimmen abgelehnt wurde. Die Stadträtinnen und Stadträte der Grünen, der SPD und der Freien Wähler unterlagen mit einer Stimme der CSU und den Republikanern. Einen zweiten Versuch unternahmen Hans Lorenz als DGB-Ortskartellvorsitzender und ich im Namen des Kreisverbandes der GEW. Der Antrag vom 5. März 1999 kam aber in einer Stadtratssitzung gar nicht erst zur Entscheidung. Der 2. Bürgermeister Herr Schrank (CSU) erklärte in Vertretung des 1. Bürgermeisters Herrn Reimeier (CSU), dass das Gelände für die Aufstellung der Tafel gar nicht im Besitz der Stadt sei, sondern der Bahn gehöre. So beschloss der Kreisvorstand der GEW, die Erinnerungstafel in Eigenregie aufzustellen, wie es dann auch geschah.

                    Die Gedenkfeier für Georg Schuhmann und Alois Lahn anlässlich deren 80stem Todestages geriet zu einem größeren Kolbermoorer Ereignis im Beisein von Bürgermeister Ludwig Reimeier, des DGB-Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Kreis Südost-Oberbayern Herrn Lorenz Ganterer sowie zahlreichen Stadträten und anderen namhaften Persönlichkeiten aus Kolbermoor und Umgebung. Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung und die Vertreter verschiedener Parteien hielten an den unterschiedlichsten Stationen des Rundgangs Ansprachen.

                    Die errichtete Gedenktafel sollte aber nicht lange bestehen. Bereits am 11.1.2000 berichtete der Mangfall-Bote, dass die Kunststofftafel mit blauer Farbe komplett zugesprüht worden war und nicht mehr repariert werden konnte.

                    So musste an gleicher Stelle eine neue Gedenktafel errichtet werden, die Sie sicherlich alle kennen. Sie war wesentlich massiver, um möglichen weiteren Attacken widerstehen zu können und eine Zerstörung erschien undenkbar. Aber auch diese Tafel wurde immer wieder angegriffen. Mal wurde sie mit Säure attackiert, mal mit Farbe. Als große Hakenkreuze aufgesprüht wurden und der Satz: „Noske, do it again!“, war auch klar, aus welcher Ecke die Angriffe kamen. Gustav Noske war als Reichswehrminister 1918/1919 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Noch einmal konnte die Bronze-Platte gereinigt werden. Als aber dann die Täter mit schwerem Gerät anrückten und die große, äußerst stabile Marmortafel zerschlugen, war die Gedenktafel endgültig zerstört. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich die Gedenkstätte gepflegt und immer wieder Blumen angepflanzt – jetzt bot sich dem Betrachter ein jämmerlicher Anblick.

                    Wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar. Dann kam der Antrag von Dagmar Levin und die Zustimmung des Stadtrates. Ich denke, dass diese Entscheidung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und freue mich darüber außerordentlich, denn nun ist die Gedenktafel und die Stelle, wo sie errichtet ist, ein offizieller Standort der Stadt und die Stadt Kolbermoor erinnert an die feige Bluttat an dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinem Sekretär Alois Lahn.

                    Das ist nicht nur eine deutliche Aufwertung der Tafel, sondern zeigt letztendlich, dass die damalige Geschichte der Kolbermoorer Räterepublik nicht mehr verdrängt wird, sondern offiziell als ein Teil der Kolbermoorer Stadtgeschichte angenommen wird. Inzwischen ist ein historisches Bewusstsein gewachsen und in einem Gespräch mit Herrn Bürgermeister Kloo hat mir dieser vor Augen geführt, wie sehr die Wurzeln des heutigen Kolbermoors auch in der damaligen Zeit gesehen werden.

                    Ganz besonderer Ausdruck davon ist auch die aktuelle Ausstellung im Kolbermoorer Rathaus sowie die vielen Veranstaltungen zum Thema in unserer Stadt. Kolbermoor darf stolz darauf sein, dass heute in dieser Stadt in größeren Dimensionen gedacht wird und nicht mehr vergessen wird, dass demokratisches Denken bereits vor 100 Jahren praktiziert wurde.

                    Als 1947 die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wurde, hieß es bereits im Protokoll: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung sein Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Der Beschluss war einstimmig, wie mir der damalige und inzwischen verstorbene Bürgermeister Karl Staudter versicherte. Im Gemeinderat saßen sieben Angehörige der SPD, sechs der CSU und zwei von der KPD.

                    Georg Schuhmann hat in den wenigen Monaten seiner Wirkungszeit die Geschicke Kolbermoors nachhaltig beeinflusst. Der in Bamberg am 6. März 1886 geborene gelernte Installateur war als Kriegsteilnehmer wie hunderte anderer Soldaten in die Sanierung gekommen, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor, wo die Soldaten zusammengefasst wurden, um entlaust und wieder neue eingekleidet zu werden.

                    Dass hier unter den Soldaten intensive Diskussionen über den verlorenen Krieg und die aktuelle wirtschaftliche und soziale Lage geführt wurden, lässt sich denken. Über die Vorgeschichte des zweiunddreißigjährigen, unverheirateten Schuhmann wissen wir fast nichts. Nachforschungen brachten bisher kaum Ergebnisse. Es darf aber aufgrund seiner intensiven und geradezu professionellen Aktivitäten in Kolbermoor angenommen werden, dass er über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügte und bestens informiert war, was nicht nur das Deutsche Reich anbelangte, sondern auch die Verhältnisse in Europa und darüber hinaus wie z.B. in Russland.

