Den folgenden Vortrag von Andreas Salomon findet ihr hier auch zum Nachhören.
Einführung: historische Hintergründe
Für den 11. November 1918 wird durch die örtliche sozialdemokratische Partei im großen Kolbermoorer Mareissaal eine Volksversammlung einberufen, zu der, wie aus dem Beschlussbuch des Volksrates hervorgeht, ungewöhnlich viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, dem sogar zwei Kommerzienräte angehörten. 1. Vorsitzender wurde der Gastwirt Franz Sperber, sein Vertreter Bürgermeister Eduard Bergmann. Der Sozialdemokrat Franz Sperber war 1890 aus München gekommen und hatte vielfältige Initiativen ergriffen wie die Gründung eines Arbeiter-Lesevereins (1892) sowie einer Arbeiterbibliothek (1900), und schließlich hatte er 1898 eine Ortsgruppe der SPD gegründet.
Bereits auf der 1. Sitzung des Kolbermoorer Volksrates am 13. November wurde ein Lebensmittelausschuss gebildet, der Beschwerden entgegennehmen und die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren sollte, um eventuelle Missstände abstellen zu können. Er hatte die Aufgabe, auch streng darauf zu achten, dass angelieferte Lebensmittel gerecht verteilt wurden.
Die Kompetenzen des Volksrates waren allerdings eingeschränkt. Er war zunächst lediglich ein Kontrollorgan und bestand parallel zur Gemeindevertretung. Aber er brachte viel Bewegung in die Ortsverwaltung, indem er zahlreiche für die Arbeiter und auch Bauern sinnvolle Tätigkeiten anregte. Die Futtermittelknappheit der Landwirte wurde zur Sprache gebracht, ein Wachkommando eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden oder auf den Vorschlag des Volksrates Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.
Aber manchen Kolbermoorer Arbeitern ging der Wandel nicht schnell genug und sie drängten nach knapp zwei Monaten auf Neuwahlen mit einer anderen Zusammensetzung des Volksrates. Sie beklagten, dass für eine Arbeiterstadt zu viele Angehörige der Bürgerschicht im Volksrat vertreten seien und dessen Kurs nicht radikal genug sei.
Am 8. Januar 1919 kam es dann zur Neuwahl. Nun wurden in den 2. Volksrat sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. So löste man sich in Kolbermoor von der mehrheitssozialdemokratischen Führung (MSPD) im Volksrat sechs Wochen früher als in München und Rosenheim, wo entsprechende Vorgänge erst nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisners am 21. Februar einsetzten. Besonders die Angehörigen der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) erhofften sich von der Neuwahl auch eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.
Einer der Arbeitervertreter war der 32-jährige Installateur Georg Schuhmann (USPD), der zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Er trug schon bald erheblich dazu bei, dass sich die Arbeit des Volksrates beschleunigte und intensivierte. Konsequent wird der Schleichhandel kontrolliert und die Zurückhaltung von Lebensmitteln bekämpft. Schuhmanns Autorität ist so groß, dass er auf Beschluss des Volksrates vom 6.2.1919 im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden abhält. In der Gemeinde wird der Achtstundentag durchgesetzt und für die Gemeindebedienstete der Lohn erhöht.
Nachdem am 21.2.1919 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wird, werden einen Tag später der Kolbermoorer Bürgermeister Bergmann und der Gemeindesekretär Loy zum Rücktritt gedrängt, wie dies auch in vielen anderen Städten, z.B. Rosenheim, geschah. Georg Schuhmann ist jetzt als Volksratsvorsitzender quasi Bürgermeister und der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung.
Vieles wird jetzt demokratisch geregelt. So wird beim Rosenheimer Forstamt angeregt, die Staatsfilze nicht mehr an Großpächter, sondern in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung zu verpachten. Auch werden leerstehende Wohnungen beschlagnahmt, um die Wohnungsnot zu bekämpfen. Einer von Ausweisung nach Böhmen bedrohten Frau wird geholfen, sie darf bleiben. Die Kriegsinvaliden werden finanziell unterstützt und Maßnahmen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen ergriffen.
Am 30.4.1919, hatte es in Kolbermoor noch einmal eine Wahl eines 3. Volksrates gegeben. Ein „Revolutionärer Arbeiterrat“ war gewählt worden. In ihm sind wie seit dem 13.4.1919 in München nur noch Kommunisten vertreten. 1. Vorsitzender wird wieder Georg Schuhmann.
Kolbermoor ist jetzt die letzte rote Bastion in ganz Bayern. Die Stadt wird zur Festung ausgebaut. Drei Verteidigungsgruppen bilden sich, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Man will all das Aufgebaute nicht kampflos preisgeben. Aber nach langen heftigen Diskussionen folgt man den Argumenten des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann, ein großes Blutbad zu vermeiden und kapituliert angesichts der Übermacht an Gegnern.
Am kommenden Tag, Sonntag, den 4. Mai 1919, ziehen Grafinger Weißgardisten morgens um neun Uhr Georg Schuhmann und seinen erst 18-jährigen Sekretär Alois Lahn aus ihren Häusern, misshandeln sie schwer, schleifen sie zur Tonwerksunterführung und ermorden sie. „Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung“, wie es im Sterberegister heißt. Bei der Beerdigung befürchtete man Ausschreitungen und positionierte Maschinengewehre auf dem Friedhof.
Wenn die Revolution auch fehlgeschlagen war, so sammelte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor doch Erfahrungen, entwickelte Bewusstseinsinhalte, und große Teile der Arbeiterschaft wurden resistent gemacht gegenüber dem Nationalsozialismus.
1947 wurde eine Straße nach Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung“ benannt. Seit 1999 erinnert ein Denkmal bei der Tonwerksunterführung an die hinterhältige Mordtat. Mehrfach wurde es von Nazis angegriffen und schließlich zerstört. Am 11. November 2018 wird aber anlässlich des 100. Jubiläums der 1. Volksversammlung ein neues Denkmal eingeweiht werden, das erstmals die Stadt Kolbermoor finanziert.
