Kalender wieder erhältlich

Die Erst- und Zweitauflage unseres Kalenders sind vergriffen. Da uns aber immer wieder Anfragen erreich(t)en und wir auch gerne unsere Rechercheergebnisse weitergeben möchten, haben wir uns für einen Kompromiss entschieden: Eine Drittauflage im „book on demand“ (Buch auf Bestellung) Verfahren.
Wir stellen unsere Druckdatei zur Verfügung, zur Produktion kommt es erst unmittelbar nach der Bestellung (dauert ca. 10 Werktage). Im Vergleich zur Erst- und Zweitauflage gibt es hier einige Nachteile: Das Papier ist zwar FSC-zertifiziert aber nicht 100% Recyclingpapier, wir kennen die Druckerei und ihre Produktionsbedienungen nicht, es gibt keine farbigen Abbildungen, der Umschlag ist nicht cellophaniert, durch das 90g-Papier ist der Kalender dicker und somit unhandlicher, er hat nicht mehr „unser Kalenderformat“, sondern ist genormt auf DinA6. Außerdem kostet der Kalender nun 13,83 Euro. Hierzu möchten wir kurz anmerken, dass wir unser Honorar auf 0,00 Euro gesetzt haben und Du mit dem von epubli vorgegebenen Mindestverkaufspreis lediglich den Druckpreis, den Vertrieb und die Mehrwertsteuer bezahlst.
Den Kalender gibt es hier: https://www.epubli.de/shop/buch/82020
Und ab Mitte Januar im Buchhandel → ISBN: 9783746796086

Ernst Toller Vortrag zum Nachhören

Ernst Toller Vortrag zum Nachhören

Am 4. Dezember 2018 referierte Andreas Salomon zum Thema „Ernst Toller – Sozialistischer Revolutionär und Literat“ im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung, Rosenheim. Für alle die den Vortrag verpasst haben, den Audiomitschnitt des Referates findet Ihr auf Soundcloud:

https://soundcloud.com/user-795442026/vortrag-ernst-toller

 

Ernst Toller – sozialistischer Revolutionär und Literat

Vortrag von Andreas Salomon am 14.12.2018 im Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung.

Ich fasse das Leid nicht, das der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hinein zu fühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden?“ (Toller, Eine Jugend in Deutschland, S.215)

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

mit der heutigen Veranstaltung möchte ich Ihnen einen herausragenden Revolutionär der Münchner Räterepublik vorstellen, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er am 7. April 1919 zum Zentralratsvorsitzenden der 1. Räterepublik gewählt wurde. Aber Toller war viel mehr als nur ein Revolutionär, er war ein großer Humanist und Pazifist, ein brillanter Rhetoriker und vor allem ein bedeutender Autor des Expressionismus. Nicht nur auf avantgardistischen Theaterbühnen war er zu Hause, sondern auch an Rednerpulten, in Zeitungsblättern oder im noch jungen Hörfunk. Als er seinem Leben 1939, also vor 80 Jahren, zermürbt vom Faschismus mit 46 Jahren ein Ende setzte, schrieb sein Freund Lion Feuchtwanger: „Wenn einer, dann war er eine Kerze, die, an beiden Enden angezündet, verbrannte.“

Am 3. August 1924 hielt Ernst Toller als Ehrengast der Arbeiterkulturwoche in Leipzig eine Rede zum Gedenken an die Kriegstoten. Seine rhetorische Brillanz und seine vorbehaltlose Offenheit beschrieb der Dramatiker Günther Weisenborn, der damals noch ein junger Medizinstudent war und das Ereignis vom Fenster einer Erste-Hilfe-Station verfolgte:

„Im Rahmen des offenen Fensters sehe ich ihn. Erhöht über der Masse unter den niederen Ziehwolken des regnerischen Abendrothimmels, schlank, schwarz und kalt. Er spricht kalt, noch beherrscht mit einem leisen Beleidigtsein, mit jener nervigen Eleganz, die durch seine Bewegungen sensibel vibriert. Und dann bricht er aus und schleudert eine rasende Anklage gegen alles, was Krieg heißt, in den trüben Septemberhimmel Leipzigs, über die graue unübersehbare Masse von sächsischen Arbeiterköpfen.

Dieser ist der Wort gewordene Wille der Massen, dieser ist die Anklage gewordene Klage des Leipziger Industriekulis, dies ist ein Ereignis! Die alte wortlose Arbeitersehnsucht verwandelt Ernst Toller in Ausdruck, in Sätze, in Worte, und in der Glut seines Mundes werden die Worte zur sprungbereiten Wut der Ausgebeuteten. Er steht hier im Park wie Feuer in den Bäumen, ein Mann, jung, schwarzhaarig, elektrisch, fast stammelnd vor Ergriffenheit, das Profil des Expressionisten… Er ist der flammende Haß auf den Krieg und die Kriegsstifter. Er weint, er ist erschüttert, und der erschüttert die Masse. Sie wissen, dieser ist kein glatter Papanini der Rhetorik. Dieser ist Ernst Toller.“(Dove, 168)

Ernst Toller wurde am 1. Dezember 1893 in Samotschin, einer kleinen Stadt im heutigen Polen und damaligen Königreich Preußen, geboren. Aber kennt heute überhaupt noch jemand Ernst Toller oder verbindet gar den Titel eines Dramas mit seinem Namen? Man muss einräumen, er ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Vielleicht gibt es am 1.Dezember eine Geburtstagsfeier bei der Ernst-Toller-Gesellschaft in Neuburg an der Donau. Aber Aufführungen seiner Stücke haben auf deutschen Bühnen Seltenheitswert. Ab und zu wird noch „Hoppla, wir leben“ gegeben, das erste Drama, das Toller in Freiheit nach seinem fünfjährigen Gefängnisaufenthalt schrieb. So 2010 in Augsburg und dieses Jahr in Weinheim und Mannheim. Sonst wird nur noch in zwei Wochen in Hamburg der lyrische Zyklus „Das Schwalbenbuch“ vorgetragen.

Dabei gelangte Toller schon zu Lebzeiten zu großem Ruhm und war in den zwanziger Jahren der bekannteste lebende deutsche Dramatiker. Sein Ruf überragte den der Expressionisten Georg Kaiser sowie Carl Sternheim und sogar den von Bertolt Brecht. Ende der zwanziger Jahre war sein Werk in 27 Sprachen übersetzt und alle wichtigsten Bühnen der ganzen Welt hatten seine Stücke aufgeführt. Er galt als „das Wunderkind des deutschen Theaters“. Und natürlich kannte man ihn auch als einen der Führer der „unglücklich gescheiterten bayerischen Räterepublik“ (Dove, 13), wie einer seiner Biographen es formulierte. Und dadurch war er schließlich zu dem bekanntesten politischen Gefangenen der Weimarer Republik geworden. Während der Anarchist und Freund Eisners Gustav Landauer brutal ermordet worden war und Eugen Leviné von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde, kam Toller mit dem Leben davon, musste aber fünf Jahre Haft bis auf den letzten Tag in der bayerischen Festung Niederschönenfeld absitzen. Als man ihn anlässlich der 100. Aufführung seines Theaterstückes „Die Wandlung“ freilassen wollte, lehnte er das mit der Begründung ab, er wolle keine Privilegierung gegenüber den anderen 100 Revolutionären, die ebenfalls in der Festung einsaßen.

Diese Gesinnung ist für Toller absolut symptomatisch. Er war ein überaus engagierter Sozialist, dem ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, an Empathie gegeben war und der sich überall für andere Menschen zur Abwendung ihrer Not einsetzte, wo es ihm nur möglich war. Er kämpfte dabei leidenschaftlich sein Leben lang gegen den Kapitalismus und für eine Gesellschaft, die von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit gekennzeichnet ist und in der es keine Angst und keinen Hunger mehr gibt. Nur diese Vorstellung habe ihn die harten Jahre der Festungshaft durchhalten lassen, wie er es am Ende seiner Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ (S.215) schreibt.

Kindheit, Jugend und Studentenzeit

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ernst Toller wie erwähnt in der Kleinstadt Samotschin, die damals gerade einmal 3000 Einwohner umfasste. Sie lag in der preußischen Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, aber in ethnischer und historischer Hinsicht polnisch war. Die Tollers waren Juden und gehörten zu den alteingesessenen Kaufmannsfamilien. In den „Briefen aus dem Gefängnis“ schreibt Toller rückblickend: „Ich hatte keine Jugend, die mir Freude gab“(S.28). Das wirft die Frage auf, ob sich diese allgemeine Feststellung konkreter fassen lässt? Lassen sich also irgendwelche genaueren Hinweise finden, sprich Erfahrungen Tollers, die auf sein späteres Leben bereits hindeuten? Konkret gesprochen, wie wird jemand Revolutionär?

Zum Beispiel wurde er früh mit dem Antisemitismus seiner Zeit konfrontiert, den die ca. 130 Juden der Kleinstadt zu spüren bekamen. Nicht nur sein Vater nannte sich bereits vorsichtshalber Max mit Vornamen statt Mendel, sondern auch Ernst fühlte sich als Jude zurückgesetzt, erlebte das Gefühl der Fremdheit und wollte sein „wie die anderen“. Außer diesen religiösen Ressentiments erlebte er auch große soziale Gegensätze. Während die Tollers zu den wohlhabenden arrivierten bürgerlichen Kreisen gehörten, kam sein erster Freund aus einer elfköpfigen polnischen Familie, die zahlreiche Diskriminierungen erfuhr. In diesen Zusammenhang gehört auch das Erlebnis mit dem Armenhäusler Julius. Bauern laden ihn zum Schnaps ein, bis er betrunken ist. Dann bekommt er einen epileptischen Anfall. Niemand hilft ihm und Julius stirbt. Toller notiert rückblickend: „Ich kann nicht schlafen, ich bin zum ersten Mal der Grausamkeit der Welt begegnet“(Jugend, S. 30). Er erlebt, „wie der Schwache brutal vom Starken niedergetrampelt wird“ (Rothe, S.29). Toller schreibt als Schüler anonym darüber für die Lokalpresse einen Aufsatz. Der Bürgermeister vermutet, seine Feinde in der Stadt würden dahinter stecken und fühlt sich bedroht und beleidigt. Die Angelegenheit eskaliert. Sein Name kommt auf. Ein Rausschmiss aus der Schule droht. Nur mit Mühe kann Tollers Vater als Stadtverordneter die Sache wieder gerade biegen. Toller lernt, welche Folgen das Engagement für Erniedrigte für einen selbst haben kann und auch, wie Probleme sich klären lassen, wenn man Beziehungen hat.

Eine weitere prägende Erfahrung war auch 1905 eine sehr schwere Erkrankung, als Ernst 12 Jahre alt war. Über ein Jahr lang musste er der Schule fernbleiben. Woran er erkrankt war, liegt im Dunkeln. Tollers Konstitution sollte allerdings zeitlebens wenig robust sein, was vor allem für seine schwachen Nerven galt. Depressionen quälten ihn bis zu seinem Tode und Antidepressiva gab es damals noch nicht.

1906 kam er auf das Königliche Realgymnasium in Bromberg, wo er bei verschiedenen Familien unterkam. An dieser Schule herrschte der autoritäre Geist des Militarismus, der darauf abzielte, die Zöglinge zu braven Untertanen zu erziehen. Es war eine typische Schule des wilhelminischen Deutschlands, national und erzkonservativ ausgerichtet. Toller erlebte hier eine Welt der Unfreiheit und Unterwerfung, gegenüber der er sich instinktiv aufbäumte. Später im Gefängnis schreibt er an einen Freund: „Ihnen war die Schule gewiß so verhaßt wie mir“(Gefängnis, S. 107). In den folgenden Jahren erfolgten erste literarische Versuche, Theaterbegeisterung entstand und der Wunsch, Schauspieler zu werden wuchs. Man kann hierin sicherlich den Versuch sehen, der Unterdrückung zu entkommen und eigene Wege zu suchen.

Früh wandte er sich dabei auch den Idealen der Jugendbewegung zu und fühlte sich zu moderner Literatur hingezogen. Nach dem Abitur 1913 konnte Toller endlich der Schule den Rücken kehren und ging 1914 nach Frankreich, um an der Universität Grenoble Philosophie und Jura zu studieren. Aber das Studium war für ihn eine Enttäuschung. „Die Universität besuche ich selten. Die seichten Vorlesungen langweilen mich“(Jugend, S.40). Dafür geht er lieber in den „Verein deutscher Studenten, wo über Nietzsche und Kant gesprochen wird. Und auch die Freiheit des Studentenlebens gefällt ihm sehr. Zunehmend erweitert er seine literarischen Kenntnisse und besucht entsprechende Vorlesungen. Jetzt liest er die sozialkritischen Romane von Tolstoi und Dostojewski und erkennt immer mehr den gesellschaftlichen Grundwiderspruch des Kapitalismus: „Ich beginne, an der Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen, und die anderen Not leiden“ (Jugend, S. 45). Da bricht der 1. Weltkrieg aus.

