Zum 100. Tag der Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn

Rede von Andreas Salomon am 4. Mai 2019 im Kolbermoorer Rathaus

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, sehr verehrte Damen und Herren des Stadtrates, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Frühmorgens am 4. Mai 1919

der 4. Mai vor 100 Jahren war ein Sonntag und viele Kolbermoorer schliefen morgens um 9 Uhr noch, wie es auch Georg Schuhmann und Alois Lahn taten.

Am Tag zuvor hatte Kolbermoor nach langen, kontroversen Diskussionen im Mareissaal sich der großen Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps unter Führung des Oberst Mieg ergeben müssen. Viele werden in der Nacht darauf einen sehr schlechten Schlaf gehabt haben, viele hatten sicherlich Alpträume und nicht wenige werden vor Schmerzen kaum geschlafen haben, so waren sie vor dem Kolbermoor Bahnhof durchgeprügelt worden.

Die Belagerung Kolbermoors

Was war geschehen?

Bereits am 2. Mai war Kolbermoor völlig von Regierungstruppen und Freikorps eingekreist, aber dennoch wurden Maßnahmen zu einer möglichen Verteidigung getroffen. Dazu bildeten sich drei Züge am Rathausplatz: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr.

Dann kam der 3. Mai. Die Einwohner der Stadt versammelten sich und berieten über die weitere Vorgehensweise. Es kam zu erregten Auseinandersetzungen. Der Volksrat tagte in Permanenz im Mareissaal und debattierte die Frage einer möglichen Verteidigung.

Volksräte in Kolbermoor

Seit sechs Monaten gab es in Kolbermoor einen Volksrat, dem es aufgrund seiner volksnahen, demokratischen Politik gelungen war, die Bewohner davon zu überzeugen, dass man mit dieser basisorientierten Vorgehensweise einen Weg für die breite Masse der Bevölkerung gefunden hatte, wie es nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges und dem Niedergang der Monarchie wieder aufwärts gehen konnte. Die Volksratsvorsitzenden Franz Sperber (1. Volksrat) und Georg Schuhmann (2. und 3. Volksrat) hatten mit ihren Mitstreitern die Ärmel hochgekrempelt und einen Neuanfang gewagt und dabei in kurzer Zeit Bemerkenswertes geleistet.

Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich im Kolbermoorer Stadtarchiv das Beschlussbuch der Räte entdeckt. Und das ist eine außerordentliche Rarität. Denn in diesem sind minutiös sämtliche Sitzungen der drei aufeinander folgenden Räte handschriftlich protokolliert, womit sichtbar gemacht werden kann, was die Volksräte tatsächlich ganz konkret gemacht haben. Dieses Beschlussbuch, wie es von anderen bayerischen Städten nicht erhalten geblieben ist, stellt geradezu den Schlüssel zur Kolbermoorer Rätezeit dar

Für den 11. November 1918, so lesen wir dort, hatte die Ortsgruppe der Kolbermoorer SPD, die 1898, also bereits 20 Jahre zuvor, gegründet worden war, zu einer großen Volksversammlung in den Mareissaal eingeladen, auf der der erste 25-köpfige Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde.

Der 1. Weltkrieg als Auslöser der Revolution

Was hatte es nun mit den Räten auf sich, aus welcher Situation heraus sind sie entstanden?

Die Folgen des verlorenen 1. Weltkrieges waren verheerend, auch für Kolbermoor. 730 Männer waren eingezogen wurden, 153 ließen ihr Leben und rissen schmerzliche Lücken in ihre Familien. Wie überall war die Situation in Kolbermoor stark von den Auswirkungen des Krieges geprägt. Im Kindergarten der Baumwollspinnerei war ein Reservelazarett eingerichtet worden. Ein Hilfsverein zur Unterstützung der Verwundeten und für Angehörige für im Feld stehende Personen war gegründet worden, und in einem Schulraum gab es eine Volksküche.

Während die Soldaten das Grauen eines bis dahin unvorstellbaren Krieges erleben mussten, kam es daheim zu Versor- gungsschwierigkeiten aller Art.

Industrie und Landwirtschaft lagen zunehmend darnieder. Die Lebenshaltungskosten stiegen im Krieg dramatisch. Schon im ersten Kriegsjahr erlebten die Kolbermoorer eine Teuerung von 20 Prozent, bei Lebensmitteln sogar um 31 Prozent. 1915 wurde das Brot knapp. Fleisch und Butter gab es bald nur noch auf Karten. Selbst Kartoffeln, die Haupternährungsgrundlage, mussten rationiert werden. Missernten erschwerten die Lage zusätzlich. Der Schwarzmarkt blühte, die Reichen konnten sich noch genügend Nahrungsmittel besorgen, die Armen begannen zu hungern. Aus dem Jahr 1917 ist uns der Hunger- und Protestmarsch einer Gruppe Kolbermoorer Arbeiterfrauen bekannt, die nach Aibling zum dortigen Bezirksamt gingen, um höhere Zuweisungen für Mehl zu erbitten. Noch heute, nach 100 Jahren haben die Kolbermoorer nicht vergessen, dass die Frau des Aiblinger Bezirksamtmannes zum Fenster herausgerufen habe, wenn die Kolbermoorer kein Mehl hätten, so sollten sie eben Gras fressen.

Aber es mangelte nicht nur an Lebensmitteln, auch Heizmaterial wurde knapp und es fehlten Wohnungen. Und zudem gab es auch nicht ausreichend Arbeitsplätze. In der Spinnerei, in der vor dem Krieg 900 Menschen tätig waren, waren es jetzt aufgrund von Rohstoffmangel nur noch 140 und im Tonwerk waren es statt ursprünglich 450 nur noch 13. Kohlemangel hatte dort in den letzten beiden Kriegsjahren zur Stilllegung geführt.

Und außerdem machten Lager russischer und französischer Kriegsgefangener die Lage auch nicht einfacher.