Rudolf Link – Ein Kolbermoorer Lehrer und Revolutionär
Für die Kolbermoorer Zeit der Räterepublik 1918 /1919 stehen vor allem zwei Namen: Georg Schuhmann und Alois Lahn. Schuhmann war der Vorsitzende des 2.Volksrates (gewählt am 8. Januar 1919) und auch der des dritten, des Revolutionären Arbeiterrates (gewählt am 29. April 1919). Alois Lahn war sein Schreiber, sein Sekretär. Beide wurden am 4. Mai 1919 von Grafinger Weißgardisten ermordet, und seit 1999 wird auf Betreiben des Kreisverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft an sie mit einer Gedenktafel an der Tonwerksunterführung erinnert.
Mit Rudolf Link soll jetzt einem weiteren Mitstreiter dieser bewegten sechs Monate Kolbermoorer Geschichte (vom 11. November 1918 – 3. Mai 1919) ein Gesicht gegeben werden. Zu fragen ist also, welche Rolle er in dieser Zeit spielte. Das ist insofern interessant, weil über die Aktiven des roten Kolbermoors – über das von mir veröffentlichte Beschlussbuch der Räte hinaus – bislang noch sehr wenig bekannt ist. Hinzu kommt, dass das Protokollbuch der Räte mit der Sitzung vom 30. April 1919 abbricht, und es interessant wäre zu wissen, was in den Reihen der Räte in den wesentlichen drei Tagen danach bis zur kampflosen Übergabe diskutiert wurde. Rudolf Link wird dabei helfen können.
Und so sollen jetzt die unterschiedlichsten Mosaiksteinchen zusammengetragen werden, um sich von diesem Mann ein Bild zu machen.
Lehrer an der Kolbermoorer Volksschule
Am 16. September 1918 (Staatsarchiv München, StanW 14266, Angabe von Rudolf Link bei seiner polizeilichen Vernehmung vom 9.6.1919) tritt der 24-jährige Rudolf Link seinen Dienst als Hilfslehrer an der Kolbermoorer Volksschule an (Protokollbuch für die Ortskonferenzen an der Volksschule Kolbermoor vom 18.9.1918). Es ist seine erste Stelle als Lehrer und der gebürtige Franke (geboren in Fürth am 21.4.1894) begibt sich damit gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters, der Gymnasialprofessor in München ist. Zu diesem Zeitpunkt liegen siebzehn Monate Kriegseinsatz hinter dem jungen Link, die ihn sehr geprägt haben dürften und wahrscheinlich sein späteres Engagement für die Räte mitbestimmt haben. Als Lehrer wird er zudem die politische Entwicklung seiner Zeit sehr genau beobachtet und daraus seine Schlüsse gezogen haben. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung war schon bald nichts mehr zu spüren gewesen und im Herbst 1918 zeichnete sich die Kapitulation bereits deutlich ab, und der Rücktritt Kaiser Wilhelm II als deutscher Kaiser und König von Preußen am 9. November war sechs Wochen, bevor Link seine Arbeit aufnahm, klar erkennbar.
Rudolf Link tritt seinen Dienst an.
Um 11 Uhr an besagtem 16. September, so vermerkt es das „Protokollbuch für die Ortskonferenzen an der Volksschule Kolbermoor“ wird von dem Vorsitzenden der Konferenz, Herrn Wilhelm Zerr, das 1. Lehrertreffen im neuen Schuljahr eröffnet und der Hilfslehrer Rudolf Link, der der Schule schon am 15. Juli in Aussicht gestellt worden war, herzlich begrüßt (Schulgeschichtliche Aufzeichnungen für die Volksschule Kolbermoor, angelegt am 1. Oktober 1913, Datum 15. Juli 1918, Eintragsnummer 82).
Er wird zum Klassenlehrer der V b bestimmt (a.a.O., Eintrag vom 17. September, Eintragsnummer 84).
Über seine Lehrertätigkeit ist nichts Auffallendes bekannt geworden. Besonderes scheint also nicht vorgefallen zu sein. Er wird seinen Dienst korrekt versehen haben wie jeder andere auch. Dass er als ausgesprochen junger Lehrer bei seinen Schülern gut ankam, lässt sich vermuten. In den „Schulgeschichtlichen Aufzeichnungen“, in denen besondere Vorfälle vermerkt werden, taucht sein Name während seiner ganzen Lehrertätigkeit nicht wieder auf.
Am 2. Mai 1919, also gut sechseinhalb Monate später, notiert der Schulleiter Wilhelm Zerr: „Ausbruch der Revolution in Kolbermoor, Kämpfe der roten Garde bei Fürstätt“ (a.a.O., Eintrag vom 2. Mai 1919, Eintragsnummer 94). Einen Tag später berichtet er von der „Kapitulation“ und schreibt: „5 Uhr Einmarsch des 16. Infanteriereg. Passau“. Später fügt er ein „Schuhmann erschossen“ (andere Schriftfederstärke). Und er berichtet, dass 6000 Anhänger des Freikorps Chiemgau durch Kolbermoor marschiert seien (a.a.O., 3. Mai 1919, Eintragsnummer 94). Über die Teilnahme seines Lehrers Rudolf Link an den Ereignissen erfahren wir nichts.
Versetzung nach Hilgertshausen
Dieser taucht in Wilhelm Zerrs Aufzeichnungen erst wieder mit der Eintragung vom 1. Juni 1919 auf, in der seine Versetzung „nach 3-wöchentlicher Haft“ wegen „spartakistischer“ Aktivitäten nach Hilgertshausen mitgeteilt wird (a.a.O., Eintrag vom 1. Juni 1919, Eintragsnummer 99).
Link saß zu diesem Zeitpunkt (1. Juni) aber noch wegen Hochverrat in Haft, wie aus anderen Unterlagen eindeutig hervorgeht (Staatsarchiv München, StanW 14266, Akte Rudolf Link) und das Datum wird sich auf den Zeitpunkt der Mitteilung der Versetzung beziehen.
