Kolbermoorer Rätezeit 1918 / 1919

Interview mit Andreas Salomon

Frage: Der Kolbermoorer Volksrat war einer der ersten, die 1918 gegründet wurden und die Errungenschaften wurden dort auch am längsten gegen die Reaktion verteidigt. Woran lag es, dass es gerade im Raum Rosenheim so ein starkes widerständiges Potenzial unter den ArbeiterInnen gab?

In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 wurde durch Kurt Eisner in München die Republik ausgerufen. Diesem Beispiel folgte Kolbermoor bereits wenige Tage später. Am 11.11.1918 wurde der 1. Volksrat unter Vorsitz von Franz Sperber gegründet.

Die Vorgeschichte reicht im Prinzip bis zur Gründung Kolbermoors im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wird sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayrischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Die Arbeitszeit hingegen betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gibt es keinen kommunalen Arzt und das Durchschnittsalter für Spinnereiarbeiter beträgt bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Leonard Tauscher gelang es, im Oktober 1869 99 Mitglieder für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. 1870 wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1990 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr ließ sich der Gastwirt Franz Sperber aus München in Kolbermoor nieder, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte er mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie hatten sich um 20 % verteuert und desto mehr stiegen die Schwarzmarktpreise. Auch an Heizmaterial fehlte es.

Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

Frage: Nach dem Weltkrieg war die Situation der ArbeiterInnenklasse sehr schlecht. Wie ging der Kolbermoorer Arbeiterrat mit diesem Problem um?

Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen. Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gegründet. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder.

Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten kann abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzustellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war.

In den folgenden Wochen werden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es geht um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

Am 2.1.1919 kam es zur Neuwahl. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten.

In der Sitzung vom 8. Januar wurde der zweiunddreißigjährige Georg Schuhmann zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Als Eisler am 21.2.1919 ermordet wurde, fand fünf Tage später ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie dominant bereits zu diesem Zeitpunkt die Räte waren. Schon einige Tage vorher (22.2.) war im Zuge der Ermordung Eislers der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst worden. Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte zunehmend die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun Bürgermeister von Kolbermoor und wurde zudem zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender.

Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 29.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Dessen Tätigkeit sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Einen Tag später wurde das Kolbermoorer Rätesystem durch Weißgardisten und Regierungstruppen zerstört. Schuhmann und sein Mitstreiter Alois Lahn wurden nach der friedlichen Übergabe der Stadt am 4. Mai von Weißgardisten brutal ermordet.

Frage: Als der Volksrat in Kolbermoor gegründet wurde, existierte parallel dazu die alte bürgerliche Gemeindeverwaltung. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gremien ausgesehen?

Die Beziehungen veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune. Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Dort wurden die Anträge des Volkrates eingebracht. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden.

Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt, der Antrag bezüglich des Kriegsinvaliden aber abgelehnt worden sei, da dieser eine hohe Kaution zu hinterlegen habe. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeindedieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8-Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wird erhöht.

Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers auch geschehen war. Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister.

Frage: Der Volksrat hatte ja vor allem das Ziel, die Interessen der ArbeiterInnen zu vertreten. Wie stark war der Kontakt der Vertreter im Rat zur Basis tatsächlich?

Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen.

Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss. Er kam als Soldat aus der Sanierung und zog nach Kolbermoor, weil seine Schwester bereits dort ansässig war. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ob Schuhmann politische Vorkenntnisse hatte, ist unbekannt, aber sehr wahrscheinlich. Er war 32 und dürfte schon vor dem Krieg politische Erfahrungen gesammelt haben. Kaum war er nach Kolbermoor gekommen, wurde er in den zweiten Volksrat gewählt und wurde gleich dessen Vorsitzender. Wahrscheinlich war er in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein. Als er beerdigt wurde, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Seine Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der Anzeiger „Anzeiger für Kolbermoor“: (…)Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo?…Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe in ihrer Studie „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren.

Frage: Nicht zuletzt der Begriff „Freistaat“ und der 8-Stunden-Tag gehen auf die Räterepublik zurück. Warum gibt es heute so wenig Bewusstsein darüber, was vor rund einhundert Jahren in der Region geschah?