Zwischen Rosenheim und Kolbermoor entstand zu der Zeit die „Sanierung“, ein Lager aus rund 100 Baracken. Hier wurden jeden Tag tausende von Soldaten entlaust und neu eingekleidet, um von einer Front an die andere verlegt zu werden. Hier trafen sich viele Soldaten, die die mörderischen Schlachten miterlebt hatten und tauschten ihre Erfahrungen aus. Es liegt auf der Hand, dass es hier bald brodelte und überlegt wurde, wie es weiter gehen sollte. Einer dieser Soldaten, der sich in der „Sanierung“ befand, war Georg Schuhmann.

Der Beginn der Revolution

Dann kam im Oktober 1918 der Matrosenaufstand in Wilhelmshaven. Noch einmal sollte des Kaisers liebstes Kind, die Kriegsflotte, auslaufen gegen England, obgleich die Soldaten überall im Land wussten, dass der Krieg längst verloren war. Die Matrosen wollten ihr Leben nicht mehr bei einem sinnlosen Einsatz verlieren, entwaffneten ihre Vorgesetzen und hissten die rote Flagge. Als die verhafteten Matrosen nach Kiel gebracht wurden, wie auch ein Großteil der gesamten Flotte, kam es zum Aufstand, der sich wie ein Lauffeuer zunächst in den Hafenstädten und dann im Landesinneren verbreitete. Die Novemberrevolution in Deutschland hatte begonnen.

Schon wenige Tage später, am 7. November, kam es in München auf der Theresienwiese zu einer Kundgebung mit ca. 60.000 Teilnehmern. 12 Redner sprachen gleichzeitig. Kurt Eisner zog anschließend mit seinen Anhängern zu den Kasernen, wo die Soldaten begeistert zu ihm überliefen. Die bayerische Monarchie war gestürzt und der Freistaat Bayern wurde ausgerufen. Kurt Eisner wurde zum 1. Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und die neue Demokratie gefeiert. Zahlreiche Neuerungen wurden in den kommenden Tagen verabschiedet wie die Einführung des Frauenwahlrechtes, der 8-Stunden –Tag, die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen und Unzähliges mehr.

Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates

Die Wahl des 1. Kolbermoorer Volksrates vier Tage später ist auf diesem Hintergrund zu sehen.

Die 25 Mitglieder kamen aus allen Volksschichten und darunter waren auch der Bürgermeister Edmund Bergmann sowie die Kommerzienräte Jordan und Koppisch von Spinnerei und Tonwerk. Zum 1. Vorsitzender wurde noch am gleichen Tag, dem 11. November 1918, der Gastwirt Franz Sperber gewählt. Franz Sperber war bereits 1890 von der SPD aus München nach Kolbermoor geschickt worden, um als Agitator auf die aufkommende Arbeiterbewegung einzuwirken.

Außer der SPD-Ortsgruppe hatte die Partei 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gegründet, 1896 einen „Arbeiter-Radfahrverein“, 1904 den „Arbeiter-Gesangsverein Arion“ und 1912 einen „Arbeiter-Turnverein“.

Franz Sperbers Wahl zum 1. Vorsitzenden entsprang also seiner großen Bedeutung für die Kolbermoor SPD und für die Arbeiterschaft.

Georg Schuhmann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Kolbermoor, aber schon sehr bald darauf. Bereits vier Tage später, am 15. November 1918, zog er aus der „Sanierung“ zu seiner zehn Jahre älteren Schwester Maria in die Kolbermoorer Karlstraße 2. Georg Schuhmann war am 28. März 1886 in Bamberg geboren worden, war also 33 Jahre alt und als Beruf lesen wir auf der Meldekarte Spengler und Installateur. Sein Vater war Brauereibesitzer in Bamberg.

Während also Schuhmann die Entwicklung in Kolbermoor zunächst noch gewissermaßen von außen betrachtete, zögerte der Volksrat nicht lange und nahm bereits zwei Tage später seine Arbeit auf.

Die Arbeit des 1. Volksrates

Den Vertretern der Ortsbehörden (Lokalschulkommission, Bahnverwaltung, Gendarmerie) wurde das Handgelübde abgenommen, „dem Volksrat unter Wahrung ihrer Gesinnung und Überzeugung freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen.“

Der Volksrat, so Franz Sperber, habe die Aufgabe, „die Tätigkeit der hiesigen amtlichen Stellen zu überwachen und Mißstände abzustellen, wo immer er sie finde.“ Der Volksrat war also zunächst in Kolbermoor kein Exekutivorgan, sondern hatte nur beratende Funktion, indem er die Wünsche und die Kritik der Bevölkerung an die Gemeindeverwaltung weitergab.

Bevor von den Aktivitäten Schuhmanns die Rede sein wird, muss kurz die Arbeit des 1. Volksrates unter Franz Sperber beleuchtet werden.

Liest man jetzt die Protokolle, dann erlebt man mit, welche Aufbruchstimmung durch die Wahl des Volksrates ausgelöst worden war. Dieser konnte sich schon bald vor den zahlreichen Eingaben der Arbeiterschaft kaum retten. Nur einige Aspekte davon seien hier angesprochen: ein einziger Arzt in Kolbermoor reiche nicht aus, die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniere nicht, den Landwirten mangele es an Futtermitteln, bei Conradty sei ein Arbeiter rausgeschmissen worden, der eine Lohnerhöhung gefordert habe, usw.

Da immer wieder die Lebensmittelknappheit genannt wurde, gründete man einen Lebensmittelausschuss und richtete ein zehnköpfiges Wachkommando ein. Als bereits zwei Wochen später der Lebensmittelausschuss dem Volksrat erstmals Bericht erstattete, wurde deutlich, dass nicht nur die Qualität vieler Lebensmittel schlecht war, sondern dass diese auch ungerecht verteilt wurden und oft überteuert waren. Man kann sagen, dass dieser Ausschuss zum wichtigsten überhaupt wurde. Bei jeder Sitzung wird über die gerechte und ausreichende Verteilung von Lebensmitteln diskutiert. So sei die Eierverteilung schlecht organisiert, es bildeten sich lange Schlangen und es gäbe zu wenig Obst, die Gemeinde habe versagt, genügend davon einzukaufen.