Vom Patrioten zum Pazifisten

Am 28 Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 1. August 1914 wird in Deutschland mobil gemacht. Tollers einziger Gedanke ist: zurück nach Deutschland. Der Zug von Lyon ist voll mit Deutschen, die außer Landes fliehen wollen. In Lindau, auf deutschem Boden angekommen, liest Toller in Zeitungen, dass Deutschland angegriffen wird und glaubt es genauso wie damals fast alle Menschen. Die Regierungspropaganda schürt diese Überzeugung und Toller sieht es wie Millionen anderer Deutscher als seine Pflicht, das Vaterland zu verteidigen und sich freiwillig zum Heer zu melden. In München schüttelt der Arzt aber den Kopf, denn der Kriegsfreiwillige wirkt nicht sonderlich robust. „Ich will in den Krieg“ (Jugend, S. 52), macht Toller dem Mediziner deutlich, so schreibt er in seinen Erinnerungen, und schließlich schreibt der Arzt ihn tauglich.

Mitte August 1914 fahren die Soldaten Richtung Frankreich. Überall jubelt ihnen eine begeisterte Menge zu. Die Soldaten sind kriegsbegeistert und vom Hurra-Patriotismus erfüllt. Hier fühlt sich Toller, der sich als Jude so oft ausgegrenzt erlebte, aufgenommen. Es ist sein dringlichster Wunsch, möglichst schnell an die Front zu kommen. Aber noch dauert die Ausbildung. Im März 1915 darf er endlich ins Feld ziehen. 14 Monate wird sein Fronteinsatz dauern. Keine Zeit seines Lebens sollte ihn so nachhaltig prägen und auch seine Überzeugungen um 180 Grad drehen. Jetzt erlebt er das nackte Grauen und sein idealistischer Patriotismus wird grundlegend erschüttert.

Mann hinter Mann, Torkelt im Laufgraben, Gepäck drückt müde Knochen. An Kleidern frißt Lehm. In grauen Gesichtern stumpfen Augen. Irgendwer stolpert, fällt hin. Am Waldfriedhof Sammeln. Einer träumt am Massengrab. Solchen Haufen Weihnachtskuchen Wünscht ich mir als Kind, Soviel (…)Vierzehn Kumpel zerbrach eine Mine. Wann war´s doch? Gestern.“

Als vorgeschobener Artilleriebeobachter erlebt Toller das Inferno der Materialschlacht und das schreckliche Massensterben. Ein Soldat hängt drei Tage und Nächte unrettbar im Stacheldraht zwischen den Linien, ehe er stirbt.

Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unseren Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.“ (Jugend, S.69)

Dann die nächste grauenvolle Erfahrung. Toller steht im Graben und will diesen mit einem Pickel vertiefen. Da bleibt die stählernde Spitze an irgendetwas hängen. Er zieht und zerrt. Am Pickel hängen Reste eines getöteten Soldaten. Toller ist tief erschüttert: „Ein – toter – Mensch“ (Jugend, S.70). Später schreibt Toller, in diesem Augenblick sei seine Hinwendung zum Pazifismus wie eine plötzliche Offenbarung über ihn gekommen. Hier erkennt er die Gemeinsamkeit aller Menschen, egal ob Freund oder Feind.

Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht ein toter Deutscher, Ein toter Mensch“(Jugend, S.70).

Im Bois-le-Pr´ètre, dem sogenannten Priesterwald, kommt es zur unmittelbaren Begegnung mit dem Feind. Toller lernt den Stellungskrieg aus erster Hand kennen. Eines Tages entdeckt er einen Leichenberg. Französische und deutsche Soldaten lagen gemeinsam, wie es in der Literatur heißt, „in einer letzten Umarmung“ (Dove, S. 38). Dieser schreckliche Anblick, der die ganze Unmenschlichkeit des Krieges zum Ausdruck bringt, wird ihn lange verfolgen.

Ein Düngerhaufen faulender Menschenleiber: Verglaste Augen, blutgeronnen, Zerspellte Hirne, ausgespiene Eingeweide, Die Luft verpestet vom Kadavergestank, Ein einzig grauenvoller Wahnsinnsschrei“ (Dove, S. 39)!

Seine Kriegsbegeisterung ist längst dahin, nur sein Pflichtgefühl und sein Sinn nach Solidarität mit seinen Kameraden halten ihn noch aufrecht. Im Mai 1916 erleidet er einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch und kommt in ein Krankenhaus in der Nähe von Straßburg. Am 4. Januar 1917 wird Toller endgültig als nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“ aus dem Heer entlassen. Als Patriot zog er zwei Jahre zuvor in den Krieg, jetzt kehrt er als überzeugter Kriegsgegner, als Pazifist nach München zurück.

Antikriegsbewegung

Kurzfristig versucht Toller, die schrecklichen Kriegserlebnisse zu verdrängen und immatrikuliert sich in München für Jura und Nationalökonomie. Er erlebt, dass inzwischen die Antikriegsstimmung weit verbreitet ist. In der Literatur hoffen die Expressionisten, dass die Leiden des Krieges ein neues Menschentum begründen könnten. Eine neue „Ära des Friedens und der Brüderlichkeit“(Dove, S.44) wird verkündet. Dichter wie Hasenclever vertreten die Auffassung, ein Dichter habe nicht nur wider den Krieg zu schreiben, er müsse auch der Menschheit den Weg weisen zu einer Vision einer friedlichen, gerechten und solidarischen Gesellschaft, wobei es um die geistige Erneuerung des Einzelnen geht. Toller beginnt seine Kriegserlebnisse aufzuarbeiten und schreibt sein erstes Drama „Die Wandlung“, dem er seinen eigenen Wandel vom Patrioten zum Pazifisten zugrunde legt.

Die öffentliche Meinung wendet sich im Herbst 1917 immer mehr gegen den Krieg. Die neu gegründete USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) versteht sich ausdrücklich als Antikriegspartei. Überall finden Streiks gegen den Krieg und für den Frieden statt.

Toller wird zu einer Kulturtagung auf die Burg Lauenstein eingeladen. Später berichtet er, dass dort seine „erste aktive Beschäftigung mit der Politik“(nach Dove, 48) stattgefunden habe. Er lernt die Heidelberger Soziologen Max Weber, Ferdinand Tönnies sowie viele Schriftsteller seiner Zeit kennen. Aber das meiste Gesagte erscheint ihm zu nebulös. Es drängt ihn nach Taten, nach Initiativen gegen den Krieg. Doch er findet keine Resonanz auf seine Beiträge. Aber Max Weber interessiert ihn. So wechselt er von München nach Heidelberg und beginnt jetzt neben Jura Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die Beziehung zu Max Weber wird vertieft. Bei dortigen Treffen, an denen auch andere Studenten teilnehmen, liest er erste Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“ vor, was tiefen Eindruck hervorruft.

Bald findet Toller an der Heidelberger Universität Freunde, mit denen er am 24. November 1917 den „Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“ gründet, um in jungen Menschen Verantwortlichkeit zu wecken und sie zu politischer Aktivität zu führen. Wenn auch dieser Organisation nicht der erwartete Erfolg beschieden sein sollte, so sind dennoch die dem Bund zugrunde liegenden Leitsätze äußerst interessant, denn sie zeigen die politische Entwicklung Tollers auf, der zu dessen Sprecher gewählt wurde. Der Bund kämpft für eine „friedliche Lösung der Widersprüche des Völkerlebens“, (Krit. Schriften, S.32). Toller setzt sich für die Abschaffung der Armut ein, will eine Wirtschaftsreform, „die eine sinnvolle Erzeugung und gerechte Verteilung der materiellen Güter bewirkt“, verlangt die Trennung von Kirche und Staat und fordert eine soziale Rechtsprechung und die Aufhebung der Todesstrafe. Ferner geht es um „alle Bestrebungen wie Mutterschutz, Fürsorge für menschliche Wohnungen, Jugendheime, Siedlungen und ähnliche“. (a.a.O., S.33). Der Bund wendet sich gegen die Militarisierung der Jugend und strebt „Harmonie von Körper-, Seelen- und Geisteskultur“an. Er kämpft für die Einheitsschule und für freie Schul- und Universitätsgemeinden.

Der sozialistische Charakter der Forderungen wird deutlich sichtbar und vor allem auch der Einfluss des Anarchisten Gustav Landauer, dessen „Aufruf zum Sozialismus“(1911) zu einer bestimmenden Quelle seines Denkens geworden war. Landauer ist ein Kritiker des Marxismus und vertritt nicht die Ansicht, dass der Staat durch eine politische Revolution zerschlagen werden müsse, sondern glaubt, dass sich die „gesellschaftlichen Verhältnisse nur in dem Maße ändern könnten, wie sich die Beziehungen der Menschen untereinander änderten“(Dove, S.55). Aber Tollers Entwicklung soll weitergehen, wie sich schon bald zeigen wird.

Inzwischen entstehen auch an anderen Universitäten Ortsgruppen des Bundes, und Toller hofft, dass aus dem Jugendbund einmal ein deutscher Volksbund hervorgeht. Aber die berüchtigte Nachrichtenstelle der Obersten Heeresleitung wird aufmerksam. Man zieht einige Studenten, die dem Bund angehören, zum Militär ein und die Studenten österreichischer Nationalität, die dem Bund angehören, müssen Deutschland verlassen. Schließlich wird der Bund verboten. Toller sollte verhaftet werden. Aber er liegt mit schwerer Grippe und hohem Fieber im Krankenhaus. „Fröstelnd und fiebernd“ (Toller, Jugend, S.84) flieht er von Heidelberg Richtung Berlin. Rückblickend über den Bund schreibt Toller: „Wir hatten begonnen, gegen den Krieg zu rebellieren“(Jugend, S.84). In Berlin warten neue Aufgaben auf ihn.

Hier lernt er Gleichgesinnte kennen, mutige, verantwortungsvolle, erfahrene

Männer.“ (Viesel, S.332). Einer von ihnen heißt Kurt Eisner.

Die Wandlung“ – Tollers erstes politisches Drama

Im Sommer und Herbst 1917, also bevor Toller nach Berlin ging, hatte er parallel zu seiner Annäherung an die Antikriegsbewegung sein erstes politisches Drama geschrieben. Seine Erfahrungen dieser Zeit übertrug er in die symbolischen Ausdrucksformen des expressionistischen Theaters.

Die Wandlung“ wurde am 30. September 1919 in Berlin uraufgeführt, als Toller bereits wegen seiner führenden Rolle in der Räterepublik in Haft saß, und wurde zu einem überwältigenden Erfolg, sodass es 115 mal wiederholt werden musste. Publikum wie Kritiker waren gleichermaßen begeistert. Toller war über Nacht zu einem führenden Dramatiker der jungen Generation geworden. Zu dem Erfolg trug sicher auch das Schicksal Tollers selbst bei, der als Häftling in Niederschönenfeld der Aufführung nicht beiwohnen konnte, und zudem war das Stück außerordentlich originell inszeniert und für viele Kritiker galt es als die erste wahrhaft expressionistische Theateraufführung.

Toller verarbeitet in diesem Theaterstück seine eigenen Kriegserfahrungen und zeigt in einer Reihe von locker verknüpften Einzelszenen, die Entwicklung einer Hauptfigur. Es geht um die innere Wandlung, die Toller selbst durchgemacht hat und die daraus folgende gesellschaftliche Umgestaltung. Der Protagonist Friedrich „durchlebt alle Stationen des Grauens und am Ende dieses Leidensweges steht der Aufruf zum Engagement gegen denKrieg.“ (Distl, S. 97) Der einst Kriegsfreiwillige wird jetzt zum Agitator für die Abschaffung der alten Ungerechtigkeit und für die Revolution. Zu dem Zeitpunkt glaubt Toller noch wie andere Expressionisten seiner Zeit die Intellektuellen hätten in einer Revolution eine Führungsrolle, sie müssten den Weg weisen. Toller will aufrütteln, die Herzen der Menschen berühren.

Sein Drama endet mit den Worten aller Schauspieler:

Brüder recket zermarterte Hand,

Flammender freudiger Ton!

Schreite durch unser freies Land

Revolution! Revolution!“

Ein solches politisches Theater hat es bisher noch nicht gegeben, und die Menschen sind begeistert.

Der Januarstreik 1918

In dieser Zeit geht Toller erstmals den Ursachen des Weltkrieges nach, liest Dokumente, die der Spartakusbund heimlich druckte und in Umlauf brachte und kommt nach sorgfältigem Studium zu der Erkenntnis der Kriegsschuld Deutschlands. Er fühlt sich betrogen, zudem er auch noch die expansionistischen Ziele des deutschen Kapitals entdeckt. In seiner Autobiographie schreibt er über die Herrschenden: „Sie suchen Macht und Ruhm und Freiheit ihres Volkes in der Ohnmacht, dem Elend, in der Unterdrückung anderer Völker“(Jugend, S. 87).

Die Bekanntschaft mit dem Arbeiterführer Kurt Eisner, der für einige Tage nach Berlin gekommen war, riss ihn nun in den Sog der anschwellenden revolutionären Bewegung. Toller folgt ihm nach München und besucht seine Versammlungen. „In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet war, Männer von nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, gehärtetem Willen, Sozialisten, die ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache dienten, an die sie glaubten“ (Toller, Jugend, S. 88). Der erst 25-jährige Toller war von dem 52-jährigen erfahrenen Eisner außerordentlich beeindruckt. Nach Max Weber und Gustav Landauer sollte Eisner gewissermaßen zu Tollers drittem Mentor werden. Eisner war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der bayerischen USPD, und Toller sah ihn als Beispiel, „wie man die Kluft zwischen gedanklichem und realem Tun schließen könnte“(Distl, S. 35).

