Ernst Toller – sozialistischer Revolutionär und Literat

Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2018 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung.

Ich fasse das Leid nicht, das der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hinein zu fühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden?“ (Toller, Eine Jugend in Deutschland, S.215)

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

mit der heutigen Veranstaltung möchte ich Ihnen einen herausragenden Revolutionär der Münchner Räterepublik vorstellen, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er am 7. April 1919 zum Zentralratsvorsitzenden der 1. Räterepublik gewählt wurde. Aber Toller war viel mehr als nur ein Revolutionär, er war ein großer Humanist und Pazifist, ein brillanter Rhetoriker und vor allem ein bedeutender Autor des Expressionismus. Nicht nur auf avantgardistischen Theaterbühnen war er zu Hause, sondern auch an Rednerpulten, in Zeitungsblättern oder im noch jungen Hörfunk. Als er seinem Leben 1939, also vor 80 Jahren, zermürbt vom Faschismus mit 46 Jahren ein Ende setzte, schrieb sein Freund Lion Feuchtwanger: „Wenn einer, dann war er eine Kerze, die, an beiden Enden angezündet, verbrannte.“

Am 3. August 1924 hielt Ernst Toller als Ehrengast der Arbeiterkulturwoche in Leipzig eine Rede zum Gedenken an die Kriegstoten. Seine rhetorische Brillanz und seine vorbehaltlose Offenheit beschrieb der Dramatiker Günther Weisenborn, der damals noch ein junger Medizinstudent war und das Ereignis vom Fenster einer Erste-Hilfe-Station verfolgte:

„Im Rahmen des offenen Fensters sehe ich ihn. Erhöht über der Masse unter den niederen Ziehwolken des regnerischen Abendrothimmels, schlank, schwarz und kalt. Er spricht kalt, noch beherrscht mit einem leisen Beleidigtsein, mit jener nervigen Eleganz, die durch seine Bewegungen sensibel vibriert. Und dann bricht er aus und schleudert eine rasende Anklage gegen alles, was Krieg heißt, in den trüben Septemberhimmel Leipzigs, über die graue unübersehbare Masse von sächsischen Arbeiterköpfen.

Dieser ist der Wort gewordene Wille der Massen, dieser ist die Anklage gewordene Klage des Leipziger Industriekulis, dies ist ein Ereignis! Die alte wortlose Arbeitersehnsucht verwandelt Ernst Toller in Ausdruck, in Sätze, in Worte, und in der Glut seines Mundes werden die Worte zur sprungbereiten Wut der Ausgebeuteten. Er steht hier im Park wie Feuer in den Bäumen, ein Mann, jung, schwarzhaarig, elektrisch, fast stammelnd vor Ergriffenheit, das Profil des Expressionisten… Er ist der flammende Haß auf den Krieg und die Kriegsstifter. Er weint, er ist erschüttert, und der erschüttert die Masse. Sie wissen, dieser ist kein glatter Papanini der Rhetorik. Dieser ist Ernst Toller.“(Dove, 168)

Ernst Toller wurde am 1. Dezember 1893 in Samotschin, einer kleinen Stadt im heutigen Polen und damaligen Königreich Preußen, geboren. Aber kennt heute überhaupt noch jemand Ernst Toller oder verbindet gar den Titel eines Dramas mit seinem Namen? Man muss einräumen, er ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Vielleicht gibt es am 1.Dezember eine Geburtstagsfeier bei der Ernst-Toller-Gesellschaft in Neuburg an der Donau. Aber Aufführungen seiner Stücke haben auf deutschen Bühnen Seltenheitswert. Ab und zu wird noch „Hoppla, wir leben“ gegeben, das erste Drama, das Toller in Freiheit nach seinem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt schrieb. So 2010 in Augsburg und dieses Jahr in Weinheim und Mannheim. Sonst wird nur noch in zwei Wochen in Hamburg der lyrische Zyklus „Das Schwalbenbuch“ vorgetragen.

Dabei gelangte Toller schon zu Lebzeiten zu großem Ruhm und war in den zwanziger Jahren der bekannteste lebende deutsche Dramatiker. Sein Ruf überragte den der Expressionisten Georg Kaiser sowie Carl Sternheim und sogar den von Bertolt Brecht. Ende der zwanziger Jahre war sein Werk in 27 Sprachen übersetzt und alle wichtigsten Bühnen der ganzen Welt hatten seine Stücke aufgeführt. Er galt als „das Wunderkind des deutschen Theaters“. Und natürlich kannte man ihn auch als einen der Führer der „unglücklich gescheiterten bayerischen Räterepublik“ (Dove, 13), wie einer seiner Biographen es formulierte. Und dadurch war er schließlich zu dem bekanntesten politischen Gefangenen der Weimarer Republik geworden. Während der Anarchist und Freund Eisners Gustav Landauer brutal ermordet worden war und Eugen Leviné von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde, kam Toller mit dem Leben davon, musste aber fünf Jahre Haft bis auf den letzten Tag in der bayerischen Festung Niederschönenfeld absitzen. Als man ihn anlässlich der 100. Aufführung seines Theaterstückes „Die Wandlung“ freilassen wollte, lehnte er das mit der Begründung ab, er wolle keine Privilegierung gegenüber den anderen 100 Revolutionären, die ebenfalls in der Festung einsaßen.

Diese Gesinnung ist für Toller absolut symptomatisch. Er war ein überaus engagierter Sozialist, dem ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, an Empathie gegeben war und der sich überall für andere Menschen zur Abwendung ihrer Not einsetzte, wo es ihm nur möglich war. Er kämpfte dabei leidenschaftlich sein Leben lang gegen den Kapitalismus und für eine Gesellschaft, die von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit gekennzeichnet ist und in der es keine Angst und keinen Hunger mehr gibt. Nur diese Vorstellung habe ihn die harten Jahre der Festungshaft durchhalten lassen, wie er es am Ende seiner Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ (S.215) schreibt.

Kindheit, Jugend und Studentenzeit

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ernst Toller wie erwähnt in der Kleinstadt Samotschin, die damals gerade einmal 3000 Einwohner umfasste. Sie lag in der preußischen Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, aber in ethnischer und historischer Hinsicht polnisch war. Die Tollers waren Juden und gehörten zu den alteingesessenen Kaufmannsfamilien. In den „Briefen aus dem Gefängnis“ schreibt Toller rückblickend: „Ich hatte keine Jugend, die mir Freude gab“(S.28). Das wirft die Frage auf, ob sich diese allgemeine Feststellung konkreter fassen lässt? Lassen sich also irgendwelche genaueren Hinweise finden, sprich Erfahrungen Tollers, die auf sein späteres Leben bereits hindeuten? Konkret gesprochen, wie wird jemand Revolutionär?

Zum Beispiel wurde er früh mit dem Antisemitismus seiner Zeit konfrontiert, den die ca. 130 Juden der Kleinstadt zu spüren bekamen. Nicht nur sein Vater nannte sich bereits vorsichtshalber Max mit Vornamen statt Mendel, sondern auch Ernst fühlte sich als Jude zurückgesetzt, erlebte das Gefühl der Fremdheit und wollte sein „wie die anderen“. Außer diesen religiösen Ressentiments erlebte er auch große soziale Gegensätze. Während die Tollers zu den wohlhabenden arrivierten bürgerlichen Kreisen gehörten, kam sein erster Freund aus einer elfköpfigen polnischen Familie, die zahlreiche Diskriminierungen erfuhr. In diesen Zusammenhang gehört auch das Erlebnis mit dem Armenhäusler Julius. Bauern laden ihn zum Schnaps ein, bis er betrunken ist. Dann bekommt er einen epileptischen Anfall. Niemand hilft ihm und Julius stirbt. Toller notiert rückblickend: „Ich kann nicht schlafen, ich bin zum ersten Mal der Grausamkeit der Welt begegnet“(Jugend, S. 30). Er erlebt, „wie der Schwache brutal vom Starken niedergetrampelt wird“ (Rothe, S.29). Toller schreibt als Schüler anonym darüber für die Lokalpresse einen Aufsatz. Der Bürgermeister vermutet, seine Feinde in der Stadt würden dahinter stecken und fühlt sich bedroht und beleidigt. Die Angelegenheit eskaliert. Sein Name kommt auf. Ein Rausschmiss aus der Schule droht. Nur mit Mühe kann Tollers Vater als Stadtverordneter die Sache wieder gerade biegen. Toller lernt, welche Folgen das Engagement für Erniedrigte für einen selbst haben kann und auch, wie Probleme sich klären lassen, wenn man Beziehungen hat.

Eine weitere prägende Erfahrung war auch 1905 eine sehr schwere Erkrankung, als Ernst 12 Jahre alt war. Über ein Jahr lang musste er der Schule fernbleiben. Woran er erkrankt war, liegt im Dunkeln. Tollers Konstitution sollte allerdings zeitlebens wenig robust sein, was vor allem für seine schwachen Nerven galt. Depressionen quälten ihn bis zu seinem Tode und Antidepressiva gab es damals noch nicht.

1906 kam er auf das Königliche Realgymnasium in Bromberg, wo er bei verschiedenen Familien unterkam. An dieser Schule herrschte der autoritäre Geist des Militarismus, der darauf abzielte, die Zöglinge zu braven Untertanen zu erziehen. Es war eine typische Schule des wilhelminischen Deutschlands, national und erzkonservativ ausgerichtet. Toller erlebte hier eine Welt der Unfreiheit und Unterwerfung, gegenüber der er sich instinktiv aufbäumte. Später im Gefängnis schreibt er an einen Freund: „Ihnen war die Schule gewiß so verhaßt wie mir“(Gefängnis, S. 107). In den folgenden Jahren erfolgten erste literarische Versuche, Theaterbegeisterung entstand und der Wunsch, Schauspieler zu werden wuchs. Man kann hierin sicherlich den Versuch sehen, der Unterdrückung zu entkommen und eigene Wege zu suchen.

Früh wandte er sich dabei auch den Idealen der Jugendbewegung zu und fühlte sich zu moderner Literatur hingezogen. Nach dem Abitur 1913 konnte Toller endlich der Schule den Rücken kehren und ging 1914 nach Frankreich, um an der Universität Grenoble Philosophie und Jura zu studieren. Aber das Studium war für ihn eine Enttäuschung. „Die Universität besuche ich selten. Die seichten Vorlesungen langweilen mich“(Jugend, S.40). Dafür geht er lieber in den „Verein deutscher Studenten, wo über Nietzsche und Kant gesprochen wird. Und auch die Freiheit des Studentenlebens gefällt ihm sehr. Zunehmend erweitert er seine literarischen Kenntnisse und besucht entsprechende Vorlesungen. Jetzt liest er die sozialkritischen Romane von Tolstoi und Dostojewski und erkennt immer mehr den gesellschaftlichen Grundwiderspruch des Kapitalismus: „Ich beginne, an der Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen, und die anderen Not leiden“ (Jugend, S. 45). Da bricht der 1. Weltkrieg aus.

Vom Patrioten zum Pazifisten

Am 28 Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 1. August 1914 wird in Deutschland mobil gemacht. Tollers einziger Gedanke ist: zurück nach Deutschland. Der Zug von Lyon ist voll mit Deutschen, die außer Landes fliehen wollen. In Lindau, auf deutschem Boden angekommen, liest Toller in Zeitungen, dass Deutschland angegriffen wird und glaubt es genauso wie damals fast alle Menschen. Die Regierungspropaganda schürt diese Überzeugung und Toller sieht es wie Millionen anderer Deutscher als seine Pflicht, das Vaterland zu verteidigen und sich freiwillig zum Heer zu melden. In München schüttelt der Arzt aber den Kopf, denn der Kriegsfreiwillige wirkt nicht sonderlich robust. „Ich will in den Krieg“ (Jugend, S. 52), macht Toller dem Mediziner deutlich, so schreibt er in seinen Erinnerungen, und schließlich schreibt der Arzt ihn tauglich.

Mitte August 1914 fahren die Soldaten Richtung Frankreich. Überall jubelt ihnen eine begeisterte Menge zu. Die Soldaten sind kriegsbegeistert und vom Hurra-Patriotismus erfüllt. Hier fühlt sich Toller, der sich als Jude so oft ausgegrenzt erlebte, aufgenommen. Es ist sein dringlichster Wunsch, möglichst schnell an die Front zu kommen. Aber noch dauert die Ausbildung. Im März 1915 darf er endlich ins Feld ziehen. 14 Monate wird sein Fronteinsatz dauern. Keine Zeit seines Lebens sollte ihn so nachhaltig prägen und auch seine Überzeugungen um 180 Grad drehen. Jetzt erlebt er das nackte Grauen und sein idealistischer Patriotismus wird grundlegend erschüttert.

Mann hinter Mann, Torkelt im Laufgraben, Gepäck drückt müde Knochen. An Kleidern frißt Lehm. In grauen Gesichtern stumpfen Augen. Irgendwer stolpert, fällt hin. Am Waldfriedhof Sammeln. Einer träumt am Massengrab. Solchen Haufen Weihnachtskuchen Wünscht ich mir als Kind, Soviel (…)Vierzehn Kumpel zerbrach eine Mine. Wann war´s doch? Gestern.“

Als vorgeschobener Artilleriebeobachter erlebt Toller das Inferno der Materialschlacht und das schreckliche Massensterben. Ein Soldat hängt drei Tage und Nächte unrettbar im Stacheldraht zwischen den Linien, ehe er stirbt.

Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unseren Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.“ (Jugend, S.69)

Dann die nächste grauenvolle Erfahrung. Toller steht im Graben und will diesen mit einem Pickel vertiefen. Da bleibt die stählernde Spitze an irgendetwas hängen. Er zieht und zerrt. Am Pickel hängen Reste eines getöteten Soldaten. Toller ist tief erschüttert: „Ein – toter – Mensch“ (Jugend, S.70). Später schreibt Toller, in diesem Augenblick sei seine Hinwendung zum Pazifismus wie eine plötzliche Offenbarung über ihn gekommen. Hier erkennt er die Gemeinsamkeit aller Menschen, egal ob Freund oder Feind.

Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht ein toter Deutscher, Ein toter Mensch“(Jugend, S.70).

Im Bois-le-Pr´ètre, dem sogenannten Priesterwald, kommt es zur unmittelbaren Begegnung mit dem Feind. Toller lernt den Stellungskrieg aus erster Hand kennen. Eines Tages entdeckt er einen Leichenberg. Französische und deutsche Soldaten lagen gemeinsam, wie es in der Literatur heißt, „in einer letzten Umarmung“ (Dove, S. 38). Dieser schreckliche Anblick, der die ganze Unmenschlichkeit des Krieges zum Ausdruck bringt, wird ihn lange verfolgen.

Ein Düngerhaufen faulender Menschenleiber: Verglaste Augen, blutgeronnen, Zerspellte Hirne, ausgespiene Eingeweide, Die Luft verpestet vom Kadavergestank, Ein einzig grauenvoller Wahnsinnsschrei“ (Dove, S. 39)!

Seine Kriegsbegeisterung ist längst dahin, nur sein Pflichtgefühl und sein Sinn nach Solidarität mit seinen Kameraden halten ihn noch aufrecht. Im Mai 1916 erleidet er einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch und kommt in ein Krankenhaus in der Nähe von Straßburg. Am 4. Januar 1917 wird Toller endgültig als nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“ aus dem Heer entlassen. Als Patriot zog er zwei Jahre zuvor in den Krieg, jetzt kehrt er als überzeugter Kriegsgegner, als Pazifist nach München zurück.

Antikriegsbewegung

Kurzfristig versucht Toller, die schrecklichen Kriegserlebnisse zu verdrängen und immatrikuliert sich in München für Jura und Nationalökonomie. Er erlebt, dass inzwischen die Antikriegsstimmung weit verbreitet ist. In der Literatur hoffen die Expressionisten, dass die Leiden des Krieges ein neues Menschentum begründen könnten. Eine neue „Ära des Friedens und der Brüderlichkeit“(Dove, S.44) wird verkündet. Dichter wie Hasenclever vertreten die Auffassung, ein Dichter habe nicht nur wider den Krieg zu schreiben, er müsse auch der Menschheit den Weg weisen zu einer Vision einer friedlichen, gerechten und solidarischen Gesellschaft, wobei es um die geistige Erneuerung des Einzelnen geht. Toller beginnt seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten und schreibt sein erstes Drama „Die Wandlung“, dem er seinen eigenen Wandel vom Patrioten zum Pazifisten zugrunde legt.

Die öffentliche Meinung wendet sich im Herbst 1917 immer mehr gegen den Krieg. Die neu gegründete USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) versteht sich ausdrücklich als Antikriegspartei. Überall finden Streiks gegen den Krieg und für den Frieden statt.

Toller wird zu einer Kulturtagung auf die Burg Lauenstein eingeladen. Später berichtet er, dass dort seine „erste aktive Beschäftigung mit der Politik“(nach Dove, 48) stattgefunden habe. Er lernt die Heidelberger Soziologen Max Weber, Ferdinand Tönnies sowie viele Schriftsteller seiner Zeit kennen. Aber das meiste Gesagte erscheint ihm zu nebulös. Es drängt ihn nach Taten, nach Initiativen gegen den Krieg. Doch er findet keine Resonanz auf seine Beiträge. Aber Max Weber interessiert ihn. So wechselt er von München nach Heidelberg und beginnt jetzt neben Jura Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die Beziehung zu Max Weber wird vertieft. Bei dortigen Treffen, an denen auch andere Studenten teilnehmen, liest er erste Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“ vor, was tiefen Eindruck hervorruft.

Bald findet Toller an der Heidelberger Universität Freunde, mit denen er am 24. November 1917 den „Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“ gründet, um in jungen Menschen Verantwortlichkeit zu wecken und sie zu politischer Aktivität zu führen. Wenn auch dieser Organisation nicht der erwartete Erfolg beschieden sein sollte, so sind dennoch die dem Bund zugrunde liegenden Leitsätze äußerst interessant, denn sie zeigen die politische Entwicklung Tollers auf, der zu dessen Sprecher gewählt wurde. Der Bund kämpft für eine „friedliche Lösung der Widersprüche des Völkerlebens“, (Krit. Schriften, S.32). Toller setzt sich für die Abschaffung der Armut ein, will eine Wirtschaftsreform, „die eine sinnvolle Erzeugung und gerechte Verteilung der materiellen Güter bewirkt“, verlangt die Trennung von Kirche und Staat und fordert eine soziale Rechtsprechung und die Aufhebung der Todesstrafe. Ferner geht es um „alle Bestrebungen wie Mutterschutz, Fürsorge für menschliche Wohnungen, Jugendheime, Siedlungen und ähnliche“. (a.a.O., S.33). Der Bund wendet sich gegen die Militarisierung der Jugend und strebt „Harmonie von Körper-, Seelen- und Geisteskultur“an. Er kämpft für die Einheitsschule und für freie Schul- und Universitätsgemeinden.