Vom Volksrat gewählte Vertreter für den Gemeindeausschuss meldeten die Mängel weiter und dies mit Erfolg. Auch in anderen Bereichen ging es voran. Notstandsarbeiten wurden angeregt und Sperber engagiert sich für die Beschäftigung aller arbeitslosen Personen. Bei dem Wunsch nach Aufhebung des 8. Schuljahres, damit die Kinder früher mitarbeiten könnten, zeigte sich der Volksrat aber unwillig. Bildung sei sehr wichtig und die Volksschule solle eher weiter ausgebaut werden.

Der 2. Kolbermoorer Volksrat

Kommen wir jetzt nach dieser gerafften Vorstellung der Arbeit des 1. Volksrates zum 2. Kolbermoorer Volksrat. Am 2. Januar war der 1. Volksrat zurückgetreten, da zu viel Kritik an seiner Arbeit geäußert worden sei. Der VR schlafe, habe seine Beschlüsse nicht öffentlich gemacht, sei unglücklich zusammengesetzt usw. und viel zu groß. Kolbermoor sei eine Arbeiterstadt und das müsse sich auch deutlich in der Zusammensetzung des Volksrates ausdrücken.

Am 8. Januar wurde wieder auf einer großen Volksversammlung im Mareis, „die ebenso stark besucht war wie die vom 11. November“, eine neuer Volksrat, der zweite gewählt, in dem nun sechs Arbeiter, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirtschaft saßen sowie sechs Beiräte. Einer der Arbeiter war Georg Schuhmann, der noch am gleichen Tag zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Franz Sperber war nicht mehr zur Wahl angetreten. Es ist davon auszugehen, dass bei der Neuwahl auch parteipolitische Auseinandersetzungen eine Rolle spielten, so sieht es zumindest Christa Landgrebe in ihrer Doktorarbeit, „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ (S.141), denn Franz Sperber gehörte der MSPD an und Georg Schuhmann war Mitglied der USPD. Es fand also in Kolbermoor früher als in anderen Orten Bayerns eine Radikalisierung statt, die woanders erst nach der Ermordung Eisners am 21. Februar einsetzte.

Nach den acht Wochen Amtszeit des 1. Volksrates setzte jetzt mit dem jungen Schuhmann eine deutliche Intensivierung der Arbeit ein. Der Volksrat beschloss, die Gemeinde habe das Eintreffen von Lebensmitteln sofort bekannt zu geben, für alle Lebensmittel Kundenlisten einzuführen und die Verteilung besser zu organisieren.

Um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegen zu wirken, solle für die schulpflichtige Jugend ein Kinoverbot erlassen werden.

Die Verbesserung der Straßen sei dringend erforderlich, ebenso die Inangriffnahme von Uferschutzmaßnahmen an der Mangfall sowie Arbeiten in den Kulturen der Filze. Die Beschlüsse des Volksrates werden jetzt durch Anschlag an Plakatsäulen bekannt gegeben.

Auf der nächsten Sitzung wird die Zurücknahme des schlechten Kaffeeersatzes gefordert und die Belieferung mit besserer Ware verlangt. Gegen den Kaufmann Karl Langer wird Anzeige wegen Schleichhandels und Wucher mit Lebensmitteln erstattet und der Antrag gestellt, dem Bäckermeister Steinseiler wegen unerlaubten Wettbewerbs und Nötigung die Erlaubnis zum Verkauf des „Landshuter Brotes“ zu entziehen. Letzterer hatte selbstgebackenes Brot als „Landshuter Brot“ ausgegeben und markenfrei über dem festgesetzten Preis verkauft.

Für die Gemeindearbeiter stellt der Volksrat den Antrag, den 8-Stunden-Tag einzuführen und eine Teuerungszulage zu gewähren. Und immer wieder werden die Lebensmittelläden kontrolliert, vor allem, wenn zu hohe Preise gemeldet werden.

Und der Volksrat hat Erfolg. Der schlechte und zu teure Kaffeeersatz wird vom Kommunalen Verband zurückgenommen und besserer und billigerer geliefert, genauso wie Mehl, mit dem genießbares Brot herzustellen ist. Und dauert die Behandlung der Anträge im Gemeindeausschuss zu lange, macht der Volksrat mit Erfolg Druck. Ständig greift Schuhmann Kritiken auf, die ihm von den Arbeitern zugetragen werden, rügt dann, dass z.B. der Verkauf von Kleidungsstücken von der Gemeinde nicht rechtzeitig bekannt gegeben worden sei, und gewinnt in Kolbermoor immer mehr an Autorität.

Bürostunden im Arbeitszimmer des Bürgermeisters

Man bekommt beim Lesen der Protokolle den Eindruck, dass der Volksrat zum wahren Motor der Gemeinde geworden ist und so überrascht es nicht, dass auf der Sitzung vom 6. Februar 1919 der Volksrat beschließt, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann ab jetzt regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters abzuhalten habe. Zu Widerstand vonseiten des Bürgermeisters scheint es nicht gekommen zu sein. Ich denke, dieser Vorgang ist außerordentlich bemerkenswert, findet er doch über zwei Wochen vor der Ermordung Kurt Eisners statt, der dann im ganzen Land große Veränderungen auslösen sollte. In Kolbermoor, so kann man sagen, war man immer einen Schritt weiter und erfolgreicher.