                    Dass er nach Kolbermoor kam, dürfte allein darauf zurückzuführen sein, dass hier bereits seit zwei Jahren seine zehn Jahre ältere unverheiratete Schwester wohnte, zu der er am 15.11. 1918 in die Kolbermoorer Karlstraße 2 zog. Am 1.2.1919 nahm er sich dann eine eigene Wohnung in der Alpenstraße 3, der heutigen Schuhmannstraße.

                    Sein Name taucht im Beschlussbuch des Volksrates, das ich im Kolbermoorer Archiv entdeckte, zum ersten Mal im Protokoll der Sitzung vom 8. Januar 1919 auf, bei der der 2. Kolbermoor Volksrat gewählt wurde. Auf der Vollversammlung im Mareissaal schlug die Sozialdemokratische Partei neun Mitglieder vor, über die einzeln abgestimmt wurde. Im Protokoll heißt es: „Die Vorschläge wurden von der Versammlung teils einstimmig, teils mit erdrückender Mehrheit angenommen.“ Einer von ihnen war Georg Schuhmann, der zu dem Zeitpunkt noch keine drei Monate in Kolbermoor ansässig war. Es ist schon außerordentlich erstaunlich, dass er da schon eine derartige Popularität genoss.

                    Wir wissen nicht, wie lange er schon in der Sanierung war und Kontakte nach Kolbermoor hatte, aber als sicher darf angenommen werden, dass er seit dem 15. November, als der 1. Volksrat gerade einmal vier Tage im Amt war, sich bereits intensiv mit den Gegebenheiten vor Ort beschäftigte und die Arbeit des Volksrates unterstütze. Anders lässt sich seine Wahl als gewissermaßen Ortsfremder nicht erklären.

                    Schon bald entwickelten Schuhmann und seine Mitstreiter eine rege kommunalpolitische Arbeit und kümmerten sich um all die Erfordernisse, die der Bevölkerung auf den Nägeln brannten. Der Volksrat hatte zu diesem Zeitpunkt nur beratende Funktion, konnte also nicht selber entscheiden. Er hatte vor allem die Aufgabe „amtliche Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ Er war also der Katalysator, der für Gerechtigkeit und demokratisches Verhalten bei der Arbeit der Gemeinde zu achten hatte und deswegen eigene Vertreter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses schickte. Besondere Bedeutung kam dabei der Ernährung der Bevölkerung zu, wobei es um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel ging. Der Volksrat bildete dazu extra einen vierköpfigen Lebensmittelausschuss.

                    Die Protokolle des 2. Volksrates zeugen von einer deutlich intensivierten Arbeit. Neben der Versorgung mit Lebensmitteln ging es um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um Straßenbau, den Uferschutz der Mangfall, Maßnahmen gegen die Verrohung der Jugend durch den Krieg und vieles mehr. Immer wieder werden Schleichhandel und Wucherpreise gerügt, genauso wie unlauterer Wettbewerb. Aber auch gewerkschaftliche Ziele wie die Einführung des 8-Stunden-Tages bei der Gemeinde und gerechte Entlohnung sind Themen. Bereicherungsversuche einzelner auf Kosten der Bevölkerung werden aufgedeckt und immer wieder schlechte Lebensmittel gerügt. Das Wirken von Schuhmann und seinen Mitstreitern war frei von eigenen Interessen und hatte einzig und allein das Wohl von Kolbermoor im Sinn.

                    Der Einfluss des Volksrates war so bedeutsam, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann seit dem 5. Februar 1919, also bereits nach vier Wochen seiner Amtszeit, regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters Bergmann abhielt. Aus den Protokollen geht hervor, dass daraus keinerlei Spannungen entstanden. Vielmehr wurden die Anträge des Volksrates von der Gemeinde zunehmend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor gestaltete und die Gemeinde zunehmend zur Exekutive wurde.

                    So überraschen dann die Vorgänge vom 22. Februar 1919 nicht, als einen Tag nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wird.

                    Jetzt hatte der Volksrat in Kolbermoor die Zügel in der Hand und Schuhmann wurde quasi der 5. Kolbermoorer Bürgermeister. Mit unverminderter Intensität setzte der Volksrat seine Arbeit fort, was jetzt nicht im Einzelnen dargelegt werden soll.

                    Schuhmann genoss in Kolbermoor ungeheures Ansehen. Die Chroniken besagen, die Arbeiterschaft „verhimmelte“ ihn. Inzwischen war er auch über Kolbermoor hinaus bekannt und in den Bezirksrat gewählt worden. Offenbar hielt er enge Verbindungen nach München und war mit der dortigen Entwicklung bestens vertraut. So erklärt es sich auch, dass am 29.4.1919 noch einmal ein Volksrat gewählt wurde, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte.

                    Georg Schuhmann war inzwischen von der USPD zur KPD übergetreten und sämtliche Mitglieder des neuen Volksrates gehörten dieser Partei an. Diese Entwicklung entspricht der 4. Phase der Räterepublik in München, bei der die Kommunisten unter Leviné die 2. Räterepublik gründeten. Aber die Tage waren gezählt. Überall mussten sich die Roten der Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps beugen. Kolbermoor war die letzte rote Bastion in Bayern. Ich denke, nirgendwo stand die Bevölkerung derartig intensiv hinter ihrem Volksrat wie hier.

