So., 4.11.18: Film mit ZeitzeugInnen der Revolution

Pressemitteilung – mit der Bitte um Veröffentlichung

100 Jahre Freistaat Bayern – Film & Filmgespräch im Z

So., 4.11.18: Film mit ZeitzeugInnen der Revolution und Räterepublik in München 1918/19

Rosenheim (re). Am Sonntag den 04.11.2018 kommt die Münchner Filmemacherin Ulrike Bez nach Rosenheim und zeigt im „Z“ (Innstr. 45a) ihren Dokumentarfilm „Es geht durch die Welt ein Geflüster“. Der Film, mit zahlreichen Zeitzeugeninterviews, entstand zum 70. Jahrestag der Münchner Revolution und Räterepublik im Jahr 1988/89. Dieses Jahr jährt sich die Revolution zum 100. Mal. In Rosenheim wird die 2018 entstandene Neufassung des Filmes aufgeführt und die Filmemacherin steht anschließend dem Publikum für ein Filmgespräch zur Verfügung.

Zwischen dem 7. November 1918 und dem 1. Mai 1919 ändert sich das politische Gesicht Bayerns vollständig: In München, dem Hauptschauplatz der Revolution wird die Monarchie gestürzt. In der Nacht zum 8. November ruft Kurt Eisner den Freistaat Bayern aus und wird erster Ministerpräsident: In der Folge kämpfen revolutionäre und reaktionäre Kräfte ein halbes Jahr lang mit allen Mitteln um die Macht. Der Dokumentarfilm „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ (1989/ 45 Min.) verwebt zeitgeschichtliche Film- und Fotodokumente und Interviews. Zu Wort kommen die damals bereits hochbetagten ZeitzeugInnen: Kommunisten, Sozialisten, Syndikalisten und Anarchisten wie Centa Herker, Hugo Jakusch und Peter Lichtinger.
Zum Schutz vor rechtsradikalen Übergriffen haben sich einige der ProtagonistInnen damals anonymisieren lassen. So tritt die bekannte Kommunistin und Antifaschistin Centa Herker-Beimler unter dem Namen Rosa auf und der Anarchist Benno verzichtet auf die Nennung seines Nachnamens. „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ ist der erste Dokumentarfilm der Filmemacherin Ulrike Bez und ist eines der ganz wenigen Bewegtbilddokumente, das den ZeitzeugInnen aus dem linken Spektrum eine Stimme gibt.

Die um 19:00 Uhr beginnende Filmvorführung wird von der Geschichtswerkstatt Rosenheim in Kooperation mit dem Kurt Eisner Verein organisiert. Der Eintritt ist frei. Der Abend ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe „Es lebe das freie Bayern“ mit elf Veranstaltungen zum Thema Revolutions- und Rätezeit im Raum Rosenheim. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.revolution.rosenheim.social

 

Weitere Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt Rosenheim

auf der Spurensuche zur Revolution und Rätezeit 1918/19 in und um Rosenheim

So., 9.12.18 – 19 Uhr:

Guido Kopp – Leben und Kampf eines (Berufs-)Revolutionärs (Vortrag)

Referent: Gernod Fuchs (Salzburg) | Asta Kneipe, Hubertusstr.1, Rosenheim

 

 

Fr., 14.12.18 – 19 Uhr :

Ernst Toller – Revolutionär der Münchner Räterepublik (Vortrag)

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim) | Z -linkes Zentrum, Innstr. 45a, Rosenheim

 

So., 13.1.19 – 19 Uhr:

Das rote Kolbermoor (Film & Vortrag)

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim) | Vetternwirtschaft, Oberaustr. 2, Rosenheim

 

 

Fr., 8.2.19 – 19 Uhr:

Die Lebensgeschichte Zenzl Mühsam (Vortrag)

Referentin: Uschi Otten (Berlin) | Vetternwirtschaft, Oberaustr. 2, Rosenheim

 

Sa., 23.2.19 – 14 Uhr:

Auf den Spuren der Revolutions- und Rätezeit in Rosenheim (Stadtführung)

Führung: Geschichtswerkstatt (Rosenheim) | Loretowiese (Glückshafen), Rosenheim

So., 10.3.19 – 19 Uhr:

Frauen in der bayerischen Räterepublik (Vortrag)

Referentin: Christiane Sternsdorf-Hauck (München) | Z -linkes Zentrum, Innstr. 45a, Rosenheim

 

So., 7.4.19 – 19 Uhr:

Rosenheim in der bayerischen Räterepublik vom 7. April 1919 (Vortrag)

Referent: Dr. Michael Seligmann (Münster) | Strehles, Herzog-Otto-Str.8 A, Rosenheim

 

Sa., 27.4.19 – 14 Uhr:

Auf den Spuren des Roten Kolbermoors (Stadtführung)

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim) | Bahnhofsvorplatz, Kolbermoor

 

Sa., 4.5.19 – 19 Uhr:

Hier Revolution? Wer dort?“ Gustav Landauer und die bayerische Revolution 1918/19 (Vortrag)

Referent: Dr. Siegbert Wolf (Frankfurt/Main) | Bildungswerk, Pettenkoferstr. 5, Rosenheim

 

So., 26.05.19 – 19 Uhr:

Überall siehst du Gitterstäbe“ – Schriftsteller in der Festungshaft (Vortrag)

Referentin: Laura Mokrohs (München) | Kaffä, Weinstr. 3, Rosenheim

„Es lebe das freie Bayern“ Veranstaltungsreihe auf der Spurensuche zur Revolution und Rätezeit 1918/19 in und um Rosenheim

Es lebe das freie Bayern“

Veranstaltungsreihe: 100 Jahre Revolution und Rätezeit

So., 04.11.18 – 19.00 Uhr – Film & Filmgespräch:

Es geht durch die Welt ein Geflüster
ZeitzeugInnen der Revolution und Räterepublik in München 1918/19

Referentin/Regie: Uli Bez, 1989/Neufassung 2018, 45 Min.

Zwischen dem 7. November 1918 und dem 1. Mai 1919 ändert sich das politische Gesicht Bayerns völlig: In München wird die Monarchie gestürzt. In der Nacht zum 8. November ruft Kurt Eisner den Freistaat Bayern aus und wird erster Ministerpräsident. In der Folge kämpfen revolutionäre und reaktionäre Kräfte mit allen Mitteln um die Macht. Der Dokumentarfilm entstand zum 70. Jahrestag von Revolution und Räterepublik im Jahr 1988/89. Der Film ist eines der wenigen Bewegtbilddokumente, das den ZeitzeugInnen aus dem linken Spektrum eine Stimme gibt.
Die Referentin Uli Bez arbeitet als unabhängige Filmemacherin in München.

Ort: Z -linkes Zentrum, Innstr. 45a, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, Kurt Eisner Verein.


So., 09.12.18 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Guido Kopp – Leben und Kampf eines (Berufs-)Revolutionärs

Referent: Gernod Fuchs (Salzburg)

Guido Kopp wurde nach dem 1.Weltkrieg vom bayerischen Soldaten zum Revolutionär. Als Vorsitzender des Soldatenrates und später Mitglied und Vorsitzender der KPD Ortsgruppe nahm er eine wichtige Rolle in der Revolutionszeit und Räterepublik in Rosenheim ein. Nach der Niederschlagung der Räterepublik kam er in Haft. Danach kämpfte er im österreichischen und im spanischen Bürgerkrieg und überlebte den Naziterror in den KZs Dachau und Buchenwald. Ab 1945 wieder in Salzburg schrieb er seine Erinnerungen nieder. Der Vortrag unternimmt eine Rekonstruktion seines Lebens.
Der Referent Gernod Fuchs ist ehemaliger Unteroffizier des österreichischen Bundesheeres und forscht u.a. zum Polizeiwesen im NS-Österreich.

Ort: Asta Kneipe, Hubertusstr. 1, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, infogruppe Rosenheim, Kurt Eisner Verein.


Fr., 14.12.18 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Ernst Toller – Revolutionär der Münchner Räterepublik

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim)

Ernst Toller war nicht nur Humanist und Pazifist, ein überzeugender Redner und bedeutender Schriftsteller, sondern auch einer der bekanntesten Revolutionäre der bayerischen Räterepublik. Im 1. Weltkrieg vom Patrioten zum Pazifisten gewandelt, wurde er in der Münchner Revolution zum Zentralratsvorsitzender der 1. Bayerischen Räterepublik. Nach langen Gefängnisjahren warnte er in weltweiten Reisen hellsichtig vor dem Nationalsozialismus, musste emigrieren und verübte 1939 verzweifelt Selbstmord.
Der Referent Andreas Salomon beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der lokalen Geschichte der Rätezeit und engagiert sich für eine aktivere Gedenkkultur.

Ort: Z -linkes Zentrum, Innstr. 45a, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, attac, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.


So., 13.01.19 – 19.00 Uhr – Film & Vortrag:

Das rote Kolbermoor

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim)

Der Film „Auf der Suche nach dem roten Kolbermoor“ entstand 1985 als Koproduktion von BR und WDR. Er versucht, die frühen Wurzeln des Roten Kolbermoors aufzudecken und macht deutlich, dass Kolbermoor mit der Spinnerei und dem Tonwerk von seiner Gründung an eine Arbeiterstadt war, in der schon früh die Bedingungen für eine Arbeiterbewegung gegeben waren. Ein Teil der Filmszenen ist ein Theaterstück in der „Vetternwirtschaft“.
Andreas Salomon, Autor eines Buches über die Kolbermoorer Revolutionäre Georg Schuhmann und Alois Lahn, ergänzt die Filmvorführung mit einem Referat zur Geschichte der Kolbermoorer Arbeiterbewegung.

Ort: Vetternwirtschaft, Oberaustr. 2, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.


Fr., 08.02.19 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Die Lebensgeschichte Zenzl Mühsams

Referentin: Uschi Otten (Berlin)

Die bayerische Bauerntochter Zenzl stand 1918 an Erich Mühsams Seite, als er die Münchner Bevölkerung zur Beendigung des Weltkriegs aufrief. Nach seiner Ermordung in einem deutschen KZ floh sie ins sowjetische Exil, wo sie in eine Odyssee durch den Stalinschen Gulag geriet. Erst 1955 gestattete man der Anarchistenwitwe die Rückkehr nach Berlin. Weder eine hohe Rente noch die Staatssicherheit konnten die Unbeugsame davon abhalten für die Veröffentlichung der Werke Mühsams einzutreten.
Die Referentin Uschi Otten ist freischaffende Autorin, Dramaturgin und Regisseurin, sie veröffentlichte die Briefe Zenzl Mühsams und mehrere Texte über sie.

Ort: Vetternwirtschaft, Oberaustr. 2, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, infogruppe rosenheim, Petra Kelly Stiftung.


Sa., 23.02.19 – 14.00 Uhr – Stadtführung:

Auf den Spuren der Revolutions- und Rätezeit in Rosenheim

Referent*innen: Geschichtswerkstatt Rosenheim

Einen Tag nach der Ermordung Eisners fand am 22.2.1919 auf der Rosenheimer Loretowiese eine große Versammlung statt, in deren Folge Bürgermeister Wüst abgesetzt wurde. 100 Jahre später, am 22.2.2019, begeben wir uns auf Spurensuche zur Revolutions- und Rätezeit in Rosenheim. Wir suchen die damaligen Schauplätze und Treffpunkte auf und lassen anhand von historischem Quellenmaterial die Ereignisse erfahrbar werden.
Die Geschichtswerkstatt gründete sich mit dem Ziel der Erforschung der Revolutions- und Rätezeit in Rosenheim und Umgebung. 2018 gab sie zu diesem Thema den Kalender „Für das freie Bayern“ heraus.

Ort: Loretowiese (Glückshafen), Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, infogruppe Rosenheim, Kurt Eisner Verein


So., 10.03.19 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Frauen in der bayerischen Räterepublik

Referentin: Christiane Sternsdorf-Hauck (München)

„Gesprungen & gejubelt haben wir, in die Arme sind wir uns gefallen in jener Nacht.“ (Hilde Kramer, 18 Jahre, über den 7.11.1918 in München)
Die revolutionäre Begeisterung unter den Frauen war groß – aber was außer dem Frauenwahlrecht hat sie gebracht? Welche Utopien hatten diese Frauen? Und welche haben wir heute? Und: Wen interessiert das überhaupt, damals wie heute…? Tausende von Frauen nahmen aktiv an den Ereignissen teil. Von ihnen, ihren Forderungen und Kämpfen soll berichtet werden.
Die Referentin Christiane Sternsdorf-Hauck ist Autorin des Buches „Brotmarken und rote Fahnen. Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918/19“.

Ort: Z -linkes Zentrum, Innstr. 45a, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, Flit*chen Rosenheim, infogruppe rosenheim, Petra Kelly Stiftung.


So., 07.04.19 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Rosenheim in der bayerischen Räterepublik vom 7. April 1919

Referent: Dr. Michael Seligmann (Münster)

„Bayern ist Räterepublik …“ ertönte es am 7. April 1919 überall in Bayern. In vielen Städten und Ortschaften verkündeten Arbeiter, Soldaten und Bauernräte die Machtübernahme. Menschen aus Rosenheim und Kolbermoor wurden zu einem der treibenden Motoren im räterepublikanischen Bayern. Doch kann es über diese Zeit kein einfaches und trügerisch klares Bild geben, sondern nur ein komplexes Mosaik mit Brüchen und Ungleichzeitigkeiten.
Der Referent Dr. Michael Seligmann, Soziologe und Historiker, recherchierte und schrieb Mitte der 1980er Jahre die erste und bis heute einzige umfassende Darstellung der ersten bayerischen Räterepublik.

Ort: Strehles, Herzog-Otto-Str. 8 A, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, infogruppe Rosenheim, Kurt Eisner Verein.


Sa., 27.04.19 – 14.00 Uhr – Stadtführung:

Auf den Spuren des Roten Kolbermoors

Referent: Andreas Salomon (Rosenheim)

Nach einer kurzen Einführung in die geschichtlichen Voraussetzungen der Novemberrevolution und die gesellschaftlichen Bedingungen in Kolbermoor 1918 geht es zur Schuhmannstraße, zu den Gräbern der von den Weißgardisten ermordeten Revolutionäre Schuhmann und Lahn, dem Lahn-Haus, dem Heimatmuseum, dem neuen Denkmal für Schuhmann und Lahn sowie dem Gasthaus zum Mareis. Der Rundgang zeigt die große Bedeutung der Rätezeit für Kolbermoor.
Der Referent Andreas Salomon, Autor des Buches „Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“ beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der lokalen Geschichte der Rätezeit und engagiert sich für eine aktivere Gedenkkultur.

Ort: Bahnhofsvorplatz, Kolbermoor

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.


Sa., 04.05.19 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Hier Revolution? Wer dort?“ Gustav Landauer und die bayerische Revolution 1918/19

Referent: Dr. Siegbert Wolf (Frankfurt/Main)

Gustav Landauer gehört bis heute zu den bedeutendsten Anarchisten im deutschsprachigen Raum. Sein Denken und Handeln war von den Werten der Freiheit, sozialen Gerechtigkeit und Emanzipation bestimmt. Als Literaturkritiker, Übersetzer, Autor, Redner und Essayist, als libertärer Sozialist und jüdischer Kulturphilosoph, genoss er hohes Ansehen. Während der Revolution engagierte Landauer sich für eine freiheitliche Umgestaltung der Gesellschaft. Anfang Mai 1919 wurde er im Zuge der Niederschlagung der Revolution brutal ermordet.
Der Referent Dr. Siegbert Wolf, Historiker und Publizist, ist Herausgeber zahlreicher Bücher u.a. der „Ausgewählten Schriften“ Gustav Landauers.

Ort: Bildungswerk, Pettenkoferstr. 5, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, infogruppe Rosenheim, Kurt Eisner Verein.


So., 26.05.19 – 19.00 Uhr – Vortrag:

Überall siehst du Gitterstäbe“ – Schriftsteller in der Festungshaft

Referentin: Laura Mokrohs (München)

Nach der Niederschlagung der Räterepublik im Mai 1919 in München werden die revolutionären Schriftsteller Erich Mühsam und Ernst Toller zu langen Haftstrafen verurteilt. In der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld sind sie mit Revolutionären aus Rosenheim und Kolbermoor inhaftiert. In den Werken, Briefen und Tagebüchern der Schriftsteller lassen sich der Alltag der Haft und die Schikanen gegen die politischen Häftlinge nachverfolgen.
Die Referentin Laura Mokrohs, Literaturwissenschaftlerin, ist Autorin des Buches „Dichtung ist Revolution. Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller“.

Ort: Kaffä, Weinstr. 3, Rosenheim

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Rosenheim, Bibliothek_A.


So., 13.1.2019 bis Fr., 8.2.2019 – Ausstellung

Für Zenzl“. Bilder von Erich Mühsam

Während der Festungshaft in Niederschönenfeld malte Erich Mühsam seiner Frau Zenzl zum 8. und 9. Hochzeitstag jeweils ein Buch mit Versen und Zeichnungen (Tusche/Feder, Bleistift). Diese sind im Archiv der „Akademie der Künste“ in Berlin erhalten. Wir stellen Reproduktionen von einigen der Bilder von So., 13.1.2019 bis Fr., 8.2.2019 in der Rosenheimer Vetternwirtschaft aus.

Ort: Vetternwirtschaft, Oberaustr. 2, Rosenheim

 

Ausstellungen über die Zeit 1918/19

ab sofort – 5.5.2019:
„Mit Gewehren gegen die Arbeiter“

@ Moorstation Nicklheim


ab sofort  – 5.5.2019:
„Georg Schuhmann und die Räterepublik in Kolbermoor“

@Rathaus Kolbermoor


4.11.2018 – 16.11.2018:
„100 Jahre Freistaat Bayern.“ Kurt Eisner­Ausstellung

@Postsaal Trostberg


8.11.2018 – 5.5.2019:
„Spengler, Revolutionär, Bürgermeister“. Ausstellung über
Karl Göpfert

@ Schaufenster des städtischen Museums
Rosenheim (Mittertor)


13.1.2019 – 8.2.2019:
„Für Zenzl“. Bilder von Erich Mühsam

@ Vetternwirtschaft


„Stahlhelm & Co ­ Stumme Zeitzeugen“.
Erinnerungsstücke an den 1. Weltkrieg

@ Heimatmuseum Bad Aibling


„Wortgefechte ­ Literaten zwischen Krieg und Revolution“

@ Bauernhausmuseum Rohrdorf


„Ende der Monarchie, Revolution, Flucht des Königs. Die
Ereignisse von 1918/19 aus örtlicher Sicht“

@ Höhlen­ und Heimatmuseum Frasdorf

Novemberrevolution und Kolbermoorer Räterepublik

Rede vor der AFA Kolbermoor am 09.06.2018

Geschichte der Zerstörung der Gedenktafel

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ließ vor 20 Jahren in Kolbermoor ein Denkmal aufstellen. Dieses erinnert an die Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn am 4-Mai 1919 durch Grafinger Weißgardisten.

Seitdem wurde es viermal von Nazis angegriffen bis zur endgültigen Zerstörung. Die erste Gedenktafel wurde schon bald mit blauer Farbe zugesprüht,sodass sie nicht mehr zu reinigen war. Die zweite, deutlichmassivere Tafel wurde zunächst mit Säure attackiert und dann bei einem weiterenAngriff vor wenigen Jahren mit Hakenkreuzen beschmiert und der Aufschrift versehen „Noske, do it again!“ Noske war als Reichswehrminister 1918/19 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Das war der dritte Anschlag und vor gut einem Jahr wurde bei einem vierten Anschlag die große Marmortafel mit schwerem Gerät zerschlagen und endgültig zerstört.

Neue Gedenktafel am 11. November

Aber eine neue, noch massivere Tafel ist bereits aufgestellt und wird am 11. November diesen Jahres, dem Tag der ersten Vollversammlung vor 100 Jahren, feierlich eingeweiht werden. Und das Besondere ist, dass die Stadt Kolbermoor sie finanzieren wird und sich damit erstmals zu diesem wichtigen Kapitel ihrer Stadtgeschichte offiziell bekennt. Das war von Anfang an schon unser Ansinnen bei der ersten Aufstellung der Tafel vor zwanzig Jahren. Die Kolbermoorer Rätezeit ist bis heute unvergessen und mit dem Denkmal wird gezeigt, wie wichtig es ist, die damaligen Ereignisse in Erinnerung zu behalten. Und wenn jetzt die neue Tafel wieder attackiert werden sollte, dann wird die Stadt Kolbermoor angegriffen, und das hat eine ganz andere Dimension.

Warum aber soviel Hass, warum soviel Aggressionen? Warum löst die Erinnerungstafel auch nach 100 Jahren noch bei manchen Menschen den Wunsch nach Zerstörung aus? Deshalb soll die Frage aufgeworfen werden, was eigentlich vor genau einem Jahrhundert in Kolbermoor passiert ist.

Es geht dabei um nichts Geringeres als aufzuzeigen, wie die Revolution im Deutschen Reich vom November 1918 bis zum Mai 1919 sich in Kolbermoor dargestellt hat. Und dieser Ort nimmt dabei zudem in Bayern eine ganz besondere Rolle ein.

Der 1. Weltkrieg als Ursache der Revolution

Zunächst muss dabei untersucht werden, wodurch die Revolution im Deutschen Reich überhaupt ausgelöst wurde. Was waren die Ursachen? Denn da die Ereignisse in Kolbermoor natürlich eingebettet waren in die Vorgänge im gesamten Deutschen Reich und speziell im Königreich Bayern, muss zuerst ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Gesamtlage geworfen werden.

Im November 1918 dauerte der äußerst brutale 1. Weltkrieg bereits vier Jahre. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung auch in Bayern war spätestens nach den verlustreichen Schlachten um Verdun nichts mehr übrig geblieben. Das deutsche Heer war kriegsmüde, die Soldaten und auch die Bevölkerung daheim sehnten den Frieden herbei. Die Monarchie hatte abgewirtschaftet.

Die großen Januarstreiks in Berlin und München

Schon im Januar 1918 war es in Berlin zu großen Streiks der Munitionsarbeiter gekommen und erstmalig war ein Arbeiterrat gebildet worden, d.h. die Arbeiter hatten sich selbst ein eigenes Vertretungsorgan gewählt. Vorbild dafür waren sicherlich wenige Monate zuvor die Vorgänge um die Oktoberrevolution in Russland. Die 400 000 Streikenden in Berlin forderten sofortige Friedensverhandlungen und die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Reaktion der Regierung war, dass die Betriebe unter militärische Leitung gestellt und Versammlungen und Demonstrationen verboten wurden. Die Streikwelle erfasste auch München, wo ein gewisser Kurt Eisner als Streikführer ins Gefängnis kam.

Jetzt stellte die Regierung Reformen in Aussicht. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten.

Der Krieg ist verloren.

Im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin und im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen auch zum Gegner über und in den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Die Soldaten an der Westfront wollten nicht mehr für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 musste die militärische Führungsspitze aus dem Munde des Generalfeldmarschalls Hindenburg von der Obersten Heeresleitung offiziell vernehmen, dass der Krieg verloren war, was die Öffentlichkeit aber nicht erführ.

Verheerende wirtschaftliche und politische Lage

So verheerend die militärische Niederlage war, so katastrophal war die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Das Land befand sich in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft waren zerrüttet.

Die Industrie liegt am Boden.

Die industrielle Gesamtproduktion war gegenüber 1913 auf 57 Prozent gesunken, obwohl die Rüstungsindustrie gewaltig gewachsen war. Große Bereiche der Konsumgüterindustrie und andere für die Bevölkerung wichtige Industriezweige waren weitgehend eingeschränkt oder sogar stillgelegt worden. Die Textilindustrie arbeitet fast nur noch für die Ausrüstung der Armee und war auf 17 Prozent des Vorkriegszustandes gesunken. Überall war die Industrie auf den Krieg ausgerichtet.

Auch der Landwirtschaft geht es sehr schlecht.

Aber auch die Landwirtschaft lag 1918 um 40 – 60 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Sowohl die Anbauflächen und die Hektarerträge der landwirtschaftlichen Kulturen als auch die Viehbestände waren stark zurückgegangen. Die Regierung war unfähig, eine auch nur einigermaßen geregelte Versorgung und Ernährung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 1918 im Verhältnis zum Friedensverbrauch bei Fleisch nur noch durchschnittlich 20 Prozent. So nahm die Lebensmittelkrise katastrophale Ausmaße an. Zudem waren die Preise für Lebensmittel um das Zwei- bis Fünffache, die Preise für Bekleidung und Schuhwerk rund um das Drei- bis Siebenfache gegenüber 1913 gestiegen.

Die Bedingungen am Arbeitsplatz sind katastrophal.

Die Reallöhne der Arbeiter lagen aber etwa 25 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Hingegen war die Arbeitszeit schon seit Anfang 1915 erheblich verlängert worden. Mehr als 60 Prozent der Groß- und Mittelbetriebe, z.B. der Berliner Rüstungsindustrie hatten die tägliche Arbeitszeit, die vor dem Krieg etwa neun Stunden betrug, auf zehn bis zwölf Stunden erhöht. Auch sonntags musste regelmäßig bis zu sechs Stunden gearbeitet werden. Unter den werktätigen Massen herrschte bittere Not. Hunger und Unterernährung untergruben die Gesundheit der Bevölkerung und Krankheiten und Epidemien forderten viele Opfer. So konnte es nicht weitergehen.

Entwicklung der Revolution in Deutschland

Zunehmend verbreitete sich, sicherlich auch durch die Vorgänge in Russland beeinflusst, eine revolutionäre Stimmung. Die Absetzung und Bestrafung des Kaisers wurde gefordert.

Der Matrosenaufstand von Wilhelmshaven

Dann kam es zum Aufstand in Wilhelmshaven. Die deutsche Seekriegsleitung machte den verbrecherischen Versuch, die gesamte deutsche Hochseeflotte zu einem letzten verzweifelten Kampf gegen die überlegenen britischen Seestreitkräfte einzusetzen. Lieber ein ehrenvoller Untergang als eine schmähliche Niederlage. Da meuterten die Tausende von Matrosen. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der Schiffe „Thüringen“ und „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Um die Situation zu entspannen, entschloss sich die Marineführung, die vor Wilhelmshaven ankernde Flotte auseinanderzuziehen.

Kiel

Das 3. Geschwader, das unruhigste von allen, musste am 31. Oktober Kurs auf Kiel nehmen. Diese Entscheidung sollte für die Seekriegsleitung zum Verhängnis werden. Denn jetzt konnte der Funke der Revolution zum Flächenbrand werden. In keinem Ort waren die Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären Bewegung so günstig wie gerade in der Ostseestadt. 50.000 Militärangehörige waren hier stationiert. Und hier gab es auf den Großwerften und in den Zulieferbetrieben der Metallindustrie eine vieltausendköpfige radikalisierte Arbeiterschaft. Am 1. November 1918 lief das Geschwader im Kieler Hafen ein.

Kieler Arbeiter stürmen die Kasernen.

Am 3. November wurde eine Versammlung auf dem großen Exerzierplatz abgehalten, an der 500 bis 600 Menschen teilnahmen. Man beschloss, zunächst die inhaftierten Matrosen von Wilhelmshaven zu befreien. Auf dem Marsch zur Marinearrestanstalt stellte sich den Demonstranten eine Militärpatrouille entgegen, die das Feuer eröffnete. Neun Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Das war die Initialzündung für den Aufstand. Die Offiziere auf den Schiffen wurden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Die Matrosen stürmten eine Kaserne nach der anderen und bemächtigten sich der Waffen und befreiten die gefangenen Matrosen. Am 5. November traten die Kieler Arbeiter in einen Generalstreik. Ein Soldatenrat wurde gebildet, der erste im Deutschen Reich, und kurz darauf auch ein Arbeiterrat. In Kiel waren die Aufständischen vollständig im Besitz der Macht.

Ausweitung

Von Kiel breitete sich die Aufstandsbewegung in wenigen Tagen über ganz Norddeutschland aus. Die Kieler Matrosen waren es, die die Flamme des Aufruhrs nach Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Bremerhaven, Bremen und nach Hamburg trugen. Dort, in Hamburg, versammelten sich über 10.000 Menschen. Ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet und am 6. November waren es schon über 40.000 Arbeiter, Matrosen und Soldaten, die sich zu einem riesigen Demonstrationszug formierten. Auch in Hamburg lag jetzt die Macht faktisch beim Arbeiter- und Soldatenrat.

Aus einem Funken wird ein Flächenbrand.

In vielen anderen Städten geschah ähnliches. Bis zum 8. Oktober waren auch Hannover, Braunschweig, Magdeburg. Hildesheim, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt a.M. und viele andere mittel- und süddeutsche Städte in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. Auf München, wo die Revolution am 7. November begann, komme ich gesondert zu sprechen. Zunächst aber noch zu Berlin, der Reichshauptstadt.

Berlin

Dort hatte sich die Partei der Arbeiter, die SPD, wegen der Bewilligung der Kriegskredite gespalten. Die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) hatten zuge-stimmt, weitere Kredite für den Krieg zu bewilligen, die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) hatten dies abgelehnt. In der MSPD versammelten sich zunehmend die gemäßigteren Sozialdemokraten, in der USPD die radikaleren. Diese Spaltung sollte weitreichende Folgen haben. Denn die MSPD strebte eine parlamentarische Demokratie an und die USPD eine sozialistische Republik.

Ausrufung der Deutschen Republik sowie der Freien Sozialistischen Republik Deutschland

Am 9. November rief Philipp Scheidemann von der MSPD vom Balkon des Reichstages die Deutsche Republik aus und Karl Liebknecht von der USPD vom Balkon des Berliner Schlosses die Freie sozialistische Republik Deutschland. Die radikale Linke hatte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg versammelt. Die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands, gab es noch nicht, sie wurde erst am 1.1.1919 gegründet, um der sozialistischen Republik Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Groener – Ebert – Pakt

Ohne die reichsweiten Entwicklungen jetzt näher zu verfolgen, soll nur noch auf den Groener – Ebert – Pakt eingegangen werden. Friedrich Ebert von der MSPD wollte auf jeden Fall die sozialistische Revolution verhindern und das war natürlich auch das Ansinnen der Obersten Heeresleitung. Als Wilhelm Groener bereits am 10. November Ebert anrief, wurde man sich schnell einig, dass das Heer zur Niederschlagung des Aufstandes bereit stehe. Hier wurden also schon die Weichen für die Niederschlagung der Revolution gestellt.

Gustav Noske (SPD) lässt Militär aufmarschieren.

Während es überall im Reich Aufstände, Streiks und Versuche gab, eine Räterepublik zu gründen, ließ Gustav Noske das Militär aufmarschieren. Erläutert muss werden, dass eine Räterepublik ein Gesellschaftsmodell ist, bei dem alle Macht in den Händen der unmittelbar vom Volk gewählten Räte liegt und es kein Parlament mehr gibt. Das war die Vorstellung der Sozialisten, die wollten, dass das Volk eng in die politischen Entscheidungen mit eingebunden ist. Dass lehnte die MSPD entschieden ab.

Währenddessen machte in Berlin die Presse gegen die USPD mobil und hauptsächlich gegen die Herausgeber der „Roten Fahne“, des Parteiorgans der KPD. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden als die größten Feinde des Landes bezeichnet, was mit dazu beitrug, dass diese am 15. Januar ermordet wurden.

Die Bremer Räterepublik wird als erste zerstört.

Dann wurde zuerst die Bremer Räterepublik von Regierungstruppen gewaltsam zerschlagen, wobei 400 Menschen zu Tode kamen. Massenstreiks im ganzen Deutschen Reich waren die Folge. In Berlin kam es am 4. März zum Generalstreik, zu dem die Arbeiterräte aufgerufen hatten, um die Anerkennung und dauerhafte Etablierung der Räte sowie eine demokratische Militärreform und Sozialisierungen durchzusetzen. Rund eine Million Menschen beteiligten sich daran. Das Wirtschaftsleben und der Verkehr kamen völlig zum Erliegen.

Terror der Regierungstruppen in Berlin

Jetzt setzte Noske auch in Berlin Truppen ein. Diese töteten bis zum 16 März mindestens 1200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete sowie völlig Unbeteiligte. Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Am längsten aber hielt sich die Münchner Räterepublik und am allerlängsten, wie bereits erwähnt, die Arbeiterinnen und Arbeiter von Kolbermoor.

