Novemberrevolution und Kolbermoorer Räterepublik

Rede vor der AFA Kolbermoor am 09.06.2018

Geschichte der Zerstörung der Gedenktafel

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ließ vor 20 Jahren in Kolbermoor ein Denkmal aufstellen. Dieses erinnert an die Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn am 4-Mai 1919 durch Grafinger Weißgardisten.

Seitdem wurde es viermal von Nazis angegriffen bis zur endgültigen Zerstörung. Die erste Gedenktafel wurde schon bald mit blauer Farbe zugesprüht,sodass sie nicht mehr zu reinigen war. Die zweite, deutlichmassivere Tafel wurde zunächst mit Säure attackiert und dann bei einem weiterenAngriff vor wenigen Jahren mit Hakenkreuzen beschmiert und der Aufschrift versehen „Noske, do it again!“ Noske war als Reichswehrminister 1918/19 verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz: „Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Das war der dritte Anschlag und vor gut einem Jahr wurde bei einem vierten Anschlag die große Marmortafel mit schwerem Gerät zerschlagen und endgültig zerstört.

Neue Gedenktafel am 11. November

Aber eine neue, noch massivere Tafel ist bereits aufgestellt und wird am 11. November diesen Jahres, dem Tag der ersten Vollversammlung vor 100 Jahren, feierlich eingeweiht werden. Und das Besondere ist, dass die Stadt Kolbermoor sie finanzieren wird und sich damit erstmals zu diesem wichtigen Kapitel ihrer Stadtgeschichte offiziell bekennt. Das war von Anfang an schon unser Ansinnen bei der ersten Aufstellung der Tafel vor zwanzig Jahren. Die Kolbermoorer Rätezeit ist bis heute unvergessen und mit dem Denkmal wird gezeigt, wie wichtig es ist, die damaligen Ereignisse in Erinnerung zu behalten. Und wenn jetzt die neue Tafel wieder attackiert werden sollte, dann wird die Stadt Kolbermoor angegriffen, und das hat eine ganz andere Dimension.

Warum aber soviel Hass, warum soviel Aggressionen? Warum löst die Erinnerungstafel auch nach 100 Jahren noch bei manchen Menschen den Wunsch nach Zerstörung aus? Deshalb soll die Frage aufgeworfen werden, was eigentlich vor genau einem Jahrhundert in Kolbermoor passiert ist.

Es geht dabei um nichts Geringeres als aufzuzeigen, wie die Revolution im Deutschen Reich vom November 1918 bis zum Mai 1919 sich in Kolbermoor dargestellt hat. Und dieser Ort nimmt dabei zudem in Bayern eine ganz besondere Rolle ein.

Der 1. Weltkrieg als Ursache der Revolution

Zunächst muss dabei untersucht werden, wodurch die Revolution im Deutschen Reich überhaupt ausgelöst wurde. Was waren die Ursachen? Denn da die Ereignisse in Kolbermoor natürlich eingebettet waren in die Vorgänge im gesamten Deutschen Reich und speziell im Königreich Bayern, muss zuerst ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Gesamtlage geworfen werden.

Im November 1918 dauerte der äußerst brutale 1. Weltkrieg bereits vier Jahre. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung auch in Bayern war spätestens nach den verlustreichen Schlachten um Verdun nichts mehr übrig geblieben. Das deutsche Heer war kriegsmüde, die Soldaten und auch die Bevölkerung daheim sehnten den Frieden herbei. Die Monarchie hatte abgewirtschaftet.

Die großen Januarstreiks in Berlin und München

Schon im Januar 1918 war es in Berlin zu großen Streiks der Munitionsarbeiter gekommen und erstmalig war ein Arbeiterrat gebildet worden, d.h. die Arbeiter hatten sich selbst ein eigenes Vertretungsorgan gewählt. Vorbild dafür waren sicherlich wenige Monate zuvor die Vorgänge um die Oktoberrevolution in Russland. Die 400 000 Streikenden in Berlin forderten sofortige Friedensverhandlungen und die Einführung einer demokratischen Verfassung mit garantierter Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Reaktion der Regierung war, dass die Betriebe unter militärische Leitung gestellt und Versammlungen und Demonstrationen verboten wurden. Die Streikwelle erfasste auch München, wo ein gewisser Kurt Eisner als Streikführer ins Gefängnis kam.

Jetzt stellte die Regierung Reformen in Aussicht. Aber dazu war es bereits zu spät. Die staatlichen Instanzen hatten bei der Bevölkerung einen zu großen Autoritätsschwund erlitten.

Der Krieg ist verloren.

Im Frühjahr 1918 verfiel zunehmend die militärische Disziplin und im Westen häuften sich Meldungen über Befehlsverweigerungen. Deutsche Erfolge an der Front blieben aus und Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung nahmen zu. Soldaten täuschten Krankheiten vor oder verstümmelten sich, manche liefen auch zum Gegner über und in den Heimatgarnisonen gab es immer häufiger krawallartige Ausschreitungen. Die Soldaten an der Westfront wollten nicht mehr für eine aussichtslose Sache ihr Leben aufs Spiel setzen. Ende September 1918 musste die militärische Führungsspitze aus dem Munde des Generalfeldmarschalls Hindenburg von der Obersten Heeresleitung offiziell vernehmen, dass der Krieg verloren war, was die Öffentlichkeit aber nicht erführ.

Verheerende wirtschaftliche und politische Lage

So verheerend die militärische Niederlage war, so katastrophal war die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Das Land befand sich in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise. Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft waren zerrüttet.

Die Industrie liegt am Boden.

Die industrielle Gesamtproduktion war gegenüber 1913 auf 57 Prozent gesunken, obwohl die Rüstungsindustrie gewaltig gewachsen war. Große Bereiche der Konsumgüterindustrie und andere für die Bevölkerung wichtige Industriezweige waren weitgehend eingeschränkt oder sogar stillgelegt worden. Die Textilindustrie arbeitet fast nur noch für die Ausrüstung der Armee und war auf 17 Prozent des Vorkriegszustandes gesunken. Überall war die Industrie auf den Krieg ausgerichtet.

Auch der Landwirtschaft geht es sehr schlecht.