                    Kolbermoor wurde umzingelt, die Bevölkerung war zur Gegenwehr bereit. Bewaffnete Züge wurden von den Arbeitern der Gemeinde gebildet. Die Übermacht war gewaltig und im Mareissaal wurde heftig diskutiert, was man machen sollte. Besonders die Frauen waren für Verteidigung. Aber letztendlich setzte sich die Vernunft durch und Georg Schuhmann plädierte für die Übergabe der Stadt, um ein Blutvergießen zu vermeiden. So geschah es dann auch am 3. Mai 1919.

                    Eine besondere Tragik war es dann, dass einen Tag später ausgerechnet derjenige, der für Gewaltfreiheit plädiert hatte, zusammen mit seinem Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten brutal misshandelt und schließlich ermordet wurde.

                    Wenn wir heute Georg Schuhmann und Alois Lahn mit einer neuen Gedenktafel ehren wollen, so ist damit der Wunsch verbunden, dass ihr Wirken für die Stadt Kolbermoor nicht vergessen werden soll. Uneigennützig haben sie ihr junges Leben zum Wohl ihrer Heimatgemeinde eingesetzt und grausam verloren. Mögen sie unvergessen bleiben.

                    Das rote Kolbermoor – Veranstaltung in Kolbermoor anlässlich der Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

                    Text von Andreas Salomon vom 02.12.2015

                    Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

                    ich begrüße Sie alle sehr herzlich heute zu dieser Veranstaltung, die notwendig geworden ist, weil wir nach der neuerlichen Gewalttat der Nazis hier in Kolbermoor nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können und wollen.

                    Ich freue mich deshalb sehr, dass ich Prof. Dr. Klaus Weber aus München in unserer Mitte begrüßen darf. Wir beide sind mit den Gegebenheiten hier in Kolbermoor bestens vertraut. Er ist hier geboren und aufgewachsen, ich habe 30 Jahre hier gewohnt. Wir beide haben uns intensiv um die Geschichte dieser Stadt gekümmert und dabei besonders um die Rätezeit. Uns beiden ist klar, dass die Nazis offensichtlich alles daran setzen, die Erinnerung an die Rätezeit auszulöschen. Das werden wir zu verhindern wissen. Für heute Abend haben wir uns die Aufgaben so verteilt, dass ich die Rätezeit in Kolbermoor vor Ihren Augen lebendig werden lasse, also das, was wir vergessen sollen. Und Klaus hat sich das Thema gestellt „Vergessen machen – Kolbermoor, die Rätezeit und die Neonazis“.

                    Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

                    Überall im Landkreis gab es große Betroffenheit und Empörung, als die Zerstörung des Denkmals in Kolbermoor bekannt wurde, das an die Ermordung des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert.

                    Es ist bereits der vierte Anschlag und von Mal zu Mal hat sich die Empörung darüber deutlich, ja sprunghaft gesteigert.

                    Die erste Gedenktafel, die am 4. Mai 1999 von uns aufgestellt wurde, hielt nur bis zum Jahresende, dann wurde sie mit blauer Farbe so zugesprüht, dass sie nicht mehr zu reinigen war. In einem Leserbrief im Mangfall-Boten unter der Überschrift „Miteinander reden“ (Mangfall-Bote,11.1.2000) rief ich die Täter zu einem „offenen Gespräch“ auf. Wörtlich schrieb ich: „Meinungsverschiedenheiten sollten mit Worten ausgetragen werden und nicht mit dem Versuch, den anderen mundtot zu machen.“ Eine Reaktion der Täter blieb aus.

                    Drei Jahre später war es wieder so weit. Mit Säure war versucht worden, die Schrift auf der neuen Gedenktafel unlesbar zu machen. Zum Glück konnte die teure Tafel restauriert werden.

                    Der nächste Anschlag auf die Kolbermoorer Rätezeit im Jahr 2009 war nicht ein Anschlag auf die Gedenkstätte, sondern eine üble Provokation während eines Rundgangs auf den Spuren von Schuhmann und Lahn, den ich jedes Jahr ein- bis zweimal Jahr durchführe. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns auf die Provokation nicht ein. Sie verhielten sich ruhig und stiegen anschließend in ein Auto, in dem Naziflugblätter lagen.

                    Dann der Anschlag vom letzten Jahr! „Noske, do it again!“ in Riesenbuchstaben und zwei Hakenkreuze. Hakenkreuze auch in der Tonwerksunterführung. Als es um die Niederschlagung der Revolution von 1918/19 ging, war es allen voran der Polizeiminister Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ. Wenn die Nazis in Kolbermoor auf die Schuhmann-Tafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun („do it again“), so ist das eine unmissverständliche Aufforderung , dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und für Freiheit und Demokratie uns einzusetzen.“

                    Und jetzt der neuerliche Anschlag, der deutlich eine neue Qualität aufweist. Jetzt geht es ums Ganze: absolute Zerstörung der Tafel mit einem schweren Vorschlaghammer. Mit brachialer Gewalt wurde die schwere Marmortafel zertrümmert, um damit das Denkmal endgültig zu beseitigen.

                    Fast hundert Jahre liegt die Kolbermoorer Rätezeit zurück und ist doch noch so lebendig, dass sie immer wieder den Zerstörungswillen der Nazis hervorruft.

                    So wollen wir uns mit diesen so bedeutsamen sechs Monaten für Kolbermoor näher beschäftigen, mit der Zeit vom November 1918 bis zum Mai 1919, wobei aber gleich gesagt werden darf, dass mit dem Mai 1919 keineswegs alles vorbei war, denn die Kolbermoorer haben damals zwar eine Niederlage einstecken müssen, aber ihre Gesinnung dabei nicht verloren.