Bevor wir zu Kolbermoor kommen, müssen wir uns aber noch kurz Kenntnisse verschaffen, wie die Revolution sich in Bayern entwickelte.

Revolution in Bayern

1. Phase: 9. Nov.1918 – 5. April 1919

    Die Revolution in Bayern begann mit einer riesigen Friedenskundgebung am 7. November 1918 auf der Münchner Theresienwiese, zu der SPD, USPD und die Gewerkschaften gemeinsam aufgerufen hatten. Es sollen 60.000 Teilnehmer gewesen sein, zu denen 12 Redner gleichzeitigt sprachen. Einer von ihnen war Kurt Eisner von der USPD, der sich mit seinen Anhängern im Norden aufgestellt hatte, um anschließend schnell zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden.

    Kurt Eisner zieht zu den Kasernen.

    Eisner zog mit 2000 Demonstranten dann zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überliefen. Am Abend wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, Kurt Eisner zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Baiern gewählt und einen Tag später der „Freistaat Baiern“ ausgerufen.

    Die Monarchie ist abgeschafft.

    Nach 738 Jahren war die Monarchie der Wittelsbacher abgeschafft. Wenn Eisner den Begriff Freistaat wählte, dann meinte er damit ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Von beiden Türmen der Frauenkirche hingen jetzt weithin sichtbar riesige rote Fahnen.

    Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD. Bis zu den ersten freien Wahlen trat ein provisorischer Nationalrat an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie. Dieser bestand aus Vertretern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes.

    Funktion der Räte

    Eisner bekennt sich zum Sozialismus, setzt in der kommenden Zeit aber auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren und letztere kontrollieren. Außerdem haben sie die schwierige Aufgabe, die Bürger von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die inzwischen 7000 Räte in Bayern nach der Landtagswahl wieder abschaffen.

    Das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag werden eingeführt.

    Inzwischen werden das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag eingeführt. Die Schulpolitik wird revolutioniert und die Kirche verliert ihre Vorherrschaft über die Klassenzimmer. Religion ist Wahlfach geworden, der Schulgottesdienst nicht länger Pflicht. Aber Eisner hat auch viele Gegner, allen voran Erhard Auer von der SPD und natürlich die Rechten, die 1912 die reaktionäre Thule-Gesellschaft gegründet haben.

    Kurt Eisner wird ermordet.

    Als es am 12. Januar zur Landtagswahl kommt, gewinnt Eisners USPD nur 2,5 % der Stimmen und Eisner will zurücktreten. Auf dem Weg zum Landtag wird er von Anton Graf Arco auf Valley erschossen. Seine Beerdigung wird zu einer Massendemonstration von 100.000 Menschen, die seinem Sarg zum Ostfriedhof folgen. Sein gewaltsamer Tod gibt der Revolution in Bayern neue Schubkraft. Es kommt zur 2. Phase der Novemberrevolution in Bayern, die bis zum 6. April anhalten soll.

    2. Phase: 22. Februar 1919 – 6. April 1919

      Es konstituiert sich ein provisorisch regierender Zentralrat der bayerischen Republik.

      Ein Zentralrat unter Ernst Niekisch wird gebildet.

      Vorsitzender des zentralen Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Augsburger Lehrer Ernst Niekisch (MSPD) Dieser Zentralrat bestand aus Mitgliedern der MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte. Niekisch gehört zum linken Flügel der Partei und ist Anhänger des Rätesystems. Der Generalstreik wird ausgerufen. In dieser Phase sind vor allem zahlreiche Reformen im Bildungsbereich von Bedeutung wie die Einrichtung von Kinderhorten und Kindergärten. Doch zunehmend erstarken die Räte und die Ausrufung einer Räterepublik steht auf der Tagesordnung.

      3. Phase: 7. April 1919 – 13. April 1919

      Räterepublik in Baiern („Scheinräterepublik“)

        Die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden wird mit Wirkung zum 7. April 1919 ausgerufen. Es regiert ein Rat der Volksbeauftragten. Vorsitzender des Zentralrates wird Ernst Toller, der im Krieg zum Pazifisten geworden ist und zum linken Flügel der USPD gehört.

        Ernst Toller wird Zentralratsvorsitzender der 1. Münchner Räterepublik

        Er arbeitet eng mit dem Anarchisten Gustav Landauer zusammen, der das Ministerium für Volksaufklärung übernimmt. Der Proklamation der Räterepublik war ein Streit mit den Kommunisten vorausgegangen, Eugen Leviné (KPD) hielt die Ausrufung der Räterepublik für verfrüht, die Bevölkerung sei noch nicht so weit und sprach deswegen von einer „Scheinräterepublik“, an der die Kommunisten sich nicht beteiligen wollten.

        Toller und seine Mitstreiter machten sich an die Arbeit, ordneten die Entwaffnung des Bürgertums und die Bewaffnung des Proletariats an, verhängten die Zensur über die Presse, ließen die Bankkonten sperren, bekämpften Schleichhandel und Preiswucher und bauten eine Rote Armee auf. Aber vieles unterblieb auch wie die Sozialisierung der Betriebe, und die Bewaffnung der Arbeiter geschah nicht konsequent genug.

        Ein Putsch der Konterrevolution kann zurückgeschlagen werden.

        Die vorherige Regierung Hoffmann war nach Bamberg ausgewichen und bereitete einen Putsch vor, den sogenannten Palmsonntagsputsch, der dann am 13. April erfolgte. Aber die Rote Armee unter dem Soldatenrat Rudolf Egelshofer konnte den Putsch zurückschlagen. Nun hielten die Kommunisten die Zeit für reif, um selbst einzugreifen.

        4. Phase: 13. April 1919 – 2. Mai 1919)

        Räterepublik (kommunistische)

          Die 2. Räterepublik wird ausgerufen und ein 15-köpfiger Aktionsausschuss wird als neue Regierung gebildet mit einem Vollzugsrat als Exekutive. Den Vorsitz übernimmt der Kommunist Eugen Leviné.

          Der Kommunist Eugen Leviné wird Vorsitzender der 2. Münchner Räterepublik.

          Wieder wird ein Generalstreik ausgerufen und die Bildung der Roten Armee forciert, die inzwischen ca. 10.000 Mann umfasst. Nach Dachau sind bereits erste Freikorpsverbände vorgedrungen. Toller gelingt es, mit seinen Verbänden sie zu besiegen. Er möchte in Verhandlungen eintreten, aber Leviné ist strikt dagegen. Inzwischen hat der nach Bamberg ausgewichene Johannes Hoffmann (SPD) Berlin um Hilfe gebeten. 35000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Die doch noch versuchten Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Er will die bedingungslose Kapitulation der Räterepublik. Am 30.4. dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich Unbeteiligte nach München.

          Die Räterepublik wird in Blut ertränkt.

          Ein tagelanges Morden beginnt. Willkürliche Erschießungen und Folterungen werden begangen. Am Nachmittag des 2. Mai ist die Räterepublik im Blut erstickt. Dem grausamen Terror fallen an die 1200 Menschen zum Opfer.

          Soweit sollte es in Kolbermoor nicht kommen. Aber wie entwickelte sich nun die Revolution in Kolbermoor?

          Das Rote Kolbermoor

          Voraussetzungen der Revolution in Kolbermoor

          100 Jahre ist es jetzt her, dass das damals noch junge Kolbermoor Geschichte schrieb, die noch heute von erheblicher Bedeutung ist – zumindest für die Historiker.

          Besondere Bedeutung der Kolbermoorer Räterepublik

          Denn in Kolbermoor radikalisierte sich die Arbeiterbewegung sechsWochen früher als in allen anderen Orten Bayerns und die Roten hielten sich auch länger an der Macht als anderswo im Freistaat. Warum das so war und welche Bedeutung das hatte, soll untersucht werden.

          Es wird sichtbar werden, dass die Revolution in Kolbermoor auf äußerst fruchtbaren Boden fiel, weil es hier eine politisch relativ bewusste Arbeiterschaft gab, die bereits auf eine eigene Geschichte von einem halben Jahrhundert zurückblicken konnte.

          Geschichte der Arbeiterbewegung Kolbermoors

          Die Vorgeschichte des roten Kolbermoors reicht im Prinzip bis zur Gründung der Stadt im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wurde, sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayerischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Denn es gab nur wenige Arbeitgeber vor Ort und so waren die Arbeiter gezwungen, die niedrigen Löhne zu akzeptieren, aber das erzeugte natürlich erhebliche Unzufriedenheit. Zudem waren die Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesprochen schlecht. Die Arbeitszeit betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gab es keinen kommunalen Arzt und die Lebenserwartung für Spinnereiarbeiter betrug bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

          Erste politische Agitatoren

          Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Aus Augsburg kam der Schriftsetzer Leonard Tauscher, der zur Spitze des dortigen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gehörte und dem es gelang, im Oktober 1869 in Kolbermoor 99 Mitglieder für eine Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. Schon 1870, also nur ein Jahr später, wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

          Der Gastwirt Franz Sperber wird von München nach Kolbermoor geschickt.

          Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr kam der Gastwirt Franz Sperber aus München nach Kolbermoor, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte es mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

          Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

          Die Not in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges.

          Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Dass davon heute noch berichtet wird, zeigt, wie verletzend diese Äußerung empfunden wurde. In diesem Hungerjahr 1917 hatten sich die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie um 20 % verteuert und desto mehr waren die Schwarzmarktpreise gestiegen. Und außerdem fehlte es auch noch an Heizmaterial.

          Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft bei den Arbeiterinnen und Arbeitern zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

          Die Revolution in Kolbermoor

          Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen.

          Der 1. Volksrat wird gewählt.

          Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, der sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammensetzte. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder, genauso wie der Bürgermeister.

          Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte, den wir schon kennen, und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

          Der Volksrat hat viel zu tun.

          Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten konnte abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzu-stellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

          Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat zunächst nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war und dass die Gemeindeverwaltung vorläufig weiter bestand.

          In den folgenden Wochen wurden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es ging um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

          Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Sie brachten die Anträge des Volkrates ein. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

          Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf eine andere Zusammensetzung des Volksrates und eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

          Ein neuer, 2. Volksrat wird gewählt.

          Am 2.1.1919 kam es auf einstimmigen Beschluss zum Rücktritt des 1. Volksrates und am 8. Januar wurde erneut eine Volksversammlung in den großen Mareis-Saal einberufen und eine Neuwahl durchgeführt. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Man war der Ansicht, diese neue Zusammensetzung entspreche eher einer proletarischen Gemeinde wie Kolbermoor. Diese radikalere Entwicklung geschah in Kolbermoor sechs Wochen früher als in allen anderen Ortschaften Bayerns, wo erst die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner ähnliche Vorgänge auslöste.

          Georg Schuhmann wird zum Volksratsvorsitzenden.

          Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Georg Schuhmann war 32 Jahre alt, als er nach Kolbermoor zu seiner dort lebenden Schwester zog und muss aller Wahrscheinlichkeit nach schon über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügt haben. Denn anders lässt es sich nicht erklären, wie schnell er unter der Arbeiterschaft Kolbermoors Fuß fasste und schon bald die Geschicke des ganzen Ortes mitbestimmen sollte. Er war offenbar in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein.

          Georg Schuhmann intensiviert die Arbeit des Volksrates.

          In der Sitzung vom 8. Januar wurde Georg Schuhmann, der der USPD angehörte, zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden. Die Beziehungen zwischen Volksrat und Gemeinde veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune.

          Georg Schuhmann hält Sprechstunden im Amtszimmer des Bürgermeisters ab.

          Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom 11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt worden sei. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeinde-dieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8 – Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wurde erhöht.

          Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers einen Tag zuvor auch geschehen war.

          Bürgermeister Bergmann wird zum Rücktritt veranlasst.

          Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister. In Kolbermoor hatten somit die gewählten Räte die Macht übernommen.

          Fünf Tage nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner fand ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet.

          Der Volksrat bestimmt die Geschicke der Stadt.

          Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte jetzt auch die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun nicht nur Bürgermeister von Kolbermoor, sondern wurde auch zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender. Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt zwischen Volksrat und Arbeiterschaft sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

          Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen. Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der örtliche Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss

          Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich.

          Der 3. Volksrat, der Revolutionäre Arbeiterrat wird gewählt.

          Eine weitere Radikalisierung erfolgte. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Er selbst war inzwischen auch der KPD beigetreten. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 30.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Die Tätigkeit des neuen Volksrates sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

          Kolbermoor bereitet sich auf die Verteidigung vor.

          Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Kolbermoor war darauf vorbereitet und die Arbeiterinnen und Arbeiter waren zur Verteidigung ihrer Räteherrschaft bereit. Am Rathausplatz formierten sich drei Züge: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr. Kolbermoorer Rotgardisten hatten das Gleis Kolbermoor – Bad Aibling unterbrochen und das Streckentelefon vernichtet. Am 3. Mai nachmittags versammelten sich die Einwohner und berieten über die weitere Vorgehensweise. Man war entschlossen zur gewaltsamen Verteidigung. „Die Stimmung“, so schreibt es Christa Landgrebe in ihrem Buch „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ „vor allem seitens der Arbeiterinnen, war der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt.“ (S. 151) Aber die Kräfte der Gegner waren überwältigend. Reguläre Regierungstruppen und das Freikorps Grafing sowie weitere Freikorps und Einwohnerwehren der Umgebung lagen bereits unmittelbar vor Kolbermoor.

          Angesichts der feindlichen Übermacht wird Kolbermoor kampflos übergeben.

          Auch das große Blutvergießen von München stand den Kolbermoorern vor Augen und auch, dass Rosenheim bereits aufgegeben hatte. Hatte Georg Schuhmann zunächst noch eine aufrüttelnde Rede gehalten, musste er schließlich doch einsehen, dass eine Verteidigung keinen Sinn hatte und so ist es schließlich ihm zu verdanken, dass es gelang, die kampfbereiten Arbeiterinnen und Arbeiter davon zu überzeugen, dass es jetzt galt angesichts der Kräfte des Gegners, ein Blutvergießen zu verhindern und das Leben der Kolbermoorer zu retten. So trat Schuhmann schließlich mit Oberst Mieg in Verhandlungen ein und die Übergabebedingungen der Stadt wurden festgelegt.

          Die Rotgardisten mussten sämtliche Waffen abgeben, sich am Bahnhof versammeln und dann auf den Gleisen Richtung Rosenheim marschieren. Außerhalb Kolbermoors wurden sie durchgeprügelt und dann ins Zuchthaus Straubing verbracht.

          Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

          Am nächsten Morgen, Sonntag, 4. Mai 1919 morgens um 9 Uhr, stürmten Grafinger Weißgardisten in die Wohnungen von Georg Schuhmann und seinem Sekretär, dem 18-jährigen Alois Lahn, zerrten sie aus ihren Betten, verprügelten sie und schleppten sie zur Tonwerksunterführung. Nach weiteren schweren Misshandlungen wurden sie dort ermordet.

          Als sie beerdigt wurden, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Die Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

          Kolbermoor nach der Übergabe

          Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der „Anzeiger für Kolbermoor“: (…) Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo? (…) Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

          Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

          Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

          Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer so hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren, wie es in kaum einem anderen Ort der Fall war.

          Die Ereignisse aus der Rätezeit wirkten noch lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

          Lassen Sie mich abschließend noch feststellen, dass die Kolbermoorer auch heute noch allen Grund haben können, auf dieses Kapitel ihrer Geschichte stolz zu sein. Die damaligen Bewohner wollten ein besseres Leben und haben sich dafür zusammengeschlossen und mit großer Entschiedenheit gekämpft und waren bereit ihr Leben für ihre Ideale einzusetzen. Dafür gebührt ihnen unser heutiger Respekt.

          Wesentliche Quellen

          Appel, Michael: Die letzte Nacht der Monarchie, München 2018

          Höller, Ralf: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/19, Berlin 1999

          Landgrebe, Christa: Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

          Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Kolbermoor 2000

          Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik. Ein Tagebuch der bayerischen Revolution, Münster 2017

          Ullrich, Volker: Die Revolution von 1918/19, München 2009

          Andreas Salomon

          Blog in bearbeitung

          Hier entsteht ein blog, welcher sich auf die lokale Spurensuche zur Revolution und Räterepublik (1918/19) in und um Rosenheim begibt. Der blog ist noch in der Entstehungsphase und wird laufend überarbeitet.

          100 Jahre Räterepublik: Kolbermoor und Rosenheim im Rahmen der Münchner Räterepublik und der Novemberrevolution

          Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2017

          Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor

          In Kolbermoor tauchen erstmals 1869 Mitglieder des ein Jahr zuvor in Berlin gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins auf. Bis zum Oktober gelang es dem aus Augsburg kommenden Schriftsetzer Leonard Tauscher für diese Vereinigung 99 Mitglieder zu werben. Der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, konnte in Kolbermoor Fuß fassen, zumal die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken unter mächtigem Druck standen. Wer aufmuckte, wurde fristlos entlassen. Der Lohn der Männer war so gering, dass die Mitarbeit der Frauen unumgänglich war. Lang waren die Arbeitszeiten: 1863 – 1872 wurden dreizehn Stunden gearbeitet, 1873 -1889 waren es zwölf und 1890 – 1905 elf Stunden, danach zehn Stunden. Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 lebte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor wieder auf. 1898 gründet der aus München zugezogene Franz Sperber die Ortsgruppe der SPD. Am 20.09.1896 führte eine Gewerkschaftsgruppe auch erstmalig eine öffentliche Versammlung durch. 1904 wurde in Kolbermoor ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet. Die Arbeiterbewegung begann sich zunehmend zu entfalten. 1899 erlebte Kolbermoor den ersten Streik beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei. Höhere Löhne wurden verlangt.

          (Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung bis 1918 in Rosenheim konnte noch kein Material gefunden werden.)

          Daten und Fakten zur Entwicklung der Arbeiterbewegung (Kolbermoor und Rosenheim)

          13.02.1876 Der erste sozialdemokratischer Agent in Kolbermoor stößt auf zunehmendes Interesse der Arbeitnehmerschaft.

          19.07.1899 Der internationale Arbeiterkongress beschließt, dass der 1. Mai „Protest- und Gedenktag“ der Arbeiterschaft wird. 13 Jahre vorher, 1886 hatte die nordamerikanische Arbeiterbewegung, um den Achtstundentag durchzusetzen, am 1. Mai zum Generalstreik aufgerufen. In Chicago wurden bei einer entsprechenden Demonstration Arbeiter erschossen.

          01.05.1890 Der 1. Mai 1890 wird erstmalig als „Protest und Gedenktag“ weltweit gefeiert. In einem Rosenheimer Gasthaus soll eine Versammlung von Arbeitern aus Rosenheim, Kolbermoor und Bad Aibling abgehalten werden, die der Rosenheimer Magistrat jedoch verbietet. Trotzdem finden sich dort Arbeiter „zum Abendtrunk und kameradschaftlichem Gedankenaustausch“ zusammen.

          08.11.1890 Franz Sperber, (Gastwirt) aus München zieht zur Förderung der sozialdemokratischen Bewegung nach Kolbermoor: „…wir werden…wissen, was wir zu tun haben: wir fühlen es als unsere Pflicht, zu agitieren um besseres Brodt, um die Befreiung des Proletariats“.

          06.09.1891 Georg von Vollmar (bayerischer Landesvorsitzender der SPD von 1894 – 1922) spricht in Kolbermoor vor rund 300 Besuchern über das Thema: „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“

          21.02.1892 Eduard Schmidt aus München referiert in Rosenheim zu dem Thema: „Was bestreben die Sozialdemokraten?“

          01.05.1892 In Kolbermoor findet die erste große Maifeier statt.

          21.08.1892 Franz Sperber gründet einen Arbeiter-Leseverein in Kolbermoor.

          25.05. 1893 Der Bezirksamtmann von Rosenheim berichtet der Regierung von Oberbayern, dass „Wahl-Flugblätter massenhaft auf den Straßen und in den Häusern der verschiedenen Ortschaften vertheilt worden sind.“ Es ging um die Reichstagswahl.

          20.09.1896 Eine erste Gewerkschaftsgruppe in Kolbermoor lädt ein zum Vortrag: „Wie kann die moderne Arbeiterschaft ihre Aufgaben erfüllen?“

          Allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage in Bayern vor der Revolution

          Jeder Revolution geht eine vorrevolutionäre Situation voraus, in der die Lebensbedingungen der Masse der Menschen zunehmend unerträglich geworden sind. Vorrangig ist die Ursache der deutschen Novemberrevolution im Ersten Weltkrieg zu suchen, der die gesellschaftlichen Grundlagen der Monarchie untergrub und sozialen Sprengstoff freisetzte. Diese Revolution erfasste das gesamte Deutsch Reich. Nach dem bayerischen König waren Ende 1918 auch alle weiteren Monarchen und herrschenden Fürsten der deutschen Teilstaaten, einschließlich des deutschen Kaisers Wilhelm II, gestürzt worden.

          Was Bayern anbelangt, so zogen 910.000 bayerische Soldaten 1914 in den Krieg, die meisten von ihnen voller Begeisterung, die aber nicht lange anhalten sollte. Über 400.000 bayerische Frontsoldaten wurden verwundet, 180.000 kehrten nicht mehr zurück. Verbittert sprachen die Bayern von „Kanonenfutter“ für Berlin. Die Einflusslosigkeit des bayerischen Königs Ludwig III auf den deutschen Kaiser und seine preußischen Minister war äußerst gering. Die Erfahrung des massenhaften Sterbens an den Fronten zermürbte die Menschen.

          Aber auch die Zivilbevölkerung litt erheblich. Aufgrund der englischen Seeblockade und mehrerer Missernten kam es zu ernsten Versorgungsengpässen. Nicht nur Arbeiter, sondern auch Angestellte und Beamte mussten eine erhebliche Verschlechterung ihres Lebensstandards hinnehmen. Alle lebensnotwenigen Güter wurden teurer. Die Reallöhne sanken, gleichzeitig wurden die Arbeitszeiten verlängert – besonders in den Rüstungsbetrieben. Es gab immer mehr „wilde Streiks“, denn die Gewerkschaftsleitungen hatten seit Kriegsbeginn auf alle Arbeitsniederlegungen verzichtet.

          Die Behörden zeigten sich zunehmend auch unfähig, die wenigen Lebensmittel gerecht zu verteilen. Schlangen vor Lebensmittelgeschäften gehörten zum Alltag. Die Stimmung unter den Arbeitern wurde immer gereizter. Es kam zu Hungerrevolten und zu Demonstrationen für „Brot und Frieden“. Rathäuser wurden gestürmt und die Polizei reagierte meist auch noch mit ausgesprochener Härte. Über den ersten großen Hungerkrawall im Juni 1916 auf dem Münchner Marienplatz berichtet als Augenzeuge der Anarchist Erich Mühsam, wie die Polizisten einfach in die Menge ritten und mit Säbeln nach rechts und links auf die Menschen einschlugen. Insgesamt verhungerten während des Krieges eine dreiviertel Million Menschen.

          Mit zunehmender Dauer des Krieges verbanden sich Missstimmung über die materiellen Not und Kriegsmüdigkeit mit sozialer Kritik und politischem Protest. Während der Schleichhandel blühte, landete der größte Teil der auf dem Schwarzmarkt gehandelten Waren in den Vorratskellern der Vermögenden. Die Lebensmittel mussten rationiert werden. Aber auch die Versorgung mit Holz und Kohle gelang nicht mehr. So wuchsen die Zweifel an der bayerischen Obrigkeit. Der Wunsch nach Frieden wurde immer größer.

          Exkurs: Reichsweite Kontroversen in der SPD vor der Revolution

          Dazu kamen die immens hohen Kosten des Krieges, die innerhalb der SPD, der seit Jahrzehnten alleinigen Arbeiterpartei, zu heftigen Kontroversen führten. Am 4. August 1914 stimmte die SPD im Reichstag der Bewilligung der Kriegskredite zu. Hinzu kam, dass die Gewerkschaftsleitungen sich darauf einließen, während des Krieges alle innerpolitischen Konflikte ruhen zu lassen und zu keinen Streiks aufzurufen, was man damals „Burgfrieden“ nannte. Zunehmend entwickelte sich innerhalb der SPD eine Opposition. Seit Frühjahr 1915 gab es praktisch zwei Gruppierungen: Die radikale Linke sammelte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und nannte sich „Gruppe Internationale“ und seit 1916 „Spartakusgruppe“. Der gemäßigte Flügel unter dem Parteivorsitzenden Hugo Haase wollte weiterhin die parlamentarische Bühne nutzen und wurde jetzt MSPD (Mehrheitssozialdemokraten) genannt. Schließlich kam es zur Spaltung. Anfang April 1917 konstituierte sich in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), zu der auch die Spartakusleute gingen. In der USPD sammelten sich jene Kräfte, die gegen eine Weiterführung des Krieges waren und eine Zusammenarbeit mit der Regierung strikt ablehnten.

          Exkurs: Daten und Fakten zur politischen Entwicklung

          1914 – 1918 (reichsweit)

          28.06.1914 Ein Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger findet in Sarajewo statt.

          28.07.1914 Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

          01.08.1914 Deutschland erklärt Russland den Krieg.

          03.08.1914 Deutschland erklärt Frankreich den Krieg.

          04.08.1914 Auf einer Reichstagssitzung stimmt die sozialdemokratische Fraktion für die Bewilligung der Kriegskredite.

          05.08.1914 Rosa Luxemburg u.a. gründen die „Gruppe Internationale“.

          02.12.1914 Karl Liebknecht stimmt als einziger Abgeordneter des Reichstages gegen eine weitere Bewilligung der Kriegskredite.

          21.05.1915 20 SPD-Abgeordnete stimmen im Reichstag gegen die Kriegskredite

          01.01.1916 Der „Spartakusbund“ wird gegründet. Er geht aus der „Gruppe Internationale“ hervor. Sein Ziel ist die Vereinigung der marxistischen Sozialisten, um die internationale Revolution des Proletariats anzustreben und Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus weltweit zu stürzen.

          06.04.1917 Die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD) unter Hugo Haase wird gegründet. Der „Spartakus“ bildet jetzt deren linken Flügel. In der USPD sammelten sich jene Kräfte, die den Burgfrieden strikt ablehnten und das Völkermorden so rasch wie möglich beenden wollten.

          28.01.1918 In Berlin beginnt ein großer Streik von 400.000 Arbeitern, der eine Woche dauert und an dem über eine halbe Million Menschen teilnehmen. Demonstrationen in vielen anderen Städten wie in Nürnberg folgen. Die Streikenden fordern, dass sofort Friedensverhandlungen aufgenommen werden sowie die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit.

          21.03.1918 Im Westen beginnt die große Frühjahrsoffensive gegen Engländer und Franzosen.

          Kriegsmüdigkeit und „Dolchstoßlegende“

          Unter dem Einfluss der revolutionären Ereignisse im Oktober 1917 in Russland und der wachsenden Unzufriedenheit in der Industriearbeiterschaft wurden von Seiten der Regierung Reformen in Aussicht gestellt. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten und im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin. Im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen zum Gegner über. In den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Sie wollten nicht mehr an der Westfront für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 versammelte sich die gesamte Führungsspitze des wilhelminischen Deutschlands im Hauptquartier im belgischen Spa, um aus dem Munde Hindenburgs (Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes, Oberste Heeresleitung) und Ludendorffs (Generalmajor, OHL) zu vernehmen, was längst alle wussten, dass der Krieg verloren war. Die Führungseliten des Kaiserreiches strebten jetzt eine Parlamentarisierung an, um ihre Haut noch zu retten. Daran sollten sogar die Mehrheitssozialdemokraten beteiligt werden. Im Grunde war es aber ein Versuch, die Verantwortung für die bestehende Niederlage auf die Sozialdemokraten und andere demokratische Politiker abzuwälzen. Es entstand die „Dolchstoßlegende“, eine Verschwörungstheorie, die besagte, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle ´vaterlandslose´ Zivilisten aus der Heimat einen ´Dolchstoß von hinten´ erhalten. Nicht die grenzenlose Machtpolitik und die Überschätzung der eigenen Kräfte sowie die sture Blockadepolitik gegen jedwede Reformen habe in den Abgrund geführt, sondern die Front sei geschwächt worden durch die Politik der Sozialdemokraten. Der Versuch des Übergangs zur parlamentarischen Demokratie kam aber zu spät. Der Versuch, der Revolution „von unten“ durch eine Reform „von oben“ zuvorzukommen scheiterte. Der amerikanische Präsident Wilson drängte auf die Abdankung Wilhelm II, doch dieser hoffte noch darauf, dass der Einsatz der Marine eine Kriegswende herbeiführen könnte. Aber gerade bei der Marine hatten soziale Ungleichheit und militaristische Willkür besonders empörende Auswüchse angenommen. So verweigerten die Matrosen auf den vor Wilhelmshaven ankernden Schlachtschiffen den Befehl zum Auslaufen und lösten dadurch die Novemberrevolution aus.

          Wirtschaftliche und soziale Lage in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges

          Jetzt möchte ich den Blick auf die Kleinstadt Kolbermoor lenken. Anhand dieser Stadt lässt sich die Situation vor der Revolution beispielhaft vor Augen führen. Nicht weniger als 730 Soldaten wurden im Laufe der Kriegsjahre eingezogen, 29 sogar noch 1918. Von ihnen sollten 153 nicht mehr zurückkehren. Schon im ersten Kriegsjahr gab es die ersten Toten, vor allem an der Westfront. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei wurde ein Reservelazarett eingerichtet.

          Von August 1914 bis Mai 1915 verteuerte sich die Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie um rund 20 Prozent, die Ausgaben für Lebensmittel um 31 Prozent, im Dezember 1915 sogar um 40 Prozent. Vergleichbare Lohnerhöhungen blieben aus. Bereits im März 1915 begann in Kolbermoor das Brot knapp zu werden. Fleisch gab es ab 1916 nur noch über Reichsfleischkarten – ca. 200 g pro Woche. Auch Butterkarten mussten eingeführt werden. Missernten erschwerten die Versorgung weiter. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. Während Reiche noch Möglichkeiten hatten sich zu versorgen, gingen ärmere Bevölkerungsteile oft leer aus. Im Hungerjahr 1917 unternahm eine größere Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen einen Protestmarsch nach Aibling, um von dem dortigen Bezirksamt, das die Lebensmittelzuteilungen an die Gemeinden des Amtsbezirks regelte, höhere Zuweisungen an Mehl zu fordern. Dem Verlangen der Frauen antwortete die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes vom Fenster aus, wenn die Kolbermoorer kein Gemüse hätten, so sollten sie eben Gras fressen. Welche Verbitterung sich daraus entwickelte, lässt sich vorstellen.

          Aber außer der mangelhaften Versorgung in Kolbermoor mit Lebensmitteln kamen während des Krieges weitere Probleme hinzu wie die schlechte Bestückung mit Heizmaterial, die Wohnungsnot und die schlechte Beschäftigungslage, vor allem für die, die aus dem Krieg heimkehrten. Im Tonwerk waren vor dem Krieg 450 Arbeiter beschäftigt. Wegen Kohlemangels waren es 1918 nur noch 13. In der Baumwollspinnerei arbeiteten in der Vorkriegszeit 900, 1918 nur noch 140. In einer Kolbermoorer Chronik heißt es; „Die Leute schimpfen überall über die Schikanen, die ihnen die Lebensmittelrationierungen verursachten und verlangen strengstes Einschreiten gegen die Wucherer und Hamsterer“.

          Hinzu kommt in Kolbermoor, dass der Krankenstand infolge der schlechten Ernährung recht hoch war. Insgesamt kann man also die Lebens- und Arbeitsverhältnisse gegen Ende des Krieges als ausgesprochen desolat bezeichnen.