Der sozialistische Charakter der Forderungen wird deutlich sichtbar und vor allem auch der Einfluss des Anarchisten Gustav Landauer, dessen „Aufruf zum Sozialismus“(1911) zu einer bestimmenden Quelle seines Denkens geworden war. Landauer ist ein Kritiker des Marxismus und vertritt nicht die Ansicht, dass der Staat durch eine politische Revolution zerschlagen werden müsse, sondern glaubt, dass sich die „gesellschaftlichen Verhältnisse nur in dem Maße ändern könnten, wie sich die Beziehungen der Menschen untereinander änderten“(Dove, S.55). Aber Tollers Entwicklung soll weitergehen, wie sich schon bald zeigen wird.

Inzwischen entstehen auch an anderen Universitäten Ortsgruppen des Bundes, und Toller hofft, dass aus dem Jugendbund einmal ein deutscher Volksbund hervorgeht. Aber die berüchtigte Nachrichtenstelle der Obersten Heeresleitung wird aufmerksam. Man zieht einige Studenten, die dem Bund angehören, zum Militär ein und die Studenten österreichischer Nationalität, die dem Bund angehören, müssen Deutschland verlassen. Schließlich wird der Bund verboten. Toller sollte verhaftet werden. Aber er liegt mit schwerer Grippe und hohem Fieber im Krankenhaus. „Fröstelnd und fiebernd“ (Toller, Jugend, S.84) flieht er von Heidelberg Richtung Berlin. Rückblickend über den Bund schreibt Toller: „Wir hatten begonnen, gegen den Krieg zu rebellieren“(Jugend, S.84). In Berlin warten neue Aufgaben auf ihn.

Hier lernt er Gleichgesinnte kennen, mutige, verantwortungsvolle, erfahrene

Männer.“ (Viesel, S.332). Einer von ihnen heißt Kurt Eisner.

Die Wandlung“ – Tollers erstes politisches Drama

Im Sommer und Herbst 1917, also bevor Toller nach Berlin ging, hatte er parallel zu seiner Annäherung an die Antikriegsbewegung sein erstes politisches Drama geschrieben. Seine Erfahrungen dieser Zeit übertrug er in die symbolischen Ausdrucksformen des expressionistischen Theaters.

Die Wandlung“ wurde am 30. September 1919 in Berlin uraufgeführt, als Toller bereits wegen seiner führenden Rolle in der Räterepublik in Haft saß, und wurde zu einem überwältigenden Erfolg, sodass es 115 mal wiederholt werden musste. Publikum wie Kritiker waren gleichermaßen begeistert. Toller war über Nacht zu einem führenden Dramatiker der jungen Generation geworden. Zu dem Erfolg trug sicher auch das Schicksal Tollers selbst bei, der als Häftling in Niederschönenfeld der Aufführung nicht beiwohnen konnte, und zudem war das Stück außerordentlich originell inszeniert und für viele Kritiker galt es als die erste wahrhaft expressionistische Theateraufführung.

Toller verarbeitet in diesem Theaterstück seine eigenen Kriegserfahrungen und zeigt in einer Reihe von locker verknüpften Einzelszenen, die Entwicklung einer Hauptfigur. Es geht um die innere Wandlung, die Toller selbst durchgemacht hat und die daraus folgende gesellschaftliche Umgestaltung. Der Protagonist Friedrich „durchlebt alle Stationen des Grauens und am Ende dieses Leidensweges steht der Aufruf zum Engagement gegen denKrieg.“ (Distl, S. 97) Der einst Kriegsfreiwillige wird jetzt zum Agitator für die Abschaffung der alten Ungerechtigkeit und für die Revolution. Zu dem Zeitpunkt glaubt Toller noch wie andere Expressionisten seiner Zeit die Intellektuellen hätten in einer Revolution eine Führungsrolle, sie müssten den Weg weisen. Toller will aufrütteln, die Herzen der Menschen berühren.

Sein Drama endet mit den Worten aller Schauspieler:

Brüder recket zermarterte Hand,

Flammender freudiger Ton!

Schreite durch unser freies Land

Revolution! Revolution!“

Ein solches politisches Theater hat es bisher noch nicht gegeben, und die Menschen sind begeistert.

Der Januarstreik 1918

In dieser Zeit geht Toller erstmals den Ursachen des Weltkrieges nach, liest Dokumente, die der Spartakusbund heimlich druckte und in Umlauf brachte und kommt nach sorgfältigem Studium zu der Erkenntnis der Kriegsschuld Deutschlands. Er fühlt sich betrogen, zudem er auch noch die expansionistischen Ziele des deutschen Kapitals entdeckt. In seiner Autobiographie schreibt er über die Herrschenden: „Sie suchen Macht und Ruhm und Freiheit ihres Volkes in der Ohnmacht, dem Elend, in der Unterdrückung anderer Völker“(Jugend, S. 87).

Die Bekanntschaft mit dem Arbeiterführer Kurt Eisner, der für einige Tage nach Berlin gekommen war, riss ihn nun in den Sog der anschwellenden revolutionären Bewegung. Toller folgt ihm nach München und besucht seine Versammlungen. „In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet war, Männer von nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, gehärtetem Willen, Sozialisten, die ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache dienten, an die sie glaubten“ (Toller, Jugend, S. 88). Der erst 25-jährige Toller war von dem 52-jährigen erfahrenen Eisner außerordentlich beeindruckt. Nach Max Weber und Gustav Landauer sollte Eisner gewissermaßen zu Tollers drittem Mentor werden. Eisner war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der bayerischen USPD, und Toller sah ihn als Beispiel, „wie man die Kluft zwischen gedanklichem und realem Tun schließen könnte“(Distl, S. 35).

Dann begannen im Januar die großen Friedensstreiks. Streikversammlungen werden abgehalten, Toller mischt sich ein und verteilt Anti-Kriegs-Gedichte und Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“. Er will helfen. „Endlich wird mir eine Aufgabe übertragen. Ich soll zu den Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik sprechen, sie auffordern am Streik teilzunehmen“(Jugend, S. 88). Auch Eisner wird erwartet. Aber er kommt nicht. Auch die anderen Mitglieder des Streikkomitees kommen nicht. Eisner und seine Mitstreiter sind bereits am ersten Tag des Streiks verhaftet worden. Eine Delegation wird gewählt, um die Freilassung der Verhafteten zu fordern. Alle warten auf die Rückkehr der Delegation.

Da melde ich mich, der Vorsitzende bittet mich, einige Worte zu sprechen, zum ersten Mal rede ich in einer Massenversammlung. Die ersten Sätze stottere ich, verlegen und unbeholfen, dann spreche ich frei und gelöst und weiß selbst nicht, woher die Kraft meiner Rede rührt“ (Jugend, S.90). Die Menge hört begeistert zu, und Toller entdeckt, dass er die Gabe zu einem mitreißenden Redner hat. Die Menschen sind gebannt und spüren, dass dieser brillante Redner seinen Worten mit seiner ganzen Persönlichkeit und mit großer Leidenschaft Ausdruck verleiht. Toller ruft einen Streik aus, der durchgehalten werden soll, bis die Verhafteten alle wieder auf freiem Fuß sind. Dabei wendet er sich gegen den Krieg und tritt für einen „Verständigungsfrieden“ ein. Die Polizeispitzel empfinden seine Rede als überaus aufreizend“.

Die abgesandte Delegation hat wenig erreicht. Toller wird in ein neues Streikkomitee hineingewählt, das für eine Fortsetzung des Streiks werben soll. Am 1. Februar streiken 8000 Arbeiter von Krupp, Maffei und anderen Großbetrieben, die Kriegsmaterial herstellen. Toller wird in den nächsten Tagen zu einem der Hauptredner. Zum ersten Mal sieht er Möglichkeiten, „wie durch Massenaktionen gewaltlos gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen wären“ (Dove, S.64). Er erkennt den Massenstreik als äußerstes Mittel des revolutionären Kampfes und setzt auf die Idee der Einheitsfront über die Parteigrenzen hinweg. Immer wieder wird er in den folgenden Jahren dafür kämpfen, dass die fortschrittlichen Parteien zusammen agieren müssen.

Aber die Streiks sollten nicht mehr lange dauern. Die Führer der SPD hatten den Streik von Anfang an bekämpft und ihnen gelang es schließlich, sich an die Spitze der Streiks zu setzen, und sie erreichten durch eine Resolution, dass am 4. Februar die Arbeit wieder aufgenommen wurde.

Toller kommt ins Gefängnis

Noch am gleichen Tag wurde Toller verhaftet, obwohl der SPD-Vorsitzende Auer Straffreiheit zugesichert hatte. Er kommt ins Gefängnis an der Münchner Leonrodstraße, wo er bis zum Mai 1918 einsitzen wird. Und Toller weiß diese Zeit äußerst sinnvoll zu nutzen. „Ich lese jetzt die Werke von Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring, Luxemburg, Webbs. Eher aus Zufall denn aus Notwendigkeit war ich in die Reihen der streikenden Arbeiter geraten, was mich anzog, war ihr Kampf gegen den Krieg, jetzt erst werde ich Sozialist, der Blick schärft sich für die soziale Struktur der Gesellschaft, für die Bedingtheit des Krieges, für die fürchterliche Lüge des Gesetzes, das allen erlaubt zu verhungern und wenigen gestattet, sich zu bereichern, für die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, für die geschichtsbildende Bedeutung der Arbeiterklasse“(Jugend, S. 95).Toller schrieb später, er sei im Gefängnis von einem„Sozialist aus Gefühl“zu einem„Sozialist aus Erkenntnis“ geworden.

Und außerdem macht Toller erste Erfahrungen mit unsäglichen Haftbedingungen. Er sitzt in einem schmutzigen, verwanzten Gefängnis in Isolationshaft. Die Gefangenen essen Kriegsbrot mit Kleie vermischt, Kohlrübensuppe, Kohlrübenmarmelade, Kohlrübengemüse. Toller schreibt: „Immer sind wir hungrig.“ (Jugend, S. 96). Eine schikanöse Hausordnung quält die Häftlinge zusätzlich. Manche Gefangene halten dem Druck nicht stand und begehen Selbstmord. Toller notiert: „Sie schneiden sich mit Scherben die Pulsadern auf, sie zerreißen die Laken und binden aus den Streifen Stricke, sie stürzen sich übers Geländer der Treppe in den Steinkeller“(Jugend, S. 97). Schließlich tritt er in den Hungerstreik, weil er kein anderes Mittel mehr sieht, sich zu wehren. Jeden Tag wird Toller erneut vernommen. Was im Protokoll steht, ist entstellt und verzerrt. Er weigert sich zu unterschreiben. Schließlich wird er krank, bekommt hohes Fieber, niemand kümmert sich um ihn. Doch dann wird Toller ins Militärlazarett überführt. Dort sind die Haftbedingungen aber noch schlimmer. Zu sechst liegen sie in der Krankenstube. Zwei liegen in Betten, vier auf Strohsäcken auf dem Boden, es stinkt wie die Pest. Toller würgt ständig der Ekel. Es geht ihm immer schlechter. Schließlich muss er wegen Haftunfähigkeit entlassen werden.

Bis zu seinem Tod wird Toller sich immer wieder gegen unmenschliche Haftbedingungen in aller Welt wenden.

Seine nächste Station ist das Irrenhaus. Seine Mutter konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn wegen Landesverrats angeklagt war. Sie konnte es nicht fassen, dass ein Mensch aus bürgerlichem Hause sich der Arbeiterbewegung zugewendet hatte. Er müsse krank sein, sei schon als Kind so nervös gewesen. So kommt es zu einer psychiatrischen Untersuchung durch einen reaktionären Arzt, der ihn mehr beschimpft als behandelt. Aber er muss nach vier Tagen entlassen werden, es gibt einfach keinen Grund, ihn dazubehalten. So begibt er sich nach Berlin und später nach Landsberg zu seiner Mutter.

Tollers Beteiligung an der Revolution

Dann beginnt im Deutschen Reich die Revolution. Zunehmend war im vierten Kriegsjahr bei den Soldaten die Kriegsmüdigkeit gewachsen und der Wunsch nach baldigem Frieden immer größer geworden. Das Grauen des Krieges, die Verstümmelten und die vielen Toten setzten den Soldaten zu. Die militärische Disziplin verfiel immer mehr, und es kam immer häufiger zu Befehlsverweigerungen. Der Krieg war für jeden sichtbar verloren. Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands katastrophal war. Nicht nur die Industrie lag am Boden, sondern auch die Landwirtschaft. Die Zivilbevölkerung hungerte.

Am 28. Oktober 1918 machten die Matrosen in Wilhelmshaven den Anfang und weigerten sich, noch einmal in eine sinnlose Schlacht geschickt zu werden. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Ein Teil der Flotte wurde nach Kiel verlegt, um den Aufstand zu ersticken. Dort ging es aber erst richtig los. Riesige Demonstrationen wurden durchgeführt und ein Soldaten- und Arbeiterrat gebildet. Als eine Militärpatrouille die Demonstranten aufhalten wollte und die Waffen zog, gab es unter den Aufbegehrenden neun Tote. Das war das eigentliche Signal zur Revolution, die sich wie ein Flächenbrand über Deutschland ausbreiten sollte. In Berlin riefen am 9. November Philipp Scheidemann von den Mehrheitssozialdemokraten die Deutsche Republik“ aus und Karl Liebknecht von der USPD die „Freie sozialistische Republik Deutschland“.

In Bayern war nach 738 Jahren die Monarchie am Ende. Am 7. November veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. 60.000 Menschen kommen, 12 Redner sprechen gleichzeitig und im Anschluss ziehen einige tausend Demonstranten mit Kurt Eisner an der Spitze zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. In der Nacht wird Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten gewählt, der Freistaat ausgerufen und ein bayerischer Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Eisner war erst wenige Wochen vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, weil seine Partei; die USPD, ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hatte. Jetzt tritt er ins Zentrum des politischen Geschehens.

Ernst Toller liegt zu der Zeit mit einer schweren Grippe zu Hause bei seiner Mutter krank im Bett. Trotzdem fährt er am nächsten Tag nach Berlin und von dort nach München. Dort gelangt er sehr schnell in politische Funktionen. Er wird Mitglied des Provisorischen Nationalrats des Freistaates Bayern und außerdem zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Toller resümiert:„In der Kleinarbeit des Tages lerne ich die mannigfachen praktischen Nöte der Bauern und Arbeiter verstehen“ (Jugend, S. 113). Auch in der USPD spielt Toller bald eine größere Rolle und wird Zweiter Vorsitzender des Münchner Parteiverbandes.

Zu einer entscheidenden Frage wurde die Problematik, wie Parlament und Räte zusammenarbeiten sollten. Eisner forderte einen Freistaat, in dem die breitesten Massen jeden Tag bei den öffentlichen Angelegenheiten mitarbeiten. Mittels der Räte sollte diese direkte Demokratie organisiert werden. Sie sollten die Massen politisieren und an die politische Macht heranführen. Die Landtagswahlen wollte er hinauszögern, damit das Rätesystem Zeit habe, Wurzeln zu schlagen. Verzichten wollte er auf das Parlament allerdings nicht. Während Eisner und die USPD in erster Linie auf die Räte setzten, war die SPD diesen gegenüber misstrauisch und befürwortete ein Parlament, „von dem sie sich ein Maximum an Präsenz und Einfluss versprach“(Dove, S.83).

Toller war von Anfang an ein enthusiastischer Verfechter der revolutionären Räte gewesen. So begrüßte er beim ersten Treffen als Zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates die Räte mit den Worten, sie seien „die Träger der revolutionären Idee, die die Kraft in sich schließt, nicht nur die Wirtschaftsordnung der Welt umzugestalten, sondern auch den Geist der Menschen zu revolutionieren“(Dove, S.83). Toller glaubte, das Rätesystem werde allmählich den Landtag ablösen.

Doch schon bald sollten die Vertreter dieser Ansicht eine große Enttäuschung erleben. Auf dem Reichsrätekongress in Berlin vom 16. bis 21. Dezember 1918 hatten die Vertreter der SPD die Mehrheit und die Räte verzichteten freiwillig auf ihre Macht und dankten ab. Toller schreibt: „Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“ (Jugend, S. 113). Der Kongress sprach sich für Wahlen zum Reichstag aus. Für Toller war klar, dass so etwas in Bayern nicht passieren durfte und hoffte hier auf einen anderen Verlauf.

Dann kam am 12. Januar die Landtagswahl, und die Partei von Eisner und Toller, die USPD, erlitt mit nur 2,5% der abgegebenen Stimmen eine vernichtende Niederlage. Und Toller, der auch kandidiert hatte, schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Er und die anderen Anhänger des Rätegedankens sahen sich bestätigt, dass der Parlamentarismus nur wieder die alten Klassen an die Macht bringen würde. Aber ganz offensichtlich war es weder gelungen, der breiten Masse der Arbeiterschaft die Fortschrittlichkeit des Rätesystems zu verdeutlichen noch ihnen die revolutionsfeindliche Haltung der SPD vor Augen zu führen.

Während Toller anschließend noch einige Tage im Engadin Urlaub machte, wurde am 21. Februar Kurt Eisner auf dem Wege zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, von dem Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft, dem Nationalist Graf Arco auf Valley ermordet.

Die Mitglieder des Landtages liefen auseinander und ein neuer Zentralrat unter Vorsitz von Ernst Niekisch übernahm die Macht. Toller setzte sich jetzt vehement für ein Rätesystem ein. Der bayerische Rätekongress einigte sich aber nach verworrenen Verhandlungen auf eine sozialistische Regierung unter Johannes Hoffmann. Die Funktion der Räte war wieder eingegrenzt. Toller war inzwischen als Nachfolger von Eisner zum Vorsitzenden der USPD gewählt worden. Seine Partei mobilisierte jetzt die Massen für eine revolutionäre Räteregierung. Die Revolutionsbegeisterung stieg auch noch dadurch, dass am 22. März in Ungarn eine Räterepublik ausgerufen worden war. Alles lief jetzt auf die 1. Räterepublik in Bayern zu.

Toller hielt die Ausrufung aber noch für verfrüht, doch in der Nacht vom 6. auf den 7. April war es soweit. Allein die Kommunisten unter der Führung von Eugen Leviné machten nicht mit, sie meinten, dafür würden die Voraussetzungen noch fehlen und sprachen von einer Scheinräterepublik“.

Die 1. Räterepublik in Bayern wurde dennoch proklamiert und Ernst Toller zum neuen Vorsitzenden des Zentralrats gewählt. Die Räte waren jetzt im alleinigen Besitz der Macht. Geradezu fieberhaft ging die neue Regierung an die Arbeit. Der Landtag wurde für aufgelöst und die Regierung für abgesetzt erklärt. Toller gab eine Flut von Aufrufen und Erlassen heraus. Schon am folgenden Tag hieß es auf einem Plakat: „Brüder am Schraubstock, am Pflug, am Schreibtisch! Die Räterepublik ist proklamiert. Die Arbeiter in Stadt und Land haben die vollepolitische Macht und Verantwortung übernommen. Schwere Arbeit und Not des Alltags hat uns zu Brüdern gemacht. Es kommt nun darauf an, Schulter an Schulter gegen die Kapitalistenklasse vorzugehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. (…) Alle Sozialisten und Kommunisten müssen jeden engherzigen Parteienstandpunkt aufgeben und sich zu einer großen revolutionären Gemeinschaft zusammenschließen“ (Distl, S.59, Viesel, S. 347). Aber es blieb nicht viel Zeit, ja, es sollte nur eine einzige Woche sein. Toller kündigte die Vergesellschaftung der Industrie an, ließ Wohnraum für Bedürftige beschlagnahmen, die Pressezensur verhängen und organisierte die Entwaffnung der Bourgeoisie und den Aufbau der Roten Armee. Gleichzeitig bemühte er sich darum, die Kommunisten zu gewinnen, die bislang jegliche Mitarbeit versagten.