                    Die Folgen des roten Kolbermoors

                    Es ist überhaupt keine Frage, dass die Monate der Räterepublik in Kolbermoor, das wichtigste Kapitel der Stadtgeschichte sind. Es ist auch keineswegs so gewesen, dass mit dem 3. Mai 1919 alles vorbeigewesen ist. Am 22. Mai 1919 stand im Kolbermoorer Anzeiger über die angeblichen Befreier zu lesen: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen“ (Landgrebe, S. 155). Und Christa Landgrebe zeigt in ihrer Doktorarbeit „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südost-bayerischen Raum“ weiter auf, welche Nachwirkungen sich in Kolbermoor in den nachfolgenden Jahrzehnten beobachten ließen. So lesen wir dort: „Für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewußtseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie“(S. 166).

                    Widerstand in Kolbermoor gegen die Nazis

                    Zwar versuchte die NSDAP schon frühzeitig in Kolbermoor Fuß zu fassen und Adolf Hitler hielt bereits am 19. Juni 1920 seine erste Rede außerhalb von München in Kolbermoor, was aber die Kommunistische Partei nicht hinderte in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen. Landgrebe schreibt, dass es der KPD gelang „durch Versammlungen und Gründung von Organisationen einen größeren Teil der Arbeiter- bevölkerung anzusprechen“ (S. 163). Schon in den früher 20er Jahren entstanden Ortsgruppen der „Roten Hilfe“ und des „Rotfrontkämpferbundes“. Vor allem Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot waren die Themen, über die referiert wurde. Die Konferenzen leitete meist Ewald Thunig. „Zu Beginn der 20er Jahre“ – so Landgrebe – „läßt sich von einem wachsenden Klassenbewußtsein bei Teilen der Kolbermoorer Arbeiterschaft sprechen“ (S. 160). Noch in den 30er Jahren heißt es im Tagesbericht des Bezirksamts Aibling an die Bayerische Politische Polizei vom 10.9.1936, dass „…die Verhältnisse in Kolbermoor…offenbar immer noch nicht als endgültig ruhig betrachtet werden (können)….“ So wurden im November 1936 acht Kolbermoorer Arbeiter „wegen Singens der Internationale bzw. antinationalsozialistischen Verhaltens“ vorüber-gehend festgenommen. (Landgrebe, S. 164) In ihrem Aufsatz „Chronik des Widerstands in Kolbermoor 1931-1945“ zeigt Edda Kühne eine große Zahl ähnlicher Aktionen auf. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd. 1, S. 126-138)

                    Die letzten 30 Jahre in Kolbermoor

                    Erst nach dem 2. Weltkrieg gerät das rote Kolbermoor zunehmend in Vergessenheit und die Stadt macht vielmehr Schlagzeilen mit dem Erstarken braunen Gedankenguts in Gestalt der Republikaner und anderer Rassisten. Nikolaus Ziegler weist in seinem Aufsatz „Neonazis und Rechtsextremisten in Kolbermoor“ nach, was sich in der Zeit von 1986 bis 2004 an entsprechenden Aktionen bis hin zum rassistischen Mord an Carlos Fernando ereignete. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd.2, S. 199 – 205).

                    Wiederentdeckung der Kolbermoorer Rätezeit

                    Wie kam es jetzt dazu, dass die Ereignisse der Räterepublik in Kolbermoor wieder bekannt wurden. Ein erster Versuch wurde 1989 zum 70sten Tag der Ermordung von Schuhmann und Lahn durch eine Gruppe um Klaus Weber versucht, wo auch eine erste provisorische Gedenktafel aufgestellt wurde. Die durchschlagende Wirkung blieb aber noch aus.

                    Was es gab, war der Film Auf den Spuren des roten Kolbermoors„,der schon 1986 im Fernsehen ausgestrahlt wurde und dann die schmachvolle Chronik von Horst Rivier.

                    Im Sommer 1998 sprach mich der Kolbermoorer Ortskartellvorsitzende Hans Lorenz an, ob wir von der GEW nicht einmal diesen besagten Film zeigen wollten. Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung, die ich daraufhin organisierte, stieß ich auf Riviers Chronik und war zutiefst erschrocken, was ich dort las. Einige Kostproben:

                    Geschichtsverfälschung durch Horst Rivier

                    „Um eine ruhige Entwicklung zu verhindern, bemühte sich eine zunächst kleine Gruppe Linksstehender, die nun unzufriedene große Masse zu gewinnen, um mit dieser die Revolution zu machen.“ („Heimat Kolbermoor“, 1997, Bd.2, S. 44)

                    „Aber gerade sie waren es, die in unserem bis dahin wirklich friedlichen Ort nach dem Muster eines Kurt Eisner die Revolution heraufbeschworen. Es wurden hier nun Soldatenräte, Bauernräte und Gruppen von aufgeputschten revolutionären Arbeitern zu den Massenversammlungen organisiert“ (S. 44).

                    „Aus der alten Sozialdemokratischen Partei gründeten die radikalen Elemente die ´Unabhängige Sozialdemokratische Partei`(USPD); diese Richtung war aber vielen von diesen noch zu gemäßigt und die schärfsten und größten linken Fanatiker sammelten sich als `die Spartakisten`. Daß solch links extreme Hetze keine guten Früchte tragen konnte, lag auf der Hand.“ (S. 45)

                    Rivier schrieb weiter von „roten Auswüchsen“ (S. 46), „hysterischen Frauen„(S.46) usw.. Abschließend behauptete er, seine Informationen beruhten auf Gesprächen mit Zeitzeugen, die er dann auch nennt. Es dauerte etwas, bis ich herausfand, dass alles erstunken und erlogen war. Rivier hatte einfach bei einem anderen Chronisten abgeschrieben, nämlich bei Albert Loher, der seinerzeit Prokurist bei der Spinnerei war und natürlich aus vorurteilsbeladener Sicht der herrschenden Klasse schrieb.