          Wirtschaftliche und soziale Lage in Rosenheim während des 1. Weltkrieges

          Auch in Rosenheim herrschen während es 1. Weltkrieges Not und Verzweiflung. Hunger und Mangel am Nötigsten hatten Einzug gehalten. Schon zu Beginn des Krieges war es zu einem krisentypischen Sturm auf die Lebensmittelläden gekommen, der die Preise enorm in die Höhe schnellen ließ. Da eine rasche Entscheidung im Krieg nicht eintrat, schritt die Teuerung voran und bald war der Großteil der Lebensmittel nur noch mit Ausweiskarten und Marken erhältlich. Anordnungen des Generalkommandos und des Rosenheimer Magistrats riefen zu Sammlungen kriegswichtiger Materialien auf. Parallel zu den Glockenabnahmen kam es so zur Ablieferung von Zinndeckeln oder Nähgarn; Geld- und Schmuckspenden sollten die „Finanzielle Wehrkraft des deutschen Vaterlandes“ stärken. Gravierend wirkte sich auch der Mangel an männlichen Arbeitskräften aus, da ein Großteil der wehrfähigen Männer im Feld stand. So erging bereits im August 1914 ein Aufruf an Rosenheims Hausfrauen, ihre Mägde, soweit sie etwas von Landarbeit verstehen, aufs Land zu lassen, wo sie auf den Höfen mithelfen sollten Im Laufe des Krieges dehnte sich der Aufgabenbereich der Frauen schließlich auf fast alle Männerberufe aus., Außerdem wurden vom Roten Kreuz Pflegerinnen- und Krankenschwesternkurse durchgeführt. Während sich die Gerüchte von einer angeblichen Bedrohung durch feindliche Flieger verbreiteten, tauchten in den Zeitungen immer mehr Todesanzeigen von an der Front gefallenen Rosenheimer Bürgern auf. Insgesamt sollten es 458 hiesige Soldaten werden, die ihr Leben lassen mussten.

          Im Frühsommer 1918 grassierte in Rosenheim und anderen Städten die „Spanische Krankheit“, also die Grippe, die sogar Todesopfer fordert. Hinsichtlich der Rohstoffknappheit wird jetzt sogar zum Sammeln von Obstkernen und Frauenhaaren aufgerufen. Die Obstkerne sind Ersatzstoff für die Ölproduktion und das Frauenhaar dient zur Treibriemen- und Dichtungsringproduktion.

          Vergleicht man die Situation von Kolbermoor mit der von Rosenheim, so scheint in der Arbeiterstadt Kolbermoor die Not um einiges größer gewesen zu sein als in der Bürgerstadt Rosenheim.

          Exkurs: Kurzbiographien einiger wichtiger Persönlichkeiten der Revolutionszeit (nach Geburtsdaten)

          22.09.1857 Anita Augspurg wird in Verden an der Aller geboren. Zu der Zeit leiden die Frauen unter ihrer gesellschaftlich erzwungenen Unmündigkeit. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie höheren Schulen und Universitäten war ihnen genauso verwehrt wie die meisten Berufe. Sie müssen meist unqualifizierte Arbeit leisten und werden schlecht bezahlt. Anita Augspurg kam aus sogenanntem gutem Hause, befreite sich von ihren gesellschaftlichen Zwängen, ging auf ein Lehrerinnenseminar nach Berlin, nimmt Schauspielunterricht, eröffnet mit Sophia Goudstikker ein Photoatelier und übersiedelt in das liberale München. Dort kommen die Frauen bald in Kontakt mit der dortigen Frauenbewegung. Anita Augspurg hält erste Reden, organisiert Diskussionsabende und verfasst politische Schriften zur Frauenbildung und zum Frauenstimmrecht. Seit 1893 studiert sie in Zürich Jura und promoviert als erste deutsche Juristin. Auf dem ersten „Internationalen Frauenkongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ lernt sie Gustava Heymann kennen, mit der sie fortan politisch eng zusammmenarbeitet. Anita Augsburg gehört bald in München dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Frauenbildung, die zivilrechtliche Stellung der Frau und das Frauenwahlrecht werden zu ihren entscheidenden politischen Anliegen. Während des 1. Weltkrieges sind Augspurg und Heymann radikale Pazifistinnen. Ihr Einsatz gilt nun internationalen Frauen-Friedensbewegungen. Am 19. November 1918 findet in München die erste große Frauenversammlung statt. Gustava Heymann fordert die Gründung eines eigenen Frauenrates, der Frauen Zugang zu allen Berufen schaffen soll, denn 40.000 Arbeiterinnen sind aus den Rüstungsbetrieben nach Hause geschickt worden. In den Arbeiter- und Bauernräten sind kaum Frauen vertreten. Die Revolution ist im Wesentlichen Männersache. Frauen leisten aber in allen Phasen der Revolution ihren Beitrag. So kämpfen sie sogar am Münchner Hauptbahnhof furchtlos in vorderster Front. Außerdem betätigen sie sich in der letzten Phase der Revolution als Überbringerinnen von Nachrichten und als Spioninnen.

          14.05.1867 Kurt Eisner wird in Berlin geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, besaß in Berlin ein Militärbekleidungsgeschäft. Eisner studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete als Journalist. 1897 muss er wegen Majestätsbeleidigung für neun Monate ins Gefängnis. Sieben Jahre war er beim SPD-Organ „Vorwärts“ tätig, später bei anderen Zeitungen. Er engagierte sich gegen die Fortführung des Krieges und für einen sofortigen Friedensschluss. Er ist der Überzeugung, dass nur die Revolution den Krieg beenden und einen wirklichen demokratischen Neuanfang gewährleisten kann. Beeinflussung von Landauer. Er verbüßt ab Januar 1918 bis zum Oktober eine Haftstrafe wegen seiner führenden Beteiligung beim großen Munitionsarbeiterstreik der Münchner Arbeiter. Am 14. Oktober wird Eisner entlassen. Für den 7. November kündet die USPD eine Kundgebung auf der Theresienwiese an. Anschließend kommt es zu einer großen Demonstration. Bis zum Abend sind alle Kasernen, Ministerien, das Polizeipräsidium, Bahnhof, Post, Telegrafenamt und alle wichtigen Zeitungsredaktionen in der Hand der Revolutionäre. Ein Arbeiter- und Soldatenrat wird gebildet. Eisner wird erster Ministerpräsident der Republik Baiern und ruft den „Freistaat Baiern“ aus. Ein Provisorischer Nationalrat wird konstituiert. Die Friedenssehnsucht der Menschen hat gesiegt. Eisner setzt in der kommenden Zeit auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren. Außerdem haben sie die politische Aufgabe, die Menschen von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die Räte, von denen es in Bayern inzwischen über 7000 gibt, nach den Landtagswahlen auflösen. Auch die Rechte formiert sich zunehmend. Bei der Landtagswahl erhält Eisners Partei, die USPD nur 2,5% der Stimmen. Am 21. Februar wird er auf dem Weg zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären will, von Anton Graf Arco auf Valley erschossen Am 26. Februar folgen 100.000 Menschen seinem Sarg zum Ostfriedhof.

          03.07.1867 Johannes Hoffmann wird in Ilbesheim bei Landau als Sohn eines armen Bauern geboren. Zunächst arbeitet er als Volksschullehrer und wird Mitglied der Deutschen Volkspartei. 1903 nimmt er ein Studium der Sozial- und Handelswissenschaften auf. Durch vielerlei Erfahrungen nähert er sich der Sozialdemokratie an. 1908 zieht Hoffmann in den bayerischen Landtag ein und avanciert zum Bildungsexperten der SPD. Er kämpft für Kinderhorte und Kindergärten, für eine Reform der Volksschule und für das Ende der geistlichen Schulaufsicht. Die Bildungshoheit soll auf den Staat übergehen. Der Kampf gegen die Kirche ist Hoffmann ein großes Anliegen. Im Oktober 1918 fordert die Bayern-SPD die Einführung des parlamentarischen Regierungssystems auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie. Hoffmann trägt diesen Beschluss mit. Nur weitreichende Reformen seien in der Lange, das Chaos der Revolution zu verhindern. Als nach den Schüssen auf Kurt Eisner der Zentralrat die Macht übernimmt, tritt Johannes Hoffmann als Kulturminister zurück. Am 17. März 1919 tagt der Landtag zum ersten Mal und wählt Johannes Hoffmann einstimmig zum Ministerpräsidenten. Am 28. März 1919 wird das Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels beschlossen. Inzwischen wird die Not auf dem Lande immer größer. Hoffmann soll die Räterepublik ausrufen, aber weigert sich. Schließlich zieht er sich nach Bamberg zurück. Im Süden ist inzwischen die Räterepublik ausgerufen. Die Reichsregierung droht Hoffmann mit dem Einmarsch von Reichstruppen, falls er nicht alleine der Räterepublik ein Ende setzen könne. In ganz Bayern werden Freiwilligenverbände aufgestellt. Friedrich Ebert fordert von Berlin aus, dass er es für unabdingbar halte, dass die „Wiederherstellung des früheren Zustandes baldigst erfolgt“. Hoffmann versucht es mit einem Putsch am kommenden Tag, dem Palmsonntagsputsch, der aber misslingt. Es kommt zur Ausrufung der 2. Räterepublik, die kommunistisch ausgerichtet ist. Schließlich ersucht Hoffmann Berlin um die Entsendung von Reichstruppen. 35.000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Es kommt zu einem grausamen Terror. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben. Am 9. Mai schickt Johannes Hoffmann ein Dankesschreiben an General von Owen. Am 31. Mai tritt Ministerpräsident Hoffmann zurück.

          07.04.1870 Gustav Landauer wird in Karlsruhe geboren, wo seine Eltern ein Schuhgeschäft führen. Er studierte Germanistik, Anglistik, Philosophie und Nationalökonomie in Heidelberg, Straßburg und Berlin. Aus Liebe zum Theater gründet er 1892 mit Freunden die „Neue freie Volksbühne“ und engagiert sich im gleichen Jahr im „Verein Unabhängiger Sozialisten“, einer Gruppe von Anarchisten, die sich von der SPD abgespalten hat. 1893 wird sein erster Roman veröffentlicht. Und er wird Mitherausgeber des „Sozialist“, dem Organ der „Unabhängigen Sozialisten“ Er hält Vorträge über Anarchismus, Literaturgeschichte, philosophische und religiöse Themen. Im August 1893 plädiert er als Delegierter der Berliner Unabhängigen auf dem Dritten Kongress der II. Internationale in Zürich für einen anarchistischen Sozialismus, kann sich aber nicht durchsetzen. 1896 ist er maßgeblich am Streik der Berliner Konfektionsarbeiter beteiligt. Ab 1900 verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft mit Ernst Mühsam. 1908 gründete der radikale Pazifist den „Sozialistischen Bund“ zur Verwirklichung einer libertären, von unten nach oben organisierten Gesellschaft. Landauer lehnt Autorität und Hierarchie ab und will durch Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung und Föderation eine neue Ordnung begründen. Anarchie bedeutet für ihn „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“. In der Praxis sollen dezentrale basisdemokratisch organisierte Gruppen den Staat ersetzen. Diese sollen untereinander Tauschhandel mit den von ihnen selbst erwirtschafteten Produkten betreiben. Am 7. November bittet Eisner ihn, nach München zu kommen, um im bayerischen Freistaat mitzuarbeiten („Was ich von Ihnen möchte ist, dass Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.“)Er wird Mitglied im „Revolutionären Arbeiterrat“ sowie im „Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat“ und im „Provisorischen Nationalrat“. In der ersten bayerischen Räterepublik war er Volksbeauftragter für Kultur und Erziehung. Er fordert die Einführung der Einheitsschule für Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr und danach eine zweijährige praktische Ausbildung oder die Weiterbildung an einer Mittelschule. Aus der autoritären Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht. Mit dem Fall der 1. Räterepublik ist sein Wirken beendet. Die Kommunisten wollen anschließend nicht mit ihm zusammenarbeiten. Nach dem Fall Münchens wird Landauer am 2. Mai 1919 grausam ermordet.

          05.09.1871 Karl Göpfert wird im fränkischen Rimpar bei Würzburg geboren. 1900 ließ er sich in Rosenheim als Spengler nieder. Ab 1907 leitete er als hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär das Rosenheimer Arbeitersekretariat im Gasthaus Sterngarten. Ab 1912 war er für die SPD im Stadtrat. Als der Rosenheimer Bürgermeister Wüst abgesetzt wurde, übernahm an seiner Stelle Karl Göpfert die Amtsgeschäfte. Als im April 1919 die Räterepublik auf der Loretowiese ausgerufen wurde, stellte sich Göpfert dagegen. Göpfert wurde ein Jahr nach der Räterepublik wegen Beihilfe zum Hochverrat, Amtsanmaßung und Nötigung zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Bis zum 29. März 1921 war in Niederschönenfeld in Festungshaft.

          22.12.1874 Erhard Auer wird in Dommelstadl (Nähe von Passau) geboren. Er stammt aus sehr ärmlichen Verhältnisse, muss bereits mit 12 die Schule verlassen und in der Landwirtschaft arbeiten. Weil er mit 15 eine Landarbeiterbewegung für deren bessere Verpflegung gründet, kommt er mit 16 zum ersten Mal ins Gefängnis. Er leistet seinen Militärdienst ab und findet in der SPD ab 1892 seine politische Heimat. Um die Jahrhundertwende wird er Sekretär für den SPD-Reichstagsabgeordneten Georg von Vollmar und damit dessen enger Mitarbeiter. Von Vollmar plädierte für eine Transformation des Staates durch Reformen. 1907 wird Auer Mitglied des bayerischen Landtages und 1908 Erster Landessekretär der bayerischen SPD, was er bis 1921 bleiben sollte. Auer setzt darauf, die Demokratie auf dem Wege der Reform erreichen zu können. Daher sieht er keinen Sinn darin, die radikalen Aktivitäten der USPD zu unterstützen. Darum verweigert sich die Münchner SPD den Generalstreikplänen der USPD im Januar 1918. Obwohl die SPD vielen noch immer als die revolutionäre Arbeiterpartei gilt, hat sie längst einen anderen Weg eingeschlagen. So schafft es Auer die Streiks zu entschärfen und zu beenden. Bei der großen Demonstration sieht sich die SPD gezwungen mitzumachen, denn Auer will die Kontrolle über die Arbeiterschaft nicht verlieren. Am Abend des 7. November macht er dem Innenminister von Brettreich gegenüber sogar deutlich, dass er mit einer gewaltsamen Aktion zur Niederschlagung der Revolution durchaus einverstanden wäre. Als der Innenminister sich dazu nicht imstande sieht, erklärt Auer, sich mit der SPD an der Revolutionsregierung zu beteiligen, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Am kommenden Tag wird er zum Innenminister unter Eisler ernannt und wird in der Folgezeit zu dessen großen Gegenspieler. Auer ist nicht nur ein Gegner der Revolution, sondern auch der Räte. Während sie für die USPD Grundlage des neuen Regierungssystems sind, haben sie für Auer und die SPD allerhöchstens beratende Funktion. Auer will den Einfluss der Räte immer mehr zurückdrängen. Am 21. Februar begibt sich Eisner zum Landtag, um dort seinen Rücktritt mitzuteilen. Auf dem Weg dorthin wird er erschossen. Kurz danach stürzt Alois Lindner in den Landtag und schießt auf Erhard Auer, wobei dieser schwer verletzt wird. Lindner ist Mitglied der USPD und hält wie viele Gleichgesinnte Auer für mitschuldig an der Ermordung von Eisners.

          06.04.1878 Erich Mühsam wird in Berlin geboren. Sein Vater war ein preußisch-national gesinnter Apotheker in Lübeck. Mit 17 flog er vom Gymnasium, weil er anonym im „Lübecker Volksboten“ die patriotische Rede von Direktor Schubring zum Jahrestag des Sieges von Sedan kritisiert hatte. Danach machte er sein Abitur in Parchim und absolvierte eine Lehre zum Apotheker. Dann ging er nach Berlin, wo er 1904 seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. Mühsam sucht die absolute, individuelle und sexuelle Freiheit. Im Mai 1904 verlässt er Berlin und ist Gast auf dem berühmten Monte Verità, wo er Vorträge hält und kleinere Artikel verfasst. 1908 wird er Mitglied im „sozialistischen Bund“ Gustav Landauers. Er zieht 1909 nach München und lässt sich im Künstlerviertel Schwabing nieder, wo er im „Simplizissimus“ viele andere Literaten kennen lernt. Der Anarchismus ist für ihn „Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralismus, Staat“. Er gründet die anarchistische Gruppe „Tat“ und gibt 1911 die Zeitschrift „Kain heraus. Zeitschrift für Menschlichkeit“ heraus. Mühsam versteht sich mit Ausbruch des 1. Weltkrieges als Pazifist. Er beteiligte sich am großen Januarstreik 1918 in München und wird deshalb in Traunstein unter Hausarrest gestellt. Zum Jahreswechsel 1918/19 schließt er sich der KPD an. Häufig redet er auf Parteiveranstaltungen. Insgesamt hatte er großen Anteil an der Novemberrevolution in München. Als am 7. April 1919 die Bairische Räterepublik ausgerufen wird, schreibt Mühsam den Zeitungsaufruf: „An das Volk in Baiern, Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik. Das werktätige Volk ist Herr seines Geschickes. Die revolutionäre Arbeiterschaft und Bauernschaft Baierns, darunter auch all unsere Brüder, die Soldaten sind, sind durch keine Parteigegensätze mehr getrennt, sind sich einig, dass von nun an jegliche Ausbeutung und Unterdrückung ein Ende haben muss. Die Diktatur des Proletariats, die nun zur Tatsache geworden ist, bezweckt die Verwirklichung eines wahrhaft sozialistischen Gemeinwesens. (…) Zum Zeichen der freudigen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft für die ganze Menschheit wird hiermit der 7. April zum Nationalfeiertag erklärt (…) Es lebe das freie Baiern! Es lebe die Räterepublik! Es lebe die ‚Weltrevolution!“.Mühsam war weiterhin auch immer wieder literarisch aktiv und schrieb politische Aufsätze. Er verfasste das Arbeiterdrama „Judas“ und gab von 1926 bis 1931 die anarchistische Zeitschrift „Fanal“ heraus. Er war eng mit Kurt Tucholsky befreundet. Am 13. April 1919 wird er verhaftet und zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, kommt aber 1924 im Rahmen einer Amnestie wieder fei. 1933 wird er erneut verhaftet und in verschiedenen KZs schrecklichen Quälereien und Demütigungen ausgesetzt und schließlich ermordet.

          10.05.1883 Eugen Leviné wird in St. Petersburg geboren. Sein Vater ist ein vermögender Geschäftsmann. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und seine Mutter zog mit ihm in die Schweiz. Leviné besuchte das Gymnasium und studierte Rechtswissenschaft in Heidelberg. 1905 ging er zurück nach St. Petersburg und schloss sich der russischen Revolution an. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten kehrte er 1908 nach Deutschland zurück und studierte wieder in Heidelberg, diesmal Nationalökonomie. Während seines ganzen Studiums war er in der Arbeiterbewegung aktiv. In Berlin schloss sich Leviné der USPD an und dann dem Spartakusbund, aus dem die KPD später hervorging. Er nimmt an führender Stelle am Spartakusaufstand in Berlin teil. Am 5. März 1919 schickte ihn die Partei nach München. Am 4. April werden die Funktionäre der Kommunistischen Partei von Mitgliedern des Zentralrats, SPD, USPD, Bauernbund und Anarchisten ins Kriegsministerium geladen um über die Ausrufung einer Räterepublik zu verhandeln Eine Beteiligung der Kommunisten daran lehnt er aber ab, die Verhältnisse seien dafür noch nicht reif. Er spricht von einer Scheinräterepublik. Sie sei nicht überlebensfähig. Die Parteizentrale in Berlin vertritt die Position, dass jeder Anlass zu militärischen Aktionen der Reichstruppen streng vermieden werden muss. Drei Tage später wird die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden dennoch ausgerufen. Die Kommunisten versuchen jetzt verstärkt in den Betrieben Fuß zu fassen. Viele Arbeiter sind über die Zurückhaltung der KPD enttäuscht. Daraufhin erklärt Leviné trotz aller Skepsis, sich dem revolutionären Willen der Menschen nicht länger zu verschließen. Beim Palmsonntagsputsch unterstützt die KPD die bestehende Räteregierung. Es gelingt den Arbeitern, die Gegenrevolution niederzuschlagen. Nun gibt es für die KPD kein Zaudern mehr, will sie nicht ihren Status als revolutionäre Partei verlieren. Am 14. April 1919 beginnt der erste Versuch auf deutschem Boden, eine Diktatur des Proletariats zu errichten. Die zweite, die kommunistische Räterepublik wird ausgerufen. Ein fünfzehnköpfiger Aktionsausschuss, der die gesetzgeberische und vollziehende Gewalt übernimmt,wird gegründet. An der Spitze steht der Vollzugsrat. Eugen Leviné wird zum Vorsitzenden gewählt, denndie Arbeiter seien bereit, für ihre Überzeugung zu kämpfen, und in dieser Situation sieht eres als die revolutionäre Pflicht der KPD an,die Führung zu übernehmen. Verschiedene Kommissionen werden eingesetzt. Die KPD in Berlin allerdings hält die Übernahme der Macht in München für einen taktischen Fehler. Das sei ein desaströses Abenteuer. Zunächst ruft die KPD in München einen zehntägigen Generalstreik aus. Alle sollen bereitstehen bei einem eventuellen weiteren Putsch. Und die KPD forciert die Bildung der Roten Armee. Die Bewaffnung und militärische Organisation der Arbeiter genießt oberste Priorität. Dann wird die Sozialisierung in Angriff genommen. Alle politischen Gefangenen werden entlassen. Am 22. April kommt es zu einer Massendemonstration für die junge Räterepublik. Aber Spannungen bezüglich der Verteidigungsstrategie sprengen den Aktionsausschuss. Im neuen Aktionsausschuss sind die Kommunisten nicht mehr vertreten. Leviné tritt von seinem Posten als Leiter des Vollzugsrates zurück. In den ersten Maitagen wird die Räterepublik niedergeschlagen. Am 5. Juni 1919 wurde Leviné hingerichtet. Er stirbt mit den Worten auf den Lippen: „Es lebe die Weltrevolution!“

          28.03.1886 Georg Schuhmann, Sohn eines Brauereibesitzers, wird in Bamberg geboren Er ist Installateur und nimmt am 1. Weltkrieg teil. In Kolbermoor wird er Vorsitzender des zweiten Kolbermoorer Volksrates und danach des revolutionären Arbeiterrates. Nach der Demobilmachung kommt Schuhmann in die „Sanierung“ und zieht von dort am 15.11.1918 nach Kolbermoor in die Karlsstraße 2 zu seiner Schwester. Am 1. Februar 1919 zieht er in die Alpenstraße 3. Diese Straße wird später in „Schuhmannstraße“ umbenannt. Schuhmann (USPD, später KPD) konnte sich sehr schnell politischen Respekt verschaffen und trug zur Radikalisierung der Rätebewegung in Kolbermoor erheblich bei. Als sein größtes Verdienst wird heute gesehen, dass er in den ersten Maitagen frühzeitig erkannte, dass ein Kampf gegen die Regierungstruppen und Weißgardisten aufgrund der erheblichen militärischen Unterlegenheit keinen Sinn machte. So verhinderte er mittels seiner Überzeugungskraft ein großes Blutvergießen. Am 4. Mai 1919 wird er zusammen mit seinem Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten bei der Tonwerksunterführung in Kolbermoor ermordet.

          13.04.1896 Rudolf Eglhofer wird am 13. April in Schwabing geboren. Wächst in ärmlichen Verhältnisse auf und geht zur Marine. Ob er an den Matrosenaufständen teilgenommen hat ist ungewiss, aber wahrscheinlich. Nach seiner Rückkehr nach München schließt er sich der KPD an und reist als Agitator durch Bayern. Auf dem Kongress der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte am 25.2.1919 fordert er die sofortige Ausrufung der Räterepublik. Die Räte müssten von Mitgliedern, die nicht im Interesse der Revolution handelten, gesäubert werden. Er fordert die Entwaffnung der Bourgeoisie sowie die Aufstellung einer Roten Armee. Er bekommt viel Applaus, kann sich aber noch nicht durchsetzen. Beim Palmsonntagsputsch 1919 verteidigt der 23-Jährige die Revolution gegen die Republikanische Schutztruppe. Er steht an der Spitze der revolutionären Truppen am Hauptbahnhof und vermag mit seinen Genossen die gegnerischen Truppen zu besiegen. Am nächsten Morgen wird die Kommunistische Räterepublik ausgerufen. Die königlichen Polizeitruppen werden entwaffnet. Die Bürger müssen ihre Waffen abgeben. Die 20.000 Gewehre werden an Arbeiter verteilt und diese in die Rote Armee integriert. Bei Allach gelingt es Eglhofer und seiner Roten Armee, den Gegner zurückzuschlagen. Bei Dachau wird der Gegner erneut besiegt. Aber der Übermacht der Regierungssoldaten ist die Rote Armee letztendlich nicht gewachsen. Eglhofer wird nach einer Denunziation verhaftet, schwer misshandelt und erschossen.

          01.12.1893 Ernst Toller wird in Samotschin, Provinz Posen, Königreich Preußen, geboren. Toller stammt aus einer Kaufmannsfamilie im von Preußen annektierten Teil Polens. Als Kriegsfreiwilliger ist er 13 Monate in vorderster Front vor Verdun. 1916 Nervenzusammenbruch, monatelanger Sanatorienaufenthalt, kriegsuntauglich. Toller ist zum Pazifisten geworden. Anfang 1917 lernt er Eisner kennen, begeistert sich für den Sozialismus, schließt sich der USPD an und vertritt auf Versammlungen einen radikalen Pazifismus. Er wird Mitglied im Revolutionsausschuss des Landesarbeiterrates und Mitglied im Provisorischen Nationalrat. Kurz darauf wir er zum 2. Vorsitzenden des Vollzugsrats des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates wählt. In der ersten bayerischen Räterepublik bekleidet er als Vorsitzender des Zentralrates das höchste Regierungsamt. Er lässt alle Bankkonten sperren, requiriert leer stehende Wohnungen, um die Wohnungsnot zu lindern. Schleichhandel und Preiswucher werden bekämpft. Preise werden streng kontrolliert, überzählige Lebensmittel beschlagnahmt. Vom Bürgertum sind alle Waffen abzugeben, gleichzeitig wird das Proletariat bewaffnet. Eine Rote Armee wird ins Leben gerufen. Der Palmsonntagsputsch wird niedergeschlagen. Als Abschnittskommandant der Roten Armee besiegen seine Soldaten bei Dachau die Truppen der Gegenrevolution, wobei Toller sich weigert, die gefangen genommenen Offiziere vor ein Standgericht zu stellen und zu erschießen. In der Nacht zum 1. Mai taucht Toller unter, wird aber doch entdeckt und am 16.7.1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, die er ab 1920 in Niederschönenfeld verbringt. 1939 nimmt er sich das Leben.

          17.03.1896 Guido Kopp wird in Ruderting (Nähe von Passau) geboren. Kommt am Ende des Krieges als Gefreiter in die Rosenheimer Sanierung (Hier wurden die Soldaten registriert, entlaust, medizinisch versorgt und neu eingekleidet.) Kopp wurde in Rosenheim im November 1918 zum Vorsitzenden des Rosenheimer Soldatenrates. Mit großem rhetorischem und agitatorischen Talent vermochte der 22-jährige Student sich viel Einfluss zu verschaffen. Im Januar 1919 gründete er die KPD-Ortsgruppe Rosenheim. Im April 1919 rief er nach Münchner Vorbild die Räteregierung für Rosenheim aus und setzt die Geiselnahme von 30 Rosenheimer Bürgern durch. Anfang Mai 1919 nehmen die „weißen Truppen“, reguläre Heeresverbände und Einheiten des „Freikorps Oberland“ die Stadt ein. Kopp flieht rechtzeitig nach Kolbermoor. Ein Münchner Standgericht verurteilt ihn zu acht Jahren Festungshaft in Straubing. Eine Rückkehr nach Rosenheim verhindert der Stadtmagistrat durch die Ausweisung. Klopp lebte in Wien, Prag und Barcelona, wo er im Spanischen Bürgerkrieg mitkämpfte. 1937 kehrte er nach Österreich zurück und wurde dort in Salzburg verhaftet und an die Münchner Gestapo ausgeliefert. Nach dem Konzentrationslager Dachau wurde er nach Buchenwald verlegt, wo er 1945 von den amerikanischen Truppen befreit wurde. Kopp lebte bis zu seinem Tod 1971 in Salzburg.

          Beginn der Novemberrevolution im Deutschen Reich

          14.08.1918 OHL-Erklärung. Bei einer Konferenz im Hauptquartier in Spa erklärt die deutsche Oberste Heeresleitung die Fortführung des Krieges als aussichtslos (hält diese Einschätzung aber geheim, in der Öffentlichkeit wurde weiter der baldige Sieg propagiert).

          03./04.10.1918 Waffenstillstandsangebot der deutschen Regierung an Wilson. Wilson stellt viele Bedingungen, u.a. demokratische Bevollmächtigte in Deutschland als Verhandlungspartner

          29.10 1918 Die Matrosen in Wilhelmshaven meutern. Sie machen den Kaiser dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauert. Ihr Aufstand verbreitet sich wie ein Lauffeuer über das ganze Land und löst die Novemberrevolution aus.

          02.11.1918 König Ludwig III kündigt in Bayern eine Kabinettsumbildung an, die sechs Tage später stattfinden sollte. Zwei SPD-Minister gehören zur neuen Regierung. Dies reicht der USPD nicht.

          03.11.1918 Auf dem Exerzierplatz in Kiel treffen sich 5000-6000 Menschen. Sie ziehen zur Marinearrestanstalt und befreien die Gefangenen von Wilhelmshaven. Schiffe werden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Es kommt zum Generalstreik. Ein „Soldaten- und ein Arbeiterrat“ werden gebildet. Die Aufständischen sind in Kiel vollständig im Besitz der Macht.

          04.11.1918 Die Aufstandsbewegung breitet sich über ganz Norddeutschland aus: Lüneburg, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Brunsbüttel, Cuxhaven, Bremerhaven. Bremen usw. . Die Matrosen des Dritten Geschwaders wählen „Soldatenräte“, entwaffnen ihre Offiziere, bewaffnen sich selbst und hissen auf den Schiffen die rote Fahne.

          05.11.1918 In Hamburg findet eine Massenversammlung mit 10.000 begeisterten Teilnehmern statt. Unter großem Jubel vereinigen sich Matrosen, Soldaten und Arbeiter. Ein „Arbeiter- und Soldatentrat“ wird gebildet. Einen Tag später demonstrieren 40.000 Menschen. Auch in Hamburg liegt die Macht faktisch beim „Arbeiter- und Soldatenrat“.

          Beginn der Revolution in Bayern, Ausweitung im Reich – Rosenheim und Kolbermoor

          07.11.1918 In München veranstalten SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Um 15 Uhr beginnt die Kundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern Es sprechen an verschiedenen Stellen 12 Redner, unter anderem Erhard Auer, Vorsitzender bayerischen SPD, Ludwig Gandorfer (USPD) sowie Kurt Eisner. Einige Redner wollen die Leute beruhigen und weisen auf kommende Reformen hin, andere fordern ein sozialistisches Rätesystem. Eisner, der Vorsitzende der USPD hatte sich mit seinen Anhängern bereits zu Beginn der Kundgebung im Norden der Theresienwiese aufgestellt, um anschließend schnell und möglichst ohne aufgehalten zu werden, zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurde. Dann setzte sich ein Zug der Demonstration richtig Friedensengel in Bewegung, wo er sich nach einer weiteren Rede auflöste. 2000 Demonstranten unter Führung von Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer gingen zuerst zur Kraftwagenkolonne der Kraftfahr-Ersatzabteilung in der Kaszmairstraße, wo sich die Kraftfahrer dem Demonstrationszug anschließen. Dann zieht der Zug zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft.

          07.11.1918 Der Rosenheimer Gewerkschaftsverein lädt für den Abend zu einer Versammlung in den Sternbräugarten in der Hausstätterstraße ein.

          08.11.1918 Kurt Eisner ruft den „Freistaat Bayern“ (1. Revolution) aus. Damit meint er ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Bayern. Von beiden Türmen der Frauenkirche hängen weithin sichtbar riesige rote Fahnen. Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählt eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD mit Kurt Eisner (USPD) als Ministerpräsident und Erhard Auer (SPD) als Innenminister. Ein provisorischer Nationalrat (Vertreter des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes im bayerischen Landtag) tritt an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie

          08.11.1918 Bis zum 8. November sind auch Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Köln Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Magdeburg, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt am Main und viele weitere Städte in der Hand von „Arbeiter- und Soldatenräten“.