Dann begannen im Januar die großen Friedensstreiks. Streikversammlungen werden abgehalten, Toller mischt sich ein und verteilt Anti-Kriegs-Gedichte und Szenen aus seinem Theaterstück „Die Wandlung“. Er will helfen. „Endlich wird mir eine Aufgabe übertragen. Ich soll zu den Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik sprechen, sie auffordern am Streik teilzunehmen“(Jugend, S. 88). Auch Eisner wird erwartet. Aber er kommt nicht. Auch die anderen Mitglieder des Streikkomitees kommen nicht. Eisner und seine Mitstreiter sind bereits am ersten Tag des Streiks verhaftet worden. Eine Delegation wird gewählt, um die Freilassung der Verhafteten zu fordern. Alle warten auf die Rückkehr der Delegation.

Da melde ich mich, der Vorsitzende bittet mich, einige Worte zu sprechen, zum ersten Mal rede ich in einer Massenversammlung. Die ersten Sätze stottere ich, verlegen und unbeholfen, dann spreche ich frei und gelöst und weiß selbst nicht, woher die Kraft meiner Rede rührt“ (Jugend, S.90). Die Menge hört begeistert zu, und Toller entdeckt, dass er die Gabe zu einem mitreißenden Redner hat. Die Menschen sind gebannt und spüren, dass dieser brillante Redner seinen Worten mit seiner ganzen Persönlichkeit und mit großer Leidenschaft Ausdruck verleiht. Toller ruft einen Streik aus, der durchgehalten werden soll, bis die Verhafteten alle wieder auf freiem Fuß sind. Dabei wendet er sich gegen den Krieg und tritt für einen „Verständigungsfrieden“ ein. Die Polizeispitzel empfinden seine Rede als überaus aufreizend“.

Die abgesandte Delegation hat wenig erreicht. Toller wird in ein neues Streikkomitee hineingewählt, das für eine Fortsetzung des Streiks werben soll. Am 1. Februar streiken 8000 Arbeiter von Krupp, Maffei und anderen Großbetrieben, die Kriegsmaterial herstellen. Toller wird in den nächsten Tagen zu einem der Hauptredner. Zum ersten Mal sieht er Möglichkeiten, „wie durch Massenaktionen gewaltlos gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen wären“ (Dove, S.64). Er erkennt den Massenstreik als äußerstes Mittel des revolutionären Kampfes und setzt auf die Idee der Einheitsfront über die Parteigrenzen hinweg. Immer wieder wird er in den folgenden Jahren dafür kämpfen, dass die fortschrittlichen Parteien zusammen agieren müssen.

Aber die Streiks sollten nicht mehr lange dauern. Die Führer der SPD hatten den Streik von Anfang an bekämpft und ihnen gelang es schließlich, sich an die Spitze der Streiks zu setzen, und sie erreichten durch eine Resolution, dass am 4. Februar die Arbeit wieder aufgenommen wurde.

Toller kommt ins Gefängnis

Noch am gleichen Tag wurde Toller verhaftet, obwohl der SPD-Vorsitzende Auer Straffreiheit zugesichert hatte. Er kommt ins Gefängnis an der Münchner Leonrodstraße, wo er bis zum Mai 1918 einsitzen wird. Und Toller weiß diese Zeit äußerst sinnvoll zu nutzen. „Ich lese jetzt die Werke von Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring, Luxemburg, Webbs. Eher aus Zufall denn aus Notwendigkeit war ich in die Reihen der streikenden Arbeiter geraten, was mich anzog, war ihr Kampf gegen den Krieg, jetzt erst werde ich Sozialist, der Blick schärft sich für die soziale Struktur der Gesellschaft, für die Bedingtheit des Krieges, für die fürchterliche Lüge des Gesetzes, das allen erlaubt zu verhungern und wenigen gestattet, sich zu bereichern, für die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, für die geschichtsbildende Bedeutung der Arbeiterklasse“(Jugend, S. 95).Toller schrieb später, er sei im Gefängnis von einem„Sozialist aus Gefühl“zu einem„Sozialist aus Erkenntnis“ geworden.

Und außerdem macht Toller erste Erfahrungen mit unsäglichen Haftbedingungen. Er sitzt in einem schmutzigen, verwanzten Gefängnis in Isolationshaft. Die Gefangenen essen Kriegsbrot mit Kleie vermischt, Kohlrübensuppe, Kohlrübenmarmelade, Kohlrübengemüse. Toller schreibt: „Immer sind wir hungrig.“ (Jugend, S. 96). Eine schikanöse Hausordnung quält die Häftlinge zusätzlich. Manche Gefangene halten dem Druck nicht stand und begehen Selbstmord. Toller notiert: „Sie schneiden sich mit Scherben die Pulsadern auf, sie zerreißen die Laken und binden aus den Streifen Stricke, sie stürzen sich übers Geländer der Treppe in den Steinkeller“(Jugend, S. 97). Schließlich tritt er in den Hungerstreik, weil er kein anderes Mittel mehr sieht, sich zu wehren. Jeden Tag wird Toller erneut vernommen. Was im Protokoll steht, ist entstellt und verzerrt. Er weigert sich zu unterschreiben. Schließlich wird er krank, bekommt hohes Fieber, niemand kümmert sich um ihn. Doch dann wird Toller ins Militärlazarett überführt. Dort sind die Haftbedingungen aber noch schlimmer. Zu sechst liegen sie in der Krankenstube. Zwei liegen in Betten, vier auf Strohsäcken auf dem Boden, es stinkt wie die Pest. Toller würgt ständig der Ekel. Es geht ihm immer schlechter. Schließlich muss er wegen Haftunfähigkeit entlassen werden.

Bis zu seinem Tod wird Toller sich immer wieder gegen unmenschliche Haftbedingungen in aller Welt wenden.

Seine nächste Station ist das Irrenhaus. Seine Mutter konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn wegen Landesverrats angeklagt war. Sie konnte es nicht fassen, dass ein Mensch aus bürgerlichem Hause sich der Arbeiterbewegung zugewendet hatte. Er müsse krank sein, sei schon als Kind so nervös gewesen. So kommt es zu einer psychiatrischen Untersuchung durch einen reaktionären Arzt, der ihn mehr beschimpft als behandelt. Aber er muss nach vier Tagen entlassen werden, es gibt einfach keinen Grund, ihn dazubehalten. So begibt er sich nach Berlin und später nach Landsberg zu seiner Mutter.

Tollers Beteiligung an der Revolution

Dann beginnt im Deutschen Reich die Revolution. Zunehmend war im vierten Kriegsjahr bei den Soldaten die Kriegsmüdigkeit gewachsen und der Wunsch nach baldigem Frieden immer größer geworden. Das Grauen des Krieges, die Verstümmelten und die vielen Toten setzten den Soldaten zu. Die militärische Disziplin verfiel immer mehr, und es kam immer häufiger zu Befehlsverweigerungen. Der Krieg war für jeden sichtbar verloren. Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands katastrophal war. Nicht nur die Industrie lag am Boden, sondern auch die Landwirtschaft. Die Zivilbevölkerung hungerte.

Am 28. Oktober 1918 machten die Matrosen in Wilhelmshaven den Anfang und weigerten sich, noch einmal in eine sinnlose Schlacht geschickt zu werden. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der „Thüringen“ und der „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Ein Teil der Flotte wurde nach Kiel verlegt, um den Aufstand zu ersticken. Dort ging es aber erst richtig los. Riesige Demonstrationen wurden durchgeführt und ein Soldaten- und Arbeiterrat gebildet. Als eine Militärpatrouille die Demonstranten aufhalten wollte und die Waffen zog, gab es unter den Aufbegehrenden neun Tote. Das war das eigentliche Signal zur Revolution, die sich wie ein Flächenbrand über Deutschland ausbreiten sollte. In Berlin riefen am 9. November Philipp Scheidemann von den Mehrheitssozialdemokraten die Deutsche Republik“ aus und Karl Liebknecht von der USPD die „Freie sozialistische Republik Deutschland“.

In Bayern war nach 738 Jahren die Monarchie am Ende. Am 7. November veranstalteten in München SPD, USPD und die Gewerkschaften eine gemeinsame Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. 60.000 Menschen kommen, 12 Redner sprechen gleichzeitig und im Anschluss ziehen einige tausend Demonstranten mit Kurt Eisner an der Spitze zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überlaufen. In der Nacht wird Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten gewählt, der Freistaat ausgerufen und ein bayerischer Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Eisner war erst wenige Wochen vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, weil seine Partei; die USPD, ihn für die Nachwahl des Reichstagssitzes von SPD-Mann Georg von Vollmar nominiert hatte. Jetzt tritt er ins Zentrum des politischen Geschehens.

Ernst Toller liegt zu der Zeit mit einer schweren Grippe zu Hause bei seiner Mutter krank im Bett. Trotzdem fährt er am nächsten Tag nach Berlin und von dort nach München. Dort gelangt er sehr schnell in politische Funktionen. Er wird Mitglied des Provisorischen Nationalrats des Freistaates Bayern und außerdem zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Toller resümiert:„In der Kleinarbeit des Tages lerne ich die mannigfachen praktischen Nöte der Bauern und Arbeiter verstehen“ (Jugend, S. 113). Auch in der USPD spielt Toller bald eine größere Rolle und wird Zweiter Vorsitzender des Münchner Parteiverbandes.

Zu einer entscheidenden Frage wurde die Problematik, wie Parlament und Räte zusammenarbeiten sollten. Eisner forderte einen Freistaat, in dem die breitesten Massen jeden Tag bei den öffentlichen Angelegenheiten mitarbeiten. Mittels der Räte sollte diese direkte Demokratie organisiert werden. Sie sollten die Massen politisieren und an die politische Macht heranführen. Die Landtagswahlen wollte er hinauszögern, damit das Rätesystem Zeit habe, Wurzeln zu schlagen. Verzichten wollte er auf das Parlament allerdings nicht. Während Eisner und die USPD in erster Linie auf die Räte setzten, war die SPD diesen gegenüber misstrauisch und befürwortete ein Parlament, „von dem sie sich ein Maximum an Präsenz und Einfluss versprach“(Dove, S.83).

Toller war von Anfang an ein enthusiastischer Verfechter der revolutionären Räte gewesen. So begrüßte er beim ersten Treffen als Zweiter Vorsitzender des Vollzugsrates die Räte mit den Worten, sie seien „die Träger der revolutionären Idee, die die Kraft in sich schließt, nicht nur die Wirtschaftsordnung der Welt umzugestalten, sondern auch den Geist der Menschen zu revolutionieren“(Dove, S.83). Toller glaubte, das Rätesystem werde allmählich den Landtag ablösen.

Doch schon bald sollten die Vertreter dieser Ansicht eine große Enttäuschung erleben. Auf dem Reichsrätekongress in Berlin vom 16. bis 21. Dezember 1918 hatten die Vertreter der SPD die Mehrheit und die Räte verzichteten freiwillig auf ihre Macht und dankten ab. Toller schreibt: „Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“ (Jugend, S. 113). Der Kongress sprach sich für Wahlen zum Reichstag aus. Für Toller war klar, dass so etwas in Bayern nicht passieren durfte und hoffte hier auf einen anderen Verlauf.

Dann kam am 12. Januar die Landtagswahl, und die Partei von Eisner und Toller, die USPD, erlitt mit nur 2,5% der abgegebenen Stimmen eine vernichtende Niederlage. Und Toller, der auch kandidiert hatte, schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Er und die anderen Anhänger des Rätegedankens sahen sich bestätigt, dass der Parlamentarismus nur wieder die alten Klassen an die Macht bringen würde. Aber ganz offensichtlich war es weder gelungen, der breiten Masse der Arbeiterschaft die Fortschrittlichkeit des Rätesystems zu verdeutlichen noch ihnen die revolutionsfeindliche Haltung der SPD vor Augen zu führen.

Während Toller anschließend noch einige Tage im Engadin Urlaub machte, wurde am 21. Februar Kurt Eisner auf dem Wege zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, von dem Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft, dem Nationalist Graf Arco auf Valley ermordet.

Die Mitglieder des Landtages liefen auseinander und ein neuer Zentralrat unter Vorsitz von Ernst Niekisch übernahm die Macht. Toller setzte sich jetzt vehement für ein Rätesystem ein. Der bayerische Rätekongress einigte sich aber nach verworrenen Verhandlungen auf eine sozialistische Regierung unter Johannes Hoffmann. Die Funktion der Räte war wieder eingegrenzt. Toller war inzwischen als Nachfolger von Eisner zum Vorsitzenden der USPD gewählt worden. Seine Partei mobilisierte jetzt die Massen für eine revolutionäre Räteregierung. Die Revolutionsbegeisterung stieg auch noch dadurch, dass am 22. März in Ungarn eine Räterepublik ausgerufen worden war. Alles lief jetzt auf die 1. Räterepublik in Bayern zu.