Polizeiliche Vernehmung
Bei der Vernehmung während der Haft gibt Link einige Informationen zu Protokoll, die auf seine politische Entwicklung der letzten Monate Rückschlüsse erlauben. So berichtet er, am 1.4.1919 Mitglied der Kommunistischen Partei geworden zu sein. Damit gibt er kein Geheimnis preis, denn alle Mitglieder des Revolutionären Arbeiterrates (und dem gehörte er an) waren Kommunisten, aber das Eintrittsdatum – erst wenige Wochen vor der Wahl in den 3. Volksrat – zeigt, dass Link durch die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Kolbermoor offenbar zu neuen wesentlichen Einsichten gelangt war, nämlich dass gesellschaftliche revolutionäre Veränderungen eines parteigebundenen Zusammenschlusses bedürfen. Befragt nach seinen eigenen Aktivitäten in Kolbermoor, räumt Link ein, dass er dem Arbeiterrat angehört habe, was sowieso allgemein bekannt war, und er unterstreicht, dass er „gemeindlichen“ Tätigkeiten nachgegangen sei. „An strafbaren Handlungen habe ich mich in keiner Weise betätigt“ (a.a.O.). Und an anderer Stelle: „Ich betone, dass ich dem Arbeiterrat deswegen beigetreten bin, um für das Wohl der Gemeinde zu wirken.“ Als Zeugen ruft er sich auf die Betriebsräte der Spinnerei, weiterhin auf den Ingenieur vom Tonwerk Herrn Philipp, Lehrer Sturm, Hauptlehrer Wesner und Eisenbahnsekretär Popp. Als Anwalt nimmt er sich vorsorglich den Rosenheimer Hubert Weinberger, der während der Nazizeit als Rechtsrat entlassen und 1945 von den Amerikanern zum Rosenheimer Oberbürgermeister ernannt werden sollte (Miesbeck, Peter: Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim, 1994, S. 231).
Die Kollegen fordern seine Freilassung
Links Freilassung erfolgte am 7. Juni, und dieses Datum ist insofern bemerkenswert, als am Tag zuvor der Lehrerrat der Volksschule Kolbermoor, also seine Kollegen, sich schriftlich für seine Entlassung aus dem Gefängnis einsetzten. In dem Schreiben heißt es:
„Bitte des Lehrerrates Kolbermoor an das Amtsgericht Rosenheim um vorläufige Haftentlassung des Hilfslehrers Ru. Link von hier.
Die Unterzeichneten bitten ohne im mindesten die Untersuchung des im Betreff genannten Kollegen beeinflussen zu wollen, um Entlassung desselben aus der Schutzhaft nach gepflogener Vernehmung bis zur w. Verhandlung. Sie erklären sich bereit, dafür zu bürgen, dass sich der Genannte dem ordentlichen Gerichte nicht entziehe.“ (Staatsarchiv München, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Unterzeichnet hat zunächst der Schulleiter Wilhelm Zerr selbst und dann folgen die Namen der Kolleginnen und Kollegen in folgender Reihenfolge: Wesner, Solleder, Weber, Müller, Groß und Sturm sowie die Verweser Stempfl und Lorenz.
Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass Link eine beachtliche Solidarität erfahren hat, also in den wenigen Monaten seines Daseins an der Schule allgemeine Anerkennung fand. Denn es dürfte zu diesem Zeitpunkt durchaus für eine Lehrkraft ein mutiger Schritt gewesen sein, sich so deutlich für einen aktiven Teilnehmer der Räterepublik einzusetzen.
Der Kollege Johann Lorenz setzt sich für ihn ein
Einen Schritt weiter sogar ging am gleichen Tag der 25-jährige Lehrerkollege Johann Lorenz, der sich persönlich für Link einsetzte (Lorenz wird am 19.2.1920 zusammen mit dem Hausbesitzer Johann Schrank, Vater von Maria Schrank, Trauzeuge von Link sein, Ehe am 27.8.1922 wieder geschieden, siehe Kirchenregister Kolbermoor). Lorenz gab zu Protokoll:
„Link ist ein ruhiger Mensch. Er hat die Verhandlungen mit den Regierungstruppen geleitet und – soweit ich gehört habe – beruhigend gewirkt und den Kolbermoorern erklärt, dass ein Widerstand zwecklos sei, er trat sehr dafür ein, dass die Waffen abzugeben seien. Dass Link hetzerisch aufgetreten sei, ist mir völlig unbekannt.
Die Kolbermoorer Schulverhältnisse sind sehr schlimm, die Schule leidet unter der Abwesenheit des Link, da dieser die ihm unterstellten Kinder kennt“ (Staatsarchiv München, StanW 14266, Akte Rudolf Link).
Schauen wir uns an, was Lorenz sagt und auch uns damit mitteilt und, wie er argumentiert. Er geht zum einen auf Links persönliches Wirken in den Revolutionstagen ein und zum anderen unterstreicht er die Notwendigkeit von dessen Präsenz als Lehrer an der Kolbermoorer Schule.
Lorenz schildert Link als jemanden, der offensichtlich in schwierigen Situationen die Ruhe bewahrt. Außerdem habe er die Lage sehr realistisch eingeschätzt und damit zur Entschärfung der Auseinandersetzungen beigetragen. Fast nebenbei erfahren wir, dass Link eine ganz wesentliche Aufgabe ausführte, nämlich die Verhandlungen mit den Regierungstruppen leitete. Daraus darf geschlossen werden, dass Link zumindest in den letzten Tagen des Roten Kolbermoors eine ausgesprochen wichtige Rolle spielte. Er muss sich also im Laufe der Entwicklung der Kolbermoorer Rätezeit zunehmend stärker engagiert und viel Respekt dabei gewonnen haben, dass man dem gerade 25 Jahre (Geburtstag 21.4.) jungen Lehrer eine derart große Verantwortung übertrug.