          08.11.1918 Es findet am Nachmittag eine große Kundgebung auf der Rosenheimer Loretowiese statt, an der tausende von Menschen teilnehmen („in der Mehrzahl Soldaten, Frauen und Kinder“). Es sprechen der Gefreite Guido Kopp, der Soldat Heinrich Geistaller, der Schneidermeister und Gemeindebevollmächtigte Hans Langenegger sowie der Arbeitersekretär und Gemeindebevollmächtigte Karl Göpfert (MSPD). Es wird ein Volks- und Soldatenrat gewählt. Kopp wurde zum Vorsitzenden des Soldatenrates, der 13 Mitglieder hat, Göpfert zum Vorsitzenden des Volksrates gewählt. Zweiter Vorsitzender wird dort der Architekt Karl Baumann. Es gibt zehn Beisitzer. Anschließend bildet sich ein großer Demonstrationszug durch Rosenheim zu mehreren Amtsstellen und Dienstgebäuden, wo überall die vorgetragenen Forderungen übernommen werden. Beim Garnisonsbataillon wird die Freilassung der Militärgefangenen erreicht, beim Magistrat die Unterstellung der Polizei unter den Volks- und Soldatenrat und beim Amtsgericht die Freilassung sämtlicher im Amtsgerichtsgefängnis Inhaftierten. Die Räte richten sich im Rathaus eine Geschäftsstelle ein. Der Rosenheimer Stadtmagistrat amtiert weiter.

          09.11.1918 Reichskanzler Prinz von Baden teilt eigenwillig den Thronverzicht von Kaiser Wilhelm II mit, der daraufhin ins holländische Exil geht.

          09.11.1918 Die Berliner Großbetriebe treten in den Generalstreik. Staatssekretär Philipp Scheidemann ruft die „freie deutsche Republik“ aus. Karl Liebknecht ruft die „freie sozialistische Republik Deutschland“ aus.

          09.11.1918 Der neugebildete Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ (VSR) erlässt einen Aufruf und gibt seine Zusammensetzung bekannt. Er tagt im kleinen Rathaussaal. Die Behörden werden gebeten unter Aufsicht des VSR weiterzuarbeiten. Der VSR tritt fast täglich zu Sitzungen zusammen. Er kümmert sich um die dringenden Probleme der Lebensmittelversorgung, der Wohnungsnot und des Wuchers und Schleichhandels. Der Volksrat greift in seiner weiteren Tätigkeit immer mehr in das Verwaltungsgeschehen ein.

          09.11.1918 Die rechtsextremistische Opposition beginnt sich in München zu formieren. Die Thule-Gesellschaft unter Rudolf von Sebottendorf trifft sich. DieseGesellschaft wurde 1912 als Geheimloge unter dem Namen „Germanenorden“ gegründet, um im Falle einer jüdischen Machtübernahme sofort die Gegenrevolution zu organisieren und die führenden Köpfe zu liquidieren. Das Emblem des Ordens war das Hakenkreuz. Man begrüßte sich mit „Sieg und Heil!“ Prominenteste Mitglieder: Rudolf Heß, Hans Frank, NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg.

          10.11.1918 Der General Wilhelm Groener, Nachfolger Ludendorffs in der Obersten Heeresleitung, ruft Ebert in der Reichskanzlei an und bietet ihm die Unterstützung der Reichswehr an. Im Gegenzug verlangt er von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus und die Ausschaltung der Soldatenräte. Ebert geht darauf ein.

          11.11.1918 Im Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne bei Paris wird das von den Alliierten diktierte Waffenstillstandsabkommen vom Staatssekretär im Auswärtigen Amt Matthias Erzberger unterzeichnet. Deutschland hat kapituliert.

          11.11.1918 Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates im vollbesetzten Mareis-Saal. Erster Vorsitzender wird Franz Sperber, (MSPD), 25 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft werden gewählt. Selbst zwei Kommerzienräte und der Bürgermeister sind dabei.

          13.11.1918 Der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende unterrichtet die Mitglieder über die Befugnisse des Volksrates : „Jener sei ein Kontrollorgan der Distriktsverwaltung, sowie aller Behörden im Bezirke, dieser habe die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen u. Mißstände abzustellen, wo immer er sie fände.“ Der Volksrat gibt sich ein Programm mit dem Schwerpunkt Sicherung der Lebensmittelverteilung, Auflösung der Gefangenenlager und Errichtung eines ständigen Wachkommandos durch den Soldatenrat. Erste Klagen über Zustände in örtlichen Fabriken werden benannt.

          14.11.1918 Der Kolbermoorer Volksrat unter Franz Sperber gibt bekannt, dass ein Ausschuss gebildet wurde zur Überwachung der Lebensmittelverteilung.

          15.11.1918 Georg Schuhmann (32) zieht aus der Sanierung (Lager von ca. 100 Baracken auf dem heutigen Aicher-Gelände zur Entlausung und Neueinkleidung usw. von heimgekehrten Soldaten) nach Kolbermoor.

          17.11.1918 Der Rosenheimer Bürgermeister Wüst schreibt an die Regierung von Oberbayern, um in Erfahrung zu bringen, welche Befugnisse der VSR (Volks- und Soldatenrat) habe.

          17.11.1918 Im Münchner Nationaltheater findet eine große Revolutionsfeier statt.

          19.11.1918 In München spricht Gustava Heymann auf einer Frauenversammlung zum Thema „Die Frau im neuen Staat“.

          23.11.1918 Bis zu diesem Tage müssen alle regierenden Fürsten der deutschen Länder einschließlich Kaiser Wilhelm II dem bayerischen König folgen und abdanken.

          24.11.1918 Der Rosenheimer Bürgermeister Wüst erstattet der Regierung von Oberbayern Bericht. Wüst schreibt u.a.: „Der Rosenheimer Volks- und Soldatenrat hat auch in der vergangenen Woche fleißig getagt, er fasst Beschlüsse über alle möglichen Angelegenheiten, für die ihm jegliche Zuständigkeit fehlt, gibt nach wie vor Aufträge an die Behörden und an einzelne Beamte und verwirrt mit seinen öffentlichen Ausschreibungen und Bekanntmachungen das Rechtsbewußtsein des Volkes.“ Wüst fordert „eine genaue Präzisierung der Rechte und der Zuständigkeit“ des Volks- und Soldatenrates. Er schließt mit dem Satz: „Der weiteren Entwicklung der Dinge kann man nur mit banger Sorge entgegensehen.“

          02.12.1918 Anordnung des bayerischen Innenministers Auer: „Betreffs Tätigkeit der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte. Die weitere Tätigkeit der ABS-Räte ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Es ist aber zu beachten, dass ihnen keinerlei Vollzugsgewalt zukommt. Sie haben lediglich im Einvernehmen mit den gesetzlich berufenen Stellen und Behörden (…) für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen.“ Daran werden sich die Kolbermoorer nicht halten.

          02.12.1914 Karl Liebknecht stimmt als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen eine weitere Bewilligung der Kriegskredite.

          04.12.1918 Kurt Eisner spricht auf einer Kundgebung in Bad Aibling. Eine Gefangennahme Eisners durch den Kampfbund der Thule-Gesellschaft misslingt. Dieser reißt vielmehr die Versammlung zu Begeisterungsstürmen hin. Vor allem die große Anzahl der Kolbermoorer Arbeiter steht auf seiner Seite.

          11.12.1918 Der Spartakusbund tritt in München zum ersten Mal mit einer Massendemonstration in Erscheinung. Vorsitzender der bayrischen Sektion ist Max Levien. Dieser hält einen Erfolg der Revolution nur dann für erfolgreich, wenn sie nach bolschewistischem Vorbild gestaltet wird. Eisner und Landauer weisen dies zurück.

          16.12.1918 Der „Bund sozialistischer Frauen“ in München lädt ein zu einer Veranstaltung zum Thema: „Liberalismus und Sozialismus“, Referentin: Sophie Steinhaus. Der Bund sozialistischer Frauen arbeitet eng mit dem „Verein für Frauenstimmrechte“ und dem „Frauenausschuß für den dauernden Frieden“ zusammen.

          16.-20.12.1918 Reichsrätekongress in Berlin. Die SPD (Max Cohen) stellt den Antrag, in Zukunft auf die Räte zu verzichten. Die Delegierten stimmen mit großer Mehrheit für die Abschaffung des Rätesystems. Gegen die Auflösung hatte Ernst Däumig von der USPD plädiert. Bayern bleibt trotzdem dem Rätegedanken verpflichtet. Die Wahl zur Nationalversammlung soll am 19.1.19 stattfinden.

          01.01.1919 Minister Auer (MSPD) spricht in Rosenheim im überfüllten Saal des „Hotel Gillitzer“ zum Thema „Der Kampf um die Republik“.

          01.01.1919 Die Anhänger der Spartakisten schließen sich in der Kommunistischen Partei zusammen.

          02.01.1919 Der 1. Kolbermoorer Volksrat teilt seinen Rücktritt mit. Es seien zu viele „bürgerliche Elemente“ im Volksrat, „sogar zwei Kommerzienräte und Kriegsgewinnler“. Die Sozialdemokraten beanspruchen jetzt zwei Drittel der Mitglieder

          04.01.1919 Eisner präsentiert ein „vorläufiges Staatsgrundgesetz“. Darin enthalten waren die Säkularisierung der schulischen Erziehung, die Abschaffung der Adelstitel und das Frauenwahlrecht.

          05.01.1919 Rechtsextremistische Parteien haben in Bayernwieder Aufwind. Anton Drexler gründet die Deutsche Arbeiterpartei, die „judenrein“ war. Ab dem Frühjahr 1920 nannte sich die Partei „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. Ein Jahr später wird Adolf Hitler deren Vorsitzender.

          05.1.1919 – 11.1.1919 In Berlin kommt es zum Spartakusaufstand. Generalstreik, Unruhen und Straßenkämpfe.

          05.01.1919 Auf Versammlungen am 5. und 8. Januar kommt es in Rosenheim zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen MSPD und den Linken. Es geht um die Frage der Einrichtung eines „Volksheimatschutzes“, den der Innenminister Auer (MSPD) gefordert hatte, um die „Gefahr des drohenden Krieges im Land, den der Bolschewismus entfesseln kann“, zu bannen. Es festigt sich der Eindruck bei vielen Arbeitern, die Mehrheitssozialisten wollten die Ergebnisse der Novemberrevolution zunehmend zurücknehmen.

          07.01.1919 4000 Arbeitslose demonstrieren auf der Münchner Theresienwiese und verlangen eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung, die auch bewilligt wird, aber nicht alle befriedigt. Bei einer Schießerei mit der Polizei am Bahnhof sterben drei Demonstranten.

          08.01.1919 Eisner lässt führende KPD-Aktivisten verhaften, was sich als schwerer taktischer Fehler erweist. Auf Druck einer weiteren Demonstration am 10.1. muss er sie wieder freilassen.

          08.01.1919 Wahl des 2. Volksrates in Kolbermoor, Vorsitzender: Georg Schuhmann (USPD, zu der Zeit Soldat in der Sanierungsanstalt), die Zahl der Mitglieder wird auf acht (sechs Arbeiter, ein Lehrer, ein Bürgerlicher) reduziert. Dazu wurden sechs Beiräte gewählt. Der Weg in eine radikalere Richtung geschieht in Kolbermoor mit der Loslösung von der mehrheitssozialdemokratischen Führung sechs Wochen früher als in München und Rosenheim. Diese Entwicklung tritt dort erst nach der Ermordung Eisners ein.

          10.01.1919 In Kolbermoor wird eine Ortsgruppe der Kommunistischen Partei gegründet. Gleiches geschieht in Rosenheim.

          10.01.1919 Der Schwerpunkt der Arbeit des Kolbermoorer Volksrates verlegt sich nun auf eine konsequente Kontrolle beim Schleichhandel und die Bekämpfung des Zurückhaltens von Lebensmitteln. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden in Angriff genommen, der Uferschutz der Mangfall und die Verrohung der Jugend durch den Krieg wird durch ein Kinoverbot bekämpft. Eine höhere Entlohnung für den Gemeindediener wird gefordert.

          10.01.1919 Die politischen Differenzen im VSR Rosenheim nehmen zu. Teile des Soldatenrates versuchen Kopp aus seiner Funktion abzuberufen. Der Teil, der hinter Kopp steht, widersetzt sich der Abberufung und nimmt den „Bräu am Anger“ als Quartier. Kopp bleibt im Amt. Am gleichen Tag wird in Rosenheim eine Ortsgruppe der KPD gegründet. Am 15. März hat sie bereits 600 Mitglieder.

          12.01.1919 Es findet die Landtagswahl statt. In Rosenheim wählen 42 % die christlich-konservative Bayernpartei, die Mehrheits-SPD erhält 41.4 Prozent (landesweit:33%). Die USPD, die Partei von Ministerpräsident Eisner, erhält 2,7% (landesweit 2,5%). Frauen durften zum ersten Mal zur Urne gehen. Die Machtverhältnisse sind in Rosenheim labil, es gibt den Volks- und Soldatenrat und daneben immer noch den alten Verwaltungsapparat mit dem Bürgermeister.

          15.1.1919 Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden in Berlin durch Freikorpsoffiziere ermordet.

          17.01.1919 Der Kolbermoorer Volksrat fordert, der drohenden Arbeitslosigkeit durch Arbeiten in den Kulturen der Filze zu begegnen.

          19.01.1910 Wahl der Verfassungsgebenden Nationalversammlung in Berlin

          24.01.1919 Der Kolbermoorer Volksrat fordert die Einführung des Achtstundentages bei der Gemeinde. Schlechte Lebensmittel werden gerügt.

          01.02.1919 Georg Schuhmann zieht in das inzwischen leider abgerissene Haus in der Alpenstraße 3, heute Schuhmannstraße, (aus dem er am Tage seiner Ermordung von den Grafinger Weißgardisten morgens um neun Uhr herausgezerrt wird.

          06.02.1919 Bereits zweieinhalb Wochen vor dem Rücktritt des Bürgermeisters hält der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende Schuhmann auf Beschluss des Volksrates im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden ab, was deutlich zeigt, welche Autorität er in Kolbermoor besaß.

          06.2.1919 Zusammentreten der Nationalversammlung in Weimar

          11.02.1919 Kolbermoor:„Dem Antrag des Volksrates des gesetzl. 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter u. Gewährung einer Teuerungszulage wird nach längerer Debatte zugestimmt u. eine Teuerungszulage von 200 DM gewährt.“ Weitere Lohnerhöhungen für Gemeindebedienstete folgen.

          11.2.1919 Wahl Friedrich Eberts zum (vorläufigen) Reichspräsident

          12.02.1919 Aus den Honorationen der Stadt Rosenheim bildet sich auf Anraten des Bürgermeisters ein „Rat geistiger Arbeiter“, der sich im Gegensatz zum ASR sieht.

          13.2.1919 Bildung der Regierung der Weimarer Koalition (MSPD, DDP, Zentrum) mit Scheidemann als Regierungschef

          21.02.1919 Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Die Totenrede hält sein Freund Gustav Landauer. Der Vollzugsrat der Münchener Arbeiterräte ruft daraufhin für den kommenden Tag Rätedelegierte aus ganz Bayern zusammen. Der Mörder Eisners, Anton Graf Arco auf Valley (1897-1945) stand der antisemitischen Thule-Gesellschaft nahe. Er wird am 16.01.1920 zum Tode verurteilt, aber schon einen Tag später zu lebenslanger Festungshaft in Landsberg begnadigt. Am 13.4.1924 wird er auf Bewährung entlassen und 1927 endgültig amnestiert.

          22.02.1919 Aus einer Versammlung in München geht ein „Zentralrat der bayerischen Republik“ hervor. Vorsitzender wird Ernst Niekisch (linker Flügel MSPD).

          22.02.1919 Nach Aufforderung durch den Volksrat Rücktritt des Kolbermoorer Bürgermeisters Bergmann und des Gemeindesekretärs Loy. Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist jetzt als neuer Bürgermeister offiziell für die Stadt zuständig. Der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung.

          22.02.1919 Auf Einladung der MSPD findet im Zuge der „zweiten Revolution“ auf der Rosenheimer Loretowiese eine große Versammlung statt. Der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates Guido Kopp verliest die Forderungen des VSR. Durch eine sich anschließende Demonstration werden diese durchgesetzt. Zentraler Punkt ist die Absetzung des Bürgermeisters Hofrat Wüst sowie des Regierungsrates und Bezirksamtschefs Baur. Die Amtsgeschäfte übernimmt der Arbeitersekretar Karl Göpfert. Heinrich Geistaller wird Stadtkommandant, assistiert von Sergeant Rheintaler, der beginnt, eine „Republikanische Schutztruppe“ aufzubauen. Der Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ ruft per Anzeige „alle arbeitslosen Gewerkschaftskollegen und Parteimitglieder bis zum 35. Jahre“ zu den Waffen. Über die Rosenheimer Zeitungen wird eine Zensur verhängt.

          22.02.1919 In München trifft die Nachricht von der Ausrufung einer sozialistischen Räterepublik in Ungarn unter Bela Kun ein. Dies gibt der Rätebewegung in Bayern neuen Auftrieb.

          23.02.1919 Vom Vorsitzenden der KPD Redenfelden-Neubeuern wird im Anschluss an eine Arbeiterdemonstration die Absetzung des Örtlichen Volksrates und die Einsetzung eines Arbeiterrates gefordert und durchgesetzt. Ein Großteil der Arbeiter der Redenfeldener Fabrik gehört der KPD an.

          26.02.1919 Ministerpräsident Kurt Eisner wird in München beigesetzt. 100.000 Menschen folgen seinem Sarg. Die Trauerrede hält Gustav Landauer.

          26.02.1919 In Kolbermoor und Rosenheim finden am Tag der Beerdigung von Ministerpräsident Kurt Eisner große Trauerfeiern statt. Die Geschäfte, Schulen und Betriebe bleiben im ganzen Land geschlossen. In allen Kirchen läuten die Glocken eine halbe Stunde lang. Trauerbeflaggung ist angeordnet.

          06.03.1919 Versammlung der „Arbeiter- und Bauernräte“ der Distrikte Rosenheim und Prien. Es sind 158 bevollmächtigte Vertreter von Räte-Organisationen aus 54 Gemeinden erschienen.

          07.03.1919 Der Landtag tritt zusammen und wählt den ehemaligen Kultusminister Johannes Hoffmann zum neuen Ministerpräsidenten.

          08.03.1919 Gründung des „Bezirksbauern- und Arbeiterrates“ Rosenheim. Die Aufgabe des Bauernrates ist es, für die Ablieferung der Lebensmittel zu sorgen. Zwischen dem Volksrat, dominiert von MSPD-Mitgliedern und Gewerkschaftsfunktionären, und den revolutionären Anhängern des Soldatenrates unter der Führung von Guido Kopp kommt es zu Differenzen und dem vergeblichen Versuch Göpferts, den Soldatenrat aufzulösen.

          11.03.1919 Der Kolbermoorer Volksrat verhindert die Ausweisung von Frau Maria Saffert nach Böhmen. Ein Tanzkurs wird zugelassen. Der Volksrat wendet sich gegen die Ausbeutung von Lehrlingen. Kundenkarten für Lebensmittel werden eingeführt.

          15.03.1919 Die Ortsgruppe der KPD Kolbermoor hat bereits 600 Mitglieder.

          15.03.1919 Georg Schuhmann, der Kolbermoorer Volksratvorsitzende, nimmt auf Grund seines hohen Ansehens als gewählter Delegierter an der Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in Bad Aibling statt. Der Kolbermoorer Volksrat beschließt: „Beim Forstamt Rosenheim ist anzuregen, daß die Staatsfilze nicht mehr wie bisher an Filzeneigentümer, Torfhändler u. solche Personen verpachtet wird, welche die Filze nur ausbeuten, sondern daß dieselbe in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung verpachtet werde.“

          17.03.1919 Der Bayerische Landtag wählt den pfälzischen MSPD-Abgeordneten Johannes Hoffmann zum Ministerpräsidenten.

          21.03.1919 In Kolbermoor erhalten die Kriegsinvaliden je 100 DM vom Volksrat zugesprochen. Das soziale Engagement des Volksrates weitet sich immer mehr aus.

          25.03.1919 Der Kolbermoorer Volksrat fordert zur Bekämpfung der Wohnungsnot, leerstehende Wohnungen zu beschlagnahmen.

          26.03.1919 Georg Schuhmann nimmt als Delegierter an der Tagung des Bezirksbauern- und -arbeiterrates Aibling teil, zu dessen Vorsitzenden er in dieser Sitzung gewählt wird.

          27.03.1919 Das Gesuch des italienischen Staatsangehörigen Biemonte um Einbürgerung wird vom Kolbermoorer Volksrat genehmigt.

          28.03.1919 Der Rosenheimer Anzeiger berichtet, „daß ein Großteil der Arbeiter der Redenfeldener Fabrik der KP angehört“.

          03.04.1919 Mitglieder des Augsburger Arbeiterrats sprechen sich im Beisein von Ernst Niekisch für die sofortige Ausrufung einer Räterepublik aus.

          05.04.1919 Münchner Kommunisten und die Führer des Rosenheimer „Arbeiter- und Soldatenrates“ treten auf einer Versammlung auf der Loretowiese für die Ausrufung der Räterepublik ein.

          06.04.1919 Guido Kopp lässt im Einvernehmen mit Göpfert und Langenegger in Rosenheim 30 Geiseln aus der Bürgerschaft (vorwiegend Geschäftsleute) als Schutzpfand nehmen und ins Gefängnis bringen. Für jeden angegriffenen Revolutionär werde man 10 Geiseln erschießen.

          07.04.1919 In der Nacht zum 7.4. wird in München im Zuge der „dritten Revolution“ vom Zentralrat und Revolutionärem Arbeiterrat die 1.„Räterepublik Baiern“ („Schein-Räterepublik“ von Eugen Leviné, KPD, genannt) ausgerufen und damit die Regierung Hoffmann abgesetzt. An der Spitze der neuen Räterepublik stehen Ernst Toller (linker Flügel USPD, Vorsitzender des Zentralrats), Erich Mühsam und Gustav Landauer. Der Zentralrat ist das Exekutivorgan der Räterepublik. Regiert wird mit „Volksbeauftragten“. Landauer führt in der Folgezeit die Einheitsschule für alle Schüler vom 7. bis zum 13. Lebensjahr ein. Die Prügelstrafe wird abgeschafft und ebenfalls der Zölibat für Lehrerinnen. Das Kabinett Hoffmann flieht am 7.4. von München nach Bamberg.

          07.04.1919 Der Revolutionsausschuss in Rosenheim ruft zum Generalstreik auf. Es wird das Standrecht verhängt. Der radikalere Kopp wird von einer Volksversammlung anstelle des gemäßigten Göpfert (MSPD) zum Bürgermeister ausgerufen. Die Forderung lässt sich aber nicht durchsetzen. Die Zahl der Geiseln wird auf zehn herabgesetzt. Kopp ruft die Räterepublik aus.

          08.04.1919 Ausrufung der Räterepublik auch in Rosenheim, Rhedenfelden, Endorf und Bad Aibling.

          12.04.1919 Reichspräsident Ebert (MSPD) fordert Ministerpräsident Hoffmann auf „die Wiederherstellung des früheren Zustandes in Bayern“ zu erreichen. Er spricht von der Notwendigkeit eines militärischen Vorgehens.

          13.04.1919 Am Palmsonntag (Palmsonntagsputsch) stürzen in München unter Alfred Seyffertitz mit Billigung der Bamberger Regierung Teile der regierungstreuen Republikanischen Schutztruppe in einem Handstreich die Räterepublik. Aber noch am gleichen Tag gelingt es Rotgardisten wieder die Übermacht über die Schutztruppe zu gewinnen. Arbeitermilizen unter Leitung des kommunistischen Matrosen Rudolf Eglhofer und des anarchistischen Schriftstellers Kurt Sontheimer sind bei einem fünfstündigen Gefecht am Bahnhof erfolgreich. Es gibt mehr als zwei Dutzend Tote und über 100 Verletzte. Am Abend wird im Hofbräuhaus der Provisorische revolutionäre Zentralrat für abgesetzt erklärt und die Kommunistische Räterepublik (4. Revolution) ausgerufen. Die gesetzgebende und vollziehende Gewalt wird an einen Aktionsausschuss aus 15 Personen übertragen. An der Spitze steht ein „Vollzugsrat“, bestgehend aus vier Personen, mit Eugen Leviné als Vorsitzendem. Die „vierte Revolution“ ist vollzogen. Die Aufstellung einer Roten Armee beginnt. Der Oberkammandierende der Roten Armee, der Matrose Rudolf Eglhofer wurde neben Leviné zur zentralen Figur der kommunistischen Regierung.

          13.04.1919 Als Reaktion auf den Palmsonntagsputsch in München verhängt Kopp in Rosenheim den Belagerungszustand und das Standrecht. Da es heißt, gegenrevolutionäre Weiße Garden seien aus München im Anmarsch, verschanzt sich Kopp mit den Roten Garden im Quartier des Soldatenrates im „Bräu am Anger“. Die Rosenheimer Bürger versuchen mit Unterstützung von Karl Göpfert ebenfalls einen Putsch, um die Räteherrschaft zu stürzen. Eine Menschenmenge unter Führung von Rudolf Kanzler (Zentrumspartei) stürmt das Haus und schleppt Kopp und weitere Geiseln ins Gefängnis. Bürgermeister Göpfert stellt sich sofort auf die Seite der Sieger und wirbt mit Plakaten für die Regierung Hoffmann.

          14.04.1919 Nach dem gescheiterten Palmsonntagsputsch bittet Ministerpräsident Hoffmann um die Hilfe der Reichsregierung. Er wendet sich an seinen Amtskollegen Scheidemann in Berlin. Die Regierung Hoffmann kündigt den Einsatz von Freikorpseinheiten gegen die Räterepublik an.

          14.04.1919 120-150 Mitglieder der „Roten Garde“ werden von München nach Rosenheim geschickt, um dort die Herrschaft der Räteregierung wieder herzustellen. In Kolbermoor stoßen 80 bewaffnete Arbeiter dazu. In Rosenheim wird eine „Volkswehr Rosenheim“ aufgestellt. Es gelingt aber den Roten, den Putsch niederzuschlagen und nach erbitterten Feuergefechten Rosenheim wieder einzunehmen. Die Kämpfe forderten insgesamt fünf Tote und mehrere Verwundete. Die Räte werden aus dem Gefängnis befreit, die Räteherrschaft wird erneut ausgerufen.

          15.04.1919 In München läuten die Sturmglocken. Die „weißen“ Garden sind in Anmarsch. Egelhofer lässt am nordwestlichen Stadtrand eine improvisierte Schützenlinie bilden. Die Rote Garde zählt an die 1000 Mann. Nach heftigem Feuergefecht geht die Rote Garde zum Sturm vor und wirft den Gegner bis nach Karlsfeld zurück. Die „Weißen“ ziehen sich fluchtartig nach Dachau zurück.

          15.04.1919 Der „revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat“ in Rosenheim verlangt für die „Hinterbliebenen der meuchlings erschossenen Familienväter sowie für Verpflegung der revolutionären Truppen und für die von bürgerlicher Seite verübten gemeinen Plünderungen eine Kontribution von 85.000 Mark.“ Diese wird auch erbracht. Rätetruppen führen zahlreiche Requirierungen durch.

          16.04.1919 Reichswehrminister Noske wird von Reichsministerpräsident Scheidemann beauftragt, die Räterepublik München niederzuschlagen. Die Regelung der Verhältnisse in Bayern liegt jetzt vollständig in der Hand der Reichsregierung. Bei Dachau gelingt es Einheiten der Roten Armee unter dem Kommando Ernst Tollers, die in Dachau stehenden Freikorpsverbände zu schlagen und sie zunächst zum Rückzug zu zwingen.

          17.04.1919 Reichswehrminister Gustav Noske beschließt den Einsatz von Reichswehrverbänden gegen München. 35.000 Reichswehrsoldaten rücken gegen München vor. Die Leitung der Operationen übertrug er dem früheren preußischen Generalleutnant Ernst von Owen. Dabei war auch der berüchtigte frühere bayerische Offizier Franz von Epp.

          18.04.1919 Das Ministerium in München gestattet die Bildung von Freikorps. Der Rosenheimer Obergeometer Rudolf Kanzler bildet das Freicorps Chiemgau. Nach der Einnahme von Kolbermoor führte Kanzler nach eigenen Aussagen „Säuberungsaktionen“ in Rhedenfelden, Endorf, Heufeld, Aibling, Bruckmühl, Miesbach und anderen Orten durch.

          20.04.1919 Augsburg musste vor den anrückenden weißen Truppen kapitulieren.

          22.0.4.1919 Die Bewaffnung der Münchner Arbeiter ist abgeschlossen.

          26.04.1919 Ein Kommando der Roten Armee verhaftet in München etwa 20 Personen aus dem Umfeld der völkischen Thule-Gesellschaft im Hotel Vierjahreszeiten, dem zentralen Sitz der Thule-Gesellschaft.

          27.04.1919 Eine Mehrheit der Münchner Betriebsräte spricht dem Vollzugsrat das Misstrauen aus und zwingt ihn zum Rücktritt. Im neuen Aktionsausschuss sind die Kommunisten nicht mehr vertreten. Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Dieser besteht auf einer bedingungslosen Kapitulation der Räterepublik. Die Rote Garde fordert die Ausstattung des Oberkommandos der Roten Armee mit allen Vollmachten, „um den erfolgreichen Kampf gegen die weiße Garde und besonders gegen die innere Reaktion führen zu können“. Ernst Toller legt seinen Posten als Truppenkommandant nieder.

          29.04.1919 Rücktritt des 2. Kolbermoorer Volksrates mit der Feststellung, „ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich“.

          29.04.1919 Dachau fällt.

          30.04.1919 München wird von den Weißen Garden eingeschlossen. Den Regierungstruppen gelingt der Durchbruch. Die Verteidiger ziehen sich ins Zentrum von München zurück.

          30.04.1919 Wahl des 3. Kolbermoorer Volksrates, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nennt. Vorsitzender ist erneut Georg Schuhmann (jetzt KPD). Alle sechs Mitglieder sind Mitglieder der KPD.

          30.04.1919 Es dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich unbeteiligte nach München. So wird bei Starnberg eine Arbeiter-Sanitäter-Kolonne einfach niedergeschossen. Der Oberkommandant der Roten Armee Rudolf Eglshofer lässt daraufhin die im Luitpoldgymnasium festgesetzten Geiseln, die Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren, erschießen. Dass die Thule-Gesellschaft den demokratischen Staat beseitigen und durch eine völkische Diktatur ersetzen möchte, ist in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt.

          01.05 / 02.05.1919 Regierungstruppen und Freikorps und ein württembergisches Gruppenkammando erreichen München. Eines der Freikorps ist das Freikorps Oberland, gegründet von Thule-Führer Rudolf von Sebottendorff. Der aus ihm hervorgehende Bund Oberland wird ab 1921 den Kern der SA in Bayern bilden. Dazu kommt das Freikorps Epp, dessen Führer Fran Xaver Ritter von Epp während des Dritten Reiches nationalsozialistischer Reichsstatthalter in Bayern ist. Der neu gegründete Aktionsausschuss schickt angesichts der Übermacht noch einmal ein Verhandlungsangebot an Johannes Hoffmann. Doch dieser lehnt ab und will die bedingungslose Kapitulation. So beginnen die brutalen Straßenkämpfe. Besonders stark ist der Widerstand in den Arbeitervierteln Giesing, Haidhausen, Sendling und rund um den Schlachthof. Auch um den Hauptbahnhof wird heftig gekämpft. Freikorpssoldaten gehen mit rücksichtsloser Brutalität gegen das Proletariat vor. Sie treffen insgesamt auf viel größeren Widerstand, als sie erwartet hatten. Bis zum Nachmittag des 2. Mai dauern die Kämpfe an. Die meisten Toten der Maitage sind Zivilisten. Auch 52 ehemalige kriegsgefangene Russen aus dem Lager Puchheim, die in der Roten Armee gekämpft hatten, werden ermordet. Zur gleichen Zeit nehmen Regierungstruppen, Freikorps und Volkswehren Rosenheim kampflos ein. Kopp lässt am 1. Mai in der Früh Waffen und Munition nach Kolbermoor schaffen und zieht sich selbst dorthin zurück.