Aber auch die Landwirtschaft lag 1918 um 40 – 60 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Sowohl die Anbauflächen und die Hektarerträge der landwirtschaftlichen Kulturen als auch die Viehbestände waren stark zurückgegangen. Die Regierung war unfähig, eine auch nur einigermaßen geregelte Versorgung und Ernährung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 1918 im Verhältnis zum Friedensverbrauch bei Fleisch nur noch durchschnittlich 20 Prozent. So nahm die Lebensmittelkrise katastrophale Ausmaße an. Zudem waren die Preise für Lebensmittel um das Zwei- bis Fünffache, die Preise für Bekleidung und Schuhwerk rund um das Drei- bis Siebenfache gegenüber 1913 gestiegen.

Die Bedingungen am Arbeitsplatz sind katastrophal.

Die Reallöhne der Arbeiter lagen aber etwa 25 Prozent unter dem Vorkriegszustand. Hingegen war die Arbeitszeit schon seit Anfang 1915 erheblich verlängert worden. Mehr als 60 Prozent der Groß- und Mittelbetriebe, z.B. der Berliner Rüstungsindustrie hatten die tägliche Arbeitszeit, die vor dem Krieg etwa neun Stunden betrug, auf zehn bis zwölf Stunden erhöht. Auch sonntags musste regelmäßig bis zu sechs Stunden gearbeitet werden. Unter den werktätigen Massen herrschte bittere Not. Hunger und Unterernährung untergruben die Gesundheit der Bevölkerung und Krankheiten und Epidemien forderten viele Opfer. So konnte es nicht weitergehen.

Entwicklung der Revolution in Deutschland

Zunehmend verbreitete sich, sicherlich auch durch die Vorgänge in Russland beeinflusst, eine revolutionäre Stimmung. Die Absetzung und Bestrafung des Kaisers wurde gefordert.

Der Matrosenaufstand von Wilhelmshaven

Dann kam es zum Aufstand in Wilhelmshaven. Die deutsche Seekriegsleitung machte den verbrecherischen Versuch, die gesamte deutsche Hochseeflotte zu einem letzten verzweifelten Kampf gegen die überlegenen britischen Seestreitkräfte einzusetzen. Lieber ein ehrenvoller Untergang als eine schmähliche Niederlage. Da meuterten die Tausende von Matrosen. Es bildeten sich Matrosenräte und die Besatzungen der Schiffe „Thüringen“ und „Helgoland“ hissten die rote Flagge. Um die Situation zu entspannen, entschloss sich die Marineführung, die vor Wilhelmshaven ankernde Flotte auseinanderzuziehen.

Kiel

Das 3. Geschwader, das unruhigste von allen, musste am 31. Oktober Kurs auf Kiel nehmen. Diese Entscheidung sollte für die Seekriegsleitung zum Verhängnis werden. Denn jetzt konnte der Funke der Revolution zum Flächenbrand werden. In keinem Ort waren die Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären Bewegung so günstig wie gerade in der Ostseestadt. 50.000 Militärangehörige waren hier stationiert. Und hier gab es auf den Großwerften und in den Zulieferbetrieben der Metallindustrie eine vieltausendköpfige radikalisierte Arbeiterschaft. Am 1. November 1918 lief das Geschwader im Kieler Hafen ein.

Kieler Arbeiter stürmen die Kasernen.

Am 3. November wurde eine Versammlung auf dem großen Exerzierplatz abgehalten, an der 500 bis 600 Menschen teilnahmen. Man beschloss, zunächst die inhaftierten Matrosen von Wilhelmshaven zu befreien. Auf dem Marsch zur Marinearrestanstalt stellte sich den Demonstranten eine Militärpatrouille entgegen, die das Feuer eröffnete. Neun Tote und 29 Verletzte blieben zurück. Das war die Initialzündung für den Aufstand. Die Offiziere auf den Schiffen wurden entwaffnet und die rote Fahne gehisst. Die Matrosen stürmten eine Kaserne nach der anderen und bemächtigten sich der Waffen und befreiten die gefangenen Matrosen. Am 5. November traten die Kieler Arbeiter in einen Generalstreik. Ein Soldatenrat wurde gebildet, der erste im Deutschen Reich, und kurz darauf auch ein Arbeiterrat. In Kiel waren die Aufständischen vollständig im Besitz der Macht.

Ausweitung

Von Kiel breitete sich die Aufstandsbewegung in wenigen Tagen über ganz Norddeutschland aus. Die Kieler Matrosen waren es, die die Flamme des Aufruhrs nach Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock, Warnemünde, Bremerhaven, Bremen und nach Hamburg trugen. Dort, in Hamburg, versammelten sich über 10.000 Menschen. Ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet und am 6. November waren es schon über 40.000 Arbeiter, Matrosen und Soldaten, die sich zu einem riesigen Demonstrationszug formierten. Auch in Hamburg lag jetzt die Macht faktisch beim Arbeiter- und Soldatenrat.

Aus einem Funken wird ein Flächenbrand.

In vielen anderen Städten geschah ähnliches. Bis zum 8. Oktober waren auch Hannover, Braunschweig, Magdeburg. Hildesheim, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Krefeld, Bielefeld, Halle, Dresden, Leipzig, Frankfurt a.M. und viele andere mittel- und süddeutsche Städte in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. Auf München, wo die Revolution am 7. November begann, komme ich gesondert zu sprechen. Zunächst aber noch zu Berlin, der Reichshauptstadt.

Berlin

Dort hatte sich die Partei der Arbeiter, die SPD, wegen der Bewilligung der Kriegskredite gespalten. Die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) hatten zuge-stimmt, weitere Kredite für den Krieg zu bewilligen, die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) hatten dies abgelehnt. In der MSPD versammelten sich zunehmend die gemäßigteren Sozialdemokraten, in der USPD die radikaleren. Diese Spaltung sollte weitreichende Folgen haben. Denn die MSPD strebte eine parlamentarische Demokratie an und die USPD eine sozialistische Republik.

Ausrufung der Deutschen Republik sowie der Freien Sozialistischen Republik Deutschland

Am 9. November rief Philipp Scheidemann von der MSPD vom Balkon des Reichstages die Deutsche Republik aus und Karl Liebknecht von der USPD vom Balkon des Berliner Schlosses die Freie sozialistische Republik Deutschland. Die radikale Linke hatte sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg versammelt. Die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands, gab es noch nicht, sie wurde erst am 1.1.1919 gegründet, um der sozialistischen Republik Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Groener – Ebert – Pakt

Ohne die reichsweiten Entwicklungen jetzt näher zu verfolgen, soll nur noch auf den Groener – Ebert – Pakt eingegangen werden. Friedrich Ebert von der MSPD wollte auf jeden Fall die sozialistische Revolution verhindern und das war natürlich auch das Ansinnen der Obersten Heeresleitung. Als Wilhelm Groener bereits am 10. November Ebert anrief, wurde man sich schnell einig, dass das Heer zur Niederschlagung des Aufstandes bereit stehe. Hier wurden also schon die Weichen für die Niederschlagung der Revolution gestellt.