Inzwischen hatte aber schon längst die Konterrevolution mobil gemacht. Vor allem die Thule-Gesellschaft unter Rudolf Glauer hetzte gegen die Räterepublik. In einem Flugblatt heißt es: „Bolschewismus bedeutet zunächst Gewaltherrschaft des Verbrechertums unter jüdischer Organisierung und Leitung, Kampf gegen die rechtschaffene Mehrheit“(Schaupp, S.176).

Aber auch die Kommunisten machen gegen die Räteregierung Stimmung. In der „RotenFahne“ heißt es: „Nur Kommunisten können eine proletarische Räterepublik gründen. (…) Wir aber werden fieberhaft arbeiten an der Vorbereitung der wirklichen proletarischen Räterepublik“ (Schaupp, S. 180). Am 9. April treffen sich die Kommunisten im Kindlkeller und Leviné fordert, dass die aktuelle Räteregierung gestürzt werden und „anstelle des Zentralrats ein kommunistischer Rat gewählt werden“ müsse (a.a.O., S. 182) Schließlich stellt Leviné unter gewissen Umständen eine Beteiligung der Kommunisten an der Räterepublik in Aussicht.

Toller wirbt weiterhin für die Einigkeit des revolutionären Proletariats und sieht keine grundsätzlichen Widersprüche zur KPD.

Inzwischen haben sich die Minister der Regierung Hoffmann vollständig in Bamberg eingefunden und arbeiten mit voller Kraft am Sturz der Räterepublik.

Am Sonntag, den 13. April kommt es zum konterrevolutionären Palmsonntagsputsch. Die Bamberger Regierung machte gemeinsame Sache mit der Reaktion und auch der Thule-Gesellschaft und versuchte mit eigenen Verbänden die Räterepublik niederzukämpfen. Von der Firma Krupp und anderen Großindustriellen bekamen die Verschwörer insgesamt 100.000 Mark für die Finanzierung ihres Vorhabens. Anführer war der Sozialdemokrat Aschenbrenner. Da zogen aber bewaffnete Arbeiter und Soldaten ins Stadtzentrum und drängten die Putschisten in den Bahnhof zurück, den sie dann nach mehrstündigen Gefechten zurückeroberten. Der Putsch war niedergeschlagen.

Jetzt hielten Leviné und die Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, sich an die Spitze der Rätebewegung zu stellen. Toller trat zurück, bot aber seine weitere Hilfe an. Die Kommunisten bildeten die 2. Räterepublik mit einem fünfköpfigen Vollzugsrat mit Leviné und Levien und einem 15-köpfigen Aktionsausschuss. Leviné gab sich keinen Illusionen über die Aussichtslosigkeit der Lage hin, hielt es aber für die Pflicht der KPD, jetzt in die Bresche zu springen, „um die Ehre der Revolution zu retten“(Rosenberg, S. 70). Man hoffte auch, den revolutionären Kräften in anderen Teilen Deutschlands ein Beispiel zu geben. Der Aufbau der Roten Armee wurde vorangetrieben, Sozialisierungsmaßnahmen ergriffen, die Presse zensiert usw.. Aber die Ereignisse überschlugen sich jetzt.

Tollers Beteiligung am Kampf um die Räterepublik

Freikorps marschierten auf München zu. Bereits zwei Tage nach dem Palmsonntagsputsch war München von Weißgardisten eingekesselt.

Toller sieht sich jetzt in einem Gewissenskonflikt. Er hatte geschworen, niemals wieder Gewalt anzuwenden, war zum radikalen Pazifisten geworden. Jetzt fragt er sich, ob er diesen Schwur brechen durfte. „Ich musste es. Die Arbeiter hatten mir Vertrauen geschenkt, hatten mir Führung und Verantwortung übertragen. Täuschte ich nicht ihr Vertrauen, wenn ich mich jetzt weigerte, sie zu verteidigen, oder gar sie aufrief, der Gewalt zu entsagen?“ (Jugend, S.138). Rudolf Egelhofer, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, ernennt Toller zum Militärkommandant in München. Die Weißen sind im Norden im Anmarsch auf Allach. Unverzüglich bricht Toller auf. Es gelingt der Roten Armee, den Vormarsch der Weißen zu stoppen und sie nach Dachau zurückzudrängen. Egelhofer befiehlt Toller, Dachau mit Artillerie zu beschießen. Aber dieser ignorierte den Befehl, da er ihn für unnötig und politisch unklug fand, man bringe nur die Bauern gegen sich auf. Dafür trat er in Verhandlungen mit dem Feind. Er war zunehmend davon überzeugt, dass Verhandlungen mehr bringen würden als die direkte bewaffnete Konfrontation. Die Weißen sollten sich bis hinter die Donaulinie zurückziehen und die Hungerblockade gegen München aufgeben. Es gab eine zweistündige Verhandlungspause. Plötzlich eröffnete die Artillerie der Roten Armee das Feuer auf Dachau. Ein agent provocateur, wie sich später herausstellte, hatte den Befehl gegeben. Der Vormarsch der Roten Armee war nicht mehr zu stoppen, und es gelang tatsächlich, Dachau einzunehmen. Toller war unverhofft zum „Sieger von Dachau geworden. Dennoch wurde er von den Kommunisten heftig kritisiert. In der „Roten Fahne“ vom 28. April 1919 wurde ihm angesichts seines Versuches zu verhandeln „politische Unfähigkeit“ vorgeworfen. Solche Leute seien „Schwarmgeister und keine Politiker“. „Die Arbeiterklasse soll sich vor Toller und Genossen hüten.“

Leviné schäumte geradezu. Tollers eigenmächtiger Entschluss eines Waffenstillstandes habe den Gegnern die Atempause gegeben, die sie gebraucht hätten, um ihre Kräfte wieder zu sammeln. Tollers pazifistische Einstellung hätte praktisch zum Verrat geführt. Zudem hatte Leviné Toller den Befehl gegeben gehabt, die in Dachau gefangen genommenen Offiziere der Weißen Garden sofort zu erschießen. Toller hatte sich aber geweigert, diesen Befehl auszuführen und sie wieder freigelassen. Toller legt nach der Kritik an ihm sein Amt als Abschnittskommandeur nieder und kontert: „Die führenden Männer bedeuten für mich eine Gefahr für den Rätegedanken. Unfähig auch nur das Geringste aufzubauen, zerstören sie in sinnloser Weise.“Aber es steht natürlich außer Frage, dass Toller zwar für bestimmte Situationen die Notwendigkeit der Gewaltanwendung eingesehen hatte, in der Wirklichkeit sich dazu aber nicht in der Lage sah. Seine humanitären Vorstellungen über den grundsätzlichen Umgang der Menschen miteinander gewannen dann die Oberhand.

Angesichts der aktuellen Lage sollten diese Problematik und die damit zusammenhängenden politischen Divergenzen allerdings schon bald völlig bedeutungslos werden. Denn während in München noch der Sieg in Dachau gefeiert wurde, gab die Reichsregierung dem Ersuchen der Regierung Hoffmann um militärische Hilfe nach und schickte 20.000 Soldaten nach Bayern. Die Unabhängigen versuchten noch, Friedensverhandlungen aufzunehmen, aber Hoffmann ließ sich nicht mehr darauf ein und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation. Schon bald sollte es in München zu einem schrecklichen Blutbad mit an die 1200 Toten kommen. Die Rote Armee verteidigte die Stadt nach Kräften, war aber zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Am 3. Mai war ganz München in den Händen der Regierungstruppen.

Hochverratsprozess

Während der Anarchist Gustav Landauer, Freund Eisners und Mentor Tollers, brutal ermordet, der Kommandant der Roten Armee Egelhofer bei der Verhaftung sofort erschossen und Leviné zum Tode verurteilt wurde, gelang es Toller unterzutauchen. Ein Haftbefehl wurde erlassen und 10.000 Mark Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt. Ein Steckbrief mit seinem Foto war an jedem Rathaus zu sehen und an jeder Polizeistation in Bayern sowie in allen größeren Städten Deutschlands. In München wurde jede Arbeiterwohnung durchsucht, und Toller musste immer wieder sein Versteck wechseln. Überall wollte man ihn gesehen haben. Die Grenzpolizei wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Eisenbahnzüge wurden angehalten, Dörfer umzingelt. Toller hatte München aber gar nicht verlassen. Seine letzte Zuflucht war das Haus des Malers Johannes Reichel in Schwabing. Dort wurde er dann aufgrund einer Denunziation am 4. Juni 1919 verhaftet.

Toller wird wegen Hochverrat angeklagt und ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo er in Einzelhaft genommen wurde. Um seinen Prozess entzündeten sich in der Öffentlichkeit lebhafte Kontroversen. Die Linke und auch die liberale Presse versuchte, ein Todesurteil zu verhindern. Auch maßgebliche Intellektuelle und Politiker setzten sich für ihn ein. Eine Welle der internationalen Solidarität unterstützte die Verteidigung. Die Rechten hingegen forderten harte Bestrafung, und Ministerpräsident Hoffmann hielt nicht weniger als die „schwerste Strafe für die Volksverführer“ (Dove, S. 112) für angemessen.

Am 14. Juli 1919 begann unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess, bei dem von Anfang an ein antisemitischer Ton herrschte. Man versuchte zudem Toller und andere Führer der Revolution als „Landfremde“ zu denunzieren und ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Da das Todesurteil gegen Leviné mit dessen ehrloser Gesinnung“ gerechtfertigt worden war, versuchte nun die Verteidigung, Tollers ehrenhafte Gesinnung nachzuweisen. Zeugen bestätigten seinen Idealismus und seine moralische Integrität, bescheinigten seine Kameradschaft im Krieg und seinen Mut. Auch habe er sich als Zentralratsvorsitzender immer wieder bemüht, Blutvergießen zu vermeiden. Max Weber sprach von seiner „absoluten seelischen Lauterkeit“ und Thomas Mann bestätigte sein literarisches Talent. Toller selbst steht vor Gericht offen zu seiner revolutionären Gesinnung. „Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, daß Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, daß sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen“ (Toller, Jugend, S. 189).

Und er fügt hinzu: „Ich habe all meine Handlungen aus sachlichen Gründen, mit kühler Überlegung begangen und beanspruche, daß Sie mich für diese Handlungen verantwortlich machen. Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich infrage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern“.

Das Gericht befindet Toller des Hochverrats für schuldig, anerkennt aber eine „ehrenhafteGesinnung“ und verhängt eine Strafe von fünf Jahren Festungshaft.

Fünf Jahre Festungshaft

Toller kommt zunächst in die provisorische Festungshaftanstalt Eichstätt. Dort schreibt er in zweieinhalb Tagen sein zweites Drama „Masse Mensch“, „in dem er seine eigene Zerrissenheit zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und den realen Bedingungen gewaltsamer Revolution und Gegenrevolution verarbeitet“(Schaupp, S. 268). Am 15. November 1919 findet im Nürnberger Stadttheater die Uraufführung des Dramas ausschließlich vor Gewerkschaftsmitgliedern statt. Nach vier Aufführungen wird es verboten. Der Durchbruch kommt erst am 29. September 1921 an der Berliner Volksbühne, wo die Aufführung ein Riesenerfolg wird und die Kritiker total begeistert sind.

Das expressionistische Theaterstück „Masse Mensch“ besteht aus sieben Bildern, teils „Traumbildern“,„teils realen Bildern“. Die Personen sind „Figuren, die bestimmte Ideen und Haltungen repräsentieren“ (Dove, S. 132). Die Sprache ist leidenschaftlich und elliptisch, d.h., dass häufig mit Satzfragmenten gearbeitet wird. Mittels eines Chores wird versucht, ein Kollektivbewusstsein herzustellen.

Worum geht es? Die Protagonistin, „die Frau“,ruft zur Revolution auf, die sie gewaltfrei mittels eines Massenstreiks erreichen will. Sie steht für den „Menschen“ bezogen auf den Titel des Stückes und für das Prinzip der Menschlichkeit. Ihr Gegenspieler, der „Namenlose“, der für die „Masse“ steht, hält ihr vor, dass eine Revolution nur durch revolutionäre Gewalt möglich sei. Dieser dramatische Konflikt durchzieht das ganze Stück bis zum letzten Bild. Was nun tun? Gewalt anzuwenden bedeutet, die Ideale der Revolution zu betrügen, sie nicht anzuwenden heißt, die Revolution zum Scheitern zu verurteilen. Toller greift zur Lösung dieses Konflikts auf das expressionistische Motiv der Erlösung durch Selbstaufopferung zurück: Die Frau lehnt eine eigene Befreiung mittels Gewalt ab und nimmt ihre Hinrichtung an.

Der Schluss des Stückes bleibt damit aber unbefriedigend, denn das gesellschaftliche Problem ist nicht gesellschaftlich, sondern individuell gelöst. Das ist, wie wir vor Gericht gesehen haben, auch nicht Tollers eigene Überzeugung. Aber der Autor will offenbar im Hinblick auf sich selbst zeigen, wie schwer es bei einer pazifistischen Grundeinstellung fällt, sich zur Anwendung von Gewalt durchzuringen.

Während seiner Festungshaft schreibt Toller noch weitere Dramen, die sich alle mit der Revolution befassen, so 1920/21 „Die Maschinenstürmer“, 1921/22 „Hinkemann“, und 1923 „Der entfesselteWotan“. In künstlerischer Sicht waren die Jahre im Gefängnis seine produktivsten. Alle Dramen müssen in seiner Abwesenheit aufgeführt werden und haben großen Erfolg.

Wie waren nun die Haftbedingungen der Revolutionäre in Niederschönenfeld? Denn 1920 war von der bayerischen Regierung beschlossen worden, alle politischen Gefangenen, d.h. etwa 100 Akteure der Räterepublik, in der Festung Niederschönenfeld zu konzentrieren. Seit dem 16. August 1919 war eine „verschärfte Hausordnung“ erlassen worden, die durch ausgesprochene Willkür gekennzeichnet war so wie durch ein ausgeklügeltes Strafsystem. Alle Briefe und Zeitungen wurden streng zensiert, Lebensmittelpakete wurden geöffnet, Besuche eingeschränkt und nur noch unter Aufsicht gestattet. Bei Verstößen gegen die Gefängnisvorschriften kam es zu drakonischen Strafen wie generellem Besuchsverbot oder dem Entzug von Zeitungen und Schreibmaterial. Wer sich dagegen auflehnte, erhielt Einzelarrest bei Brot und Wasser oder wurde in eine Dunkelzelle gesperrt. Toller litt physisch wie psychisch. Zum Glück gelang es ihm, seine Manuskripte aus dem Gefängnis heraus zu schmuggeln. Die Ungerechtigkeiten, die er miterlebt, setzen ihm schwer zu. Als er sich für einen Mitgefangenen einsetzt, erhält er eine Briefsperre von sechs Wochen und 14 Tage Hofentzug. Am 26.4.1920 schreibt Toller „an den Herrn Festungsvorstand“: „Seit drei Wochen bin ich ohne eine Stunde Hofgang. Das ist eine Strafform, die nicht einmal im altenkaiserlichen Regime einem Zuchthausgefangenen zugemutet wurde. Seit zwei Wochen bin ich in Einzelhaft und darf weder Zeitungen halten noch Besuch empfangen, ohne den Grund dieser Strafen zu wissen (…)“ (Briefe aus dem Gefängnis, S.21). Toller spricht von „einer Kette widriger Entwürdigungen“ (Briefe, S. 71). Besonders trifft es ihn immer, wenn er mit Schreibverbot bestraft wird. Dann schreibt er, unter dem Tisch sitzend, heimlich beim Licht hereingeschmuggelter Kerzen. Immer wieder kommt er zu dem Fazit: „Gefängnis ist Schändung von Menschen“ (Briefe, S.77). Trotz allem schreibt er in einem seiner „Briefe aus dem Gefängnis“an eine Freundin: „Nicht Angst haben, ich lasse mich nicht unterbekommen, ich zerbreche nicht“(Briefe, S. 35). Aber er erlebt, dass „die zerstörerischen Wirkungen der Haft (…) den ganzen Menschen treffen“ (Briefe, S. 111). „Wir alle frieren, frieren, frieren. Die Kälte zermürbt den Körper ebenso wie den Geist, ich leide empfindlich darunter, ich kann kaum lesen, bin gnärrig, mürrisch, frei von jedem guten oder tröstlichen Gedanken, passe so recht zu meinen grauen Haaren“ (Briefe, S. 128). Als Toller 1922 das schreibt, ist er erst 29 Jahre alt. Aber die drei Jahre Haft haben seine schwarzen Haare grau werden lassen. Dennoch hat er eine Begnadigung anlässlich des großen Erfolgs seines ersten Dramas – wie erwähnt – ein Jahr zuvor abgelehnt, weil sie nicht auch für die anderen Mitstreiter der Räterepublik gegolten hätte. Am 15. Juli 1924 wird Toller aus der Haft entlassen und gleich des Landes verwiesen. Von zwei Kriminalbeamten eskortiert, wird er an die sächsische Grenze gebracht.

Das Schwalbenbuch

Noch im Gefängnis schrieb Ernst Toller im Jahre 1923 einen Gedichtzyklus, der heute als sein Hauptwerk gilt: „Das Schwalbenbuch“. Diese Gedichte sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt und machten Toller weltberühmt.

Inspiriert dazu hatten ihn Schwalben, die im Sommer 1922 in seiner Zelle nisteten. Er beschreibt in freien Versen seine Gefühle, die die Betrachtung der Vögel in ihm weckt. Ausgangspunkt ist der Tod eines Freundes, der in seiner Zelle gestorben ist, weil ihm medizinische Hilfe versagt blieb.

Ein Freund starb in der Nacht. Allein. Die Gitter hielten Totenwacht. Bald kommt der Herbst. Es brennt, es brennt ein tiefes Weh. Verlassenheit.“ Toller ist an einem seelischen Tiefpunkt angekommen. Er schreibt: „Nirgends blüht das Wunder.“ Und dann hört er die leisen Vogellaute. „Zirizi Zirizi Zirizi Zirizi Urrr“ Ganz langsam beginnt Toller zu begreifen, dass das Leben weitergeht: „Fort fort, Genosse Tod, fort fort, Ein andermal, später, viel später.“ Er sieht das Schwalbenpärchen. Nun ändert sich sein ganzes Leben im Gefängnis. Die schwarzen Berge weichen zurück vor „einem Farbenrausch sich entfaltender Orchideen“. „Mein Schwalbenpaar. Das Wunder ist da! Das Wunder! Das Wunder!“Die Schwalben sind für ihn, den Gefangenen, „die Vögel der Freiheit“. Und er ruft: „O bleibt Gefährten mir, Schwalben!“(Toller, Band 2, S. 327ff).