Auch das geforderte Kinoverbot für Schulkinder wurde vom Gemeindeausschuss beschlossen und öffentlich plakatiert und der Volksrat gebeten, mit dem Schulpersonal entsprechend Verbindung aufzunehmen. Ebenfalls wird dem 8-Stunden-Tag für die Gemeindearbeiter zugestimmt, genauso wie einer Teuerungszulage von 200 DM. Der Lohn des Gemeindedieners Steindl wird erhöht, so wie der der Putzfrau des Gemeindehauses, Frau Reckl. Und für die Eierverteilung wird jetzt eine Kundenliste eingeführt. Auch die rechtzeitige Bekanntgabe des Eintreffens von Kohlen wird zugesichert.

Schuhmann arbeitet inzwischen nicht nur auf lokaler Ebene, sondern wird vom Volksrat auch als Vertreter Kolbermoors in den Bezirksrat gewählt und spricht bezüglich seiner Arbeit insgesamt „von starker Inanspruchnahme“.

Immer wieder muss der Volksrat bezüglich gerechter Lebensmittelverteilung eingreifen. Die Metzgerei Haag erhält eine Anzeige bei der Ortspolizei wegen Schleichhandel und Wucher, sie habe sieben Pfund Fleisch markenfrei für drei Mark das Pfund verkauft. Außerdem wird einstimmig der Antrag gestellt, die Büsten und Bilder der gestürzten Dynastien seien aus öffentlichen Räumen zu entfernen. Dass Denkmal für den König Ludwig hat man, wie man bis vor kurzem sehen konnte, stehen lassen. Erst ein starker Sturm 100 Jahre später holte den König vom Sockel.

Dann erschüttert der Mord an dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 das ganze Land. Der Volksrat beruft seine Mitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung für den kommenden Tag ein und lädt auch dazu den Bürgermeister Bergmann, den Sekretär Loy und den Gendarmeriewachtmeister Ellmann ein.

Der Rücktritt des Bürgermeisters Bergmann

Die Ermordung Eisners führt in vielen bayerischen Orten zu einer Verschärfung der revolutionären Situation. Bürgermeister wurden zum Rücktritt aufgefordert und auch Edmund Bergmann folgte dem Beispiel seines Rosenheimer Amtskollegen Wüst und gab sein Amt auf, nachdem ihm vorgeworfen worden war, dass eine „starke Missstimmung“ gegen ihn aufgekommen sei. Der Gemeindessekretär Loy trat ebenfalls zurück. Dem Gendarmeriewachtmeister Ellmann wurde mitgeteilt, er habe sich jetzt in Zukunft in allen Angelegenheiten an den Volksrat zu wenden.

Der Volksrat war damit zum entscheidenden Gremium in Kolbermoor geworden und Schuhmann als 1. Vorsitzender quasi Kolbermoors. 5. Bürgermeister. Alle Gemeindegeschäfte hatte jetzt der Volksrat durchzuführen, was ihm natürlich größtmöglichen Einfluss sicherte.

Wenige Tage später, am 26. Februar, wurde Kurt Eisner in München beerdigt und auch in Kolbermoor fand eine Trauerfeier statt. „Eine große Volksmenge, voraus Soldaten mit Gewehr, bildeten einen Trauerzug; die Kirchenglocken läuteten, die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Vor dem Rathaus hielten die Volksratsmitglieder Bayer und Schuhmann Trauerreden auf Eisner, die mit einem Hoch auf die Republik und Räteregierung endeten“ (Landgrebe, S.143), wie man dem Kolbermoorer Anzeiger vom 28.2.1919 entnehmen kann.

Der Kolbermoorer Volksrat setzte seine Tätigkeit mit unverminderter Intensität fort. Schuhmann wurde als Delegierter zur Kreistagung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte am 15.3.1919 und als Delegierter zur Tagung des Bezirksbauern- und –arbeiterrates Aibling am 26.3.1919 bestimmt und wurde bei dieser Sitzung sogar zum Bezirksvorsitzenden gewählt.

Wer war Georg Schuhmann eigentlich?

Vielleicht fragen Sie sich spätestens jetzt, wie konnte dieser Georg Schuhmann innerhalb weniger Monate diese große Bedeutung erlangen?

Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Es darf als ausgeschlossen gelten, dass Schuhmann ein politisch unerfahrener Soldat war, der jetzt zum ersten Mal mit dieser Materie konfrontiert wurde. Er war zwar noch jung, aber immerhin 33. Er wird also nicht nur bestens informiert gewesen sein, sondern schon vor dem 1. Weltkrieg sich mit politischen Fragestellungen beschäftigt haben. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass er gewerkschaftliche Erfahrungen hatte und ein gewisses theoretisches Grundwissen.

Die vierjährigen Kriegserfahrungen mit all dem damit verbundenen Grauen werden in ihm den Gedanken zur Reife gebracht haben, dass die Monarchie keine Zukunft mehr hat. Bei Diskussionen in der Rosenheimer „Sanierung“, wenn nicht schon während des Krieges, wird er auf Gleichgesinnte gestoßen sein und der Beginn der Revolution und die Gründung des 1. Kolbermoorer Volksrates werden ihn veranlasst haben, seine bisherigen Erfahrungen in die Gestaltung eines neuen demokratischen Kolbermoors mit einzubringen.

Ich vermute, dass er im 1. Kolbermoorer Volksrat noch nicht saß, lag nur daran, dass er seinen Wohnsitz zur Zeit der Gründung noch nicht in Kolbermoor hatte. Dass er bei der Wahl des 2. Kolbermoorer Volksrates gleich zu dessen Vorsitzenden gewählt wurde, lässt sich nur damit erklären, dass er mit großer Sicherheit die Arbeit des 1. Volksrates mehr oder weniger von Anfang an aktiv und sehr produktiv öffentlich unterstützt hat und sich dadurch bereits einen Namen machen konnte.