Gustav Noske (SPD) lässt Militär aufmarschieren.

Während es überall im Reich Aufstände, Streiks und Versuche gab, eine Räterepublik zu gründen, ließ Gustav Noske das Militär aufmarschieren. Erläutert muss werden, dass eine Räterepublik ein Gesellschaftsmodell ist, bei dem alle Macht in den Händen der unmittelbar vom Volk gewählten Räte liegt und es kein Parlament mehr gibt. Das war die Vorstellung der Sozialisten, die wollten, dass das Volk eng in die politischen Entscheidungen mit eingebunden ist. Dass lehnte die MSPD entschieden ab.

Währenddessen machte in Berlin die Presse gegen die USPD mobil und hauptsächlich gegen die Herausgeber der „Roten Fahne“, des Parteiorgans der KPD. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden als die größten Feinde des Landes bezeichnet, was mit dazu beitrug, dass diese am 15. Januar ermordet wurden.

Die Bremer Räterepublik wird als erste zerstört.

Dann wurde zuerst die Bremer Räterepublik von Regierungstruppen gewaltsam zerschlagen, wobei 400 Menschen zu Tode kamen. Massenstreiks im ganzen Deutschen Reich waren die Folge. In Berlin kam es am 4. März zum Generalstreik, zu dem die Arbeiterräte aufgerufen hatten, um die Anerkennung und dauerhafte Etablierung der Räte sowie eine demokratische Militärreform und Sozialisierungen durchzusetzen. Rund eine Million Menschen beteiligten sich daran. Das Wirtschaftsleben und der Verkehr kamen völlig zum Erliegen.

Terror der Regierungstruppen in Berlin

Jetzt setzte Noske auch in Berlin Truppen ein. Diese töteten bis zum 16 März mindestens 1200 Menschen, darunter viele Unbewaffnete sowie völlig Unbeteiligte. Auch in Hamburg und Sachsen-Gotha kam es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Am längsten aber hielt sich die Münchner Räterepublik und am allerlängsten, wie bereits erwähnt, die Arbeiterinnen und Arbeiter von Kolbermoor.

Bevor wir zu Kolbermoor kommen, müssen wir uns aber noch kurz Kenntnisse verschaffen, wie die Revolution sich in Bayern entwickelte.

Revolution in Bayern

1. Phase: 9. Nov.1918 – 5. April 1919

    Die Revolution in Bayern begann mit einer riesigen Friedenskundgebung am 7. November 1918 auf der Münchner Theresienwiese, zu der SPD, USPD und die Gewerkschaften gemeinsam aufgerufen hatten. Es sollen 60.000 Teilnehmer gewesen sein, zu denen 12 Redner gleichzeitigt sprachen. Einer von ihnen war Kurt Eisner von der USPD, der sich mit seinen Anhängern im Norden aufgestellt hatte, um anschließend schnell zu den Kasernen zu kommen. Nach den Reden wurde eine Resolution angenommen, in der ein sofortiger Friedensschluss, der Rücktritt des deutschen Kaisers, der Achtstundentag und eine Arbeitslosenversicherung gefordert wurden.

    Kurt Eisner zieht zu den Kasernen.

    Eisner zog mit 2000 Demonstranten dann zu den Kasernen, wo die Soldaten mit fliegenden Fahnen zu den Revolutionären überliefen. Am Abend wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, Kurt Eisner zum ersten Ministerpräsidenten der Republik Baiern gewählt und einen Tag später der „Freistaat Baiern“ ausgerufen.

    Die Monarchie ist abgeschafft.

    Nach 738 Jahren war die Monarchie der Wittelsbacher abgeschafft. Wenn Eisner den Begriff Freistaat wählte, dann meinte er damit ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Von beiden Türmen der Frauenkirche hingen jetzt weithin sichtbar riesige rote Fahnen.

    Der bayerische Arbeiter- und Soldatenrat wählte eine Revolutionsregierung aus USPD und SPD. Bis zu den ersten freien Wahlen trat ein provisorischer Nationalrat an die Stelle des ehemaligen Landtages der Monarchie. Dieser bestand aus Vertretern des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, der Gewerkschaften, der Berufs- und Frauenverbände und der Fraktionen der SPD und des Bauernbundes.

    Funktion der Räte

    Eisner bekennt sich zum Sozialismus, setzt in der kommenden Zeit aber auf ein Zusammenspiel von Räten und Parlament. Die Räte sollen eine tragende Rolle beim Aufbau des neuen Staates spielen. Sie sind Vertrauensorgane des Volkes und sollen als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren und letztere kontrollieren. Außerdem haben sie die schwierige Aufgabe, die Bürger von Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Die SPD hingegen sieht in den Räten eine Konkurrenz zum Parlament und die Gefahr einer Bolschewisierung des Systems. Sie will die inzwischen 7000 Räte in Bayern nach der Landtagswahl wieder abschaffen.

    Das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag werden eingeführt.

    Inzwischen werden das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag eingeführt. Die Schulpolitik wird revolutioniert und die Kirche verliert ihre Vorherrschaft über die Klassenzimmer. Religion ist Wahlfach geworden, der Schulgottesdienst nicht länger Pflicht. Aber Eisner hat auch viele Gegner, allen voran Erhard Auer von der SPD und natürlich die Rechten, die 1912 die reaktionäre Thule-Gesellschaft gegründet haben.

    Kurt Eisner wird ermordet.

    Als es am 12. Januar zur Landtagswahl kommt, gewinnt Eisners USPD nur 2,5 % der Stimmen und Eisner will zurücktreten. Auf dem Weg zum Landtag wird er von Anton Graf Arco auf Valley erschossen. Seine Beerdigung wird zu einer Massendemonstration von 100.000 Menschen, die seinem Sarg zum Ostfriedhof folgen. Sein gewaltsamer Tod gibt der Revolution in Bayern neue Schubkraft. Es kommt zur 2. Phase der Novemberrevolution in Bayern, die bis zum 6. April anhalten soll.