Einen Sommer lang lebten die Schwalben in seiner Zelle. Aber die Festungsverwaltung bekam mit, was er geschrieben hatte, und er musste seine Zelle wechseln. Die Schwalben kamen im nächsten Sommer wieder und fanden einen neuen Insassen vor. Kurz darauf rissen Aufseher das fast fertige Nest von der Wand. Die Schwalben fingen von vorne an. Wieder zerstörten die Wärter das Nest. Der Häftling, Rupert Enzinger aus Kolbermoor, schrieb an den Festungsvorstand, die Schwalben bitte ihr Nest bauen zu lassen. Ohne Erfolg. Auch dieser Gefangene wurde verlegt.

Toller ist von den Schwalben und ihrem Leben tief beeindruckt. Sie geben ihm Kraft, sie beleben ihn. Er bewundert ihren Nestbau, „ihr edel gewölbtes Nest“. Dann legen sie Eier. Toller schreibt: „Fünf festliche Tempel keimenden Lebens“. Er beobachtet die Aufzucht der Jungen, bewundert den Flug der Schwalben und schreibt: „Ich bin nicht allein.“

„Das Schwalbenbuch“ ist ein überaus ergreifendes Zeugnis davon, wie ein Mensch, der im Gefängnis droht zugrunde zu gehen, das Leben in Gestalt von einem Vogelpärchen wieder entdeckt. Und es wird auch die ganze Niedrigkeit der Gefängnisleitung sichtbar, die roh und gefühllos handelt, um die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Kurz zu dem erwähnte Kolbermoorer Maurerpolier Rupert Enzinger, dessen Biographie der Kolbermoorer Joseph Legath erforscht hat (Legath, Gedanken). Enzinger war am 10.7.1919 vom Standgericht München wegen Hochverrat zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden. Enzinger war aktiver Kolbermoorer Kommunist. In einem Bericht des Bezirksamts Aibling heißt es, er sei einer derjenigen, „die als Führer, Agitatoren und Hetzer gegen die Staatsordnung in Betracht kommen bzw. die sich ganz besonders im spartakistischen und bolschewistischen Sinne betätigen“ (StAM –LRA 47146). Außer Rupert Enzinger saßen in Niederschönenfeld noch drei weitere wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilte Kolbermoorer ein.

Das Schwalbenbuch“ wurde von der Gefängnisleitung als „Hetze“ bezeichnet, es wurde beschlagnahmt und konnte erst 1924 veröffentlicht werden, nachdem es durch einen entlassenen Häftling hinausgeschmuggelt worden war.

Die Jahre bis zum Exil 1933

Toller war inzwischen zum berühmtesten deutschen Dramatiker seiner Generation avanciert, dessen Stücke bereits in allen Theatermetropolen der Welt aufgeführt wurden. Und weitere neue Stücke sollten folgen wie „Hoppla, wir leben“,„Feuer aus den Kesseln“,„Nie wieder Friede“ und „Pastor Hall“. Die kommenden Jahre bildeten den Zenit seines Ruhms. Fast ständig erhielt er aus dem In- und Ausland Anfragen nach Vorträgen und Lesungen und unternahm deswegen z.T. ausgedehnte Reisen wie in die USA und die Sowjetunion, aber auch nach Ägypten, Palästina, Frankreich und England, nach Österreich, Dänemark und Norwegen, nach Italien, die Schweiz usw.. Er hielt Reden, gab Interviews, schrieb Aufsätze, nahm an Kongressen teil, mal auf Deutsch, mal auf Englisch oder Französisch. Er engagierte sich in den unterschiedlichsten politischen Angelegenheiten mit den Schwerpunkten politische Justiz, Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, Kulturpolitik sowie der Unabhängigkeit der Kolonien. Er zählte zu den führenden Mitgliedern der „Liga für Menschenrechte“ und trat der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ bei, deren Mitglied auch Kurt Tucholsky war. Die Gruppe vertrat den Standpunkt, Krieg sei das Ergebnis kapitalistischer Gesellschaft, Pazifismus sei daher nur innerhalb einer sozialistischen Weltordnung möglich.

Toller war trotz der langen Haft politisch absolut auf der Höhe seiner Zeit und schrieb ständig für die führenden politischen und literarischen Zeitschriften Artikel, vor allem für die berühmte „Weltbühne“, das Forum der demokratischen Linken schlechthin. Das Spektrum seiner Themen ist ausgesprochen breit, seine Kenntnisse fundamental. Ob er sich mit Heimarbeit im Erzgebirge oder dem sozialistischen Wien befasst, mit der Bewaffnung der Flotte oder der Kampagne zur Befreiung von Franz Hölz – immer ist Toller bestens informiert und überaus engagiert. Max Hölz war Führer einer Roten Armeeeinheit im Vogtland und wurde für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, den er nicht begangen hatte. Toller setzte sich in Artikeln für ihn ein, sprach auf Kundgebungen und sammelte Geld. 1928 kam Hölz frei. Hölz ist nur ein Beispiel von vielen, für die Toller kämpfe.

Sein politischer Scharfblick wird am deutlichsten in seinen Reden und Artikeln über den Nationalsozialismus. Hellhöriger als die meisten seiner Zeitgenossen schrieb er schon 1927: „Der Faschismus ist eine solche Gefahr für die europäische Arbeiterschaft, daß ich glaube, man sollte jede Offensive gegen ihn begrüßen“(Dove, S.179). In seiner Rede zum 10. Todestag von Kurt Eisner sagte er 1929: „Wir stehen vor einer Herrschaftsperiode der Reaktion. Glaube keiner, die Periode eines noch so gemäßigten, noch so schlauen Faschismus werde eine sehr kurze Übergangsperiode sein. Was jenes System an revolutionärer, sozialistischer, republikanischer Energie zerstört, ist kaum in Jahren wieder aufzubauen“(In Memoriam Kurt Eisner, in: Toller Bd.1, S. 168). Und schon eineinhalb Jahre später sagte er mit hoher Präzision voraus, welche Konsequenzen aus einer Machtergreifung der Nationalsozialisten resultieren würden, wie die Abschaffung sozialer Reformen, die Entfernung von SPD-Anhängern aus allen Machtpositionen, die Zerschlagung der Gewerkschaften und die Anwendung „nackten, brutalen Terrors gegen Sozialisten; Kommunisten, Pazifisten und die paar überlebenden Demokraten“ (Reichskanzler Hitler, in: Weltbühne, 7. Oktober 1930, nachgedruckt in: Toller, Bd.1, S.71). Er beschließt diesen Artikel mit den Worten: „Geschieht heute nichts, stehen wir vor einer Periode des europäischen Faschismus, einer Periode des vorläufigen Untergangs sozialer, politischer und geistiger Freiheit, deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwartenist.“ 1932 schreibt Toller: „Es gäbe nur noch ein Mittel, den Sieg des Faschismus zu vereiteln: Die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten Arbeiterklasse mit klar umrissenen Kampfzielen“ (Zur deutschen Situation, in: Toller, Bd.1, S.75).

Toller im Exil

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, gehörte Toller zu den ersten, die sie loswerden wollten. Zu den 33 Namen auf der Liste von Personen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, gehörte auch der seine. Zwei Stunden nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar drangen bereits SA-Leute in Tollers Wohnung ein, um ihn festzunehmen. Aber Toller war in der Schweiz, wo er in einer Reihe von Rundfunksendungen mitwirken sollte. In den darauffolgenden Monaten wurden Tollers Stücke verboten, seine Bücher verbrannt und sein Eigentum konfisziert. Am 1. April wurde er von Joseph Goebbels in einer seiner Hauptreden zum öffentlichen Feind des Dritten Reiches erklärt. Besonders hatte dieser sich darüber erregt, dass Toller einst geäußert hatte: „Es gibt kein dümmeres Ideal als das Ideal des Helden.“

Nach der Schweiz sind weitere Stationen seines Exils London und New York. Aus dem Ausland bekämpft er weiter mit über 200 Ansprachen, Vorträgen und Rundfunkreden das Naziregime und ist damit eine der wichtigsten und meist gehörten Stimmen der Aufklärung über das deutsche Terrorsystem. Er hält aber auch literarische Vorträge und arbeitet an Drehbüchern, Aufsätzen, Reportagen und Gedichten. Er setzt sich ein für die Freilassung von Ernst Thälmann und Carl von Ossietzky und kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die ins Exil fliehen mussten. Und immer wieder unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen wie vier Monate durch die USA und Kanada. Allein in Los Angeles hören ihm 6500 Menschen zu. Aber zwischendurch hat er immer wieder Anfälle von Mutlosigkeit und Verzweiflung, und Depressionen suchen ihn heim.

Auch die Liebe vermag ihn nur kurzfristig psychisch zu stabilisieren. 1935 heiratete er die 23 Jahre jüngere Schauspielerin Christiane Grautoff, die er seit 1932 kannte und die ihm ins Exil nach London gefolgt war. Drei Jahre lang stand sie ihm eng zur Seite und packte immer seinen Koffer, ohne einen Strick zu vergessen, den er immer dabei haben wollte. Auf die Dauer ertrug sie aber Tollers psychische Instabilität nicht mehr. Im Juli 1938 kam es zur Trennung.

Tollers letztes großes Projekt war ein gigantischer Hilfsplan für das von Bürgerkriegswirren zerrissene Spanien und seine hungernde Bevölkerung. Toller war überzeugt, dass nur eine vereinte Aktion aller demokratischer Regierungen erfolgreich den Kampf mit dem Hunger aufnehmen konnte. Aus dem umkämpften Madrid richtete er u.a. einen eindringlichen Appell an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Aber sein erhoffter Erfolg blieb aus und am 28. März 1939 marschierten Francos Truppen in Madrid ein. Tollers Stimmungslage schlug um.

Nach Wochen der Schlaflosigkeit und inzwischen chronischer Depression nahm er sich im Mayflower Hotel in New York am 22. Mai 1939 das Leben. Zur Gedenkfeier kamen über 500 Menschen. Eine der Grabreden hielt Oskar Maria Graf. Einer der Redner nannte Toller zurecht „ein Symbol der Revolution“.

Literaturverzeichnis

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Fuld, Werner und Ostermaier, Albert (Hrsg,), Die Göttin und der Sozialist, Christiane Grautoff – ihr Leben mit Ernst Toller, Bonn 1996

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Höller, Ralf, Das Wintermärchen, Berlin 2o17

Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008

Legath, Josef, Ernst Toller, Gedanken zu einem friedfertigen Revolutionär, in: Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.2, Kolbermoor 2004, S. 153 – 161

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Stenographische Berichte des Provisorischen Nationalrates des Freistaates Bayern von der Sitzung vom 2. Januar 1919

Toller, Ernst, 6-bändige Werke, hrsg. von Wolfgang Frühwald und John M. Spalek,

München 1979

Band 1: Kritische Schriften, Reden und Reportagen

Band 2: Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis 1918

– 1921

Band 3: Politisches Theater und Dramen im Exil 1927 –

1939

Band 4: Eine Jugend in Deutschland

Band 5: Briefe aus dem Gefängnis

Band 6: Der Fall Toller, Kommentar und Materialien

Ulrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

Viesel, Hansjörg, Literaten an der Wand, Frankfurt a.M. 1980, Ernst Toller, S. 329 – 410

Weidemann, Volker, Träumer, Als die Dichter die Macht übernahmen, Köln 2017

Internet

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Kultur, Der Dramatiker als Revolutionär, 13.1.2018 https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/bayerische-schriftsteller-toller100.htmal

Andreas Salomon, März 2018

1918 – 2018: 100 Jahre Novemberrevolution | 100 Jahre Räterepublik

Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2017 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung

Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben“ (Ernst Toller 1893-1939)

Vorwort

Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu der heutigen Veranstaltung und danke attac sowie allen anderen Mitveranstaltern, dass ich heute zur Räterepublik sprechen darf. Ich denke, das „Z“ ist genau der richtige Ort in Rosenheim, um revolutionäre Geschichte aufzuarbeiten und deren Bedeutung für uns heute sichtbar zu machen. Im kommenden Jahr ist die Novemberrevolution, die vom November 1918 bis zum Mai 1919 dauerte, 100 Jahre her und das ist, historisch betrachtet, eine kurze Zeitspanne, aber dennoch Ich fällt es uns schwer, sich vorzustellen, dass rote Fahnen von den Türmen der Münchner Frauenkirche herunterhingen, als mit dem Ende der bayerischen Monarchie nach 738 Jahren Herrschaft der Wittelsbacher eine neue Zeit angebrochen war. Bei Nacht und Nebel war der bayerische König Ludwig III nach Schloss Wildenwart geflüchtet, wobei sich die Flucht noch verzögerte, weil sein Chauffeur keinerlei Veranlassung mehr sah, für seinen König jetzt noch einen einzigen Finger krumm zu machen.

Angriffe der Nazis auf die Gedenktafel in Kolbermoor

Wie lebendig die Räterepublik in unserer Region auch heute noch ist, konnte man in den letzten Jahren weniger daran sehen, wie sehr sie innerhalb der Linken diskutiert wurde, sondern eher daran, dass sie innerhalb der Rechten immer noch Hass und blindwütige aggressive Attacken auslöst. Ich spreche von den vier Angriffen auf das Denkmal in Kolbermoor, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Rosenheim, 1999 für den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn aufgestellt hat. Erschreckend ist dabei auch, dass sich die Zerstörungswut der Nazis immer mehr steigerte und auch die Mittel wurden aufwendiger, die dabei eingesetzt wurden.

Die erste Tafel, die aus Kunststoff bestand, wurde nach kaum einem Jahr mit blauer Farbe völlig zugesprüht und damit unbrauchbar gemacht.

Drei Jahre später erfolgte dann eine weitere Attacke. Diesmal ein Säureanschlag auf die neue Gedenktafel.

Zwischen dem zweiten und dritten Angriff ereignete sich 2009 eine üble Provokation während eines Rundganges, den ich in Kolbermoor auf den Spuren der Räterepublik durchführte. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns damals auf die Provokation nicht ein. So mussten sie sich eine Stunde lang über die Kolbermoorer Rätezeit informieren lassen. In dem Auto, in das sie anschließend einstiegen, lagen Naziflugblätter.

Und dann kam der nächste, der dritte Anschlag 2015. „Noske, do it again!“ und zwei Hakenkreuze waren mit Riesenbuchstaben auf die Tafel gesprüht. Die Botschaft war eindeutig. Als es um die Niederschlagung der Revolution 1918/19 ging, war es allen voran der Reichswehrminister Gustav Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund sein, ich scheue die Verantwortung nicht“, hatte der SPD-Minister damals gesagt. Wenn also die Nazis auf die Gedenktafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun, so ist das eine unmissverständliche Aufforderung, dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und uns für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

Und dann kam 2015 der vierte, der letzte Anschlag auf diese Tafel, der deutlich eine neue Qualität aufwies. Jetzt ging es nicht nur darum, die verhasste Schrift unlesbar zu machen, sondern darum, die gesamte massive Tafel zu zerstören. Mit einem schweren Vorschlaghammer wurde die äußerst stabile Marmortafel zertrümmert, um das Denkmal endgültig zu beseitigen. Wir haben es aber bis jetzt so stehen lassen, denn die Schrift ist noch lesbar und so kann jeder sehen, was passiert ist. Zum 100. Jubiläum werden wir allerdings am 11.11.2018, dem Tag der Gründung des 1. Volksrates in Kolbermoor, eine neue Tafel aufstellen. Auf einem Zementfundament wird ein großer Nagelfluhquader liegen und auf diesem die Tafel errichtet werden, deren Schrift gelasert wird. Die Erinnerung an die Revolution lassen wir uns nicht nehmen und das ist auch der Sinn der heutigen Veranstaltung.

Kriegsmüdigkeit und „Dolchstoßlegende“

Um aber die Kolbermoorer Rätezeit und auch die in Rosenheim sowie die Münchner Räterepublik besser verstehen zu können, muss der historische Rahmen, in den alles eingebettet ist, nämlich die Novemberrevolution, betrachtet werden. Dazu ist ein Blick auf die politische Situation im Deutschen Reich des Jahres 1918 zu werfen. Vier Jahre schon dauert der äußerst brutale 1. Weltkrieg. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung auch in Bayern ist spätestens nach den verlustreichen Schlachten um Verdun nichts mehr übrig geblieben. Das deutsche Heer ist kriegsmüde, die Soldaten und auch die Bevölkerung sehnen den Frieden herbei. Zudem hat man mit großer Aufmerksamkeit die revolutionären Ereignisse im Oktober 1917 in Russland verfolgt und gesehen, dass ein gesellschaftlicher Umsturz machbar ist.

Am 28. Januar 1918 beginnt dann in Berlin ein großer Streik von 400.000 Arbeitern, der eine Woche dauert und an dem über eine halbe Million Menschen teilnehmen. Schon hier wählten die Delegierten der Berliner Betriebe einen „Arbeiterrat“. Demonstrationen in vielen anderen Städten wie in Nürnberg folgen. Die Streikenden fordern, dass sofort Friedensverhandlungen aufgenommen werden sowie die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Reaktion der Regierung war: Die streikenden Betriebe wurden unter militärische Leitung gestellt, Versammlungen und Demonstrationen verboten, Gewerkschaftshäuser geschlossen, Zeitungen am Erscheinen gehindert und der verschärfte Belagerungszustand verhängt. Die Streikwelle erfasste auch München, wo ein gewisser Kurt Eisner als Streikführer ins Gefängnis kam.

Unter dem Einfluss der wachsenden Unzufriedenheit in der Industriearbeiterschaft wurden von Seiten der Regierung Reformen in Aussicht gestellt. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten und im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin. Im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen zum Gegner über. In den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Sie wollten nicht mehr an der Westfront für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 versammelte sich die gesamte Führungsspitze des wilhelminischen Deutschlands im Hauptquartier im belgischen Spa, um aus dem Munde Hindenburgs (Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes, Oberste Heeresleitung) und Ludendorffs (Generalmajor, OHL) zu vernehmen, was längst alle wussten, dass der Krieg verloren war. Offiziell hielt man diese Erkenntnis aber fortan geheim.

Um ihre Haut noch zu retten, strebten die Führungseliten des Kaiserreiches jetzt eine Parlamentarisierung an. Jetzt sollten sogar die Mehrheitssozialdemokraten beteiligt werden. Im Grunde war es aber ein Versuch, die Verantwortung für die bestehende Niederlage auf die Sozialdemokraten und andere demokratische Politiker abzuwälzen. Es entstand die „Dolchstoßlegende“, eine Verschwörungstheorie, die besagte, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle ´vaterlandslose´ Zivilisten aus der Heimat einen ´Dolchstoß von hinten´ erhalten. Nicht die grenzenlose Machtpolitik und die Überschätzung der eigenen Kräfte sowie die sture Blockadepolitik gegen jedwede Reformen habe in den Abgrund geführt, sondern die Front sei geschwächt worden durch die Politik der Sozialdemokraten. Der Versuch des Übergangs zur parlamentarischen Demokratie kam aber zu spät. Die Bemühungen, der Revolution „von unten“ durch eine Reform „von oben“ zuvor zu kommen, scheiterten. Der amerikanische Präsident Wilson drängte auf die Abdankung Wilhelm II, doch dieser hoffte noch darauf, dass der Einsatz der Marine eine Kriegswende herbeiführen könnte. Aber gerade bei der Marine hatten soziale Ungleichheit und militaristische Willkür besonders empörende Auswüchse angenommen. So verweigerten die Matrosen auf den vor Wilhelmshaven ankernden Schlachtschiffen den Befehl zum Auslaufen und lösten dadurch die Novemberrevolution aus.