Toller hielt die Ausrufung aber noch für verfrüht, doch in der Nacht vom 6. auf den 7. April war es soweit. Allein die Kommunisten unter der Führung von Eugen Leviné machten nicht mit, sie meinten, dafür würden die Voraussetzungen noch fehlen und sprachen von einer Scheinräterepublik“.

Die 1. Räterepublik in Bayern wurde dennoch proklamiert und Ernst Toller zum neuen Vorsitzenden des Zentralrats gewählt. Die Räte waren jetzt im alleinigen Besitz der Macht. Geradezu fieberhaft ging die neue Regierung an die Arbeit. Der Landtag wurde für aufgelöst und die Regierung für abgesetzt erklärt. Toller gab eine Flut von Aufrufen und Erlassen heraus. Schon am folgenden Tag hieß es auf einem Plakat: „Brüder am Schraubstock, am Pflug, am Schreibtisch! Die Räterepublik ist proklamiert. Die Arbeiter in Stadt und Land haben die vollepolitische Macht und Verantwortung übernommen. Schwere Arbeit und Not des Alltags hat uns zu Brüdern gemacht. Es kommt nun darauf an, Schulter an Schulter gegen die Kapitalistenklasse vorzugehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. (…) Alle Sozialisten und Kommunisten müssen jeden engherzigen Parteienstandpunkt aufgeben und sich zu einer großen revolutionären Gemeinschaft zusammenschließen“ (Distl, S.59, Viesel, S. 347). Aber es blieb nicht viel Zeit, ja, es sollte nur eine einzige Woche sein. Toller kündigte die Vergesellschaftung der Industrie an, ließ Wohnraum für Bedürftige beschlagnahmen, die Pressezensur verhängen und organisierte die Entwaffnung der Bourgeoisie und den Aufbau der Roten Armee. Gleichzeitig bemühte er sich darum, die Kommunisten zu gewinnen, die bislang jegliche Mitarbeit versagten.

Inzwischen hatte aber schon längst die Konterrevolution mobil gemacht. Vor allem die Thule-Gesellschaft unter Rudolf Glauer hetzte gegen die Räterepublik. In einem Flugblatt heißt es: „Bolschewismus bedeutet zunächst Gewaltherrschaft des Verbrechertums unter jüdischer Organisierung und Leitung, Kampf gegen die rechtschaffene Mehrheit“(Schaupp, S.176).

Aber auch die Kommunisten machen gegen die Räteregierung Stimmung. In der „RotenFahne“ heißt es: „Nur Kommunisten können eine proletarische Räterepublik gründen. (…) Wir aber werden fieberhaft arbeiten an der Vorbereitung der wirklichen proletarischen Räterepublik“ (Schaupp, S. 180). Am 9. April treffen sich die Kommunisten im Kindlkeller und Leviné fordert, dass die aktuelle Räteregierung gestürzt werden und „anstelle des Zentralrats ein kommunistischer Rat gewählt werden“ müsse (a.a.O., S. 182) Schließlich stellt Leviné unter gewissen Umständen eine Beteiligung der Kommunisten an der Räterepublik in Aussicht.

Toller wirbt weiterhin für die Einigkeit des revolutionären Proletariats und sieht keine grundsätzlichen Widersprüche zur KPD.

Inzwischen haben sich die Minister der Regierung Hoffmann vollständig in Bamberg eingefunden und arbeiten mit voller Kraft am Sturz der Räterepublik.

Am Sonntag, den 13. April kommt es zum konterrevolutionären Palmsonntagsputsch. Die Bamberger Regierung machte gemeinsame Sache mit der Reaktion und auch der Thule-Gesellschaft und versuchte mit eigenen Verbänden die Räterepublik niederzukämpfen. Von der Firma Krupp und anderen Großindustriellen bekamen die Verschwörer insgesamt 100.000 Mark für die Finanzierung ihres Vorhabens. Anführer war der Sozialdemokrat Aschenbrenner. Da zogen aber bewaffnete Arbeiter und Soldaten ins Stadtzentrum und drängten die Putschisten in den Bahnhof zurück, den sie dann nach mehrstündigen Gefechten zurückeroberten. Der Putsch war niedergeschlagen.

Jetzt hielten Leviné und die Kommunisten den Zeitpunkt für gekommen, sich an die Spitze der Rätebewegung zu stellen. Toller trat zurück, bot aber seine weitere Hilfe an. Die Kommunisten bildeten die 2. Räterepublik mit einem fünfköpfigen Vollzugsrat mit Leviné und Levien und einem 15-köpfigen Aktionsausschuss. Leviné gab sich keinen Illusionen über die Aussichtslosigkeit der Lage hin, hielt es aber für die Pflicht der KPD, jetzt in die Bresche zu springen, „um die Ehre der Revolution zu retten“(Rosenberg, S. 70). Man hoffte auch, den revolutionären Kräften in anderen Teilen Deutschlands ein Beispiel zu geben. Der Aufbau der Roten Armee wurde vorangetrieben, Sozialisierungsmaßnahmen ergriffen, die Presse zensiert usw.. Aber die Ereignisse überschlugen sich jetzt.

Tollers Beteiligung am Kampf um die Räterepublik

Freikorps marschierten auf München zu. Bereits zwei Tage nach dem Palmsonntagsputsch war München von Weißgardisten eingekesselt.

Toller sieht sich jetzt in einem Gewissenskonflikt. Er hatte geschworen, niemals wieder Gewalt anzuwenden, war zum radikalen Pazifisten geworden. Jetzt fragt er sich, ob er diesen Schwur brechen durfte. „Ich musste es. Die Arbeiter hatten mir Vertrauen geschenkt, hatten mir Führung und Verantwortung übertragen. Täuschte ich nicht ihr Vertrauen, wenn ich mich jetzt weigerte, sie zu verteidigen, oder gar sie aufrief, der Gewalt zu entsagen?“ (Jugend, S.138). Rudolf Egelhofer, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, ernennt Toller zum Militärkommandant in München. Die Weißen sind im Norden im Anmarsch auf Allach. Unverzüglich bricht Toller auf. Es gelingt der Roten Armee, den Vormarsch der Weißen zu stoppen und sie nach Dachau zurückzudrängen. Egelhofer befiehlt Toller, Dachau mit Artillerie zu beschießen. Aber dieser ignorierte den Befehl, da er ihn für unnötig und politisch unklug fand, man bringe nur die Bauern gegen sich auf. Dafür trat er in Verhandlungen mit dem Feind. Er war zunehmend davon überzeugt, dass Verhandlungen mehr bringen würden als die direkte bewaffnete Konfrontation. Die Weißen sollten sich bis hinter die Donaulinie zurückziehen und die Hungerblockade gegen München aufgeben. Es gab eine zweistündige Verhandlungspause. Plötzlich eröffnete die Artillerie der Roten Armee das Feuer auf Dachau. Ein agent provocateur, wie sich später herausstellte, hatte den Befehl gegeben. Der Vormarsch der Roten Armee war nicht mehr zu stoppen, und es gelang tatsächlich, Dachau einzunehmen. Toller war unverhofft zum „Sieger von Dachau geworden. Dennoch wurde er von den Kommunisten heftig kritisiert. In der „Roten Fahne“ vom 28. April 1919 wurde ihm angesichts seines Versuches zu verhandeln „politische Unfähigkeit“ vorgeworfen. Solche Leute seien „Schwarmgeister und keine Politiker“. „Die Arbeiterklasse soll sich vor Toller und Genossen hüten.“

Leviné schäumte geradezu. Tollers eigenmächtiger Entschluss eines Waffenstillstandes habe den Gegnern die Atempause gegeben, die sie gebraucht hätten, um ihre Kräfte wieder zu sammeln. Tollers pazifistische Einstellung hätte praktisch zum Verrat geführt. Zudem hatte Leviné Toller den Befehl gegeben gehabt, die in Dachau gefangen genommenen Offiziere der Weißen Garden sofort zu erschießen. Toller hatte sich aber geweigert, diesen Befehl auszuführen und sie wieder freigelassen. Toller legt nach der Kritik an ihm sein Amt als Abschnittskommandeur nieder und kontert: „Die führenden Männer bedeuten für mich eine Gefahr für den Rätegedanken. Unfähig auch nur das Geringste aufzubauen, zerstören sie in sinnloser Weise.“Aber es steht natürlich außer Frage, dass Toller zwar für bestimmte Situationen die Notwendigkeit der Gewaltanwendung eingesehen hatte, in der Wirklichkeit sich dazu aber nicht in der Lage sah. Seine humanitären Vorstellungen über den grundsätzlichen Umgang der Menschen miteinander gewannen dann die Oberhand.

Angesichts der aktuellen Lage sollten diese Problematik und die damit zusammenhängenden politischen Divergenzen allerdings schon bald völlig bedeutungslos werden. Denn während in München noch der Sieg in Dachau gefeiert wurde, gab die Reichsregierung dem Ersuchen der Regierung Hoffmann um militärische Hilfe nach und schickte 20.000 Soldaten nach Bayern. Die Unabhängigen versuchten noch, Friedensverhandlungen aufzunehmen, aber Hoffmann ließ sich nicht mehr darauf ein und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation. Schon bald sollte es in München zu einem schrecklichen Blutbad mit an die 1200 Toten kommen. Die Rote Armee verteidigte die Stadt nach Kräften, war aber zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Am 3. Mai war ganz München in den Händen der Regierungstruppen.

Hochverratsprozess

Während der Anarchist Gustav Landauer, Freund Eisners und Mentor Tollers, brutal ermordet, der Kommandant der Roten Armee Egelhofer bei der Verhaftung sofort erschossen und Leviné zum Tode verurteilt wurde, gelang es Toller unterzutauchen. Ein Haftbefehl wurde erlassen und 10.000 Mark Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt. Ein Steckbrief mit seinem Foto war an jedem Rathaus zu sehen und an jeder Polizeistation in Bayern sowie in allen größeren Städten Deutschlands. In München wurde jede Arbeiterwohnung durchsucht, und Toller musste immer wieder sein Versteck wechseln. Überall wollte man ihn gesehen haben. Die Grenzpolizei wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Eisenbahnzüge wurden angehalten, Dörfer umzingelt. Toller hatte München aber gar nicht verlassen. Seine letzte Zuflucht war das Haus des Malers Johannes Reichel in Schwabing. Dort wurde er dann aufgrund einer Denunziation am 4. Juni 1919 verhaftet.

Toller wird wegen Hochverrat angeklagt und ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo er in Einzelhaft genommen wurde. Um seinen Prozess entzündeten sich in der Öffentlichkeit lebhafte Kontroversen. Die Linke und auch die liberale Presse versuchte, ein Todesurteil zu verhindern. Auch maßgebliche Intellektuelle und Politiker setzten sich für ihn ein. Eine Welle der internationalen Solidarität unterstützte die Verteidigung. Die Rechten hingegen forderten harte Bestrafung, und Ministerpräsident Hoffmann hielt nicht weniger als die „schwerste Strafe für die Volksverführer“ (Dove, S. 112) für angemessen.

Am 14. Juli 1919 begann unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen der Prozess, bei dem von Anfang an ein antisemitischer Ton herrschte. Man versuchte zudem Toller und andere Führer der Revolution als „Landfremde“ zu denunzieren und ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Da das Todesurteil gegen Leviné mit dessen ehrloser Gesinnung“ gerechtfertigt worden war, versuchte nun die Verteidigung, Tollers ehrenhafte Gesinnung nachzuweisen. Zeugen bestätigten seinen Idealismus und seine moralische Integrität, bescheinigten seine Kameradschaft im Krieg und seinen Mut. Auch habe er sich als Zentralratsvorsitzender immer wieder bemüht, Blutvergießen zu vermeiden. Max Weber sprach von seiner „absoluten seelischen Lauterkeit“ und Thomas Mann bestätigte sein literarisches Talent. Toller selbst steht vor Gericht offen zu seiner revolutionären Gesinnung. „Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, daß Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, daß sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen“ (Toller, Jugend, S. 189).

Und er fügt hinzu: „Ich habe all meine Handlungen aus sachlichen Gründen, mit kühler Überlegung begangen und beanspruche, daß Sie mich für diese Handlungen verantwortlich machen. Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich infrage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern“.

Das Gericht befindet Toller des Hochverrats für schuldig, anerkennt aber eine „ehrenhafteGesinnung“ und verhängt eine Strafe von fünf Jahren Festungshaft.

Fünf Jahre Festungshaft

Toller kommt zunächst in die provisorische Festungshaftanstalt Eichstätt. Dort schreibt er in zweieinhalb Tagen sein zweites Drama „Masse Mensch“, „in dem er seine eigene Zerrissenheit zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und den realen Bedingungen gewaltsamer Revolution und Gegenrevolution verarbeitet“(Schaupp, S. 268). Am 15. November 1919 findet im Nürnberger Stadttheater die Uraufführung des Dramas ausschließlich vor Gewerkschaftsmitgliedern statt. Nach vier Aufführungen wird es verboten. Der Durchbruch kommt erst am 29. September 1921 an der Berliner Volksbühne, wo die Aufführung ein Riesenerfolg wird und die Kritiker total begeistert sind.