    2. Phase: 22. Februar 1919 – 6. April 1919

      Es konstituiert sich ein provisorisch regierender Zentralrat der bayerischen Republik.

      Ein Zentralrat unter Ernst Niekisch wird gebildet.

      Vorsitzender des zentralen Arbeiter- und Soldatenrates wurde der Augsburger Lehrer Ernst Niekisch (MSPD) Dieser Zentralrat bestand aus Mitgliedern der MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte. Niekisch gehört zum linken Flügel der Partei und ist Anhänger des Rätesystems. Der Generalstreik wird ausgerufen. In dieser Phase sind vor allem zahlreiche Reformen im Bildungsbereich von Bedeutung wie die Einrichtung von Kinderhorten und Kindergärten. Doch zunehmend erstarken die Räte und die Ausrufung einer Räterepublik steht auf der Tagesordnung.

      3. Phase: 7. April 1919 – 13. April 1919

      Räterepublik in Baiern („Scheinräterepublik“)

        Die 1. Räterepublik auf bayerischem Boden wird mit Wirkung zum 7. April 1919 ausgerufen. Es regiert ein Rat der Volksbeauftragten. Vorsitzender des Zentralrates wird Ernst Toller, der im Krieg zum Pazifisten geworden ist und zum linken Flügel der USPD gehört.

        Ernst Toller wird Zentralratsvorsitzender der 1. Münchner Räterepublik

        Er arbeitet eng mit dem Anarchisten Gustav Landauer zusammen, der das Ministerium für Volksaufklärung übernimmt. Der Proklamation der Räterepublik war ein Streit mit den Kommunisten vorausgegangen, Eugen Leviné (KPD) hielt die Ausrufung der Räterepublik für verfrüht, die Bevölkerung sei noch nicht so weit und sprach deswegen von einer „Scheinräterepublik“, an der die Kommunisten sich nicht beteiligen wollten.

        Toller und seine Mitstreiter machten sich an die Arbeit, ordneten die Entwaffnung des Bürgertums und die Bewaffnung des Proletariats an, verhängten die Zensur über die Presse, ließen die Bankkonten sperren, bekämpften Schleichhandel und Preiswucher und bauten eine Rote Armee auf. Aber vieles unterblieb auch wie die Sozialisierung der Betriebe, und die Bewaffnung der Arbeiter geschah nicht konsequent genug.

        Ein Putsch der Konterrevolution kann zurückgeschlagen werden.

        Die vorherige Regierung Hoffmann war nach Bamberg ausgewichen und bereitete einen Putsch vor, den sogenannten Palmsonntagsputsch, der dann am 13. April erfolgte. Aber die Rote Armee unter dem Soldatenrat Rudolf Egelshofer konnte den Putsch zurückschlagen. Nun hielten die Kommunisten die Zeit für reif, um selbst einzugreifen.

        4. Phase: 13. April 1919 – 2. Mai 1919)

        Räterepublik (kommunistische)

          Die 2. Räterepublik wird ausgerufen und ein 15-köpfiger Aktionsausschuss wird als neue Regierung gebildet mit einem Vollzugsrat als Exekutive. Den Vorsitz übernimmt der Kommunist Eugen Leviné.

          Der Kommunist Eugen Leviné wird Vorsitzender der 2. Münchner Räterepublik.

          Wieder wird ein Generalstreik ausgerufen und die Bildung der Roten Armee forciert, die inzwischen ca. 10.000 Mann umfasst. Nach Dachau sind bereits erste Freikorpsverbände vorgedrungen. Toller gelingt es, mit seinen Verbänden sie zu besiegen. Er möchte in Verhandlungen eintreten, aber Leviné ist strikt dagegen. Inzwischen hat der nach Bamberg ausgewichene Johannes Hoffmann (SPD) Berlin um Hilfe gebeten. 35000 Soldaten aus Bayern, Württemberg und Norddeutschland marschieren auf München zu. Die doch noch versuchten Verhandlungen mit Hoffmann scheitern. Er will die bedingungslose Kapitulation der Räterepublik. Am 30.4. dringen erste Nachrichten von Übergriffen der weißen Truppen nicht nur gegen Angehörige der Roten Armee, sondern auch gegen gänzlich Unbeteiligte nach München.

          Die Räterepublik wird in Blut ertränkt.

          Ein tagelanges Morden beginnt. Willkürliche Erschießungen und Folterungen werden begangen. Am Nachmittag des 2. Mai ist die Räterepublik im Blut erstickt. Dem grausamen Terror fallen an die 1200 Menschen zum Opfer.

          Soweit sollte es in Kolbermoor nicht kommen. Aber wie entwickelte sich nun die Revolution in Kolbermoor?

          Das Rote Kolbermoor

          Voraussetzungen der Revolution in Kolbermoor

          100 Jahre ist es jetzt her, dass das damals noch junge Kolbermoor Geschichte schrieb, die noch heute von erheblicher Bedeutung ist – zumindest für die Historiker.

          Besondere Bedeutung der Kolbermoorer Räterepublik

          Denn in Kolbermoor radikalisierte sich die Arbeiterbewegung sechsWochen früher als in allen anderen Orten Bayerns und die Roten hielten sich auch länger an der Macht als anderswo im Freistaat. Warum das so war und welche Bedeutung das hatte, soll untersucht werden.

          Es wird sichtbar werden, dass die Revolution in Kolbermoor auf äußerst fruchtbaren Boden fiel, weil es hier eine politisch relativ bewusste Arbeiterschaft gab, die bereits auf eine eigene Geschichte von einem halben Jahrhundert zurückblicken konnte.

