Grabstelle Georg Schuhmann
Es ist der Kolbermoorer Familie Erken zu verdanken, dass dieses Grab noch erhalten ist. Herr und Frau Erken wohnten in demselben Haus, in dem einst Georg Schuhmann und lange noch dessen Schwester Maria Bergbauer gewohnt hatte. Die Erkens pflegte Georg Schuhmanns Grab über ein halbes Jahrhundert. Denn er sei doch „ein bedeutender Mann für Kolbermoor“ gewesen. Auf meinen Antrag hin übernahm dann die Stadt die Pflege.
Gehen wir zurück in das Jahr 1919. Am 30. April 1919 war es noch ein weiteres Mal zu einer Neuwahl des Volksrates gekommen. Im Beschlussbuch des Volksrates heißt es dazu: „Da in einer Arbeitergemeinde ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat unmöglich ist, war eine Neuwahl notwendig.“
Und weiter: „Schuhmann erklärt, nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“
Aber dieser Volksrat hatte nur noch wenige Tage Zeit. Inzwischen hatte die Gegenseite mobilisiert, und in München wurde am 1. und 2. Mai die Räterepublik blutig durch Einheiten der Reichswehr, Freikorps und Einwohnerwehren niedergeschlagen. Und Kolbermoor wurde auch bereits von den gegnerischen Truppen eingeschlossen.
Die Kolbermoorer machten sich zur Verteidigung bereit. Sie bildeten drei Züge, einer aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr. Lange und heftige Diskussionen wurden im Mareissaal geführt, bis die Aussichtslosigkeit der Lage klar wurde. Die Regierungstruppen, das Freikorps Grafing und Einwohnerwehren waren übermächtig. So sah man sich schweren Herzens gezwungen aufzugeben.
Am 3. Mai wird die Stadt übergeben. Georg Schuhmann tritt mit Oberst Mieg in Verhandlungen ein. Als sich zwei Panzerzüge Kolbermoor nähern, ist die Feindseligkeit der Bevölkerung so groß, dass diese nicht wagen, in den Bahnhof einzufahren. Im Bahnhofswartesaal wurde ein Standgericht errichtet. Alle Waffen mussten abgegeben werden. Vor allem Jugendliche wurden verprügelt. Ältere wurden in das Zuchthaus Straubing verbracht. Ein Jahr und drei Monate Festungshaft waren die Mindeststrafe.
Am nächsten Morgen, Sonntag, den 4. Mai 1919, wurden Georg Schuhmann und sein 18-jähriger Schreiber Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten aus ihren Häusern gezogen, misshandelt, zur Tonwerksunterführung geschleift und dort ermordet.
Ein Trauerzug wurde nicht erlaubt, man befürchtete Ausschreitungen. Aber der Friedhof war schwarz vor Menschen. Die Trauer und die Wut waren unermesslich. Maschinengewehre waren aufgebaut, falls es zum Äußersten gekommen wäre.
Am Grabe zitiert der Lehrer Rudolf Link, Mitglied des „Revolutionären Arbeiterrates“, den Dichter Ferdinand Freiligrath aus dem Jahr 1848:
„O steht gerüstet! Seid bereit!
O schaffet, daß die Erde,
Darin wir liegen, strack und starr
Ganz eine freie werde!“
Grabstelle von Alois Lahn
Im unteren Bereich des Grabdenkmals wurde vonseiten der Stadt Kolbermoor eine Tafel angebracht, die an Alois Lahn, den Schreiber Georg Schuhmanns, erinnert, der mit ihm zusammen ermordet wurde. Gleich erfahren wir, warum Alois Lahn kein eigenes Grab mehr hat.
Denn wir gehen jetzt zu seiner ehemaligen Grabstelle.
Wenn wir direkt vor dem Schuhmann-Grab stehen mit Blick auf den Grabstein, wenden wir uns nach rechts, überschreiten den breiten Mittelweg und gehen geradeaus weiter. Nach vielleicht 20 Meter befindet sich links eine Stelle, die nicht mehr genutzt wird. Dort liegt Alois Lahn begraben. Leider ist das Grab durch ein Versehen der Stadt vor wenigen Jahren geräumt worden. Dafür wurde die Tafel auf der Schuhmann-Stelle angebracht. (Wir versammeln uns um diesen leeren Fleck Erde.) Hier war das Familiengrab der Lahns, das immer gut gepflegt und mit frischen Blumen geschmückt war.
Im Sterberegister der katholischen Kirche liest man:
„Alois Lahn, Taglöhner, katholisch, Mitglied der Roten Garde, Kopfschuss, gestorben am 4. Mai, 9 Uhr, 18 Jahre 1 ½ Monate alt, geboren am 27. März 1901 in Kolbermoor“
Alois Lahn war mit 18 das älteste der neun Kinder der Familie Lahn, die Mutter war erst ein halbes Jahr zuvor im November verstorben.
Zur gleichen Zeit wie bei Georg Schuhmann stürmten die Weißgardisten auch dessen Haus, durchsuchten alles nach Waffen, zerrten Alois nach draußen, schlugen ihn halb tot und schleiften ihn wie Georg Schumann zur Tonwerksunterführung.
Wir gehen jetzt zur Ludwigstraße 9, dem Wohnhaus von Alois Lahn. Dazu verlassen wir den Friedhof, wie wir gekommen waren, wenden uns rechter Hand und gehen die Carl-Jordanstraße bis zur Ampel. Dort gehen wir weiter geradeaus, indem wir zunächst die Rosenheimerstraße überqueren, und dann in die Ludwigstraße hineinlaufen. Auf der linken Seite suchen wir die Nummer 9.