Rede zur Denkmalseinweihung für Georg Schuhmann und Alois Lahn in Kolbermoor am 11.11.2018

von Andreas Salomon

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kloo, verehrte Damen und Herren des Stadtrates, verehrte Anwesende,

das heutige Datum für die Denkmalseinweihung habe ich mit Bedacht ausgewählt, weil auf den Tag genau vor 100 Jahren die SPD in den hiesigen Mareissaal eine Volksversammlung einberief, auf der der 1. Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde. Damit war der Beginn einer sechsmonatigen Phase demokratischer Mit- und schließlich Selbstbestimmung gesetzt, die am 3. Mai 1919 mit der Übergabe der Stadt offiziell endete. Und die Tafel, die wir heute einweihen wollen, erinnert daran, dass einen Tag später, am 4.Mai 1919, Grafinger Weißgardisten die Wohnungen des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn stürmten, beide schwer misshandelten, zur Tonwerksunterführung schleiften und dort ermordeten.

Besonderer Dank gebührt heute der Stadträtin Frau Dagmar Levin, die im Stadtrat den Antrag stellte, die Stadt möge Geld für die Errichtung eines neuen Denkmales zur Verfügung stellen, nachdem das bisherige mit brachialer Gewalt endgültig zerstört worden war. Und der Dank der Bevölkerung gilt Herrn Bürgermeister Kloo und dem gesamten Stadtrat, die einstimmig 5000 Euro für dieses neue Denkmal bewilligt haben. Und natürlich wollen wir unseren Künstler nicht vergessen, Herrn Joseph Still, der dieses neue Kunstwerk geschaffen hat und ihm herzlich für seine gelungene Arbeit danken. Herr Still wird selbst noch zu seinem Werk sprechen.

Sie wissen, dass die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an den Mord an Schuhmann und Lahn bereits eine dreißigjährige Geschichte hat. Zum allerersten Mal wurde 1989 von Klaus Weber und einigen Freunden eine Tafel errichtet, die allerdings nicht lange Bestand hatte, weil sie wenig wetterfest war. Damals gelang es auch nicht, die Geschichte, die sich hinter dem Denkmal verbarg, sichtbar zu machen und der Bevölkerung zu vermitteln.

Rechtzeitig zum 80sten Todesstag von Schuhmann und Lahn hatte ich dann meine Forschungen zur Kolbermoorer Räterepublik soweit vorangetrieben, dass an ihrem Todestag, dem 4. Mai 1999, also vor knapp 20 Jahren, die Ergebnisse in einem historischen Rundgang durch Kolbermoor präsentiert werden konnten. Mit Unterstützung durch den Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatten wir eine relativ schlichte Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung errichtet und ein Gedenkschild am Wohnhaus von Georg Schuhmann anbringen lassen.

Schon damals hatte ich mich darum bemüht, dass die Stadt Kolbermoor die Gedenktafel errichten möge. Dazu gab es zwei Anträge. Einen brachte die Grüne Liste ein, der in der Stadtratssitzung vom 27.1.1999 mit 10 zu 11 Stimmen abgelehnt wurde. Die Stadträtinnen und Stadträte der Grünen, der SPD und der Freien Wähler unterlagen mit einer Stimme der CSU und den Republikanern. Einen zweiten Versuch unternahmen Hans Lorenz als DGB-Ortskartellvorsitzender und ich im Namen des Kreisverbandes der GEW. Der Antrag vom 5. März 1999 kam aber in einer Stadtratssitzung gar nicht erst zur Entscheidung. Der 2. Bürgermeister Herr Schrank (CSU) erklärte in Vertretung des 1. Bürgermeisters Herrn Reimeier (CSU), dass das Gelände für die Aufstellung der Tafel gar nicht im Besitz der Stadt sei, sondern der Bahn gehöre. So beschloss der Kreisvorstand der GEW, die Erinnerungstafel in Eigenregie aufzustellen, wie es dann auch geschah.