Die Ereignisse aus der Zeit von November 1918 bis Mai 1919 wirkten durchaus lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

Die Wahlen in den Jahren danach zeigen insgesamt auf, dass die Linke in Kolbermoor nach wie vor sehr stark war, aber die bürgerlichen Kräfte zunehmend an Einfluss gewannen. Die Gemeindewahlen im Juni 1919 brachten der USP immerhin sieben von 19 Sitzen, aber die Bürgerliche Gemeinschaft erhielt 9 Sitze. Viele Kolbermoorer werden an ihrer Niederlage schwer zu beißen gehabt haben.

Bei der Reichstagswahl 1920 lag die USP mit 927 Stimmen weit vorne, gefolgt von der Bayerischen Volkspartei mit 577 Stimmen und der MSP mit 247. Die Kommunistische Partei kam nur auf 42 Stimmen. Bei der Landtagswahl 1920 sah es nicht anders aus. Wieder führte die USP mit 930 Stimmen. Bei der Landtagswahl tauchte die USP nicht mehr auf. Die Stimmen ihrer Anhänger flossen nun der Kommunistischen Partei zu, die es auf 408 Stimmen brachte. Gewinner waren die BVP, gefolgt von der SPD.

Am 19. Juni 1920 hielt Adolf Hitler in Kolbermoor seine erste Rede. Auch die Kommunistische Partei begann in den 20er und 30er Jahren ihre Tätigkeit in Kolbermoor auszubauen, hatte aber bis 1927 nur etwa 20 Mitglieder, wuchs aber stetig, und auch die Rote-Hilfe-Gruppe wuchs und hatte 1932 schon 81 Mitglieder. Sehr rührig für die KPD war Ewald Thunig, der 1924 wegen Ausbaus der Organisation der KPD in seiner Funktion als illegaler Leiter des Bezirks Südbayern der KPD verhaftet wurde.

In der Zeit des Nationalsozialismus zeigten dich die Kolbermoorer ganz besonders widerständig, wie in der „Chronik des Widerstandes in Kolbermoor 1931 – 1945“ nachzulesen ist, die im Jahrbuch der Geschichte Kolbermoors, Bd.1 veröffentlicht wurde Schon aus den Berichten des Bezirksamtes, die monatlich an das Regierungspräsidium nach München geschickt werden mussten geht deutlich hervor, wie viele Kolbermoorer dachten. Mal wurde ein kommunistisches Lied auf offener Straße gesungen, mal wurden Hausdurchsuchungen für erforderlich gehalten. Systemkritische Äußerungen kamen zur Anzeige und immer wieder kam es zu Prozessen und Inhaftierungen. Hermann Adam hatte Spanienflüchtlinge aufgenommen und Alois Gritl von der „Hitlerbande“ gesprochen usw.. Immer wieder kam es auch zur Einlieferung in das KZ Dachau. Edda Kühne liefert in ihrem Bericht über 80 Beispiele, wie die Nazis versuchten die Kommunisten und sonstige kritische Menschen kleinzuhalten.

Zurzeit forsche ich gerade über den Italiener Fortunato Zanobini, der als politischer Häftling nach Dachau eingeliefert wurde und von dort weiter nach Buchenwald kam, wo sich seine Spur verliert.

Nach dem Krieg wurde die KPD in Deutschland verboten (1956) und die Kommunisten und deren Anhänger gnadenlos verfolgt. Während die in Kolbermoor auch weit verbreitete Naziideologie sich in den Köpfen der Menschen weiter halten konnte (wie überall in Deutschland), wurde versucht, den Geist der Fortschrittlichkeit auszulöschen.

Die Geschichtsschreibung ist meist eine aus der Sicht der Sieger und so wurde die Erinnerung an die Räterepublik nicht wach gehalten und in späteren Jahren, vor allem durch Horst Rivier mit seinen „Kolbermoorer Chroniken“ verdreht und drastisch verfälscht. Dass Kolbermoor keine weiterführenden Schulen hat und die Gewerkschaften wenig Aktivitäten zeigten, mag auch eine Ursache sein, dass die Erinnerung an die Zeit der Räte verblasste und schließlich in Vergessenheit geriet.

Erst Ende der 80er Jahre wurden die roten Kolbermoorer Jahre von fortschrittlichen Kräften rund um Klaus Weber wiederentdeckt, und eine erste Gedenktafel wurde errichtet. Die Stadt nahm offiziell davon keine Kenntnis, während ehemalige NSDAP-Mitglieder durch Straßenbenennungen geehrt worden waren.