          Geschichte der Arbeiterbewegung Kolbermoors

          Die Vorgeschichte des roten Kolbermoors reicht im Prinzip bis zur Gründung der Stadt im Jahre 1863 zurück. Der Mangfall ist es zu verdanken, dass verschiedene Kapitalisten Interesse an der Errichtung einer Baumwollspinnerei zeigten. Diese entstand durch die Mühen Tausender von Arbeitern in den Jahren 1860 bis 1863 und bald darauf (1869) erfolgten die Errichtung einer Glasfabrik, in der im Akkord gearbeitet wurde, sowie 1875 die Fertigstellung des Tonwerks. Die Arbeiter kamen aus Niederbayern, dem Bayerischen Wald und Österreich, aber auch aus Italien und Böhmen. Schon früh versuchten die Fabrikherren das Lohnniveau niedriger als in anderen Industriestandorten zu halten. Denn es gab nur wenige Arbeitgeber vor Ort und so waren die Arbeiter gezwungen, die niedrigen Löhne zu akzeptieren, aber das erzeugte natürlich erhebliche Unzufriedenheit. Zudem waren die Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesprochen schlecht. Die Arbeitszeit betrug in der Baumwollspinnerei in den ersten zehn Jahren 13 Stunden. Bis 1876 gab es keinen kommunalen Arzt und die Lebenserwartung für Spinnereiarbeiter betrug bis ins Jahr 1914 nur 45 Jahre. Außerdem waren Arbeiter, Taglöhner, Gesellen und Dienstboten von der Mitbestimmung in kommunalen Fragen ausgeschlossen.

          Erste politische Agitatoren

          Aus Armut und Not entstand die Kolbermoorer Arbeiterbewegung. Ende der 60er Jahre erschienen in Kolbermoor erstmals Agitatoren, die sich an die Arbeiterschaft wandten. Aus Augsburg kam der Schriftsetzer Leonard Tauscher, der zur Spitze des dortigen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gehörte und dem es gelang, im Oktober 1869 in Kolbermoor 99 Mitglieder für eine Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu werben. Schon 1870, also nur ein Jahr später, wurden von Spinnereidirektor Waldemar von Bippen erste Fabrikarbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen. Am 13.2.1876 wurde der erste sozialdemokratische Agent in Kolbermoor ernannt und der „Zeitgeist“, eine 1872 gegründete sozialdemokratische Zeitung, fand zunehmend Verbreitung und trug zur Entstehung eines Klassenbewusstseins bei. Die Bezieher sahen es als ihre Pflicht an, die Zeitung „offen und stolz“ zu zeigen und „für die Ausbreitung des Sozialismus das Ihre beizutragen“ („Zeitgeist“ Nr.293). Das Sozialistengesetz 1878 bremste die aufkommende Arbeiterbewegung und die Treffen der Sozialisten fanden nun nicht mehr in Wirtshäusern statt, sondern gewissermaßen im Untergrund, in Wäldern und Filzen der Umgebung.

          Der Gastwirt Franz Sperber wird von München nach Kolbermoor geschickt.

          Erst die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 ließ die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Im gleichen Jahr kam der Gastwirt Franz Sperber aus München nach Kolbermoor, der sich intensiv um die Weiterentwicklung sozialdemokratischer Regungen kümmerte und 1892 einen „Arbeiter-Leseverein“ gründete. Im gleichen Jahr gab es auch die erste große Maifeier. Schon ein Jahr zuvor hatte es mit dem Sozialdemokraten Georg von Vollmar eine Versammlung zum Thema „Warum bekämpfen die Sozialdemokraten die herrschenden Parteien?“ gegeben, zu der 300 Personen erschienen waren.

          Franz Sperber beschrieb die missliche Lage des Arbeiters wie folgt: „…es gibt nur einige Arbeitergeber, bei denen er Arbeit finden kann und darum ist er gezwungen, sich in und außer der Arbeit so zu verhalten, daß er nicht in Mißkredit geräth.“ Aber die Entwicklung der Arbeiterbewegung war nicht mehr aufzuhalten. So wurde 1898 eine Ortsgruppe der Sozialdemokraten gegründet. Zunehmend konnte eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden, die bis zum Jahr 1912 auf 10 Stunden sank. 1896 fassten auch die Gewerkschaften Fuß und 1904 wurde ein Ortskartell der Freien Gewerkschaften gegründet.

          Die Not in Kolbermoor während des 1. Weltkrieges.

          Dann kam der 1. Weltkrieg mit all seinen Schrecken und dem Tode von Millionen Menschen. 730 Kolbermoorer wurden einberufen. 153 kamen nicht mehr zurück. Wohnung- und Hungersnot bestimmten den Alltag. Der Arbeitsmarkt war völlig eingebrochen. Während vor dem Krieg in der Spinnerei nach 900 Menschen sich ihr Brot mühsam verdienen konnten, waren jetzt nur noch 140 Arbeitsplätze vorhanden. Im Tonwerk waren es statt 450 nur noch 13. Das Brot wurde immer knapper und 1917 machten sich Kolbermoorer Arbeiterfrauen auf den Marsch zum Aiblinger Bezirksamt, wo ihnen die Frau des Bezirksamtsmanns zurief, wenn sie kein Gemüse hätten, sollten sie doch Gras fressen. Dass davon heute noch berichtet wird, zeigt, wie verletzend diese Äußerung empfunden wurde. In diesem Hungerjahr 1917 hatten sich die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie um 20 % verteuert und desto mehr waren die Schwarzmarktpreise gestiegen. Und außerdem fehlte es auch noch an Heizmaterial.

          Der Nährboden für eine revolutionäre Umwälzung war also genauso gegeben wie die prinzipielle Bereitschaft bei den Arbeiterinnen und Arbeitern zur Veränderung. Deswegen zögerte man nicht lange, als von München das Signal ausging.

          Die Revolution in Kolbermoor

          Am 11. November 1918 wurde im großen Kolbermoorer Mareissaal durch die örtliche Sozialdemokratische Partei eine Volksversammlung einberufen, zu der ungewöhnlich viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung kamen.

          Der 1. Volksrat wird gewählt.

          Es wurde ein 25-köpfiger Volksrat gewählt, der sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammensetzte. Selbst zwei Kommerzienräte, also Vertreter der Unternehmerschicht für Spinnerei und Tonwerk, wurden Mitglieder, genauso wie der Bürgermeister.

          Schon im Anschluss an die erste Sitzung wurde ein engerer Ausschuss gebildet, dem als Vorsitzender der Gastwirt und Sozialdemokrat Franz Sperber angehörte, den wir schon kennen, und als dessen Vertreter der Bürgermeister Eduard Bergmann. Dieser Ausschuss machte es sich bereits auf der zweiten Sitzung am 13. November zur Aufgabe, einen Lebensmittelausschuss zu bilden, der Beschwerden entgegennehmen, die betroffenen Geschäftsleute kontrollieren und eventuelle Missstände abstellen sollte. Er sollte streng darauf achten, dass die angelieferten Lebensmittel gerecht verteilt wurden. Auch die Qualität des Brotes müsse unbedingt verbessert werden, genauso wie die Milchanlieferung.