Link führte Verhandlungen bei der Übergabe Kolbermoors
Die Rolle Links bei den Verhandlungen wird übrigens bestätigt von Prof. Dr. Fridolin Solleder, der in seinen Erinnerungen über die letzten Revolutionstage schreibt: „Ich gehe mit dem Versprechen aus dem Räterat, die Verhandlungen nicht mehr abzubrechen bis zur glücklichen Verständigung. Während sie zwei Rappen schirren, um mich mit zwei Kolbermoorer Unterhändlern, dem Lehrer Link und dem Gemeindeschreiber Winkelblech an die neutrale Linie zurückzubringen, (…)“, (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe im südbayerischen Raum, 1969, S. 124. Prof. Solleder gründete das Freikorps Straubing, wirkte bei der Niederschlagung der Räte in Rosenheim mit und führte mit Oberst Mieg die Verhandlungen auf Seiten der Weißen und Regierungstruppen in Kolbermoor. Der erwähnte Anton Winkelblech ist wie Link Mitglied des Kolbermoorer Revolutionären Arbeiterrates, Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, S. 146).
Zweifellos hat Link zumindest zu diesem Zeitpunkt zum engsten Führungskreis gehört.
Doch zunächst sollen noch einige persönliche Seiten von Rudolf Link aufgezeigt werden.
Rudl und Hummel – eine Liebe in Kolbermoor
Während Rudolf Link in den Tagen nach der Zerschlagung des Kolbermoorer Rätesystems inhaftiert und nach Rosenheim verbracht wird (Weber, Klaus: Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, 2007, S. 76, auch: Rivier, Horst: Heimat Kolbermoor, Bd. 2, 1997, S. 58), machen sich die Sieger auf, seine Wohnung zu durchsuchen. Im Übergabe-Protokoll vom 3. Mai 1919 heißt es: „6. Die Durchsuchung von Kolbermoor nach Waffen und Munition beginnt nach Anordnung des Rittmeisters Hutschenreuther um 6 Uhr 30 Min. nachm.“
Statt Waffen Liebesbriefe
Aber nach Waffen suchte man in der Wohnung von Rudolf Link vergeblich.
In einem Schreiben des Ortskommandanten Hutschenreuther, das in Vertretung ein Leutnant Baumgartner unterschrieben hat, ist vielmehr zu lesen:
„Bei der am 3.6. durch Dr. Ertzdorff vorgenommenen Haussuchung in der Wohnung des verhafteten Lehrer Link haben sich beiliegende Papiere gefunden. Bei der am 4.6. durch Ltn Baumgartner vorgenommenen Haussuchung in der Wohnung der Braut des Lehrers Link Marie Schrank (Maria Schrank wurde am 24. November 1900 geboren und lebte in Kolbermoor in der Glücksstraße 5) hat sich ein Leibriemen gefunden, der vom Freikorps beschlagnahmt wurde (Staatsarchiv München, StanW 14266, Akte Rudolf Link).
Außerdem entdeckte man offensichtlich in selbiger Wohnung statt Waffen mehrere Liebesbriefe.
Drei Briefe liegen vor, die uns Einblick in Links Wesensart geben. Am 17.4.1919 schrieb Rudl, wie ihn seine Geliebte nannte, an seine Hummel:
Link als Landschaftsmaler
„Heute war ich, ohne es zu wollen, Frühaufsteher. Es war schon ziemlich kalt und ich dachte: Jetzt ists höchste Zeit zum Aufstehen. Nach dem Morgengebet lief ich in den Stall zum Waschen. Dann schleppte ich mein Malzeug vors Haus, da bei der bewussten Bank mit dem Kritzelbaum stellte ich es auf. Von dort malte ich die Berge. Aber der Wind pfiff mir die Finger kalt. Ein Pfeifchen machte ich mir an und wärmte mir an ihm die zierlichen Händchen. Eine Stunde wurde gemalt. Dann gings zur schönsten Arbeit, zum Brotzeitmachen. Es war erst 7.15 Uhr. Dann überzeugte ich mich, dass meine Angehörigen noch pumperfest schliefen. Nun stapfte ich wieder nach Sahnering, um dir diesen Brief zu schreiben“ (Staatsarchiv München, StanW 14266, Akte Rudolf Link).
Was erfahren wir über Link? Er war ein Frühaufsteher und zudem ein frommer Mensch, was man bei einem Revolutionär nicht unbedingt vermuten würde. Er lebte in einfachsten Verhältnissen, rauchte Pfeife und malte offensichtlich für sein Leben gern. Die Landschaft um ihn herum begeisterte den jungen Lehrer. Denn weiter schreibt er in besagtem Brief:
„Wenns auch tüchtig kalt ist, so ist die Landschaft hier heute so prächtig, dass es mich wieder an meine Staffelei hinzieht. Lauter Frühling: wandernde Wolken, blauer Himmel, blaue Berge mit leuchtendem Schnee, saftgrüne Wiesen mit nickenden Schlüsselblumen. Und in mir selbst ist auch Frühling, nur noch sonniger und wärmer. Bei jedem Pinselstrich“
Link spricht von seinen „zierlichen Händchen“, wird also eher klein gewesen sein und sehr empfindsam. Wir dürfen ihn uns als sehr feinsinnig vorstellen und der Kunst verpflichtet: Sicher liebte er seine Heimat über alles und fand sich, indem er Landschaftsporträts anfertigte.