Das expressionistische Theaterstück „Masse Mensch“ besteht aus sieben Bildern, teils „Traumbildern“,„teils realen Bildern“. Die Personen sind „Figuren, die bestimmte Ideen und Haltungen repräsentieren“ (Dove, S. 132). Die Sprache ist leidenschaftlich und elliptisch, d.h., dass häufig mit Satzfragmenten gearbeitet wird. Mittels eines Chores wird versucht, ein Kollektivbewusstsein herzustellen.

Worum geht es? Die Protagonistin, „die Frau“,ruft zur Revolution auf, die sie gewaltfrei mittels eines Massenstreiks erreichen will. Sie steht für den „Menschen“ bezogen auf den Titel des Stückes und für das Prinzip der Menschlichkeit. Ihr Gegenspieler, der „Namenlose“, der für die „Masse“ steht, hält ihr vor, dass eine Revolution nur durch revolutionäre Gewalt möglich sei. Dieser dramatische Konflikt durchzieht das ganze Stück bis zum letzten Bild. Was nun tun? Gewalt anzuwenden bedeutet, die Ideale der Revolution zu betrügen, sie nicht anzuwenden heißt, die Revolution zum Scheitern zu verurteilen. Toller greift zur Lösung dieses Konflikts auf das expressionistische Motiv der Erlösung durch Selbstaufopferung zurück: Die Frau lehnt eine eigene Befreiung mittels Gewalt ab und nimmt ihre Hinrichtung an.

Der Schluss des Stückes bleibt damit aber unbefriedigend, denn das gesellschaftliche Problem ist nicht gesellschaftlich, sondern individuell gelöst. Das ist, wie wir vor Gericht gesehen haben, auch nicht Tollers eigene Überzeugung. Aber der Autor will offenbar im Hinblick auf sich selbst zeigen, wie schwer es bei einer pazifistischen Grundeinstellung fällt, sich zur Anwendung von Gewalt durchzuringen.

Während seiner Festungshaft schreibt Toller noch weitere Dramen, die sich alle mit der Revolution befassen, so 1920/21 „Die Maschinenstürmer“, 1921/22 „Hinkemann“, und 1923 „Der entfesselteWotan“. In künstlerischer Sicht waren die Jahre im Gefängnis seine produktivsten. Alle Dramen müssen in seiner Abwesenheit aufgeführt werden und haben großen Erfolg.

Wie waren nun die Haftbedingungen der Revolutionäre in Niederschönenfeld? Denn 1920 war von der bayerischen Regierung beschlossen worden, alle politischen Gefangenen, d.h. etwa 100 Akteure der Räterepublik, in der Festung Niederschönenfeld zu konzentrieren. Seit dem 16. August 1919 war eine „verschärfte Hausordnung“ erlassen worden, die durch ausgesprochene Willkür gekennzeichnet war so wie durch ein ausgeklügeltes Strafsystem. Alle Briefe und Zeitungen wurden streng zensiert, Lebensmittelpakete wurden geöffnet, Besuche eingeschränkt und nur noch unter Aufsicht gestattet. Bei Verstößen gegen die Gefängnisvorschriften kam es zu drakonischen Strafen wie generellem Besuchsverbot oder dem Entzug von Zeitungen und Schreibmaterial. Wer sich dagegen auflehnte, erhielt Einzelarrest bei Brot und Wasser oder wurde in eine Dunkelzelle gesperrt. Toller litt physisch wie psychisch. Zum Glück gelang es ihm, seine Manuskripte aus dem Gefängnis heraus zu schmuggeln. Die Ungerechtigkeiten, die er miterlebt, setzen ihm schwer zu. Als er sich für einen Mitgefangenen einsetzt, erhält er eine Briefsperre von sechs Wochen und 14 Tage Hofentzug. Am 26.4.1920 schreibt Toller „an den Herrn Festungsvorstand“: „Seit drei Wochen bin ich ohne eine Stunde Hofgang. Das ist eine Strafform, die nicht einmal im altenkaiserlichen Regime einem Zuchthausgefangenen zugemutet wurde. Seit zwei Wochen bin ich in Einzelhaft und darf weder Zeitungen halten noch Besuch empfangen, ohne den Grund dieser Strafen zu wissen (…)“ (Briefe aus dem Gefängnis, S.21). Toller spricht von „einer Kette widriger Entwürdigungen“ (Briefe, S. 71). Besonders trifft es ihn immer, wenn er mit Schreibverbot bestraft wird. Dann schreibt er, unter dem Tisch sitzend, heimlich beim Licht hereingeschmuggelter Kerzen. Immer wieder kommt er zu dem Fazit: „Gefängnis ist Schändung von Menschen“ (Briefe, S.77). Trotz allem schreibt er in einem seiner „Briefe aus dem Gefängnis“an eine Freundin: „Nicht Angst haben, ich lasse mich nicht unterbekommen, ich zerbreche nicht“(Briefe, S. 35). Aber er erlebt, dass „die zerstörerischen Wirkungen der Haft (…) den ganzen Menschen treffen“ (Briefe, S. 111). „Wir alle frieren, frieren, frieren. Die Kälte zermürbt den Körper ebenso wie den Geist, ich leide empfindlich darunter, ich kann kaum lesen, bin gnärrig, mürrisch, frei von jedem guten oder tröstlichen Gedanken, passe so recht zu meinen grauen Haaren“ (Briefe, S. 128). Als Toller 1922 das schreibt, ist er erst 29 Jahre alt. Aber die drei Jahre Haft haben seine schwarzen Haare grau werden lassen. Dennoch hat er eine Begnadigung anlässlich des großen Erfolgs seines ersten Dramas – wie erwähnt – ein Jahr zuvor abgelehnt, weil sie nicht auch für die anderen Mitstreiter der Räterepublik gegolten hätte. Am 15. Juli 1924 wird Toller aus der Haft entlassen und gleich des Landes verwiesen. Von zwei Kriminalbeamten eskortiert, wird er an die sächsische Grenze gebracht.

Das Schwalbenbuch

Noch im Gefängnis schrieb Ernst Toller im Jahre 1923 einen Gedichtzyklus, der heute als sein Hauptwerk gilt: „Das Schwalbenbuch“. Diese Gedichte sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt und machten Toller weltberühmt.

Inspiriert dazu hatten ihn Schwalben, die im Sommer 1922 in seiner Zelle nisteten. Er beschreibt in freien Versen seine Gefühle, die die Betrachtung der Vögel in ihm weckt. Ausgangspunkt ist der Tod eines Freundes, der in seiner Zelle gestorben ist, weil ihm medizinische Hilfe versagt blieb.

Ein Freund starb in der Nacht. Allein. Die Gitter hielten Totenwacht. Bald kommt der Herbst. Es brennt, es brennt ein tiefes Weh. Verlassenheit.“ Toller ist an einem seelischen Tiefpunkt angekommen. Er schreibt: „Nirgends blüht das Wunder.“ Und dann hört er die leisen Vogellaute. „Zirizi Zirizi Zirizi Zirizi Urrr“ Ganz langsam beginnt Toller zu begreifen, dass das Leben weitergeht: „Fort fort, Genosse Tod, fort fort, Ein andermal, später, viel später.“ Er sieht das Schwalbenpärchen. Nun ändert sich sein ganzes Leben im Gefängnis. Die schwarzen Berge weichen zurück vor „einem Farbenrausch sich entfaltender Orchideen“. „Mein Schwalbenpaar. Das Wunder ist da! Das Wunder! Das Wunder!“Die Schwalben sind für ihn, den Gefangenen, „die Vögel der Freiheit“. Und er ruft: „O bleibt Gefährten mir, Schwalben!“(Toller, Band 2, S. 327ff).

Einen Sommer lang lebten die Schwalben in seiner Zelle. Aber die Festungsverwaltung bekam mit, was er geschrieben hatte, und er musste seine Zelle wechseln. Die Schwalben kamen im nächsten Sommer wieder und fanden einen neuen Insassen vor. Kurz darauf rissen Aufseher das fast fertige Nest von der Wand. Die Schwalben fingen von vorne an. Wieder zerstörten die Wärter das Nest. Der Häftling, Rupert Enzinger aus Kolbermoor, schrieb an den Festungsvorstand, die Schwalben bitte ihr Nest bauen zu lassen. Ohne Erfolg. Auch dieser Gefangene wurde verlegt.

Toller ist von den Schwalben und ihrem Leben tief beeindruckt. Sie geben ihm Kraft, sie beleben ihn. Er bewundert ihren Nestbau, „ihr edel gewölbtes Nest“. Dann legen sie Eier. Toller schreibt: „Fünf festliche Tempel keimenden Lebens“. Er beobachtet die Aufzucht der Jungen, bewundert den Flug der Schwalben und schreibt: „Ich bin nicht allein.“

„Das Schwalbenbuch“ ist ein überaus ergreifendes Zeugnis davon, wie ein Mensch, der im Gefängnis droht zugrunde zu gehen, das Leben in Gestalt von einem Vogelpärchen wieder entdeckt. Und es wird auch die ganze Niedrigkeit der Gefängnisleitung sichtbar, die roh und gefühllos handelt, um die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Kurz zu dem erwähnte Kolbermoorer Maurerpolier Rupert Enzinger, dessen Biographie der Kolbermoorer Joseph Legath erforscht hat (Legath, Gedanken). Enzinger war am 10.7.1919 vom Standgericht München wegen Hochverrat zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden. Enzinger war aktiver Kolbermoorer Kommunist. In einem Bericht des Bezirksamts Aibling heißt es, er sei einer derjenigen, „die als Führer, Agitatoren und Hetzer gegen die Staatsordnung in Betracht kommen bzw. die sich ganz besonders im spartakistischen und bolschewistischen Sinne betätigen“ (StAM –LRA 47146). Außer Rupert Enzinger saßen in Niederschönenfeld noch drei weitere wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilte Kolbermoorer ein.

Das Schwalbenbuch“ wurde von der Gefängnisleitung als „Hetze“ bezeichnet, es wurde beschlagnahmt und konnte erst 1924 veröffentlicht werden, nachdem es durch einen entlassenen Häftling hinausgeschmuggelt worden war.

Die Jahre bis zum Exil 1933

Toller war inzwischen zum berühmtesten deutschen Dramatiker seiner Generation avanciert, dessen Stücke bereits in allen Theatermetropolen der Welt aufgeführt wurden. Und weitere neue Stücke sollten folgen wie „Hoppla, wir leben“,„Feuer aus den Kesseln“,„Nie wieder Friede“ und „Pastor Hall“. Die kommenden Jahre bildeten den Zenit seines Ruhms. Fast ständig erhielt er aus dem In- und Ausland Anfragen nach Vorträgen und Lesungen und unternahm deswegen z.T. ausgedehnte Reisen wie in die USA und die Sowjetunion, aber auch nach Ägypten, Palästina, Frankreich und England, nach Österreich, Dänemark und Norwegen, nach Italien, die Schweiz usw.. Er hielt Reden, gab Interviews, schrieb Aufsätze, nahm an Kongressen teil, mal auf Deutsch, mal auf Englisch oder Französisch. Er engagierte sich in den unterschiedlichsten politischen Angelegenheiten mit den Schwerpunkten politische Justiz, Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, Kulturpolitik sowie der Unabhängigkeit der Kolonien. Er zählte zu den führenden Mitgliedern der „Liga für Menschenrechte“ und trat der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ bei, deren Mitglied auch Kurt Tucholsky war. Die Gruppe vertrat den Standpunkt, Krieg sei das Ergebnis kapitalistischer Gesellschaft, Pazifismus sei daher nur innerhalb einer sozialistischen Weltordnung möglich.

Toller war trotz der langen Haft politisch absolut auf der Höhe seiner Zeit und schrieb ständig für die führenden politischen und literarischen Zeitschriften Artikel, vor allem für die berühmte „Weltbühne“, das Forum der demokratischen Linken schlechthin. Das Spektrum seiner Themen ist ausgesprochen breit, seine Kenntnisse fundamental. Ob er sich mit Heimarbeit im Erzgebirge oder dem sozialistischen Wien befasst, mit der Bewaffnung der Flotte oder der Kampagne zur Befreiung von Franz Hölz – immer ist Toller bestens informiert und überaus engagiert. Max Hölz war Führer einer Roten Armeeeinheit im Vogtland und wurde für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, den er nicht begangen hatte. Toller setzte sich in Artikeln für ihn ein, sprach auf Kundgebungen und sammelte Geld. 1928 kam Hölz frei. Hölz ist nur ein Beispiel von vielen, für die Toller kämpfe.