Seit meinen Forschungen vor 20 Jahren, meinen ständigen Stadtrundgängen auf den Spuren der Räte und schließlich durch mein Buch „Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“ ist das Interesse ständig gewachsen.

Frage: Warum war die Mangfall wichtig für die Baumwollspinnerei?

    Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts entwickelten Augsburger Unternehmer den Plan, die Wasserkraft der Mangfall als „billige Betriebskraft“, also als Energiequelle für die Anlage einer Baumwollspinnerei zu nutzen. In einem technischen Gutachten vom 28.11.1860 wurde festgestellt, dass die Wassermasse ausreichen würde, um 127.518 Spindeln in Bewegung zu setzen. Hinzu kam, dass die Mangfall nur sehr selten Eis führt. Der Augsburger Oberingenieur Theodor Haßler, der schon am Bau verschiedener Spinnereien beteiligt war, sah in Kolbermoor nicht nur wegen der Mangfall einen geeigneten Standort, sondern auch weil verschiedene Industrielle dort bereits genügend Torfgrundstücke besaßen und auch die geographische Lage in Bezug auf Österreich und Süddeutschland als günstig betrachtet wurde. 1857 war bereits die Eisenbahnlinie München-Holzkirchen-Rosenheim gebaut worden, was zur industriellen Erschließung der Region erheblich beitrug.

    Wieso konnten Fabrikbesitzer das Lohnniveau besser drücken als anderswo?

      Dazu gibt Franz Sperber in einem Artikel in der „Münchner Post“ 1892 Auskunft. Er weist auf die große Abhängigkeit des Industriearbeiters vom Arbeitgeber hin. In isolierten Fabrikorten gibt es nur ganz wenige Arbeitgeber, bei denen Arbeit zu finden ist und „darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth. Denn wohin gehen, wenn gekündigt wird?“ Sperber verweist auch noch auf die Ortgebundenheit durch kleine eigene Anwesen und viele Kinder, die einen Fortzug schwierig gestalten Zudem herrsche ein sehr rigides Element: „Wem es nicht recht ist, der kann gehen.“ Und: „Die freie Meinungsäußerung schrumpft auf ein Atom zusammen.“ Hinzu kam noch, dass die arbeitende Frau als Lohndrückerin eingesetzt wurde und in der Baumwollspinnerei arbeiteten sehr viele Frauen. Viele Arbeiter kamen auch aus der noch schlechter bezahlenden Landwirtschaft.

      Ein erster Streik – soweit bekannt ist – fand 1899 beim Wiederaufbau der im Vorjahr abgebrannten Spinnerei statt. Maurer einer Rosenheimer Baufirma verlangten höhere Löhne, konnten sich aber nicht durchsetzen. Zur großen Erbitterung der Kolbermoorer Arbeiterschaft wurden 80 Streikbrecher aus Augsburg eingesetzt.

      Kannst du kurz erklären, wer Leonhard Tauscher war?

        Der Schriftsetzer Leonhard Tauscher gehörte in Augsburg zur Spitze der dortigen Gruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Tauscher und zwei weiteren Schriftsetzern gelang es, dass der Verein sich auf weitere bayerische Städte wie Ansbach, Würzburg, Schweinfurt, Hof, Kaufbeuren und Kolbermoor sowie andere Städte ausdehnt.

        Und hast du noch mehr Infos über Franz Sperber?

          Der aus München stammende Gastwirt Franz Sperber ließ sich 1890 in Kolbermoor nieder. Die ersten sozialdemokratischen Regungen am Ort in den 90er Jahren sind eng mit seiner Person verbunden. Sperber zog nach Kolbermoor, weil die sozialdemokratische Bewegung die Arbeit auf dem Lande voranbringen wollte, deren Notwendigkeit immer wieder auf Parteitagen geäußert worden war. Seine Kontakte zu Münchner Parteikreisen gehen aus seiner Funktion als Delegierter bei Parteitagen der bayerischen Sozialdemokratischen Partei hervor und sind ersichtlich aus Beiträgen, die aus seiner Feder stammen und gelegentlich in der „Münchner Post“ abgedruckt wurden.

          Die Vertrauensleute der Sozialdemokratischen Partei waren in den allermeisten Fällen in Berufen tätig, die Abhängigkeiten von Arbeitgebern weitestmöglich vermieden.