                    Neuanfang der Geschichtsschreibung nötig

                    Damit war für mich klar, dass die Geschichte neu geschrieben werden musste. Als kurz darauf auch der DGB eine Veranstaltung in Kolbermoor zum gleichen Thema durchführte und der DGB-Kreisvorsitzende Lorenz Ganterer direkt aufforderte, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen, war der Startschuss gefallen. Das war im September 1998. Durch Zufall kam ich darauf , dass der kommende 4. Mai 1999 der 80. Todestag von Schuhmann und Lahn war. Damit war ein Zeitpunkt gegeben, um entsprechende Ergebnisse zu präsentieren.

                    Ich griff zum Telefonbuch. Gibt es noch Nachfahren von Schuhmann oder Lahn? Und stieß auf eine Frau Lahn-Obermüller, die mit einem Bruder von Alois verheiratet war. Ich ging zur Stadt und ließ mir die Melderegister von Schuhmann heraussuchen. Ich suchte die Gräber auf dem Friedhof, die Wohnungen, fand die Schuhmannstraße und bekam mit Mühe heraus, wann diese Straßenbenennung stattfand. Das war am 7.2.1947 gewesen. In der Begründung finde ich den bemerkenswerten Satz: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält“.(Andreas Salomon, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“, Kolbermoor, 2000, S.15). Der Stadtratsbeschluss war einstimmig! Ich ging zum Pfarrer, der mir die Sterberegister heraussuchte. Und eine sensationelle Entdeckung: Am Rand steht eine viele Sätze lange handschriftliche Bemerkung, die zwar schwer zu entziffern ist, aber viele wichtige Informationen enthält. (a.a.O., S.100)

                    Erste Recherchen

                    „Georg Schuhmann, Beruf Installateur, 1. Vorsitzender des revolutionären Arbeiterrates, Kopfschuß, Beerdigung mit 3 Geistlichen auf Forderung der Arbeiterschaft. Geboren 6. März zu Bamberg, wurde bald Führer der radikalen Arbeiterbewegung, nach dem Tode Eisners 1. Vorsitzender des neuen Volksrates, seit 29. April des revolutionären Arbeiterrates.“ Und später heißt es: „Herr Dr. Solleder ersuchte um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teiles der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

                    Über Alois Lahn stand am Rand, wo er wohnte, Ludwigstraße 9, dass er ledig war. Geboren am 27. März 1901, Sohn der Fabrikarbeitereheleute Lahn, zugleich mit Schuhmann erschossen.

                    Erste Mosaiksteine waren zusammengetragen. Nun ging ich ins Kolbermoorer Stadtarchiv. Hatten die Räte irgendetwas hinterlassen? Nach den Darstellungen bei Rivier schien dies ja nicht der Fall zu sein. Doch welche Überraschung: Ich entdeckte das Beschlussbuch der Räte, das Protokollbuch all ihrer Sitzungen und obendrein noch weitere wichtige Dokumente.

                    Nun war erstmalig die Möglichkeit gegeben, nachzuprüfen, was die Räte wirklich gemacht hatten. Nun konnte man dem vorurteilbeladenen Geschwätz von Rivier und seinen Anhängern etwas entgegensetzen. Langsam schälte sich heraus, was damals wirklich passiert war und ich beschloss, es der Öffentlichkeit bei einem historischen Rundgang durch Kolbermoor am 4. Mai 1999 bekannt zu machen, den ich sorgfältig mit entsprechender Pressearbeit vorbereitete. Denn mir war klar, hier ging es nicht nur darum ein historisches Kapitel der Stadtgeschichte wieder sichtbar zu machen, sondern es ging gleichzeitig um den Kampf, das bewusst Verdrängte, das Unangenehme zu beleuchten und damit um ganz konkrete Tagespolitik.

                    Der Kampf um die Gedenktafel

                    Ständig schrieb ich Leserbriefe und kleine Artikel im Mangfall-Boten, um für das Thema den Weg zu bereiten. Dann stellte ich über die Grüne Liste im Stadtrat den Antrag, eine Gedenktafel zu errichten, so dass sich der Stadtrat mit diesem Thema beschäftigen musste. Als er abgelehnt wurde, wenn auch knapp, wiederholte ich den Antrag zusammen mit dem DGB-Ortskartellvorsitzenden, wobei ich auch stets sichtbar machte, dass hinter mir die GEW stand, deren Mitglieder mich auch in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten. Nun kam es aber nicht mehr zur Abstimmung, weil der 2. Bürgermeister Schrank herausgefunden hatte, dass der Grund, auf dem die Tafel stehen sollte, gar nicht der Stadt gehöre. Man war froh, aus dem Schneider zu sein. Im April starteten wir eine ganze Leserbrief Serie, die dann die eigenmächtige Aufstellung der Tafel vorbereitete. Einen langwierigen Schriftverkehr mit der Bahn AG wollten wir uns ersparen – es fehlte auch die Zeit, denn der 4. Mai rückte immer näher.