Sein politischer Scharfblick wird am deutlichsten in seinen Reden und Artikeln über den Nationalsozialismus. Hellhöriger als die meisten seiner Zeitgenossen schrieb er schon 1927: „Der Faschismus ist eine solche Gefahr für die europäische Arbeiterschaft, daß ich glaube, man sollte jede Offensive gegen ihn begrüßen“(Dove, S.179). In seiner Rede zum 10. Todestag von Kurt Eisner sagte er 1929: „Wir stehen vor einer Herrschaftsperiode der Reaktion. Glaube keiner, die Periode eines noch so gemäßigten, noch so schlauen Faschismus werde eine sehr kurze Übergangsperiode sein. Was jenes System an revolutionärer, sozialistischer, republikanischer Energie zerstört, ist kaum in Jahren wieder aufzubauen“(In Memoriam Kurt Eisner, in: Toller Bd.1, S. 168). Und schon eineinhalb Jahre später sagte er mit hoher Präzision voraus, welche Konsequenzen aus einer Machtergreifung der Nationalsozialisten resultieren würden, wie die Abschaffung sozialer Reformen, die Entfernung von SPD-Anhängern aus allen Machtpositionen, die Zerschlagung der Gewerkschaften und die Anwendung „nackten, brutalen Terrors gegen Sozialisten; Kommunisten, Pazifisten und die paar überlebenden Demokraten“ (Reichskanzler Hitler, in: Weltbühne, 7. Oktober 1930, nachgedruckt in: Toller, Bd.1, S.71). Er beschließt diesen Artikel mit den Worten: „Geschieht heute nichts, stehen wir vor einer Periode des europäischen Faschismus, einer Periode des vorläufigen Untergangs sozialer, politischer und geistiger Freiheit, deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwartenist.“ 1932 schreibt Toller: „Es gäbe nur noch ein Mittel, den Sieg des Faschismus zu vereiteln: Die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten Arbeiterklasse mit klar umrissenen Kampfzielen“ (Zur deutschen Situation, in: Toller, Bd.1, S.75).

Toller im Exil

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, gehörte Toller zu den ersten, die sie loswerden wollten. Zu den 33 Namen auf der Liste von Personen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, gehörte auch der seine. Zwei Stunden nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar drangen bereits SA-Leute in Tollers Wohnung ein, um ihn festzunehmen. Aber Toller war in der Schweiz, wo er in einer Reihe von Rundfunksendungen mitwirken sollte. In den darauffolgenden Monaten wurden Tollers Stücke verboten, seine Bücher verbrannt und sein Eigentum konfisziert. Am 1. April wurde er von Joseph Goebbels in einer seiner Hauptreden zum öffentlichen Feind des Dritten Reiches erklärt. Besonders hatte dieser sich darüber erregt, dass Toller einst geäußert hatte: „Es gibt kein dümmeres Ideal als das Ideal des Helden.“

Nach der Schweiz sind weitere Stationen seines Exils London und New York. Aus dem Ausland bekämpft er weiter mit über 200 Ansprachen, Vorträgen und Rundfunkreden das Naziregime und ist damit eine der wichtigsten und meist gehörten Stimmen der Aufklärung über das deutsche Terrorsystem. Er hält aber auch literarische Vorträge und arbeitet an Drehbüchern, Aufsätzen, Reportagen und Gedichten. Er setzt sich ein für die Freilassung von Ernst Thälmann und Carl von Ossietzky und kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die ins Exil fliehen mussten. Und immer wieder unternimmt er ausgedehnte Vortragsreisen wie vier Monate durch die USA und Kanada. Allein in Los Angeles hören ihm 6500 Menschen zu. Aber zwischendurch hat er immer wieder Anfälle von Mutlosigkeit und Verzweiflung, und Depressionen suchen ihn heim.

Auch die Liebe vermag ihn nur kurzfristig psychisch zu stabilisieren. 1935 heiratete er die 23 Jahre jüngere Schauspielerin Christiane Grautoff, die er seit 1932 kannte und die ihm ins Exil nach London gefolgt war. Drei Jahre lang stand sie ihm eng zur Seite und packte immer seinen Koffer, ohne einen Strick zu vergessen, den er immer dabei haben wollte. Auf die Dauer ertrug sie aber Tollers psychische Instabilität nicht mehr. Im Juli 1938 kam es zur Trennung.

Tollers letztes großes Projekt war ein gigantischer Hilfsplan für das von Bürgerkriegswirren zerrissene Spanien und seine hungernde Bevölkerung. Toller war überzeugt, dass nur eine vereinte Aktion aller demokratischer Regierungen erfolgreich den Kampf mit dem Hunger aufnehmen konnte. Aus dem umkämpften Madrid richtete er u.a. einen eindringlichen Appell an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Aber sein erhoffter Erfolg blieb aus und am 28. März 1939 marschierten Francos Truppen in Madrid ein. Tollers Stimmungslage schlug um.

Nach Wochen der Schlaflosigkeit und inzwischen chronischer Depression nahm er sich im Mayflower Hotel in New York am 22. Mai 1939 das Leben. Zur Gedenkfeier kamen über 500 Menschen. Eine der Grabreden hielt Oskar Maria Graf. Einer der Redner nannte Toller zurecht „ein Symbol der Revolution“.

Literaturverzeichnis

Distl, Dieter, Ernst Toller, Eine politische Biographie, Schrobenhausen 1993

Dorst, Tankred, Toller, Frankfurt a.M. 1968

Dove, Richard, Ernst Toller, Ein Leben in Deutschland, Göttingen 1993

Fuld, Werner und Ostermaier, Albert (Hrsg,), Die Göttin und der Sozialist, Christiane Grautoff – ihr Leben mit Ernst Toller, Bonn 1996

Grau, Bernhard, Kurt Eisner 1867-1919, München 2001

Höller, Ralf, Der Anfang, der ein Ende war, Die Revolution in Bayern, Berlin 1999

Höller, Ralf, Das Wintermärchen, Berlin 2o17

Karl, Michaela, Die Münchner Räterepublik, Porträts einer Revolution, Düsseldorf 2008

Legath, Josef, Ernst Toller, Gedanken zu einem friedfertigen Revolutionär, in: Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.2, Kolbermoor 2004, S. 153 – 161

Rothe, Wolfgang, Toller, Reinbek 1997, rowohlts monographien, Bd.50312

Schaupp, Simon, Der kurze Frühling der Räterepublik, Ein Tagebuch der bayerischen Revolution, Münster 2017

Stenographische Berichte des Provisorischen Nationalrates des Freistaates Bayern von der Sitzung vom 2. Januar 1919

Toller, Ernst, 6-bändige Werke, hrsg. von Wolfgang Frühwald und John M. Spalek,

München 1979

Band 1: Kritische Schriften, Reden und Reportagen

Band 2: Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis 1918

– 1921

Band 3: Politisches Theater und Dramen im Exil 1927 –

1939

Band 4: Eine Jugend in Deutschland

Band 5: Briefe aus dem Gefängnis

Band 6: Der Fall Toller, Kommentar und Materialien

Ulrich, Volker, Die Revolution von 1918/19, München 2009

Viesel, Hansjörg, Literaten an der Wand, Frankfurt a.M. 1980, Ernst Toller, S. 329 – 410

Weidemann, Volker, Träumer, Als die Dichter die Macht übernahmen, Köln 2017

Internet

Falke, Eberhard, Ein Denkmal für Ernst Toller, 28.4.2015, http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-ein-denkmal-fuer-ernst-toller.700.de.html?dram:article_id=318154

Kultur, Der Dramatiker als Revolutionär, 13.1.2018 https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/bayerische-schriftsteller-toller100.htmal

Andreas Salomon, März 2018

Zweitauflage des Kalenders ist fertig

Gute Nachricht für alle die noch einen unserer Kalender wollen:  Die Zweitauflage ist soeben aus der Druckerei gekommen.

Den Kalender gibt es am:

  • Samstag-Abend (08.12. – ab 19:45 Uhr) in der Vetternwirtschaft beim „good night – white pride“ Konzert

und am

  • Sonntag – Abend (09.12. – ab 19:00 Uhr) in der Asta Kneipe bei dem Vortrag über Guido Kopp

Die vorbestellten Exemplare gehen am Montag in die Post und der Rest ist dann wieder bei BeBop Schallplatten, der Vetternwirtschaft und im Z-linken Zentrum erhältlich.

 

 

So 09.12.: Vortrag über Guido Kopp

Revolutionär in Rosenheim, Kämpfer gegen den Faschismus in Spanien, KZ-Überlebender – Leben und Kampf eines (Berufs-)Revolutionärs

Rosenheim. Am Sonntag 09.12.19 referiert der Salzburger Historiker Gernod Fuchs in der Rosenheimer Asta Kneipe (Hubertusstr. 1) über Guido Kopp. Kopp wurde nach dem 1. Weltkrieg vom bayerischen Soldaten zum Revolutionär. Als Vorsitzender des Soldatenrates und später Mitglied und Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe nahm er eine wichtige Rolle in der Revolutionszeit und Räterepublik in Rosenheim ein.

So 09.12.: Vortrag über Guido Kopp weiterlesen

Kolbermoorer Rätezeit jetzt offizieller Teil der Stadtgeschichte

Seit gut 20 Jahren kämpft der Rosenheimer Kreisverband der GEW darum, die Geschichte des Roten Kolbermoors für die Bevölkerung wieder sichtbar zu machen. Kolbermoor war während der Novemberrevolution eine Hochburg der Räte. Früher als in anderen Orten Bayerns radikalisierte sich hier die Arbeiterschaft, geschlossener standen die Arbeiter hinter ihren Räten, waren zur Verteidigung ihrer Errungenschaften bereit und bildeten schließlich die letzte rote Bastion, die in Bayern am 3. Mai 1919 fiel. Umzingelt von einer Übermacht an Regierungssoldaten und Freikorps mussten die Roten schließlich kapitulieren. Besondere Tragik: Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann, der zur Übergabe geraten hatte, und sein Sekretär wurden einen Tag später von Grafinger Weißgardisten ermordet.

Den Gewerkschaftskollegen war es dabei nicht nur ein großes Anliegen, dass für Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn ein Denkmal gesetzt wurde, sondern dass die Stadt Kolbermoor die Rätezeit als Teil ihrer Stadtgeschichte annahm.

Vor 20 Jahren gab es für ein Denkmal im Stadtrat keine Mehrheit, sodass der Kreisverband der GEW selber ein Denkmal errichtete und mit Hilfe großzügiger Spender wie z.B. Dr. Klaus Weber finanzierte. Immer wieder wurde dieses Denkmal von Nazis angegriffen. Mal wurde es mit blauer Farbe zugesprüht, mal mit Säure verätzt oder mit großen Hakenkreuzen und der Aufschrift „Noske, do it again!“ beschmiert. (Der Reichswehrminister Gustav Noske hatte seinerzeit die Revolution mit Gewalt niedergeschlagen.) Schließlich wurde die große Marmortafel mit schwerem Gerät endgültig zerstört.

Die GEW hatte durch Veranstaltungen und Leserbriefe nie nachgelassen, die Geschichte des Roten Kolbermoor lebendig zu halten und weiter im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

In diesem November war es dann so weit. Die Stadt Kolbermoor eröffnete im Rathaus eine Ausstellung zum Thema, die Stadträte genehmigten einstimmig, dass die Stadt ein neues Denkmal finanziert und am 14. November wurde dieses offiziell eingeweiht. Blumenschalen der Stadt waren vor dem neuen sehr stabilen Denkmal zu sehen, der Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo (SPD) konnte an die 70 Anwesende begrüßen und der GEW-Kollege Andreas Salomon hielt die Hauptrede. Der Bürgermeister verwies darauf, dass Männer wie Georg Schuhmann es gewesen seien, die damals „sich dafür einsetzten, die Not der Arbeiterschaft zu mindern und eine sozialere, gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.“ Das Denkmal, so Andreas Salomon, erinnere nicht nur an die feige Mordtat, sondern stehe symbolisch für die gesamten sechs Monate der Kolbermoorer Rätezeit, die jetzt offiziell zu einem wesentlichen Teil der Stadtgeschichte geworden sei. Wenn jetzt die Nazis erneut die Tafel angreifen würden, dann würde die ganze Stadt attackiert.

Am kommenden Tag berichtete die Lokalzeitung in einem halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Ein massiver Teil der Stadtgeschichte“. In den nächsten Monaten wird der Kreisverband der Gewerkschaft durch Vorträge und Rundgänge auf den Spuren von Schuhmann und Lahn weiter aufklären, aber auch die Stadt bietet eine Reihe von Veranstaltungen an. Manche Dinge brauchen eben einen langen Atem.

Andreas Salomon, KV Rosenheim

Rede zur Denkmalseinweihung für Georg Schuhmann und Alois Lahn in Kolbermoor am 11.11.2018

von Andreas Salomon

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, verehrte Damen und Herren des Stadtrates, verehrte Anwesende,

das heutige Datum für die Denkmalseinweihung habe ich mit Bedacht ausgewählt, weil auf den Tag genau vor 100 Jahren die SPD in den hiesigen Mareissaal eine Volksversammlung einberief, auf der der 1. Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde. Damit war der Beginn einer sechsmonatigen Phase demokratischer Mit- und schließlich Selbstbestimmung gesetzt, die am 3. Mai 1919 mit der Übergabe der Stadt offiziell endete. Und die Tafel, die wir heute einweihen wollen, erinnert daran, dass einen Tag später, am 4.Mai 1919, Grafinger Weißgardisten die Wohnungen des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn stürmten, beide schwer misshandelten, zur Tonwerksunterführung schleiften und dort ermordeten.