Wirtschaftliche Lage Deutschlands

Während die Matrosen sich weigerten, sich in einem aussichtslosen Krieg noch verheizen zu lassen und damit die Revolution auslösten, sind deren Ursachen darin zu sehen, dass Deutschland sich in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise befand. Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft waren zerrüttet. Die industrielle Gesamtproduktion war gegenüber 1913 auf 57 Prozent zurückgegangen, obwohl die Rüstungsindustrie gewaltig gewachsen war. Große Bereiche der Konsumgüterindustrie und andere für die Versorgung der Bevölkerung wichtige Industriezweige waren weitgehend eingeschränkt oder sogar stillgelegt worden. Die Textilindustrie arbeitete fast nur noch für die Ausrüstung der Armee und war auf 17 Prozent des Vorkriegszustandes gesunken. Überall war die Industrie auf den Krieg ausgerichtet.

Aber auch die Landwirtschaft lag 1918 um 40 -60 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Sowohl die Anbauflächen und die Hektarerträge der landwirtschaftlichen Kulturen als auch die Viehbestände waren stark zurückgegangen. Die Regierung war unfähig, eine auch nur einigermaßen geregelte Versorgung und Ernährung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 1918 im Verhältnis zum Friedensverbrauch durchschnittlich etwa bei Fleisch nur noch 20 Prozent. So nahm die Lebensmittelkrise katastrophale Ausmaße an. Zudem waren die Preise für Lebensmittel um das Zwei- bis Fünffache, die Preise für Bekleidung und Schuhwerk rund um das Drei- bis Siebenfache gegenüber 1913 gestiegen. Die Reallöhne der Arbeiter lagen aber etwa 25 Prozent unter dem Vorkriegsstand. Die Arbeitszeit war schon seit Anfang 1915 erheblich verlängert worden. Mehr als 60 Prozent der Groß- und Mittelbetriebe der Berliner Rüstungsindustrie hatten die tägliche Arbeitszeit von etwa neun Stunden vor dem Krieg auf zehn bis zwölf Stunden erhöht. Auch sonntags musste regelmäßig bis zu sechs Stunden gearbeitet werden. Hinzu kam auch noch, dass viele Arbeiterfrauen, deren Männer zum Militärdienst eingezogen waren, in die Kriegsindustrie gehen mussten, um für sich und die Familie den Lebensunterhalt zu verdienen. Unter den werktätigen Massen herrschte bittere Not. Hunger und Unterernährung untergruben die Gesundheit der Bevölkerung und Krankheiten und Epidemien forderten viele Opfer. In einer Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung heißt es: „Getrieben von Profitgier und Eroberungssucht hatten die deutschen Imperialisten und Militaristen das deutsche Volk ins Verderben geführt.“

Entwicklung der Revolution in Deutschland

In den letzten Tagen des Oktober hatte die revolutionäre Stimmung in Deutschland einen solchen Grad erreicht, dass der Abgeordnete Otto Rühle, der zur SPD und später KPD in Dresden gehörte, in der Reichstagssitzung am 25. Oktober offen zur Absetzung und Bestrafung des Kaisers, zur Revolution und zum Kampf für den Sozialismus aufrufen konnte. Die Führung der Spartakus-Gruppe plante, die Revolution durch einen Generalstreik in Berlin, der in den bewaffneten Aufstand übergehen sollte, einzuleiten. Doch es kam, wie erwähnt, anders. Die deutsche Seekriegsleitung machte den verbrecherischen Versuch, die gesamte deutsche Hochseeflotte, die am 28. Oktober in Wilhelmshaven zusammengezogen worden war, zu einem letzten verzweifelten Kampf gegen die überlegenen britischen Seestreitkräfte einzusetzen. Da meuterten die 80.000 Matrosen. Bereits am kommenden Tag hatte der Aufstand einen großen Teil der Flotte erfasst. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge.

Um die Situation zu entspannen, entschloss sich die Marineführung, die vor Wilhelmshaven ankernde Flotte auseinanderzuziehen. Das III. Geschwader, das unruhigste von allen, nahm am 31. Oktober Kurs auf Kiel. So konnte sich der Funke der Revolte zum Flächenbrand ausweiten. Denn in keinem anderen Ort waren die Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären Bewegung so günstig wie gerade in der Ostseestadt. Hier waren 50.000 Militärangehörige stationiert. Und hier gab es auf den Großwerften und in den Zulieferbetrieben der Metallindustrie eine vieltausendköpfige radikalisierte Arbeiterschaft.

Am 1. November 1918 lief das Geschwader im Kieler Hafen ein. Am Nachmittag des 3. November wurde eine Versammlung auf dem großen Exerzierplatz abgehalten, an der 5000 bis 6000 Menschen teilnahmen. Am Ende wurde beschlossen, die Marinearrestanstalt aufzusuchen, um die dort Inhaftierten, die in Wilhelmshaven den Befehl verweigert hatten, zu befreien. Auf dem Marsch dorthin stellte sich den Demonstranten eine Militärpatrouille entgegen, die das Feuer eröffnete. Neun Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Das war die Initialzündung für den Aufstand. Die Offiziere auf den Schiffen wurden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Die Matrosen stürmten eine Kaserne nach der anderen und bemächtigten sich der Waffen und befreiten die gefangenen Matrosen. Am 5. November traten die Kieler Arbeiter in einen Generalstreik. Ein Soldatenrat wurde gebildet, der erste in Deutschland, und kurz darauf auch ein Arbeiterrat. In Kiel waren die Aufständischen vollständig im Besitz der Macht.

Der Kieler Gouverneur Admiral Wilhelm Souchon hatte sich bereits am 3. November mit der dringlichen Bitte an die Berliner Regierung gewandt, „wenn möglich (einen) hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen.“ Die Mehrheitssozialdemokraten sandten keinen anderen als den wehrpolitischen Experten der Fraktion Gustav Noske. Dieser, weil Sozialdemokrat, wurde von den Matrosen am Kieler Hauptbahnhof begeistert empfangen. Er ließ sich zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählen und dann auch noch zum Gouverneur, um die Entwicklung in Kiel unter seine Kontrolle zu bringen und in geordnete Bahnen zurückzulenken. Doch das Ziel, den „Unruheherd“ an der Ostsee zu isolieren, misslang.

Von Kiel aus breitete sich die Aufstandsbewegung in wenigen Tagen über ganz Norddeutschland aus. Die Kieler Matrosen waren es, die die Flamme des Aufruhrs nach Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Bremerhaven, Bremen und Hamburg trugen. In Hamburg versammelten sich über 10.000 Menschen und der bewaffnete Aufstand begann. Ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet und am 6. November versammelten sich über 40.000 Arbeiter, Matrosen und Soldaten und bildeten einen riesigen Demonstrationszug. Auch in Hamburg lag die Macht faktisch beim Arbeiter- und Soldatenrat. In vielen anderen Städten geschah ähnliches. Bis zum 8. November waren auch Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Magdeburg, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt a. Main und viele andere mittel- und süddeutsche Städte in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. In München war es, wie noch darzustellen sein wird, inzwischen auch zur Ausrufung der Republik gekommen.

Berlin war in Alarmstimmung. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert verlangt die sofortige Abdankung des Kaisers. Nur so könne die Revolution noch verhindert werden. Am 9. November kommt es in Berlin zum Generalstreik. Der letzte Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches Prinz Max von Baden verkündet die Abdankung des Kaisers, ohne dass dieser zugestimmt hat. Am 10. November begab sich der Kaiser dann aber doch ins Exil nach Holland. Tags zuvor hatte Philipp Scheidemann (MSPD) vom Balkon des Reichstages die Deutsche Republik ausgerufen und Karl Liebknecht (USPD) vom Balkon des Berliner Schlosses „die freie sozialistische Republik Deutschland“. Hier zeichnete sich bereits die Frontlinie der kommenden Auseinandersetzungen ab. Während Ebert, Scheidemann und ihre Anhänger ein Höchstmaß an Kontinuität des alten Staatsapparates sichern und die Arbeiter – und Soldatenräte so rasch wie möglich ihrer Machtpositionen entkleiden wollten, sahen die Linken um Liebknecht in den Räten die geeigneten Organe für die angestrebte Weiterführung der Revolution im sozialistischen Sinne.

Eben erwähnte ich die Begriffe MSPD und USPD. Diese müssen hier kurz erläutert werden. Am 4. August 1914 hatte die SPD im Reichstag der Bewilligung der Kriegskredite zugestimmt. Das hatten aber einige nur mit großen Bauchschmerzen getan. Zunehmend entwickelte sich innerhalb der SPD eine Opposition. Seit Frühjahr 1915 gab es praktisch zwei Gruppierungen: Die radikale Linke sammelte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und nannte sich „Gruppe Internationale“ und seit 1916 „Spartakusgruppe“. Der gemäßigte Flügel unter dem Parteivorsitzenden Hugo Haase wollte weiterhin die parlamentarische Bühne nutzen und wurde jetzt MSPD (Mehrheitssozialdemokraten) genannt. Schließlich kam es zur Spaltung. Anfang April 1917 konstituierte sich in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), zu der auch die Spartakusleute gingen. In der USPD sammelten sich jene Kräfte, die gegen eine Weiterführung des Krieges waren und eine Zusammenarbeit mit der Regierung strikt ablehnten. Die KPD gab es noch nicht. Sie wurde erst am 1.1.1919 gegründet, um der sozialistischen Republik Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

Aber zurück zur Entwicklung der Revolution! Bereits am 10.(!) November, also nur einen Tag später nach der Ausrufung der beiden Republiken, hatte Wilhelm Groener, nach Hindenburg der wichtigste Mann in der Obersten Heeresleitung, über Telefon Kontakt zu Ebert (MSPD) aufgenommen und ihm mitgeteilt, dass das Offizierkorps von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus fordere und dafür zum Einsatz bereit sei. Anstatt dieses Ansinnen entrüstet von sich zu weisen, ging Ebert darauf ein und es kam von da an zu täglichen Besprechungen mit Groener.

Ohne die Entwicklung jetzt im Einzelnen zu verfolgen, soll noch auf das Ende der Novemberrevolution in Deutschland eingegangen werden, bevor ich zur Münchner Räterepublik komme. In den ersten Monaten des Jahres 1919 gab es in mehreren Gegenden Deutschlands Aufstände, Generalstreiks und Versuche, eine Räterepublik zu gründen. In dieser Phase kam es auch zum Spartakusaufstand, der von Gustav Noske als Volksbeauftragtem für Heer und Marine niedergeschlagen wurde. Anlass war die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) am 4.1.1919 durch den Rat der Volksbeauftragten unter Führung Friedrich Eberts. Am 15. Januar wurden (mit offizieller Billigung, wie man heute weiß) Rosa Luxemburg (KPD) und Karl Liebknecht (KPD) ermordet, die die „Rote Fahne“ herausgaben, und von ihren politischen Gegnern als Hauptfeinde angesehen wurden und schon länger einer ständigen Verfolgung ausgesetzt waren.

Ende Januar entschied die Reichsregierung, gegen die Bremer Räterepublik gewaltsam vorzugehen. Trotz eines Verhandlungsangebotes der Gegenseite befahl Noske den Freikorpsverbänden, in die Stadt einzumarschieren. Bei den folgenden Kämpfen kamen etwa 400 Menschen ums Leben. Als Reaktion darauf kam es in Berlin, Sachsen, Oberschlesien, im Rheinland und im Ruhrgebiet zu Massenstreiks. Einige davon zielten darauf ab, die Revolution weiterzutreiben, etwa die Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet. In Berlin begann am 4. März ein Generalstreik, zu dem die Arbeiterräte aufgerufen hatten, um die Anerkennung und dauerhafte Etablierung der Räte, eine demokratische Militärreform und Sozialisierungen durchzusetzen. Rund eine Million Beschäftigte beteiligten sich daran und brachten das Wirtschaftsleben und den Verkehr völlig zum Erliegen. Als Militär intervenierte, wurde die Ausdehnung der Streiks auf die Versorgungsbetriebe beschlossen. Reichswehrminister Noske setzte seine Truppen gegen die Streikenden ein. Sie töteten bis zum 16. März mindestens 1200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete sowie völlig Unbeteiligte. Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Am längsten aber hielt sich die Münchner Räterepublik und am allerlängsten bestand die Räterepublik in Kolbermoor, wie zu zeigen sein wird.

Allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage 1918 in Bayern

Bezüglich der Revolution in Bayern soll zunächst ein Blick auf die wirtschaftliche und soziale Lage Bayerns im Jahres 1918 geworfen werden.

Auch in Bayern waren die Lebensbedingungen der Masse der Menschen zunehmend unerträglich geworden. Der Krieg und seine Folgen hatten die gesellschaftlichen Grundlagen der Monarchie untergraben und sozialen Sprengstoff freigesetzt. Die Tage der Monarchie waren gezählt.

Aus Bayern zogen 910.000 Soldaten 1914 in den Krieg, die meisten von ihnen voller Begeisterung, die aber nicht lange anhalten sollte. Über 400.000 bayerische Frontsoldaten wurden verwundet, 180.000 kehrten nicht mehr zurück. Verbittert sprachen die Bayern von „Kanonenfutter“ für Berlin. Die Einflusslosigkeit des bayerischen Königs Ludwig III auf den deutschen Kaiser und seine preußischen Minister war deutlich zu spüren. Zudem zermürbte die Menschen die Erfahrung des massenhaften Sterbens an den Fronten.

Aber auch die Zivilbevölkerung litt erheblich. Aufgrund der englischen Seeblockade und mehrerer Missernten kam es zu ernsten Versorgungsengpässen. Nicht nur Arbeiter, sondern auch Angestellte und Beamte mussten eine erhebliche Verschlechterung ihres Lebensstandards hinnehmen. Alle lebensnotwenigen Güter wurden auch in Bayern teurer. Die Reallöhne sanken ebenfalls, gleichzeitig wurden die Arbeitszeiten verlängert – besonders in den Rüstungsbetrieben. Es gab immer mehr „wilde Streiks“, denn die Gewerkschaftsleitungen hatten seit Kriegsbeginn auf alle Arbeitsniederlegungen verzichtet.

Die Behörden zeigten sich zunehmend auch unfähig, die wenigen Lebensmittel gerecht zu verteilen. Schlangen vor Lebensmittelgeschäften gehörten zum Alltag. Die Stimmung unter den Arbeitern wurde immer gereizter. Es kam zu Hungerrevolten und zu Demonstrationen für „Brot und Frieden“. Rathäuser wurden gestürmt und die Polizei reagierte meist auch noch mit ausgesprochener Härte. Über den ersten großen Hungerkrawall im Juni 1916 auf dem Münchner Marienplatz berichtet als Augenzeuge der Anarchist Erich Mühsam, wie die Polizisten einfach in die Menge ritten und mit Säbeln nach rechts und links auf die Menschen einschlugen. Insgesamt verhungerten während des Krieges eine dreiviertel Million Menschen.

Mit zunehmender Dauer des Krieges verbanden sich Missstimmung über die materiellen Not und Kriegsmüdigkeit mit sozialer Kritik und politischem Protest. Während der Schleichhandel blühte, landete der größte Teil der auf dem Schwarzmarkt gehandelten Waren in den Vorratskellern der Vermögenden. Die Lebensmittel mussten rationiert werden. Aber auch die Versorgung mit Holz und Kohle gelang nicht mehr. So wuchsen die Zweifel an der bayerischen Obrigkeit. Der Wunsch nach Frieden wurde immer größer.

Beginn der Revolution in Bayern | 7.11.1918 – 21.2.1919 | 1. Phase der Revolution

Anfang November wurde dann die Situation als ausgesprochen explosiv empfunden. Am 7. November 1918 veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Um 15 Uhr beginnt die Kundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern Es sprechen an verschiedenen Stellen 12 Redner, unter anderem Erhard Auer, Vorsitzender der bayerischen SPD, der Bauernvertreter Ludwig Gandorfer (USPD) sowie Kurt Eisner. Einige Redner wollen die Leute beruhigen und weisen auf kommende Reformen hin, andere fordern ein sozialistisches Rätesystem. Eisner, der Vorsitzende der USPD, hatte sich mit seinen Anhängern bereits zu Beginn der Kundgebung im Norden der Theresienwiese aufgestellt, um anschließend schnell und möglichst, ohne aufgehalten zu werden, zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden. Dann setzte sich ein Zug der Demonstration Richtung Friedensengel in Bewegung, wo er sich nach einer weiteren Rede auflöste.

2000 weitere Demonstranten unter Führung von Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer ziehen von einer Kaserne zur anderen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. Bis zum Abend sind alle Kasernen, Ministerien, das Polizeipräsidium, Bahnhof, Post, Telegrafenamt und alle wichtigen Zeitungsreaktionen in der Hand der Revolutionäre. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft. Kurt Eisner wird zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Baiern gewählt und ruft einen Tag später den „Freistaat Baiern“ aus.

Es soll an dieser Stelle der Frage nachgegangen werden, wer Kurt Eisner, der die erste Phase der Münchner Räterepublik prägte, eigentlich war. Kurt Eisner wird in Berlin am 14. Mai 1867 geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, besaß in Berlin ein Militärbekleidungsgeschäft. Eisner studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete als Journalist. 1897 muss er wegen Majestätsbeleidigung für neun Monate ins Gefängnis. Sieben Jahre war er beim SPD-Organ „Vorwärts“ tätig, später bei anderen Zeitungen. Zunächst stimmte er noch mit seiner Partei für die Bewilligung der Kriegskredite und die Politik des Burgfriedens. Als er sich aber näher mit den Kriegsursachen vertraut machte und die führende Rolle Deutschlands erkannte, wandelte sich seine Position und er wurde zum entschiedenen Kriegsgegner und engagierte sich gegen die Fortführung des Krieges und für einen sofortigen Friedensschluss. Er kommt zu der Überzeugung, dass nur die Revolution den Krieg beenden und einen wirklichen demokratischen Neuanfang gewährleisten kann. Beeinflusst war er in vielem von seinem Freund Gustav Landauer. Eisner verbüßte ab Januar 1918 bis zum Oktober eine Haftstrafe wegen seiner führenden Beteiligung beim großen Munitionsarbeiterstreik der Münchner Arbeiter. Der SPD gelang es, den Streik unter ihre Kontrolle zu bringen und zu beenden. Am 14. Oktober muss Eisner entlassen werden, weil seine Partei (inzwischen die USDP) ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hat. So war es ihm möglich, der gerade drei Wochen in Freiheit ist, bei der großen Demonstration am 7. November diese eben beschriebene bedeutende Rolle zu spielen

Wenn er den Begriff „Freistaat Bayern“ wählte, dann meinte er damit ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Von beiden Türmen der Frauenkirche hängen wie erwähnt jetzt weithin sichtbar riesige rote Fahnen.

Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD. Neben Kurt Eisner als Ministerpräsident wird Erhard Auer (SPD) Innenminister, der zum großen Gegenspieler Eisner werden soll. Kultusminister ist Johannes Hofmann, der später bei der Niederschlagung der Räterepublik eine verhängnisvolle Rolle einnehmen wird. Bis zu den ersten freien Wahlen tritt ein provisorischer Nationalrat an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie. Dieser besteht aus Vertretern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes. Erstmalig in Deutschland sitzen jetzt auch Frauen in der Regierung. War zwar die Politik während der Räterepublik im Wesentlichen noch von Männern bestimmt, so gab es auch sehr fortschrittliche Frauen.

Da über die politische Arbeit der Frauen meistens hinweggesehen wird, sollen jetzt stellvertretend für alle an dieser Stelle Anita Augsburg und Gustava Heymann kurz vorgestellt werden. Anita Augspurg wird am 22.9.1857 in Verden an der Aller geboren. Zu der Zeit leiden die Frauen unter ihrer gesellschaftlich erzwungenen Unmündigkeit. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie höheren Schulen und Universitäten war ihnen genauso verwehrt wie die meisten Berufe. Sie müssen meist unqualifizierte Arbeit leisten und werden schlecht bezahlt. Anita Augspurg kam aus sogenanntem gutem Hause, befreite sich von ihren gesellschaftlichen Zwängen, ging auf ein Lehrerinnenseminar nach Berlin, nimmt Schauspielunterricht und übersiedelt in das liberale München. Dort kommt sie bald in Kontakt mit der dortigen Frauenbewegung. Anita Augspurg hält erste Reden, organisiert Diskussionsabende und verfasst politische Schriften zur Frauenbildung und zum Frauenstimmrecht. Seit 1893 studiert sie in Zürich Jura und promoviert als erste deutsche Juristin. Auf dem ersten „Internationalen Frauenkongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ lernt sie Gustava Heymann kennen, mit der sie fortan politisch eng zusammenarbeitet. Anita Augsburg gehört bald in München dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Frauenbildung, die zivilrechtliche Stellung der Frau und das Frauenwahlrecht werden zu ihren entscheidenden politischen Anliegen. Während des 1. Weltkrieges sind Augspurg und Heymann radikale Pazifistinnen. Ihr Einsatz gilt nun internationalen Frauen-Friedensbewegungen. Am 19. November 1918 findet in München die erste große Frauenversammlung statt. Gustava Heymann fordert die Gründung eines eigenen Frauenrates, der Frauen Zugang zu allen Berufen schaffen soll, denn 40.000 Arbeiterinnen sind aus den Rüstungsbetrieben nach Hause geschickt worden. In den Arbeiter- und Bauernräten sind kaum Frauen vertreten. Frauen leisten aber in allen Phasen der Revolution ihren Beitrag. So kämpfen sie sogar später am Münchner Hauptbahnhof furchtlos an vorderster Front.

Eisner, der sich zum Sozialismus bekennt, setzt in der kommenden Zeit auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren und letztere kontrollieren. Außerdem haben sie die politische Aufgabe, die Menschen von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die Räte, von denen es in Bayern bald über 7000 gibt, nach den Landtagswahlen auflösen. Eisner nutzt inzwischen die Zeit für bahnbrechende Erneuerungen. So wird das Frauenwahlrecht eingeführt und der Adel abgeschafft. Der Achtstundentag wird eingeführt und die Kündigungsfrist auf vier Wochen ausgeweitet. Am radikalsten sind die Reformen in der Schulpolitik. Unter Eisner büßt die Kirche ihre Herrschaft über die Klassenzimmer ein. Ob die Schüler an, wie Kultusminister Johannes Hoffmann es nennt, „religiösen Übungen“ teilnehmen, bleibt ihnen künftig selbst überlassen. Religion ist Wahlfach geworden und der Schulgottesdienst nicht länger Pflicht. Aber Eisner (USPD) hat in der SPD viele, die ihm nicht folgen wollen. Allen voran ist es der Innenminister Erhard Auer, der eine „Bolschewisierung Bayerns“ unter allen Umständen verhindern will. Er möchte die Räte nach der kommenden Landtagswahl komplett verschwinden lassen. Denn inzwischen (16.-20.12.) gab es in Berlin eine richtungsweisende zentrale Zusammenkunft der Räte (Reichsrätekongress), bei der Mitglieder, die der MSPD angehörten, freiwillig auf ihre Macht verzichtet und für die Auflösung der Räte gestimmt hatten. Eisner wird sich dieser Entscheidung widersetzen. Er will einen „menschlichen Sozialismus“ einführen, in dem Parteiräson und Dogmatismus keinen Platz mehr haben und dazu braucht er die Räte. Auer wird in nächster Zeit sein großer Gegenspieler werden.Deshalb schiebe ich an dieser Stelle einige Informationen über ihn ein.

Erhard Auer stammt aus sehr ärmlichen Verhältnisse und muss bereits mit 12 die Schule verlassen und in der Landwirtschaft arbeiten. Er leistet seinen Militärdienst ab und findet in der SPD ab 1892 seine politische Heimat. 1907 wird Auer Mitglied des bayerischen Landtages und 1908 Erster Landessekretär der bayerischen SPD, was er bis 1921 bleiben sollte. Auer setzt darauf, die Demokratie auf dem Wege der Reform erreichen zu können. Darum verweigert sich die Münchner SPD den Generalstreikplänen der USPD im Januar 1918. Obwohl die SPD vielen noch immer als die revolutionäre Arbeiterpartei gilt, hat sie längst einen anderen Weg eingeschlagen. So schafft es Auer, die Streiks zu entschärfen und zu beenden. Bei der großen Demonstration am 7.11. sieht sich die SPD gezwungen mitzumachen, denn Auer will die Kontrolle über die Arbeiterschaft nicht verlieren. Am Abend des 7. November macht er dem Innenminister von Brettreich gegenüber sogar deutlich, dass er mit einer gewaltsamen Aktion zur Niederschlagung der Revolution durchaus einverstanden wäre. Als der Innenminister sich dazu nicht imstande sieht, erklärt Auer, sich mit der SPD an der Revolutionsregierung zu beteiligen, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Am kommenden Tag wird er zum Innenminister unter Eisner ernannt und wird in der Folgezeit zu dessen großen Gegenspieler. Auer ist nicht nur ein Gegner der Revolution, sondern auch der Räte. Während sie für die USPD Grundlage des neuen Regierungssystems sind, haben sie für Auer und die SPD allerhöchstens beratende Funktion. Auer will den Einfluss der Räte immer mehr zurückdrängen.

Während Eisner die demokratische Republik vorantreibt, mobilisiert auch die Rechte. Die Thule-Gesellschaft wurde 1912 gegründet, um im Falle einer jüdischen Machtübernahme die Gegenrevolution zu organisieren. Deren Vorsitzender ist Rudolf von Sebottendorf. Mitglieder sind u.a. Rudolf Heß, Hans Frank, der spätere Generalgouverneur von Polen, und der Chefideologe der späteren Nazis Alfred Rosenberg. Aus ihrem Kampfblatt „Münchner Beobachter“ wird später unter den Nazis der „Völkische Beobachter“ werden. Die Thule-Gesellschaft sorgte dafür, dass aus dem revolutionären Bayern bald die „Ordnungszelle“ Bayern hervorgehen sollte.

Als es am 12. Januar zur Landtagswahl kommt, gewinnt Eisners USPD nur 2,5 Prozent der Stimmen. Die USPD-Anhänger, von denen fast alle das parlamentarische System ablehnten, waren alle wie die Kommunisten und Anarchisten zu Hause geblieben. Für den 21. Februar wurde der neue Landtag zu seiner konstitutionellen Sitzung einberufen. Kurt Eisner wollte dort seinen Rücktritt erklären. Auf dem Gang dorthin traf ihn die Kugel von Anton Graf Arco auf Valley. Kurz danach stürzt Alois Lindner in den Landtag und schießt auf Erhard Auer, wobei dieser schwer verletzt wird. Lindner ist Mitglied der USPD und hält wie viele Gleichgesinnte Auer für mitschuldig an der Ermordung von Eisners. Überall herrscht großes Entsetzen über den Mord an Eisner. Seine Beerdigung am 26. Februar wurde zu einer Massendemonstration. 100.000 Menschen folgen seinem Sarg zum Ostfriedhof. Eine halbe Stunde lang (von zehn bis halb elf) läuten in ganz Bayern die Kirchenglocken. Gustav Landauer, der Anarchist und enge Freund von Kurt Eisner hält die Trauerrede.

2. Phase der Revolution: 22. Februar 1918 – 6. April 1919

Kurz nach der Ermordung Eisners konstituiert sich ein provisorisch regierender Zentralrat der bayerischen Republik. Vorsitzender dieses zentralen Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Augsburger Lehrer Ernst Niekisch (MSPD). Dieser Zentralrat besteht aus Mitgliedern der MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte. Niekisch gehört zum linken Flügel der Partei und ist Anhänger des Rätesystems. Der Generalstreik wird ausgerufen und über München der Belagerungszustand verhängt.

Auch ein neuer Ministerpräsident wird gewählt. Der Nachfolger von Kurt Eisner wird am 17.3.19 der bisherige Kulturminister Johannes Hoffmann (MSPD), der zwar für gesellschaftliche Veränderungen ist, sich aber als ein Gegner der Revolution erweisen wird.Dieser wurde als Sohn eines armen Bauern geboren. 1903 nimmt er ein Studium der Sozial- und Handelswissenschaften auf. Durch vielerlei Erfahrungen nähert er sich der Sozialdemokratie an. 1908 zieht Hoffmann in den bayerischen Landtag ein und avanciert zum Bildungsexperten der SPD. Er kämpft für Kinderhorte und Kindergärten, für eine Reform der Volksschule und für das Ende der geistlichen Schulaufsicht. Die Bildungshoheit soll auf den Staat übergehen. Der Kampf gegen die Kirche ist Hoffmann ein großes Anliegen. Bereits im Oktober 1918 forderte die Bayern-SPD die Einführung des parlamentarischen Regierungssystems auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie und Hoffmann trug diesen Beschluss mit. Nur weitreichende Reformen seien in der Lange, das Chaos der Revolution zu verhindern. Inzwischen wird die Not auf dem Lande immer größer.

Im Augsburger Arbeiterrat unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch reifte inzwischen die Erkenntnis, dass die Zeit reif sei für die Ausrufung einer Räterepublik. Am 2. April sprachen sich dessen Mitglieder im Beisein von Niekisch offiziell dafür aus. Die Wiedereröffnung des Landtages wird abgesagt und dieser vom Zentralrat aufgelöst. Der Rücktritt des Ministeriums Hoffmann wird bekanntgegeben. Die Regierung Hoffmann sieht keine andere Möglichkeit als nach Bamberg auszuweichen.

3. Phase der Revolution: 7. April 1919 – 13. April 1919 | 1. Räterepublik Baiern („Scheinräterepublik“)

Die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden wird mit Wirkung zum 7. April 1919 ausgerufen neben weiterem Bestehen des Rates der Volksbeauftragten. Bis zum 8. April schlossen sich mit Ausnahme Nürnbergs alle großen Städte Bayerns südlich der Donau, neben Augsburg und Rosenheim auch viele kleinere Städte und Gemeinden, der Räterepublik an. Neuer Vorsitzender des Zentralrats wird Ernst Toller, der im ersten Weltkrieg zum Pazifisten geworden ist und zum linken Flügel der USPD gehört. Ihm zur Seite stehen Gustav Landauer und Erich Mühsam. Es werden zwölf Volksbeauftragte gewählt. Einer davon ist besagter Gustav Landauer, der das Ministerium für Volksaufklärung (Erziehung) übernimmt. Vorausgegangen war ein Streit mit der KPD. Denn diesemit Leviné an der Spitzesprach sich gegen die Proklamation der Räterepublik aus und erinnerte an das Scheitern des Berliner Januaraufstandes. Die Kommunisten hegten zudem größtes Misstrauen gegen eine Räterepublik, deren Träger u.a. die sozialdemokratischen Minister Schneppenhorst und Dürr sein würden, die die ganze Zeit den Rätegedanken bekämpft hätten. Sie befürchteten einen durch die SPD erfolgenden Verrat und schließlich ein großes Blutbad. Die Abordnung der KPD verließ schließlich „unter den wüstesten Beschimpfungen der Mehrheits-Sozialdemokraten“ den Saal.

Toller beginnt sofort mit der Arbeit. Er lässt freistehender Wohnungen beschlagnahmen und diese an Bedürftige zuweisen. Außerdem wird das Bürgertums entwaffnet und gleichzeitig das Proletariat bewaffnet. Zudem wird die Zensur über die bürgerliche Presse verhängt. Toller lässt alle Bankkonten sperren. Schleichhandel und Preiswucher werden bekämpft. Preise werden streng kontrolliert, überzählige Lebensmittel werden beschlagnahmt. Besonders wichtig: Eine Rote Armee wird ins Leben gerufen. Aber die Zeit drängt und vieles geschah nicht wirkungsvoll genug. Zudem blieben Banken und Fabriken in privater Hand, die alten Zivilbeamten arbeiteten weiter und die Bewaffnung der Arbeiter geschah nicht konsequent genug.

Und es gab unglaublich viel zu tun. Toller schreibt in seinen Lebenserinnerungen, dass sich die Menschen in den Vorzimmern nur so drängten, um ihre Anliegen vorzubringen.

Um die Münchner Räterepublik zu verstehen, muss man sich mit deren Gedankenträgern beschäftigen. Wer war also dieser Ernst Toller? Toller stammt aus einer Kaufmannsfamilie im von Preußen annektierten Teil Polens. Als Kriegsfreiwilliger ist er 13 Monate in vorderster Front vor Verdun. 1916 erleidet er einen Nervenzusammenbruch mit anschließendem monatelangem Sanatorienaufenthalt. Toller ist kriegsuntauglich und zum überzeugten Pazifisten geworden. Anfang 1917 lernt er Eisner kennen, begeistert sich für den Sozialismus, schließt sich der USPD an und vertritt auf Versammlungen einen radikalen Pazifismus. Zudem ist er literarisch aktiv.

Der 26-jährige Ernst Toller arbeitet jetzt eng mit Gustav Landauer zusammen. Wer war Landauer? Dieser vertritt einen anarchistischen Sozialismus. Er gründete 1908 den „Sozialistischen Bund“ zur Verwirklichung einer libertären, von unten nach oben organisierten Gesellschaft. Landauer lehnt Autorität und Hierarchie ab und will durch Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung und Föderation eine neue Ordnung begründen. Anarchie bedeutet für ihn „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“. In der Praxis sollen dezentrale basisdemokratisch organisierte Gruppen den Staat ersetzen. Diese sollen untereinander Tauschhandel mit den von ihnen selbst erwirtschafteten Produkten betreiben.

Am 7. November bittet Eisner ihn, nach München zu kommen, um im bayerischen Freistaat mitzuarbeiten („Was ich von Ihnen möchte ist, dass Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.“) Er wird Mitglied im „Revolutionären Arbeiterrat“ sowie im „Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat“ und im „Provisorischen Nationalrat“. In der ersten bayerischen Räterepublik war er Volksbeauftragter für Kultur und Erziehung. Er fordert die Einführung der Einheitsschule für Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr und danach eine zweijährige praktische Ausbildung oder die Weiterbildung an einer Mittelschule. Aus der autoritären Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht. Nach dem Fall Münchens wird Landauer am 2. Mai 1919 grausam ermordet.

Schon zwei Tage nach der Gründung der Räterepublik setzte eine Gegenbewegung ein. Auf Betreiben der SPD-Vertreter lösten viele Räte ihre Verbindung zu München, und in Würzburg und Ingolstadt wurden die örtlichen Räte von rechtsgerichteten Militärs und Studenten gänzlich beseitigt. Auch der rechte Flügel des Bauernbundes um Georg Eisenberger konnte den Zentralen Bauernrat in München isolieren. Zum entscheidenden Einflussbereich der Räterepublik wird jetzt zunehmend die Achse Augsburg – München – Rosenheim.

Inzwischen macht auch die Reichsregierung Hoffmann gegenüber Druck, so rasch wie möglich gegen die Räterepublik vorzugehen.

Dann kommt der Palmsonntag, der 13. April 1919. Hoffmann unternimmt den Versuch, ohne Hilfe der Reichsregierung, mit eigenen Kräften der Situation Herr zu werden und macht mit der regierungstreuen Republikanischen Schutztruppe, unterstützt von Freiwilligen aus Nordbayern in München und Rosenheim, einen Putsch. Es kommt in München zu heftigen Gefechten, die 20 Tote und über 100 Verletzte fordern. Von der sich noch im Aufbau befindlichen Roten Armee unter Soldatenrat Rudolf Egelshofer (KPD), der als Matrose Ende Oktober schon am Kieler Aufstand beteiligt war, wird der Putsch niedergeschlagen. Am Ende muss Hoffmanns Schutztruppe das Feld räumen. Jetzt sehen die Münchner Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, in das politische Geschehen einzugreifen.

Am 13. April erklärte eine Versammlung der Münchner Betriebs- und Kasernenräte (wie die Arbeiter- und Soldatenräte nun hießen) den Zentralrat für aufgelöst.

4. Phase: 13. April 1919 – 2. Mai 1919 | 2. Räterepublik

Ein fünfzehnköpfiger Aktionsausschuss wird als neue Regierung gebildet mit einem Vollzugsrat als Exekutive. Den Vorsitz übernimmt der Kommunist Eugen Leviné. Ihm verbleiben aber nur noch drei Wochen.

Eugen Leviné wurde am 10.5.1883 in St. Petersburg geboren. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und seine Mutter zog mit ihm in die Schweiz. 1905 ging er zurück nach St. Petersburg und schloss sich der russischen Revolution an. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten kehrte er 1908 nach Deutschland zurück und studierte wieder in Heidelberg, diesmal Nationalökonomie. Während seines ganzen Studiums war er in der Arbeiterbewegung aktiv. In Berlin schloss sich Leviné der USPD an und dann dem Spartakusbund, aus dem die KPD später hervorging. Er nimmt an führender Stelle am Spartakusaufstand in Berlin teil.

Am 5. März 1919 schickte ihn die Partei nach München. Leviné hatte die 1. Räterepublik noch abgelehnt und von einer „Scheinräterepublik“ gesprochen, die nicht überlebensfähig sei. Viele Arbeiter sind über die Zurückhaltung der KPD enttäuscht. Daraufhin erklärt Leviné trotz aller Skepsis, sich dem revolutionären Willen der Menschen nicht länger zu verschließen. Beim Palmsonntagsputsch unterstützt die KPD die bestehende Räteregierung. Es gelingt wie aufgezeigt den Arbeitern, die Gegenrevolution niederzuschlagen.