                    Der historische Rundgang am 4.Mai 1999

                    Um dem Rundgang die nötige Breitenwirkung zu verleihen bat ich den CDU-Bürgermeister Reimeier um die Eröffnungsansprache. Sämtliche Fraktionen wurden angeschrieben mit der Bitte, einen Sprecher zu stellen. Die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf wurde um Stellungnahme gebeten usw.. Wichtig war für mich auch Prof. Dr. Klaus Weber mit einzubeziehen. Zum einen hatte er sich schon lange vor mir mit der Räterepublik beschäftigt, zum anderen war er Kolbermoorer und zum Dritten wusste ich aus alter Freundschaft, dass bei ihm das Thema in guten Händen war und ist.

                    Der Rundgang wurde ein außergewöhnlicher Erfolg mit gut 80 Teilnehmern. In der Folge führte er zur Entstehung meines Buches, einem Film und schließlich zur Gründung der Kolbermoorer Geschichtswerkstatt. Er löste auch heftigste Auseinandersetzungen mit Horst Rivier und seinen Mitstreitern vom Förderverein des Heimatmuseums aus und führte zu einer tiefgründigen Kritik von Riviers Chroniken, die wir auf Grund der unseriösen Geschichtsschreibung, der Lügen und Verdrehungen, der einseitigen, vorurteilsbeladenen Sicht der Dinge als ausgesprochen wertlos einstufen mussten, ja als gefährlich für die Leser, die das dort Geschriebene womöglich als bare Münze nehmen. Dieser Streit hält bis heute an, auch wenn sich nach Riviers Tod die Fronten etwas zu lockern scheinen.

                    Unser Rundgang begann damals vor dem Schuhmann-Haus, an dem ich seinerzeit eine Gedenktafel anbringen ließ. Dort war Schuhmann am 1.2. 1919 eingezogen und drei Monate später von seinen Mördern überfallen und herausgezerrt worden. Vorher hatte er seit 15.11.1918 in der Karlsstraße gewohnt. In das Schuhmann-Haus war er zu seiner Schwester gezogen. Inzwischen ist das Haus nach einem Brand abgerissen worden. Es fehlte das historische Bewusstsein, dieses Gebäude zu erhalten und vielleicht zu einer Gedenkstätte an die Räterepublik in Kolbermoor und insgesamt im Landkreis Rosenheim umzugestalten.

                    Historische Grundlagen der Kolbermoorer Rätezeit

                    Natürlich ist die Kolbermoorer Rätezeit nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbaut, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem verlorenen 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Und was Schuhmann und seine Weggefährten durchführten, war nur möglich auf dem Hintergrund einer vergleichsweise weit entwickelten Arbeiterbewegung vor Ort.

                    Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten. Am 19.10.1918 meuterten in Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand breitete sich wie ein Lauffeuer über das Land. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz um besitzenden Adel und Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnehmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratische bayerische Republik proklamiert.

                    Die Ereignisse in Kolbermoor

                    Auf diesem Hintergrund rief vier Tage später, am 11.11.1918,  die SPD in Kolbermoor zu einer Massenversammlung in den Mareissaal, die von allen Schichten der Bevölkerung besucht wurde. Der Saal war dicht besetzt. Hier wurde der 1. Volksrat gegründet, der 25 Mitglieder hatte, die aus allen Schichten kamen. 1. Vorsitzender war der Gastwirt Franz Sperber, 2. Vorsitzender der Bürgermeister Edmund Bergmann. Der Volksrat wurde als ein Kontrollorgan aufgefasst, „um die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ (Beschlussbuch, S. 5). Die Ärztefrage wird behandelt sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Missstände bei der örtlichen Lebensmittelzuteilung werden beklagt. Ein gewählter Lebensmittelausschuss soll die Geschäfte überwachen. Und zur Sicherheit wird ein Wachkommando vorgeschlagen.

                    Immer wieder geht es um die gerechte Verteilung der Lebensmittel. Gerügt werden zu hohe Preise für bestimmte Genussmittel und Kleidungsstücke. Und Vorschläge werden gemacht, wie durch Beschaffung von Notstandsarbeiten der Arbeitslosigkeit zu begegnen sei. Aber auch zahlreiche andere lokale Probleme werden diskutiert. Kritik wird am Gemeinderat laut, der sich um manches zu wenig kümmere und es wird beschlossen, drei Beobachter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses zu schicken..

                    6 Wochen später, am 2.1.1919, tritt der Volksrat zurück, weil aus eigenen Reihen an seiner Arbeit Kritik geübt worden war und weil zu viele „bürgerliche Elemente, sogar zwei Kommerzienräte und Kriegsgewinnler“ (S. 27) in ihm säßen. Hier bahnte sich bereits 6 Wochen früher als in Rosenheim und in München der Weg zu einer radikaleren Richtung an.

                    Am 8. Januar wird ein neuer Volksrat gewählt. Wieder ist der Mareissaal prall gefüllt. Jetzt werden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Bürgerlicher, ein Lehrer und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Gewählt wurde auch Georg Schuhmann, der in der ersten sich anschließenden Sitzung 1.Vorsitzender wird. Schuhmann ist 32 Jahre alt und gerade aus dem Krieg in die so genannte Sanierung zwischen Rosenheim und Kolbermoor gekommen, ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, die hier entlaust und neu eingekleidet wurden. Welche politische Ausbildung Schuhmann hatte und welche politischen Erfahrungen, konnte bisher nicht erforscht werden. Außer dem Beschlussbuch hat er keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen. Nicht eine seiner Reden ist bekannt. Eine einzige kann ihm wahrscheinlich zugeschrieben werden.