Die Gedenkfeier für Georg Schuhmann und Alois Lahn anlässlich deren 80stem Todestages geriet zu einem größeren Kolbermoorer Ereignis im Beisein von Bürgermeister Ludwig Reimeier, des DGB-Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Kreis Südost-Oberbayern Herrn Lorenz Ganterer sowie zahlreichen Stadträten und anderen namhaften Persönlichkeiten aus Kolbermoor und Umgebung. Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung und die Vertreter verschiedener Parteien hielten an den unterschiedlichsten Stationen des Rundgangs Ansprachen.

Die errichtete Gedenktafel sollte aber nicht lange bestehen. Bereits am 11.1.2000 berichtete der Mangfall-Bote, dass die Kunststofftafel mit blauer Farbe komplett zugesprüht worden war und nicht mehr repariert werden konnte.

So musste an gleicher Stelle eine neue Gedenktafel errichtet werden, die Sie sicherlich alle kennen. Sie war wesentlich massiver, um möglichen weiteren Attacken widerstehen zu können und eine Zerstörung erschien undenkbar. Aber auch diese Tafel wurde immer wieder angegriffen. Mal wurde sie mit Säure attackiert, mal mit Farbe. Als große Hakenkreuze aufgesprüht wurden und der Satz: „Noske, do it again!“, war auch klar, aus welcher Ecke die Angriffe kamen. Gustav Noske war als Reichswehrminister 1918/1919 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Noch einmal konnte die Bronze-Platte gereinigt werden. Als aber dann die Täter mit schwerem Gerät anrückten und die große, äußerst stabile Marmortafel zerschlugen, war die Gedenktafel endgültig zerstört. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich die Gedenkstätte gepflegt und immer wieder Blumen angepflanzt – jetzt bot sich dem Betrachter ein jämmerlicher Anblick.

Wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar. Dann kam der Antrag von Dagmar Levin und die Zustimmung des Stadtrates. Ich denke, dass diese Entscheidung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und freue mich darüber außerordentlich, denn nun ist die Gedenktafel und die Stelle, wo sie errichtet ist, ein offizieller Standort der Stadt und die Stadt Kolbermoor erinnert an die feige Bluttat an dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinem Sekretär Alois Lahn.

Das ist nicht nur eine deutliche Aufwertung der Tafel, sondern zeigt letztendlich, dass die damalige Geschichte der Kolbermoorer Räterepublik nicht mehr verdrängt wird, sondern offiziell als ein Teil der Kolbermoorer Stadtgeschichte angenommen wird. Inzwischen ist ein historisches Bewusstsein gewachsen und in einem Gespräch mit Herrn Bürgermeister Kloo hat mir dieser vor Augen geführt, wie sehr die Wurzeln des heutigen Kolbermoors auch in der damaligen Zeit gesehen werden.

Ganz besonderer Ausdruck davon ist auch die aktuelle Ausstellung im Kolbermoorer Rathaus sowie die vielen Veranstaltungen zum Thema in unserer Stadt. Kolbermoor darf stolz darauf sein, dass heute in dieser Stadt in größeren Dimensionen gedacht wird und nicht mehr vergessen wird, dass demokratisches Denken bereits vor 100 Jahren praktiziert wurde.

Als 1947 die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wurde, hieß es bereits im Protokoll: „Der Gemeinderat beschließt, dass die Alpenstraße in Schuhmannstraße umbenannt wird. Herr Schuhmann, der in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges infolge seiner demokratischen Gesinnung sein Leben lassen musste, soll dadurch geehrt werden, dass die Straße seines Geburts- bzw. Wohnhauses seinen Namen erhält.“ Der Beschluss war einstimmig, wie mir der damalige und inzwischen verstorbene Bürgermeister Karl Staudter versicherte. Im Gemeinderat saßen sieben Angehörige der SPD, sechs der CSU und zwei von der KPD.