Nun gibt es für die KPD kein Zaudern mehr, will sie nicht ihren Status als revolutionäre Partei verlieren. Die zweite, die kommunistische Räterepublik wird ausgerufen. Die Arbeiter seien jetzt bereit, für ihre Überzeugung zu kämpfen, und in dieser Situation sieht Levinées als die revolutionäre Pflicht der KPD an,die Führung zu übernehmen. Verschiedene Kommissionen werden eingesetzt. Die KPD in Berlin allerdings hält die Übernahme der Macht in München für einen taktischen Fehler. Das sei ein desaströses Abenteuer. Zunächst ruft die KPD in München einen zehntägigen Generalstreik aus. Alle sollen bereitstehen bei einem eventuellen weiteren Putsch. Und die KPD forciert die Bildung der Roten Armee. Die Bewaffnung und militärische Organisation der Arbeiter genießen oberste Priorität. Dann wird die Sozialisierung in Angriff genommen und alle politischen Gefangenen werden entlassen.

Die Rote Armee unter Rudolf Egelshofer ist inzwischen zu einer Stärke von 9.000-10.000 Mann ausgebaut. Ernst Toller wird Egelshofer als stellvertretender Inhaber des militärischen Oberkommandos zur Seite gestellt. Aber den bereits anrückenden Freikorpsverbänden und Reichswehreinheiten ist die Rote Armee nicht zuletzt mangels jeglicher Erfahrung stark unterlegen. Dennoch gelingt es am 16. April einigen Einheiten des Rotgardisten unter dem Kommando Tollers, bis Dachau vorgedrungene Freikorpsverbände zu besiegen und zunächst zurückzuschlagen, wobei Toller sich weigert, die gefangen genommenen Offiziere vor ein Standgericht zu stellen und zu erschießen.

Am 22. April kommt es zu einer Massendemonstration für die junge Räterepublik. Aber Spannungen bezüglich der Verteidigungsstrategie sprengen den Aktionsausschuss. Beide Fraktionen erkannten, dass eine Fortführung des Kampfes und eine erfolgreiche Verteidigung der Räterepublik nahezu aussichtslos ist. Während Toller auf Verhandlungen gesetzt hatte, bestand die kommunistische Führung auf der Fortführung des Kampfes als historischem Signal für spätere revolutionäre Möglichkeiten. Eine Einigung ist nicht möglich. Leviné tritt von seinem Posten als Leiter des Vollzugsrates zurück.

Schließlich ersucht Hoffmann Berlin um die Entsendung von Reichstruppen. 35.000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Die Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Er war zu keinen Kompromissen bereit und bestand auf der bedingungslosen Kapitulation der Räterepublik.

Am 30.4.19 dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich Unbeteiligte nach München. So wird bei Starnberg eine Arbeiter-Sanitäter-Kolonne einfach niedergeschossen. Daraufhin werden zehn der im Luitpoldgymnasium festgesetzten Gefangenen, die größtenteils Mitglieder der reaktionären Thulegesellschaft waren, ebenfalls erschossen. Die Thule-Gesellschaft will, wie dargelegt, den demokratischen Staat beseitigen und durch eine völkische Diktatur ersetzen. Von zwei der Getöteten wurde auch angenommen, sie seien unmittelbar an der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt gewesen.

Diese fälschlicherweise als „Geiselmord“ von der Gegenseite behauptete Reaktion auf Gewalttaten der Freikorps, von der nie deutlich wurde, wer den Auftrag dazu gegeben hatte, steigerte den grausamen Terror der Weißen ins Unermessliche. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben.

Am 2. Mai erreichen Regierungstruppen und Freikorps und ein württembergisches Gruppenkammando München.

Eines der Freikorps ist das Freikorps Oberland, gegründet von Thule-Führer Rudolf von Sebottendorff. Der aus ihm hervorgehende Bund Oberland wird ab 1921 den Kern der SA in Bayern bilden. Dazu kommt das Freikorps Epp, dessen Führer Franz Xaver Ritter von Epp während des Dritten Reiches nationalsozialistischer Reichsstatthalter in Bayern sein wird. Es beginnen die brutalen Straßenkämpfe. Besonders stark ist der Widerstand in den Arbeitervierteln Giesing, Haidhausen, Sendling und rund um den Schlachthof. Auch um den Hauptbahnhof wird heftig gekämpft. Freikorpssoldaten gehen mit rücksichtsloser Brutalität gegen das Proletariat vor. Sie treffen insgesamt auf viel größeren Widerstand, als sie erwartet hatten. Bis zum Nachmittag des 2. Mai dauern die Kämpfe an. Die meisten Toten der Maitage sind Zivilisten. Auch 52 ehemalige kriegsgefangene Russen aus dem Lager Puchheim, die in der Roten Armee gekämpft hatten, werden ermordet.

Es kommt zu einem grausamen Terror. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben. Genaue Zahlen kennt niemand. Die Münchner Räterepublik wird in einem ungeheuren Blutbad ertränkt.

Am 9. Mai schickt Johannes Hoffmann (SPD) ein Dankesschreiben an General von Owen, der die Regierungstruppen befehligte.

Wenden wir jetzt unseren Blick nach Rosenheim und dann nach Kolbermoor!

Wirtschaftliche und soziale Lage in Rosenheim während des 1. Weltkrieges

Auch in Rosenheim herrschen während es 1. Weltkrieges Not und Verzweiflung. Hunger und Mangel am Nötigsten hatten Einzug gehalten. Schon zu Beginn des Krieges war es zu einem krisentypischen Sturm auf die Lebensmittelläden gekommen, der die Preise enorm in die Höhe schnellen ließ. Da eine rasche Entscheidung im Krieg nicht eintrat, schritt die Teuerung voran und bald war der Großteil der Lebensmittel nur noch mit Ausweiskarten und Marken erhältlich. Anordnungen des Generalkommandos und des Rosenheimer Magistrats riefen zu Sammlungen kriegswichtiger Materialien auf. Parallel zu den Glockenabnahmen kam es so zur Ablieferung von Zinndeckeln oder Nähgarn; Geld- und Schmuckspenden sollten die „Finanzielle Wehrkraft des deutschen Vaterlandes“ stärken. Gravierend wirkte sich auch der Mangel an männlichen Arbeitskräften aus, da ein Großteil der wehrfähigen Männer im Feld stand. So erging bereits im August 1914 ein Aufruf an Rosenheims Hausfrauen, ihre Mägde, soweit sie etwas von Landarbeit verstehen, aufs Land zu lassen, wo sie auf den Höfen mithelfen sollten Im Laufe des Krieges dehnte sich der Aufgabenbereich der Frauen schließlich auf fast alle Männerberufe aus., Außerdem wurden vom Roten Kreuz Pflegerinnen- und Krankenschwesternkurse durchgeführt. Während sich die Gerüchte von einer angeblichen Bedrohung durch feindliche Flieger verbreiteten, tauchten in den Zeitungen immer mehr Todesanzeigen von an der Front gefallenen Rosenheimer Bürgern auf. Insgesamt sollten es 458 hiesige Soldaten werden, die ihr Leben lassen mussten.

Im Frühsommer 1918 grassierte in Rosenheim und anderen Städten die „Spanische Krankheit“, also die Grippe, die sogar Todesopfer fordert. Hinsichtlich der Rohstoffknappheit wird jetzt sogar zum Sammeln von Obstkernen und Frauenhaaren aufgerufen. Die Obstkerne sind Ersatzstoff für die Ölproduktion und das Frauenhaar dient zur Treibriemen- und Dichtungsringproduktion.

Die Revolution in Rosenheim

Wie verliefen nun die Ereignisse der Revolution in Rosenheim? Am gleichen Tag, dem 7. November 1918, als in München die große Demonstration auf der Theresienwiese stattfindet, lädt der Rosenheimer Gewerkschaftsverein für den Abend zu einer Versammlungin den Sternbräugarten in der Hausstätterstraße ein und beschließt eine Kundgebung für den kommenden Tag auf der Loretowiese, an der tausende von Menschen teilnehmen werden. Es sprechen der Gefreite Guido Kopp, der Soldat Heinrich Geistaller, der Schneidermeister und Gemeindebevollmächtigte Hans Langenegger sowie der Arbeitersekretär und Gemeindebevollmächtigte Karl Göpfert (MSPD). Es wird ein Volks- und Soldatenrat gewählt. Kopp wurde zum Vorsitzenden des Soldatenrates, der 13 Mitglieder hat, Göpfert zum Vorsitzenden des Volksrates gewählt. Zweiter Vorsitzender wird dort der Architekt Karl Baumann. Es gibt zehn Beisitzer. Anschließend bildet sich ein großer Demonstrationszug durch Rosenheim zu mehreren Amtsstellen und Dienstgebäuden, wo überall die vorgetragenen Forderungen übernommen werden. Beim Garnisonsbataillon wird die Freilassung der Militärgefangenen erreicht, beim Magistrat die Unterstellung der Polizei unter den Volks- und Soldatenrat und beim Amtsgericht die Freilassung sämtlicher im Amtsgerichtsgefängnis Inhaftierten. Die Räte richten sich im Rathaus eine Geschäftsstelle ein. Der Rosenheimer Stadtmagistrat amtiert weiter.

Der neugebildete Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ (VSR) erlässt am kommenden Tag einen Aufruf und gibt seine Zusammensetzung bekannt. Er tagt im kleinen Rathaussaal. Die Behörden werden gebeten unter Aufsicht des VSR weiterzuarbeiten. Der VSR tritt fast täglich zu Sitzungen zusammen. Er kümmert sich um die dringenden Probleme der Lebensmittelversorgung, der Wohnungsnot, des Wuchers und Schleichhandels. Der Volksrat greift in seiner weiteren Tätigkeit immer mehr in das Verwaltungsgeschehen ein.

Der Rosenheimer Bürgermeister Wüst ist sehr verunsichert und erstattet der Regierung von Oberbayern Bericht. Wüst schreibt u.a.: „Der Rosenheimer Volks- und Soldatenrat hat auch in der vergangenen Woche fleißig getagt, er fasst Beschlüsse über alle möglichen Angelegenheiten, für die ihm jegliche Zuständigkeit fehlt, gibt nach wie vor Aufträge an die Behörden und an einzelne Beamte und verwirrt mit seinen öffentlichen Ausschreibungen und Bekanntmachungen das Rechtsbewußtsein des Volkes.“ Wüst fordert „eine genaue Präzisierung der Rechte und der Zuständigkeit“ des Volks- und Soldatenrates. Er schließt mit dem Satz: „Der weiteren Entwicklung der Dinge kann man nur mit banger Sorge entgegensehen.“

Eine Woche später kommt Antwort aus München. Am 2.12.19 ordnet der bayerischen Innenministers Auer an: „Betreffs Tätigkeit der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte. Die weitere Tätigkeit der ABS-Räte ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Es ist aber zu beachten, dass ihnen keinerlei Vollzugsgewalt zukommt. Sie haben lediglich im Einvernehmen mit den gesetzlich berufenen Stellen und Behörden (…) für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen.“

Wie sehr die gesellschaftlichen Veränderungen die Massen ergreifen, zeigt sich auch daran, dass der Saal im Hotel Gillitzer völlig überfüllt ist, als Minister Auer (MSPD) am 1. Januar zum Thema „Der Kampf um die Republik“ spricht.

Innerhalbdes Volks- und Soldatenrates kommt es zunehmend zu Differenzen mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen MSPD-Mitgliedern und denen der USPD. Es geht um die Frage der Einrichtung eines „Volksheimatschutzes“, den der Innenminister Auer (MSPD) gefordert hatte, um die „Gefahr des drohenden Krieges im Land, den der Bolschewismus entfesseln kann“, zu bannen. Es festigt sich der Eindruck bei vielen Arbeitern, die Mehrheitssozialisten wollten die Ergebnisse der Novemberrevolution zunehmend zurücknehmen.

Am10.01.1919 versuchen Teile des Soldatenrates Kopp aus seiner Funktion abzuberufen. Der Teil, der hinter Kopp steht, widersetzt sich der Abberufung und nimmt den „Bräu am Anger“ als Quartier. Kopp bleibt im Amt. Am gleichen Tag wird in Rosenheim eine Ortsgruppe der KPD gegründet. Am 15. März hat sie bereits 600 Mitglieder.

Am 12. Januar findet die Landtagswahl statt. In Rosenheim wählen 42 % die christlich-konservative Bayernpartei, die Mehrheits-SPD erhält 41.4 % (landesweit:33%). Die USPD, die Partei von Ministerpräsident Eisner, erhält nur 2,7% (landesweit 2,5%). Das Besondere dieser Wahl: Zum ersten Mal durften Frauen zur Urne gehen. In Rosenheim gibt es den Volks- und Soldatenrat und daneben immer noch den alten Verwaltungsapparat mit dem Bürgermeister. Einen Monat später bildet sich der „Rat der geistigen Arbeiter“, der sich in einem Gegensatz zu dem Arbeiter- und Soldatenrat sah.

Als in München der Ministerpräsident Kurt Eisner erschossen und ein Zentralrat gebildet wird, findet einen Tag später, am 22.02.1919 in Rosenheim auf Einladung der MSPD im Zuge der „zweiten Revolution“ eine weitere große Versammlung auf der Rosenheimer Loretowiese statt. Der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates Guido Kopp verliest die Forderungen des VSR. Durch eine sich anschließende Demonstration werden diese durchgesetzt. Zentraler Punkt ist die Absetzung des Bürgermeisters Hofrat Wüst sowie des Regierungsrates und Bezirksamtschefs Baur. Die Amtsgeschäfte übernimmt der Arbeitersekretar Karl Göpfert. Heinrich Geistaller wird Stadtkommandant, assistiert von Sergeant Rheintaler, der beginnt, eine „Republikanische Schutztruppe“ aufzubauen. Der Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ ruft per Anzeige „alle arbeitslosen Gewerkschaftskollegen und Parteimitglieder bis zum 35. Jahre“ zu den Waffen. Über die beiden Rosenheimer Zeitungen „Wendelstein“ und „Rosenheimer Anzeiger“ wird eine Zensur verhängt.

Am 8. März kommt es zurGründung des „Bezirksbauern- und Arbeiterrates“ Rosenheim. Die Aufgabe des Bauernrates ist es, für die Ablieferung der Lebensmittel zu sorgen. Zwischen dem Volksrat, dominiert von MSPD-Mitgliedern und Gewerkschaftsfunktionären, und den revolutionären Anhängern des Soldatenrates unter der Führung von Guido Kopp kommt es zu Differenzen und dem vergeblichen Versuch Göpferts, den Soldatenrat aufzulösen. Aber die revolutionäre Entwicklung nimmt rasant an Fahrt auf.

Bereits am 5.4.19 treten Münchner Kommunisten und die Führer des Rosenheimer „Arbeiter- und Soldatenrates“ auf einer Versammlung auf der Loretowiese für die Ausrufung der Räterepublik ein.

Einen Tag später beschließt der Arbeiter- und Soldatenrat zur Sicherung der Räterepublik 30 Geiseln aus der Bürgerschaft (vorwiegend Geschäftsleute) als Schutzpfand nehmen und ins Gefängnis bringen. Für jeden angegriffenen Revolutionär werde man 10 Geiseln erschießen. Unterzeichnet haben Göpfert, Kopp und Langenegger. Der Revolutionsausschuss in Rosenheim ruft am darauffolgenden Tag zum Generalstreik auf. Der radikalere Kopp wird von einer Volksversammlung anstelle des gemäßigten Göpfert (MSPD) zum Bürgermeister ausgerufen. Die Forderung lässt sich aber nicht durchsetzen. Die Zahl der Geiseln wird auf zehn herabgesetzt.

Am 8.04.1919, einen Tag später als in München kommt es mit der Ausrufung der Räterepublik in Rosenheim, Rhedenfelden, Endorf und Bad Aibling zur dritten Revolution.

Jetzt wartet die Reaktion nicht länger. InMünchen hat Ministerpräsident Hoffmann wie dargestellt am 13.4. den Palmsonntagsputsch veranlasst, um ohne Hilfe der Reichstruppen der Lage Herr zu werden. Als Reaktion auf diesen Putsch in München verhängt Kopp in Rosenheim den Belagerungszustand und das Standrecht. Da es heißt, gegenrevolutionäre Weiße Garden seien aus München im Anmarsch, verschanzt sich Kopp mit den Roten Garden im Quartier des Soldatenrates im „Bräu am Anger“. Die Rosenheimer Bürger versuchen mit Unterstützung von Karl Göpfert ebenfalls einen Putsch, um die Räteherrschaft zu stürzen. Eine Menschenmenge unter Führung von Rudolf Kanzler (Zentrumspartei) stürmt das Haus und schleppt Kopp und weitere Geiseln ins Gefängnis. Bürgermeister Göpfert stellt sich sofort auf die Seite der Sieger und wirbt mit Plakaten für die Regierung Hoffmann.

Jetzt werden von München 120-150 Mitglieder der „Roten Garde“ nach Rosenheim geschickt, um dort die Herrschaft der Räteregierung wieder herzustellen. In Kolbermoor stoßen 80 bewaffnete Arbeiter dazu. In Rosenheim wird eine „Volkswehr Rosenheim“ aufgestellt. Es gelingt aber den Roten wie zuvor schon in München, den Putsch niederzuschlagen und nach erbitterten Feuergefechten Rosenheim wieder einzunehmen. Die Kämpfe forderten insgesamt fünf Tote und mehrere Verwundete. Die Räte werden aus dem Gefängnis befreit, die Räteherrschaft wird erneut ausgerufen.

Am 15. April, also einen Tag später verlangt der „revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat“ in Rosenheim für die „Hinterbliebenen der meuchlings erschossenen Familienväter sowie für Verpflegung der revolutionären Truppen und für die von bürgerlicher Seite verübten gemeinen Plünderungen eine Kontribution von 85.000 Mark.“ Diese wird auch erbracht. Rätetruppen führen zahlreiche Requirierungen durch.

Am 18.04. gestattet das Ministerium in München die Bildung von Freikorps. Der Rosenheimer Obergeometer Rudolf Kanzler bildet das Freicorps Chiemgau, mit dem er später nach eigenen Aussagen „Säuberungsaktionen“ in Rhedenfelden, Endorf, Heufeld, Aibling, Bruckmühl, Miesbach und anderen Orten durchführte.

Ende April rückten die Freikorps unter dem Befehl des Oberst von Mieg von allen Seiten auf Rosenheim vor. Der Arbeiterrat bildete eine Kommission unter der Leitung des Schlachthofdirektors Seiderer, eines Mitgliedes des „Rates der geistigen Arbeiter“. Er sollte bei Eintreffen der weißen Truppen Verhandlungen führen. Es kam zu einem Waffenstillstand unter der Bedingung, dass die Rosenheimer Revolutionäre ihre Waffen abgeben und Kopp und andere „Spartakisten“ sich der Regierung Hoffmann stellen sollten. Göpfert aber stehe unter dem Schutz der Regierung Hoffmann. Am 1. Mai wurde die Stadt widerstandslos eingenommen. Kopp hatte sich entgegen den vereinbarten Übergabebedingungen nach Kolbermoor zurückgezogen.