Im zweiten Teil des Briefes folgt nun ein Liebesbekenntnis: „Hab ich dich vor Augen, da fallen die Farben viel kräftiger und die Striche fast zu wuchtig aus. Ich freue mich schon auf den Sonntag. (…) Auf ein fröhliches Wiedersehen! Einen Kuss schickt dir dein Rudl.“
Schon einen Tag später, am 18.4. schreibt er erneut aus Krottenmühl, wo er offensichtlich wohnt. Link fühlt sich „einsam“ und „meist allein“ und berichtet dann erstmals über eine politische Auseinandersetzung:
Link vertritt seine politische Meinung
„Die Leute sind derartig kleinlich, spießbürgerlich (…), dass ich empört sein muss über soviel Unverständnis und fanatischen Großstadtdünkel. Gestern Abend großes politisches Meinungsaustauschen. Man schimpfte über die Arbeiter, über die Räte, über alles, was nicht Bürger heißt (Es war auch ein Professor aus Regenburg dabei). Zuerst hörte ich schweigend zu, dann aber fing ich ganz sachte an, dazwischen zu reden. Dann wurde ich immer bissiger und zuletzt fiel Wort auf Wort. Die beiden Herren Professoren nahmen ihren ganzen Redeschwall her, um meine Überzeugung niederzukämpfen. Als ich merkte: Nun habe ich sie richtig hinaufgetrieben, nahm ich meine Überjoppe, machte meinen Servus und empfahl mich. Ich hatte wenigstens den Erfolg, dass die beiden, mein Vater und sein Kollege, sich heute nicht mehr mit mir in einen politischen Meinungsaustausch einließen“ (a.a.O., Brief von Rudolf Link an Marie Schrank vom 18.4.1919).
Ganz nebenbei erfahren wir, dass Rudolf Link mit seinem Vater und dessen Kollegen stritt. Es muss ein heftiger Meinungsstreit über die Räterepublik gewesen sein, bei dem die Kontrahenten sich nichts schenkten. Link behielt offensichtlich seinen klaren Kopf, vertrat mit großer Überzeugung seine Position, ohne sich aber aufzureiben und verließ zufrieden die Diskussionsrunde, als er merkte, dass er nichts weiter ausrichten konnte.
Da er seiner Geliebten offen über die politische Auseinandersetzung schreibt, darf vermutet werden, dass sie seine rätefreundlichen Überzeugungen teilte.
Als Marie ihn fragt, ob er nicht Angst habe, ist er leicht gekränkt und schreibt ihr: „Liebe H., vor wem hätte ich denn am Mittwoch Angst haben sollen. Du scheinst schon sehr gering von mir zu denken. Das darf nicht sein. Ich fürchte niemanden, verstanden?“, setzt er in etwas harschem Ton hinzu.
Und wieder berichtet er in diesem zweiten Brief, dass er schon vor 6 Uhr aufgestanden sei und bis zum Mittagessen gemalt habe. „Das ist eine Wohltat, solange und so ganz allein in der schönen Natur sein zu können. Heute ist es auch ein bisschen warm. Wenn ich so bei der Bank am Pruttinger Wasserturm stehe und in meinen Farben schwelge, da habe ich Zeit über dich und mich, über die Zeit und über alles nachzudenken. (…) Ich prüfte meine Gefühle, meine Gefühle für dich. Hätte ich dich bei mir gehabt, so wäre meine Freude eine vollständige gewesen. (…) Denn ich habe dich so lieb. (…)“
Im letzten der drei Briefe, dessen Datum nicht eindeutig zu entziffern ist, schreibt er: „Sehr spät ist´s schon. Wenn ich dir ein kleines Brieferl zugedacht habe, kann ich schlafen. Aber nur ein ganz kleines (…).“ Er berichtet, dass er im Gasthof Hintermeyer gewesen sei (Der Kolbermoorer Gasthof Hintermeyer befand sich in der Von-Bippen-Straße, wo heute Elektro-Hartinger ist.) und dort eine Zeichnung in ein Gästebuch gefertigt habe. Weiterhin habe er seinem Brief Photos beigelegt und erzählt, wie sehr er sich ohne seine Hummel langweilt, „drehe nämlich andauernd die Daumen umeinander“. Link unterschreibt diesmal mit Kurt Bolschewiki, was ein Hinweis auf seine politische Einstellung sein dürfte.
Link und die Räterepublik
Einen Tag nach dem zweiten Liebesbrief erhält Link ein Telegramm. Es ist am 19.4. um 10 Uhr in Kolbermoor aufgegeben worden und wird um 16 Uhr überreicht. Rudolf Link, der sich bei der Familie Dirneichner in Krottenmühl aufhält, liest: „Sofort kommen, Probe für Fest.“ Was soll das heißen? Link wird wissen, was diese Verschlüsselung mitteilt, und bricht sofort auf.
Wir müssen bedenken, dass es nur noch zehn Tage bis zur Gründung des Kolbermoorer Revolutionären Arbeiterrates sind. Das Beschlussbuch des Volksrates weist zu diesem Zeitpunkt die letzte Sitzung für den 27. März aus, was also schon mehr als drei Wochen zurückliegt. Es sollte die letzte Sitzung des 2. Volksrates sein. Allerdings deutet im Protokoll selber nichts darauf hin, dass besondere Veränderungen bevorstehen, vielmehr gehen die Räte einfach ihrer ganz normalen Tätigkeit nach. Bürgermeister Bergmann war auf einer außerordentlichen Sitzung am 22. Februar zum Rücktritt veranlasst worden und Georg Schuhmann hatte jetzt dessen Funktion übernommen. Auf besagter Sitzung wurde der Gemeindesekretär Loy in den Ruhestand versetzt, die Gehälter der Gemeindebeamten wurden erhöht, einem Karl Huster wurde erlaubt während der Pfingsttage ein Karussell und eine Schießbude aufzustellen und ein Herr Bickl bekam eine Genehmigung für den Betrieb eines Marionettentheater. Die italienische Staatsangehörige Biemonte wird eingebürgert, Konzessionen für Gastwirtschaften werden erteilt, eine hölzerne Brücke über die Mangfall genehmigt und geplant wird, dass „ein schöner Platz bzw. eine bedeutendere – längere Straße nach Kurt Eisner benannt werde.“ (Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, S. 144 f).