Georg Schuhmann hat in den wenigen Monaten seiner Wirkungszeit die Geschicke Kolbermoors nachhaltig beeinflusst. Der in Bamberg am 6. März 1886 geborene gelernte Installateur war als Kriegsteilnehmer wie hunderte anderer Soldaten in die Sanierung gekommen, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor, wo die Soldaten zusammengefasst wurden, um entlaust und wieder neue eingekleidet zu werden.

Dass hier unter den Soldaten intensive Diskussionen über den verlorenen Krieg und die aktuelle wirtschaftliche und soziale Lage geführt wurden, lässt sich denken. Über die Vorgeschichte des zweiunddreißigjährigen, unverheirateten Schuhmann wissen wir fast nichts. Nachforschungen brachten bisher kaum Ergebnisse. Es darf aber aufgrund seiner intensiven und geradezu professionellen Aktivitäten in Kolbermoor angenommen werden, dass er über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügte und bestens informiert war, was nicht nur das Deutsche Reich anbelangte, sondern auch die Verhältnisse in Europa und darüber hinaus wie z.B. in Russland.

Dass er nach Kolbermoor kam, dürfte allein darauf zurückzuführen sein, dass hier bereits seit zwei Jahren seine zehn Jahre ältere unverheiratete Schwester wohnte, zu der er am 15.11. 1918 in die Kolbermoorer Karlstraße 2 zog. Am 1.2.1919 nahm er sich dann eine eigene Wohnung in der Alpenstraße 3, der heutigen Schuhmannstraße.

Sein Name taucht im Beschlussbuch des Volksrates, das ich im Kolbermoorer Archiv entdeckte, zum ersten Mal im Protokoll der Sitzung vom 8. Januar 1919 auf, bei der der 2. Kolbermoor Volksrat gewählt wurde. Auf der Vollversammlung im Mareissaal schlug die Sozialdemokratische Partei neun Mitglieder vor, über die einzeln abgestimmt wurde. Im Protokoll heißt es: „Die Vorschläge wurden von der Versammlung teils einstimmig, teils mit erdrückender Mehrheit angenommen.“ Einer von ihnen war Georg Schuhmann, der zu dem Zeitpunkt noch keine drei Monate in Kolbermoor ansässig war. Es ist schon außerordentlich erstaunlich, dass er da schon eine derartige Popularität genoss.

Wir wissen nicht, wie lange er schon in der Sanierung war und Kontakte nach Kolbermoor hatte, aber als sicher darf angenommen werden, dass er seit dem 15. November, als der 1. Volksrat gerade einmal vier Tage im Amt war, sich bereits intensiv mit den Gegebenheiten vor Ort beschäftigte und die Arbeit des Volksrates unterstütze. Anders lässt sich seine Wahl als gewissermaßen Ortsfremder nicht erklären.

Schon bald entwickelten Schuhmann und seine Mitstreiter eine rege kommunalpolitische Arbeit und kümmerten sich um all die Erfordernisse, die der Bevölkerung auf den Nägeln brannten. Der Volksrat hatte zu diesem Zeitpunkt nur beratende Funktion, konnte also nicht selber entscheiden. Er hatte vor allem die Aufgabe „amtliche Stellen zu überwachen und Missstände abzustellen.“ Er war also der Katalysator, der für Gerechtigkeit und demokratisches Verhalten bei der Arbeit der Gemeinde zu achten hatte und deswegen eigene Vertreter zu den Sitzungen des Gemeindeausschusses schickte. Besondere Bedeutung kam dabei der Ernährung der Bevölkerung zu, wobei es um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel ging. Der Volksrat bildete dazu extra einen vierköpfigen Lebensmittelausschuss.