Guido Kopp, der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates und Bürgermeister von Rosenheim, wird zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Straubing verbüßt. Er darf danach nicht mehr nach Rosenheim zurück, wird ausgewiesen und lebt in Wien, Prag und Barcelona und kämpft mit im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 kehrt er nach Österreich zurück, wird an die Münchner Gestapo ausgeliefert und ins KZ Dachau und später Buchenwald eingeliefert, wo er 1945 von der Amerikanern befreit wird. Später lebt er in Salzburg, wo er 1971 stirbt.

Am 18.04.1920 wird In Rosenheim die erste Ortsgruppe der NSDAP außerhalb von München gegründet.

Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor!

Die Revolution in Kolbermoor: Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor

In Kolbermoor tauchen erstmals 1869 Mitglieder des ein Jahr zuvor in Berlin gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins auf. Bis zum Oktober gelang es dem aus Augsburg kommenden Schriftsetzer Leonard Tauscher für diese Vereinigung 99 Mitglieder zu werben. Der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, konnte in Kolbermoor Fuß fassen, zumal die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken unter mächtigem Druck standen. Wer aufmuckte, wurde fristlos entlassen. Der Lohn der Männer war so gering, dass die Mitarbeit der Frauen unumgänglich war. Lang waren die Arbeitszeiten: 1863 – 1872 wurden dreizehn Stunden gearbeitet, 1873 -1889 waren es zwölf und 1890 – 1905 elf Stunden, danach zehn Stunden. Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 lebte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor wieder auf. 1898 gründet der aus München zugezogene Franz Sperber die Ortsgruppe der SPD. Am 20.09.1896 führte eine Gewerkschaftsgruppe auch erstmalig eine öffentliche Versammlung durch. 1904 wurde in Kolbermoor ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet. Die Arbeiterbewegung begann sich zunehmend zu entfalten. 1899 erlebte Kolbermoor den ersten Streik beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei. Höhere Löhne wurden verlangt.

Wirtschaftliche und soziale Lage in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges

Jetzt möchte ich den Blick auf die Kleinstadt Kolbermoor lenken. Anhand dieser Stadt lässt sich die Situation vor der Revolution beispielhaft vor Augen führen. Nicht weniger als 730 Soldaten wurden im Laufe der Kriegsjahre eingezogen, 29 sogar noch 1918. Von ihnen sollten 153 nicht mehr zurückkehren. Schon im ersten Kriegsjahr gab es die ersten Toten, vor allem an der Westfront. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei wurde ein Reservelazarett eingerichtet.

Von August 1914 bis Mai 1915 verteuerte sich die Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie um rund 20 Prozent, die Ausgaben für Lebensmittel um 31 Prozent, im Dezember 1915 sogar um 40 Prozent. Vergleichbare Lohnerhöhungen blieben aus. Bereits im März 1915 begann in Kolbermoor das Brot knapp zu werden. Fleisch gab es ab 1916 nur noch über Reichsfleischkarten – ca. 200 g pro Woche. Auch Butterkarten mussten eingeführt werden. Missernten erschwerten die Versorgung weiter. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. Während Reiche noch Möglichkeiten hatten sich zu versorgen, gingen ärmere Bevölkerungsteile oft leer aus. Im Hungerjahr 1917 unternahm eine größere Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen einen Protestmarsch nach Aibling, um von dem dortigen Bezirksamt, das die Lebensmittelzuteilungen an die Gemeinden des Amtsbezirks regelte, höhere Zuweisungen an Mehl zu fordern. Dem Verlangen der Frauen antwortete die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes vom Fenster aus, wenn die Kolbermoorer kein Gemüse hätten, so sollten sie eben Gras fressen. Welche Verbitterung sich daraus entwickelte, lässt sich vorstellen.

Aber außer der mangelhaften Versorgung in Kolbermoor mit Lebensmitteln kamen während des Krieges weitere Probleme hinzu wie die schlechte Bestückung mit Heizmaterial, die Wohnungsnot und die schlechte Beschäftigungslage, vor allem für die, die aus dem Krieg heimkehrten. Im Tonwerk waren vor dem Krieg 450 Arbeiter beschäftigt. Wegen Kohlemangels waren es 1918 nur noch 13. In der Baumwollspinnerei arbeiteten in der Vorkriegszeit 900, 1918 nur noch 140. In einer Kolbermoorer Chronik heißt es; „Die Leute schimpfen überall über die Schikanen, die ihnen die Lebensmittelrationierungen verursachten und verlangen strengstes Einschreiten gegen die Wucherer und Hamsterer“.

Hinzu kommt in Kolbermoor, dass der Krankenstand infolge der schlechten Ernährung recht hoch war. Insgesamt kann man also die Lebens- und Arbeitsverhältnisse gegen Ende des Krieges als ausgesprochen desolat bezeichnen.

Vergleicht man die Situation von Kolbermoor mit der von Rosenheim, so scheint in der Arbeiterstadt Kolbermoor die Not um einiges größer gewesen zu sein als in der Bürgerstadt Rosenheim.

Die Revolution in Kolbermoor

Für den 11.11.1918 hatte die Kolbermoorer SPD zu einer Volksversammlung in den großen Mareissaal eingeladen. Dort kommt es im überfüllten Saal zur Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates. Vorsitzender wird Franz Sperber, MSPD. 25 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft werden gewählt. Selbst zwei Kommerzienräte und der Bürgermeister sind dabei. Zwei Tage später unterrichtet der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende die Mitglieder über die Befugnisse des Volksrates: „Jener sei ein Kontrollorgan der Distriktsverwaltung, sowie aller Behörden im Bezirke, dieser habe die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen u. Mißstände abzustellen, wo immer er sie fände.“ Der Volksrat gibt sich ein Programm mit dem Schwerpunkt Sicherung der Lebensmittelverteilung, Auflösung der Gefangenenlager und Errichtung eines ständigen Wachkommandos durch den Soldatenrat. Als erstes wird ein Ausschuss zur Überwachung der Lebensmittelverteilung gebildet, der Beschwerden entgegennehmen soll, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und dafür sorgen soll, dass Missstände abgestellt werden. In die Ortsverwaltung bringt der Volksrat viel Bewegung, indem er sinnvolle Tätigkeiten für die arbeitslosen Arbeiter anregt. Ein Wachkommando wird eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden und auf Vorschlag des Volksrates werden Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

Doch es gibt Kritik am Volksrat, vor allem an dessen Zusammensetzung. Für eine Arbeiterstadt seien zu viele Bürgerliche im Volksrat vertreten. So kommt es schon sechs Wochen später, am 8. Januar 1919 zu einer erneuten Wahl, bei der sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt werden. Zum 1. Vorsitzenden wird Georg Schuhmann gewählt. Diese politische Entwicklung ist insofern von besonderer Bedeutung, als man sich somit in Kolbermoor bereits sechs Wochen früher als in München oder Rosenheim von der mehrheitssozialdemokratischen Führung löste und eine radikalere Richtung einschlug. Ähnliche Prozesse begannen anderen Ortes erst nach der Ermordung von Eisner am 21. Februar.

Die Arbeit des Volksrates intensiviert sich unter Schuhmann. Der Schwerpunkt der Arbeit verlegt sich nun auf eine konsequente Kontrolle beim Schleichhandel und die Bekämpfung des Zurückhaltens von Lebensmitteln. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden in Angriff genommen, der Uferschutz der Mangfall und die Verrohung der Jugend durch den Krieg werden durch ein Kinoverbot bekämpft. Eine höhere Entlohnung für den Gemeindediener wird gefordert sowie die Einführung des Achtstundentages bei der Gemeinde. Die Autorität von Schuhmann und sein Einfluss wachsen zunehmend. Bereits zweieinhalb Wochen vor dem Rücktritt des Bürgermeisters hält er auf Beschluss des Volksrates im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden ab. Und die Arbeit des VR trägt Früchte: So heißt es von der Gemeinde: „Dem Antrag des Volksrates des gesetzl. 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter u. Gewährung einer Teuerungszulage wird nach längerer Debatte zugestimmt u. eine Teuerungszulage von 200 DM gewährt.“ Weitere Lohnerhöhungen für Gemeindebedienstete folgen.

Dann kommt es am 21.2. zur Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Daraufhin fordert einen Tag später der Volksrat den Rücktritt des Kolbermoorer Bürgermeisters Bergmann und des Gemeindesekretärs Loy. Es kommt zum Machtwechsel. Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist jetzt als neuer Bürgermeister offiziell für die Stadt zuständig. Der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung. Am Tage der Beerdigung von Eisner findet eine große Trauerfeier statt. Die Geschäfte, Schulen und Betriebe bleiben im ganzen Land geschlossen. In allen Kirchen läuten die Glocken eine halbe Stunde lang. Trauerbeflaggung ist angeordnet.

Der Volksrat verfolgt konsequent seine demokratische Politik. Er verhindert die Ausweisung von Frau Maria Saffert nach Böhmen. Ein Tanzkurs wird zugelassen. Der Volksrat wendet sich gegen die Ausbeutung von Lehrlingen. Kundenkarten für Lebensmittel werden eingeführt. Georg Schuhmann, der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende, nimmt auf Grund seines hohen Ansehens als gewählter Delegierter an der Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in Bad Aibling statt. Außerdem beschließt der Kolbermoorer Volksrat: „Beim Forstamt Rosenheim ist anzuregen, daß die Staatsfilze nicht mehr wie bisher an Filzeneigentümer, Torfhändler u. solche Personen verpachtet wird, welche die Filze nur ausbeuten, sondern daß dieselbe in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung verpachtet werde.“ Um die Wohnungsnot zu mindern, fordert der Volksrat, leerstehende Wohnungen zu beschlagnahmen. Außerdem wird die italienische Staatsangehörige Biemonte eingebürgert, ohne ihr wie früher dabei Probleme zu machen.

Am 26. März nimmt Georg Schuhmann als Delegierter an der Tagung des Bezirksbauern- und -arbeiterrates Aibling teil und wird zu dessen Vorsitzendem gewählt.

Die konsequente Politik des Volksrates entwickelt sich immer weiter und am 29.04.1919 kommt er zu der Feststellung: „ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich“ und tritt zurück.

So kommt es am 30.04.1919 zur Wahl des 3. Kolbermoorer Volksrates, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nennt. Vorsitzender ist erneut Georg Schuhmann. Alle sechs Mitglieder gehören der KPD an. Diese Entwicklung entspricht den Vorgängen in München anlässlich der Ausrufung der 2. Räterepublik unter dem Kommunisten Leviné.

Jetzt drängt die Zeit, denn die Regierungstruppen und die Freikorps sind bereits im Anmarsch auf Kolbermoor, das am 2. Mai vollständig eingekreist ist. Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung werden getroffen.

In Kolbermoor wird das weitere Vorgehen diskutiert. Es bilden sich am 3. Mai am Rathausplatz drei Verteidigungsgruppen, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Die Stimmung, vor allem seitens der Arbeiterinnen, ist der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt. Aber die militärische Überlegenheit der Weißen ist erdrückend. Gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Allein für die Freikorps werden aus den Beständen des Heeres 9000 Gewehre, 350 leichte Minen, 4500 Handgranaten und 76 Maschinengewehre samt Munition zur Verfügung gestellt. In den Quellen heißt es: „Es bedurfte dringenden Ersuchens der Vorsitzenden des revolutionären Arbeiterrates, bis man sich der Einsicht in die Ausweglosigkeit der Lage und die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes beugte“. Schuhmann tritt schließlich in Verhandlungen mit Oberst Mieg als dem Vertreter der Freikorps. Die Übergabebedingungen werden festgelegt und Kolbermoor wird militärisch besetzt.

Zwei Panzerzüge kommen aus Rosenheim nach Kolbermoor mit Angehörigen der Volkswehr Straubing. Die Feindseligkeit der Bevölkerung ist so groß, dass diese sich nicht trauen in den Bahnhof einzufahren. Die Truppe muss im Zug übernachten. Auch die Angehörigen des Freikorps Grafing halten eine Einquartierung im Ort für zu gefährlich und bleiben in einem Bauernhof, 100 Meter entfernt vom Ort. In Kolbermoor kann in Ermangelung „zuverlässiger Personen“ keine Ortswehr gegründet werden.

Nach Rosenheim ist Kolbermoor die letzte rote Bastion in ganz Bayern, die erst am 3. Mai zerschlagen wird. Im Wartesaal des Bahnhofs wird ein Standgericht eingerichtet. Die Gefangenen werden nach Straubing verfrachtet, die Minderbelasteten verprügelt. Sämtliche männliche Einwohner über 16 Jahren haben sich zur Verhaftung zu stellen. Zwar ist die Revolution niedergeschlagen, sie spielt aber für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor eine ganz wichtige Rolle. Hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent gegen die nationalsozialistische Ideologie machen sollte.

Das Ende der Räterepublik ist gekommen. Die einzige, winzige Chance der Räterepublikaner hätte in einem Aufstand der Arbeiter in ganz Deutschland bestanden, die dem Beispiel der Münchner Revolutionäre folgend, die Reichstruppen in so schwere Kämpfe verwickelt hätten, dass es diesen unmöglich geworden wäre, Hoffmann zu Hilfe zu kommen.

Am 4. Mai werden Georg Schuhmann und sein Schreiber Alois Lahn morgens um neun Uhr von einer Gruppe des Freikorps Grafing aus ihren Wohnungen gezerrt. Sie werden beide schwer misshandelt und von den Grafinger Weißgardisten Georg Schneider und Johann Rusch bei der Unterführung zum Tonwerk ermordet. Der Kolbermoorer Arbeiterführer war in der Bevölkerung auf Grund seines enormen Einsatzes für die Menschen sehr verankert. Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung, als sie von seiner Ermordung erfuhr. Der Friedhof war schwarz von Menschen. Ein Trauerzug war verboten worden. Maschinengewehre waren beim Friedhof in Stellung gebracht, weil man Ausschreitungen befürchtete. Georg Schuhmann wurde gemeinsam mit seinem Sekretär, dem erst 18-jährigen Alois Lahn beerdigt.

Am 5. Mai wird über Kolbermoor das Standrecht verhängt. Ortskommandant von Kolbermoor wird Hauptm .d .R. Dr. Benno Kreuter, Kommandant der derzeit in Kolbermoor liegenden Truppe Komp. Führer Seidel.

Der „Anzeiger von Kolbermoor“ schreibt über die Verbitterung und den Hass der Kolbermoorer Bevölkerung: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreiung? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen.“

Im Wochenbericht des Bezirksamtes wird die Stärke der Kommunisten in Kolbermoor noch immer auf etwa 900 geschätzt. Man vermutet, dass mehrere tausend Gewehre und einige Maschinengewehre für einen eventuellen Putsch verborgen gehalten würden.

Der Vater von Alois Lahn (Kolbermoor) wendet sich am 26.5. an das Kriegsministerium mit dem Ersuchen, die Umstände der Ermordung seines Sohnes aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen, da nichts in dieser Hinsicht geschah.

Am 19.07.1919 gibt der Kolbermoorer Bürgermeister Unsin (MSPD) einen Bericht an die Nachrichten-Abteilung des Wehrregimentes mit einer Liste derjenigen Personen, die während der Rätezeit auf spartakistischer Seite gestanden waren – selbstverständlich „streng vertraulich“.

Am 17.09.1919 schildert der Vater von Alois Lahn im „Kolbermoorer Anzeiger“ ausführlich, wie der Überfall auf seinen Sohn vonstatten ging und fordert auf, die Mörder zu finden und vor Gericht zu stellen. Diese, Georg Schneider und Johann Rusch, werden ausfindig gemacht, aber Anfang Januar 1920 freigesprochen. Ihnen habe „das Bewusstsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt.“

Am 07.02.1947 wird die Alpenstraße in Kolbermoor in Schuhmannstraße umbenannt. Dazu heißt es im einstimmigen Beschluss (SPD 7, CSU 6, KPD 2) des Gemeinderates: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“

Am 04.05.1999 kommt es durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, KV Rosenheim, zur Aufstellung einer Gedenktafel in Kolbermoor für Georg Schuhmann und Alois Lahn sowie zu einem Historischer Rundgang auf den Spuren von Schuhmann und Lahn anlässlich des 80sten Jahrestages von deren Ermordung.

Errungenschaften der Novemberrevolution und der Räterepublik

Die Revolution sowie die Räterepublik wurden zwar blutig niedergeschlagen, aber vieles wurde damals erreicht, was bis in unsere heutige Zeit hinein nachwirkt.

  • Beseitigung der Monarchie
  • Wahlrecht für Frauen
  • Einführung des Achtstundentages
  • Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht
  • weitgehende Befreiung des Kulturlebens und der Medien von staatlicher Aufsicht und Zensur
  • Prügelstrafe an Schulen wird verboten
  • Zölibat für Lehrerinnen wird aufgehoben
  • erstmalig Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe
  • Ministerium für soziale Fürsorge, Sozialstaatsgedanke erstmals im Verwaltungsbau verankert
  • Ansätze der Koedukation
  • Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels
  • Anerkennung des Koalitions- und Streikrechts der Staatsarbeiter
  • Ende des landesherrlichen Kirchenregiments für den Protestantismus
  • Ende der staatlichen Kirchenhoheit (Diese sah die staatliche Zulassung von Kirchen- und Religionsgemeinschaften ebenso vor wie die staatliche Aufsicht über die Kirchen)

In manchem Denken und Handeln waren die Räte auch unserer Zeit voraus

  • völlige Umgestaltung der Schule
  • aus autoritärer Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht (da fehlt es bei uns noch erheblich)
  • Sport und Kunst sollen eine größere Bedeutung bekommen
  • Einführung der Einheitsschule für alle Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr
  • danach zweijährige praktische Ausbildung an einer Fortbildungsschule oder Weiterbildung auf einer Mittelschule

Literatur

Barck, Otto, Räterepublik im bayerischen Oberland. Deutsche Kommunistische Partei – Kreis München, München 2002

Baumgärtner, Raimund, Die Revolutions- und Inflationszeit in Rosenheim, in: Rosenheim in den 20er Jahren, Ausstellungskatalog, S.11-16, Rosenheim 1986

Günther, Egon, Bayerische Enziane, Hamburg 2005

Haffner, Sebastian, Der Verrat. 1918/1919 – als Deutschland wurde, wie es ist, München 1994

Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kap.6., Berlin 1967

Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträt einer Revolution, Düsseldorf 2008

Kögl, Otto, Revolutionskämpfe im südbayerischen Raum, Rosenheim 1969

Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

Münchner Räterepublik, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_R%C3%A4Terepublik

Rittenauer, Daniel, Haus der Bayerischen Geschichte – Revolution in Bayern 1918/19, https://www.hdbg.eu/revolution/web/revolution.php/gemeinde/detail/ags/9163000

Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

Stäbler, Wolfgang, Rosenheim von 1918 bis 1933, in: Rosenheim. Geschichte und Kultur, S. 351 – 356, Rosenheim 2010

Stadtarchiv Rosenheim, Revolution – Sturm auf das Rosenheimer Rathaus

Andreas Salomon, 2017