Sollten alle diese Annahmen stimmen, muss aber dennoch hinzugefügt werden, dass sie nicht ausreichend wären für die Erfolge Schuhmanns und des Volksrates. Georg Schuhmann muss zudem ein ganz außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, der über zahlreiche Begabungen verfügte, die sich nicht antrainieren lassen. Er besaß eine große Redegabe, viel Mut, in dieser ungewissen Situation in die Öffentlichkeit zu treten, hatte ein Gespür für die notwendigen Arbeiten in dieser Zeit und verfügte über eine große Ausstrahlung. Wie sehr Schuhmann in der Bevölkerung verankert war, lässt sich aus einer Feststellung des Kolbermoorer Chronisten Otto Kalhammer erkennen, der schrieb: „Die Arbeiterschaft verhimmelte ihn.“

Die wesentlichen Kleinigkeiten der Arbeit des Volksrates

Kehren wir wieder zurück zu seiner Arbeit als Volksratsvorsitzender und jetzt quasi als Bürgermeister. Es sind die unzähligen Kleinigkeiten, die die Volksräte beschäftigen, und die doch für die Einzelnen so wichtig sind.

Die Putzkräfte im Schulhaus bekommen eine Lohnerhöhung. Die Pension des Gemeindedieners wird erhöht. Der Fabrikschreiner Ziegloser aus Böhmen wird in die Gemeinde offiziell aufgenommen. Kriegsinvaliden sollen sich bei der Gemeinde melden, um ihre materielle Lage prüfen zu lassen. Die 80-jährige Maria Saffert war von Ausweisung nach Böhmen bedroht. Sie wird darf bleiben, und eingebürgert wird auch der italienische Staatsangehörige Biemonte. Eine Pferdemetzgerei für Joseph Stangl wird genehmigt. Der Unterhaltungsverein „Eintracht“ darf einen Tanzkurs durchführen und der „Dramatische Klub Immergrün “ 20 Plattlerproben.

Jetzt gibt es für alle Lebensmittel Kundenlisten und, um die Gemeindewege in Ordnung zu bringen, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Auch der Schutz von Lehrlingen vor Ausbeutung gehört zu den Arbeitsfeldern, wozu extra drei Volksräte beauftragt werden

Besonders wichtig ist, dass der Volksrat Kolbermoor an das Forstamt Rosenheim herantritt, um dafür zu sorgen, dass die Staatsfilze nicht mehr zur Verpachtung an Personen gegeben wird, die diese nur „ausbeuten“, sondern „in kleinen Parzellen an die arbeitende Bevölkerung“ verpachtet wird.

Die 36 Kolbermoorer Kriegsinvaliden bekommen zunächst erst einmal jeder 100 DM, und der Lohn der Gemeindearbeiter wird erhöht. Leerstehende Wohnungen werden jetzt beschlagnahmt, um sie an Wohnungssuchenden zu vermitteln. Inzwischen ist auch die Schuld für die schlechte Qualität des Mehles und Brotes gefunden worden. Der Bezirksamtmann Popp hat gestanden, Getreide „ungeputzt“ zur Vermahlung gegeben zu haben.

Die Bevölkerung freut sich, dass Karl Huster über Pfingsten ein Karussell und eine Schießbude aufstellen darf und ein Herr Bickl für mehrere Wochen ein Marionettentheater.

Hatte bislang eine Schreibmaschine in der Gemeinde ausgereicht, wird nun aufgrund der vielen Arbeit eine zweite angeschafft.

Und um Kurt Eisner zu ehren, soll entweder eine größere Straße nach ihm benannt werden oder ein Platz.

Der Revolutionäre Arbeiterrrat (3. Volksrat)

Inzwischen hat das Rad der Geschichte in Bayern sich weiter gedreht. In München wurde am 7. April die 1. Räterepublik ausgerufen, deren Zentralratsvorsitzender Ernst Toller wurde. Bereits nach einer Woche kam es in München und auch in Rosenheim zum sogenannten Palmsonntagputsch, bei dem die Konterrevolutionäre die Räterepublik stürzen wollten. Dieser Putschversuch wurde aber erfolgreich niedergeschlagen, wobei in Rosenheim 80 bewaffnete Kolbermoorer Arbeiter halfen. In München kam es jetzt zur Gründung der 2. Räterepublik, der kommunistischen.

Diese ganze Entwicklung ist maßgebend für das, was am 29.4.1919 in Kolbermoor geschah. An diesem Tag trat der gesamte Kolbermoorer Volksrat zurück mit der Bemerkung, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich. So wurde für den darauffolgenden Tag, den 30. 4., erneut eine Volksversammlung in den großen Mareissaal einberufen.

Schuhmann gab einen Rechenschaftsbericht über die bisherige Arbeit ab und erklärte, „die derzeitige Zusammensetzung des Volksrates mache seinen Vorsitz unmöglich. Ferner halte ihn die zeitraubende Kleinarbeit von großzügigerem Arbeiten ab“(Beschlussbuch, S.146). Außerdem erklärte Schuhmann, „nur einem aus Kommunisten gebildeten Rate vorstehen zu können.“

Im neu gewählten Volksrat, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte, saßen fünf Volksräte, die bereits im 2. Volksrat dabei waren, nämlich Georg Schuhmann, Franz Wagner, Anton Bayer, Bernhard Auanger, Xaver Kastl und Emil Winkelblech. Neu hinzu kamen Rudolf Link und Emil(?) Schollenbruch sowie die Beiräte Seib und Stempfel. Von den neu gewählten Mitgliedern saßen bereits im 1. Volksrat Franz Wagner, Bernhard Auanger und Xaver Kastl. Erster Vorsitzender wurde wieder Georg Schuhmann.

Alle waren offensichtlich der erst zu Jahresbeginn gegründeten Kommunistischen Partei beigetreten. Aber ihr Wirken sollte nur von extrem geringer Dauer sein. Im Beschlussbuch ist nur noch eine einzige Sitzung vom gleichen Tag protokolliert, in der die Aufgaben verteilt wurden. Über die weiteren Ereignisse, also das Ende der Rätezeit in Kolbermoor, gibt es vom neu gewählten Schriftführer Rudolf Link keine weiteren Eintragungen in das Beschlussbuch.