          Sperber wurde 1892 als Delegierter Kolbermoors zum Parteitag in Regensburg entsandt. In einem Zeitungsbeitrag von ihm heißt es: „… wir werden…wissen, was wir zu thun haben: wir fühlen es als unsere Pflicht, zu agitieren um besseres Brodt, um die Befreiung des Proletariats.“

          Nicht nur die Gründung der Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei in Kolbermoor 1898 geht auf Franz Sperber zurück, sondern bereits die des „Arbeiter-Lesevereins“ 1892. Dies war der überhaupt erste sozialdemokratisch orientierte Verein vor Ort. Der Verein hatte bei seiner Gründung 27 Mitglieder und steigerte seine Zahl im selben Jahr noch auf 78. Im Jahr 1900 gründete die Sozialdemokratische Partei dann eine Arbeiterbibliothek. 1909 folgte ein „Jugendlicher Arbeiterbildungs-Verein“. Sozialdemokratisch geprägt waren auch der 1896 gegründete Arbeiter-Radfahrverein, der 1904 gegründete Arbeitergesangsverein „Arion“ und ein 1912 gegründeter Arbeiter-Turnverein.

          Warum war das Aiblinger Bezirksamt für Kolbermoor zuständig?

            Im Jahre 1862 bildeten die Landgerichte Rosenheim, Prien und Aibling das Bezirksamt Rosenheim als Verwaltungsbehörde unter einem Königlichen Bezirksamtmann. Am 1. Januar 1900 wurde für den Raum Bad Aibling ein eigenes Bezirksamt errichtet. Dafür gab das Bezirksamt Rosenheim 22 Gemeinden ab, darunter Kolbermoor. Am 1. Januar 1939 wurde wie überall im Deutschen Reich die Bezeichnung Landkreis eingeführt. Es entstanden die Landkreise Bad Aibling, Rosenheim und Wasserburg. Bei der Gebietsreform 1972 kam ein Großteil des Landkreises Bad Aibling zum Landkreis Rosenheim.

            Du schreibst von einer sozialdemokratischen Versammlung am 11. November 1918. Der Volksrat, der aus dieser Versammlung hervorging, war der erste in Kolbermoor oder gab es davor schon ähnliche Bestrebungen?

              Ähnliche Bestrebungen gab es vorher nicht und konnte es nicht geben. Denn die Kolbermoorer Rätezeit ist nur zu verstehen, wenn man sie historisch in die Zeitumstände einbettet, denn hier konnte sich nur das abspielen, was nach dem 1. Weltkrieg insgesamt in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Im November 1917 verzeichnen wir die sozialistische Oktoberrevolution in Russland, deren Ideen weit ausstrahlten.

              Am 19.10.1918 meuterten die Wilhelmshaven die Matrosen und machten Kaiser Wilhelm dafür verantwortlich, dass der Krieg weiter andauerte. Ihr Aufstand bereitete sich wie ein Lauffeuer aus. Die Novemberrevolution in Bayern 1918 war die Folge einer kolossalen Verschärfung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung im Gegensatz zum besitzenden Adel und dem Großbürgertum. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst dahin. Am 7.11.1918 hatte die SPD in München zu einer Massenversammlung gegen den Kaiser und für Frieden auf der Theresienwiese aufgerufen, an der auch die Freien Gewerkschaften und die USPD teilnahmen. Unter Führung von Kurt Eisner zog man zu den Münchner Kasernen, wo sich die meisten Soldaten anschlossen. Am Abend wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat mit Eisner als Vorsitzendem gebildet und die Monarchie gestürzt. Die wichtigsten Stellen wurden besetzt und die demokratisch Bayerische Republik proklamiert. Vier Tage später kam es dann in Kolbermoor zur großen Versammlung, auf der der erste Kolbermoorer Volksrat gegründet wurde.

              In welchen Orten waren denn die russischen Kriegsgefangenen, von denen du schreibst, interniert?