                    Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er einiges an Erfahrung mitbrachte. Denn nur so ist es verständlich, dass er sich verhältnismäßig schnell innerhalb der Kolbermoorer Arbeiterbewegung profilieren konnte. Der Boden in Kolbermoor für eine Politik im Interesse der breiten Bevölkerung war zweifellos gegeben. Große Fabriken wie die Spinnerei und das Tonwerk hatten schon früh einen gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluss der Arbeiter zur Folge gehabt. Wie aber Schuhmanns Entwicklung in Kolbermoor sich im Einzelnen darstellte, weiß man nicht. Sicher ist nur, dass er bald ein unglaublich großes Maß an Anerkennung fand, ja dass er geradezu eine charismatische Figur gewesen sein muss.

                    Kaum war der neue Volksrat gewählt intensivierte er seine Arbeit erheblich. Immer mehr Themen stehen auf der Tagesordnung wie der Straßenbau, der Uferschutz an der Mangfall, die Verrohung der Jugend durch den Krieg. Schleichhandel oder Wucherpreise werden noch sorgfältiger verfolgt. Der 8 – Stunden –Tag und entsprechende Entlohnung werden diskutiert. Entschieden bemüht sich der Volksrat um soziale Gerechtigkeit. Der Einsatz des Volksrates bezüglich seiner Kritik an schlechten Lebensmitteln hat Erfolg. Klagen und Beschwerden, die beim Volksrat eingehen, werden an die Gemeinde weitergeleitet. Der Einfluss Schuhmanns wächst immer mehr. Am 5.2.1919 beschließt der Volksrat, dass Schuhmann regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abhält. Die Anträge des Volksrates werden von der Gemeinde weitgehend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck, dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor bestimmt und der Gemeinderat zur Exekutive wird. Inwieweit das tatsächlich stimmt, müsste noch durch einen Abgleich der Gemeinderatsprotokolle aus jener Zeit mit den Protokollen der Räte geschehen.

                    Die Vorgänge vom 22.2.19 überraschen deshalb nicht sonderlich. Am Tage nach der Ermordung Eisners wird der Bürgermeister zur Volksratssitzung eingeladen. Schuhmann schildert ihm die Vorgänge in München und Rosenheim, die zu den Rücktritten der Bürgermeister geführt hätten und führt aus, dass nun auch „in Kolbermoor nichts zu tun übrig bliebe, als diesem Beispiel zu folgen“ (S.49) Wörtlich heißt es weiter: „Er teilte mit, daß in der Arbeiterschaft Kolbermoors eine starke Missstimmung gegen Herrn Bürgermeister Bergmann sowie gegen Herrn Sekretär Loy sich bemerkbar gemacht hätte und daß voraussichtlich auch für diese beiden Herren der Gedanke des Rücktritts in Frage käme.“ Daraufhin trat Bergmann zurück. Bei Rivier liest sich das übrigens so: „Mit einer bewaffneten Menge zog er vor das Rathaus, wo der langjährige Bürgermeister Edmund Bergmann dem Revolutionär, dem Rotgardisten Georg Schuhmann, weichen mußte.“(S. 45)

                    Der Volksrat setzte nun seine Aktivitäten mit ungeminderter Intensität fort, ja die Fülle der Aktivitäten nahm eher noch zu. Die Löhne von Gemeindeangestellten werden erhöht, neue Kräfte eingestellt, die Pension des Gemeindedieners erhöht, den Kriegsinvaliden zunächst je 100 DM zugewiesen, ein Tanzkurs genehmigt, beschlossen, bestimmte Gemeindewege zu reparieren, Kundenkarten für sämtliche Lebensmittel eingeführt und beschlossen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen vorzugehen.

                    Und wieder dreht das Rad der Geschichte sich weiter. Ein dritter Volksrat wird am 29.4.gewählt. Einstimmig wird Schuhmann wieder gewählt, der erklärt, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können“ (S. 63). Der neu gewählte Volksrat, der wieder im voll besetzten Mareissaal gewählt wird, heißt nun: Revolutionärer Arbeiterrat.

                    Aber dieser Volksrat traf sich nur zu einer einzigen Sitzung, dann zog sich schon der Ring der Weißgardisten rund um Kolbermoor zusammen. Wie eine Festung war Kolbermoor ausgebaut und zur Verteidigung bereit, aber die Lage war aussichtslos. Kolbermoor, die letzte rote Bastion in Bayern, musste sich ergeben. Schuhmann selber hatte erkannt, dass nur ein großes Blutvergießen die Folge eines Kampfes gewesen wäre und plädierte dafür, sich zu ergeben. Heftige Auseinandersetzungen im Mareissaal gingen der Entscheidung voran. Dann wurden die Waffen gestreckt.

                    Die Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

                    Georg Schuhmann und Alois Lahn wurden am nächsten Morgen, Sonntag den 4. Mai 1919 aus ihren Betten gezerrt, misshandelt, zur Tonwerksunterführung und geschleppt und dort ermordet. Alois Lahns Vater schrieb über die Ermordung seines Vaters am 17.9.1919 im „Anzeiger für Kolbermoor“: „(…) Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von zwei gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten).

                    Ein Teil des Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen zwei Anzüge und ein Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeifer sogar noch das 4-jährige Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift. (…) und ohne Urteil erschossen“.

                    Bei der Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn war der Friedhof schwarz von Menschen. Auf einem Foto des Grabes kann man auf Kranzschleifen lesen: „Ein letzter Gruß dem (ein Wort nicht lesbar) Kämpfer – die Arbeiterschaft der Spinnerei“ oder „Letzter Gruß unserem unvergesslichen Schuhmann“.