          02.05.1919 Kolbermoor ist vollständig eingekreist, Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung werden getroffen. Es formieren sich am Rathausplatz drei Züge: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern, einer aus Männern der Arbeiterwehr.

          02.05.1919 Gustav Landauer wird im Gefängnis von Stadelheim von Freikorpssoldaten auf bestialische Weise umgebracht.

          03.05.1919 Die Weißen haben München vollständig unter ihrer Kontrolle. Rudolf Eglhofer, der Führer der Roten Armee, wird nach schweren Misshandlungen erschossen. Eine ganze Woche lang tobt blindwütiger Terror in München. Hunderte von Erschießungen werden willkürlich vorgenommen. Zwei Drittel der ums Leben gekommenen Personen sind Zivilisten. Über 2200 Unterstützer der Räterepublik werden von Standgerichten zum Tode oder zu Haftstrafen verurteilt.

          03.05.1919 In Kolbermoor wird das weitere Vorgehen diskutiert. Es bilden sich drei Verteidigungsgruppen, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Die Stimmung, vor allem seitens der Arbeiterinnen, ist der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt. Aber die militärische Überlegenheit der Weißen ist erdrückend. Gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Allein für die Freikorps werden aus den Beständen des Heeres 9000 Gewehre, 350 leichte Minen, 4500 Handgranaten und 76 Maschinengewehre samt Munition zur Verfügung gestellt. In den Quellen heißt es: „Es bedurfte dringenden Ersuchens der Vorsitzenden des revolutionären Arbeiterrates, bis man sich der Einsicht in die Ausweglosigkeit der Lage und die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes beugte“. Schuhmann tritt schließlich in Verhandlungen mit Oberst Mieg als dem Vertreter der Freikorps. Die Übergabebedingungen werden festgelegt und Kolbermoor wird militärisch besetzt.

          03.05.1919 Zwei Panzerzüge kommen aus Rosenheim nach Kolbermoor mit Angehörigen der Volkswehr Straubing. Die Feindseligkeit der Bevölkerung ist so groß, dass diese sich nicht trauen in den Bahnhof einzufahren. Die Truppe muss im Zug übernachten. Auch die Angehörigen des Freikorps Grafing halten eine Einquartierung im Ort für zu gefährlich und bleiben in einem Bauernhof, 100 Meter entfernt vom Ort. In Kolbermoor kann in Ermangelung „zuverlässiger Personen“ keine Ortswehr gegründet werden.

          03.05.1919 Nach Rosenheim ist Kolbermoor die letzte rote Bastion in ganz Bayern, die zerschlagen wird. Im Wartesaal des Bahnhofs wird ein Standgericht eingerichtet. Die Gefangenen werden nach Straubing verfrachtet, die Minderbelasteten verprügelt. Sämtliche männliche Einwohner über 16 Jahren haben sich zur Verhaftung zu stellen. Zwar ist die Revolution niedergeschlagen, sie spielt aber für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor eine ganz wichtige Rolle. Hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent gegen die nationalsozialistische Ideologie machen sollte.

          03.05.1919 Das Ende der Räterepublik ist gekommen. Die einzige, winzige Chance der Räterepublikaner hätte in einem Aufstand der Arbeiter in ganz Deutschland bestanden, die dem Beispiel der Münchner Revolutionäre folgend, die Reichstruppen in so schwere Kämpfe verwickelt hätten, dass es diesen unmöglich geworden wäre, Hoffmann zu Hilfe zu kommen. So blieb den Räterepublikanern nichts andres übrig, als die letzten Bastionen der Revolution zu verteidigen. Im Angesicht des Blutbades von München sah Schuhmann keinen Sinn mehr, Kolbermoor mit Waffen zu verteidigen.

          04.05.1919 Georg Schuhmann und sein Schreiber Alois Lahn werden morgens um neun Uhr von einer Gruppe des Freikorps Grafing aus ihren Wohnungen gezerrt. Sie werden beide schwer misshandelt und von den Grafinger Weißgardisten Georg Schneider und Johann Rusch bei der Unterführung zum Tonwerk ermordet. Der Kolbermoorer Arbeiterführer war in der Bevölkerung auf Grund seines enormen Einsatzes für die Menschen sehr verankert. Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung, als sie von seiner Ermordung erfuhr. Der Friedhof war schwarz von Menschen. Ein Trauerzug war verboten worden. Maschinengewehre waren beim Friedhof in Stellung gebracht, weil man Ausschreitungen befürchtete. Georg Schuhmann wurde gemeinsam mit seinem Sekretär, dem erst 18-jährigen Alois Lahn beerdigt.

          05.05.1919 Über Kolbermoor wird das Standrecht verhängt.

          06.05.1919 Ortskommandant von Kolbermoor wird Hauptm .d .R. Dr. Benno Kreuter, Kommandant der derzeit in Kolbermoor liegenden Truppe Komp. Führer Seidel.

          06.05.1919 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins St.Joseph werden in München im wahrsten Sinne des Wortes massakriert.

          08.05.1919. Ministerpräsident Hoffmann bedankt sich bei Generalleutnant von Owen für die erhaltene Hilfe.

          13.05.1919 Eugen Leviné, Vorsitzender des Vollzugsrates der kommunistischen Räterepublik, verhaftet.

          22.05.1919 Der „Anzeiger von Kolbermoor“ schreibt über die Verbitterung und den Hass der Kolbermoorer Bevölkerung: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreiung? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen.“

          31.05.1919 Im Wochenbericht des Bezirksamtes wird die Stärke der Kommunisten in Kolbermoor noch immer auf etwa 900 geschätzt. Man vermutet, dass mehrere tausend Gewehre und einige Maschinengewehre für einen eventuellen Putsch verborgen gehalten würden.

          05.06.1919 Eugen Leviné wird in München-Stadelheim hingerichtet.

          25.06.1919 Der Vater von Alois Lahn (Kolbermoor) wendet sich an das Kriegsministerium mit dem Ersuchen, die Umstände der Ermordung seines Sohnes aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen, da nichts in dieser Hinsicht geschah.

          19.07.1919 Der Kolbermoorer Bürgermeister Unsin (MSPD) gibt einen Bericht an die Nachrichten-Abteilung des Wehrregimentes mit einer Liste derjenigen Personen, die während der Rätezeit auf spartakistischer Seite gestanden waren – selbstverständlich „streng vertraulich“.

          17.09.1919 Der Vater von Alois Lahn schildert im „Kolbermoorer Anzeiger“ ausführlich, wie der Überfall auf seinen Sohn vonstatten ging und fordert auf, die Mörder zu finden und vor Gericht zu stellen.

          26.07.1919 Guido Kopp, der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates und Bürgermeister von Rosenheim, wird zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Straubing verbüßt. Er darf danach nicht mehr nach Rosenheim zurück, wird ausgewiesen und lebt in Wien, Prag und Barcelona und kämpft mit im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 kehrt er nach Österreich zurück, wird an die Gestapo ausgeliefert und ins KZ Dachau und später Buchenwald eingeliefert, wo er 1945 von der Amerikanern befreit wird. Später lebt er in Salzburg, wo er 1971 stirbt.

          31.7.1919 Die Weimarer Reichsverfassung wird durch die Nationalversammlung verabschiedet.

          15.9.1919 Adolf Hitler tritt in die Deutsche Arbeiterpartei ein, die im Februar 1920 in NSDAP umbenannt wird.

          30.12.1919 Die Mörder von Schuhmann und Lahn geben vor Gericht die Erschießung zu. Sie wurden Anfang Januar 1920 freigesprochen. Ihnen habe das Bewusstsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt (!).

          18.04.1920 In Rosenheim wird als erste Ortsgruppe außerhalb von München eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet.

          02.05.1920 Die Ortsgruppe der NSDAP Rosenheim führt ihre erste öffentliche Veranstaltung durch, zu der 150 Personen kommen. Redner: Adolf Hitler. Bis zum Jahresende redet er noch vier Mal in Rosenheim. Ende des Jahres hatte die Ortsgruppe bereits 260 Mitglieder.

          08.04.1921 Ludwig Thoma schreibt im „Miesbacher Anzeiger“: „In München haben wir mit der Hinrichtung des Eisner den Nachweis geliefert, dass es uns nicht an Temperament fehlt. Die Berliner werden auch dankbar anerkennen müssen, dass wir ihnen den Landauer durchgetan haben. Immerhin waren dieses nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir gelobt haben für den Fall, dass sich die Beschnittenen bei uns noch einmal lausig machen. Dann geht´s aus den Vollen.“

          29.7.1921 Hitler übernimmt den Vorsitz in der NSDAP.

          09.11.1923 Adolf Hitler putscht in München. Dieser Putsch wird später von der nationalsozialistischen Propaganda zum Heldenmythos verklärt. Hitler sieht München als „Hauptstadt der Bewegung“.

          24.4.1932 In Bayern finden die letzten freien Landtagswahlen statt. Die NSDAP wird nach Bayerischen Volkspartei mit 43 Sitzen die zweitstärkste Kraft.

          31.7.1932 Bei den Reichstagswahlen wird die NSDAP stärkste Kraft – auch in Bayern.

          28.4.1933 Das Landesermächtigungsgesetz setzt die Verfassung des Freistaates Bayern außer Kraft. Der Weg in den Untergang hat begonnen.

          22.3.1933 in Dachau wird das erste Konzentrationslager eröffnet.

          10.07.1934 Erich Mühsam wird im KZ Oranienburg zu Tode gefoltert. Wegen seiner Mitwirkung an der ersten Räterepublik war Mühsam zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt worden. 1924 wurde er begnadigt. Am 28. Februar 1933 wurde er von den Nazis erneut verhaftet.

          22.05.1939 Ernst Toller nimmt sich in New York das Leben.

          07.02.1947 Die Alpenstraße in Kolbermoor wird in Schuhmannstraße umbenannt. Dazu heißt es im einstimmigen Beschluss (SPD 7, CSU 6, KPD 2) des Gemeinderates: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“

          04.05.1999 Aufstellung einer Gedenktafel in Kolbermoor für Georg Schuhmann und Alois Lahn, Historischer Rundgang auf den Spuren von Schuhmann und Lahn anlässlich des 80sten Jahrestages von deren Ermordung.

          Errungenschaften der Räterepublik

          Die Räterepublik wurde zwar blutig niedergeschlagen, aber vieles wurde damals erreicht, was bis in unsere heutige Zeit hinein nachwirkt.

          • Beseitigung der Monarchie
          • Wahlrecht für Frauen
          • Einführung des Achtstundentages
          • Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht
          • weitgehende Befreiung des Kulturlebens und der Medien von staatlicher Aufsicht und Zensur
          • Prügelstrafe an Schulen wird verboten
          • Zölibat für Lehrerinnen wird aufgehoben
          • erstmalig Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe
          • Ministerium für soziale Fürsorge, Sozialstaatsgedanke erstmals im Verwaltungsbau verankert
          • Ansätze der Koedukation
          • Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels
          • Anerkennung des Koalitions- und Streikrechts der Staatsarbeiter
          • Ende des landesherrlichen Kirchenregiments für den Protestantismus
          • Ende der staatlichen Kirchenhoheit (Diese sah die staatliche Zulassung von Kirchen- und Religionsgemeinschaften ebenso vor wie die staatliche Aufsicht über die Kirchen)

          In manchem waren die Räte auch unserer Zeit voraus

          • völlige Umgestaltung der Schule
          • aus autoritärer Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht (da fehlt es bei uns noch erheblich)
          • Sport und Kunst sollen eine größere Bedeutung bekommen
          • Einführung der Einheitsschule für alle Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr
          • danach zweijährige praktische Ausbildung an einer Fortbildungsschule oder Weiterbildung auf einer Mittelschule

          Literatur

          Barck, Otto, Räterepublik im bayerischen Oberland. Deutsche Kommunistische Partei – Kreis München, München 2002

          Baumgärtner, Raimund, Die Revolutions- und Inflationszeit in Rosenheim, in: Rosenheim in den 20er Jahren, Ausstellungskatalog, S.11-16, Rosenheim 1986

          Günther, Egon, Bayerische Enziane, Hamburg 2005

          Haffner, Sebastian, Der Verrat. 1918/1919 – als Deutschland wurde, wie es ist, München 1994

          Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kap.6., Berlin 1967

          Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträt einer Revolution, Düsseldorf 2008

          Kögl, Otto, Revolutionskämpfe im südbayerischen Raum, Rosenheim 1969

          Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

          Münchner Räterepublik, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_R%C3%A4Terepublik

          Rittenauer, Daniel, Haus der Bayerischen Geschichte – Revolution in Bayern 1918/19, https://www.hdbg.eu/revolution/web/revolution.php/gemeinde/detail/ags/9163000

          Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

          Stäbler, Wolfgang, Rosenheim von 1918 bis 1933, in: Rosenheim. Geschichte und Kultur, S. 351 – 356, Rosenheim 2010

          Stadtarchiv Rosenheim, Revolution – Sturm auf das Rosenheimer Rathaus, www.stadtarchiv.de/stadtgeschichte/rosenheim-im-20-jahrhundert/1910-1919/revolution/

          Ullrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

          Andreas Salomon, 2017

          1918 – 2018: 100 Jahre Novemberrevolution | 100 Jahre Räterepublik

          Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2017 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung

          Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben“ (Ernst Toller 1893-1939)

          Vorwort

          Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu der heutigen Veranstaltung und danke attac sowie allen anderen Mitveranstaltern, dass ich heute zur Räterepublik sprechen darf. Ich denke, das „Z“ ist genau der richtige Ort in Rosenheim, um revolutionäre Geschichte aufzuarbeiten und deren Bedeutung für uns heute sichtbar zu machen. Im kommenden Jahr ist die Novemberrevolution, die vom November 1918 bis zum Mai 1919 dauerte, 100 Jahre her und das ist, historisch betrachtet, eine kurze Zeitspanne, aber dennoch Ich fällt es uns schwer, sich vorzustellen, dass rote Fahnen von den Türmen der Münchner Frauenkirche herunterhingen, als mit dem Ende der bayerischen Monarchie nach 738 Jahren Herrschaft der Wittelsbacher eine neue Zeit angebrochen war. Bei Nacht und Nebel war der bayerische König Ludwig III nach Schloss Wildenwart geflüchtet, wobei sich die Flucht noch verzögerte, weil sein Chauffeur keinerlei Veranlassung mehr sah, für seinen König jetzt noch einen einzigen Finger krumm zu machen.

          Angriffe der Nazis auf die Gedenktafel in Kolbermoor

          Wie lebendig die Räterepublik in unserer Region auch heute noch ist, konnte man in den letzten Jahren weniger daran sehen, wie sehr sie innerhalb der Linken diskutiert wurde, sondern eher daran, dass sie innerhalb der Rechten immer noch Hass und blindwütige aggressive Attacken auslöst. Ich spreche von den vier Angriffen auf das Denkmal in Kolbermoor, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Rosenheim, 1999 für den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn aufgestellt hat. Erschreckend ist dabei auch, dass sich die Zerstörungswut der Nazis immer mehr steigerte und auch die Mittel wurden aufwendiger, die dabei eingesetzt wurden.

          Die erste Tafel, die aus Kunststoff bestand, wurde nach kaum einem Jahr mit blauer Farbe völlig zugesprüht und damit unbrauchbar gemacht.

          Drei Jahre später erfolgte dann eine weitere Attacke. Diesmal ein Säureanschlag auf die neue Gedenktafel.

          Zwischen dem zweiten und dritten Angriff ereignete sich 2009 eine üble Provokation während eines Rundganges, den ich in Kolbermoor auf den Spuren der Räterepublik durchführte. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns damals auf die Provokation nicht ein. So mussten sie sich eine Stunde lang über die Kolbermoorer Rätezeit informieren lassen. In dem Auto, in das sie anschließend einstiegen, lagen Naziflugblätter.

          Und dann kam der nächste, der dritte Anschlag 2015. „Noske, do it again!“ und zwei Hakenkreuze waren mit Riesenbuchstaben auf die Tafel gesprüht. Die Botschaft war eindeutig. Als es um die Niederschlagung der Revolution 1918/19 ging, war es allen voran der Reichswehrminister Gustav Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund sein, ich scheue die Verantwortung nicht“, hatte der SPD-Minister damals gesagt. Wenn also die Nazis auf die Gedenktafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun, so ist das eine unmissverständliche Aufforderung, dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und uns für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

          Und dann kam 2015 der vierte, der letzte Anschlag auf diese Tafel, der deutlich eine neue Qualität aufwies. Jetzt ging es nicht nur darum, die verhasste Schrift unlesbar zu machen, sondern darum, die gesamte massive Tafel zu zerstören. Mit einem schweren Vorschlaghammer wurde die äußerst stabile Marmortafel zertrümmert, um das Denkmal endgültig zu beseitigen. Wir haben es aber bis jetzt so stehen lassen, denn die Schrift ist noch lesbar und so kann jeder sehen, was passiert ist. Zum 100. Jubiläum werden wir allerdings am 11.11.2018, dem Tag der Gründung des 1. Volksrates in Kolbermoor, eine neue Tafel aufstellen. Auf einem Zementfundament wird ein großer Nagelfluhquader liegen und auf diesem die Tafel errichtet werden, deren Schrift gelasert wird. Die Erinnerung an die Revolution lassen wir uns nicht nehmen und das ist auch der Sinn der heutigen Veranstaltung.

          Kriegsmüdigkeit und „Dolchstoßlegende“

          Um aber die Kolbermoorer Rätezeit und auch die in Rosenheim sowie die Münchner Räterepublik besser verstehen zu können, muss der historische Rahmen, in den alles eingebettet ist, nämlich die Novemberrevolution, betrachtet werden. Dazu ist ein Blick auf die politische Situation im Deutschen Reich des Jahres 1918 zu werfen. Vier Jahre schon dauert der äußerst brutale 1. Weltkrieg. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung auch in Bayern ist spätestens nach den verlustreichen Schlachten um Verdun nichts mehr übrig geblieben. Das deutsche Heer ist kriegsmüde, die Soldaten und auch die Bevölkerung sehnen den Frieden herbei. Zudem hat man mit großer Aufmerksamkeit die revolutionären Ereignisse im Oktober 1917 in Russland verfolgt und gesehen, dass ein gesellschaftlicher Umsturz machbar ist.

          Am 28. Januar 1918 beginnt dann in Berlin ein großer Streik von 400.000 Arbeitern, der eine Woche dauert und an dem über eine halbe Million Menschen teilnehmen. Schon hier wählten die Delegierten der Berliner Betriebe einen „Arbeiterrat“. Demonstrationen in vielen anderen Städten wie in Nürnberg folgen. Die Streikenden fordern, dass sofort Friedensverhandlungen aufgenommen werden sowie die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Reaktion der Regierung war: Die streikenden Betriebe wurden unter militärische Leitung gestellt, Versammlungen und Demonstrationen verboten, Gewerkschaftshäuser geschlossen, Zeitungen am Erscheinen gehindert und der verschärfte Belagerungszustand verhängt. Die Streikwelle erfasste auch München, wo ein gewisser Kurt Eisner als Streikführer ins Gefängnis kam.

          Unter dem Einfluss der wachsenden Unzufriedenheit in der Industriearbeiterschaft wurden von Seiten der Regierung Reformen in Aussicht gestellt. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten und im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin. Im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen zum Gegner über. In den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Sie wollten nicht mehr an der Westfront für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 versammelte sich die gesamte Führungsspitze des wilhelminischen Deutschlands im Hauptquartier im belgischen Spa, um aus dem Munde Hindenburgs (Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes, Oberste Heeresleitung) und Ludendorffs (Generalmajor, OHL) zu vernehmen, was längst alle wussten, dass der Krieg verloren war. Offiziell hielt man diese Erkenntnis aber fortan geheim.

          Um ihre Haut noch zu retten, strebten die Führungseliten des Kaiserreiches jetzt eine Parlamentarisierung an. Jetzt sollten sogar die Mehrheitssozialdemokraten beteiligt werden. Im Grunde war es aber ein Versuch, die Verantwortung für die bestehende Niederlage auf die Sozialdemokraten und andere demokratische Politiker abzuwälzen. Es entstand die „Dolchstoßlegende“, eine Verschwörungstheorie, die besagte, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle ´vaterlandslose´ Zivilisten aus der Heimat einen ´Dolchstoß von hinten´ erhalten. Nicht die grenzenlose Machtpolitik und die Überschätzung der eigenen Kräfte sowie die sture Blockadepolitik gegen jedwede Reformen habe in den Abgrund geführt, sondern die Front sei geschwächt worden durch die Politik der Sozialdemokraten. Der Versuch des Übergangs zur parlamentarischen Demokratie kam aber zu spät. Die Bemühungen, der Revolution „von unten“ durch eine Reform „von oben“ zuvor zu kommen, scheiterten. Der amerikanische Präsident Wilson drängte auf die Abdankung Wilhelm II, doch dieser hoffte noch darauf, dass der Einsatz der Marine eine Kriegswende herbeiführen könnte. Aber gerade bei der Marine hatten soziale Ungleichheit und militaristische Willkür besonders empörende Auswüchse angenommen. So verweigerten die Matrosen auf den vor Wilhelmshaven ankernden Schlachtschiffen den Befehl zum Auslaufen und lösten dadurch die Novemberrevolution aus.

          Wirtschaftliche Lage Deutschlands

          Während die Matrosen sich weigerten, sich in einem aussichtslosen Krieg noch verheizen zu lassen und damit die Revolution auslösten, sind deren Ursachen darin zu sehen, dass Deutschland sich in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise befand. Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft waren zerrüttet. Die industrielle Gesamtproduktion war gegenüber 1913 auf 57 Prozent zurückgegangen, obwohl die Rüstungsindustrie gewaltig gewachsen war. Große Bereiche der Konsumgüterindustrie und andere für die Versorgung der Bevölkerung wichtige Industriezweige waren weitgehend eingeschränkt oder sogar stillgelegt worden. Die Textilindustrie arbeitete fast nur noch für die Ausrüstung der Armee und war auf 17 Prozent des Vorkriegszustandes gesunken. Überall war die Industrie auf den Krieg ausgerichtet.

          Aber auch die Landwirtschaft lag 1918 um 40 -60 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Sowohl die Anbauflächen und die Hektarerträge der landwirtschaftlichen Kulturen als auch die Viehbestände waren stark zurückgegangen. Die Regierung war unfähig, eine auch nur einigermaßen geregelte Versorgung und Ernährung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 1918 im Verhältnis zum Friedensverbrauch durchschnittlich etwa bei Fleisch nur noch 20 Prozent. So nahm die Lebensmittelkrise katastrophale Ausmaße an. Zudem waren die Preise für Lebensmittel um das Zwei- bis Fünffache, die Preise für Bekleidung und Schuhwerk rund um das Drei- bis Siebenfache gegenüber 1913 gestiegen. Die Reallöhne der Arbeiter lagen aber etwa 25 Prozent unter dem Vorkriegsstand. Die Arbeitszeit war schon seit Anfang 1915 erheblich verlängert worden. Mehr als 60 Prozent der Groß- und Mittelbetriebe der Berliner Rüstungsindustrie hatten die tägliche Arbeitszeit von etwa neun Stunden vor dem Krieg auf zehn bis zwölf Stunden erhöht. Auch sonntags musste regelmäßig bis zu sechs Stunden gearbeitet werden. Hinzu kam auch noch, dass viele Arbeiterfrauen, deren Männer zum Militärdienst eingezogen waren, in die Kriegsindustrie gehen mussten, um für sich und die Familie den Lebensunterhalt zu verdienen. Unter den werktätigen Massen herrschte bittere Not. Hunger und Unterernährung untergruben die Gesundheit der Bevölkerung und Krankheiten und Epidemien forderten viele Opfer. In einer Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung heißt es: „Getrieben von Profitgier und Eroberungssucht hatten die deutschen Imperialisten und Militaristen das deutsche Volk ins Verderben geführt.“

          Entwicklung der Revolution in Deutschland

          In den letzten Tagen des Oktober hatte die revolutionäre Stimmung in Deutschland einen solchen Grad erreicht, dass der Abgeordnete Otto Rühle, der zur SPD und später KPD in Dresden gehörte, in der Reichstagssitzung am 25. Oktober offen zur Absetzung und Bestrafung des Kaisers, zur Revolution und zum Kampf für den Sozialismus aufrufen konnte. Die Führung der Spartakus-Gruppe plante, die Revolution durch einen Generalstreik in Berlin, der in den bewaffneten Aufstand übergehen sollte, einzuleiten. Doch es kam, wie erwähnt, anders. Die deutsche Seekriegsleitung machte den verbrecherischen Versuch, die gesamte deutsche Hochseeflotte, die am 28. Oktober in Wilhelmshaven zusammengezogen worden war, zu einem letzten verzweifelten Kampf gegen die überlegenen britischen Seestreitkräfte einzusetzen. Da meuterten die 80.000 Matrosen. Bereits am kommenden Tag hatte der Aufstand einen großen Teil der Flotte erfasst. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge.

          Um die Situation zu entspannen, entschloss sich die Marineführung, die vor Wilhelmshaven ankernde Flotte auseinanderzuziehen. Das III. Geschwader, das unruhigste von allen, nahm am 31. Oktober Kurs auf Kiel. So konnte sich der Funke der Revolte zum Flächenbrand ausweiten. Denn in keinem anderen Ort waren die Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären Bewegung so günstig wie gerade in der Ostseestadt. Hier waren 50.000 Militärangehörige stationiert. Und hier gab es auf den Großwerften und in den Zulieferbetrieben der Metallindustrie eine vieltausendköpfige radikalisierte Arbeiterschaft.

          Am 1. November 1918 lief das Geschwader im Kieler Hafen ein. Am Nachmittag des 3. November wurde eine Versammlung auf dem großen Exerzierplatz abgehalten, an der 5000 bis 6000 Menschen teilnahmen. Am Ende wurde beschlossen, die Marinearrestanstalt aufzusuchen, um die dort Inhaftierten, die in Wilhelmshaven den Befehl verweigert hatten, zu befreien. Auf dem Marsch dorthin stellte sich den Demonstranten eine Militärpatrouille entgegen, die das Feuer eröffnete. Neun Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Das war die Initialzündung für den Aufstand. Die Offiziere auf den Schiffen wurden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Die Matrosen stürmten eine Kaserne nach der anderen und bemächtigten sich der Waffen und befreiten die gefangenen Matrosen. Am 5. November traten die Kieler Arbeiter in einen Generalstreik. Ein Soldatenrat wurde gebildet, der erste in Deutschland, und kurz darauf auch ein Arbeiterrat. In Kiel waren die Aufständischen vollständig im Besitz der Macht.

          Der Kieler Gouverneur Admiral Wilhelm Souchon hatte sich bereits am 3. November mit der dringlichen Bitte an die Berliner Regierung gewandt, „wenn möglich (einen) hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen.“ Die Mehrheitssozialdemokraten sandten keinen anderen als den wehrpolitischen Experten der Fraktion Gustav Noske. Dieser, weil Sozialdemokrat, wurde von den Matrosen am Kieler Hauptbahnhof begeistert empfangen. Er ließ sich zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählen und dann auch noch zum Gouverneur, um die Entwicklung in Kiel unter seine Kontrolle zu bringen und in geordnete Bahnen zurückzulenken. Doch das Ziel, den „Unruheherd“ an der Ostsee zu isolieren, misslang.

          Von Kiel aus breitete sich die Aufstandsbewegung in wenigen Tagen über ganz Norddeutschland aus. Die Kieler Matrosen waren es, die die Flamme des Aufruhrs nach Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Bremerhaven, Bremen und Hamburg trugen. In Hamburg versammelten sich über 10.000 Menschen und der bewaffnete Aufstand begann. Ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet und am 6. November versammelten sich über 40.000 Arbeiter, Matrosen und Soldaten und bildeten einen riesigen Demonstrationszug. Auch in Hamburg lag die Macht faktisch beim Arbeiter- und Soldatenrat. In vielen anderen Städten geschah ähnliches. Bis zum 8. November waren auch Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Magdeburg, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt a. Main und viele andere mittel- und süddeutsche Städte in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. In München war es, wie noch darzustellen sein wird, inzwischen auch zur Ausrufung der Republik gekommen.

          Berlin war in Alarmstimmung. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert verlangt die sofortige Abdankung des Kaisers. Nur so könne die Revolution noch verhindert werden. Am 9. November kommt es in Berlin zum Generalstreik. Der letzte Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches Prinz Max von Baden verkündet die Abdankung des Kaisers, ohne dass dieser zugestimmt hat. Am 10. November begab sich der Kaiser dann aber doch ins Exil nach Holland. Tags zuvor hatte Philipp Scheidemann (MSPD) vom Balkon des Reichstages die Deutsche Republik ausgerufen und Karl Liebknecht (USPD) vom Balkon des Berliner Schlosses „die freie sozialistische Republik Deutschland“. Hier zeichnete sich bereits die Frontlinie der kommenden Auseinandersetzungen ab. Während Ebert, Scheidemann und ihre Anhänger ein Höchstmaß an Kontinuität des alten Staatsapparates sichern und die Arbeiter – und Soldatenräte so rasch wie möglich ihrer Machtpositionen entkleiden wollten, sahen die Linken um Liebknecht in den Räten die geeigneten Organe für die angestrebte Weiterführung der Revolution im sozialistischen Sinne.

          Eben erwähnte ich die Begriffe MSPD und USPD. Diese müssen hier kurz erläutert werden. Am 4. August 1914 hatte die SPD im Reichstag der Bewilligung der Kriegskredite zugestimmt. Das hatten aber einige nur mit großen Bauchschmerzen getan. Zunehmend entwickelte sich innerhalb der SPD eine Opposition. Seit Frühjahr 1915 gab es praktisch zwei Gruppierungen: Die radikale Linke sammelte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und nannte sich „Gruppe Internationale“ und seit 1916 „Spartakusgruppe“. Der gemäßigte Flügel unter dem Parteivorsitzenden Hugo Haase wollte weiterhin die parlamentarische Bühne nutzen und wurde jetzt MSPD (Mehrheitssozialdemokraten) genannt. Schließlich kam es zur Spaltung. Anfang April 1917 konstituierte sich in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), zu der auch die Spartakusleute gingen. In der USPD sammelten sich jene Kräfte, die gegen eine Weiterführung des Krieges waren und eine Zusammenarbeit mit der Regierung strikt ablehnten. Die KPD gab es noch nicht. Sie wurde erst am 1.1.1919 gegründet, um der sozialistischen Republik Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

          Aber zurück zur Entwicklung der Revolution! Bereits am 10.(!) November, also nur einen Tag später nach der Ausrufung der beiden Republiken, hatte Wilhelm Groener, nach Hindenburg der wichtigste Mann in der Obersten Heeresleitung, über Telefon Kontakt zu Ebert (MSPD) aufgenommen und ihm mitgeteilt, dass das Offizierkorps von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus fordere und dafür zum Einsatz bereit sei. Anstatt dieses Ansinnen entrüstet von sich zu weisen, ging Ebert darauf ein und es kam von da an zu täglichen Besprechungen mit Groener.

          Ohne die Entwicklung jetzt im Einzelnen zu verfolgen, soll noch auf das Ende der Novemberrevolution in Deutschland eingegangen werden, bevor ich zur Münchner Räterepublik komme. In den ersten Monaten des Jahres 1919 gab es in mehreren Gegenden Deutschlands Aufstände, Generalstreiks und Versuche, eine Räterepublik zu gründen. In dieser Phase kam es auch zum Spartakusaufstand, der von Gustav Noske als Volksbeauftragtem für Heer und Marine niedergeschlagen wurde. Anlass war die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) am 4.1.1919 durch den Rat der Volksbeauftragten unter Führung Friedrich Eberts. Am 15. Januar wurden (mit offizieller Billigung, wie man heute weiß) Rosa Luxemburg (KPD) und Karl Liebknecht (KPD) ermordet, die die „Rote Fahne“ herausgaben, und von ihren politischen Gegnern als Hauptfeinde angesehen wurden und schon länger einer ständigen Verfolgung ausgesetzt waren.