Kolbermoor vor der Übergabe – erregte Diskussionen

Wir müssen jetzt zum Anfang des Referates zurückkehren, als berichtet wurde, dass Kolbermoor bereits am 2. Mai 1919 von Regierungstruppen eingeschlossen war, der Volksrat in Permanenz im Mareissaal tagte und es zu erhitzten Diskussionen kam, wie weiter vorzugehen sei. Man wusste natürlich, dass es in München bereits zu heftigen Kämpfen der Revolutionäre mit den Einheiten der Reichswehr, den Freikorps und den Einwohnerwehren gekommen war und bereitete sich ebenfalls auf eine Verteidigung der demokratischen Errungenschaften der letzten sechs Monate vor.

Wie es in Kolbermoor im Mareissaal zuging, erfahren wir aus einem Schulheft in DIN-A5-Größe, in dem der junge Lehrer und Volksrat Rudolf Link, Schriftführer des „Revolutionären Arbeiterrates“, die Vorgänge versuchte festzuhalten. Dieses Schulheft wurde nach der Verhaftung von Link bei einer Hausdurchsuchung gefunden und befindet sich in Links Akte im Münchner Staatsarchiv.

Seinen Notizen merkt man die hohe Anspannung während der Sitzungen an. Die Schrift ist ausgesprochen flüchtig, vieles ist kaum einander zuzuordnen und bleibt nebulös. Vieles ist aber auch sehr erhellend.

Für den 1. Mai 1919 notiert der Schriftführer: „Dauersitzung der rev. Arbeiter- und Betriebsräte“. Der Gastwirt Wagner spricht von einer großen „Blamage Rosenheims“. Denn die Nachbarstadt will sich der Übermacht ergeben. Link hält fest: „Auf uns selbst angewiesen“ (Münchner Staatsarchiv, StanW 14266, Akte Rudolf Link). Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine heftige Debatte. Was tun? Was machen wir, wenn Rosenheim aufgibt? Ist dann unsere Sache auch besiegelt? Der Ruf nach Waffen wird laut und der nach der Anlage von Schützengräben. Ein Telegramm wird hereingereicht: „die Entwicklung in Rosenheim und Umgebung abwarten“.

Es wird um Einigkeit in den eigenen Reihen gerungen. Die Verantwortung für alles Handeln soll allein bei den Führern und Räten bleiben. Links Schrift wird immer zittriger. Randbemerkungen, Streichungen, Ausrufezeichen, Fragezeichen, wildes Gekritzel – die Nervosität nimmt immer mehr zu.

Und immer wieder wird auf Rosenheim Bezug genommen oder auf München: Stimmt es, dass die Weiße Garde in München und Mühldorf zerschlagen wurde?

Dann kommt wieder ein Telegramm, diesmal vom Freikorps Wasserburg. Darin heißt es: „Sofortige Übergabe von Kolbermoor. Übergabe Waffen. Übergabe der Führer. Oberst Schneider“

Spätestens jetzt weiß jeder, wie ernst die Lage ist. Die Ereignisse überschlagen sich.

Zum ersten Mal taucht die Forderung auf, dass kein nutzloses Blut vergossen werden darf. Schuhmann unterstreicht dies, fügt aber hinzu, dass die Forderungen des Volksrates gesichert sein müssten.

Und es wird weiter diskutiert. Die Räte wissen, dass die Bevölkerung Kolbermoors hinter ihnen steht. „Vertraut den Kolbermoorer Führern!“, ruft der Beirat Stempfel, und Anton Winkelblech nimmt diese Bekundung zum Anlass, um den Maifeiertag mit einem Bekenntnis zum Kommunismus in Erinnerung zu bringen.

Immer wieder ist vom bevorstehenden Kampf die Rede, der aber nur Sinn mache, wenn man auch gewinnen könne, gibt der 2. Vorsitzende des Arbeiterrates Wagner zu bedenken. Längst diskutieren nicht nur die Räte, das Forum ist erweitert. Berichte aus Rosenheim treffen ein. Die Stadt sei im Begriff zu übergeben. Wer damit nicht einverstanden sei, setze sich jetzt nach Kolbermoor ab, so auch der dortige Soldatenratsvorsitzende Kopp. Noch gibt Schuhmann sich kampfesmutig. Link notiert einzelne Äußerungen: „Mit Waffen!“, „Standhalten!“ „Sonst gefährden wir München“. „Die anderen lassen Proletarier-Blut fließen. Wir kämpfen für die Proletarier.“

Die Debatte zieht sich hin und langsam scheint eine Wende einzutreten, denn die Erkenntnis, dass man vor einer unlösbaren Aufgabe steht, beginnt sich immer mehr durchzusetzen.

Ist dies jetzt der Moment, als Schuhmann die einzige von ihm überlieferte Rede hält?

Schuhmanns Rede

„Revolutionäre Arbeiter!

Sämtliche Arbeiter, die anläßlich der Bewaffnung der Arbeiterschaft eine Waffe erhalten haben, müssen sich unbedingt der Arbeiterwehr Kolbermoor zur Verfügung stellen, im anderen Falle sind die Waffen abzuliefern.

Es muß ohne Weiteres jedem klar sein, daß es sich heute um mehr handelt als früher, heute geht es um das Dasein, und da muß jeder die kleinen Entbehrungen, die der große Kampf mit sich bringt, willig auf sich nehmen.

Die heutige Versammlung stellt sich nach reiflicher Überlegung auf den Standpunkt, daß das Verlangen nach bedingungsloser Übergabe nicht gerechtfertigt erscheint, ebenso die Auslieferung der Führer, die, da dieselben von den Arbeitern selbst gewählt sind, das volle Vertrauen derselben besitzen.“

Und er fügt gegen Ende seiner Ansprache hinzu:

„Wir wollen keinerlei Gewalt irgend welcher Art nach außen anwenden, verlangen aber dafür auch das Recht für uns in Anspruch zu nehmen, unsere politische Freiheit aufrechterhalten zu können. Wir erklären uns zur Abgabe von Waffen bereit, müssen aber darauf bestehen, daß erst die aufgehetzten bäuerlichen Freikorps entfernt werden“.