                Ganz offensichtlich gab es in Kolbermoor ein Gefangenenlager. Wo dies war, ist nirgends beschrieben. Im Protokollbuch der Räte heißt es bezüglich der 2. Sitzung vom 13. November 1918 unter Punkt 4: „Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist z.Zt die vordringlichste Aufgabe aller damit befaßten öffentlichen Stellen. Deshalb beleuchtet der 1. Vorsitzende die schlimmen Zustände im hiesigen Gefangenenlager: Die Franzosen bekämen aus ihrer Heimat so ausgiebig Lebensmittel gesandt, daß sie auf die Gefangenenkost größtenteils verzichteten, die der Russen sei ungewöhnlich schlecht und doch verschlinge sie gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln, die unserer Bevölkerung entzogen würden; dabei sei die Arbeitsleistung der Gefangenen aus naheliegenden Gründen gleich Null. Er stellte deshalb den Antrag, der Volks und Soldatenrat Aibling möge die geeigneten Schritte tun, daß der Abtransport der Gefangenen, die sehr leicht eine große Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden könnten, möglichst bald erfolge, Der Antrag wird einstimmig angenommen.“

                Der Volksrat kritisierte ja auch, dass Kinofilme zur Verrohung der Jugend beitrugen. Weißt du warum?

                  Der 2. Kolbermoorer Volksrat nahm sich dieses Themas auf seiner 2. Sitzung vom 10. Januar 1919 an. Der Punkt der Tagesordnung heißt: „5. Vorschläge zu besserer Jugenderziehung“. Die zugenommene Verrohung der Jugend wird in direktem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen diskutiert. Dort heißt es, es sei notwendig „…die Lehrerschaft in der Bekämpfung der während des Krieges arg überhand genommenen Verrohung der schulpflichtigen Jugend zu unterstützen.“ Volksrat Bauer forderte, die Besitzer der Lichtspieltheater sollten nur dann eine Erlaubnis zu Aufführungen erhalten, wenn sie „der gesamten schulpflichtigen Jugend den Eintritt verweigern“. Der Antrag wurde angenommen. Man darf davon ausgehen, dass in den Kinos, der Zeit entsprechend, nur Filme gezeigt wurden, die das Kriegsgeschehen thematisierten. Zudem sei ergänzt, dass die Schulpflicht lediglich acht Jahre betrug, die Kinder also mit ca. 14 in den Beruf gingen.

                  Was können wir heute von der Rätebewegung lernen und wie stehen heute die Chancen für einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte?

                    1. Zunächst lernen wir, dass auch in kleineren Städten große Arbeiterbewegungen möglich sind, was früher bestritten wurde. Christa Landgrebe weist darauf hin, dass sich am Beispiel Kolbermoors zeige, dass die Ausprägung einer Arbeiterbewegung in einem ländlichen Gebiet sogar intensiver und radikaler sein könne als in städtischer Umgebung.

                    Und in der Tat können wir ja deutlich sehen, wie sich der Kolbermoor Volksrat immer mehr radikalisierte. Die bürgerlichen Mitglieder wurden im Volksrat von Wahl zu Wahl immer weniger und zum Schluss bestand der „Revolutionäre Arbeiterrat“ nur noch aus Kommunisten. Im Protokollbuch der Räte heißt es für die Sitzung vom 29.4.1919: „In einer Arbeitergemeinde“ sei ein „von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat unmöglich“ und weiter unten: „Schuhmann erklärt, nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

                    2. Diese Entwicklung wurde dadurch begünstigt, dass in Kolbermoor die Bindung an die Sozialdemokratie ganz offenbar nicht so stark war wie in größeren Städten wie z.B. Nürnberg, sodass laut Landgrebe dort die radikaleren Wendungen des Volksrats nicht mit vollzogen wurden. In Kolbermoor sei es der Arbeiterbewegung hingegen gelungen, sich aus der parteipolitischen Gebundenheit zu lösen und eigene neue Formen der Organisation zu schaffen. Wie gefährlich für die bürgerliche Herrschaft die Räterepublik geworden wäre, sieht man daran, mit welcher brutalen Gewalt – wenn auch nicht in Kolbermoor – die Rätebewegung niedergeschlagen wurde. Hätte Schuhmann seine Mitstreiter nicht davon überzeugen können, dass gewaltsamer Widerstand gegenüber einer gewaltigen Übermacht sinnlos gewesen wäre, hätte es sicher auch hier ein Blutbad gegeben. So blieb es bei der Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn und viele Gefängnisstrafen für Kämpfer der Räterepublik sowie Verprügelungen vor dem Kolbermoorer Bahnhof.

                    3 Zu lernen ist auch, dass die Arbeiterbewegung in Kolbermoor während der Rätezeit viele Erfahrungen sammelte und Bewusstseinsinhalte entwickelt, was sich später in ihrer besonderen Widerständigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus zeigte.