Die Protokolle des 2. Volksrates zeugen von einer deutlich intensivierten Arbeit. Neben der Versorgung mit Lebensmitteln ging es um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, um Straßenbau, den Uferschutz der Mangfall, Maßnahmen gegen die Verrohung der Jugend durch den Krieg und vieles mehr. Immer wieder werden Schleichhandel und Wucherpreise gerügt, genauso wie unlauterer Wettbewerb. Aber auch gewerkschaftliche Ziele wie die Einführung des 8-Stunden-Tages bei der Gemeinde und gerechte Entlohnung sind Themen. Bereicherungsversuche einzelner auf Kosten der Bevölkerung werden aufgedeckt und immer wieder schlechte Lebensmittel gerügt. Das Wirken von Schuhmann und seinen Mitstreitern war frei von eigenen Interessen und hatte einzig und allein das Wohl von Kolbermoor im Sinn.

Der Einfluss des Volksrates war so bedeutsam, dass sein Vorsitzender Georg Schuhmann seit dem 5. Februar 1919, also bereits nach vier Wochen seiner Amtszeit, regelmäßig Bürostunden im Amtszimmer des Bürgermeisters Bergmann abhielt. Aus den Protokollen geht hervor, dass daraus keinerlei Spannungen entstanden. Vielmehr wurden die Anträge des Volksrates von der Gemeinde zunehmend umgesetzt. Die Protokolle erwecken den Eindruck dass der Volksrat immer mehr die Politik in Kolbermoor gestaltete und die Gemeinde zunehmend zur Exekutive wurde.

So überraschen dann die Vorgänge vom 22. Februar 1919 nicht, als einen Tag nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wird.

Jetzt hatte der Volksrat in Kolbermoor die Zügel in der Hand und Schuhmann wurde quasi der 5. Kolbermoorer Bürgermeister. Mit unverminderter Intensität setzte der Volksrat seine Arbeit fort, was jetzt nicht im Einzelnen dargelegt werden soll.

Schuhmann genoss in Kolbermoor ungeheures Ansehen. Die Chroniken besagen, die Arbeiterschaft „verhimmelte“ ihn. Inzwischen war er auch über Kolbermoor hinaus bekannt und in den Bezirksrat gewählt worden. Offenbar hielt er enge Verbindungen nach München und war mit der dortigen Entwicklung bestens vertraut. So erklärt es sich auch, dass am 29.4.1919 noch einmal ein Volksrat gewählt wurde, der sich jetzt „Revolutionärer Arbeiterrat“ nannte.

Georg Schuhmann war inzwischen von der USPD zur KPD übergetreten und sämtliche Mitglieder des neuen Volksrates gehörten dieser Partei an. Diese Entwicklung entspricht der 4. Phase der Räterepublik in München, bei der die Kommunisten unter Leviné die 2. Räterepublik gründeten. Aber die Tage waren gezählt. Überall mussten sich die Roten der Übermacht von Regierungstruppen und Freikorps beugen. Kolbermoor war die letzte rote Bastion in Bayern. Ich denke, nirgendwo stand die Bevölkerung derartig intensiv hinter ihrem Volksrat wie hier.

Kolbermoor wurde umzingelt, die Bevölkerung war zur Gegenwehr bereit. Bewaffnete Züge wurden von den Arbeitern der Gemeinde gebildet. Die Übermacht war gewaltig und im Mareissaal wurde heftig diskutiert, was man machen sollte. Besonders die Frauen waren für Verteidigung. Aber letztendlich setzte sich die Vernunft durch und Georg Schuhmann plädierte für die Übergabe der Stadt, um ein Blutvergießen zu vermeiden. So geschah es dann auch am 3. Mai 1919.

Eine besondere Tragik war es dann, dass einen Tag später ausgerechnet derjenige, der für Gewaltfreiheit plädiert hatte, zusammen mit seinem Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten brutal misshandelt und schließlich ermordet wurde.

Wenn wir heute Georg Schuhmann und Alois Lahn mit einer neuen Gedenktafel ehren wollen, so ist damit der Wunsch verbunden, dass ihr Wirken für die Stadt Kolbermoor nicht vergessen werden soll. Uneigennützig haben sie ihr junges Leben zum Wohl ihrer Heimatgemeinde eingesetzt und grausam verloren. Mögen sie unvergessen bleiben.