          Ende Januar entschied die Reichsregierung, gegen die Bremer Räterepublik gewaltsam vorzugehen. Trotz eines Verhandlungsangebotes der Gegenseite befahl Noske den Freikorpsverbänden, in die Stadt einzumarschieren. Bei den folgenden Kämpfen kamen etwa 400 Menschen ums Leben. Als Reaktion darauf kam es in Berlin, Sachsen, Oberschlesien, im Rheinland und im Ruhrgebiet zu Massenstreiks. Einige davon zielten darauf ab, die Revolution weiterzutreiben, etwa die Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet. In Berlin begann am 4. März ein Generalstreik, zu dem die Arbeiterräte aufgerufen hatten, um die Anerkennung und dauerhafte Etablierung der Räte, eine demokratische Militärreform und Sozialisierungen durchzusetzen. Rund eine Million Beschäftigte beteiligten sich daran und brachten das Wirtschaftsleben und den Verkehr völlig zum Erliegen. Als Militär intervenierte, wurde die Ausdehnung der Streiks auf die Versorgungsbetriebe beschlossen. Reichswehrminister Noske setzte seine Truppen gegen die Streikenden ein. Sie töteten bis zum 16. März mindestens 1200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete sowie völlig Unbeteiligte. Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Am längsten aber hielt sich die Münchner Räterepublik und am allerlängsten bestand die Räterepublik in Kolbermoor, wie zu zeigen sein wird.

          Allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage 1918 in Bayern

          Bezüglich der Revolution in Bayern soll zunächst ein Blick auf die wirtschaftliche und soziale Lage Bayerns im Jahres 1918 geworfen werden.

          Auch in Bayern waren die Lebensbedingungen der Masse der Menschen zunehmend unerträglich geworden. Der Krieg und seine Folgen hatten die gesellschaftlichen Grundlagen der Monarchie untergraben und sozialen Sprengstoff freigesetzt. Die Tage der Monarchie waren gezählt.

          Aus Bayern zogen 910.000 Soldaten 1914 in den Krieg, die meisten von ihnen voller Begeisterung, die aber nicht lange anhalten sollte. Über 400.000 bayerische Frontsoldaten wurden verwundet, 180.000 kehrten nicht mehr zurück. Verbittert sprachen die Bayern von „Kanonenfutter“ für Berlin. Die Einflusslosigkeit des bayerischen Königs Ludwig III auf den deutschen Kaiser und seine preußischen Minister war deutlich zu spüren. Zudem zermürbte die Menschen die Erfahrung des massenhaften Sterbens an den Fronten.

          Aber auch die Zivilbevölkerung litt erheblich. Aufgrund der englischen Seeblockade und mehrerer Missernten kam es zu ernsten Versorgungsengpässen. Nicht nur Arbeiter, sondern auch Angestellte und Beamte mussten eine erhebliche Verschlechterung ihres Lebensstandards hinnehmen. Alle lebensnotwenigen Güter wurden auch in Bayern teurer. Die Reallöhne sanken ebenfalls, gleichzeitig wurden die Arbeitszeiten verlängert – besonders in den Rüstungsbetrieben. Es gab immer mehr „wilde Streiks“, denn die Gewerkschaftsleitungen hatten seit Kriegsbeginn auf alle Arbeitsniederlegungen verzichtet.

          Die Behörden zeigten sich zunehmend auch unfähig, die wenigen Lebensmittel gerecht zu verteilen. Schlangen vor Lebensmittelgeschäften gehörten zum Alltag. Die Stimmung unter den Arbeitern wurde immer gereizter. Es kam zu Hungerrevolten und zu Demonstrationen für „Brot und Frieden“. Rathäuser wurden gestürmt und die Polizei reagierte meist auch noch mit ausgesprochener Härte. Über den ersten großen Hungerkrawall im Juni 1916 auf dem Münchner Marienplatz berichtet als Augenzeuge der Anarchist Erich Mühsam, wie die Polizisten einfach in die Menge ritten und mit Säbeln nach rechts und links auf die Menschen einschlugen. Insgesamt verhungerten während des Krieges eine dreiviertel Million Menschen.

          Mit zunehmender Dauer des Krieges verbanden sich Missstimmung über die materiellen Not und Kriegsmüdigkeit mit sozialer Kritik und politischem Protest. Während der Schleichhandel blühte, landete der größte Teil der auf dem Schwarzmarkt gehandelten Waren in den Vorratskellern der Vermögenden. Die Lebensmittel mussten rationiert werden. Aber auch die Versorgung mit Holz und Kohle gelang nicht mehr. So wuchsen die Zweifel an der bayerischen Obrigkeit. Der Wunsch nach Frieden wurde immer größer.

          Beginn der Revolution in Bayern | 7.11.1918 – 21.2.1919 | 1. Phase der Revolution

          Anfang November wurde dann die Situation als ausgesprochen explosiv empfunden. Am 7. November 1918 veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Um 15 Uhr beginnt die Kundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern Es sprechen an verschiedenen Stellen 12 Redner, unter anderem Erhard Auer, Vorsitzender der bayerischen SPD, der Bauernvertreter Ludwig Gandorfer (USPD) sowie Kurt Eisner. Einige Redner wollen die Leute beruhigen und weisen auf kommende Reformen hin, andere fordern ein sozialistisches Rätesystem. Eisner, der Vorsitzende der USPD, hatte sich mit seinen Anhängern bereits zu Beginn der Kundgebung im Norden der Theresienwiese aufgestellt, um anschließend schnell und möglichst, ohne aufgehalten zu werden, zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden. Dann setzte sich ein Zug der Demonstration Richtung Friedensengel in Bewegung, wo er sich nach einer weiteren Rede auflöste.

          2000 weitere Demonstranten unter Führung von Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer ziehen von einer Kaserne zur anderen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. Bis zum Abend sind alle Kasernen, Ministerien, das Polizeipräsidium, Bahnhof, Post, Telegrafenamt und alle wichtigen Zeitungsreaktionen in der Hand der Revolutionäre. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft. Kurt Eisner wird zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Baiern gewählt und ruft einen Tag später den „Freistaat Baiern“ aus.

          Es soll an dieser Stelle der Frage nachgegangen werden, wer Kurt Eisner, der die erste Phase der Münchner Räterepublik prägte, eigentlich war. Kurt Eisner wird in Berlin am 14. Mai 1867 geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, besaß in Berlin ein Militärbekleidungsgeschäft. Eisner studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete als Journalist. 1897 muss er wegen Majestätsbeleidigung für neun Monate ins Gefängnis. Sieben Jahre war er beim SPD-Organ „Vorwärts“ tätig, später bei anderen Zeitungen. Zunächst stimmte er noch mit seiner Partei für die Bewilligung der Kriegskredite und die Politik des Burgfriedens. Als er sich aber näher mit den Kriegsursachen vertraut machte und die führende Rolle Deutschlands erkannte, wandelte sich seine Position und er wurde zum entschiedenen Kriegsgegner und engagierte sich gegen die Fortführung des Krieges und für einen sofortigen Friedensschluss. Er kommt zu der Überzeugung, dass nur die Revolution den Krieg beenden und einen wirklichen demokratischen Neuanfang gewährleisten kann. Beeinflusst war er in vielem von seinem Freund Gustav Landauer. Eisner verbüßte ab Januar 1918 bis zum Oktober eine Haftstrafe wegen seiner führenden Beteiligung beim großen Munitionsarbeiterstreik der Münchner Arbeiter. Der SPD gelang es, den Streik unter ihre Kontrolle zu bringen und zu beenden. Am 14. Oktober muss Eisner entlassen werden, weil seine Partei (inzwischen die USDP) ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hat. So war es ihm möglich, der gerade drei Wochen in Freiheit ist, bei der großen Demonstration am 7. November diese eben beschriebene bedeutende Rolle zu spielen

          Wenn er den Begriff „Freistaat Bayern“ wählte, dann meinte er damit ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Von beiden Türmen der Frauenkirche hängen wie erwähnt jetzt weithin sichtbar riesige rote Fahnen.

          Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD. Neben Kurt Eisner als Ministerpräsident wird Erhard Auer (SPD) Innenminister, der zum großen Gegenspieler Eisner werden soll. Kultusminister ist Johannes Hofmann, der später bei der Niederschlagung der Räterepublik eine verhängnisvolle Rolle einnehmen wird. Bis zu den ersten freien Wahlen tritt ein provisorischer Nationalrat an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie. Dieser besteht aus Vertretern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes. Erstmalig in Deutschland sitzen jetzt auch Frauen in der Regierung. War zwar die Politik während der Räterepublik im Wesentlichen noch von Männern bestimmt, so gab es auch sehr fortschrittliche Frauen.

          Da über die politische Arbeit der Frauen meistens hinweggesehen wird, sollen jetzt stellvertretend für alle an dieser Stelle Anita Augsburg und Gustava Heymann kurz vorgestellt werden. Anita Augspurg wird am 22.9.1857 in Verden an der Aller geboren. Zu der Zeit leiden die Frauen unter ihrer gesellschaftlich erzwungenen Unmündigkeit. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie höheren Schulen und Universitäten war ihnen genauso verwehrt wie die meisten Berufe. Sie müssen meist unqualifizierte Arbeit leisten und werden schlecht bezahlt. Anita Augspurg kam aus sogenanntem gutem Hause, befreite sich von ihren gesellschaftlichen Zwängen, ging auf ein Lehrerinnenseminar nach Berlin, nimmt Schauspielunterricht und übersiedelt in das liberale München. Dort kommt sie bald in Kontakt mit der dortigen Frauenbewegung. Anita Augspurg hält erste Reden, organisiert Diskussionsabende und verfasst politische Schriften zur Frauenbildung und zum Frauenstimmrecht. Seit 1893 studiert sie in Zürich Jura und promoviert als erste deutsche Juristin. Auf dem ersten „Internationalen Frauenkongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ lernt sie Gustava Heymann kennen, mit der sie fortan politisch eng zusammenarbeitet. Anita Augsburg gehört bald in München dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Frauenbildung, die zivilrechtliche Stellung der Frau und das Frauenwahlrecht werden zu ihren entscheidenden politischen Anliegen. Während des 1. Weltkrieges sind Augspurg und Heymann radikale Pazifistinnen. Ihr Einsatz gilt nun internationalen Frauen-Friedensbewegungen. Am 19. November 1918 findet in München die erste große Frauenversammlung statt. Gustava Heymann fordert die Gründung eines eigenen Frauenrates, der Frauen Zugang zu allen Berufen schaffen soll, denn 40.000 Arbeiterinnen sind aus den Rüstungsbetrieben nach Hause geschickt worden. In den Arbeiter- und Bauernräten sind kaum Frauen vertreten. Frauen leisten aber in allen Phasen der Revolution ihren Beitrag. So kämpfen sie sogar später am Münchner Hauptbahnhof furchtlos an vorderster Front.

          Eisner, der sich zum Sozialismus bekennt, setzt in der kommenden Zeit auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren und letztere kontrollieren. Außerdem haben sie die politische Aufgabe, die Menschen von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die Räte, von denen es in Bayern bald über 7000 gibt, nach den Landtagswahlen auflösen. Eisner nutzt inzwischen die Zeit für bahnbrechende Erneuerungen. So wird das Frauenwahlrecht eingeführt und der Adel abgeschafft. Der Achtstundentag wird eingeführt und die Kündigungsfrist auf vier Wochen ausgeweitet. Am radikalsten sind die Reformen in der Schulpolitik. Unter Eisner büßt die Kirche ihre Herrschaft über die Klassenzimmer ein. Ob die Schüler an, wie Kultusminister Johannes Hoffmann es nennt, „religiösen Übungen“ teilnehmen, bleibt ihnen künftig selbst überlassen. Religion ist Wahlfach geworden und der Schulgottesdienst nicht länger Pflicht. Aber Eisner (USPD) hat in der SPD viele, die ihm nicht folgen wollen. Allen voran ist es der Innenminister Erhard Auer, der eine „Bolschewisierung Bayerns“ unter allen Umständen verhindern will. Er möchte die Räte nach der kommenden Landtagswahl komplett verschwinden lassen. Denn inzwischen (16.-20.12.) gab es in Berlin eine richtungsweisende zentrale Zusammenkunft der Räte (Reichsrätekongress), bei der Mitglieder, die der MSPD angehörten, freiwillig auf ihre Macht verzichtet und für die Auflösung der Räte gestimmt hatten. Eisner wird sich dieser Entscheidung widersetzen. Er will einen „menschlichen Sozialismus“ einführen, in dem Parteiräson und Dogmatismus keinen Platz mehr haben und dazu braucht er die Räte. Auer wird in nächster Zeit sein großer Gegenspieler werden.Deshalb schiebe ich an dieser Stelle einige Informationen über ihn ein.

          Erhard Auer stammt aus sehr ärmlichen Verhältnisse und muss bereits mit 12 die Schule verlassen und in der Landwirtschaft arbeiten. Er leistet seinen Militärdienst ab und findet in der SPD ab 1892 seine politische Heimat. 1907 wird Auer Mitglied des bayerischen Landtages und 1908 Erster Landessekretär der bayerischen SPD, was er bis 1921 bleiben sollte. Auer setzt darauf, die Demokratie auf dem Wege der Reform erreichen zu können. Darum verweigert sich die Münchner SPD den Generalstreikplänen der USPD im Januar 1918. Obwohl die SPD vielen noch immer als die revolutionäre Arbeiterpartei gilt, hat sie längst einen anderen Weg eingeschlagen. So schafft es Auer, die Streiks zu entschärfen und zu beenden. Bei der großen Demonstration am 7.11. sieht sich die SPD gezwungen mitzumachen, denn Auer will die Kontrolle über die Arbeiterschaft nicht verlieren. Am Abend des 7. November macht er dem Innenminister von Brettreich gegenüber sogar deutlich, dass er mit einer gewaltsamen Aktion zur Niederschlagung der Revolution durchaus einverstanden wäre. Als der Innenminister sich dazu nicht imstande sieht, erklärt Auer, sich mit der SPD an der Revolutionsregierung zu beteiligen, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Am kommenden Tag wird er zum Innenminister unter Eisner ernannt und wird in der Folgezeit zu dessen großen Gegenspieler. Auer ist nicht nur ein Gegner der Revolution, sondern auch der Räte. Während sie für die USPD Grundlage des neuen Regierungssystems sind, haben sie für Auer und die SPD allerhöchstens beratende Funktion. Auer will den Einfluss der Räte immer mehr zurückdrängen.

          Während Eisner die demokratische Republik vorantreibt, mobilisiert auch die Rechte. Die Thule-Gesellschaft wurde 1912 gegründet, um im Falle einer jüdischen Machtübernahme die Gegenrevolution zu organisieren. Deren Vorsitzender ist Rudolf von Sebottendorf. Mitglieder sind u.a. Rudolf Heß, Hans Frank, der spätere Generalgouverneur von Polen, und der Chefideologe der späteren Nazis Alfred Rosenberg. Aus ihrem Kampfblatt „Münchner Beobachter“ wird später unter den Nazis der „Völkische Beobachter“ werden. Die Thule-Gesellschaft sorgte dafür, dass aus dem revolutionären Bayern bald die „Ordnungszelle“ Bayern hervorgehen sollte.

          Als es am 12. Januar zur Landtagswahl kommt, gewinnt Eisners USPD nur 2,5 Prozent der Stimmen. Die USPD-Anhänger, von denen fast alle das parlamentarische System ablehnten, waren alle wie die Kommunisten und Anarchisten zu Hause geblieben. Für den 21. Februar wurde der neue Landtag zu seiner konstitutionellen Sitzung einberufen. Kurt Eisner wollte dort seinen Rücktritt erklären. Auf dem Gang dorthin traf ihn die Kugel von Anton Graf Arco auf Valley. Kurz danach stürzt Alois Lindner in den Landtag und schießt auf Erhard Auer, wobei dieser schwer verletzt wird. Lindner ist Mitglied der USPD und hält wie viele Gleichgesinnte Auer für mitschuldig an der Ermordung von Eisners. Überall herrscht großes Entsetzen über den Mord an Eisner. Seine Beerdigung am 26. Februar wurde zu einer Massendemonstration. 100.000 Menschen folgen seinem Sarg zum Ostfriedhof. Eine halbe Stunde lang (von zehn bis halb elf) läuten in ganz Bayern die Kirchenglocken. Gustav Landauer, der Anarchist und enge Freund von Kurt Eisner hält die Trauerrede.

          2. Phase der Revolution: 22. Februar 1918 – 6. April 1919

          Kurz nach der Ermordung Eisners konstituiert sich ein provisorisch regierender Zentralrat der bayerischen Republik. Vorsitzender dieses zentralen Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Augsburger Lehrer Ernst Niekisch (MSPD). Dieser Zentralrat besteht aus Mitgliedern der MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte. Niekisch gehört zum linken Flügel der Partei und ist Anhänger des Rätesystems. Der Generalstreik wird ausgerufen und über München der Belagerungszustand verhängt.

          Auch ein neuer Ministerpräsident wird gewählt. Der Nachfolger von Kurt Eisner wird am 17.3.19 der bisherige Kulturminister Johannes Hoffmann (MSPD), der zwar für gesellschaftliche Veränderungen ist, sich aber als ein Gegner der Revolution erweisen wird.Dieser wurde als Sohn eines armen Bauern geboren. 1903 nimmt er ein Studium der Sozial- und Handelswissenschaften auf. Durch vielerlei Erfahrungen nähert er sich der Sozialdemokratie an. 1908 zieht Hoffmann in den bayerischen Landtag ein und avanciert zum Bildungsexperten der SPD. Er kämpft für Kinderhorte und Kindergärten, für eine Reform der Volksschule und für das Ende der geistlichen Schulaufsicht. Die Bildungshoheit soll auf den Staat übergehen. Der Kampf gegen die Kirche ist Hoffmann ein großes Anliegen. Bereits im Oktober 1918 forderte die Bayern-SPD die Einführung des parlamentarischen Regierungssystems auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie und Hoffmann trug diesen Beschluss mit. Nur weitreichende Reformen seien in der Lange, das Chaos der Revolution zu verhindern. Inzwischen wird die Not auf dem Lande immer größer.

          Im Augsburger Arbeiterrat unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch reifte inzwischen die Erkenntnis, dass die Zeit reif sei für die Ausrufung einer Räterepublik. Am 2. April sprachen sich dessen Mitglieder im Beisein von Niekisch offiziell dafür aus. Die Wiedereröffnung des Landtages wird abgesagt und dieser vom Zentralrat aufgelöst. Der Rücktritt des Ministeriums Hoffmann wird bekanntgegeben. Die Regierung Hoffmann sieht keine andere Möglichkeit als nach Bamberg auszuweichen.

          3. Phase der Revolution: 7. April 1919 – 13. April 1919 | 1. Räterepublik Baiern („Scheinräterepublik“)

          Die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden wird mit Wirkung zum 7. April 1919 ausgerufen neben weiterem Bestehen des Rates der Volksbeauftragten. Bis zum 8. April schlossen sich mit Ausnahme Nürnbergs alle großen Städte Bayerns südlich der Donau, neben Augsburg und Rosenheim auch viele kleinere Städte und Gemeinden, der Räterepublik an. Neuer Vorsitzender des Zentralrats wird Ernst Toller, der im ersten Weltkrieg zum Pazifisten geworden ist und zum linken Flügel der USPD gehört. Ihm zur Seite stehen Gustav Landauer und Erich Mühsam. Es werden zwölf Volksbeauftragte gewählt. Einer davon ist besagter Gustav Landauer, der das Ministerium für Volksaufklärung (Erziehung) übernimmt. Vorausgegangen war ein Streit mit der KPD. Denn diesemit Leviné an der Spitzesprach sich gegen die Proklamation der Räterepublik aus und erinnerte an das Scheitern des Berliner Januaraufstandes. Die Kommunisten hegten zudem größtes Misstrauen gegen eine Räterepublik, deren Träger u.a. die sozialdemokratischen Minister Schneppenhorst und Dürr sein würden, die die ganze Zeit den Rätegedanken bekämpft hätten. Sie befürchteten einen durch die SPD erfolgenden Verrat und schließlich ein großes Blutbad. Die Abordnung der KPD verließ schließlich „unter den wüstesten Beschimpfungen der Mehrheits-Sozialdemokraten“ den Saal.

          Toller beginnt sofort mit der Arbeit. Er lässt freistehender Wohnungen beschlagnahmen und diese an Bedürftige zuweisen. Außerdem wird das Bürgertums entwaffnet und gleichzeitig das Proletariat bewaffnet. Zudem wird die Zensur über die bürgerliche Presse verhängt. Toller lässt alle Bankkonten sperren. Schleichhandel und Preiswucher werden bekämpft. Preise werden streng kontrolliert, überzählige Lebensmittel werden beschlagnahmt. Besonders wichtig: Eine Rote Armee wird ins Leben gerufen. Aber die Zeit drängt und vieles geschah nicht wirkungsvoll genug. Zudem blieben Banken und Fabriken in privater Hand, die alten Zivilbeamten arbeiteten weiter und die Bewaffnung der Arbeiter geschah nicht konsequent genug.

          Und es gab unglaublich viel zu tun. Toller schreibt in seinen Lebenserinnerungen, dass sich die Menschen in den Vorzimmern nur so drängten, um ihre Anliegen vorzubringen.

          Um die Münchner Räterepublik zu verstehen, muss man sich mit deren Gedankenträgern beschäftigen. Wer war also dieser Ernst Toller? Toller stammt aus einer Kaufmannsfamilie im von Preußen annektierten Teil Polens. Als Kriegsfreiwilliger ist er 13 Monate in vorderster Front vor Verdun. 1916 erleidet er einen Nervenzusammenbruch mit anschließendem monatelangem Sanatorienaufenthalt. Toller ist kriegsuntauglich und zum überzeugten Pazifisten geworden. Anfang 1917 lernt er Eisner kennen, begeistert sich für den Sozialismus, schließt sich der USPD an und vertritt auf Versammlungen einen radikalen Pazifismus. Zudem ist er literarisch aktiv.

          Der 26-jährige Ernst Toller arbeitet jetzt eng mit Gustav Landauer zusammen. Wer war Landauer? Dieser vertritt einen anarchistischen Sozialismus. Er gründete 1908 den „Sozialistischen Bund“ zur Verwirklichung einer libertären, von unten nach oben organisierten Gesellschaft. Landauer lehnt Autorität und Hierarchie ab und will durch Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung und Föderation eine neue Ordnung begründen. Anarchie bedeutet für ihn „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“. In der Praxis sollen dezentrale basisdemokratisch organisierte Gruppen den Staat ersetzen. Diese sollen untereinander Tauschhandel mit den von ihnen selbst erwirtschafteten Produkten betreiben.

          Am 7. November bittet Eisner ihn, nach München zu kommen, um im bayerischen Freistaat mitzuarbeiten („Was ich von Ihnen möchte ist, dass Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.“) Er wird Mitglied im „Revolutionären Arbeiterrat“ sowie im „Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat“ und im „Provisorischen Nationalrat“. In der ersten bayerischen Räterepublik war er Volksbeauftragter für Kultur und Erziehung. Er fordert die Einführung der Einheitsschule für Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr und danach eine zweijährige praktische Ausbildung oder die Weiterbildung an einer Mittelschule. Aus der autoritären Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht. Nach dem Fall Münchens wird Landauer am 2. Mai 1919 grausam ermordet.

          Schon zwei Tage nach der Gründung der Räterepublik setzte eine Gegenbewegung ein. Auf Betreiben der SPD-Vertreter lösten viele Räte ihre Verbindung zu München, und in Würzburg und Ingolstadt wurden die örtlichen Räte von rechtsgerichteten Militärs und Studenten gänzlich beseitigt. Auch der rechte Flügel des Bauernbundes um Georg Eisenberger konnte den Zentralen Bauernrat in München isolieren. Zum entscheidenden Einflussbereich der Räterepublik wird jetzt zunehmend die Achse Augsburg – München – Rosenheim.

          Inzwischen macht auch die Reichsregierung Hoffmann gegenüber Druck, so rasch wie möglich gegen die Räterepublik vorzugehen.

          Dann kommt der Palmsonntag, der 13. April 1919. Hoffmann unternimmt den Versuch, ohne Hilfe der Reichsregierung, mit eigenen Kräften der Situation Herr zu werden und macht mit der regierungstreuen Republikanischen Schutztruppe, unterstützt von Freiwilligen aus Nordbayern in München und Rosenheim, einen Putsch. Es kommt in München zu heftigen Gefechten, die 20 Tote und über 100 Verletzte fordern. Von der sich noch im Aufbau befindlichen Roten Armee unter Soldatenrat Rudolf Egelshofer (KPD), der als Matrose Ende Oktober schon am Kieler Aufstand beteiligt war, wird der Putsch niedergeschlagen. Am Ende muss Hoffmanns Schutztruppe das Feld räumen. Jetzt sehen die Münchner Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, in das politische Geschehen einzugreifen.

          Am 13. April erklärte eine Versammlung der Münchner Betriebs- und Kasernenräte (wie die Arbeiter- und Soldatenräte nun hießen) den Zentralrat für aufgelöst.

          4. Phase: 13. April 1919 – 2. Mai 1919 | 2. Räterepublik

          Ein fünfzehnköpfiger Aktionsausschuss wird als neue Regierung gebildet mit einem Vollzugsrat als Exekutive. Den Vorsitz übernimmt der Kommunist Eugen Leviné. Ihm verbleiben aber nur noch drei Wochen.

          Eugen Leviné wurde am 10.5.1883 in St. Petersburg geboren. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und seine Mutter zog mit ihm in die Schweiz. 1905 ging er zurück nach St. Petersburg und schloss sich der russischen Revolution an. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten kehrte er 1908 nach Deutschland zurück und studierte wieder in Heidelberg, diesmal Nationalökonomie. Während seines ganzen Studiums war er in der Arbeiterbewegung aktiv. In Berlin schloss sich Leviné der USPD an und dann dem Spartakusbund, aus dem die KPD später hervorging. Er nimmt an führender Stelle am Spartakusaufstand in Berlin teil.

          Am 5. März 1919 schickte ihn die Partei nach München. Leviné hatte die 1. Räterepublik noch abgelehnt und von einer „Scheinräterepublik“ gesprochen, die nicht überlebensfähig sei. Viele Arbeiter sind über die Zurückhaltung der KPD enttäuscht. Daraufhin erklärt Leviné trotz aller Skepsis, sich dem revolutionären Willen der Menschen nicht länger zu verschließen. Beim Palmsonntagsputsch unterstützt die KPD die bestehende Räteregierung. Es gelingt wie aufgezeigt den Arbeitern, die Gegenrevolution niederzuschlagen.

          Nun gibt es für die KPD kein Zaudern mehr, will sie nicht ihren Status als revolutionäre Partei verlieren. Die zweite, die kommunistische Räterepublik wird ausgerufen. Die Arbeiter seien jetzt bereit, für ihre Überzeugung zu kämpfen, und in dieser Situation sieht Levinées als die revolutionäre Pflicht der KPD an,die Führung zu übernehmen. Verschiedene Kommissionen werden eingesetzt. Die KPD in Berlin allerdings hält die Übernahme der Macht in München für einen taktischen Fehler. Das sei ein desaströses Abenteuer. Zunächst ruft die KPD in München einen zehntägigen Generalstreik aus. Alle sollen bereitstehen bei einem eventuellen weiteren Putsch. Und die KPD forciert die Bildung der Roten Armee. Die Bewaffnung und militärische Organisation der Arbeiter genießen oberste Priorität. Dann wird die Sozialisierung in Angriff genommen und alle politischen Gefangenen werden entlassen.

          Die Rote Armee unter Rudolf Egelshofer ist inzwischen zu einer Stärke von 9.000-10.000 Mann ausgebaut. Ernst Toller wird Egelshofer als stellvertretender Inhaber des militärischen Oberkommandos zur Seite gestellt. Aber den bereits anrückenden Freikorpsverbänden und Reichswehreinheiten ist die Rote Armee nicht zuletzt mangels jeglicher Erfahrung stark unterlegen. Dennoch gelingt es am 16. April einigen Einheiten des Rotgardisten unter dem Kommando Tollers, bis Dachau vorgedrungene Freikorpsverbände zu besiegen und zunächst zurückzuschlagen, wobei Toller sich weigert, die gefangen genommenen Offiziere vor ein Standgericht zu stellen und zu erschießen.

          Am 22. April kommt es zu einer Massendemonstration für die junge Räterepublik. Aber Spannungen bezüglich der Verteidigungsstrategie sprengen den Aktionsausschuss. Beide Fraktionen erkannten, dass eine Fortführung des Kampfes und eine erfolgreiche Verteidigung der Räterepublik nahezu aussichtslos ist. Während Toller auf Verhandlungen gesetzt hatte, bestand die kommunistische Führung auf der Fortführung des Kampfes als historischem Signal für spätere revolutionäre Möglichkeiten. Eine Einigung ist nicht möglich. Leviné tritt von seinem Posten als Leiter des Vollzugsrates zurück.

          Schließlich ersucht Hoffmann Berlin um die Entsendung von Reichstruppen. 35.000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Die Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Er war zu keinen Kompromissen bereit und bestand auf der bedingungslosen Kapitulation der Räterepublik.

          Am 30.4.19 dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich Unbeteiligte nach München. So wird bei Starnberg eine Arbeiter-Sanitäter-Kolonne einfach niedergeschossen. Daraufhin werden zehn der im Luitpoldgymnasium festgesetzten Gefangenen, die größtenteils Mitglieder der reaktionären Thulegesellschaft waren, ebenfalls erschossen. Die Thule-Gesellschaft will, wie dargelegt, den demokratischen Staat beseitigen und durch eine völkische Diktatur ersetzen. Von zwei der Getöteten wurde auch angenommen, sie seien unmittelbar an der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt gewesen.

          Diese fälschlicherweise als „Geiselmord“ von der Gegenseite behauptete Reaktion auf Gewalttaten der Freikorps, von der nie deutlich wurde, wer den Auftrag dazu gegeben hatte, steigerte den grausamen Terror der Weißen ins Unermessliche. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben.

          Am 2. Mai erreichen Regierungstruppen und Freikorps und ein württembergisches Gruppenkammando München.

          Eines der Freikorps ist das Freikorps Oberland, gegründet von Thule-Führer Rudolf von Sebottendorff. Der aus ihm hervorgehende Bund Oberland wird ab 1921 den Kern der SA in Bayern bilden. Dazu kommt das Freikorps Epp, dessen Führer Franz Xaver Ritter von Epp während des Dritten Reiches nationalsozialistischer Reichsstatthalter in Bayern sein wird. Es beginnen die brutalen Straßenkämpfe. Besonders stark ist der Widerstand in den Arbeitervierteln Giesing, Haidhausen, Sendling und rund um den Schlachthof. Auch um den Hauptbahnhof wird heftig gekämpft. Freikorpssoldaten gehen mit rücksichtsloser Brutalität gegen das Proletariat vor. Sie treffen insgesamt auf viel größeren Widerstand, als sie erwartet hatten. Bis zum Nachmittag des 2. Mai dauern die Kämpfe an. Die meisten Toten der Maitage sind Zivilisten. Auch 52 ehemalige kriegsgefangene Russen aus dem Lager Puchheim, die in der Roten Armee gekämpft hatten, werden ermordet.

          Es kommt zu einem grausamen Terror. Willkürliche Erschießungen, Morde und Folterungen werden begangen. Hunderte verlieren ihr Leben. Genaue Zahlen kennt niemand. Die Münchner Räterepublik wird in einem ungeheuren Blutbad ertränkt.

          Am 9. Mai schickt Johannes Hoffmann (SPD) ein Dankesschreiben an General von Owen, der die Regierungstruppen befehligte.

          Wenden wir jetzt unseren Blick nach Rosenheim und dann nach Kolbermoor!