          Der Volksrat hat viel zu tun.

          Sehr problematisch war auch die Situation im Gefangenenlager. Es seien besonders für die russischen Gefangenen viele Lebensmittel nötig, weswegen für einen schnellen Rücktransport dieser gesorgt werden solle. Weiterhin klagten Landwirte über Futtermittelknappheit, was im Bezirksrat in Aibling zur Sprache zu bringen sei. Außerdem wurde geplant, ein zehnköpfiges Wachkommando zu errichten, um Plünderungen zu unterbinden. Und auch den Kommerzienräten konnte abgerungen werden, wieder mehr Arbeiter einzu-stellen. Ebenso wurden Arbeitsplätze für Tätigkeiten in der Filze eingerichtet.

          Gesagt werden muss an dieser Stelle, dass der Volksrat zunächst nur ein Kontrollorgan, also in seinen Befugnissen sehr eingeschränkt war und dass die Gemeindeverwaltung vorläufig weiter bestand.

          In den folgenden Wochen wurden jede Menge anderer kommunaler Aufgaben angeregt. Es ging um die Erneuerung des Mangfallsteges, einen Empfangsabend für die heimgekehrten Soldaten, die Beibehaltung des 8. Schuljahres und, um der Verrohung der Jugend durch den Krieg entgegenzuwirken, sollte es keine Kinoveranstaltungen für schulpflichtige Kinder geben.

          Der 1. Volksrat war so zusammengesetzt, dass seine Einflussmöglichkeiten noch sehr beschränkt waren und die Kommerzienräte von Spinnerei und Tonwerk noch ihre Interessen wahren konnten. Dennoch hatte vor allem der Lebensmittelausschuss schon eine sehr wichtige Aufgabe und führte diese auch konsequent zum Wohle der Bevölkerung aus. Der Volksrat schickte ansonsten Abordnungen in die Sitzungen des Gemeindeausschusses, wie es z.B. aus dem Protokoll der Volksratssitzung vom 23. Dezember unter Punkt 3 klar hervorgeht. Die Volksräte Breu, Hummel und Heinzinger nahmen diese Aufgabe war. Sie brachten die Anträge des Volkrates ein. So heißt es im Protokoll vom 10. Januar: „Da es Pflicht aller öffentlichen Stellen ist, Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer so weit nur irgend möglich zu berücksichtigen, stellte der Volksrat den Antrag, es sei an die Gemeindeverwaltung Kolbermoor der Antrag zu stellen, die Verteilung der Lebensmittel einem geeigneten Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer zu übertragen.“ In der Regel wurden die Anträge des Volksrates von der Kommune angenommen.

          Aber es kam auch immer wieder Kritik am Volksrat auf, er sei „unglücklich zusammengesetzt, er schlafe, man höre nichts von ihm. Die rote Fahne sei nicht auf dem Gemeindehause gehißt.“ Zu viele bürgerliche Elemente seien in ihm vertreten usw.. Aber im Grunde war der Kurs des Volksrates vielen nicht radikal genug, man hatte Angst, die mehrheitssozialistische Richtung würde sich immer weiter durchsetzen. Und so drängte die USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) auf eine andere Zusammensetzung des Volksrates und eine Erweiterung der Kompetenzen der Räte.

          Ein neuer, 2. Volksrat wird gewählt.

          Am 2.1.1919 kam es auf einstimmigen Beschluss zum Rücktritt des 1. Volksrates und am 8. Januar wurde erneut eine Volksversammlung in den großen Mareis-Saal einberufen und eine Neuwahl durchgeführt. Nun wurden sechs Vertreter der Arbeiterschaft, ein Lehrer, ein Bürgerlicher und ein Vertreter der Landwirte gewählt. Man war der Ansicht, diese neue Zusammensetzung entspreche eher einer proletarischen Gemeinde wie Kolbermoor. Diese radikalere Entwicklung geschah in Kolbermoor sechs Wochen früher als in allen anderen Ortschaften Bayerns, wo erst die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner ähnliche Vorgänge auslöste.

          Georg Schuhmann wird zum Volksratsvorsitzenden.

          Einer der Arbeitervertreter war der Installateur Georg Schuhmann, der sich zurzeit als Soldat in der Sanierung befand, einem großen Barackenlager zwischen Rosenheim und Kolbermoor zur Wiedereingliederung der Soldaten. In der Sanierung trafen sich unzählige Soldaten, die das Grauen des Krieges erlebt hatten und die nun eine bessere Welt wollten, eine Welt, in der nicht von oben nach unten dirigiert wird, sondern in der man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Georg Schuhmann war 32 Jahre alt, als er nach Kolbermoor zu seiner dort lebenden Schwester zog und muss aller Wahrscheinlichkeit nach schon über nicht unerhebliche politische Erfahrungen verfügt haben. Denn anders lässt es sich nicht erklären, wie schnell er unter der Arbeiterschaft Kolbermoors Fuß fasste und schon bald die Geschicke des ganzen Ortes mitbestimmen sollte. Er war offenbar in der Lage, die Situation insgesamt und vor Ort genauestens zu analysieren und Zielperspektiven anzugeben. Er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und verstand es, energisch und konsequent aufzutreten. Er wusste genau, worauf er sich einließ und setzte dabei nichts Geringeres als sein Leben aufs Spiel. Das dürfte ihm spätestens nach dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15.1.19) und Kurt Eisler am 21. Februar bewusst gewesen sein.

          Georg Schuhmann intensiviert die Arbeit des Volksrates.

