Seit gut 20 Jahren kämpft der Rosenheimer Kreisverband der GEW darum, die Geschichte des Roten Kolbermoors für die Bevölkerung wieder sichtbar zu machen. Kolbermoor war während der Novemberrevolution eine Hochburg der Räte. Früher als in anderen Orten Bayerns radikalisierte sich hier die Arbeiterschaft, geschlossener standen die Arbeiter hinter ihren Räten, waren zur Verteidigung ihrer Errungenschaften bereit und bildeten schließlich die letzte rote Bastion, die in Bayern am 3. Mai 1919 fiel. Umzingelt von einer Übermacht an Regierungssoldaten und Freikorps mussten die Roten schließlich kapitulieren. Besondere Tragik: Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann, der zur Übergabe geraten hatte, und sein Sekretär wurden einen Tag später von Grafinger Weißgardisten ermordet.
Den Gewerkschaftskollegen war es dabei nicht nur ein großes Anliegen, dass für Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn ein Denkmal gesetzt wurde, sondern dass die Stadt Kolbermoor die Rätezeit als Teil ihrer Stadtgeschichte annahm.
Vor 20 Jahren gab es für ein Denkmal im Stadtrat keine Mehrheit, sodass der Kreisverband der GEW selber ein Denkmal errichtete und mit Hilfe großzügiger Spender wie z.B. Dr. Klaus Weber finanzierte. Immer wieder wurde dieses Denkmal von Nazis angegriffen. Mal wurde es mit blauer Farbe zugesprüht, mal mit Säure verätzt oder mit großen Hakenkreuzen und der Aufschrift „Noske, do it again!“ beschmiert. (Der Reichswehrminister Gustav Noske hatte seinerzeit die Revolution mit Gewalt niedergeschlagen.) Schließlich wurde die große Marmortafel mit schwerem Gerät endgültig zerstört.
Die GEW hatte durch Veranstaltungen und Leserbriefe nie nachgelassen, die Geschichte des Roten Kolbermoor lebendig zu halten und weiter im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.
In diesem November war es dann so weit. Die Stadt Kolbermoor eröffnete im Rathaus eine Ausstellung zum Thema, die Stadträte genehmigten einstimmig, dass die Stadt ein neues Denkmal finanziert und am 14. November wurde dieses offiziell eingeweiht. Blumenschalen der Stadt waren vor dem neuen sehr stabilen Denkmal zu sehen, der Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo (SPD) konnte an die 70 Anwesende begrüßen und der GEW-Kollege Andreas Salomon hielt die Hauptrede. Der Bürgermeister verwies darauf, dass Männer wie Georg Schuhmann es gewesen seien, die damals „sich dafür einsetzten, die Not der Arbeiterschaft zu mindern und eine sozialere, gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.“ Das Denkmal, so Andreas Salomon, erinnere nicht nur an die feige Mordtat, sondern stehe symbolisch für die gesamten sechs Monate der Kolbermoorer Rätezeit, die jetzt offiziell zu einem wesentlichen Teil der Stadtgeschichte geworden sei. Wenn jetzt die Nazis erneut die Tafel angreifen würden, dann würde die ganze Stadt attackiert.
Am kommenden Tag berichtete die Lokalzeitung in einem halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Ein massiver Teil der Stadtgeschichte“. In den nächsten Monaten wird der Kreisverband der Gewerkschaft durch Vorträge und Rundgänge auf den Spuren von Schuhmann und Lahn weiter aufklären, aber auch die Stadt bietet eine Reihe von Veranstaltungen an. Manche Dinge brauchen eben einen langen Atem.
Andreas Salomon, KV Rosenheim