          Wirtschaftliche und soziale Lage in Rosenheim während des 1. Weltkrieges

          Auch in Rosenheim herrschen während es 1. Weltkrieges Not und Verzweiflung. Hunger und Mangel am Nötigsten hatten Einzug gehalten. Schon zu Beginn des Krieges war es zu einem krisentypischen Sturm auf die Lebensmittelläden gekommen, der die Preise enorm in die Höhe schnellen ließ. Da eine rasche Entscheidung im Krieg nicht eintrat, schritt die Teuerung voran und bald war der Großteil der Lebensmittel nur noch mit Ausweiskarten und Marken erhältlich. Anordnungen des Generalkommandos und des Rosenheimer Magistrats riefen zu Sammlungen kriegswichtiger Materialien auf. Parallel zu den Glockenabnahmen kam es so zur Ablieferung von Zinndeckeln oder Nähgarn; Geld- und Schmuckspenden sollten die „Finanzielle Wehrkraft des deutschen Vaterlandes“ stärken. Gravierend wirkte sich auch der Mangel an männlichen Arbeitskräften aus, da ein Großteil der wehrfähigen Männer im Feld stand. So erging bereits im August 1914 ein Aufruf an Rosenheims Hausfrauen, ihre Mägde, soweit sie etwas von Landarbeit verstehen, aufs Land zu lassen, wo sie auf den Höfen mithelfen sollten Im Laufe des Krieges dehnte sich der Aufgabenbereich der Frauen schließlich auf fast alle Männerberufe aus., Außerdem wurden vom Roten Kreuz Pflegerinnen- und Krankenschwesternkurse durchgeführt. Während sich die Gerüchte von einer angeblichen Bedrohung durch feindliche Flieger verbreiteten, tauchten in den Zeitungen immer mehr Todesanzeigen von an der Front gefallenen Rosenheimer Bürgern auf. Insgesamt sollten es 458 hiesige Soldaten werden, die ihr Leben lassen mussten.

          Im Frühsommer 1918 grassierte in Rosenheim und anderen Städten die „Spanische Krankheit“, also die Grippe, die sogar Todesopfer fordert. Hinsichtlich der Rohstoffknappheit wird jetzt sogar zum Sammeln von Obstkernen und Frauenhaaren aufgerufen. Die Obstkerne sind Ersatzstoff für die Ölproduktion und das Frauenhaar dient zur Treibriemen- und Dichtungsringproduktion.

          Die Revolution in Rosenheim

          Wie verliefen nun die Ereignisse der Revolution in Rosenheim? Am gleichen Tag, dem 7. November 1918, als in München die große Demonstration auf der Theresienwiese stattfindet, lädt der Rosenheimer Gewerkschaftsverein für den Abend zu einer Versammlungin den Sternbräugarten in der Hausstätterstraße ein und beschließt eine Kundgebung für den kommenden Tag auf der Loretowiese, an der tausende von Menschen teilnehmen werden. Es sprechen der Gefreite Guido Kopp, der Soldat Heinrich Geistaller, der Schneidermeister und Gemeindebevollmächtigte Hans Langenegger sowie der Arbeitersekretär und Gemeindebevollmächtigte Karl Göpfert (MSPD). Es wird ein Volks- und Soldatenrat gewählt. Kopp wurde zum Vorsitzenden des Soldatenrates, der 13 Mitglieder hat, Göpfert zum Vorsitzenden des Volksrates gewählt. Zweiter Vorsitzender wird dort der Architekt Karl Baumann. Es gibt zehn Beisitzer. Anschließend bildet sich ein großer Demonstrationszug durch Rosenheim zu mehreren Amtsstellen und Dienstgebäuden, wo überall die vorgetragenen Forderungen übernommen werden. Beim Garnisonsbataillon wird die Freilassung der Militärgefangenen erreicht, beim Magistrat die Unterstellung der Polizei unter den Volks- und Soldatenrat und beim Amtsgericht die Freilassung sämtlicher im Amtsgerichtsgefängnis Inhaftierten. Die Räte richten sich im Rathaus eine Geschäftsstelle ein. Der Rosenheimer Stadtmagistrat amtiert weiter.

          Der neugebildete Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ (VSR) erlässt am kommenden Tag einen Aufruf und gibt seine Zusammensetzung bekannt. Er tagt im kleinen Rathaussaal. Die Behörden werden gebeten unter Aufsicht des VSR weiterzuarbeiten. Der VSR tritt fast täglich zu Sitzungen zusammen. Er kümmert sich um die dringenden Probleme der Lebensmittelversorgung, der Wohnungsnot, des Wuchers und Schleichhandels. Der Volksrat greift in seiner weiteren Tätigkeit immer mehr in das Verwaltungsgeschehen ein.

          Der Rosenheimer Bürgermeister Wüst ist sehr verunsichert und erstattet der Regierung von Oberbayern Bericht. Wüst schreibt u.a.: „Der Rosenheimer Volks- und Soldatenrat hat auch in der vergangenen Woche fleißig getagt, er fasst Beschlüsse über alle möglichen Angelegenheiten, für die ihm jegliche Zuständigkeit fehlt, gibt nach wie vor Aufträge an die Behörden und an einzelne Beamte und verwirrt mit seinen öffentlichen Ausschreibungen und Bekanntmachungen das Rechtsbewußtsein des Volkes.“ Wüst fordert „eine genaue Präzisierung der Rechte und der Zuständigkeit“ des Volks- und Soldatenrates. Er schließt mit dem Satz: „Der weiteren Entwicklung der Dinge kann man nur mit banger Sorge entgegensehen.“

          Eine Woche später kommt Antwort aus München. Am 2.12.19 ordnet der bayerischen Innenministers Auer an: „Betreffs Tätigkeit der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte. Die weitere Tätigkeit der ABS-Räte ist grundsätzlich nicht zu beanstanden. Es ist aber zu beachten, dass ihnen keinerlei Vollzugsgewalt zukommt. Sie haben lediglich im Einvernehmen mit den gesetzlich berufenen Stellen und Behörden (…) für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen.“

          Wie sehr die gesellschaftlichen Veränderungen die Massen ergreifen, zeigt sich auch daran, dass der Saal im Hotel Gillitzer völlig überfüllt ist, als Minister Auer (MSPD) am 1. Januar zum Thema „Der Kampf um die Republik“ spricht.

          Innerhalbdes Volks- und Soldatenrates kommt es zunehmend zu Differenzen mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen MSPD-Mitgliedern und denen der USPD. Es geht um die Frage der Einrichtung eines „Volksheimatschutzes“, den der Innenminister Auer (MSPD) gefordert hatte, um die „Gefahr des drohenden Krieges im Land, den der Bolschewismus entfesseln kann“, zu bannen. Es festigt sich der Eindruck bei vielen Arbeitern, die Mehrheitssozialisten wollten die Ergebnisse der Novemberrevolution zunehmend zurücknehmen.

          Am10.01.1919 versuchen Teile des Soldatenrates Kopp aus seiner Funktion abzuberufen. Der Teil, der hinter Kopp steht, widersetzt sich der Abberufung und nimmt den „Bräu am Anger“ als Quartier. Kopp bleibt im Amt. Am gleichen Tag wird in Rosenheim eine Ortsgruppe der KPD gegründet. Am 15. März hat sie bereits 600 Mitglieder.

          Am 12. Januar findet die Landtagswahl statt. In Rosenheim wählen 42 % die christlich-konservative Bayernpartei, die Mehrheits-SPD erhält 41.4 % (landesweit:33%). Die USPD, die Partei von Ministerpräsident Eisner, erhält nur 2,7% (landesweit 2,5%). Das Besondere dieser Wahl: Zum ersten Mal durften Frauen zur Urne gehen. In Rosenheim gibt es den Volks- und Soldatenrat und daneben immer noch den alten Verwaltungsapparat mit dem Bürgermeister. Einen Monat später bildet sich der „Rat der geistigen Arbeiter“, der sich in einem Gegensatz zu dem Arbeiter- und Soldatenrat sah.

          Als in München der Ministerpräsident Kurt Eisner erschossen und ein Zentralrat gebildet wird, findet einen Tag später, am 22.02.1919 in Rosenheim auf Einladung der MSPD im Zuge der „zweiten Revolution“ eine weitere große Versammlung auf der Rosenheimer Loretowiese statt. Der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates Guido Kopp verliest die Forderungen des VSR. Durch eine sich anschließende Demonstration werden diese durchgesetzt. Zentraler Punkt ist die Absetzung des Bürgermeisters Hofrat Wüst sowie des Regierungsrates und Bezirksamtschefs Baur. Die Amtsgeschäfte übernimmt der Arbeitersekretar Karl Göpfert. Heinrich Geistaller wird Stadtkommandant, assistiert von Sergeant Rheintaler, der beginnt, eine „Republikanische Schutztruppe“ aufzubauen. Der Rosenheimer „Volks- und Soldatenrat“ ruft per Anzeige „alle arbeitslosen Gewerkschaftskollegen und Parteimitglieder bis zum 35. Jahre“ zu den Waffen. Über die beiden Rosenheimer Zeitungen „Wendelstein“ und „Rosenheimer Anzeiger“ wird eine Zensur verhängt.

          Am 8. März kommt es zurGründung des „Bezirksbauern- und Arbeiterrates“ Rosenheim. Die Aufgabe des Bauernrates ist es, für die Ablieferung der Lebensmittel zu sorgen. Zwischen dem Volksrat, dominiert von MSPD-Mitgliedern und Gewerkschaftsfunktionären, und den revolutionären Anhängern des Soldatenrates unter der Führung von Guido Kopp kommt es zu Differenzen und dem vergeblichen Versuch Göpferts, den Soldatenrat aufzulösen. Aber die revolutionäre Entwicklung nimmt rasant an Fahrt auf.

          Bereits am 5.4.19 treten Münchner Kommunisten und die Führer des Rosenheimer „Arbeiter- und Soldatenrates“ auf einer Versammlung auf der Loretowiese für die Ausrufung der Räterepublik ein.

          Einen Tag später beschließt der Arbeiter- und Soldatenrat zur Sicherung der Räterepublik 30 Geiseln aus der Bürgerschaft (vorwiegend Geschäftsleute) als Schutzpfand nehmen und ins Gefängnis bringen. Für jeden angegriffenen Revolutionär werde man 10 Geiseln erschießen. Unterzeichnet haben Göpfert, Kopp und Langenegger. Der Revolutionsausschuss in Rosenheim ruft am darauffolgenden Tag zum Generalstreik auf. Der radikalere Kopp wird von einer Volksversammlung anstelle des gemäßigten Göpfert (MSPD) zum Bürgermeister ausgerufen. Die Forderung lässt sich aber nicht durchsetzen. Die Zahl der Geiseln wird auf zehn herabgesetzt.

          Am 8.04.1919, einen Tag später als in München kommt es mit der Ausrufung der Räterepublik in Rosenheim, Rhedenfelden, Endorf und Bad Aibling zur dritten Revolution.

          Jetzt wartet die Reaktion nicht länger. InMünchen hat Ministerpräsident Hoffmann wie dargestellt am 13.4. den Palmsonntagsputsch veranlasst, um ohne Hilfe der Reichstruppen der Lage Herr zu werden. Als Reaktion auf diesen Putsch in München verhängt Kopp in Rosenheim den Belagerungszustand und das Standrecht. Da es heißt, gegenrevolutionäre Weiße Garden seien aus München im Anmarsch, verschanzt sich Kopp mit den Roten Garden im Quartier des Soldatenrates im „Bräu am Anger“. Die Rosenheimer Bürger versuchen mit Unterstützung von Karl Göpfert ebenfalls einen Putsch, um die Räteherrschaft zu stürzen. Eine Menschenmenge unter Führung von Rudolf Kanzler (Zentrumspartei) stürmt das Haus und schleppt Kopp und weitere Geiseln ins Gefängnis. Bürgermeister Göpfert stellt sich sofort auf die Seite der Sieger und wirbt mit Plakaten für die Regierung Hoffmann.

          Jetzt werden von München 120-150 Mitglieder der „Roten Garde“ nach Rosenheim geschickt, um dort die Herrschaft der Räteregierung wieder herzustellen. In Kolbermoor stoßen 80 bewaffnete Arbeiter dazu. In Rosenheim wird eine „Volkswehr Rosenheim“ aufgestellt. Es gelingt aber den Roten wie zuvor schon in München, den Putsch niederzuschlagen und nach erbitterten Feuergefechten Rosenheim wieder einzunehmen. Die Kämpfe forderten insgesamt fünf Tote und mehrere Verwundete. Die Räte werden aus dem Gefängnis befreit, die Räteherrschaft wird erneut ausgerufen.

          Am 15. April, also einen Tag später verlangt der „revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat“ in Rosenheim für die „Hinterbliebenen der meuchlings erschossenen Familienväter sowie für Verpflegung der revolutionären Truppen und für die von bürgerlicher Seite verübten gemeinen Plünderungen eine Kontribution von 85.000 Mark.“ Diese wird auch erbracht. Rätetruppen führen zahlreiche Requirierungen durch.

          Am 18.04. gestattet das Ministerium in München die Bildung von Freikorps. Der Rosenheimer Obergeometer Rudolf Kanzler bildet das Freicorps Chiemgau, mit dem er später nach eigenen Aussagen „Säuberungsaktionen“ in Rhedenfelden, Endorf, Heufeld, Aibling, Bruckmühl, Miesbach und anderen Orten durchführte.

          Ende April rückten die Freikorps unter dem Befehl des Oberst von Mieg von allen Seiten auf Rosenheim vor. Der Arbeiterrat bildete eine Kommission unter der Leitung des Schlachthofdirektors Seiderer, eines Mitgliedes des „Rates der geistigen Arbeiter“. Er sollte bei Eintreffen der weißen Truppen Verhandlungen führen. Es kam zu einem Waffenstillstand unter der Bedingung, dass die Rosenheimer Revolutionäre ihre Waffen abgeben und Kopp und andere „Spartakisten“ sich der Regierung Hoffmann stellen sollten. Göpfert aber stehe unter dem Schutz der Regierung Hoffmann. Am 1. Mai wurde die Stadt widerstandslos eingenommen. Kopp hatte sich entgegen den vereinbarten Übergabebedingungen nach Kolbermoor zurückgezogen.

          Guido Kopp, der Rosenheimer Vorsitzende des Soldatenrates und Bürgermeister von Rosenheim, wird zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Straubing verbüßt. Er darf danach nicht mehr nach Rosenheim zurück, wird ausgewiesen und lebt in Wien, Prag und Barcelona und kämpft mit im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 kehrt er nach Österreich zurück, wird an die Münchner Gestapo ausgeliefert und ins KZ Dachau und später Buchenwald eingeliefert, wo er 1945 von der Amerikanern befreit wird. Später lebt er in Salzburg, wo er 1971 stirbt.

          Am 18.04.1920 wird In Rosenheim die erste Ortsgruppe der NSDAP außerhalb von München gegründet.

          Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor!

          Die Revolution in Kolbermoor: Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor

          In Kolbermoor tauchen erstmals 1869 Mitglieder des ein Jahr zuvor in Berlin gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins auf. Bis zum Oktober gelang es dem aus Augsburg kommenden Schriftsetzer Leonard Tauscher für diese Vereinigung 99 Mitglieder zu werben. Der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, konnte in Kolbermoor Fuß fassen, zumal die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken unter mächtigem Druck standen. Wer aufmuckte, wurde fristlos entlassen. Der Lohn der Männer war so gering, dass die Mitarbeit der Frauen unumgänglich war. Lang waren die Arbeitszeiten: 1863 – 1872 wurden dreizehn Stunden gearbeitet, 1873 -1889 waren es zwölf und 1890 – 1905 elf Stunden, danach zehn Stunden. Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 lebte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor wieder auf. 1898 gründet der aus München zugezogene Franz Sperber die Ortsgruppe der SPD. Am 20.09.1896 führte eine Gewerkschaftsgruppe auch erstmalig eine öffentliche Versammlung durch. 1904 wurde in Kolbermoor ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet. Die Arbeiterbewegung begann sich zunehmend zu entfalten. 1899 erlebte Kolbermoor den ersten Streik beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei. Höhere Löhne wurden verlangt.

          Wirtschaftliche und soziale Lage in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges

          Jetzt möchte ich den Blick auf die Kleinstadt Kolbermoor lenken. Anhand dieser Stadt lässt sich die Situation vor der Revolution beispielhaft vor Augen führen. Nicht weniger als 730 Soldaten wurden im Laufe der Kriegsjahre eingezogen, 29 sogar noch 1918. Von ihnen sollten 153 nicht mehr zurückkehren. Schon im ersten Kriegsjahr gab es die ersten Toten, vor allem an der Westfront. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei wurde ein Reservelazarett eingerichtet.

          Von August 1914 bis Mai 1915 verteuerte sich die Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie um rund 20 Prozent, die Ausgaben für Lebensmittel um 31 Prozent, im Dezember 1915 sogar um 40 Prozent. Vergleichbare Lohnerhöhungen blieben aus. Bereits im März 1915 begann in Kolbermoor das Brot knapp zu werden. Fleisch gab es ab 1916 nur noch über Reichsfleischkarten – ca. 200 g pro Woche. Auch Butterkarten mussten eingeführt werden. Missernten erschwerten die Versorgung weiter. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. Während Reiche noch Möglichkeiten hatten sich zu versorgen, gingen ärmere Bevölkerungsteile oft leer aus. Im Hungerjahr 1917 unternahm eine größere Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen einen Protestmarsch nach Aibling, um von dem dortigen Bezirksamt, das die Lebensmittelzuteilungen an die Gemeinden des Amtsbezirks regelte, höhere Zuweisungen an Mehl zu fordern. Dem Verlangen der Frauen antwortete die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes vom Fenster aus, wenn die Kolbermoorer kein Gemüse hätten, so sollten sie eben Gras fressen. Welche Verbitterung sich daraus entwickelte, lässt sich vorstellen.

          Aber außer der mangelhaften Versorgung in Kolbermoor mit Lebensmitteln kamen während des Krieges weitere Probleme hinzu wie die schlechte Bestückung mit Heizmaterial, die Wohnungsnot und die schlechte Beschäftigungslage, vor allem für die, die aus dem Krieg heimkehrten. Im Tonwerk waren vor dem Krieg 450 Arbeiter beschäftigt. Wegen Kohlemangels waren es 1918 nur noch 13. In der Baumwollspinnerei arbeiteten in der Vorkriegszeit 900, 1918 nur noch 140. In einer Kolbermoorer Chronik heißt es; „Die Leute schimpfen überall über die Schikanen, die ihnen die Lebensmittelrationierungen verursachten und verlangen strengstes Einschreiten gegen die Wucherer und Hamsterer“.

          Hinzu kommt in Kolbermoor, dass der Krankenstand infolge der schlechten Ernährung recht hoch war. Insgesamt kann man also die Lebens- und Arbeitsverhältnisse gegen Ende des Krieges als ausgesprochen desolat bezeichnen.

          Vergleicht man die Situation von Kolbermoor mit der von Rosenheim, so scheint in der Arbeiterstadt Kolbermoor die Not um einiges größer gewesen zu sein als in der Bürgerstadt Rosenheim.

          Die Revolution in Kolbermoor

          Für den 11.11.1918 hatte die Kolbermoorer SPD zu einer Volksversammlung in den großen Mareissaal eingeladen. Dort kommt es im überfüllten Saal zur Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates. Vorsitzender wird Franz Sperber, MSPD. 25 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft werden gewählt. Selbst zwei Kommerzienräte und der Bürgermeister sind dabei. Zwei Tage später unterrichtet der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende die Mitglieder über die Befugnisse des Volksrates: „Jener sei ein Kontrollorgan der Distriktsverwaltung, sowie aller Behörden im Bezirke, dieser habe die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen u. Mißstände abzustellen, wo immer er sie fände.“ Der Volksrat gibt sich ein Programm mit dem Schwerpunkt Sicherung der Lebensmittelverteilung, Auflösung der Gefangenenlager und Errichtung eines ständigen Wachkommandos durch den Soldatenrat. Als erstes wird ein Ausschuss zur Überwachung der Lebensmittelverteilung gebildet, der Beschwerden entgegennehmen soll, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und dafür sorgen soll, dass Missstände abgestellt werden. In die Ortsverwaltung bringt der Volksrat viel Bewegung, indem er sinnvolle Tätigkeiten für die arbeitslosen Arbeiter anregt. Ein Wachkommando wird eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden und auf Vorschlag des Volksrates werden Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

          Doch es gibt Kritik am Volksrat, vor allem an dessen Zusammensetzung. Für eine Arbeiterstadt seien zu viele Bürgerliche im Volksrat vertreten. So kommt es schon sechs Wochen später, am 8. Januar 1919 zu einer erneuten Wahl, bei der sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt werden. Zum 1. Vorsitzenden wird Georg Schuhmann gewählt. Diese politische Entwicklung ist insofern von besonderer Bedeutung, als man sich somit in Kolbermoor bereits sechs Wochen früher als in München oder Rosenheim von der mehrheitssozialdemokratischen Führung löste und eine radikalere Richtung einschlug. Ähnliche Prozesse begannen anderen Ortes erst nach der Ermordung von Eisner am 21. Februar.

          Die Arbeit des Volksrates intensiviert sich unter Schuhmann. Der Schwerpunkt der Arbeit verlegt sich nun auf eine konsequente Kontrolle beim Schleichhandel und die Bekämpfung des Zurückhaltens von Lebensmitteln. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden in Angriff genommen, der Uferschutz der Mangfall und die Verrohung der Jugend durch den Krieg werden durch ein Kinoverbot bekämpft. Eine höhere Entlohnung für den Gemeindediener wird gefordert sowie die Einführung des Achtstundentages bei der Gemeinde. Die Autorität von Schuhmann und sein Einfluss wachsen zunehmend. Bereits zweieinhalb Wochen vor dem Rücktritt des Bürgermeisters hält er auf Beschluss des Volksrates im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden ab. Und die Arbeit des VR trägt Früchte: So heißt es von der Gemeinde: „Dem Antrag des Volksrates des gesetzl. 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter u. Gewährung einer Teuerungszulage wird nach längerer Debatte zugestimmt u. eine Teuerungszulage von 200 DM gewährt.“ Weitere Lohnerhöhungen für Gemeindebedienstete folgen.

          Dann kommt es am 21.2. zur Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Daraufhin fordert einen Tag später der Volksrat den Rücktritt des Kolbermoorer Bürgermeisters Bergmann und des Gemeindesekretärs Loy. Es kommt zum Machtwechsel. Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist jetzt als neuer Bürgermeister offiziell für die Stadt zuständig. Der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung. Am Tage der Beerdigung von Eisner findet eine große Trauerfeier statt. Die Geschäfte, Schulen und Betriebe bleiben im ganzen Land geschlossen. In allen Kirchen läuten die Glocken eine halbe Stunde lang. Trauerbeflaggung ist angeordnet.

          Der Volksrat verfolgt konsequent seine demokratische Politik. Er verhindert die Ausweisung von Frau Maria Saffert nach Böhmen. Ein Tanzkurs wird zugelassen. Der Volksrat wendet sich gegen die Ausbeutung von Lehrlingen. Kundenkarten für Lebensmittel werden eingeführt. Georg Schuhmann, der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende, nimmt auf Grund seines hohen Ansehens als gewählter Delegierter an der Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte in Bad Aibling statt. Außerdem beschließt der Kolbermoorer Volksrat: „Beim Forstamt Rosenheim ist anzuregen, daß die Staatsfilze nicht mehr wie bisher an Filzeneigentümer, Torfhändler u. solche Personen verpachtet wird, welche die Filze nur ausbeuten, sondern daß dieselbe in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung verpachtet werde.“ Um die Wohnungsnot zu mindern, fordert der Volksrat, leerstehende Wohnungen zu beschlagnahmen. Außerdem wird die italienische Staatsangehörige Biemonte eingebürgert, ohne ihr wie früher dabei Probleme zu machen.

          Am 26. März nimmt Georg Schuhmann als Delegierter an der Tagung des Bezirksbauern- und -arbeiterrates Aibling teil und wird zu dessen Vorsitzendem gewählt.

          Die konsequente Politik des Volksrates entwickelt sich immer weiter und am 29.04.1919 kommt er zu der Feststellung: „ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich“ und tritt zurück.

          So kommt es am 30.04.1919 zur Wahl des 3. Kolbermoorer Volksrates, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nennt. Vorsitzender ist erneut Georg Schuhmann. Alle sechs Mitglieder gehören der KPD an. Diese Entwicklung entspricht den Vorgängen in München anlässlich der Ausrufung der 2. Räterepublik unter dem Kommunisten Leviné.

          Jetzt drängt die Zeit, denn die Regierungstruppen und die Freikorps sind bereits im Anmarsch auf Kolbermoor, das am 2. Mai vollständig eingekreist ist. Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung werden getroffen.

          In Kolbermoor wird das weitere Vorgehen diskutiert. Es bilden sich am 3. Mai am Rathausplatz drei Verteidigungsgruppen, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Die Stimmung, vor allem seitens der Arbeiterinnen, ist der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt. Aber die militärische Überlegenheit der Weißen ist erdrückend. Gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Allein für die Freikorps werden aus den Beständen des Heeres 9000 Gewehre, 350 leichte Minen, 4500 Handgranaten und 76 Maschinengewehre samt Munition zur Verfügung gestellt. In den Quellen heißt es: „Es bedurfte dringenden Ersuchens der Vorsitzenden des revolutionären Arbeiterrates, bis man sich der Einsicht in die Ausweglosigkeit der Lage und die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes beugte“. Schuhmann tritt schließlich in Verhandlungen mit Oberst Mieg als dem Vertreter der Freikorps. Die Übergabebedingungen werden festgelegt und Kolbermoor wird militärisch besetzt.

          Zwei Panzerzüge kommen aus Rosenheim nach Kolbermoor mit Angehörigen der Volkswehr Straubing. Die Feindseligkeit der Bevölkerung ist so groß, dass diese sich nicht trauen in den Bahnhof einzufahren. Die Truppe muss im Zug übernachten. Auch die Angehörigen des Freikorps Grafing halten eine Einquartierung im Ort für zu gefährlich und bleiben in einem Bauernhof, 100 Meter entfernt vom Ort. In Kolbermoor kann in Ermangelung „zuverlässiger Personen“ keine Ortswehr gegründet werden.

          Nach Rosenheim ist Kolbermoor die letzte rote Bastion in ganz Bayern, die erst am 3. Mai zerschlagen wird. Im Wartesaal des Bahnhofs wird ein Standgericht eingerichtet. Die Gefangenen werden nach Straubing verfrachtet, die Minderbelasteten verprügelt. Sämtliche männliche Einwohner über 16 Jahren haben sich zur Verhaftung zu stellen. Zwar ist die Revolution niedergeschlagen, sie spielt aber für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor eine ganz wichtige Rolle. Hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent gegen die nationalsozialistische Ideologie machen sollte.

          Das Ende der Räterepublik ist gekommen. Die einzige, winzige Chance der Räterepublikaner hätte in einem Aufstand der Arbeiter in ganz Deutschland bestanden, die dem Beispiel der Münchner Revolutionäre folgend, die Reichstruppen in so schwere Kämpfe verwickelt hätten, dass es diesen unmöglich geworden wäre, Hoffmann zu Hilfe zu kommen.

          Am 4. Mai werden Georg Schuhmann und sein Schreiber Alois Lahn morgens um neun Uhr von einer Gruppe des Freikorps Grafing aus ihren Wohnungen gezerrt. Sie werden beide schwer misshandelt und von den Grafinger Weißgardisten Georg Schneider und Johann Rusch bei der Unterführung zum Tonwerk ermordet. Der Kolbermoorer Arbeiterführer war in der Bevölkerung auf Grund seines enormen Einsatzes für die Menschen sehr verankert. Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung, als sie von seiner Ermordung erfuhr. Der Friedhof war schwarz von Menschen. Ein Trauerzug war verboten worden. Maschinengewehre waren beim Friedhof in Stellung gebracht, weil man Ausschreitungen befürchtete. Georg Schuhmann wurde gemeinsam mit seinem Sekretär, dem erst 18-jährigen Alois Lahn beerdigt.

          Am 5. Mai wird über Kolbermoor das Standrecht verhängt. Ortskommandant von Kolbermoor wird Hauptm .d .R. Dr. Benno Kreuter, Kommandant der derzeit in Kolbermoor liegenden Truppe Komp. Führer Seidel.

          Der „Anzeiger von Kolbermoor“ schreibt über die Verbitterung und den Hass der Kolbermoorer Bevölkerung: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreiung? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen.“

          Im Wochenbericht des Bezirksamtes wird die Stärke der Kommunisten in Kolbermoor noch immer auf etwa 900 geschätzt. Man vermutet, dass mehrere tausend Gewehre und einige Maschinengewehre für einen eventuellen Putsch verborgen gehalten würden.

          Der Vater von Alois Lahn (Kolbermoor) wendet sich am 26.5. an das Kriegsministerium mit dem Ersuchen, die Umstände der Ermordung seines Sohnes aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen, da nichts in dieser Hinsicht geschah.

          Am 19.07.1919 gibt der Kolbermoorer Bürgermeister Unsin (MSPD) einen Bericht an die Nachrichten-Abteilung des Wehrregimentes mit einer Liste derjenigen Personen, die während der Rätezeit auf spartakistischer Seite gestanden waren – selbstverständlich „streng vertraulich“.

          Am 17.09.1919 schildert der Vater von Alois Lahn im „Kolbermoorer Anzeiger“ ausführlich, wie der Überfall auf seinen Sohn vonstatten ging und fordert auf, die Mörder zu finden und vor Gericht zu stellen. Diese, Georg Schneider und Johann Rusch, werden ausfindig gemacht, aber Anfang Januar 1920 freigesprochen. Ihnen habe „das Bewusstsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt.“

          Am 07.02.1947 wird die Alpenstraße in Kolbermoor in Schuhmannstraße umbenannt. Dazu heißt es im einstimmigen Beschluss (SPD 7, CSU 6, KPD 2) des Gemeinderates: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“

          Am 04.05.1999 kommt es durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, KV Rosenheim, zur Aufstellung einer Gedenktafel in Kolbermoor für Georg Schuhmann und Alois Lahn sowie zu einem Historischer Rundgang auf den Spuren von Schuhmann und Lahn anlässlich des 80sten Jahrestages von deren Ermordung.

          Errungenschaften der Novemberrevolution und der Räterepublik

          Die Revolution sowie die Räterepublik wurden zwar blutig niedergeschlagen, aber vieles wurde damals erreicht, was bis in unsere heutige Zeit hinein nachwirkt.

          • Beseitigung der Monarchie
          • Wahlrecht für Frauen
          • Einführung des Achtstundentages
          • Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht
          • weitgehende Befreiung des Kulturlebens und der Medien von staatlicher Aufsicht und Zensur
          • Prügelstrafe an Schulen wird verboten
          • Zölibat für Lehrerinnen wird aufgehoben
          • erstmalig Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe
          • Ministerium für soziale Fürsorge, Sozialstaatsgedanke erstmals im Verwaltungsbau verankert
          • Ansätze der Koedukation
          • Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels
          • Anerkennung des Koalitions- und Streikrechts der Staatsarbeiter
          • Ende des landesherrlichen Kirchenregiments für den Protestantismus
          • Ende der staatlichen Kirchenhoheit (Diese sah die staatliche Zulassung von Kirchen- und Religionsgemeinschaften ebenso vor wie die staatliche Aufsicht über die Kirchen)

          In manchem Denken und Handeln waren die Räte auch unserer Zeit voraus

          • völlige Umgestaltung der Schule
          • aus autoritärer Untertanenschmiede des Kaiserreichs soll eine kreative, freigeistige Schule werden, die kritische Geister heranzieht (da fehlt es bei uns noch erheblich)
          • Sport und Kunst sollen eine größere Bedeutung bekommen
          • Einführung der Einheitsschule für alle Kinder vom 7. – 13. Lebensjahr
          • danach zweijährige praktische Ausbildung an einer Fortbildungsschule oder Weiterbildung auf einer Mittelschule

          Literatur

          Barck, Otto, Räterepublik im bayerischen Oberland. Deutsche Kommunistische Partei – Kreis München, München 2002

          Baumgärtner, Raimund, Die Revolutions- und Inflationszeit in Rosenheim, in: Rosenheim in den 20er Jahren, Ausstellungskatalog, S.11-16, Rosenheim 1986

          Günther, Egon, Bayerische Enziane, Hamburg 2005

          Haffner, Sebastian, Der Verrat. 1918/1919 – als Deutschland wurde, wie es ist, München 1994

          Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kap.6., Berlin 1967

          Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträt einer Revolution, Düsseldorf 2008

          Kögl, Otto, Revolutionskämpfe im südbayerischen Raum, Rosenheim 1969

          Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

          Münchner Räterepublik, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_R%C3%A4Terepublik

          Rittenauer, Daniel, Haus der Bayerischen Geschichte – Revolution in Bayern 1918/19, https://www.hdbg.eu/revolution/web/revolution.php/gemeinde/detail/ags/9163000

          Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

          Stäbler, Wolfgang, Rosenheim von 1918 bis 1933, in: Rosenheim. Geschichte und Kultur, S. 351 – 356, Rosenheim 2010

          Stadtarchiv Rosenheim, Revolution – Sturm auf das Rosenheimer Rathaus

          Andreas Salomon, 2017

          Das rote Kolbermoor – Veranstaltung in Kolbermoor anlässlich der Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

          Text von Andreas Salomon vom 02.12.2015

          Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

          ich begrüße Sie alle sehr herzlich heute zu dieser Veranstaltung, die notwendig geworden ist, weil wir nach der neuerlichen Gewalttat der Nazis hier in Kolbermoor nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können und wollen.