Aber noch gehen die Ansichten hin und her. Kopp berichtet von der Übergabe Rosenheims. Die Waffen hätten abgegeben werden müssen, die Rote Garde sei aufgelöst worden. Über die genaue Lage in München herrscht Unklarheit.

Dann werden die Aufzeichnungen unverständlich und brechen schließlich ab. Man kann noch entziffern: „sämtliche Waffen mit Munition!“ Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.

Die Stadt wird kampflos übergeben

Schließlich ringt man sich schweren Herzens zur Übergabe der Stadt durch. Es wird überliefert, dass es vor allem Georg Schuhmann gewesen sei, der die Arbeiter überzeugt habe, dass die bevorstehende Schlacht nur verloren werden könne. So gelingt es der Autorität Georg Schuhmanns und seinem großen Einfluss auf die Bewohner des Ortes, ein großes Blutvergießen zu vermeiden.

Im Übergabe-Verhandlungs-Protokoll vom 3. Mai heißt es:

„ 1. Kolbermoor ergibt sich bedingungslos an die Regierungstruppen u. Freikorps unter der Führung des Oberst Mieg. Die Feindseligkeiten werden ab 4 Uhr nachmittags eingestellt.

2. Sämtliche Waffen und Munition sind bis 6 Uhr nachmittags an den Ostausgang von Kolbermoor, Straße nach Rosenheim zu sammeln, wo sie von Rittmeister Hutschenreuther oder dessen Beauftragtem in Empfang genommen werden. (…)“

Am Kolbermoorer Bahnhof wurde ein Standgericht errichtet. Vor dem Bahnhof kam es zu wilden Prügelszenen durch die Besatzer, und die stärker belasteten 30 Rotgardisten wurden nach Straubing abtransportiert.

In Zusammenhang mit den Übergabeverhandlungen war vereinbart worden, dass Schuhmann sich den Regierungstruppen stellen, in Haft genommen und nach München gebracht werden sollte. Aber dazu, wie bekannt, kam es nicht mehr.

Überfall und Ermordung

Am 4. Mai 1919, dem Sonntag heute vor 100 Jahren, stürmten morgens um 8 Uhr Grafinger Weißgardisten die Wohnungen von Georg Schuhmann in der Alpenstraße 3 und Alois Lahn in der Ludwigstraße 9, zerrten diese aus ihren Betten und prügelten wild auf sie ein. Dann schleifte man sie unter weiteren Prügeln zur Tonwerksunterführung.

Wie es dabei im Wohnhaus von Alois Lahn genau zuging, schilderte dessen Vater im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 17.9.1919. Der 18-jährige Alois Lahn war der Sekretär Schuhmanns. Er war zudem Mitglied der Roten Garde.

Der Spinnereimeister Lahn berichtet:

„Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von 2 gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten). Ein Teil es Trupps, ein Leutnant und 3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen 2 Anzüge und 1 Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeseifer sogar noch das 4jähr. Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift, 80-100 Meter, am Bahnhofübergang ohne Urteil erschossen Das ist der Tatbestand (…)“

An der Tonwerksunterführung hatten sich inzwischen zahlreiche Soldaten versammelt. Man forderte die Erschießung der beiden. Es kam zur Abstimmung und nur ganz wenige waren dagegen. So wurden die beiden von zwei Angehörigen des Grafinger Freikorps ermordet.

Entsetzen breitete sich in Kolbermoor aus, und Wut und Hass entstanden. Selbst die Verhandlungsführer der Gegenseite waren tief betroffen von diesem schreienden Unrecht.

Später wurden sie übrigens angeklagt, und man glaubt es nicht, freigesprochen. „Es habe den Tätern das Bewußtsein der Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt oder könne ihnen zumindest nicht nachgewiesen werden.“ (Landgrebe, S. 160) So sieht Siegerjustiz aus!

Die Beerdigung von Georg Schuhmann und Alois Lahn.

Im „Anzeiger für Kolbermoor“ vom 7. Mai ist zu lesen: „Unter zahlreicher Beteiligung wurden heute früh die Leichen der gemordeten Genossen Schuhmann und Lahn der Erde übergeben. Drei Geistliche zeremonierten dabei und Pfarrer Geoffry sprach erhebende Worte am Grabe. (…) Es legten dann mit kurzen Ansprachen Kränze nieder Herr Lehrer Link namens der Genossen und Genossinnen, Herr Kellermann namens der Arbeiterschaft des Thonwerks und Herr Pesold namens der Arbeiterschaft der Spinnerei. Die Musik spielte und gab man Ehrensalven ab (…).“ Otto Kögl berichtet: „Ganz Kolbermoor beteiligte sich an der Beerdigung Schuhmanns und Lahns. Während der Beerdigung stand in der Nähe des Friedhofs eine Kompanie Regierungssoldaten Gewehr bei Fuß“, um aus der Beerdigung keine Massendemonstration werden zu lassen (Kögl, Otto: Revolutionskämpfe, 1969, S. 128). Nicht einmal ein Trauerzug durch die Ortschaft dürfte gebildet werden. Wie erregt die Menge war, geht auch aus einem Eintrag im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor hervor, wo es heißt: „Hr. Dr. Solleder ersucht um kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern“ (Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, S. 144).