Als am 29.4.1919 der „Revolutionäre Arbeiterrat“ gewählt wird, ist einer der Räte Rudolf Link. Er übernimmt die Rolle des Schriftführers und fertigt von da an die Protokolle. Die Wahl des 3. Volksrates war nötig geworden, weil, wie es in dem Protokoll von der Wahl heißt, „ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat unmöglich ist.“ Schuhmann hatte erklärt, dass die „derzeitige Zusammensetzung des Volksrates seinen Vorsitz unmöglich“ mache. (Salomon, S. 146). Weiterhin heißt es in dem Protokoll: „Schuhmann erklärt, nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“
Link nimmt damit zum ersten Mal in der Politik eine bedeutende Rolle ein. Neben Link und den beiden Vorsitzenden Schuhmann und Wagner gibt es sechs Räte, nämlich Anton Bayer, Bernhard Auanger, Xaver Kastl, Anton Schollenbruch und Emil Winkelblech sowie die Beiräte Seib und Stempfel.
Wie kam Link zu dieser überaus wichtigen Aufgabe wenige Tage vor dem Ende der Räterepublik? Seit dem 16. September 1918 war Link Lehrer in Kolbermoor. Niemandem vor Ort wird die Gründung des 1. Volksrates sieben Wochen später am 11. November 1918 entgangen sein. Unter den 25 gewählten Räten waren bereits der Gastwirt Franz Wagner, der Hausbesitzer Bernhard Auanger und der Kriegsinvalide Xaver Kastl, mit denen Link im 3. Volksrat zusammensitzen sollte. Es darf davon ausgegangen werden, dass der junge Kolbermoorer Lehrer die Arbeit der Räte sorgfältig verfolgte, sich ihnen zunehmend annäherte und vielleicht bereits die eine oder andere Unterstützungstätigkeit wahrnahm. Wie die Beziehungen im Einzelnen verliefen, entzieht sich bislang unserer Kenntnis, aber der bereits erwähnte KPD-Beitritt spricht eine beredte Sprache.
Der neue Volksrat wurde „nach Zuruf aus der Volksversammlung“ zusammengestellt (Landgrebe, Christa: Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum, München 1980, S. 149) und zeigt damit, welche Popularität Link inzwischen in Kolbermoor genoss. Alle Mitglieder des „Revolutionären Arbeiterrates“ mussten zudem Kommunisten sein und Links entsprechende Parteizugehörigkeit war offensichtlich in Kolbermoor bekannt und sie war kein Problem; ihn zu wählen, sondern geradezu Voraussetzung.
Welche Aufgaben nahm er im neuen Volksrat wahr? Als seine Wohnung am 3. Juni durchsucht wurde, fand man auch ein Schulheft in DIN-A5-Größe, in dem der junge Lehrer und Volksrat seine Aufzeichnungen während der Sitzungen festgehalten hatte. Es beginnt mit der Mitschrift der 13. Sitzung vom 30. April, bei der die Aufgaben der einzelnen Räte festgelegt wurden und Link die Funktion des Schriftführers erhielt. Dann folgen, rückläufig betrachtet, Notizen zur Wahl des Revolutionären Volksrates, die ihm dann zur Vorlage für das entsprechende Protokoll im Beschlussbuch dienten.
Links Aufzeichnungen vor der Übergabe
Weitere Protokolle vor der Einnahme Kolbermoors wurden nicht mehr im Beschlussbuch erfasst. Aber Links Aufzeichnungen gehen weiter. Man merkt den folgenden Notizen in seinem Heft die hohe Anspannung während der Sitzungen an. Die Schrift ist ausgesprochen flüchtig, vieles ist kaum einander zuzuordnen und bleibt nebulös. Vieles ist aber auch sehr erhellend.
Für den 1. Mai 1919 notiert der Schriftführer: „Dauersitzung der rev. Arbeiter- und Betriebsräte“. Der Gastwirt Wagner spricht von einer großen „Blamage Rosenheims“. Denn die Nachbarstadt will sich der Übermacht ergeben. Link hält fest: „Auf uns selbst angewiesen“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine heftige Debatte. Was tun? Was machen wir, wenn Rosenheim aufgibt? Ist dann unsere Sache auch besiegelt? Der Ruf nach Waffen wird laut, und der nach der Anlage von Schützengräben. Ein Telegramm wird hineingereicht: die Entwicklung in Rosenheim und Umgebung abwarten.
Es wird um Einigkeit in den eigenen Reihen gerungen. Die Verantwortung für alles Handeln soll allein bei den Führern und Räten bleiben. Zum ersten Mal taucht die Forderung auf, dass kein nutzloses Blut vergossen werden darf. Schuhmann unterstreicht dies, fügt aber hinzu, dass die Forderungen des Volksrates gesichert sein müssten.
Links Schrift wird immer zittriger. Randbemerkungen, Streichungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, wildes Gekritzel – die Nervosität nimmt immer mehr zu.
Immer wieder wird auf Rosenheim Bezug genommen oder auf München: Stimmt es, dass die weiße Garde in München und Mühldorf zerschlagen wurde?
Dann kommt wieder ein Telegramm, diesmal vom Freikorps Wasserburg. Darin heißt es: „Sofortige Übergabe von Kolbermoor. Übergabe Waffen, Übergabe der Führer. Oberst Schneider“. Endgültig jetzt weiß jeder, wie ernst die Lage ist. Die Ereignisse überschlagen sich. Dennoch wird sachlich weiter diskutiert. Die Räte wissen, dass die Bevölkerung in Kolbermoor hinter ihnen steht. „Vertraut den Kolbermoorer Führern!“, ruft der Beirat Stempfel, und Anton Winkelblech nimmt diese Bekundung zum Anlass, um den Maifeiertag mit einem Bekenntnis zum Kommunismus in Erinnerung zu bringen.