          In der Sitzung vom 8. Januar wurde Georg Schuhmann, der der USPD angehörte, zum 1. Vorsitzenden gewählt, der die Arbeit des Volksrates von nun an beschleunigte und intensivierte. Mit erhöhter Schärfe und Konsequenz wurden jetzt Kontrollen über Schleichhandel und Zurückhaltung von Lebensmitteln vorgenommen. Der Einfluss des Volksrates wurde immer größer und das Ansehen von Georg Schuhmann wuchs zunehmend. Am 3. Februar kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Bürgermeister Bergmann und dem Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann. Der Volksrat hatte Klagen der Bevölkerung vorgebracht, es sei unterlassen worden, den Verkauf von Kleidungsstücken und anderen Dingen bekannt zu geben. Im Protokoll der 5. Sitzung vom 6. Februar heißt es: „Der Herr Bürgermeister, der augenscheinlich schlechter Laune war, verwahrte sich betreffs des letzteren Punktes mit ziemlichem Stimmaufwand, weshalb der 1. Vorsitzende es für nötig erachtete, den Herrn Bürgermeister energisch in seine Schranken zu weisen.“ Es wurde gefordert, sobald wie möglich eine Gemeinderatssitzung einzuberufen, „daß unsere Anträge vorbeschieden werden.“ Der Bürgermeister erklärte sich einverstanden. Die Beziehungen zwischen Volksrat und Gemeinde veränderten sich in dem Maße, in dem sich der Volksrat radikalisierte. Während er zunächst ein reines Kontrollorgan war und sämtliche Entscheidungen bei der Kommune lagen, handelte er zunehmend selbständig und ersetzte schließlich die Kommune.

          Georg Schuhmann hält Sprechstunden im Amtszimmer des Bürgermeisters ab.

          Die Macht des 2. Volksrates war inzwischen derart gewachsen, dass der Volksrat in gleicher Sitzung vom 6.2.1919 „die Abhaltung regelmäßiger Bureaustunden durch den 1. Vorsitzenden im Amtszimmer des Bürgermeisters“ beschließen konnte. In der folgenden Sitzung vom 11.2. gibt Schuhmann bekannt, dass das Kinoverbot genehmigt worden sei. Die Forderung nach Lohnerhöhung des Gemeinde-dieners sei akzeptiert worden, ebenso der Antrag auf Einführung des 8 – Stunden-Tages für die Gemeindearbeiter sowie eine Lohnerhöhung von 200 Mark. Ebenso wurde die geforderte Abschaffung von Dienststunden in der Gemeindekanzlei an Sonntagen angenommen. Der Lohn der Putzfrau des Gemeindehauses wurde erhöht.

          Man kann sagen, dass der Volksrat die Gemeindeverwaltung immer mehr in den Hintergrund drängte und selber die Geschäfte übernahm, und so passt es in die allgemeine Situation, dass in der außerordentlichen Sitzung vom 22. Februar 1919 der Bürgermeister Bergmann zum Rücktritt veranlasst wurde, wie es in anderen Städten als Reaktion auf die Ermordung Eislers einen Tag zuvor auch geschehen war.

          Bürgermeister Bergmann wird zum Rücktritt veranlasst.

          Jetzt übernahm der Volksrat offiziell die Geschäfte und Schuhmann war quasi nicht nur Volksratsvorsitzender, sondern auch Kolbermoors 5. Bürgermeister. In Kolbermoor hatten somit die gewählten Räte die Macht übernommen.

          Fünf Tage nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner fand ein großer Trauermarsch statt, die Kirchenglocken läuteten und die Musikkapelle intonierte einen Trauermarsch. Mit einem Hoch auf die Republik und die Räteregierung wurden die Reden beendet.

          Der Volksrat bestimmt die Geschicke der Stadt.

          Der Volksrat setzte seine bisherigen Geschäfte mit unverminderter Intensität fort und führte jetzt auch die Aufgaben der Gemeindeverwaltung durch. Schuhmann war nun nicht nur Bürgermeister von Kolbermoor, sondern wurde auch zum Bezirksvorsitzenden der Räte gewählt (26.3.1919). Eine Anhebung der Löhne der kommunalen Angestellten wurde durchgeführt sowie für diese der 8-Stunden-Tag angeordnet. Zudem wurde die Staatsfilze jetzt nicht mehr an große Unternehmer verpachtet, sondern in kleine Parzellen für die ärmere Bevölkerung aufgeteilt. Leerstehende Wohnungen wurden beschlagnahmt, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Die volksfreundliche Politik wurde immer umfassender. Es ist davon auszugehen, dass der Kontakt zwischen Volksrat und Arbeiterschaft sehr intensiv war. Dafür gibt es zahlreiche Hinweise. Bereits die Volksversammlungen, die zur Gründung des 1. und 2. Volksrates führten wurden von so vielen Menschen besucht, dass der große Saal sie kaum fassen konnte. Schließlich war die Lage vor Ort wie aufgezeigt auch mehr als schlecht und man erhoffte sich jetzt endlich Verbesserung, die offenbar von der Gemeinde nicht mehr erwartet wurde.

          Das Prinzip der Räte bestand gerade darin, mit den Menschen Kontakte aufzunehmen und deren Interessen zu erfragen und weiterzutragen. Besonders bei der Arbeit des Lebensmittelausschusses sieht man, wie eng an der Bedarfslage der Bevölkerung gearbeitet wurde. Die Räte hatten ihr Ohr am Puls der Menschen, nur so konnten sie ihren Auftrag erfüllen. Dies scheint in besonderem Maße für Georg Schuhmann zu gelten, der von der Bevölkerung geradezu „verhimmelt“ wurde, wie der örtliche Chronist Otto Kalhammer schreibt. Schuhmann muss in jeder Hinsicht über ganz besondere Fähigkeiten verfügt haben, dass er ein derartiges Ansehen genoss

          Am 29.4.1919 trat der 2. Kolbermoorer Volksrat relativ überraschend mit der Feststellung zurück, ein von bürgerlichen Elementen durchsetzter Volksrat in einer Arbeitergemeinde sei unmöglich.

          Der 3. Volksrat, der Revolutionäre Arbeiterrat wird gewählt.

          Eine weitere Radikalisierung erfolgte. Schuhmann erklärte, nur einem von Kommunisten gebildeten Rat vorstehen zu können. Er selbst war inzwischen auch der KPD beigetreten. Man sieht, dass hier offenbar Diskussionen an anderem Ort wie in München eine Rolle gespielt haben dürften. Der neue Revolutionäre Arbeiterrat wurde am 30.4.1919 gewählt und Schuhmann wurde erneut 1. Vorsitzender. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei war für alle Mitglieder Voraussetzung gewesen. Die Tätigkeit des neuen Volksrates sollte aber nur von sehr kurzer Dauer sein.

          Kolbermoor bereitet sich auf die Verteidigung vor.