Der Lehrer und Schriftführer im „Revolutionären Arbeiterrat“ Rudolf Link veröffentlicht einen Nachruf in der Zeitung. Ein Wort des Freiheitsdichters Freiligrath aus dem Revolutionsjahr 1948 stellt er seinen Ausführungen voran, womit er die Politik der Räte in der Tradition der Freiheitskämpfer von 48 sieht. Bei den ausgewählten Versen handelt es sich um Zeilen aus der letzten Strophe des Gedichtes „Die Todten an die Lebenden“ Link lässt also quasi die Ermordeten selber sprechen. Mit leidenschaftlichen Worten heißt es dort:

O, steht gerüstet! Seid bereit!

O, schaffet, daß die Erde,

darin wir liegen, strack und starr

Ganz eine freie werde!“

Dann folgen Links Ausführungen:

„Uns ist, als ob diese Worte des Freiheitsdichters heute an unser Ohr klängen. Wir mußten unseren Schuhmann begraben. Ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß! Alles für andere, für sich nichts! Wer rieb sich auf in der Arbeit für das schaffende Volk? Wir haben einen Genossen verloren, der gewählt war, seine Ideale in die Tat umzusetzen. Wer kann ihm ein Verbrechen nachweisen? Der Minister des Inneren Segritz hat seiner Zeit die Handlungsweise unseres toten Kameraden gebilligt und trat auch für seine Weiterarbeit in unserer Gemeinde ein. Seiner Verantwortung war sich Schuhmann stets bewußt. Das beweist sein Verhalten in letzter Stunde. Furchtlos stellte er sich der tödlichen Kugel. Sein Andenken ist uns heilig!“ (Anzeiger für Kolbermoor“, 7. Mai 1919).

Mit den Worten Freiligraths, die er Schuhmann in den Mund legt, appelliert Link an die trauernden Kolbermoorer Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

Die Kolbermoorer dankten es ihm, indem sie weiterhin treu zu ihren Überzeugungen standen, was sich in den Wahlergebnissen in den Jahren danach deutlich zeigte und was auch sichtbar wurde in einer größeren Widerständigkeit gegen die spätere Diktatur der Nationalsozialisten.

Schon zwei Jahre nach der Besiegung der Nazis wurde Georg Schuhmann eine erste Ehre von Seiten der Gemeinde Kolbermoors zuteil. Am 7. Februar 1947 wurde die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt. In der Erklärung des Gemeinderates heißt es: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung das Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Erwähnenswert ist dabei auch, dass die 15 Mitglieder des Marktgemeinderates vollzählig erschienen waren und dieser Beschluss einstimmig verabschiedet wurde. Es gehörten sieben Mitglieder der SPD an, sechs der CSU, und zwei der KPD.

Worte des Dankes

Meine sehr verehrte Damen und Herren,

ich möchte meinen Vortrag nicht beenden, ohne meiner Freude Ausdruck zu verleihen, wie intensiv die Stadt Kolbermoor das 100. Jubiläum der Rätezeit begeht. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert, ist es doch in den meisten Städten Bayerns nicht so.

Kolbermoor war eine Hochburg während der sechs Monate der Revolution und es war die letzte rote Bastion in Bayern. Und die Stadt verdient es, dass diese Zeit in Erinnerung bleibt.

In Kolbermoor stiftete die Stadt im November letzten Jahres ein neues Denkmal für Georg Schuhmann und Alois Lahn, nachdem Nazis immer wieder das alte angegriffen und schließlich vollkommen zerstört hatten. Weiterhin hält die Stadt die Erinnerung an diese Zeit durch eine ausgezeichnete Ausstellung wach. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und einem Rundgang auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn wurde der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, sich näher mit der Rätezeit auseinanderzusetzen. Und auch im Heimatmuseum hängt jetzt zum Thema ein neuer Text an der Wand.

In dieser Stadt ist ein historisches Bewusstsein gewachsen. Die Erinnerungskultur einer Stadt ist ein deutliches Zeichen dafür, dass gesehen wird, wo die Wurzeln liegen und wie eine Stadt sich entwickelt und entwickeln kann.

Ich möchte an dieser Stelle besonders Herrn Bürgermeister Peter Kloo danken sowie der dritten Bürgermeisterin Dagmar Levin und den Kolbermoorer Stadträten, weiterhin unserem Stadtmarketingmanager Christian Poitsch, dem Künstler Josef Still, dem Vorsitzenden des Heimatmuseums Stefan Reischl, den Damen und Herren des Mangfall-Boten und allen anderen, die dazu beigetragen haben, dass dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte in seiner Bedeutung jetzt einen angemessenen Stellenwert erhalten hat. Und danken möchte ich besonders dem Rosenheimer Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die mich seit Beginn meiner Forschungen bei meiner Arbeit immer tatkräftig unterstützt hat.

Vor 20 Jahren wurde ich von der Chefredakteurin des Rosenheimer Fernsehens Frau Sylvia Stock gefragt, nachdem wir gerade mit Begleitung eines Fernsehteams einen Rundgang durch Kolbermoor gemacht hatten, warum ich mir die ganze Arbeit antäte. Ich habe da besonders auf zwei Dinge hingewiesen.

Ich wollte Georg Schuhmann und Alois Lahn meinen Respekt zollen, dass sie in einer sehr schwierigen Zeit sich bedingungslos zum Wohle ihrer Gemeinde völlig uneigennützig engagierten und dabei ihr Leben einsetzten und verloren.

Und ich wollte weiterhin einen Beitrag dazu leisten, dass das Ansehen von Kolbermoor dadurch gefördert wird, dass man seine Vorurteile gegenüber den Roten der damaligen Zeit zurückstellen sollte und ganz nüchtern betrachten, welche verdienstvolle Arbeit damals geleistet worden ist. Ich denke, man kann stolz auf dieses Kapitel der Kolbermoorer Geschichte sein.

Jetzt wollen wir zum alten Kolbermoorer Friedhof gehen und das Grab von Georg Schuhmann aufsuchen, auf dem auch eine neue Tafel zur Erinnerung an Alois Lahn angebracht wurde.

Ich danke für Ihr langes Zuhören.

Andreas Salomon