Immer wieder ist vom bevorstehenden Kampf die Rede, der nur Sinn mache, wenn man ihn auch gewinnen könne, so der 2. Vorsitzende des Arbeiterrates Wagner. Längst diskutieren nicht nur die Räte, das Forum ist erweitert. Berichte aus Rosenheim treffen ein. Die Stadt sei im Begriff zu übergeben. Wer damit nicht einverstanden sei, setze sich jetzt nach Kolbermoor ab, so auch der dortige Soldatenratsvorsitzende Kopp. Noch gibt Schuhmann sich kampfesmutig. Link notiert einzelne Äußerungen: „Mit Waffen!“ „Standhalten!“ „Sonst gefährden wir München“. „Die anderen lassen Proletarier-Blut fließen. Wir kämpfen für die Proletarier.“
Es entwickelt sich eine Auseinandersetzung über die Hoffmann-Regierung. Schuhmann steht fest zum Rätesystem, verwehrt sich gegen eine Zusammenarbeit mit der Hoffmann-Regierung und ruft den russischen Rätegedanken in Erinnerung. Jetzt dürfe man keine Kompromisse machen. Da wird gemeldet, dass Kopp da sei. Dieser ist aber nicht willkommen.
Schuhmann schlägt jetzt vor, sich auf Verhandlungen einzulassen, aber sich nicht auszuliefern. Offensichtlich wird gezweifelt, ob dies möglich ist. Schließlich wird einstimmig die Forderung angenommen, Kolbermoor zu verteidigen.
Kopp berichtet von den Forderungen der Übergabe in Rosenheim: Waffen müssten abgegeben, die Rote Garde aufgelöst werden. Der Volksrat Bayer kritisiert Kopp, dass er unterschrieben habe.
Über die genaue Lage in München herrscht Unklarheit, man sieht sich in der Luft hängen. Wagner fordert auf, jetzt nicht schwarz zu malen. Noch einmal wird eine Verteidigung Kolbermoors einstimmig bekräftigt.
Dann werden die Aufzeichnungen unverständlich und brechen schließlich ab. Man kann noch entziffern: „sämtliche Waffen mit Munition!“ Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.
Über die Ereignisse des 3 Mais, des Tages der Übergabe Kolbermoors, erfahren wir von Link nichts. Da er selber die Übergabeverhandlungen mit leitete, wird er keine Zeit für Notizen gefunden haben.
Als es schließlich zur Unterzeichnung der „Uebergabe-Verhandlung“ kommt, wird Link nicht mehr namentlich erwähnt. Der Vertrag wird zwischen dem Freikorpsführer Oberst Mieg sowie den neu eingesetzten – offensichtlich genehmen „Räten“ – Billinger, Popp und Straßberger auf der einen Seite abgeschlossen und auf der anderen Seite der Roten Garde. Link erwähnt bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, dass die Übergabe von der Versammlung einstimmig beschlossen wurde.
In § 1 heißt es: „Kolbermoor ergibt sich bedingungslos an die Regierungstruppen u. Freikorps unter der Führung des Oberst Mieg“ (Weber, Klaus: Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, 2007, S.76).
Link als Vertreter aller Genossen bei der Beerdigung Schuhmanns
Am Morgen des 4. Mai werden der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten aus ihren Betten gezerrt, schwer misshandelt und bei der Tonwerksunterführung erschossen.
Im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 7. Mai ist zu lesen: „Unter zahlreicher Beteiligung wurden heute früh die Leichen der gemordeten Genossen Schuhmann und Lahn der Erde übergeben. Drei Geistliche zeremonierten dabei und Pfarrer Geoffry sprach erhebende Worte am Grabe. (…) Es legten dann mit kurzen Ansprachen Kränze nieder Herr Lehrer Link namens der Genossen und Genossinnen, Herr Kellermann namens der Arbeiterschaft des Thonswerks und Herr Pesold namens der Arbeiterschaft der Spinnerei. Die Musik spielte und gab man Ehrensalven ab (…) (Anzeiger für Kolbermoor, 7. Mai 1919). Otto Kögl berichtet: „Ganz Kolbermoor beteiligte sich an der Beerdigung Schuhmanns und Lahns. Während der Beerdigung stand in der Nähe des Friedhofs eine Kompanie Regierungstruppen Gewehr bei Fuß“, um aus der Beerdigung keine Massendemonstration werden zu lassen (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe, 1969, S. 128). Das verschweigt der Zeitungsartikel. Nicht einmal ein Trauerzug durch die Ortschaft durfte gebildet werden (Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, 2000, S. 103). Wie erregt die Menschenmenge war, geht auch aus einem Eintrag im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor hervor, wo es heißt: „Hr. Dr. Solleder ersucht um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teils d. Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern“ (Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, S.144). Link war offensichtlich zur Beruhigung der Massen extra zur Beerdigung freigelassen worden.
Im selben „Anzeiger für Kolbermoor“ veröffentlich er einen Nachruf (unterzeichnet mit: „R.L.“). Ein Wort des Freiheitsdichters Freiligrath aus dem Revolutionsjahr 1848 stellt er seinen Ausführungen voran, womit er die Politik der Räte in der Tradition der Freiheitskämpfer von 48 sieht. Bei den ausgewählten Versen handelt es sich um Zeilen aus der letzten Strophe des Gedichtes „Die Todten an die Lebenden“. Link lässt also quasi die Ermordeten selber sprechen. Mit leidenschaftlichen Worten heißt es dort:
„O, steht gerüstet! Seid bereit!
O, schaffet, daß die Erde,
Darin wir liegen, strack und starr
Ganz eine freie werde!“
Dann folgen Links Ausführungen:
„Uns ist, als ob diese Worte des Freiheitdichters heute an unser Ohr klängen. Wir mußten unseren Schuhmann begraben. Ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß! Alles für andere, für sich nichts! Wer rieb sich auf in der Arbeit für das schaffende Volk? Wir haben einen Genossen verloren, der gewählt war, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Wer kann ihm ein Verbrechen nachweisen? Der Minister des Inneren Segitz hat seiner Zeit die Handlungsweise unseres toten Kameraden gebilligt und trat auch für seine Weiterarbeit in unserer Gemeinde ein. Seiner Verantwortung war sich Schuhmann stets bewußt. Das beweist sein Verhalten in letzter Stunde. Furchtlos stellte er sich der tödlichen Kugel. Sein Andenken ist uns heilig!“ („Anzeiger für Kolbermoor“, 7. Mai 1919).