                    Die Bedeutung der Räterepublik

                    In den Novembertagen des Jahres 1918 bildeten sich in Deutschland spontan Arbeiter- und Soldatenräte. Unmittelbar aus sich selbst heraus und zunächst ohne ausgereiftes theoretisches Konzept forderten Arbeiter eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft. Kapitalismus, bürgerliche Demokratie und Staatsbürokratie sollten von unten, von den Betrieben her, überwunden werden, alle politischen und wirtschaftlichen Leitungsaufgaben sollten künftig in den Händen demokratisch gewählter, streng kontrollierter und jederzeit abrufbarer Räte liegen. Es war die Idee einer gleichermaßen in Staat und Wirtschaft zu erkämpfenden, von breitesten Volksschichten getragenen direkten Demokratie. Dass ein derartig revolutionäres Ziel die Anhänger des kaiserlichen Obrigkeitsstaates und aller Parteien und Organisationen auf den Plan rief, die sich für eine bürgerliche Republik mit kapitalistischem Wirtschaftssystem entschieden hatten, versteht sich. Den Räten stand bis auf die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) und die kommunistische Partei (KPD) eine breite Parteienphalanx gegenüber. Was mit der Forderung „Alle Macht den Räten!“ begonnen hatte, wurde schließlich mit Waffengewalt beendet. Vom Reichswehrminister ausgesandte Strafexpeditionen zerschlugen die Hochburgen der radikalen Arbeiterschaft. Was am 3. November 1918 in Kiel begonnen hatte, endete am 3. Mai 1919 in Kolbermoor.

                    Zeitweise hatte die politische Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte gelegen. Erstmals in der deutschen Geschichte suchten die Menschen unmittelbare Demokratie zu praktizieren. Der Arbeitsrechtler und Sozialdemokrat Hugo Sinzheimer schrieb 1919 in seinem Buch „Das Rätesystem“: Der Mensch „will sein Leben selbst gestalten und eine neue Lebensordnung schaffen, in der der Mensch sich selbst gehört und nicht für fremde Zwecke verbraucht wird. Die Kräfte, die das Lebensschicksal bestimmen, selbsttätig auf allen Gebieten in der Hand zu haben und zu lenken, ist der innerste Drang, der einen großen Teil der Masse beseelt, die dem Rätegedanken folgt.“ (Hugo Sinzheimer, Das Rätessystem, 1919, S.7). Dieter Schneider und Rudolf Kuda schreiben in ihrem Buch „Arbeiterräte in der Novemberrevolution, Ideen, Wirkungen, Dokumente“ (Suhrkamp 1969): „Räte bildeten sich, wo Unterdrückte und Unterprivilegierte gegen ihr Schicksal aufbegehrten, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen wünschten mit dem Ziel, in einer revolutionären Situation die gesellschaftliche Entwicklung zu ihren Gunsten zu beeinflussen“ (S.35). Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auch auf Hannah Arendt, die den Geist des Rätesystems als „echt demokratisch“ (S.35) bezeichnete. Und auch in Kolbermoor wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt mit der Begründung, dass Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste.“

                    In München wird zurzeit gefordert, den Marienhof in Kurt-Eisner-Platz umzubenennen. Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates Kurt Eisner rief den Freistaat Bayern aus. Bayern erhielt die erste demokratische Verfassung. Das allgemeine Wahlrecht, der 8-Stunden-Tag, die Trennung von Kirche und Staat und basisdemokratische Gesellschaftsstrukturen wurden eingeführt.

                    Unsere Aufgabe muss es sein, die Erinnerung an die Rätezeit wachzuhalten und allen Versuchen der Nazis, diese auszulöschen, entschieden entgegenzutreten.

                    Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

                    Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

                    In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet.

                    1999 wurde zum 80. Gedenktag von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft am Ort der Ermordung im Rahmen eines feierlichen historischen Rundgangs im Beisein des seinerzeitigen Bürgermeisters und vieler anderer Vertreter aus dem politischen Leben eine Gedenktafel errichtet.

                    Der jetzige Anschlag auf die Erinnerungstafel ist bereits der vierte. Schon nach einem Jahr (2000) war die Tafel derart mit blauer Farbe zugesprüht, dass sie durch eine neue ersetzt werden musste. Einige Jahre später folgte ein Säureanschlag und in der Nacht zum 1. Juni 2014 wurde die Tafel mit schwarzer Farbe beschmiert. Die Täter schrieben: „Noske, do it again“ und hinterließen dazu zwei große Hakenkreuze. Noske war für die Niederschlagung der Revolution 1918/19 als Polizeiminister mitverantwortlich. Er ging dabei mit äußerster Brutalität vor und hunderte von Menschen wurden ermordet. Bekannt ist sein Ausdruck: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ.

                    Erst am 24. Oktober habe ich für den Historischen Verein Rosenheim einen Rundgang auf den Spuren der Kolbermoorer Rätezeit durchgeführt, an dem an die 50 Interessierte teilnahmen.

                    Der aktuelle Anschlag ist derjenige, der mit der bisher größten Gewalt durchgeführt wurde. Allein das erforderliche Werkzeug zeigt den geplanten Wunsch, die Tafel zu zerstören und damit die Erinnerung an die Rätezeit in Kolbermoor auszulöschen.

                    Wir verurteilen die Gewalttat aufs Schärfste und haben Anzeige bei der Polizei in Bad Aibling gestellt. Wir lassen uns nicht einschüchtern und werden die Erinnerungsarbeit fortsetzen.

                    Andreas Salomon, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreis Rosenheim