          Am 2. Mai war Kolbermoor vollständig von Regierungstruppen und Weißgardisten eingekreist. Kolbermoor war darauf vorbereitet und die Arbeiterinnen und Arbeiter waren zur Verteidigung ihrer Räteherrschaft bereit. Am Rathausplatz formierten sich drei Züge: ein Zug bestand aus Spinnereiarbeitern, einer aus Tonwerksarbeitern und einer aus Männern der Arbeiterwehr. Kolbermoorer Rotgardisten hatten das Gleis Kolbermoor – Bad Aibling unterbrochen und das Streckentelefon vernichtet. Am 3. Mai nachmittags versammelten sich die Einwohner und berieten über die weitere Vorgehensweise. Man war entschlossen zur gewaltsamen Verteidigung. „Die Stimmung“, so schreibt es Christa Landgrebe in ihrem Buch „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum“ „vor allem seitens der Arbeiterinnen, war der Aufgabe der Verteidigung äußerst abgeneigt.“ (S. 151) Aber die Kräfte der Gegner waren überwältigend. Reguläre Regierungstruppen und das Freikorps Grafing sowie weitere Freikorps und Einwohnerwehren der Umgebung lagen bereits unmittelbar vor Kolbermoor.

          Angesichts der feindlichen Übermacht wird Kolbermoor kampflos übergeben.

          Auch das große Blutvergießen von München stand den Kolbermoorern vor Augen und auch, dass Rosenheim bereits aufgegeben hatte. Hatte Georg Schuhmann zunächst noch eine aufrüttelnde Rede gehalten, musste er schließlich doch einsehen, dass eine Verteidigung keinen Sinn hatte und so ist es schließlich ihm zu verdanken, dass es gelang, die kampfbereiten Arbeiterinnen und Arbeiter davon zu überzeugen, dass es jetzt galt angesichts der Kräfte des Gegners, ein Blutvergießen zu verhindern und das Leben der Kolbermoorer zu retten. So trat Schuhmann schließlich mit Oberst Mieg in Verhandlungen ein und die Übergabebedingungen der Stadt wurden festgelegt.

          Die Rotgardisten mussten sämtliche Waffen abgeben, sich am Bahnhof versammeln und dann auf den Gleisen Richtung Rosenheim marschieren. Außerhalb Kolbermoors wurden sie durchgeprügelt und dann ins Zuchthaus Straubing verbracht.

          Ermordung von Georg Schuhmann und Alois Lahn

          Am nächsten Morgen, Sonntag, 4. Mai 1919 morgens um 9 Uhr, stürmten Grafinger Weißgardisten in die Wohnungen von Georg Schuhmann und seinem Sekretär, dem 18-jährigen Alois Lahn, zerrten sie aus ihren Betten, verprügelten sie und schleppten sie zur Tonwerksunterführung. Nach weiteren schweren Misshandlungen wurden sie dort ermordet.

          Als sie beerdigt wurden, war der Friedhof schwarz vor Menschen. Die Verbindung mit der Bevölkerung war so intensiv, dass ein Trauerzug verboten wurde und der Friedhof mit Maschinengewehren umstellt war, weil man Ausschreitungen befürchten musste. Dr. Solleder, der als Parlamentär des Obersten von Mieg auf der Seite der Weißgardisten nach Kolbermoor gekommen war, „ersuchte“, so steht es im Sterberegister der Pfarrei Kolbermoor, „um eine kirchliche Beerdigung, um die Erregung eines großen ‚Teils der Bevölkerung nicht noch mehr zu steigern.“

          Kolbermoor nach der Übergabe

          Am 22. Mai 1919, also drei Wochen nach der Einnahme Kolbermoors, schrieb der „Anzeiger für Kolbermoor“: (…) Ist ein offizieller Dank erfolgt an die Befreier wie anderswo? (…) Wo ist denn die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen (…)“.

          Dieser Zeitungsbericht weist unmissverständlich auf die Stimmung hin, die den Regierungstruppen bei der Einnahme Kolbermoors entgegenschlug. „Vehemente Ablehnung und Widersetzlichkeiten“, so Christa Landgrebe, waren kennzeichnend für die Situation. „Der Haß und die feindselige Gesinnung der Bevölkerung artikulierten sich vor allem anläßlich der Heranziehung der beiden Panzerzüge. Die Bevölkerung machte, so heißt es, drohende Äußerungen und Gebärden, Weiber und Kinder streckten die Zunge heraus und beschimpften die Insassen des Zuges, Männer auch bejahrte, forderten offen zur Anwendung von Gewalt gegen die Regierungstruppen auf.“

          Einzelne Arbeiter riefen auch nach den Übergabeverhandlungen wieder zu den Waffen auf, um die Verteidigung aufs Neue aufzunehmen. Und bei der Entwaffnung machte die Bevölkerung soviele Schwierigkeiten wie nur möglich. Immer wieder war von Putschplänen die Rede, die vom Gegner sehr ernst genommen wurden, gab es doch, so wurde angenommen, in Kolbermoor 900 Kommunisten.

          Es dürfte keinerlei Zweifel geben, dass die Kolbermoorer so hinter ihren Räten standen und die Räte eng mit der Bevölkerung verbunden waren, wie es in kaum einem anderen Ort der Fall war.

          Die Ereignisse aus der Rätezeit wirkten noch lange nach. Für die Entwicklung der Arbeiterentwicklung in Kolbermoor spielte die – wenn auch letztlich fehlgeschlagene – Revolution eine sehr wichtige Rolle, denn hier wurden Erfahrungen gesammelt und Bewusstseinsinhalte entwickelt, die später große Teile der Arbeiterschaft resistent machen sollten gegen die nationalsozialistische Ideologie.

          Lassen Sie mich abschließend noch feststellen, dass die Kolbermoorer auch heute noch allen Grund haben können, auf dieses Kapitel ihrer Geschichte stolz zu sein. Die damaligen Bewohner wollten ein besseres Leben und haben sich dafür zusammengeschlossen und mit großer Entschiedenheit gekämpft und waren bereit ihr Leben für ihre Ideale einzusetzen. Dafür gebührt ihnen unser heutiger Respekt.

          Wesentliche Quellen

          Appel, Michael: Die letzte Nacht der Monarchie, München 2018

          Höller, Ralf: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/19, Berlin 1999

          Landgrebe, Christa: Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung im südostbayerischen Raum. Eine Fallstudie am Beispiel Kolbermoor, München 1980

          Salomon, Andreas: Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn, Kolbermoor 2000

          Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik. Ein Tagebuch der bayerischen Revolution, Münster 2017

          Ullrich, Volker: Die Revolution von 1918/19, München 2009

          Andreas Salomon