Herzlich willkommen zum Rundgang auf den Spuren der Kolbermoorer Räterepublik. Mein Name ist Andreas Salomon, und ich begleite Sie jetzt über neun Stationen, um die sechs Monate der Kolbermoorer Rätezeit vom 11. November 1918 bis zum 4. Mai 1919 Ihnen so konkret wie möglich vor Augen zu führen.
Lassen Sie mich zunächst einen kurzen Blick in die Kolbermoorer Geschichte werfen, die die Ausgangslage für die spätere Räterepublik verständlich macht.
Betrachtet man eine staatliche Landkarte vom unteren Mangfalltal aus dem Jahre 1857, so sucht man Kolbermoor noch vergeblich. Wald, Mangfallwildnis und Hochmoore bestimmen das Bild. Die Mangfall fließt als wildes und im Winter fast immer wasserreiches Gebirgsgewässer durch die weitgehend noch unberührte Natur. Nur die Landstraße Aibling – Rosenheim und die Bahnlinie Holzkirchen – Rosenheim durchziehen das Gebiet. Die Eisenbahnlinie war 1856/57 eröffnet worden, wodurch die wirtschaftliche Erschließung des Mangfalltales Interessenten anlockte.
Erste Landkäufe von Augsburger Industriellen fanden statt, die die Bedeutung der Nutzung der Wasserkraft erkannten, und am 15. November 1859 kam es zur Gründung der Aktiengesellschaft „Baumwollspinnerei Kolbermoor.“ Bereits 1861 begannen die Bauarbeiten unter Leitung des Oberingenieurs Theodor Hassler. Die Mangfall wurde begradigt und ein Werkkanal gebaut. Schon 1862 lebten 36 Familien in den ersten sechs erbauten Arbeiterhäusern, und 1863 nahm die Fabrik den Betrieb auf. Gearbeitet wurde 13 Stunden am Tag. Bei ständig weiterem Zuzug kam es im gleichen Jahr zur Gründung des Ortes Kolbermoor. Bereits 1865 lebten 1000 Menschen hier, die aus Niederbayern, dem Bayerischen Wald, Österreich und Tirol zugezogen waren.
Die Arbeitskräfte waren vom kommunalen Leben ausgeschlossen und sie hatten nur ein Bürgerrecht, wenn sie entsprechend viel Steuern zahlten. 1881 besaßen nur 25 Personen in Kolbermoor dieses Bürgerrecht. Alle politischen Angelegenheiten wurden von der Direktion der Baumwollspinnerei geregelt.
Gegen Ende der 60er Jahre kamen erstmals politische Agitatoren nach Kolbermoor, so der Augsburger Leonhard Tauscher. Und 1869 kam es zur Gründung einer Ortsgruppe des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“, der wöchentlich die Zeitung „Der Proletarier“ herausgab. Die Kolbermoorer Ortsgruppe wuchs schon im Gründungsjahr auf 99 Mitglieder. So entstand langsam ein politisches Bewusstsein. Die Auseinandersetzungen zwischen den organisierten Arbeitern und den Direktoren der Spinnerei nahmen immer schärferen Charakter an und führten 1870 erstmals zur fristlosen Kündigung zweier sozialdemokratischer Obleute. 1876 kam der erste sozialdemokratische Agent nach Kolbermoor. Während der Zeit des Sozialistengesetzes kam die politische Arbeit weitgehend zum Erliegen, aber ab 1890 lebte sie wieder auf. Immer noch musste täglich 11 Stunden gearbeitet werden und das Durchschnittsalter eines Spinnereiarbeiters betrug 45 Jahre.
1890 ließ sich der aus München kommende Gastwirt Franz Sperber in Kolbermoor nieder, um die sozialdemokratische Bewegung zu fördern. Georg von Vollmar, der bayerische SPD-Vorsitzende, sprach 1891 vor über 300 Personen und 1892 wurde zum ersten Mal eine 1.Mai-Feier ausgerichtet. 1898 wurde schließlich eine Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei gegründet. Ein Arbeiter-Leseverein war gegründet worden sowie eine Arbeiterbibliothek aufgebaut. Es gab ab 1896 den Arbeiter-Radfahrverein, ab 1904 den Gesangsverein Arion und ab 1912 den Arbeiter-Turnverein.
Dann kam von 1914 – 1918 der 1. Weltkrieg. 730 Kolbermoorer mussten ins Feld ziehen und 153 von ihnen sollten nie mehr zurückkehren. In Kolbermoor kam er wie überall zu großen Versorgungsschwierigkeiten. Die Lebensmittelpreise stiegen um 40 % und es kam zu dem berühmt gewordenen Hungermarsch der Kolbermoorer Arbeiterfrauen, die zum Bezirksamt nach Bad Aibling gingen, um „höhere Zuweisungen an Mehl“ zu fordern. Die Frau des Bezirksamtsmanns rief zum Fenster heraus: „Wenn die Kolbermoorer kein Gemüse mehr haben, dann sollen sie eben Gras fressen!“ Zur Hungersnot kamen die Wohnungsnot und ein Mangel an Arbeitsplätzen hinzu. Hatten vor dem Krieg in der Spinnerei 900 Menschen Arbeit gefunden, so waren es jetzt nur noch 140. Und im Tonwerk sank die Zahl der Beschäftigten von 450 auf nur noch 13.
Dann kam der 7. November 1918 und Kurt Eisner rief in München die Republik aus. Die Monarchie war beendet und an seine Stelle trat ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat. Was am 19.10.1918 mit dem Aufstand der Matrosen in Wilhelmshaven geschehen war, breitete sich jetzt wie ein Lauffeuer aus.
Bitte gehen Sie jetzt zur nur wenig hundert Meter entfernten Schuhmannstraße und bleiben Sie beim Straßenschild „Schuhmannstraße“ stehen.