          Ich freue mich deshalb sehr, dass ich Prof. Dr. Klaus Weber aus München in unserer Mitte begrüßen darf. Wir beide sind mit den Gegebenheiten hier in Kolbermoor bestens vertraut. Er ist hier geboren und aufgewachsen, ich habe 30 Jahre hier gewohnt. Wir beide haben uns intensiv um die Geschichte dieser Stadt gekümmert und dabei besonders um die Rätezeit. Uns beiden ist klar, dass die Nazis offensichtlich alles daran setzen, die Erinnerung an die Rätezeit auszulöschen. Das werden wir zu verhindern wissen. Für heute Abend haben wir uns die Aufgaben so verteilt, dass ich die Rätezeit in Kolbermoor vor Ihren Augen lebendig werden lasse, also das, was wir vergessen sollen. Und Klaus hat sich das Thema gestellt „Vergessen machen – Kolbermoor, die Rätezeit und die Neonazis“.

          Zerstörung des Schuhmann-Lahn-Denkmals

          Überall im Landkreis gab es große Betroffenheit und Empörung, als die Zerstörung des Denkmals in Kolbermoor bekannt wurde, das an die Ermordung des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert.

          Es ist bereits der vierte Anschlag und von Mal zu Mal hat sich die Empörung darüber deutlich, ja sprunghaft gesteigert.

          Die erste Gedenktafel, die am 4. Mai 1999 von uns aufgestellt wurde, hielt nur bis zum Jahresende, dann wurde sie mit blauer Farbe so zugesprüht, dass sie nicht mehr zu reinigen war. In einem Leserbrief im Mangfall-Boten unter der Überschrift „Miteinander reden“ (Mangfall-Bote,11.1.2000) rief ich die Täter zu einem „offenen Gespräch“ auf. Wörtlich schrieb ich: „Meinungsverschiedenheiten sollten mit Worten ausgetragen werden und nicht mit dem Versuch, den anderen mundtot zu machen.“ Eine Reaktion der Täter blieb aus.

          Drei Jahre später war es wieder so weit. Mit Säure war versucht worden, die Schrift auf der neuen Gedenktafel unlesbar zu machen. Zum Glück konnte die teure Tafel restauriert werden.

          Der nächste Anschlag auf die Kolbermoorer Rätezeit im Jahr 2009 war nicht ein Anschlag auf die Gedenkstätte, sondern eine üble Provokation während eines Rundgangs auf den Spuren von Schuhmann und Lahn, den ich jedes Jahr ein- bis zweimal Jahr durchführe. Zwei junge Burschen in Tracht marschierten mit, von denen einer auf dem Rücken eine alte Schreibmaschine mitführte. Mit einer solchen war Alois Lahn auf den Tag genau 90 Jahre zuvor erschlagen worden. Wir ließen uns auf die Provokation nicht ein. Sie verhielten sich ruhig und stiegen anschließend in ein Auto, in dem Naziflugblätter lagen.

          Dann der Anschlag vom letzten Jahr! „Noske, do it again!“ in Riesenbuchstaben und zwei Hakenkreuze. Hakenkreuze auch in der Tonwerksunterführung. Als es um die Niederschlagung der Revolution von 1918/19 ging, war es allen voran der Polizeiminister Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ. Wenn die Nazis in Kolbermoor auf die Schuhmann-Tafel schmierten, Noske solle es noch einmal tun („do it again“), so ist das eine unmissverständliche Aufforderung , dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich aller fortschrittlichen Kräfte entledige. Ich schrieb damals in einer Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und für Freiheit und Demokratie uns einzusetzen.“

          Und jetzt der neuerliche Anschlag, der deutlich eine neue Qualität aufweist. Jetzt geht es ums Ganze: absolute Zerstörung der Tafel mit einem schweren Vorschlaghammer. Mit brachialer Gewalt wurde die schwere Marmortafel zertrümmert, um damit das Denkmal endgültig zu beseitigen.

          Fast hundert Jahre liegt die Kolbermoorer Rätezeit zurück und ist doch noch so lebendig, dass sie immer wieder den Zerstörungswillen der Nazis hervorruft.

          So wollen wir uns mit diesen so bedeutsamen sechs Monaten für Kolbermoor näher beschäftigen, mit der Zeit vom November 1918 bis zum Mai 1919, wobei aber gleich gesagt werden darf, dass mit dem Mai 1919 keineswegs alles vorbei war, denn die Kolbermoorer haben damals zwar eine Niederlage einstecken müssen, aber ihre Gesinnung dabei nicht verloren.

          Die Folgen des roten Kolbermoors

          Es ist überhaupt keine Frage, dass die Monate der Räterepublik in Kolbermoor, das wichtigste Kapitel der Stadtgeschichte sind. Es ist auch keineswegs so gewesen, dass mit dem 3. Mai 1919 alles vorbeigewesen ist. Am 22. Mai 1919 stand im Kolbermoorer Anzeiger über die angeblichen Befreier zu lesen: „Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen“ (Landgrebe, S. 155). Und Christa Landgrebe zeigt in ihrer Doktorarbeit „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südost-bayerischen Raum“ weiter auf, welche Nachwirkungen sich in Kolbermoor in den nachfolgenden Jahrzehnten beobachten ließen. So lesen wir dort: „Für die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewußtseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie“(S. 166).

          Widerstand in Kolbermoor gegen die Nazis

          Zwar versuchte die NSDAP schon frühzeitig in Kolbermoor Fuß zu fassen und Adolf Hitler hielt bereits am 19. Juni 1920 seine erste Rede außerhalb von München in Kolbermoor, was aber die Kommunistische Partei nicht hinderte in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen. Landgrebe schreibt, dass es der KPD gelang „durch Versammlungen und Gründung von Organisationen einen größeren Teil der Arbeiter- bevölkerung anzusprechen“ (S. 163). Schon in den früher 20er Jahren entstanden Ortsgruppen der „Roten Hilfe“ und des „Rotfrontkämpferbundes“. Vor allem Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot waren die Themen, über die referiert wurde. Die Konferenzen leitete meist Ewald Thunig. „Zu Beginn der 20er Jahre“ – so Landgrebe – „läßt sich von einem wachsenden Klassenbewußtsein bei Teilen der Kolbermoorer Arbeiterschaft sprechen“ (S. 160). Noch in den 30er Jahren heißt es im Tagesbericht des Bezirksamts Aibling an die Bayerische Politische Polizei vom 10.9.1936, dass „…die Verhältnisse in Kolbermoor…offenbar immer noch nicht als endgültig ruhig betrachtet werden (können)….“ So wurden im November 1936 acht Kolbermoorer Arbeiter „wegen Singens der Internationale bzw. antinationalsozialistischen Verhaltens“ vorüber-gehend festgenommen. (Landgrebe, S. 164) In ihrem Aufsatz „Chronik des Widerstands in Kolbermoor 1931-1945“ zeigt Edda Kühne eine große Zahl ähnlicher Aktionen auf. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd. 1, S. 126-138)

          Die letzten 30 Jahre in Kolbermoor

          Erst nach dem 2. Weltkrieg gerät das rote Kolbermoor zunehmend in Vergessenheit und die Stadt macht vielmehr Schlagzeilen mit dem Erstarken braunen Gedankenguts in Gestalt der Republikaner und anderer Rassisten. Nikolaus Ziegler weist in seinem Aufsatz „Neonazis und Rechtsextremisten in Kolbermoor“ nach, was sich in der Zeit von 1986 bis 2004 an entsprechenden Aktionen bis hin zum rassistischen Mord an Carlos Fernando ereignete. (Jahrbuch zur Geschichte Kolbermoors, Bd.2, S. 199 – 205).

          Wiederentdeckung der Kolbermoorer Rätezeit

          Wie kam es jetzt dazu, dass die Ereignisse der Räterepublik in Kolbermoor wieder bekannt wurden. Ein erster Versuch wurde 1989 zum 70sten Tag der Ermordung von Schuhmann und Lahn durch eine Gruppe um Klaus Weber versucht, wo auch eine erste provisorische Gedenktafel aufgestellt wurde. Die durchschlagende Wirkung blieb aber noch aus.

          Was es gab, war der Film Auf den Spuren des roten Kolbermoors„,der schon 1986 im Fernsehen ausgestrahlt wurde und dann die schmachvolle Chronik von Horst Rivier.

          Im Sommer 1998 sprach mich der Kolbermoorer Ortskartellvorsitzende Hans Lorenz an, ob wir von der GEW nicht einmal diesen besagten Film zeigen wollten. Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung, die ich daraufhin organisierte, stieß ich auf Riviers Chronik und war zutiefst erschrocken, was ich dort las. Einige Kostproben:

          Geschichtsverfälschung durch Horst Rivier

          „Um eine ruhige Entwicklung zu verhindern, bemühte sich eine zunächst kleine Gruppe Linksstehender, die nun unzufriedene große Masse zu gewinnen, um mit dieser die Revolution zu machen.“ („Heimat Kolbermoor“, 1997, Bd.2, S. 44)

          „Aber gerade sie waren es, die in unserem bis dahin wirklich friedlichen Ort nach dem Muster eines Kurt Eisner die Revolution heraufbeschworen. Es wurden hier nun Soldatenräte, Bauernräte und Gruppen von aufgeputschten revolutionären Arbeitern zu den Massenversammlungen organisiert“ (S. 44).

          „Aus der alten Sozialdemokratischen Partei gründeten die radikalen Elemente die ´Unabhängige Sozialdemokratische Partei`(USPD); diese Richtung war aber vielen von diesen noch zu gemäßigt und die schärfsten und größten linken Fanatiker sammelten sich als `die Spartakisten`. Daß solch links extreme Hetze keine guten Früchte tragen konnte, lag auf der Hand.“ (S. 45)

          Rivier schrieb weiter von „roten Auswüchsen“ (S. 46), „hysterischen Frauen„(S.46) usw.. Abschließend behauptete er, seine Informationen beruhten auf Gesprächen mit Zeitzeugen, die er dann auch nennt. Es dauerte etwas, bis ich herausfand, dass alles erstunken und erlogen war. Rivier hatte einfach bei einem anderen Chronisten abgeschrieben, nämlich bei Albert Loher, der seinerzeit Prokurist bei der Spinnerei war und natürlich aus vorurteilsbeladener Sicht der herrschenden Klasse schrieb.

          Neuanfang der Geschichtsschreibung nötig

          Damit war für mich klar, dass die Geschichte neu geschrieben werden musste. Als kurz darauf auch der DGB eine Veranstaltung in Kolbermoor zum gleichen Thema durchführte und der DGB-Kreisvorsitzende Lorenz Ganterer direkt aufforderte, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen, war der Startschuss gefallen. Das war im September 1998. Durch Zufall kam ich darauf , dass der kommende 4. Mai 1999 der 80. Todestag von Schuhmann und Lahn war. Damit war ein Zeitpunkt gegeben, um entsprechende Ergebnisse zu präsentieren.

          Ich griff zum Telefonbuch. Gibt es noch Nachfahren von Schuhmann oder Lahn? Und stieß auf eine Frau Lahn-Obermüller, die mit einem Bruder von Alois verheiratet war. Ich ging zur Stadt und ließ mir die Melderegister von Schuhmann heraussuchen. Ich suchte die Gräber auf dem Friedhof, die Wohnungen, fand die Schuhmannstraße und bekam mit Mühe heraus, wann diese Straßenbenennung stattfand. Das war am 7.2.1947 gewesen. In der Begründung finde ich den bemerkenswerten Satz: „Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält“.(Andreas Salomon, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“, Kolbermoor, 2000, S.15). Der Stadtratsbeschluss war einstimmig! Ich ging zum Pfarrer, der mir die Sterberegister heraussuchte. Und eine sensationelle Entdeckung: Am Rand steht eine viele Sätze lange handschriftliche Bemerkung, die zwar schwer zu entziffern ist, aber viele wichtige Informationen enthält. (a.a.O., S.100)

          Erste Recherchen

          „Georg Schuhmann, Beruf Installateur, 1. Vorsitzender des revolutionären Arbeiterrates, Kopfschuß, Beerdigung mit 3 Geistlichen auf Forderung der Arbeiterschaft. Geboren 6. März zu Bamberg, wurde bald Führer der radikalen Arbeiterbewegung, nach dem Tode Eisners 1. Vorsitzender des neuen Volksrates, seit 29. April des revolutionären Arbeiterrates.“ Und später heißt es: „Herr Dr. Solleder ersuchte um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teiles der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

          Über Alois Lahn stand am Rand, wo er wohnte, Ludwigstraße 9, dass er ledig war. Geboren am 27. März 1901, Sohn der Fabrikarbeitereheleute Lahn, zugleich mit Schuhmann erschossen.

          Erste Mosaiksteine waren zusammengetragen. Nun ging ich ins Kolbermoorer Stadtarchiv. Hatten die Räte irgendetwas hinterlassen? Nach den Darstellungen bei Rivier schien dies ja nicht der Fall zu sein. Doch welche Überraschung: Ich entdeckte das Beschlussbuch der Räte, das Protokollbuch all ihrer Sitzungen und obendrein noch weitere wichtige Dokumente.

          Nun war erstmalig die Möglichkeit gegeben, nachzuprüfen, was die Räte wirklich gemacht hatten. Nun konnte man dem vorurteilbeladenen Geschwätz von Rivier und seinen Anhängern etwas entgegensetzen. Langsam schälte sich heraus, was damals wirklich passiert war und ich beschloss, es der Öffentlichkeit bei einem historischen Rundgang durch Kolbermoor am 4. Mai 1999 bekannt zu machen, den ich sorgfältig mit entsprechender Pressearbeit vorbereitete. Denn mir war klar, hier ging es nicht nur darum ein historisches Kapitel der Stadtgeschichte wieder sichtbar zu machen, sondern es ging gleichzeitig um den Kampf, das bewusst Verdrängte, das Unangenehme zu beleuchten und damit um ganz konkrete Tagespolitik.

          Der Kampf um die Gedenktafel

          Ständig schrieb ich Leserbriefe und kleine Artikel im Mangfall-Boten, um für das Thema den Weg zu bereiten. Dann stellte ich über die Grüne Liste im Stadtrat den Antrag, eine Gedenktafel zu errichten, so dass sich der Stadtrat mit diesem Thema beschäftigen musste. Als er abgelehnt wurde, wenn auch knapp, wiederholte ich den Antrag zusammen mit dem DGB-Ortskartellvorsitzenden, wobei ich auch stets sichtbar machte, dass hinter mir die GEW stand, deren Mitglieder mich auch in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten. Nun kam es aber nicht mehr zur Abstimmung, weil der 2. Bürgermeister Schrank herausgefunden hatte, dass der Grund, auf dem die Tafel stehen sollte, gar nicht der Stadt gehöre. Man war froh, aus dem Schneider zu sein. Im April starteten wir eine ganze Leserbrief Serie, die dann die eigenmächtige Aufstellung der Tafel vorbereitete. Einen langwierigen Schriftverkehr mit der Bahn AG wollten wir uns ersparen – es fehlte auch die Zeit, denn der 4. Mai rückte immer näher.

          Der historische Rundgang am 4.Mai 1999

          Um dem Rundgang die nötige Breitenwirkung zu verleihen bat ich den CDU-Bürgermeister Reimeier um die Eröffnungsansprache. Sämtliche Fraktionen wurden angeschrieben mit der Bitte, einen Sprecher zu stellen. Die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf wurde um Stellungnahme gebeten usw.. Wichtig war für mich auch Prof. Dr. Klaus Weber mit einzubeziehen. Zum einen hatte er sich schon lange vor mir mit der Räterepublik beschäftigt, zum anderen war er Kolbermoorer und zum Dritten wusste ich aus alter Freundschaft, dass bei ihm das Thema in guten Händen war und ist.

          Der Rundgang wurde ein außergewöhnlicher Erfolg mit gut 80 Teilnehmern. In der Folge führte er zur Entstehung meines Buches, einem Film und schließlich zur Gründung der Kolbermoorer Geschichtswerkstatt. Er löste auch heftigste Auseinandersetzungen mit Horst Rivier und seinen Mitstreitern vom Förderverein des Heimatmuseums aus und führte zu einer tiefgründigen Kritik von Riviers Chroniken, die wir auf Grund der unseriösen Geschichtsschreibung, der Lügen und Verdrehungen, der einseitigen, vorurteilsbeladenen Sicht der Dinge als ausgesprochen wertlos einstufen mussten, ja als gefährlich für die Leser, die das dort Geschriebene womöglich als bare Münze nehmen. Dieser Streit hält bis heute an, auch wenn sich nach Riviers Tod die Fronten etwas zu lockern scheinen.

          Unser Rundgang begann damals vor dem Schuhmann-Haus, an dem ich seinerzeit eine Gedenktafel anbringen ließ. Dort war Schuhmann am 1.2. 1919 eingezogen und drei Monate später von seinen Mördern überfallen und herausgezerrt worden. Vorher hatte er seit 15.11.1918 in der Karlsstraße gewohnt. In das Schuhmann-Haus war er zu seiner Schwester gezogen. Inzwischen ist das Haus nach einem Brand abgerissen worden. Es fehlte das historische Bewusstsein, dieses Gebäude zu erhalten und vielleicht zu einer Gedenkstätte an die Räterepublik in Kolbermoor und insgesamt im Landkreis Rosenheim umzugestalten.

          Historische Grundlagen der Kolbermoorer Rätezeit

          Natürlich ist die Kolbermoorer Rätezeit nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbaut, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem verlorenen 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Und was Schuhmann und seine Weggefährten durchführten, war nur möglich auf dem Hintergrund einer vergleichsweise weit entwickelten Arbeiterbewegung vor Ort.

          Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten. Am 19.10.1918 meuterten in Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand breitete sich wie ein Lauffeuer über das Land. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz um besitzenden Adel und Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnehmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratische bayerische Republik proklamiert.

          Die Ereignisse in Kolbermoor

          Auf diesem Hintergrund rief vier Tage später, am 11.11.1918,  die SPD in Kolbermoor zu einer Massenversammlung in den Mareissaal, die von allen Schichten der Bevölkerung besucht wurde. Der Saal war dicht besetzt. Hier wurde der 1. Volksrat gegründet, der 25 Mitglieder hatte, die aus allen Schichten kamen. 1. Vorsitzender war der Gastwirt Franz Sperber, 2. Vorsitzender der Bürgermeister Edmund Bergmann. Der Volksrat wurde als ein Kontrollorgan aufgefasst, „um die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ (Beschlussbuch, S. 5). Die Ärztefrage wird behandelt sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Missstände bei der örtlichen Lebensmittelzuteilung werden beklagt. Ein gewählter Lebensmittelausschuss soll die Geschäfte überwachen. Und zur Sicherheit wird ein Wachkommando vorgeschlagen.

          Immer wieder geht es um die gerechte Verteilung der Lebensmittel. Gerügt werden zu hohe Preise für bestimmte Genussmittel und Kleidungsstücke. Und Vorschläge werden gemacht, wie durch Beschaffung von Notstandsarbeiten der Arbeitslosigkeit zu begegnen sei. Aber auch zahlreiche andere lokale Probleme werden diskutiert. Kritik wird am Gemeinderat laut, der sich um manches zu wenig kümmere und es wird beschlossen, drei Beobachter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses zu schicken..

          6 Wochen später, am 2.1.1919, tritt der Volksrat zurück, weil aus eigenen Reihen an seiner Arbeit Kritik geübt worden war und weil zu viele „bürgerliche Elemente, sogar zwei Kommerzienräte und Kriegsgewinnler“ (S. 27) in ihm säßen. Hier bahnte sich bereits 6 Wochen früher als in Rosenheim und in München der Weg zu einer radikaleren Richtung an.

          Am 8. Januar wird ein neuer Volksrat gewählt. Wieder ist der Mareissaal prall gefüllt. Jetzt werden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Bürgerlicher, ein Lehrer und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Gewählt wurde auch Georg Schuhmann, der in der ersten sich anschließenden Sitzung 1.Vorsitzender wird. Schuhmann ist 32 Jahre alt und gerade aus dem Krieg in die so genannte Sanierung zwischen Rosenheim und Kolbermoor gekommen, ein Auffanglager für Kriegsheimkehrer, die hier entlaust und neu eingekleidet wurden. Welche politische Ausbildung Schuhmann hatte und welche politischen Erfahrungen, konnte bisher nicht erforscht werden. Außer dem Beschlussbuch hat er keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen. Nicht eine seiner Reden ist bekannt. Eine einzige kann ihm wahrscheinlich zugeschrieben werden.

          Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er einiges an Erfahrung mitbrachte. Denn nur so ist es verständlich, dass er sich verhältnismäßig schnell innerhalb der Kolbermoorer Arbeiterbewegung profilieren konnte. Der Boden in Kolbermoor für eine Politik im Interesse der breiten Bevölkerung war zweifellos gegeben. Große Fabriken wie die Spinnerei und das Tonwerk hatten schon früh einen gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluss der Arbeiter zur Folge gehabt. Wie aber Schuhmanns Entwicklung in Kolbermoor sich im Einzelnen darstellte, weiß man nicht. Sicher ist nur, dass er bald ein unglaublich großes Maß an Anerkennung fand, ja dass er geradezu eine charismatische Figur gewesen sein muss.

          Kaum war der neue Volksrat gewählt intensivierte er seine Arbeit erheblich. Immer mehr Themen stehen auf der Tagesordnung wie der Straßenbau, der Uferschutz an der Mangfall, die Verrohung der Jugend durch den Krieg. Schleichhandel oder Wucherpreise werden noch sorgfältiger verfolgt. Der 8 – Stunden –Tag und entsprechende Entlohnung werden diskutiert. Entschieden bemüht sich der Volksrat um soziale Gerechtigkeit. Der Einsatz des Volksrates bezüglich seiner Kritik an schlechten Lebensmitteln hat Erfolg. Klagen und Beschwerden, die beim Volksrat eingehen, werden an die Gemeinde weitergeleitet. Der Einfluss Schuhmanns wächst immer mehr. Am 5.2.1919 beschließt der Volksrat, dass Schuhmann regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abhält. Die Anträge des Volksrates werden von der Gemeinde weitgehend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck, dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor bestimmt und der Gemeinderat zur Exekutive wird. Inwieweit das tatsächlich stimmt, müsste noch durch einen Abgleich der Gemeinderatsprotokolle aus jener Zeit mit den Protokollen der Räte geschehen.

          Die Vorgänge vom 22.2.19 überraschen deshalb nicht sonderlich. Am Tage nach der Ermordung Eisners wird der Bürgermeister zur Volksratssitzung eingeladen. Schuhmann schildert ihm die Vorgänge in München und Rosenheim, die zu den Rücktritten der Bürgermeister geführt hätten und führt aus, dass nun auch „in Kolbermoor nichts zu tun übrig bliebe, als diesem Beispiel zu folgen“ (S.49) Wörtlich heißt es weiter: „Er teilte mit, daß in der Arbeiterschaft Kolbermoors eine starke Missstimmung gegen Herrn Bürgermeister Bergmann sowie gegen Herrn Sekretär Loy sich bemerkbar gemacht hätte und daß voraussichtlich auch für diese beiden Herren der Gedanke des Rücktritts in Frage käme.“ Daraufhin trat Bergmann zurück. Bei Rivier liest sich das übrigens so: „Mit einer bewaffneten Menge zog er vor das Rathaus, wo der langjährige Bürgermeister Edmund Bergmann dem Revolutionär, dem Rotgardisten Georg Schuhmann, weichen mußte.“(S. 45)

          Der Volksrat setzte nun seine Aktivitäten mit ungeminderter Intensität fort, ja die Fülle der Aktivitäten nahm eher noch zu. Die Löhne von Gemeindeangestellten werden erhöht, neue Kräfte eingestellt, die Pension des Gemeindedieners erhöht, den Kriegsinvaliden zunächst je 100 DM zugewiesen, ein Tanzkurs genehmigt, beschlossen, bestimmte Gemeindewege zu reparieren, Kundenkarten für sämtliche Lebensmittel eingeführt und beschlossen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen vorzugehen.

          Und wieder dreht das Rad der Geschichte sich weiter. Ein dritter Volksrat wird am 29.4.gewählt. Einstimmig wird Schuhmann wieder gewählt, der erklärt, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können“ (S. 63). Der neu gewählte Volksrat, der wieder im voll besetzten Mareissaal gewählt wird, heißt nun: Revolutionärer Arbeiterrat.

          Aber dieser Volksrat traf sich nur zu einer einzigen Sitzung, dann zog sich schon der Ring der Weißgardisten rund um Kolbermoor zusammen. Wie eine Festung war Kolbermoor ausgebaut und zur Verteidigung bereit, aber die Lage war aussichtslos. Kolbermoor, die letzte rote Bastion in Bayern, musste sich ergeben. Schuhmann selber hatte erkannt, dass nur ein großes Blutvergießen die Folge eines Kampfes gewesen wäre und plädierte dafür, sich zu ergeben. Heftige Auseinandersetzungen im Mareissaal gingen der Entscheidung voran. Dann wurden die Waffen gestreckt.

          Die Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

          Georg Schuhmann und Alois Lahn wurden am nächsten Morgen, Sonntag den 4. Mai 1919 aus ihren Betten gezerrt, misshandelt, zur Tonwerksunterführung und geschleppt und dort ermordet. Alois Lahns Vater schrieb über die Ermordung seines Vaters am 17.9.1919 im „Anzeiger für Kolbermoor“: „(…) Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von zwei gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten).

          Ein Teil des Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen zwei Anzüge und ein Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeifer sogar noch das 4-jährige Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift. (…) und ohne Urteil erschossen“.

          Bei der Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn war der Friedhof schwarz von Menschen. Auf einem Foto des Grabes kann man auf Kranzschleifen lesen: „Ein letzter Gruß dem (ein Wort nicht lesbar) Kämpfer – die Arbeiterschaft der Spinnerei“ oder „Letzter Gruß unserem unvergesslichen Schuhmann“.

          Die Bedeutung der Räterepublik

          In den Novembertagen des Jahres 1918 bildeten sich in Deutschland spontan Arbeiter- und Soldatenräte. Unmittelbar aus sich selbst heraus und zunächst ohne ausgereiftes theoretisches Konzept forderten Arbeiter eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft. Kapitalismus, bürgerliche Demokratie und Staatsbürokratie sollten von unten, von den Betrieben her, überwunden werden, alle politischen und wirtschaftlichen Leitungsaufgaben sollten künftig in den Händen demokratisch gewählter, streng kontrollierter und jederzeit abrufbarer Räte liegen. Es war die Idee einer gleichermaßen in Staat und Wirtschaft zu erkämpfenden, von breitesten Volksschichten getragenen direkten Demokratie. Dass ein derartig revolutionäres Ziel die Anhänger des kaiserlichen Obrigkeitsstaates und aller Parteien und Organisationen auf den Plan rief, die sich für eine bürgerliche Republik mit kapitalistischem Wirtschaftssystem entschieden hatten, versteht sich. Den Räten stand bis auf die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) und die kommunistische Partei (KPD) eine breite Parteienphalanx gegenüber. Was mit der Forderung „Alle Macht den Räten!“ begonnen hatte, wurde schließlich mit Waffengewalt beendet. Vom Reichswehrminister ausgesandte Strafexpeditionen zerschlugen die Hochburgen der radikalen Arbeiterschaft. Was am 3. November 1918 in Kiel begonnen hatte, endete am 3. Mai 1919 in Kolbermoor.

          Zeitweise hatte die politische Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte gelegen. Erstmals in der deutschen Geschichte suchten die Menschen unmittelbare Demokratie zu praktizieren. Der Arbeitsrechtler und Sozialdemokrat Hugo Sinzheimer schrieb 1919 in seinem Buch „Das Rätesystem“: Der Mensch „will sein Leben selbst gestalten und eine neue Lebensordnung schaffen, in der der Mensch sich selbst gehört und nicht für fremde Zwecke verbraucht wird. Die Kräfte, die das Lebensschicksal bestimmen, selbsttätig auf allen Gebieten in der Hand zu haben und zu lenken, ist der innerste Drang, der einen großen Teil der Masse beseelt, die dem Rätegedanken folgt.“ (Hugo Sinzheimer, Das Rätessystem, 1919, S.7). Dieter Schneider und Rudolf Kuda schreiben in ihrem Buch „Arbeiterräte in der Novemberrevolution, Ideen, Wirkungen, Dokumente“ (Suhrkamp 1969): „Räte bildeten sich, wo Unterdrückte und Unterprivilegierte gegen ihr Schicksal aufbegehrten, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen wünschten mit dem Ziel, in einer revolutionären Situation die gesellschaftliche Entwicklung zu ihren Gunsten zu beeinflussen“ (S.35). Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auch auf Hannah Arendt, die den Geist des Rätesystems als „echt demokratisch“ (S.35) bezeichnete. Und auch in Kolbermoor wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt mit der Begründung, dass Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste.“

          In München wird zurzeit gefordert, den Marienhof in Kurt-Eisner-Platz umzubenennen. Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates Kurt Eisner rief den Freistaat Bayern aus. Bayern erhielt die erste demokratische Verfassung. Das allgemeine Wahlrecht, der 8-Stunden-Tag, die Trennung von Kirche und Staat und basisdemokratische Gesellschaftsstrukturen wurden eingeführt.

          Unsere Aufgabe muss es sein, die Erinnerung an die Rätezeit wachzuhalten und allen Versuchen der Nazis, diese auszulöschen, entschieden entgegenzutreten.

          Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

          Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

          In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet.

          1999 wurde zum 80. Gedenktag von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft am Ort der Ermordung im Rahmen eines feierlichen historischen Rundgangs im Beisein des seinerzeitigen Bürgermeisters und vieler anderer Vertreter aus dem politischen Leben eine Gedenktafel errichtet.

          Der jetzige Anschlag auf die Erinnerungstafel ist bereits der vierte. Schon nach einem Jahr (2000) war die Tafel derart mit blauer Farbe zugesprüht, dass sie durch eine neue ersetzt werden musste. Einige Jahre später folgte ein Säureanschlag und in der Nacht zum 1. Juni 2014 wurde die Tafel mit schwarzer Farbe beschmiert. Die Täter schrieben: „Noske, do it again“ und hinterließen dazu zwei große Hakenkreuze. Noske war für die Niederschlagung der Revolution 1918/19 als Polizeiminister mitverantwortlich. Er ging dabei mit äußerster Brutalität vor und hunderte von Menschen wurden ermordet. Bekannt ist sein Ausdruck: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ.

          Erst am 24. Oktober habe ich für den Historischen Verein Rosenheim einen Rundgang auf den Spuren der Kolbermoorer Rätezeit durchgeführt, an dem an die 50 Interessierte teilnahmen.

          Der aktuelle Anschlag ist derjenige, der mit der bisher größten Gewalt durchgeführt wurde. Allein das erforderliche Werkzeug zeigt den geplanten Wunsch, die Tafel zu zerstören und damit die Erinnerung an die Rätezeit in Kolbermoor auszulöschen.

          Wir verurteilen die Gewalttat aufs Schärfste und haben Anzeige bei der Polizei in Bad Aibling gestellt. Wir lassen uns nicht einschüchtern und werden die Erinnerungsarbeit fortsetzen.

          Andreas Salomon, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreis Rosenheim