Mit den Worten Freiligraths, die er Schuhmann in den Mund legt, appelliert Link an die trauernden Kolbermoorer Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen und wenn er von Schuhmanns Idealen spricht, dann spricht er auch von seinen eigenen, von dem selbstlosen Kampf und der notwendigen Unbeugsamkeit bis in den Tod hinein.
Bereits zwei Tage später wird Link erneut „wegen politischer Umtriebe“ verhaftet und wegen Hochverrat angeklagt. Jetzt setzt sich der Betriebsratsvorsitzende der Spinnerei Adolf Pesold für seine Freilassung ein und betont: „Er versuchte (…) durch versöhnende Haltung bei der Übergabe jedes Blutvergießen zu vermeiden“ (Münchner Staatsarchiv, StamW 14266, Akte Rudolf Link). Ja, Link selbst wendet sich an den Staatsanwalt Lieberich und bittet um Vorladung. Sämtliche Anklagepunkte seien unzutreffend und beruhten auf „persönlicher Missgunst“. Er könne genügend Zeugen benennen. Schließlich wird er zusammen mit einem Herrn Heinzinger bei der Polizeidirektion München vorgeführt.
Einen Tag später, am 10. Juni 1919, befasst sich auch der neu eingesetzte „Volksrat“ mit der Verhaftung Links. Es heißt im Protokoll: „Als erster und wichtigster Punkt der Tagesordnung kam die Stellungnahme des Volksrates zu der erfolgten Verhaftung des Lehrers Link (Rudolf) zur Sprache“ (Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Kolbermoor 2000, S. 147). Aber das Blatt der Geschichte hat sich gewendet und Link befindet sich jetzt auf der Verliererseite. Der neue „Volksrat“ vertritt nicht mehr die Interessen der Bevölkerung, sondern die der Sieger. Man kommt überein, „von einer Unternehmung für Link Abstand zu nehmen“(a.a.O., S 147).
Link selbst wird am gleichen Tag in München vernommen. Unter anderem wird er mit dem Vorwurf konfrontiert, bewaffnet gewesen zu sein. Darauf erwidert er: „Es ist richtig, dass ich am vorletzten Tage des letzten Umsturzes in der Waffenverteilungsstelle in Kolbermoor noch ein Gewehr fasste, jedoch dasselbe nicht benutzte. Ich bewaffnete mich deshalb, weil alles bewaffnet war und ich mich ja doch auch zu den Arbeitern rechnete“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link).
Zur Beerdigung von Schuhmann und Lahn gibt Link zu Protokoll: „Bei der Beerdigung des Schuhmann war ich anwesend und legte im Namen seiner Genossen und Genossinnen einen Kranz nieder, wobei ich lediglich eine kurze Widmungsrede in das offene Grab hielt“.
Dann wird er angesprochen auf seine Tätigkeit im „Revolutionären Arbeiterrat“ und äußert sich wie folgt: „Richtig ist, dass ich das Protokollbuch des Arbeiterrates führte. Ich habe aus dem Buch zwei Blätter herausgerissen, sie liegen aber noch im Buch. In diesen Blättern steht nur allgemein Bekanntes und absolut nichts Belastendes.“
Link stellt bei der Polizei in Abrede, ein kommunistisches Flugblatt verfasst und für die Räterepublik agitiert zu haben. Über das Verhältnis zu seiner Braut schweigt er sich aus.
Offensichtlich gelingt es nicht, Link eine strafbare Handlung nachzuweisen, sodass er erneut freigelassen („abermals auf freien Fuß gesetzt“) werden muss, wie aus einem Schreiben an das Bezirksamt Bad Aibling vom 24. Juni 1919 hervorgeht.
Seine Zeit in Kolbermoor ist abgelaufen. Wegen „spartakistischer“ Aktivitäten wird er, wie zu Beginn erwähnt, „nach dreiwöchiger Haft“ nach Hilgertshausen versetzt (Schulgeschichtliche Aufzeichnungen der Volksschule Kolbermoor, Eintrag vom 1. Juni 1919). Dort ist er bis zum Jahre 1933 als Lehrer tätig (Schulgeschichtliche Aufzeichnungen der Volksschule Hilgertshausen 1859 – 1962). Mit dem Machtantritt der Nazis wird der Lehrer Link entlassen. Dann verliert sich seine Spur (Nachforschungen in Hilgertshausen, Meldeunterlagen, führten zu keinem Ergebnis).
Literatur
Haus der Bayerischen Geschichte (Hg), Revolution! Bayern 1918 / 19, Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 37, Augsburg 2008
Höller, Ralf: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/ 19, Berlin 1999
Kögl, Otto: Revolutionskämpfe im südostbayerischen Raum, Rosenheim 1969
Landgrebe, Christa: Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum, München 1980
Miesbeck, Peter: Bürgertum und Nationalsozialismus, Rosenheim 1994
Rivier, Horst: Heimat Kolbermoor, Band 2, Kolbermoor 1997
Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Kolbermoor 2000
Weber, Klaus: Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, Kolbermoor 2007
Archive
Archiv der Volksschule Kolbermoor (Protokollbuch für die Ortskonferenzen an der Volksschule Kolbermoor 1913)
Archiv der Volksschule Kolbermoor ) Schulgeschichtliche Aufzeichnungen für die Volksschule Kolbermoor 1913 ff)
Archiv der Volksschule Hilgertshausen (Schulgeschichtliche Aufzeichnungen der Volksschule Hilgertshausen 1859 -1963)
Staatsarchiv München, StanW 14266, Personalakte Rudolf Link
Stadtarchiv Kolbermoor, „Anzeiger für Kolbermoor“, 7- Mai 1919
Archiv der kath. Pfarrei Kolbermoor, Sterberegister
Herzlich bedanken möchte ich mich bei Frau Gisela Lange aus Feldkirchen-Westerham, ohne deren unentgeltliche, tagelange Hilfe bei der Entzifferung der Handschriften diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre.
Andreas Salomon