Besonderer Dank gebührt heute der Stadträtin Frau Dagmar Levin, die im Stadtrat den Antrag stellte, die Stadt möge Geld für die Errichtung eines neuen Denkmales zur Verfügung stellen, nachdem das bisherige mit brachialer Gewalt endgültig zerstört worden war. Und der Dank der Bevölkerung gilt Herrn Bürgermeister Kloo und dem gesamten Stadtrat, die einstimmig 5000 Euro für dieses neue Denkmal bewilligt haben. Und natürlich wollen wir unseren Künstler nicht vergessen, Herrn Joseph Still, der dieses neue Kunstwerk geschaffen hat und ihm herzlich für seine gelungene Arbeit danken. Herr Still wird selbst noch zu seinem Werk sprechen.

Sie wissen, dass die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an den Mord an Schuhmann und Lahn bereits eine dreißigjährige Geschichte hat. Zum allerersten Mal wurde 1989 von Klaus Weber und einigen Freunden eine Tafel errichtet, die allerdings nicht lange Bestand hatte, weil sie wenig wetterfest war. Damals gelang es auch nicht, die Geschichte, die sich hinter dem Denkmal verbarg, sichtbar zu machen und der Bevölkerung zu vermitteln.

Rechtzeitig zum 80sten Todesstag von Schuhmann und Lahn hatte ich dann meine Forschungen zur Kolbermoorer Räterepublik soweit vorangetrieben, dass an ihrem Todestag, dem 4. Mai 1999, also vor knapp 20 Jahren, die Ergebnisse in einem historischen Rundgang durch Kolbermoor präsentiert werden konnten. Mit Unterstützung durch den Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatten wir eine relativ schlichte Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung errichtet und ein Gedenkschild am Wohnhaus von Georg Schuhmann anbringen lassen.

Schon damals hatte ich mich darum bemüht, dass die Stadt Kolbermoor die Gedenktafel errichten möge. Dazu gab es zwei Anträge. Einen brachte die Grüne Liste ein, der in der Stadtratssitzung vom 27.1.1999 mit 10 zu 11 Stimmen abgelehnt wurde. Die Stadträtinnen und Stadträte der Grünen, der SPD und der Freien Wähler unterlagen mit einer Stimme der CSU und den Republikanern. Einen zweiten Versuch unternahmen Hans Lorenz als DGB-Ortskartellvorsitzender und ich im Namen des Kreisverbandes der GEW. Der Antrag vom 5. März 1999 kam aber in einer Stadtratssitzung gar nicht erst zur Entscheidung. Der 2. Bürgermeister Herr Schrank (CSU) erklärte in Vertretung des 1. Bürgermeisters Herrn Reimeier (CSU), dass das Gelände für die Aufstellung der Tafel gar nicht im Besitz der Stadt sei, sondern der Bahn gehöre. So beschloss der Kreisvorstand der GEW, die Erinnerungstafel in Eigenregie aufzustellen, wie es dann auch geschah.

Die Gedenkfeier für Georg Schuhmann und Alois Lahn anlässlich deren 80stem Todestages geriet zu einem größeren Kolbermoorer Ereignis im Beisein von Bürgermeister Ludwig Reimeier, des DGB-Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Kreis Südost-Oberbayern Herrn Lorenz Ganterer sowie zahlreichen Stadträten und anderen namhaften Persönlichkeiten aus Kolbermoor und Umgebung. Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung und die Vertreter verschiedener Parteien hielten an den unterschiedlichsten Stationen des Rundgangs Ansprachen.

Die errichtete Gedenktafel sollte aber nicht lange bestehen. Bereits am 11.1.2000 berichtete der Mangfall-Bote, dass die Kunststofftafel mit blauer Farbe komplett zugesprüht worden war und nicht mehr repariert werden konnte.

So musste an gleicher Stelle eine neue Gedenktafel errichtet werden, die Sie sicherlich alle kennen. Sie war wesentlich massiver, um möglichen weiteren Attacken widerstehen zu können und eine Zerstörung erschien undenkbar. Aber auch diese Tafel wurde immer wieder angegriffen. Mal wurde sie mit Säure attackiert, mal mit Farbe. Als große Hakenkreuze aufgesprüht wurden und der Satz: „Noske, do it again!“, war auch klar, aus welcher Ecke die Angriffe kamen. Gustav Noske war als Reichswehrminister 1918/1919 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Noch einmal konnte die Bronze-Platte gereinigt werden. Als aber dann die Täter mit schwerem Gerät anrückten und die große, äußerst stabile Marmortafel zerschlugen, war die Gedenktafel endgültig zerstört. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich die Gedenkstätte gepflegt und immer wieder Blumen angepflanzt – jetzt bot sich dem Betrachter ein jämmerlicher Anblick.

Wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar. Dann kam der Antrag von Dagmar Levin und die Zustimmung des Stadtrates. Ich denke, dass diese Entscheidung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und freue mich darüber außerordentlich, denn nun ist die Gedenktafel und die Stelle, wo sie errichtet ist, ein offizieller Standort der Stadt und die Stadt Kolbermoor erinnert an die feige Bluttat an dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinem Sekretär Alois Lahn.

Das ist nicht nur eine deutliche Aufwertung der Tafel, sondern zeigt letztendlich, dass die damalige Geschichte der Kolbermoorer Räterepublik nicht mehr verdrängt wird, sondern offiziell als ein Teil der Kolbermoorer Stadtgeschichte angenommen wird. Inzwischen ist ein historisches Bewusstsein gewachsen und in einem Gespräch mit Herrn Bürgermeister Kloo hat mir dieser vor Augen geführt, wie sehr die Wurzeln des heutigen Kolbermoors auch in der damaligen Zeit gesehen werden.

Ganz besonderer Ausdruck davon ist auch die aktuelle Ausstellung im Kolbermoorer Rathaus sowie die vielen Veranstaltungen zum Thema in unserer Stadt. Kolbermoor darf stolz darauf sein, dass heute in dieser Stadt in größeren Dimensionen gedacht wird und nicht mehr vergessen wird, dass demokratisches Denken bereits vor 100 Jahren praktiziert wurde.

Als 1947 die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wurde, hieß es bereits im Protokoll: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung sein Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Der Beschluss war einstimmig, wie mir der damalige und inzwischen verstorbene Bürgermeister Karl Staudter versicherte. Im Gemeinderat saßen sieben Angehörige der SPD, sechs der CSU und zwei von der KPD.

Georg Schuhmann hat in den wenigen Monaten seiner Wirkungszeit die Geschicke Kolbermoors nachhaltig beeinflusst. Der in Bamberg am 6. März 1886 geborene gelernte Installateur war als Kriegsteilnehmer wie hunderte anderer Soldaten in die Sanierung gekommen, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor, wo die Soldaten zusammengefasst wurden, um entlaust und wieder neue eingekleidet zu werden.

Dass hier unter den Soldaten intensive Diskussionen über den verlorenen Krieg und die aktuelle wirtschaftliche und soziale Lage geführt wurden, lässt sich denken. Über die Vorgeschichte des zweiunddreißigjährigen, unverheirateten Schuhmann wissen wir fast nichts. Nachforschungen brachten bisher kaum Ergebnisse. Es darf aber aufgrund seiner intensiven und geradezu professionellen Aktivitäten in Kolbermoor angenommen werden, dass er über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügte und bestens informiert war, was nicht nur das Deutsche Reich anbelangte, sondern auch die Verhältnisse in Europa und darüber hinaus wie z.B. in Russland.

Dass er nach Kolbermoor kam, dürfte allein darauf zurückzuführen sein, dass hier bereits seit zwei Jahren seine zehn Jahre ältere unverheiratete Schwester wohnte, zu der er am 15.11. 1918 in die Kolbermoorer Karlstraße 2 zog. Am 1.2.1919 nahm er sich dann eine eigene Wohnung in der Alpenstraße 3, der heutigen Schuhmannstraße.

Sein Name taucht im Beschlussbuch des Volksrates, das ich im Kolbermoorer Archiv entdeckte, zum ersten Mal im Protokoll der Sitzung vom 8. Januar 1919 auf, bei der der 2. Kolbermoor Volksrat gewählt wurde. Auf der Vollversammlung im Mareissaal schlug die Sozialdemokratische Partei neun Mitglieder vor, über die einzeln abgestimmt wurde. Im Protokoll heißt es: „Die Vorschläge wurden von der Versammlung teils einstimmig, teils mit erdrückender Mehrheit angenommen.“ Einer von ihnen war Georg Schuhmann, der zu dem Zeitpunkt noch keine drei Monate in Kolbermoor ansässig war. Es ist schon außerordentlich erstaunlich, dass er da schon eine derartige Popularität genoss.

Wir wissen nicht, wie lange er schon in der Sanierung war und Kontakte nach Kolbermoor hatte, aber als sicher darf angenommen werden, dass er seit dem 15. November, als der 1. Volksrat gerade einmal vier Tage im Amt war, sich bereits intensiv mit den Gegebenheiten vor Ort beschäftigte und die Arbeit des Volksrates unterstütze. Anders lässt sich seine Wahl als gewissermaßen Ortsfremder nicht erklären.

Schon bald entwickelten Schuhmann und seine Mitstreiter eine rege kommunalpolitische Arbeit und kümmerten sich um all die Erfordernisse, die der Bevölkerung auf den Nägeln brannten. Der Volksrat hatte zu diesem Zeitpunkt nur beratende Funktion, konnte also nicht selber entscheiden. Er hatte vor allem die Aufgabe „amtliche Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ Er war also der Katalysator, der für Gerechtigkeit und demokratisches Verhalten bei der Arbeit der Gemeinde zu achten hatte und deswegen eigene Vertreter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses schickte. Besondere Bedeutung kam dabei der Ernährung der Bevölkerung zu, wobei es um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel ging. Der Volksrat bildete dazu extra einen vierköpfigen Lebensmittelausschuss.

Die Protokolle des 2. Volksrates zeugen von einer deutlich intensivierten Arbeit. Neben der Versorgung mit Lebensmitteln ging es um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um Straßenbau, den Uferschutz der Mangfall, Maßnahmen gegen die Verrohung der Jugend durch den Krieg und vieles mehr. Immer wieder werden Schleichhandel und Wucherpreise gerügt, genauso wie unlauterer Wettbewerb. Aber auch gewerkschaftliche Ziele wie die Einführung des 8-Stunden-Tages bei der Gemeinde und gerechte Entlohnung sind Themen. Bereicherungsversuche einzelner auf Kosten der Bevölkerung werden aufgedeckt und immer wieder schlechte Lebensmittel gerügt. Das Wirken von Schuhmann und seinen Mitstreitern war frei von eigenen Interessen und hatte einzig und allein das Wohl von Kolbermoor im Sinn.

Der Einfluss des Volksrates war so bedeutsam, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann seit dem 5. Februar 1919, also bereits nach vier Wochen seiner Amtszeit, regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters Bergmann abhielt. Aus den Protokollen geht hervor, dass daraus keinerlei Spannungen entstanden. Vielmehr wurden die Anträge des Volksrates von der Gemeinde zunehmend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor gestaltete und die Gemeinde zunehmend zur Exekutive wurde.

So überraschen dann die Vorgänge vom 22. Februar 1919 nicht, als einen Tag nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wird.

Jetzt hatte der Volksrat in Kolbermoor die Zügel in der Hand und Schuhmann wurde quasi der 5. Kolbermoorer Bürgermeister. Mit unverminderter Intensität setzte der Volksrat seine Arbeit fort, was jetzt nicht im Einzelnen dargelegt werden soll.

Schuhmann genoss in Kolbermoor ungeheures Ansehen. Die Chroniken besagen, die Arbeiterschaft „verhimmelte“ ihn. Inzwischen war er auch über Kolbermoor hinaus bekannt und in den Bezirksrat gewählt worden. Offenbar hielt er enge Verbindungen nach München und war mit der dortigen Entwicklung bestens vertraut. So erklärt es sich auch, dass am 29.4.1919 noch einmal ein Volksrat gewählt wurde, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte.

Georg Schuhmann war inzwischen von der USPD zur KPD übergetreten und sämtliche Mitglieder des neuen Volksrates gehörten dieser Partei an. Diese Entwicklung entspricht der 4. Phase der Räterepublik in München, bei der die Kommunisten unter Leviné die 2. Räterepublik gründeten. Aber die Tage waren gezählt. Überall mussten sich die Roten der Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps beugen. Kolbermoor war die letzte rote Bastion in Bayern. Ich denke, nirgendwo stand die Bevölkerung derartig intensiv hinter ihrem Volksrat wie hier.

Kolbermoor wurde umzingelt, die Bevölkerung war zur Gegenwehr bereit. Bewaffnete Züge wurden von den Arbeitern der Gemeinde gebildet. Die Übermacht war gewaltig und im Mareissaal wurde heftig diskutiert, was man machen sollte. Besonders die Frauen waren für Verteidigung. Aber letztendlich setzte sich die Vernunft durch und Georg Schuhmann plädierte für die Übergabe der Stadt, um ein Blutvergießen zu vermeiden. So geschah es dann auch am 3. Mai 1919.