                    4. Lernen kann man zudem, dass für grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, und zwar möglichst in dem gesamten Bereich, in dem die Veränderung stattfinden soll. Große Teile der Bevölkerung müssen am eigenen Leib eine erhebliche Unzufriedenheit erleben. Im Fall der Räterepublik war es das Grauen des 1. Weltkrieges mit all seinen Folgen und damit verbunden der Verlust jeglichen Vertrauens in den Kaiser. Das Bewusstsein muss reifen, man dürfe nicht mehr auf andere vertrauen, sondern müsse seine Sache selber in die Hand nehmen. Ob da in Zukunft noch Parteien eine Rolle spielen werden, sei dahingestellt. Es geht sicher auch ohne. Aber gut vorbereitet muss natürlich jeder Umsturz sein und die Organisation muss auch perfekt sein und man sollte auch klare Vorstellungen haben, wie es danach weiter geht.

                    5. Und wichtig ist natürlich der Zusammenhalt. Wenn die linken Kräfte zersplittert sind oder sich zerkriegen, wird man keinen Erfolg haben. Die Spaltung der Sozialdemokratie an der Frage der Billigung der Kriegskredite führte zweifellos zu einer starken Schwächung und die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), zu der Eisler und Schuhmann gehörten, war noch wenig verankert, genauso wie die erst am 1.1.1919 gegründete KPD (Kommunistische Partei Deutschlands).

                    6. Der Kolbermoorer Räterepublik kam sicher zugute, dass Schuhmann sowohl im Bezirk als auch landesweit besten Kontakte hatte. So orientierte man sich bei allen Schritten an München. Zudem dürfte Schuhmann über erhebliche politische Erfahrungen verfügt haben, was wir aber nicht wissen, sondern nur aus seinem Agieren vermuten dürfen. Also ohne gute politische Kenntnisse, ohne intensive Vernetzung und ohne mutige Streiter, die sich nach vorn wagen, wird man wenig ausrichten.

                    7. Das Scheitern der Novemberrevolution hat vielfältige Ursachen, die an anderer Stelle zu erörtern sind. Viel haben sie mit der Angst der Sozialdemokratie zu tun, es könne in Deutschland ein ähnliches System wie in der Sowjetunion (Oktoberrevolution 1917) errichtet werden. Deshalb ging die SPD-Führung unter Friedrich Ebert auch ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung ein und ließ den Spartakusaufstand mit Hilfe der rechten Freicorps niederschlagen. Zu lernen ist also, dass man die gegenwärtige Lage stets aufs Genaueste analysieren muss und die Kräfte des Gegners nicht unterschätzen darf.

                    8. Der zweite Teil der Frage zielt darauf ab, wie heute die Chancen auf einen neuen Anlauf rätedemokratischer Projekte stünden. Das ist schwer einzuschätzen. Sicher ist aber, dass das kapitalistische System seit der gescheiterten Novemberrevolution vor 100 Jahren noch nie so sehr in Frage gestellt worden ist wie momentan. Es steht außer Frage, dass weltweit wirtschaftliche und soziale Unruhen ständig zunehmen und jeder weiß, dass uns eine gigantische Klimakatastrophe droht. Noch vermögen die verantwortlichen Politiker der Bevölkerung gegenüber den Eindruck zu vermitteln, mittels entsprechender Reformen sei alles in den Griff zu kriegen. Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln. Wie dann eine gesellschaftliche Veränderung erfolgen wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Linke in Deutschland ist aber sicher gut beraten, wenn sie sich enger zusammenschließt und demokratische Strukturen wie das Rätesystem lebendig hält.


                    Quellen für das Wissen zur Kolbermoorer Rätezeit:

                    Denkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Baumwollspinnerei Kolbermoor, Kolbermoor 1912

                    Landgrebe, Christa, Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980 (vergriffen)

                    Salomon, Andreas, Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn. Ein Beitrag zur Kolbermoorer Räterepublik, Kolbermoor 2000

                    Jahrbücher zur Geschichte Kolbermoors Bd.1 und Bd.2, Geschichtswerkstatt Kolbermoor, 2002 und 2004

                    Weber, Klaus, Kolbermoor, Geschichte und Bilder einer Stadt, Kolbermoor 2007