Eine besondere Tragik war es dann, dass einen Tag später ausgerechnet derjenige, der für Gewaltfreiheit plädiert hatte, zusammen mit seinem Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten brutal misshandelt und schließlich ermordet wurde.

Wenn wir heute Georg Schuhmann und Alois Lahn mit einer neuen Gedenktafel ehren wollen, so ist damit der Wunsch verbunden, dass ihr Wirken für die Stadt Kolbermoor nicht vergessen werden soll. Uneigennützig haben sie ihr junges Leben zum Wohl ihrer Heimatgemeinde eingesetzt und grausam verloren. Mögen sie unvergessen bleiben.

Das rote Kolbermoor

Beitrag von Andreas Salomon im Lokalhistorischen Taschenkalender „Es lebe das freie Bayern“

Am 29.10.1918 löste der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven die Novemberrevolution aus. Deren Ursachen sind in erster Linie in den katastrophalen Folgen des 1. Weltkrieges (1914-1918) zu suchen. Nicht nur dass der Krieg verloren wurde und in Bayern 180.000 Soldaten ihr Leben lassen mussten, auch die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung waren während der Kriegsjahre unerträglich geworden.

Am 7.11.1918 kam es daher in München auf der Theresienwiese zu einer großen Friedenskundgebung mit etwa 60.000 Teilnehmern, auf der ein sofortiges Ende des Krieges, der Rücktritt des Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden sowie umgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Bei einer anschließenden Demonstration zu den Kasernen laufen die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären über. Am Abend wird ein „Arbeiter- und Soldatenrat“ gebildet und am kommenden Tag Kurt Eisner (USPD) zum Ministerpräsidenten gewählt, der den „Freistaat Bayern“ ausruft. Die Monarchie ist nach 738 Jahren abgeschafft.

Diese Entwicklung hatte auch in Kolbermoor erhebliche Konsequenzen. Denn auch hier hatten die Menschen in den Kriegsjahren sehr gelitten. 730 Soldaten zogen in den Krieg, aber 153 kehrten nicht mehr zurück. Außerdem waren die Lebenshaltungskosten in den Kriegsjahren ganz erheblich gestiegen. Schon im ersten Kriegsjahr hatten sie sich um 20 % verteuert und 1915 wurde sogar das Brot knapp. Hamsterkäufe fanden statt, die Schwarzmarktpreise stiegen. 1917 war dann das große Hungerjahr. Zusätzlich wurde das Heizmaterial knapp, die Wohnungsnot stieg und die Arbeitslosigkeit wuchs. Vor dem Krieg hatten in der Spinnerei noch 900 Menschen ihr täglich Brot verdient, jetzt waren nur noch 140 Arbeitsplatze vorhanden und im Tonwerk gab es statt 450 nur noch 13.

Dem Münchner Bespiel folgend wurde für den 11. November 1918 durch die örtliche sozialdemokratische Partei im großen Kolbermoorer Mareissaal eine Volksversammlung einberufen, zu der, wie aus dem Beschlussbuch des Volksrates hervorgeht, ungewöhnlich viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, dem sogar zwei Kommerzienräte angehörten. 1. Vorsitzender wurde der Gastwirt Franz Sperber, sein Vertreter Bürgermeister Eduard Bergmann. Der Sozialdemokrat Franz Sperber war 1890 aus München gekommen und hatte vielfältige Initiativen ergriffen wie die Gründung eines Arbeiter-Lesevereins (1892) sowie einer Arbeiterbibliothek (1900), und schließlich hatte er 1898 eine Ortsgruppe der SPD gegründet.

Bereits auf der 1. Sitzung des Kolbermoorer Volksrates am 13. November wurde ein Lebensmittelausschuss gebildet, der Beschwerden entgegennehmen und die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren sollte, um eventuelle Missstände abstellen zu können. Er hatte die Aufgabe, auch streng darauf zu achten, dass angelieferte Lebensmittel gerecht verteilt wurden.

Die Kompetenzen des Volksrates waren allerdings eingeschränkt. Er war zunächst lediglich ein Kontrollorgan und bestand parallel zur Gemeindevertretung. Aber er brachte viel Bewegung in die Ortsverwaltung, indem er zahlreiche für die Arbeiter und auch Bauern sinnvolle Tätigkeiten anregte. Die Futtermittelknappheit der Landwirte wurde zur Sprache gebracht, ein Wachkommando eingerichtet, um Plünderungen zu unterbinden oder auf den Vorschlag des Volksrates Arbeitsplätze in der Filze eingerichtet.

Aber manchen Kolbermoorer Arbeitern ging der Wandel nicht schnell genug und sie drängten nach knapp zwei Monaten auf Neuwahlen mit einer anderen Zusammensetzung des Volksrates. Sie beklagten, dass für eine Arbeiterstadt zu viele Angehörige der Bürgerschicht im Volksrat vertreten seien und dessen Kurs nicht radikal genug sei.

Am 8. Januar 1919 kam es dann zur Neuwahl. Nun wurden in den 2. Volksrat sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. So löste man sich in Kolbermoor von der mehrheitssozialdemokratischen Führung (MSPD) im Volksrat sechs Wochen früher als in München und Rosenheim, wo entsprechende Vorgänge erst nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisners am 21. Februar einsetzten. Besonders die Angehörigen der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) erhofften sich von der Neuwahl auch eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Einer der Arbeitervertreter war der 32-jährige Installateur Georg Schuhmann (USPD), der zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Er trug schon bald erheblich dazu bei, dass sich die Arbeit des Volksrates beschleunigte und intensivierte. Konsequent wird der Schleichhandel kontrolliert und die Zurückhaltung von Lebensmitteln bekämpft. Schuhmanns Autorität ist so groß, dass er auf Beschluss des Volksrates vom 6.2.1919 im Amtszimmer des Bürgermeisters Sprechstunden abhält. In der Gemeinde wird der Achtstundentag durchgesetzt und für die Gemeindebedienstete der Lohn erhöht.

Nachdem am 21.2.1919 der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ermordet wird, werden einen Tag später der Kolbermoorer Bürgermeister Bergmann und der Gemeindesekretär Loy zum Rücktritt gedrängt, wie dies auch in vielen anderen Städten, z.B. Rosenheim, geschah. Georg Schuhmann ist jetzt als Volksratsvorsitzender quasi Bürgermeister und der Volksrat übernimmt die Geschäfte der Gemeindeverwaltung.

Vieles wird jetzt demokratisch geregelt. So wird beim Rosenheimer Forstamt angeregt, die Staatsfilze nicht mehr an Großpächter, sondern in kleineren Parzellen an die arbeitende Bevölkerung zu verpachten. Auch werden leerstehende Wohnungen beschlagnahmt, um die Wohnungsnot zu bekämpfen. Einer von Ausweisung nach Böhmen bedrohten Frau wird geholfen, sie darf bleiben. Die Kriegsinvaliden werden finanziell unterstützt und Maßnahmen gegen die Ausbeutung von Lehrlingen ergriffen.

Währenddessen hat überall im Deutschen Reich die Gegenrevolution mobilisiert. Der Palmsonntagsputsch vom 13.4.1919 konnte in München und Rosenheim von der Roten Armee bzw. Roten Garde noch zurückgeschlagen worden. In München kommt es daraufhin zur Ausrufung der Kommunistischen Räterepublik. Aber jetzt erbittet der bayerische Ministerpräsident Hoffmann (SPD) die Hilfe der Reichsregierung, die den Reichswehrminister Gustav Noske beauftragt, die Räterepublik München niederzuschlagen. 35.000 Reichswehrsoldaten setzen sich gemeinsam mit diversen Freikorps (den „Weißen“) in Bewegung. Ihnen stehen in München 10.000 – 12.000 Mitglieder der Roten Armee gegenüber. Nach anfänglichen Erfolgen der Roten Armee wird München am 1./2. Mai eingenommen, und eine Woche lang wird ein ungeheures Gemetzel angerichtet mit vielen hundert Toten. Angesichts dieser Situation kapituliert Rosenheim.

Wenige Tage vorher, am 30.4.1919, hatte es in Kolbermoor noch einmal eine Wahl eines 3. Volksrates gegeben. Ein „Revolutionärer Arbeiterrat“ war gewählt worden. In ihm sind wie seit dem 13.4.1919 in München nur noch Kommunisten vertreten. 1. Vorsitzender wird wieder Georg Schuhmann.

Die letzte rote Bastion in ganz Bayern ist jetzt Kolbermoor. Die Stadt wird zur Festung ausgebaut. Drei Verteidigungsgruppen bilden sich, eine aus Arbeitern der Spinnerei, eine aus Tonwerksarbeitern und eine aus Männern der Arbeiterwehr. Man will all das Aufgebaute nicht kampflos preisgeben. Aber gegen etwa 1000 Bewaffnete aus Kolbermoor mit 40 Maschinengewehren, einer schweren und drei leichten Feldhaubitzen sowie 14 Minenwerfern steht ein Bataillon (je nach Zusammensetzung 300 – 1200 Soldaten) regulärer Infanterie, die Freikorps Passau und Grafing, 3000 Mann der Einwohnerwehren, 100 Dragoner aus Straubing, vier Geschütze, sechs Abteilungen mit Maschinengewehren und zwei Panzerzüge. Nach langen heftigen Diskussionen folgt man den Argumenten des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann, ein großes Blutbad zu vermeiden und kapituliert.

Vor dem Kolbermoorer Bahnhof wurden die Unterstützer der Roten verprügelt und im Bahnhofswartesaal richteten die Sieger ein Standgericht ein. Die roten Verteidiger der Stadt Kolbermoor wurden verhaftet und ins Zuchthaus Straubing abtransportiert.

Am kommenden Tag, Sonntag, den 4. Mai 1919, ziehen Grafinger Weißgardisten morgens um neun Uhr Georg Schuhmann und seinen erst 18-jährigen Sekretär Alois Lahn aus ihren Häusern, misshandeln sie schwer, schleifen sie zur Tonwerksunterführung und ermorden sie. „Eine unglaubliche Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung“, wie es im Sterberegister heißt. Bei der Beerdigung befürchtete man Ausschreitungen und positionierte Maschinengewehre auf dem Friedhof.

Wenn die Revolution auch fehlgeschlagen war, so sammelte die Arbeiterbewegung in Kolbermoor doch Erfahrungen, entwickelte Bewusstseinsinhalte, und große Teile der Arbeiterschaft wurden resistent gemacht gegenüber dem Nationalsozialismus.

1947 wurde eine Straße nach Georg Schuhmann „wegen seiner demokratischen Gesinnung“ benannt. Seit 1999 erinnert ein Denkmal bei der Tonwerksunterführung an die hinterhältige Mordtat.

Lokalhistorischer Taschenkalender für das Jahr 2019

100 Jahre Revolution und Räterepublik in Rosenheim

Rosenheim. Unter dem Titel „Es lebe das freie Bayern“ erscheint im November ein Taschenkalender auf Spurensuche zur Revolutions- und Rätezeit im Raum Rosenheim. Auf 350 Seiten dokumentiert der von der Geschichtswerkstatt Rosenheim herausgegebene Kalender die lokalen Ereignisse vor hundert Jahren, eine Zeit, als in Bayern die Monarchie gestürzt wurde.

„Der Kalender soll Geschehnisse von vor hundert Jahren ins tägliche Bewusstsein rufen“ schreibt die Geschichtswerkstatt im Vorwort zu dem Kalender. In dem Kalender für das Jahr 2019, welcher bereits im November 2018 beginnt, finden sich an einzelnen Tagen kurze Informationen zu (lokal)historischen Ereignissen. Wöchentlich geben zusätzlich Aussagen von Zeitgenoss*innen oder Auszüge aus der Lokalzeitung kurze Einblicke in die Revolutionszeit.

Neben dem Kalenderteil ergänzen Hintergrundartikel die Spurensuche. Hierzu verwendet die Geschichtswerkstattzum einen historisches Quellenmaterial wie Polizeiberichte, Verhörprotokolle und Zeitzeug*innenberichte. Zum anderen werden Artikel verschiedener Historiker*innen und Publizist*innen (wie. z.B. Dr. Michael Seligmann, Simon Schaupp, Andreas Salomon oder Christiane Sternsdorf-Hauck) abgedruckt, welche sich mit den revolutionären Ereignissen in und um Rosenheim beschäftigen. Abgerundet wird das Büchlein durch historische Fotos von Demonstrationen, Akteur*innen, Orten und Plakaten aus unterschiedlichen Archiven, darunter auch bisher unveröffentlichte Plakate.

Der Kalender wird am Sonntag 04.11.2019 bei der Filmvorführung von „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ im Rosenheimer Z (Innstr. 45a) vorgestellt. Ab diesem Zeitpunkt ist er auch in ausgewählten Rosenheimer Läden und Veranstaltungsorten (u.a. Bebop Schallplatten, Vetternwirtschaft, Z) oder direkt über die Geschichtswerkstatt Rosenheim (geschichtswerkstatt-rosenheim@systemli.org) erhältlich.

Eine Internetseite zum Thema befindet sich gerade im Aufbau. Unter revolution.rosenheim.social wird es zukünftig weitere Informationen über das revolutionäre Geschehen in der Region Rosenheim geben.